Ein letztes Zeugnis für den volkstümlichen Gesamtgeist der Zeit ist das

_Volkslied_, das damals seine Blütezeit erlebte. Freilich wurde es,

besonders von den Spielleuten entwickelt und getragen, vor allem von

den niederen Schichten gepflegt und gesungen, aber keineswegs nur von

diesen. Es ist sicherlich Gemeingut des ganzen Volkes gewesen und zeugt

von dem innigen poetischen Gefühlsleben der ganzen Zeit. Zugleich ist

es in seinem Preisen eines naiven Glückseligkeitsideals materieller

Färbung (Liebe, Gesang, Naturfreude, Schlemmerei, kurz »gutes Leben«)

wieder für die Genußsucht der Zeit charakteristisch. Aber es steckt in

dieser volkstümlichen Weltfreude doch auch ein poetischer Schwung, der

der bürgerlichen Nüchternheit gar nicht entspricht. Das Volkslied zeugt

weiter dafür, daß der demokratische, der Massencharakter nun auch die

Literatur nicht nur, wie (S. 139) geschildert, in Ton und Geschmack

beherrscht, sondern sich auch in der Bevorzugung bestimmter Gattungen

äußert. Diese Volkslieder wurden auch nicht mehr von einzelnen

Volkssängern, sondern mehrstimmig gesungen. Eine solche Gattung, in

der fast niemals einzelne Verfassernamen glänzen, stellen ferner die

Volksbücher dar, die die alten ritterlichen Stoffe nun in breiter

Prosa, oft in Anlehnung an französische Muster, darboten und zunächst

in den höheren Schichten verbreitet waren, dann aber mehr und mehr

zur Unterhaltung der Volkskreise dienten und von diesen lange bewahrt

wurden. Auch die reiche Entwicklung und volkstümliche Gestaltung

der jetzt deutschen geistlichen Schauspiele wie die Ausbildung der

weltlichen Fastnachtsspiele sind hier anzuführen, zumal auch an jenen

die Laien sowohl bezüglich der Texte wie vor allem bei der Aufführung

immer stärker beteiligt sind. In diesem Zusammenhang ist auch wieder

die deutsche Volkspredigt zu erwähnen.

Holzschnitt und Kupferstich sodann, vor allem der erstere, tragen gegen

Ausgang des Mittelalters der Verbreitung der _Kunst_ unter der _Masse_

Rechnung. Zugleich geben sie durchaus volkstümliche Darstellungen und

entnehmen ihren Stoff dem gesamten Volksleben, wie es ja auch die

bürgerliche Dichtung tat. Mit dieser Richtung auf das wirkliche eben

entwickeln sich dann auch Malerei und Plastik in ganz anderer Weise

als früher – der wichtigste Zug des Aufschwungs dieser Künste ist das

Streben nach Naturwahrheit – und machen sich von der Beherrschung durch

die Architektur frei. Zweifellos beweist das alles ein Eindringen der

höheren, jetzt freilich volkstümlich gefärbten Kunst in die Masse, ein

_Bedürfnis nach Kunst_, wie es sich nun auch in der Gestaltung des

Hausrats im Bürgerhause, in der Anfüllung der Kirchen mit geschnitzten

Altären, mit Grabmälern an den Wänden und Pfeilern zeigt. Jene

mechanische Vervielfältigung durch Holzschnitt und Kupferstich ist

überhaupt von vornherein demokratisch gerichtet, und ganz dasselbe

gilt auf dem Gebiet des _Bildungswesens_ von der neuen Erfindung der

_Buchdruckerkunst_. Nicht zwar gerade für die niedersten Schichten,

aber doch für die breitere Masse war diese technische Errungenschaft

des Bürgertums, die übrigens das sehr entwickelte Abschreibegewerbe

nur folgerichtig ablöste, das willkommene Verbreitungsmittel der

jetzt allgemeiner geschätzten Bildung, die zunächst freilich durchaus

mittelalterlichen Charakter bewahrte. Die neue Kunst war zugleich ein

Hauptmittel religiöser Erbauung und Belehrung und kam, ebenso wie zum

guten Teil der Holzschnitt und Kupferstich, jenem tiefen religiösen

Bedürfnis der Masse entgegen. Sie war endlich ein Sprachrohr der

Stimmungen und Strebungen dieser Masse, wie sie auch der volkstümlichen

Unterhaltung diente.

