Formen angenommen. Im niederen Volke lebten seit langem aufgeregte
religiöse Stimmungen. Hatten schon die frühere große asketische und
die Kreuzzugsbewegung das Volk in weiten Schichten ergriffen, so
gingen im 13. und 14. Jahrhundert wahre Schauer in der Form gewaltiger
Bußepidemien durch die Massen. Es scheint so, als ob erst jetzt die
fremde Religion mit ihrem teilweise sinnverwirrenden kirchlichen
Apparat das Volk allgemeiner innerlich ergriffen und zunächst wie in
einem jugendlichen Körper krankhafte Erschütterungen hervorgerufen
habe. Eine Zeit _grob-primitiver Religiosität_ brach herein, religiösen
Rausches. Die Kreuzzugsbewegung hatte bereits zu Verirrungen wie den
Kinderkreuzzügen geführt, jetzt setzten, wieder von den romanischen
Ländern her, die Bußfahrten der fanatischen Geißler ein. Die Kirche
trat dabei ganz zurück, das niedere Volk der Laien hatte sich seine
eigenen, über alles Maß gehenden Religionsübungen geschaffen, und so
berührt sich die Bewegung mit der Ketzerbewegung, wurde auch von der
Kirche verfolgt wie diese. Die verzweifelte Stimmung förderten allerlei
Naturereignisse, ferner die Unsicherheit der Zeit, der Mongoleneinfall,
der Kampf zwischen Kaiser und Papst – charakteristisch sind die
Prophezeiungen über das Kommen des Antichrist –, zuletzt die gewaltige
Pest von 1349, der schwarze Tod. Dessen Schrecken hatten die Geißler
zu ihren Bußfahrten besonders veranlaßt, die Gefahr wurde aber gerade
dadurch gesteigert. Gleichzeitig setzten gewaltige Judenverfolgungen
ein – die Juden sollten die Urheber der Pest sein –, gewiß wieder
zum Teil als religiöse Ausschreitungen aufzufassen. Völlig krankhaft
waren dann die das niedere Volk ansteckenden Tänze religiös verzückter
Massen, die Erscheinungen der sogenannten Tanzwut. Hand in Hand mit
diesen religiösen Aufregungen, diesem groben Enthusiasmus, ging
andererseits ein Wiederaufleben barbarischer Wundersucht und damit des
alten volkstümlichen Zauber- und Aberglaubens, dem wiederum die Kirche
trotz ihres eigenen Teufelsglaubens scharf entgegentrat. Freilich hat
sie nicht wie in den romanischen Ländern auch die Ketzer systematisch
als Zauberer verfolgt.
Jene religiösen Massenepidemien dauern zum Teil noch im 15. Jahrhundert
fort, aber auch dann bleibt das Land der Hauptboden für sie. In der
Stadt nimmt dieser religiöse Massengeist weniger überspannte Formen
an. Daneben besteht aber in manchen Kreisen der niederen städtischen
Schicht, freilich keineswegs in ihnen allein, eine stillere,
_gefühlsmäßige Religiosität_ in Opposition gegen die materielle
Genußsucht, den praktisch-realen Sinn und die äußerliche Weltlichkeit
wie gegen die ebenfalls nur äußerliche Kirchlichkeit der Volksmehrheit.
Diese schroff entgegengesetzten Strömungen der Innerlichkeit und der
Genußfreude charakterisieren den Geist des ausgehenden Mittelalters.
