Zeit zusammen, und dieser Zug wird gerade durch die bürgerliche
Kultur sehr gefördert. Materiell war ja doch diese Kultur in erster
Linie, nicht in dem Sinne, daß der Genuß die Hauptsache war – im
Gegenteil, wir lernten schon die Arbeit als den beherrschenden Faktor
des städtischen Lebens, im Gegensatz zum ritterlichen Weltfreuden- und
mönchischen Jenseitsideal, kennen. Aber im Vordergrund des Sinnens und
Trachtens stand – und zwar nicht nur in der kaufmännischen Schicht –
der Gelderwerb. Das allgemeine Ziel ist der Wohlstand, ein mäßiger
nach den Anschauungen der Handwerker, ein möglichst großer nach
denen der Kaufleute, aber damit doch wieder eben der Lebensgenuß,
der entsprechend der Massengeselligkeit und der geringen Entwicklung
feineren Innenlebens von selbst gemeine Formen annahm. Und auch über
die höheren Fragen des Lebens entschied immer der materiell-praktische
Gesichtspunkt, die Kirchlichkeit wurde bei der Mehrheit äußerlicher als
je, der materielle Gedanke von Leistung und Gegenleistung war zum Teil
ausschlaggebend.
Das arbeitsame, erwerbslustige, grober Lebensfreude zugetane
deutsche Bürgertum war in seinen noch _einfachen Verhältnissen_
mit dem romanischen Bürgertum, vor allem mit dem italienischen
der Renaissancezeit, nicht zu vergleichen. Schon das eigentlich
Städtische, das ja erst neben dem Höfischen eine höhere Ausgestaltung
der Kultur verbürgte, hatte sich, wie wir (S. 98) sahen, in den
stark bäuerlich gefärbten Sitzen des deutschen Bürgertums noch gar
nicht völlig durchgesetzt, von den vielen kleinen Landstädten ganz
abgesehen. Freilich machten sich eine immer stärkere Gleichartigkeit
der städtischen Interessen und noch mehr der Lebensbedingungen sowie
eine immer zunehmende Vielseitigkeit der Berufe geltend, und gerade
im Nichtbäuerlichen lag die Anziehungskraft der Städte. Eine rein
städtische Kultur war dagegen in Frankreich und Italien erblüht,
gewiß noch in Anknüpfung an längst unterbrochene Überlieferungen. In
Italien hatte sich weiter jene hochstehende geistige, künstlerische
und Lebenskultur entfaltet, der gegenüber die deutschen Bürger wie die
Deutschen überhaupt doch noch immer als barbarische Leute erscheinen
mußten, trotz ihrer wirtschaftlichen und materiellen Errungenschaften.
Wenn wir dann aus dem 15. Jahrhundert zahlreiche, teilweise begeisterte
Schilderungen deutscher Städte besonders auch durch Italiener besitzen,
so liegt ihnen gewiß das Erstaunen zugrunde, das diese über die
unerwartete Höhe der äußeren Kultur in dem mißachteten Deutschland
empfunden hatten. Überdies stammen die Urteile meist erst aus der
zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, als der _steigende Wohlstand_ den
Städten vielfach ein glänzenderes Aussehen gegeben hatte als früher.
Denn im ganzen boten die mittelalterlichen Städte so wenig ein Bild
luxuriöser Pracht wie etwa die Burgen, und auch das Dasein selbst
trug trotz jener doch ziemlich groben Üppigkeit noch den Stempel der
Einfachheit. Die öffentlichen Gebäude und die Häuser der Reichen
zwar, die seit dem 14. Jahrhundert häufig den Hof des Stadtherrn sich
zum Vorbild genommen hatten, gewannen schon im 15. Jahrhundert eine
reichere Gestalt, namentlich aber dann unter italienischen Einflüssen
im 16., bis die Sucht nach künstlerischer Verzierung der Steinbauten
wie der niedersächsischen Holzbauten fast übertrieben wurde. Die Häuser
der weniger Bemittelten standen natürlich weit zurück. – Auch im
Innern der Häuser und im Hausrat zeigte sich erst im 15. Jahrhundert
eine reichere Entwicklung. Einmal war das Bürgerhaus immer zugleich
Arbeitshaus und diente dem Gewerbe oder dem Handel, andererseits wich
das Enge, Unbequeme, technisch Unentwickelte nur langsam. Das zeigen
die kleinen und niedrigen Räume, der schlechte Fensterverschluß, die
mangelhafte Heizung und Beleuchtung. Im 15. Jahrhundert entwickelten
sich bei den Reichen Prunkräume mit Glasfenstern, kunstvoll
gearbeiteten Öfen, schön geschnitzter Wandtäfelung (an Stelle jenes,
den höfischen Wohnstätten nachgemachten Behängens mit Wandteppichen),
mit wundervoll gearbeiteten, aber schweren Kunstmöbeln (Truhen, von
den Schränken später verdrängt, Tischen und Bänken). Manches davon
ging auch mehr und mehr auf die eigentlichen Wohnräume über; ferner
gab es in den Schlafzimmern große Betten mit schön geschnitztem Dach
und prächtigen Decken. Seit dem ausgehenden Mittelalter fand man auch
vielfach Wanduhren im Bürgerhause.
