Alles das hängt mit dem auf das _Materielle_ gerichteten Sinn der

Zeit zusammen, und dieser Zug wird gerade durch die bürgerliche

Kultur sehr gefördert. Materiell war ja doch diese Kultur in erster

Linie, nicht in dem Sinne, daß der Genuß die Hauptsache war – im

Gegenteil, wir lernten schon die Arbeit als den beherrschenden Faktor

des städtischen Lebens, im Gegensatz zum ritterlichen Weltfreuden- und

mönchischen Jenseitsideal, kennen. Aber im Vordergrund des Sinnens und

Trachtens stand – und zwar nicht nur in der kaufmännischen Schicht –

der Gelderwerb. Das allgemeine Ziel ist der Wohlstand, ein mäßiger

nach den Anschauungen der Handwerker, ein möglichst großer nach

denen der Kaufleute, aber damit doch wieder eben der Lebensgenuß,

der entsprechend der Massengeselligkeit und der geringen Entwicklung

feineren Innenlebens von selbst gemeine Formen annahm. Und auch über

die höheren Fragen des Lebens entschied immer der materiell-praktische

Gesichtspunkt, die Kirchlichkeit wurde bei der Mehrheit äußerlicher als

je, der materielle Gedanke von Leistung und Gegenleistung war zum Teil

ausschlaggebend.

Das arbeitsame, erwerbslustige, grober Lebensfreude zugetane

deutsche Bürgertum war in seinen noch _einfachen Verhältnissen_

mit dem romanischen Bürgertum, vor allem mit dem italienischen

der Renaissancezeit, nicht zu vergleichen. Schon das eigentlich

Städtische, das ja erst neben dem Höfischen eine höhere Ausgestaltung

der Kultur verbürgte, hatte sich, wie wir (S. 98) sahen, in den

stark bäuerlich gefärbten Sitzen des deutschen Bürgertums noch gar

nicht völlig durchgesetzt, von den vielen kleinen Landstädten ganz

abgesehen. Freilich machten sich eine immer stärkere Gleichartigkeit

der städtischen Interessen und noch mehr der Lebensbedingungen sowie

eine immer zunehmende Vielseitigkeit der Berufe geltend, und gerade

im Nichtbäuerlichen lag die Anziehungskraft der Städte. Eine rein

städtische Kultur war dagegen in Frankreich und Italien erblüht,

gewiß noch in Anknüpfung an längst unterbrochene Überlieferungen. In

Italien hatte sich weiter jene hochstehende geistige, künstlerische

und Lebenskultur entfaltet, der gegenüber die deutschen Bürger wie die

Deutschen überhaupt doch noch immer als barbarische Leute erscheinen

mußten, trotz ihrer wirtschaftlichen und materiellen Errungenschaften.

Wenn wir dann aus dem 15. Jahrhundert zahlreiche, teilweise begeisterte

Schilderungen deutscher Städte besonders auch durch Italiener besitzen,

so liegt ihnen gewiß das Erstaunen zugrunde, das diese über die

unerwartete Höhe der äußeren Kultur in dem mißachteten Deutschland

empfunden hatten. Überdies stammen die Urteile meist erst aus der

zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, als der _steigende Wohlstand_ den

Städten vielfach ein glänzenderes Aussehen gegeben hatte als früher.