Die Anfänge der stillen Religiosität hatten wieder einen feineren, zum
Teil sogar aristokratischen Charakter gehabt. Es sind die _Mystiker_
der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, zum Teil wieder Bettelmönche,
die, dem verstandesmäßig-formalen Treiben der Scholastik abgewandt,
zugleich in entsagendem Gegensatz gegen die neuauflebende Weltlust,
sich in ein innerliches Leben, einen schwärmerischen inneren Verkehr
mit Gott versenkten. Eben wegen dieser Innerlichkeit kann man die
Mystik als die erste wahrhaft volkstümliche Erfassung des Christentums
durch die Deutschen ansehen. Ihr Gemüt zu offenbaren, trieb es die
Mystiker zum Gebrauch der Muttersprache. Sie handhabten sie in einer
Formvollendung, die noch an der Dichtung der höfischen Zeit geschult
war. An die höfische Zeit erinnert auch die starke Beteiligung der
Frauen, freilich von Klosterfrauen, deren jetzige Rolle jedoch
allein in dem reichen weiblichen Gefühlsleben begründet war. Über
die bloße Empfindsamkeit und Verzücktheit hinaus kamen die ersten
und größten Mystiker zu wirklicher Tiefe der Gedanken und zeigten
aristokratischen Schwung des Geistes. Ein zukunftsreiches Moment liegt
in der besonderen Berücksichtigung der Laien seitens der Mystiker und
in der Begeisterung der Laien für die neuen Männer. Ein gewaltiger
Volksprediger war vor allem Johannes Tauler. Einerseits wurde nun diese
mystische Strömung allmählich vergröbert, andererseits verquickte
sie sich mit jenen volkstümlichen Zielen der Bettelorden, mit jener
breiten kirchlich-sozialen Bewegung, die sich mit den Nöten der Masse
beschäftigte. Charakteristisch bleibt aber für diese natürlich vor
allem im Klöstern vertretenen mystischen Geister die starke Gefühls-
und Stimmungsrichtung, die dann auch die Religiosität kleinerer und
größerer Volkskreise beeinflußte und z. B. für das Verständnis der
Kunst des ausgehenden Mittelalters höchst wichtig ist. Aber auch ohne
diesen mystischen Zug sind nun frommer Überschwang und inbrünstiges
religiöses Verlangen, gerichtet auf die Nachahmung Christi und der
Heiligen, gerade in der Masse lebendig geworden und ergreifen zum Teil
auch die höheren Schichten.
Andererseits nimmt diese Massenreligiosität stärker jenen
_halbheidnisch-volkstümlichen_ Charakter an. Recht viel gute Werke,
recht viel Gebete, recht viel Heiltum (Reliquien) in den Kirchen
– es ist dieselbe _plebejische Wertschätzung des Massenhaften_,
die wir schon in der materiellen Lebenshaltung des städtischen
Durchschnitts beobachteten; es ist zugleich die alte, nun noch
geförderte _nüchtern-geschäftliche_ Auffassung (s. S. 120 f.). Auch
die Bettelorden wurden, wie (S. 131) erwähnt, immer weniger die Führer
einer eigentlich religiösen Strömung. Die Predigt war nun oft auf den
äußeren Eindruck berechnet, sie warb vielfach nur um den Beifall der
Masse. Viele Bettelmönche kümmerten sich um das Seelenheil nur in der
sonst üblichen äußerlichen Weise. Sie hoben auch nicht mehr das Volk
innerlich, sondern huldigten ganz seiner groben, vielfach noch mit
den Resten der heidnischen Volksreligion verbundenen Denkweise. Dabei
wurden sie von der herrschenden Genußsucht und Sittenlosigkeit in
starkem Maße angesteckt, machten sich auch durch ihr nichtstuerisches
Leben und ihre zudringliche Bettelei verhaßt und verfielen so zu einem
guten Teil dem Spott und der Verachtung. An Bettelmönchen, die es mit
ihrer Aufgabe ernst nahmen, fehlte es freilich auch jetzt nicht. Als
soziale Kritiker, in ihrer Parteinahme für jene _sozialen Nöte der
Masse_, blieben die Orden eben ein wirksames Element.