Unterschiede zwischen dem Patriziat und dem mittleren und kleinen
Bürger muß man auch bezüglich der Nahrungsweise machen, und selbst
bei jenem beginnt der größere Luxus erst wieder gegen Ende des 15.
Jahrhunderts. Stärker als auf dem Lande, überhaupt sehr bedeutend
war in der Stadt freilich der Fleischverbrauch. Bei der Fleischkost
war wie schon früher der Verbrauch von scharfen Gewürzen zur Brühe
außerordentlich, auch in romanischen Ländern. Diese mittelalterliche
Weise hat der konservative Engländer zum Teil noch heute bewahrt, ein
Zeichen eines wenig entwickelten Geschmacks. Im ganzen entbehrte
die städtische Küche trotz der überladenen Üppigkeit festlicher
Genossenschafts- und privater Mahle noch lange größerer Feinheit.
Eine bedeutende Rolle spielten die Gewürze sodann bei der von
Klöstern und Höfen übernommenen feineren Bäckerei, und bald bildeten
sich in einzelnen Städten Besonderheiten von Pfeffer-(Gewürz)kuchen
unter verschiedenen Namen aus, wie überhaupt das bessere Gebäck die
mannigfaltigsten örtlichen Formen annahm. Im übrigen war natürlich
die Brotnahrung die wichtigste und allgemeinste. Fleischer und Bäcker
waren bei dem großen Verbrauch die stärksten Gewerbe, sie erfreuten
sich auch seitens der fürsorglichen städtischen Obrigkeit besonderer
Beaufsichtigung sowohl hinsichtlich der Güte der Erzeugnisse wie der
Preise und des Gewichts.
Mit der stark gewürzten Nahrung steigerte sich zum Teil der
Getränkeverbrauch, wie andererseits die Gewürze die Vielesserei
erleichterten. Das Bier spielte eine Hauptrolle in den norddeutschen
Städten, in denen sich neben der Haus- und der Reihumbrauerei vielfach
ein leistungsfähiges Braugewerbe, damit eine bessere Bierbereitung und
ein lebhafter Bierhandel – denn von den vielen Sondersorten hatten
einzelne bald einen großen Ruf erlangt – entwickelten. Das norddeutsche
Bier wurde zum Teil schon in den Süden, wo sonst der Wein vorherrschte,
eingeführt. Doch braute man z. B. in Nürnberg auch selbst. Umgekehrt
war der Weinhandel nach Norden viel stärker, namentlich der
Rheinweinhandel. Denn der im Norden und Osten selbst gebaute Wein
(vgl. S. 44) wird doch nicht allzu sehr geschätzt gewesen sein, trotz
der Ausfuhr z. B. von Gubener Wein. Auf dem Lande trank man im Süden
neben Obstwein gewöhnlichen Landwein, und zwar als Most oder als jungen
Wein. Auch die süddeutschen Städte versorgte der Handel (namentlich
von Ulm aus) mit den begehrten guten Sorten, dem Rhein-, Frankenwein
usw., aber auch schon mit südlichen Weinen. Weinpantscherei war dabei
sehr häufig. Landwein suchte man durch aromatische Kräuter und Würzung
oder Zuckerung zu verbessern. So gab es in Deutschland genug des
Trinkbaren. Bei Beratungen, bei Kaufhandlungen (Weinkauf), bei den
Zusammenkünften der vielen Genossenschaften, bei den großen städtischen
Mahlen, bei den Familienfesten liebte man einen guten Trunk. Die
einzelnen gesellschaftlichen Kreise hatten auch ihre Trinkstuben, die
Patrizier wie die Zünfte; für das niedere Volk gab es die Schenken und
Tavernen, deren Zahl immer zunahm. Und die Trinkfreude stieg mit dem
ausgehenden Mittelalter immer mehr, vor allem im Biergebiet, in Sachsen
(Niederdeutschland), wie die Vielesserei, die _Genußsucht_ überhaupt.