So hat denn gerade zu Ausgang des Mittelalters, bis ins 16. Jahrhundert

hinein, volkstümlicher Geist das ganze Leben beherrscht wie niemals

wieder. Aber eben damals machten sich schon _Strömungen_ bemerkbar, die

_dem Volkstum_ innerlich _feindlich_ waren, zum Teil freilich zunächst

wegen der damals allgemeinen volkstümlichen Ausdrucksweise diese

Richtung noch nicht deutlich zeigten. Es sind naturgemäß Strömungen

_höherer Kultur_, die letzten Endes wiederum in der _Antike_ wurzeln,

der Humanismus, das Römische Recht, die künstlerische Renaissance. Sie

sind zum Teil verbunden mit einer später ebenso volkstumsfeindlichen

sozialen Entwicklung, der ständigen Steigerung der landesherrlichen

Gewalt, die schließlich im Absolutismus mündete. Die antike Kultur

ist seinerzeit eine volkstümliche Kultur gewesen, die griechische vor

allem, aber das gewöhnliche Volk hat doch meist eine gewisse Mißachtung

erfahren. Namentlich seit dem Ausgang der Republik hat der gebildete

Römer sich über alles Plebejische weit erhaben gefühlt, keinerlei

Interesse für Strömungen im niederen Volk gehabt. Diesen Geist der

feineren Kulturmenschen haben dann auch die Menschen der italienischen

Renaissance gezeigt, er wurde gerade durch den Zug zur antiken

Literatur genährt. Von dieser wurden in solcher Richtung dann auch die

deutschen Juristen und Humanisten mehr und mehr beeinflußt. Nun gaben

aber gerade die niederen Klassen zu jener Zeit vielfach den Ton in

Deutschland an, und je mehr man sich von ihnen und ihrer Art, die ja

auch immer grobianischer wurde, abwandte, um so mehr wandte man sich

vom Volkstümlichen überhaupt ab. Im 16. Jahrhundert überwog freilich

dieser volkstümliche Geist noch lange, die Verrohung ergriff sogar

bekanntlich immer höhere Schichten, so daß eine Gegenströmung heilsam

war, aber das schließliche Ergebnis war eine tiefe Kluft zwischen den

»Gebildeten«, also den Kulturmenschen, und dem niederen Volk.

Anfangs, als sich in den letzten Jahrhunderten des Mittelalters

überhaupt eine _allgemeinere Laienbildung_ zu verbreiten begann, war

die vermehrte geistige Schulung durchaus _nicht unvolkstümlich_, der

Drang nach besserem Wissen allgemein gewesen. Zunächst keineswegs

aus einem höheren und feineren Streben heraus. Es handelte sich

lange nur um jene elementare Bildung, deren aus geistlicher Hand

früher schon mancher Edle, mancher reiche Bürger und noch mehr die

Frauen dieser Stände teilhaftig geworden waren, nach der nun auch

die praktisch-nüchterne Masse des Bürgertums aus wirtschaftlichen

Gründen verlangte. Der Kaufmann und auch der verkaufende Handwerker

konnten das Schreiben und Rechnen nicht mehr entbehren. Anfangs

lateinisch und selten, dann deutsch und immer allgemeiner wurden

Notizen in Geschäftsbücher und kurze Geschäftsbriefe geschrieben; in

den Genossenschaften, den Zünften und Gilden, wollte man allmählich

bei der Führung der Listen und Bücher nicht mehr auf den hilfreichen

Geistlichen angewiesen sein; für die städtische Gesamtheit wurde die

selbständige Führung der Verwaltung auch in bezug auf das Schriftwesen

notwendig, und ebenso wie aus den Kanzleien der Fürsten wurden die

zum Teil noch lange unentbehrlichen Geistlichen aus den städtischen

Schreibstuben durch schrift- und immer häufiger auch rechtskundige

weltliche Beamte verdrängt. Und natürlich mußten auch die Leiter der

Verwaltung, die Mitglieder des Rats, eine bessere Bildung haben.

Diese allgemeinere Laienbildung konnte zunächst nur aus den (äußeren)

_Schulen_ der Klöster und Stifter stammen, aber das wachsende

Bedürfnis ließ sehr bald von der Stadt selbst ins Leben gerufene

Schulen entstehen, so eine ganze Anzahl schon im 13. Jahrhundert,

noch mehr im 14. Über ihre Verwaltung erhoben sich an diesem oder

jenem Ort scharfe Streitigkeiten mit der Geistlichkeit, wobei aber

natürlich nicht an innere Gegensätze zur Kirche zu denken ist.