Daß sich die Kirche der Armen annahm, war ja im Grunde durchaus nicht
neu. Diesen alten Zug hatte die große asketische Bewegung mit ihrer
Verachtung des irdischen Besitzes und der irdischen Macht, mit dem
Preise der Armut nur gefördert. Das Ideal der mittelalterlichen Kirche
blieb aber überhaupt immer der mäßige Besitz: sie verwarf den gierigen
Erwerb auf Kosten anderer und betonte die Pflicht des Reichen, den
Ärmeren in großem Umfang abzugeben. Und daß dieses Ideal immerhin auch
tief in die Volksmasse drang, zeigen z. B. die oben (S. 119) erwähnten
Anschauungen der Zünfte, zeigt aber auch die allgemeine Mißachtung,
die nicht etwa nur den Juden wegen ihres »Wuchers«, sondern auch dem
eigentlichen Kaufmann von Adel, Klerus, Handwerkern, niederem Volk
entgegengebracht ward. Gegen das sogleich mit gewaltigen Erfolgen
auftretende Kapital und seinen aristokratischen Übermut regte sich
schon im 13. Jahrhundert ein gewaltiger Haß. So geldwirtschaftlich die
Kirche selbst vielfach gerichtet war, so blieb das Zinsverbot doch
ihr großer Grundsatz. Schließlich wurde die ganze neue Geldwirtschaft
theoretisch zum »Wucher« gestempelt, insbesondere auch der Handel,
der auf spekulativen Gewinn ausging. Zahlreich sind die mehr oder
weniger autoritativen geistlichen Stimmen, die in jener Zeit den
_Handel_, soweit er nicht der notwendigen Lebensfürsorge (wie derjenige
der ihre Erzeugnisse verkaufenden Bauern und Handwerker) diente,
_verwarfen_ und die Kaufleute, denen wohl auch viel vorgeworfen werden
konnte, allgemein als Sünder hinstellten. Später, als vor allem die
oberdeutschen Kaufleute neben dem Warenhandel auch das Geldgeschäft
pflegten, nahmen solche schon zurückgetretenen Stimmungen wieder zu.
Das wegen der unendlichen Zersplitterung des Münzwesens durchaus
notwendige Wechselgeschäft, der Geldhandel, aber auch das sich aus dem
Geldvorrat von selbst ergebende Ausleihen von Geld gegen Zinsen war
früher den Juden, die ja nicht an die kirchlichen Anschauungen gebunden
waren, und den Italienern (den sogenannten Lombarden) überlassen.
Jetzt waren jene durch die blutigen Verfolgungen zurückgeworfen
und diese als lästige Wettbewerber vielfach verdrängt worden. Den
deutschen Kaufleuten erleichterte die Übernahme des gewinnbringenden
Geldgeschäfts zudem der Silberhandel, der sich aus dem damals besonders
aufblühenden Bergbau und ihrem Anteil daran ergab. Der Übergang zum
Geldhandel, überhaupt zu einem rein spekulativen Handel vollzieht sich
stärker erst mit Beginn des 16. Jahrhunderts und hat schließlich zum
Verderben des hochstehenden deutschen Handels mit beigetragen. Der
ausgesprochene Kapitalismus _dieser_ Zeit erregte auch, jetzt wegen der
sozialen Folgen, die öffentliche Meinung stärker als je, insbesondere
die zunehmende und sich auch auf notwendige Lebensmittel richtende
Monopolisierungssucht. Wir haben die härtesten Äußerungen über die
»Schinder des Volks«, die »Christenjuden«, über den Raub und Wucher
der Kaufleute von Geiler von Kaisersberg, Sebastian Brant, Hans Sachs,
Erasmus, Luther. Auch Beschlüsse der Städte, der Land- und Reichstage
wandten sich gegen die Aufkäufer und Preissteigerer. Gerade die Armen
mußten nun bei Teuerungen am meisten leiden, und hier und da sind auch
gegen Ende des 15. Jahrhunderts Aufstände dadurch hervorgerufen worden.