Denn im ganzen boten die mittelalterlichen Städte so wenig ein Bild

luxuriöser Pracht wie etwa die Burgen, und auch das Dasein selbst

trug trotz jener doch ziemlich groben Üppigkeit noch den Stempel der

Einfachheit. Die öffentlichen Gebäude und die Häuser der Reichen

zwar, die seit dem 14. Jahrhundert häufig den Hof des Stadtherrn sich

zum Vorbild genommen hatten, gewannen schon im 15. Jahrhundert eine

reichere Gestalt, namentlich aber dann unter italienischen Einflüssen

im 16., bis die Sucht nach künstlerischer Verzierung der Steinbauten

wie der niedersächsischen Holzbauten fast übertrieben wurde. Die Häuser

der weniger Bemittelten standen natürlich weit zurück. – Auch im

Innern der Häuser und im Hausrat zeigte sich erst im 15. Jahrhundert

eine reichere Entwicklung. Einmal war das Bürgerhaus immer zugleich

Arbeitshaus und diente dem Gewerbe oder dem Handel, andererseits wich

das Enge, Unbequeme, technisch Unentwickelte nur langsam. Das zeigen

die kleinen und niedrigen Räume, der schlechte Fensterverschluß, die

mangelhafte Heizung und Beleuchtung. Im 15. Jahrhundert entwickelten

sich bei den Reichen Prunkräume mit Glasfenstern, kunstvoll

gearbeiteten Öfen, schön geschnitzter Wandtäfelung (an Stelle jenes,

den höfischen Wohnstätten nachgemachten Behängens mit Wandteppichen),

mit wundervoll gearbeiteten, aber schweren Kunstmöbeln (Truhen, von

den Schränken später verdrängt, Tischen und Bänken). Manches davon

ging auch mehr und mehr auf die eigentlichen Wohnräume über; ferner

gab es in den Schlafzimmern große Betten mit schön geschnitztem Dach

und prächtigen Decken. Seit dem ausgehenden Mittelalter fand man auch

vielfach Wanduhren im Bürgerhause.

Unterschiede zwischen dem Patriziat und dem mittleren und kleinen

Bürger muß man auch bezüglich der Nahrungsweise machen, und selbst

bei jenem beginnt der größere Luxus erst wieder gegen Ende des 15.

Jahrhunderts. Stärker als auf dem Lande, überhaupt sehr bedeutend

war in der Stadt freilich der Fleischverbrauch. Bei der Fleischkost

war wie schon früher der Verbrauch von scharfen Gewürzen zur Brühe

außerordentlich, auch in romanischen Ländern. Diese mittelalterliche

Weise hat der konservative Engländer zum Teil noch heute bewahrt, ein

Zeichen eines wenig entwickelten Geschmacks. Im ganzen entbehrte

die städtische Küche trotz der überladenen Üppigkeit festlicher

Genossenschafts- und privater Mahle noch lange größerer Feinheit.

Eine bedeutende Rolle spielten die Gewürze sodann bei der von

Klöstern und Höfen übernommenen feineren Bäckerei, und bald bildeten

sich in einzelnen Städten Besonderheiten von Pfeffer-(Gewürz)kuchen

unter verschiedenen Namen aus, wie überhaupt das bessere Gebäck die

mannigfaltigsten örtlichen Formen annahm. Im übrigen war natürlich

die Brotnahrung die wichtigste und allgemeinste. Fleischer und Bäcker

waren bei dem großen Verbrauch die stärksten Gewerbe, sie erfreuten

sich auch seitens der fürsorglichen städtischen Obrigkeit besonderer

Beaufsichtigung sowohl hinsichtlich der Güte der Erzeugnisse wie der

Preise und des Gewichts.