Jedenfalls ging die Aufsicht immer mehr auf die städtische Obrigkeit

über. Allmählich entwickelten sich aus ziemlich niedrig stehenden

Schulen die städtischen Lateinschulen, die im 15. Jahrhundert schon

recht zahlreich waren. Mit dem steigenden Bildungsbedürfnis besuchten

diese auch immer mehr Schüler aus niedrigen Kreisen, die dann in

ihrer Armut oft von Almosen leben, ihr Brot ersingen mußten und als

fahrende Schüler von Schule zu Schule wanderten, häufig von berühmten

Lehrern angezogen. Diese Schulen waren, so mäßig ihr Unterricht war,

für die niederen Klassen in der Allgemeinheit natürlich zu hoch. Diese

bedurften seit dem Eindringen der Volkssprache in den Schriftverkehr

nur eines deutschen Elementarunterrichts: ihn vermittelten notdürftig

private »deutsche« Schulen, die von Schreibern und Rechenmeistern

gehalten wurden. Aber diese »deutschen« Schulen wurden von der

städtischen Obrigkeit wie von der Geistlichkeit durchaus nicht

begünstigt, und darin zeigt sich bereits ein unvolkstümlicher, mit

einem Bildungshochmut zusammenhängender Zug.

Dieser Zug steigerte sich mit der immer größeren Zahl Höhergebildeter,

die aber ihre Bildung nun nicht nur den mehr vorbereitenden

Lateinschulen, sondern den _Universitäten_ verdankten. Diese

Universitäten waren ganz aus der geistlichen Bildungsluft

hervorgegangen; sie bedeuteten eine Erweiterung des stiftischen

Schulwesens, das den Fortschritten des von arabischen Einflüssen

neu angeregten Geisteslebens seit der Ausbildung der scholastischen

Theologie und Philosophie, einer höherstrebenden Jurisprudenz und

einer erneuerten Medizin nicht mehr zu folgen vermochte. Aber Lehrer

und Schüler blieben geistlich. Natürlich konnten solche Hochschulen

zunächst nur in den höher entwickelten romanischen Ländern entstehen.

Deren Kultur bedurfte in praktischer Hinsicht immer mehr der Juristen,

Ärzte und Lehrer, und in geistiger Hinsicht war mit der Scholastik ein

tieferes philosophisch-systematisches Wissensbedürfnis entstanden. Die

Deutschen blieben auf die romanischen Universitäten, die berühmten

Rechts- und Ärzteschulen wie die großen theologisch-philosophischen

Lehrstätten, angewiesen. Aber vor allem das praktische Bedürfnis

infolge der Entwicklung der landesherrlichen Macht wie der städtischen

Kultur ließ dann auch in Deutschland Universitäten erstehen, zuerst

1348 diejenige zu Prag, der dann seit Ausgang des 14. Jahrhunderts noch

vierzehn, zum Teil aus höher entwickelten Stiftsschulen heraus und

durchaus in Anlehnung an das fremde Vorbild, folgten.

Jener geistliche Charakter der Universität blieb noch lange

gewahrt, wie ihn ja auch noch die ganze höhere Bildung trug. Die

großen Gelehrten des ausgehenden Mittelalters waren Geistliche,

Ordensgeistliche vor allem. Hauptträger der Wissenschaft waren die

Dominikaner, die aber auch Kunst und Dichtung pflegten. Die Juristen

und Ärzte waren zunächst Geistliche, bis allmählich das Laienelement

unter ihnen stärker wurde. Die Zucht in den Kollegien der Lehrer und

den Bursen der Studenten entsprach der der Klöster, wenn auch das Leben

der Bursenbewohner in Wahrheit äußerst wild war und immer weltlicher

wurde. In dem geistig-wissenschaftlichen Leben selbst war zwar eine

größere Spezialisierung eingetreten, und von gewissen Ansätzen freierer

Entwicklung werden wir sogleich hören. Aber im übrigen herrschte auch

jetzt die _kirchlich bedingte Universalität_ des Mittelalters. Noch

war trotz der erwähnten Erweiterung die Summe des abendländischen

Wissens so gering, daß es der einzelne durch alle Fakultäten hindurch

bewältigen konnte, eben mit Hilfe des formal-logischen Betriebes, der

lehrhaften Zustutzung in maßgebenden Kompendien, der philologischen

Bearbeitung der Stoffe. Dem entsprach ein unkritisches, dogmatisches

Aufnehmen. Letzten Endes war aber alles theologisch zugespitzt, in der

Theologie gipfelte alles. Nur in Gott hat das irdische Wissen Wert,

die Philosophie soll die göttlichen Wahrheiten beweisen, die Natur

ist nur als Niederschlag der großen Taten Gottes und seiner Weisheit

aufzufassen. Höchst bezeichnend ist die Natursymbolik, zugleich ein

Beweis für das Spielerisch-Äußerliche des mittelalterlichen Denkens.