Aber bei diesen Bewegungen spielte überhaupt der _Gegensatz zwischen
Reich und Arm_ eine immer größere Rolle. Schon im 13. Jahrhundert war
dieser Gegensatz über das bloße Mitleid mit den Armen hinaus von den
Bettelmönchen, so in ziemlich heftiger Form von Bertold von Regensburg,
betont und gesteigert worden. Ende des 14. Jahrhunderts finden wir bei
Dichtern und in Chroniken bezeichnende Stellen. Mehr und mehr trat
dann eine wieder in den Lehren des Urchristentums begründete Teilnahme
an der Lage des ärmeren Landvolks, dessen Arbeit nun gepriesen ward,
hervor. Der _Bauer_ wurde jetzt trotz des wirtschaftlichen Niedergangs
des Adels weniger von diesem als von den klösterlichen Grundherren
bedrückt, vor allem aber vom Staat immer stärker belastet, überdies
vom Städter mißachtet. Dazu kam der Groll über die rücksichtslose
wirtschaftliche Herrschaft der Stadt über das Land, den der Bauer
mit dem Adel teilte. Sodann zündete die hussitische Bewegung mit
ihren gleichmacherischen Ideen auch in Deutschland. Weiter dauerte
die Hetzerei der niederen Geistlichkeit an. Bei dem großen Prediger
Geiler von Kaisersberg finden sich stark agitatorische Äußerungen. Am
ehesten mochten solche Stimmungen, soweit sie gegen die Reichen an sich
gingen, Ableitung in jenen Judenverfolgungen finden, die freilich in
erster Linie auf die Auswucherung der in weiten Kreisen verschuldeten
Bevölkerung zurückgingen. Aber auch der reiche Besitz der Kirche
wurde immer schärfer aufs Korn genommen, je mehr der höhere Klerus
verweltlichte, die Pfründenjägerei um sich griff und die Habgier der
Kirche das Volk aussaugte. Auch hier spielte wie zum Teil bei den
Judenverfolgungen die Hetzarbeit der niederen Geistlichkeit und der
Volksprediger eine Rolle. Eine besonders haßerfüllte Stimmung gegen
die nichtstuerischen und schlemmenden »Pfaffen« herrschte auf dem
Lande, wo schon der Zehnte sehr widerwillig gegeben wurde, wo man aber
erst recht jene grundherrlichen Lasten für Klöster und Stifter als
bitteren Druck empfand. Ohne Zweifel kamen die alten kirchenfeindlichen
Strömungen hinzu. Wie die Ketzerbewegungen früherer Zeit (s. S. 129)
fand gerade beim Landvolk auch die hussitische Bewegung Anhänger. Sie
stellte zugleich einen furchterregenden Ausbruch der gegen die Reichen
und Mächtigen und auf Erhebung der Armen und Niedrigen gerichteten
Strebungen der Masse dar. Gerade sie wandte sich aber auch gegen
das Kirchengut. Und so erklärt es sich, daß bei den bäuerlichen
aufrührerischen Bewegungen, die schon im 15. Jahrhundert lange vor dem
großen Bauernkrieg begannen, sich der Haß besonders auch gegen die
Pfaffen richtete. Daß im übrigen auf der Pfaffen Gut sich auch die
lüsternen Blicke des niederen Adels richteten, daß der Kirche reicher
Besitz auch den höheren Klassen in den Städten ein Dorn im Auge war,
gehört nicht in diesen Zusammenhang, hat aber bei der Reformation
später eine Rolle gespielt. Von dieser hat dann auch jene wesentlich
unter den Bauern um sich greifende religiös-soziale Strömung, bei der
im 15. Jahrhundert theokratisch-kommunistische Ziele immer stärker
hervortraten und bei der die auf Befreiung von Druck und Lasten
gerichteten Ideen unter religiösen Schlagworten wie »die Gerechtigkeit
Gottes« und »christliche Freiheit« sich eindrucksvoller verbreiteten,
das Heil erwartet, freilich vergeblich, wie der große Bauernkrieg,
dessen Grundursachen im übrigen auf anderen Gebieten liegen, zeigte.