Voll und toll zu werden, war geradezu ein Ziel, das man namentlich mit
dem »Zutrinken« zu erreichen suchte. Es war das Sichaustoben eines
überkräftigen Volkes, das seinen alten Ruf des Barbarentums freilich
dadurch bei den mäßigeren und gesellschaftlich kultivierteren Romanen
aufs neue kräftigte.
Dieselbe Zügellosigkeit zeigte sich in geschlechtlicher Beziehung.
Und wenn neben der Trunksucht auch z. T. die Sittenlosigkeit damals
eine Schwäche des Gesamtvolks gewesen ist und schon damals von
Obrigkeit und Kirche bekämpft zu werden begann, so tritt dieser Zug
doch besonders bei der städtischen Bevölkerung hervor, schon weil die
Quellen für deren Zustände reichlicher fließen, dann aber auch, weil
sich die Gelegenheit und die Mittel zu solchem Treiben in den Städten
leichter fanden, übrigens auch für den umwohnenden Adel, und sich
aus dem Zusammenleben einer stärkeren Bevölkerung leichter ergaben.
Ja, es scheint, als ob das erstmalige Zusammenfassen größerer Massen
in Städten ein jugendliches Volk von selbst in dieser Beziehung sich
voller ausleben läßt. In sittlicher Hinsicht ist dann das leichtere
Zusammenströmen schlimmer Elemente, die in den Dörfern und Burgen
meist keinen dauernden Aufenthalt haben konnten, in den Städten von
Einfluß. Man war übrigens nicht nur den Junggesellen gegenüber, wie
hergebracht, duldsam, sondern auch gegenüber den Ehemännern. Die
verheirateten Frauen andererseits hatten besonders die Nachstellungen
der Geistlichen zu fürchten. Die sinnlichen Neigungen der Zeit –
früh hatte auch die eifernde Sucht der Kirche, das Natürliche, das
Nackte anstößig zu machen, gerade die Lüsternheit verbreitet – wurden
in den damaligen Städten besonders durch die Badstuben und die nur
in den Städten mögliche, notgedrungene Organisation der Unzucht,
durch die Frauenhäuser, gefördert. Bäder waren dem Mittelalter seit
je unerläßlich, zumal man das bloße Waschen vernachlässigte. Die
Furcht vor dem Aussatz förderte überdies das heiße Baden, das man
als Gegenmittel ansah. Die für den Massenverkehr in den Städten
eingerichteten Badstuben wurden nun bald Stätten der Geselligkeit,
wo man auch aß und trank, Feste feierte und dergleichen. Es ergab
sich dann gelegentlich Schlimmeres, wenn auch das auf Bildern häufig
dargestellte Zusammenbaden der Geschlechter kaum allgemein üblich
gewesen ist. Im ganzen ging gegen Ende des Mittelalters das Badewesen
stark zurück, zum Teil wegen der damals auftretenden Syphilis, mit der
man sich im Bade anzustecken fürchtete. Diese um 1495 mit furchtbarer
Gewalt auftretende »Franzosen«-Seuche, die diesem (nach Paracelsus)
der »Luxuria« und der »Venus« ergebenen, materiellen Geschlecht wie
eine strafende Rächerin ihrer Sünden erscheinen mußte, trug vor allem
aber zum Rückgang jener Frauenhäuser bei, deren Insassinnen in den
Städten fast als wohlberechtigte Gewerbetreibende galten und deren
Besuch ganz offen stattfand und niemand schändete. Feindlich waren
diesem Treiben zum Teil die Ehrbarkeit pflegenden Handwerker, die sich
überhaupt über die Sittenlosigkeit der höheren Kreise wie des Pöbels
entrüsten mochten. Sie mochten auch das Hauptpublikum der geistlichen
Sittenprediger bilden, die heftig gegen die sündhafte Zeit eiferten
und dabei auch der großen Sünder aus der verweltlichten Geistlichkeit
keineswegs schonten.