Alle Dinge auf Erden haben ihre symbolische, zunächst an die Bibel

geknüpfte, christlich-moralische Bedeutung, Tiere, Pflanzen, Steine.

Die entsprechenden Eigenschaften, die man wesentlich mit ihnen

verbunden glaubte, spielten dann in der praktischen Anwendung des

Wissens eine Rolle. Noch immer ist eben mit dem Geistesleben ein

übersinnlich gerichteter Zug innig verknüpft.

Auf der anderen Seite darf man das _Geistesleben_ des ausgehenden

Mittelalters auch _nicht unterschätzen_. Die Universitäten sind wie

das ganze höhere Geistesleben von der Scholastik (s. S. 103 f.)

beherrscht. Aber diese Philosophie des Mittelalters trug immerhin

schon wissenschaftlichen Charakter, bedeutete Ausbildung systematischen

Denkens und lehrte Abstraktes fassen. Und wenn schon die Kirche

überhaupt der Wissenschaft in ihrer damaligen Form keineswegs feindlich

war, vielmehr gerade durch ihre Pfründen, obwohl unabsichtlich, manchem

die äußere Möglichkeit gab, ganz den Studien zu leben, so waren auch

die von der Kirche ausgegangenen und behüteten Universitäten, die

ja selbständige privilegierte Körperschaften waren, schon geordnete

Vertretungen der Wissenschaft. Es waren geistige Gemeinschaften und

Verkörperungen geistiger Bestrebungen auch über das theologische und

das weltlich-praktische Bedürfnis hinaus. In der Scholastik selbst,

die überhaupt nichts Starres und Gleichförmiges ist, entwickelte sich

ferner im späteren Mittelalter eine freiere Richtung, die zu großen

Spaltungen führte. In dem entschiedenen Nominalismus, der in den

allgemeinen Begriffen »Namen« und nur in den Einzeldingen Wirklichkeit

sah, der die Glaubensgeheimnisse nicht mehr für beweisbar hielt,

kam man wenigstens theoretisch zur Unvereinbarkeit von Glauben und

Wissen, also zum Gegenteil des eigentlichen Zieles der Scholastik. Man

arbeitete zum Teil mit einer damals übrigens nicht zuerst auftauchenden

Annahme, die andererseits erst in nachscholastischer Zeit schärfer

formuliert wurde, mit der »zwiefachen Wahrheit«, der theologischen und

der philosophischen. Aber damit wäre die Theologie nicht mehr, was man

doch erstrebte, philosophisch beweisbar und die Scholastik in ihrem

Kern vernichtet gewesen. In Wirklichkeit blieb überhaupt trotz mancher

kritischer Keckheiten und ernsterer Reibungen das Dogma unangetastet.

Man begnügte sich mit der äußerlichen, dialektischen Betätigung der

Vernunft, mit der formalen Logik, und jenen Gefahren suchte die spätere

Scholastik mit einem um so schrofferen kirchlichen Eifer zu begegnen.

Gewiß mußte die scholastische Methode schon der Theologie und

Jurisprudenz, noch mehr der Philosophie auf die Dauer wirkliche

Fortschritte unmöglich machen, gewiß war sie, der Gegensatz zu

exakter, empirischer Forschung, vor allem ein Hemmschuh für die

Naturwissenschaften und die Medizin. Aber man muß doch feststellen,

daß es in diesen Jahrhunderten weder an wissenschaftlicher

Beobachtung noch an praktischen Fortschritten gefehlt hat,

worauf ja auch schon die arabischen, die Antike neu belebenden

naturwissenschaftlich-medizinischen und philosophischen Einflüsse

hingeleitet hatten. Mit dem Namen des Albertus Magnus verbinden sich

doch nicht nur Phantasterei und Aberglaube, vielmehr deutliche Anfänge

eigener Beobachtung und kritischen Unterscheidungsvermögens, mit dem

des Roger Bacon immerhin schon Andeutungen der induktiven Methode.