Auch bei gewissen _städtischen Bewegungen_ um 1500 haben – von den
Judenhetzen abgesehen – der Haß gegen die Reichen und die Begierde
nach ihrem Gut eine Rolle gespielt, aber es scheinen hier doch
mehr die freilich auch kapitalfeindlichen, alten zünftlerischen
Anschauungen, hinter denen zum Teil geistliche Scharfmacher standen,
von Bedeutung gewesen zu sein. Besonders mochten die Geistlichen die
ärmeren Handwerker beeinflussen, die sich namentlich dort von den
eigenen, reicheren Zunftgenossen beschwert fühlten, wo diese Anteil
am Stadtregiment hatten. Sie litten zum Teil unter der Engherzigkeit
der Zunft ähnlich wie die Gesellen, denen bei der zunehmenden
Übersetzung des Handwerks und dem stärkeren Gewinnstreben der einzelnen
das Meisterwerden außerordentlich erschwert wurde. Die überall das
Mittelalter beherrschende genossenschaftliche Form führte namentlich
gegen Ende des Mittelalters zu Gesellenverbänden, die zielbewußt,
nach Art der Zünfte organisiert, die älteren Bruderschaften zur
gegenseitigen Unterstützung, zur Fürsorge für das Seelenheil usw.
verdrängten und auch zur Anerkennung seitens des Rates und der Meister
gelangten. Die oft gar nicht so schlecht gestellten Gesellen zeigten
ein starkes Selbstbewußtsein, waren wehrhafte Leute und veranstalteten
gern öffentliche Umzüge und Feste, die von ihrer angesehenen
Stellung innerhalb der Bürgerschaft zeugen. Sicherlich haben sie
bei Zusammenrottungen auch ihr Kontingent gestellt; dazu kamen dann
aber vor allem die Tagelöhner, allerlei niedrige Arbeiter und der
eigentliche städtische Pöbel als wirkliche Arme.
So hat denn die materielle Kultur der Zeit ihr recht bedenkliches
Gegenbild. Aber wie diese Kultur selbst durch massengeistartige,
unfeine, naive Momente zum Teil bestimmt wurde, so _hat_ auch die
niedrige _Masse_ in der Hauptsache doch die _genußsüchtigen Ideale
geteilt_, wenngleich meist nur sehnsüchtig nach ihnen aufgeblickt.
In ihr herrschten doch nicht nur Unzufriedenheit, mystisch-religiöse
Eigenbrödelei, Neigung zu lärmender Gewalttätigkeit, sondern auch
Lebenslust und Genußfreude, rohester Form freilich. Auch dem niederen
Volk boten ja die großen kirchlichen und weltlichen Feste reichlich
Gelegenheit zur Teilnahme. Es waren immer wirkliche Volksfeste. Die
Geselligkeit ist in erster Linie _Massengeselligkeit_. Ein allgemeiner
Festtaumel ergriff die Menschen besonders zur Fastnachtszeit. Hier
kam auch nicht nur die Freude am Schlemmen, sondern auch die alte
naive, volkstümliche Laune zum Ausdruck, und uralter Mummenschanz,
der auch von Weihnachten bis Epiphanias allgemein üblich war,
verstärkte die lustige Ungebundenheit. Als derbkomische Unterhaltung
des ganzen Volkes hatten sich ferner zum Teil die Fastnachtsspiele als
weltliche Spiele neben den geistlichen Spielen an hohen kirchlichen
Festtagen auf verschiedene Weise entwickelt, und die der Zeit mit
ihren Beschwerden entspringende Neigung zu satirischer Verspottung
der Stände kam in ihnen zum Ausdruck (s. S. 139). Weiter gab es noch
die alten volkstümlichen Feste im Freien, wie die allerdings mehr
auf dem Lande üblichen Maitänze, überhaupt die sommerlichen Tänze an
Feiertagen mit ihrem Singen und Springen. Man vergnügte sich auch noch
auf Wiese und Anger an den alten Kraftübungen, dem Ringen, Steinwerfen
u. a. Sodann boten die Kirchenfeiern Anlaß zu immer neuer Festeslust.