_Gröbliche Übertreibung_ – sie ist vielfach das Zeichen _dieser
materiellen Kultur_ der Städte. Wie es beim Trinken und Essen
noch ganz wie beim Bauern vor allem auf die Menge ankam, wie man
sich bei amtlichen, genossenschaftlichen und Familienfestmahlen
in üblem Wetteifer nicht genug tun konnte in der Zahl der Gänge
und der Gäste, wie die Schwelgefreude immer neuen Anlaß zu Festen
suchte, so entfaltete man den abstoßenden Luxus des Zuviel auch
beim äußeren Menschen, in der Kleidung. Vergeblich suchten allen
diesen Erscheinungen die Luxusordnungen der Städte und Landesherren
zu steuern; gegen den Kleideraufwand richteten sich um 1500 auch
Reichsordnungen, vor allem, um bei dem ständigen Nachobenstreben
der einzelnen Klassen die ständischen Unterschiede in der Tracht
aufrecht zu erhalten. Aber gerade der reiche Bürger, der Hauptträger
der materiellen Richtung der Zeit, ließ sich in seinem protzenhaften
groben Aufwand, den weniger reiche dann auch nachmachten, nicht stören.
Recht großer Besitz an Gewändern, recht überladene Kleidung, recht
teure Stoffe und Schmucksachen und recht auffallende Tracht – das war
die Losung der Zeit, die auch einen unglaublich raschen, sich ständig
in Extremen oder geradezu in Narrheiten bewegenden Wechsel der Mode
herbeiführte, wesentlich freilich unter französischen und burgundischen
Einflüssen. Einfachheit war jedenfalls verpönt, »altfränkisch«. Es
zeigten sich die abstoßenden Schattenseiten einer emporkömmlinghaften
Geldkultur, vor allem auch bei den Männern, die sich zum Teil weibisch
trugen, andererseits aber auch noch naive Züge, wie jene Vorliebe für
grelle Farben und das Durcheinander verschiedener Farben (S. 51).
Die grob-materielle Lebenskultur des Bürgertums hat Fürsten, Adel und
Geistlichkeit und auch zum Teil die Bauern vielfach zur Nachahmung
angeregt, soweit es nach den Mitteln überhaupt möglich war. Auf der
anderen Seite lag die derbe Lebenslust damals überhaupt in der Luft.
Wie scharfe Stimmen erhoben sich schon im 13. Jahrhundert gegen die
Sittenlosigkeit und den Luxus der Geistlichkeit, wie schnell entartete
nach dieser Richtung die höfische Kultur, wie sehr wird schon früh dem
Bauern Üppigkeit und Unehrbarkeit vorgeworfen! Also die Stadt förderte
nur diese allgemeine Strömung, allerdings in bedeutendem Maße.
An dieser übersprudelnden Weltfreude wollte nun auch das niedere
städtische Volk seinen Anteil haben, und so beschränkt die Mittel
waren, so laut und gröblich brachte es sich zur Geltung. Dieses
_niedere Volk_ wird nun aber überhaupt in den Städten ein _wichtiger
Faktor_. Zusammen mit den mittleren Schichten brachte es den
_Massengeist_ zu einer bis dahin unbekannten Bedeutung. Auch die
nichtstädtische Masse ist damals, wie schon angedeutet, lebhafter
in die Erscheinung getreten. Aber die Städte bleiben doch die Orte,
wo diese Masse geschlossener auftritt, wo sie Führer findet, nicht
zum wenigsten unter den niederen geistlichen Elementen, wo sie sich
stärker zum Ausdruck bringen kann, wo die Bedeutung der Stadt als
solcher auch ihr Selbstgefühl verleiht, wo aber auch durch die ständige
Berührung mit den reicheren Kreisen begehrliche und angriffslustige
Stimmungen genährt werden. Andererseits hofften in den Städten gerade
die verschiedenartigen niederen Schichten, zum Teil noch bäuerlichen
Charakters, selbst die Fahrenden, vor allem immer darauf, schnell
heraufzukommen, ihr Glück zu machen. Die Geldentlohnung endlich
machte auch die kleinen Leute selbständiger, selbstbewußter und
fähiger, an ihrem Teil an der allgemeinen Genußfreude teilzunehmen.