Es hat sodann, wie Dietrich Schäfer hervorhebt, das Mittelalter die

Erweiterung der Erdkenntnis, »den gewaltigen Aufschwung, mit dem es

abschloß, aus sich herausgenommen, die Alten weit überflügelnd und ohne

nennenswerte antike Beeinflussung«. Ganz zweifellos erhob sich auch die

Heilkunde auf eine höhere Stufe. Von dem aus der antiken Überlieferung

seine medizinische Weisheit schöpfenden Klostergeistlichen unterschied

sich der studierte Arzt, zunächst noch meist aus geistlichem

Stande, freilich insofern wenig, als auch er sich vor allem auf

Buchgelehrsamkeit stützte. Eben deswegen fühlte er sich über den alten,

teils empirischen, teils abergläubischen volkstümlichen Heilbetrieb,

namentlich von Frauen, hoch erhaben, ebenso über die umherziehenden

Quacksalber, aber auch über die ungelehrten niederen Wundärzte, die

gerade in den Städten bald zahlreich wurden und vor allem dem damals

so wichtigen Aderlaß oblagen: er suchte deren Betrieb auch bald zu

beschränken. Aber andererseits bedeutete der neue Ärztestand doch einen

wirklichen Fortschritt. Zuerst hatten die Höfe fremde studierte Ärzte,

häufig und lange noch Juden, herangezogen, dann förderten allmählich

die Städte die Ausbildung dieses Standes, zumal seit der Entwicklung

von Universitäten in Deutschland. Stadtärzte begegnen schon im 14.

Jahrhundert, damals auch schon Ordnungen und Taxen für sie. Immer

stärker wurde auch das Laienelement unter ihnen.

Das war nun weiter ebenso bei den _Juristen_ der Fall, deren Zahl

immer größer wurde. Fürsten und Städte brauchten sie vor allem für

die _Kanzlei_, den Mittelpunkt der weltlichen Verwaltung, einst die

Domäne der Geistlichen. Die Stadtschreiber, gewissermaßen die Kanzler

der Städte und im Gegensatz zu den Inhabern der städtischen Ehrenämter

besoldet, die eigentlichen Träger der Verwaltungsgeschäfte, ergänzten

sich andererseits auch bald aus den »Artisten«, der anfangs mehr

propädeutischen Fakultät der freien Künste, aus der auch die Lehrer

der Lateinschulen hervorgingen. Durch die Beherrschung der Kanzlei

hat sich nun früh eine Verbindung der Juristen mit der Verwaltung,

aber auch mit der Politik ergeben, und dies Moment erklärt auch den

immer stärkeren Zudrang des Adels zum juristischen Studium. Die

Wichtigkeit der Juristen führt auf die _neue Bedeutung des Römischen

Rechts_, das ja freilich für das kanonische Recht immer die Grundlage

gewesen war. Die Gründe seiner _Übernahme_, sicherlich vor allem

durch die jetzt starken Kultureinflüsse Italiens (s. S. 149) bewirkt,

seien hier nicht erörtert. Die Begünstigung der Juristen durch die

Fürsten schrieb sich zum Teil wenigstens aus der von ihnen erwarteten

Unterstützung des fürstlichen Machtstrebens, vor allem aber aus ihrer

Brauchbarkeit im neuen Beamtenstaat her. Im übrigen war die Zeit für

ein Berufsrichtertum auch in Deutschland gekommen, und eine heimische

Rechts_wissenschaft_ gab es nicht. Man zog die Juristen langsam aus

dem Rat in das kaiserliche und die fürstlichen Hofgerichte. Damit nahm

die Anwendung des römischen Rechts in schwierigen Fällen gegenüber dem

zersplitterten deutschen Recht zu. Die Juristen eroberten schließlich

die Gerichte überhaupt, und man »reformierte« die Land- und Stadtrechte

im römischen Sinne.