Mit der stark gewürzten Nahrung steigerte sich zum Teil der

Getränkeverbrauch, wie andererseits die Gewürze die Vielesserei

erleichterten. Das Bier spielte eine Hauptrolle in den norddeutschen

Städten, in denen sich neben der Haus- und der Reihumbrauerei vielfach

ein leistungsfähiges Braugewerbe, damit eine bessere Bierbereitung und

ein lebhafter Bierhandel – denn von den vielen Sondersorten hatten

einzelne bald einen großen Ruf erlangt – entwickelten. Das norddeutsche

Bier wurde zum Teil schon in den Süden, wo sonst der Wein vorherrschte,

eingeführt. Doch braute man z. B. in Nürnberg auch selbst. Umgekehrt

war der Weinhandel nach Norden viel stärker, namentlich der

Rheinweinhandel. Denn der im Norden und Osten selbst gebaute Wein

(vgl. S. 44) wird doch nicht allzu sehr geschätzt gewesen sein, trotz

der Ausfuhr z. B. von Gubener Wein. Auf dem Lande trank man im Süden

neben Obstwein gewöhnlichen Landwein, und zwar als Most oder als jungen

Wein. Auch die süddeutschen Städte versorgte der Handel (namentlich

von Ulm aus) mit den begehrten guten Sorten, dem Rhein-, Frankenwein

usw., aber auch schon mit südlichen Weinen. Weinpantscherei war dabei

sehr häufig. Landwein suchte man durch aromatische Kräuter und Würzung

oder Zuckerung zu verbessern. So gab es in Deutschland genug des

Trinkbaren. Bei Beratungen, bei Kaufhandlungen (Weinkauf), bei den

Zusammenkünften der vielen Genossenschaften, bei den großen städtischen

Mahlen, bei den Familienfesten liebte man einen guten Trunk. Die

einzelnen gesellschaftlichen Kreise hatten auch ihre Trinkstuben, die

Patrizier wie die Zünfte; für das niedere Volk gab es die Schenken und

Tavernen, deren Zahl immer zunahm. Und die Trinkfreude stieg mit dem

ausgehenden Mittelalter immer mehr, vor allem im Biergebiet, in Sachsen

(Niederdeutschland), wie die Vielesserei, die _Genußsucht_ überhaupt.

Voll und toll zu werden, war geradezu ein Ziel, das man namentlich mit

dem »Zutrinken« zu erreichen suchte. Es war das Sichaustoben eines

überkräftigen Volkes, das seinen alten Ruf des Barbarentums freilich

dadurch bei den mäßigeren und gesellschaftlich kultivierteren Romanen

aufs neue kräftigte.

Dieselbe Zügellosigkeit zeigte sich in geschlechtlicher Beziehung.

Und wenn neben der Trunksucht auch z. T. die Sittenlosigkeit damals

eine Schwäche des Gesamtvolks gewesen ist und schon damals von

Obrigkeit und Kirche bekämpft zu werden begann, so tritt dieser Zug

doch besonders bei der städtischen Bevölkerung hervor, schon weil die

Quellen für deren Zustände reichlicher fließen, dann aber auch, weil

sich die Gelegenheit und die Mittel zu solchem Treiben in den Städten

leichter fanden, übrigens auch für den umwohnenden Adel, und sich

aus dem Zusammenleben einer stärkeren Bevölkerung leichter ergaben.

Ja, es scheint, als ob das erstmalige Zusammenfassen größerer Massen

in Städten ein jugendliches Volk von selbst in dieser Beziehung sich

voller ausleben läßt. In sittlicher Hinsicht ist dann das leichtere

Zusammenströmen schlimmer Elemente, die in den Dörfern und Burgen

meist keinen dauernden Aufenthalt haben konnten, in den Städten von

Einfluß. Man war übrigens nicht nur den Junggesellen gegenüber, wie

hergebracht, duldsam, sondern auch gegenüber den Ehemännern. Die

verheirateten Frauen andererseits hatten besonders die Nachstellungen

der Geistlichen zu fürchten. Die sinnlichen Neigungen der Zeit –

früh hatte auch die eifernde Sucht der Kirche, das Natürliche, das

Nackte anstößig zu machen, gerade die Lüsternheit verbreitet – wurden

in den damaligen Städten besonders durch die Badstuben und die nur

in den Städten mögliche, notgedrungene Organisation der Unzucht,

durch die Frauenhäuser, gefördert. Bäder waren dem Mittelalter seit

je unerläßlich, zumal man das bloße Waschen vernachlässigte. Die

Furcht vor dem Aussatz förderte überdies das heiße Baden, das man

als Gegenmittel ansah. Die für den Massenverkehr in den Städten

eingerichteten Badstuben wurden nun bald Stätten der Geselligkeit,

wo man auch aß und trank, Feste feierte und dergleichen. Es ergab

sich dann gelegentlich Schlimmeres, wenn auch das auf Bildern häufig

dargestellte Zusammenbaden der Geschlechter kaum allgemein üblich

gewesen ist. Im ganzen ging gegen Ende des Mittelalters das Badewesen

stark zurück, zum Teil wegen der damals auftretenden Syphilis, mit der

man sich im Bade anzustecken fürchtete. Diese um 1495 mit furchtbarer

Gewalt auftretende »Franzosen«-Seuche, die diesem (nach Paracelsus)

der »Luxuria« und der »Venus« ergebenen, materiellen Geschlecht wie

eine strafende Rächerin ihrer Sünden erscheinen mußte, trug vor allem

aber zum Rückgang jener Frauenhäuser bei, deren Insassinnen in den

Städten fast als wohlberechtigte Gewerbetreibende galten und deren

Besuch ganz offen stattfand und niemand schändete. Feindlich waren

diesem Treiben zum Teil die Ehrbarkeit pflegenden Handwerker, die sich

überhaupt über die Sittenlosigkeit der höheren Kreise wie des Pöbels

entrüsten mochten. Sie mochten auch das Hauptpublikum der geistlichen

Sittenprediger bilden, die heftig gegen die sündhafte Zeit eiferten

und dabei auch der großen Sünder aus der verweltlichten Geistlichkeit

keineswegs schonten.