So verstärkte sich denn jener _demokratische_ Geist, der schon die
Zunftkämpfe hervorgerufen hatte, mehr und mehr. Etwas Demokratisches
liegt von vornherein in dem städtischen _Zusammenwohnen_ einer
aneinander gepferchten größeren Masse, ebenso wie in dem Ritterleben
auf Burgen etwas dem Treiben der Menge Abholdes. Ob dem Ritter
immer die aristokratische Vereinzelung behagte, ob er überhaupt das
Aristokratische darin empfand, ist eine andere Frage.
Wie wichtig die _Masse_, insbesondere die städtische, nun im
ausgehenden Mittelalter wurde, das zeigt sich auf den verschiedensten
Gebieten. Zunächst auf dem für das Mittelalter bedeutsamsten,
auf _religiös-kirchlichem_ Gebiet und zwar nicht sowohl im Sinne
einer stärkeren Abwendung von der Kirche infolge Geltendmachung
der weltlichen Ansprüche der niederen Laien als in Richtung einer
volkstümlicheren Haltung der Kirche selbst und eines mächtig
gesteigerten religiösen Volksbedürfnisses. Jene früher (S. 79)
beobachtete Opposition gegen die Kirche war insbesondere durch die
Spielleute auch in niederen Volksschichten genährt worden. Aber auch
ein geistliches Element förderte dieselbe, das der »Vaganten«, der
durch die Lande fahrenden Scholaren, die namentlich von Frankreich
her kamen, in einem höchst weltfreudigen Leben ihr Ideal fanden,
immer zu scharfem Spott über ihre heilige Kirche und den habgierigen
höheren Klerus geneigt waren und daher von der offiziellen Kirche
scharf verfolgt und schließlich beseitigt wurden. Diese anfangs feiner
gerichteten und auf ihre lateinische Bildung sehr stolzen Vaganten
waren gegen Ende des 13. Jahrhunderts, kurz vor ihrem Verschwinden,
bereits in einen gemeinen und rohen Ton verfallen und haschten jetzt
nach dem Beifall der von ihnen oft durch Hokuspokus genasführten
niedersten Schichten in Stadt und Land, haben auf diese Schichten aber
sicherlich auch manche ihrer Anschauungen übertragen. Ganz zweifellos
haben sodann die großen internationalen, vor allem romanischen
Ketzerbewegungen des 12. und 13. Jahrhunderts, die in immer neuen
Formen und Verbrüderungen sich auch später fortsetzten und in einem
volkstümlich-religiös-sittlichen Massendrang aus dem verdorbenen und
verweltlichten Katholizismus hinausstrebten, tief in das niedere Volk
übergegriffen. Deutschland war besonders im Süden und Westen von dieser
Bewegung erfaßt, und vor allem im Landvolk fand sie viele Anhänger,
sicherlich aus einem überquellenden religiösen Bedürfnis heraus, aber
vielleicht auch infolge einer immer noch im Verborgenen vorhandenen
Abneigung gegen die Kirche, die Überwinderin des alten heidnischen
Volksglaubens. Wenn Bertold von Regensburg dem Landvolk gegenüber von
den »frumen steten« spricht, so meint er damit den damals kirchlicheren
Geist der Städte.
Aber diese _Kirchlichkeit_ war wieder wesentlich eine _äußerliche_.
Das Mitmachen der kirchlichen Gebräuche war etwas ganz
Selbstverständliches, um so mehr, als die offizielle Kirche alles
tat, den weltfreudigen Neigungen wie den praktischen Interessen der
Städter möglichst gerecht zu werden. Der Klerus selbst verweltlichte
dabei immer mehr: hatte er erst der ritterlichen Kultur sich teilweise
angeschlossen, so schwamm er jetzt lustig in dem materiellen
städtischen Leben. Im übrigen paßte sich die Kirche nunmehr ganz der
größeren Volksmenge und ihrer Art an, immer in dem Bestreben, im
Mittelpunkte des ganzen Lebens zu stehen. Es begann einerseits die
gegen 1500 ihren Höhepunkt erreichende Zeit eines immer ausgedehnteren,
vor allem von Laien getragenen Kirchenbaues, so daß die Zahl der
Kirchen in den Städten auf lange Zeit hinaus genügte, andererseits
wurden die Kirchen weiträumiger und trugen dem Massenbesuch Rechnung.