Die Kirchweihen bildeten vor allem auf dem Lande den Höhepunkt der
Festfreude, fehlten aber auch in der Stadt nicht. Hier kamen dann
Handwerkerfeste und -tänze als etwas besonderes hinzu, vor allem aber
die großen bürgerlichen Waffenfeste, die Schützenfeste, ursprünglich
mit Aufzügen und nachfolgendem Gelage verbundene Waffenübungen. Die
Hauptsache bei ihnen wurden aber allmählich die Festlichkeiten und die
Preise, die man erringen konnte. Die patrizischen Kreise versuchten
noch jetzt, sich durch Turniere hin und wieder ein ritterliches Ansehen
zu geben, sehr zum Mißfallen des Adels, dessen Turniere aber natürlich
auch meist in der Stadt abgehalten wurden und der Masse wenigstens ein
glänzendes Schauspiel boten. Alle diese Feste waren also, wie auch
die Familienfeste, zugleich Massenfeste, bei denen die ständischen
Unterschiede mehr oder weniger zurücktraten. Umgekehrt boten die
Fahrenden, die etwa bei Turnieren und Schützenfesten zusammenströmten,
keineswegs nur dem niederen Volk Unterhaltung.
Trotz aller verbitternden sozialen Gegensätze herrscht damals doch noch
ein außerordentlich starkes _volkstümliches Gesamtgefühl_. Der oben
erwähnte Massengeist ist nicht nur der Geist der niedrigen, sondern
der der Gesamtmasse, dem freilich eben wegen der großen Rolle des
niederen Volkes keine feinen Züge eignen können. Die Art der niederen
Volkskreise zieht vielmehr die der höheren zu sich herab. Nicht nur,
daß die Bildungsunterschiede in der Laienwelt damals noch immer stark
zurücktreten und hoch und niedrig sich in einer durchaus volkstümlichen
Ausdrucksweise (die natürlich nichts Neues ist, sich jetzt nur in
den Quellen stärker kundgibt) ergeht: es ist auch an Stelle der
höfischen Art in den aristokratischen Kreisen eine freilich ebenfalls
immer vorhanden gewesene und nur durch jene modische Verbildung
überfirnißte Neigung zur _Derbheit_ und zu grober Redeweise getreten.
Schon der Minnedichtung sahen wir (S. 93) in der höfischen Dorflyrik
ein volkstümliches Gegenbild erstehen. Herr Steinmar hat jene dann
geradezu verspottet und zog vor, »in daz luoder« zu »treten« und sehr
materielle Genüsse zu preisen. Ein _plebejischer Geschmack_ bringt die
_Literatur_ dann immer mehr herunter. Alles feinere Schönheitsgefühl
schwindet, der Ton wird immer niedriger, der Stoff immer realistischer,
die Ausdrucksweise immer derber. Die Schwänke, oft zotig und gemein,
werden zur Lieblingskost. Vor allem in jenen Fastnachtsspielen, und
zwar den Nürnbergern besonders, machen sich Derbheit und Roheit mit
vollstem Behagen breit. Es war im Grunde lächerlich, wenn in ihnen der
Bauer als komische und mißachtete Figur wegen seiner Freßgier, seines
Saufens, seines Schmutzes und seiner Roheit herhalten mußte. Der Inhalt
der Spiele zeigt die gleiche Freude gerade des Städters am Rohen, z.
B. an Prügelszenen, und in seiner materiellen, groben, oft gemeinen
Genußsucht unterschied er sich vom Bauer nur durch die ihm zu Gebote
stehende größere Mannigfaltigkeit und gewisse äußerliche Feinheiten.
Seine Neigung zur Unflätigkeit beweisen wiederum die Spiele. Um diese
Zeit wurde ein zotiger, unanständiger Ton aber überhaupt allgemein
Mode. Die ganze Art nennt man nach dem von Sebastian Brant als
Modeheiligen hingestellten St. Grobian _Grobianismus_. Der Zug nahm
im 16. Jahrhundert noch sehr zu. Mit ihm sind eine geflissentliche
Mißachtung des überhaupt (s. S. 122) schon arg heruntergekommenen
gesellschaftlichen Anstandes und eine teilweise fast zynische
Behandlung des weiblichen Geschlechts verbunden.