_Gröbliche Übertreibung_ – sie ist vielfach das Zeichen _dieser

materiellen Kultur_ der Städte. Wie es beim Trinken und Essen

noch ganz wie beim Bauern vor allem auf die Menge ankam, wie man

sich bei amtlichen, genossenschaftlichen und Familienfestmahlen

in üblem Wetteifer nicht genug tun konnte in der Zahl der Gänge

und der Gäste, wie die Schwelgefreude immer neuen Anlaß zu Festen

suchte, so entfaltete man den abstoßenden Luxus des Zuviel auch

beim äußeren Menschen, in der Kleidung. Vergeblich suchten allen

diesen Erscheinungen die Luxusordnungen der Städte und Landesherren

zu steuern; gegen den Kleideraufwand richteten sich um 1500 auch

Reichsordnungen, vor allem, um bei dem ständigen Nachobenstreben

der einzelnen Klassen die ständischen Unterschiede in der Tracht

aufrecht zu erhalten. Aber gerade der reiche Bürger, der Hauptträger

der materiellen Richtung der Zeit, ließ sich in seinem protzenhaften

groben Aufwand, den weniger reiche dann auch nachmachten, nicht stören.

Recht großer Besitz an Gewändern, recht überladene Kleidung, recht

teure Stoffe und Schmucksachen und recht auffallende Tracht – das war

die Losung der Zeit, die auch einen unglaublich raschen, sich ständig

in Extremen oder geradezu in Narrheiten bewegenden Wechsel der Mode

herbeiführte, wesentlich freilich unter französischen und burgundischen

Einflüssen. Einfachheit war jedenfalls verpönt, »altfränkisch«. Es

zeigten sich die abstoßenden Schattenseiten einer emporkömmlinghaften

Geldkultur, vor allem auch bei den Männern, die sich zum Teil weibisch

trugen, andererseits aber auch noch naive Züge, wie jene Vorliebe für

grelle Farben und das Durcheinander verschiedener Farben (S. 51).

Die grob-materielle Lebenskultur des Bürgertums hat Fürsten, Adel und

Geistlichkeit und auch zum Teil die Bauern vielfach zur Nachahmung

angeregt, soweit es nach den Mitteln überhaupt möglich war. Auf der

anderen Seite lag die derbe Lebenslust damals überhaupt in der Luft.

Wie scharfe Stimmen erhoben sich schon im 13. Jahrhundert gegen die

Sittenlosigkeit und den Luxus der Geistlichkeit, wie schnell entartete

nach dieser Richtung die höfische Kultur, wie sehr wird schon früh dem

Bauern Üppigkeit und Unehrbarkeit vorgeworfen! Also die Stadt förderte

nur diese allgemeine Strömung, allerdings in bedeutendem Maße.

An dieser übersprudelnden Weltfreude wollte nun auch das niedere

städtische Volk seinen Anteil haben, und so beschränkt die Mittel

waren, so laut und gröblich brachte es sich zur Geltung. Dieses

_niedere Volk_ wird nun aber überhaupt in den Städten ein _wichtiger

Faktor_. Zusammen mit den mittleren Schichten brachte es den

_Massengeist_ zu einer bis dahin unbekannten Bedeutung. Auch die

nichtstädtische Masse ist damals, wie schon angedeutet, lebhafter

in die Erscheinung getreten. Aber die Städte bleiben doch die Orte,

wo diese Masse geschlossener auftritt, wo sie Führer findet, nicht

zum wenigsten unter den niederen geistlichen Elementen, wo sie sich

stärker zum Ausdruck bringen kann, wo die Bedeutung der Stadt als

solcher auch ihr Selbstgefühl verleiht, wo aber auch durch die ständige

Berührung mit den reicheren Kreisen begehrliche und angriffslustige

Stimmungen genährt werden. Andererseits hofften in den Städten gerade

die verschiedenartigen niederen Schichten, zum Teil noch bäuerlichen

Charakters, selbst die Fahrenden, vor allem immer darauf, schnell

heraufzukommen, ihr Glück zu machen. Die Geldentlohnung endlich

machte auch die kleinen Leute selbständiger, selbstbewußter und

fähiger, an ihrem Teil an der allgemeinen Genußfreude teilzunehmen.