Zu ihrem Bau wie zu ihrer prunkvollen Ausstattung steuerte mit
gewaltigem Schenkungseifer das ganze Bürgertum, nicht nur das reiche,
bei. Diese Kirchen wurden der Treffpunkt der Bürger, hier ging man
ungezwungen aus und ein, schwatzte, lachte, schrie, hielt Waren feil;
hier trugen die Frauen ihren Putz zur Schau. Auf den Kirchhöfen setzte
sich das Treiben fort, an die Kirchen klebte man Verkaufsbuden usw.
Am großartigsten trat dieser volkstümliche Charakter der Kirche bei
den großen Festen, den Prozessionen usw., hervor, deren Gepränge und
Pomp wie ein Schauspiel für das ganze Volk wirkten und die auch als
Feste des Volkes angesehen wurden. Umgekehrt waren die weltlichen Feste
immer auch etwas kirchlich gefärbt, wurden z. B. von feierlichen Messen
eingeleitet. Die vielen Bruderschaften und Genossenschaften waren
regelmäßig mit der Kirche verbunden, hatten zum Teil ihre besonderen
Altäre und waren immer um das Seelenheil eines verstorbenen Genossen
durch Stiftung von Messen usw. besorgt. Auf die Zünfte wie auf die
Gesellenverbände hatten meist bestimmte Geistliche Einfluß. Die enge
Verbindung der Kirche mit allen Ständen ergab sich im übrigen von
selbst aus den Beziehungen der zahlreichen Kleriker, Mönche und Nonnen
zu ihren alten Angehörigen, die sie auch zu Schenkungen und Stiftungen
für die Kirche fortgesetzt anzuregen wußten.
Aber was nun insbesondere die _niedere_ Masse betrifft, so hat
der städtische _Massengeist_ auch die _geistliche_ Macht zum
Teil durchsetzt und entsprechende Bildungen und Erscheinungen
hervorgerufen. Zunächst hing ja schon die niedere Geistlichkeit eng
mit dem eigentlichen Volk zusammen, lebte in dessen Interessen- und
Anschauungskreis und war auf dem Lande völlig verbauert, in der Stadt
ebenfalls mit den kleinen Leuten verbunden, teilte oder schürte oft
den Haß gegen die Reichen, kümmerte sich aber um ihre seelsorgerischen
Pflichten wenig. Ganz auf dem Boden des armen und geplagten Volkes,
zunächst der romanischen Städte, standen dann die gerade um _sein_
kirchliches Heil besorgten _Bettelorden_ des 13. Jahrhunderts, die
weder Grundbesitz noch Einkünfte haben, vielmehr von frommen Almosen
leben sollten, und die aus ihrer Mitte hervorgehenden volkstümlichen
Prediger. Die Bettelorden waren eine neue Erscheinung der ewig
fruchtbaren romanischen Askese, den neuen Zeitverhältnissen angepaßt
und gegen die aufkommende Kapitalmacht gerichtet. Sie waren bald über
die Christenheit verbreitet, zumal sie, klug von der Kurie benutzt,
nicht unter den Bischöfen standen, sondern überall predigen und für
Papst und Kirche gegen die Ketzer kämpfen sollten. Gerade durch
ihre liebevolle Sorge für die Armen gruben sie in den Städten der
Ketzerbewegung den Boden ab, so daß bald der Kampf gegen die Ketzer
zurück- und der Kampf gegen die materielle Genußsucht, gegen die Sünden
der Reichen, gegen den »Wucher« der Kaufleute, aber auch gegen die
sittlichen Mißstände überhaupt in den Vordergrund trat. Diese Mönche
sind denn auch in Deutschland rasch volkstümlich geworden, besonders
die Franziskaner gegenüber den feineren, zugleich auf gelehrte Bildung
gerichteten Dominikanern, so der gewaltige Bertold von Regensburg mit
seiner von den Bettelorden überhaupt gezeigten Abneigung gegen die
damals herrschende aristokratisch-höfische Kultur. Im 14. Jahrhundert
hat durch diese Prediger dann gerade der strengere kirchliche, aber
auch der wirklich religiöse Geist im Volke stark zugenommen. Doch
setzten bereits damals starke Verfallserscheinungen ein. Mehr und
mehr machten sich jene Prediger abhängig von der Stimmung der Masse,
verweltlichten schließlich ebenso wie die offizielle Kirche und
verdarben selbst die früh bemerkbare religiöse Bewegung gegen die
überströmende Weltfreude und materielle Genußsucht.