Die Maßlosigkeit und Ungebundenheit der Zeit, die sich in dem
genußsüchtigen Sichausleben, in der Sinnlichkeit wie noch immer in
Raub, Mord und Grausamkeit, überhaupt im Hang zu Gewalttätigkeiten
und in der allgemeinen Habgier äußert, zeigt sich auch in diesem
Gebaren. Strotzende Kraft, jugendlich-naive Unkultiviertheit toben
sich mit allem Behagen in ihrer Art aus: eben dies ist immer die Weise
des niederen Volkes. Aber diese griff damals hoch hinauf. Wenn uns
nun weiter aus jenen Spielen und Schwänken, aus der Redeweise, der
Spruchweisheit, den Inschriften, den Namen und so vielem anderen,
auch aus den Briefen derjenigen, die über die Steifheit des üblichen
förmlichen Stils hinaus gelernt haben, zu schreiben, wie sie reden
(wie vor allem Luther und Albrecht Achilles), nicht nur Derbheit,
sondern immer auch lustige, launige Derbheit entgegenblitzt, so kommen
wir auf das Erhebende in dieser ganzen Erscheinung, auf das befreiende
Lachen, das uns aus alledem entgegendröhnt und zeitweise auch die
sozialen Bitternisse übertönt, auf den _Humor_ der Zeit. Keine andere
war je so lachlustig, so launig selbst in Not und Tod. Und auch das
Heilige, das Ernste mußten sich das Eindringen des Komisch-Possenhaften
gefallen lassen. Wie sich am Osterfest mancher Prediger dazu hergab,
durch allerlei Scherze die Lachlust zu erregen, so schoben sich in die
geistlichen Schauspiele, die sich ja vom Lateinischen nun zu einem
volkstümlichen Deutsch gewandt hatten, komische Zwischenspiele ein. Bei
den Kirchenbauten benutzte man die Wasserspeier zu humorvollen, oft
satirischen, selbst gegen Mönch und Nonne gerichteten Darstellungen,
und drinnen an Holzgestühl und Steinsäulen wurden allerlei lustige
Bildwerke angebracht. So erscheinen auch Recht und vor allem Moral
gern in humoristischem Gewande. Rechtssprache und Rechtssätze zeugen
davon, ferner gewisse Strafen. Dem gefürchteten Galgen gibt der
Volkshumor eine Fülle launiger Bezeichnungen. So oft ferner Sünden
und Schwächen mit ernsten Worten gegeißelt werden, so häufig ist doch
im 15. Jahrhundert ihre humoristische Auffassung. Ihre Träger werden
als »Narren« hingestellt, wie zum Teil in den Spielen, wie vor allem
in dem Narrenschiff Brants. Das Laster verfällt der Lachlust, dem
Spott. Die Figur des »Narren« in besonderer Tracht übernimmt auch
im wirklichen Leben diese spöttische Geißelung der Schwächen, und
charakteristisch ist, daß diese volkstümliche Figur zu einer ständigen
Einrichtung an den Höfen und oft auch beim Adel wird. Ebenso gab
es natürlich Volksnarren bei Festen und Umzügen. Andererseits tat
man sich in Narrengesellschaften zusammen, um zu Zeiten mit vollem
Behagen »närrisch« zu sein. Wenn irgendein Zug für die volkstümliche
Grundstimmung der Zeit spricht, so ist es der Humor. Das Volk lacht
gern, gemessene Bildung und Moral haben ihm die Laune nicht verdorben.
Noch heute ist der Hauptzug aller Dialektdichtungen der Humor; noch
heute wählt der volkstümliche Scherz weniger die Schriftsprache als
eben den Dialekt. Gewiß hat der Humor ebenso wie die anderen erwähnten
volkstümlichen Züge auch im früheren Mittelalter das ganze Volk
durchdrungen, und die erst später zahlreicher werdenden Zeugnisse
für ihn dürfen nicht dazu verleiten, ihn als Merkmal nur dieser
späteren Zeit hinzustellen. Es ist eben nunmehr die Möglichkeit, ihn
zum Ausdruck zu bringen und auch schriftlich kund zu tun, für weite
Laienkreise außerordentlich gewachsen. Aber dennoch liegt viel an dem
jetzt eingetretenen Übergewicht der Art der breiten Masse, durch das
die noch immer starke und nur durch die Stammesunterschiede beschränkte
Einheitlichkeit des Innenlebens aller der sonst so zerrissenen und
einander feindlichen Kreise außerordentlich befördert wird.