So verstärkte sich denn jener _demokratische_ Geist, der schon die

Zunftkämpfe hervorgerufen hatte, mehr und mehr. Etwas Demokratisches

liegt von vornherein in dem städtischen _Zusammenwohnen_ einer

aneinander gepferchten größeren Masse, ebenso wie in dem Ritterleben

auf Burgen etwas dem Treiben der Menge Abholdes. Ob dem Ritter

immer die aristokratische Vereinzelung behagte, ob er überhaupt das

Aristokratische darin empfand, ist eine andere Frage.

Wie wichtig die _Masse_, insbesondere die städtische, nun im

ausgehenden Mittelalter wurde, das zeigt sich auf den verschiedensten

Gebieten. Zunächst auf dem für das Mittelalter bedeutsamsten,

auf _religiös-kirchlichem_ Gebiet und zwar nicht sowohl im Sinne

einer stärkeren Abwendung von der Kirche infolge Geltendmachung

der weltlichen Ansprüche der niederen Laien als in Richtung einer

volkstümlicheren Haltung der Kirche selbst und eines mächtig

gesteigerten religiösen Volksbedürfnisses. Jene früher (S. 79)

beobachtete Opposition gegen die Kirche war insbesondere durch die

Spielleute auch in niederen Volksschichten genährt worden. Aber auch

ein geistliches Element förderte dieselbe, das der »Vaganten«, der

durch die Lande fahrenden Scholaren, die namentlich von Frankreich

her kamen, in einem höchst weltfreudigen Leben ihr Ideal fanden,

immer zu scharfem Spott über ihre heilige Kirche und den habgierigen

höheren Klerus geneigt waren und daher von der offiziellen Kirche

scharf verfolgt und schließlich beseitigt wurden. Diese anfangs feiner

gerichteten und auf ihre lateinische Bildung sehr stolzen Vaganten

waren gegen Ende des 13. Jahrhunderts, kurz vor ihrem Verschwinden,

bereits in einen gemeinen und rohen Ton verfallen und haschten jetzt

nach dem Beifall der von ihnen oft durch Hokuspokus genasführten

niedersten Schichten in Stadt und Land, haben auf diese Schichten aber

sicherlich auch manche ihrer Anschauungen übertragen. Ganz zweifellos

haben sodann die großen internationalen, vor allem romanischen

Ketzerbewegungen des 12. und 13. Jahrhunderts, die in immer neuen

Formen und Verbrüderungen sich auch später fortsetzten und in einem

volkstümlich-religiös-sittlichen Massendrang aus dem verdorbenen und

verweltlichten Katholizismus hinausstrebten, tief in das niedere Volk

übergegriffen. Deutschland war besonders im Süden und Westen von dieser

Bewegung erfaßt, und vor allem im Landvolk fand sie viele Anhänger,

sicherlich aus einem überquellenden religiösen Bedürfnis heraus, aber

vielleicht auch infolge einer immer noch im Verborgenen vorhandenen

Abneigung gegen die Kirche, die Überwinderin des alten heidnischen

Volksglaubens. Wenn Bertold von Regensburg dem Landvolk gegenüber von

den »frumen steten« spricht, so meint er damit den damals kirchlicheren

Geist der Städte.

Aber diese _Kirchlichkeit_ war wieder wesentlich eine _äußerliche_.

Das Mitmachen der kirchlichen Gebräuche war etwas ganz

Selbstverständliches, um so mehr, als die offizielle Kirche alles

tat, den weltfreudigen Neigungen wie den praktischen Interessen der

Städter möglichst gerecht zu werden. Der Klerus selbst verweltlichte

dabei immer mehr: hatte er erst der ritterlichen Kultur sich teilweise

angeschlossen, so schwamm er jetzt lustig in dem materiellen

städtischen Leben. Im übrigen paßte sich die Kirche nunmehr ganz der

größeren Volksmenge und ihrer Art an, immer in dem Bestreben, im

Mittelpunkte des ganzen Lebens zu stehen. Es begann einerseits die

gegen 1500 ihren Höhepunkt erreichende Zeit eines immer ausgedehnteren,

vor allem von Laien getragenen Kirchenbaues, so daß die Zahl der

Kirchen in den Städten auf lange Zeit hinaus genügte, andererseits

wurden die Kirchen weiträumiger und trugen dem Massenbesuch Rechnung.