Diese Wandlungen vollzogen sich langsam seit der zweiten Hälfte des

15. Jahrhunderts. 1495 nahm das Reichskammergericht das römische Recht

an. Aber wenn die Juristen in ihrem Kulturbewußtsein auf das »rohe,

bäurische« Recht der Laien herabsahen, so hing das Volk an diesem

letzten Rest seiner öffentlichen Betätigung, an dieser Schöpfung

seines Geistes und Wesens noch zäh genug, um nicht über den Wandel

in eine tief erregte Stimmung zu geraten. Der übrigens nicht zu

übertreibende _Volkshaß_ richtet sich freilich weniger gegen die

römischen als die Juristen, die Berufsrichter an sich. Die beklagte

Rechtsunsicherheit wurde zunächst nur noch größer. Die früheren, für

die niederen Schichten besonders empfindlichen Mißbräuche, vor allem

die Käuflichkeit der Richter, schwanden auch jetzt nicht; gerade der

des neuen Rechtes Kundige konnte sein Schäfchen ins Trockene bringen,

ebenso, wer rechtskundig tat, wie der Gerichtsschreiber oder der

Fürsprech, der Advokat.

Aber die Juristen haben für jene Zeit noch eine andere Bedeutung

gehabt, wieder im Sinne der Einbürgerung einer im Grunde

volkstumsfeindlichen höheren Kultur: sie waren die ersten Vermittler

und in Verbindung mit ihrer Kanzleiherrschaft die ersten Förderer

der geistigen Bewegung des _Humanismus_. Sie, die um ihrer besseren

Ausbildung willen und bei ihrer starken Begehrtheit in immer größerer

Zahl nach Italien zogen, selbst als es schon deutsche Universitäten

gab, wurden hier von der humanistischen Strömung ergriffen, die

besonders auch die oberitalienischen Universitäten erobert hatte.

Es handelt sich zunächst nur um eine mehr äußerliche literarische

Beeinflussung in Richtung des Stils, der formalen Kultur, nicht um

Annäherung an das Wesen der eigentlichen Renaissance. Diese faßt

man neuerdings zutreffend überhaupt nicht einfach als Neubelebung

antiken Geistes auf – wie ja auch schon Burckhardt neben der Antike

als zweiten Faktor den italienischen Volksgeist hinstellte –, sondern

als reifste Frucht der mittelalterlichen Kultur selbst, als Leistung

der christlichen wie der volkstümlichen Kräfte des Mittelalters. Die

stärkere Wendung zur Antike, die ja (vgl. S. 64) immer ein belebendes

Element des Mittelalters gewesen ist, trug die Keime zu einer neuen,

unmittelalterlichen Entwicklung in sich, aber sie ist doch ein

_Fortschritt_, den _das Mittelalter_ selbst machte. Man hat z. B. von

französischer Seite Frankreich, das alte Land des »~studium~«, als

eigentlichen Ausgangspunkt der Renaissance hingestellt, und sicherlich

sind auch gewisse Elemente derselben zuerst dort entwickelt worden. Die

stärkere Hinneigung zur Antike war aber in letzter Linie die Folge der

arabischen Befruchtung, und dieser Zug mußte dann in _Italien_ um so

mehr hervortreten, als überhaupt das Bildungsübergewicht Frankreichs

auf das mächtig seine Kräfte entwickelnde Italien überging, vor allem

im 15. Jahrhundert, und dieses Land überdies durch die Denkmäler der

Antike auf seinem Boden, durch seine Sprache und das niemals erstorbene

römische Recht noch mit der Antike wirklich zusammenhing. Dieser

Zusammenhänge wurde man sich bei dem vermehrten Studium der Antike

stärker bewußt, für deren Geist aber um so empfänglicher, als die

hohe geldwirtschaftliche Entwicklung Italiens nicht nur die äußeren

Lebensverhältnisse, sondern auch Weltanschauung und Lebensauffassung

auf einen Stand brachte, der sich dem der Antike wenigstens näherte.

In der entsprechenden Gestaltung wirkte das Studium der Antike von

Italien aus auf die übrigen Länder dann wie eine neue Offenbarung, auf

Deutschland freilich, wie gesagt, zunächst nur nach der formalen Seite.

Hatte Italien auf Deutschland schon durch die Folgen der Kaiserpolitik

und die Römerzüge vielfältige Wirkung geübt, machte dann der immer

regere Handelsverkehr nicht nur den deutschen Kaufmann zum Schüler des

italienischen, sondern beeinflußte auch wie der sonstige Verkehr, z. B.

infolge der ausgedehnten Söldnerdienste deutscher Ritter, die äußere

Kultur mehr und mehr, so wurde auf geistigem Gebiet Italiens Einfluß

an Stelle des französischen immer maßgebender. Der Zug der Studenten

ging, wie gesagt, immer stärker nach Italien, ohne daß aber derjenige

nach Frankreich aufhörte.

Kulturgeschichte der Deutschen im Mittelalter · 第 15 / 17 段