Zu ihrem Bau wie zu ihrer prunkvollen Ausstattung steuerte mit

gewaltigem Schenkungseifer das ganze Bürgertum, nicht nur das reiche,

bei. Diese Kirchen wurden der Treffpunkt der Bürger, hier ging man

ungezwungen aus und ein, schwatzte, lachte, schrie, hielt Waren feil;

hier trugen die Frauen ihren Putz zur Schau. Auf den Kirchhöfen setzte

sich das Treiben fort, an die Kirchen klebte man Verkaufsbuden usw.

Am großartigsten trat dieser volkstümliche Charakter der Kirche bei

den großen Festen, den Prozessionen usw., hervor, deren Gepränge und

Pomp wie ein Schauspiel für das ganze Volk wirkten und die auch als

Feste des Volkes angesehen wurden. Umgekehrt waren die weltlichen Feste

immer auch etwas kirchlich gefärbt, wurden z. B. von feierlichen Messen

eingeleitet. Die vielen Bruderschaften und Genossenschaften waren

regelmäßig mit der Kirche verbunden, hatten zum Teil ihre besonderen

Altäre und waren immer um das Seelenheil eines verstorbenen Genossen

durch Stiftung von Messen usw. besorgt. Auf die Zünfte wie auf die

Gesellenverbände hatten meist bestimmte Geistliche Einfluß. Die enge

Verbindung der Kirche mit allen Ständen ergab sich im übrigen von

selbst aus den Beziehungen der zahlreichen Kleriker, Mönche und Nonnen

zu ihren alten Angehörigen, die sie auch zu Schenkungen und Stiftungen

für die Kirche fortgesetzt anzuregen wußten.

Aber was nun insbesondere die _niedere_ Masse betrifft, so hat

der städtische _Massengeist_ auch die _geistliche_ Macht zum

Teil durchsetzt und entsprechende Bildungen und Erscheinungen

hervorgerufen. Zunächst hing ja schon die niedere Geistlichkeit eng

mit dem eigentlichen Volk zusammen, lebte in dessen Interessen- und

Anschauungskreis und war auf dem Lande völlig verbauert, in der Stadt

ebenfalls mit den kleinen Leuten verbunden, teilte oder schürte oft

den Haß gegen die Reichen, kümmerte sich aber um ihre seelsorgerischen

Pflichten wenig. Ganz auf dem Boden des armen und geplagten Volkes,

zunächst der romanischen Städte, standen dann die gerade um _sein_

kirchliches Heil besorgten _Bettelorden_ des 13. Jahrhunderts, die

weder Grundbesitz noch Einkünfte haben, vielmehr von frommen Almosen

leben sollten, und die aus ihrer Mitte hervorgehenden volkstümlichen

Prediger. Die Bettelorden waren eine neue Erscheinung der ewig

fruchtbaren romanischen Askese, den neuen Zeitverhältnissen angepaßt

und gegen die aufkommende Kapitalmacht gerichtet. Sie waren bald über

die Christenheit verbreitet, zumal sie, klug von der Kurie benutzt,

nicht unter den Bischöfen standen, sondern überall predigen und für

Papst und Kirche gegen die Ketzer kämpfen sollten. Gerade durch

ihre liebevolle Sorge für die Armen gruben sie in den Städten der

Ketzerbewegung den Boden ab, so daß bald der Kampf gegen die Ketzer

zurück- und der Kampf gegen die materielle Genußsucht, gegen die Sünden

der Reichen, gegen den »Wucher« der Kaufleute, aber auch gegen die

sittlichen Mißstände überhaupt in den Vordergrund trat. Diese Mönche

sind denn auch in Deutschland rasch volkstümlich geworden, besonders

die Franziskaner gegenüber den feineren, zugleich auf gelehrte Bildung

gerichteten Dominikanern, so der gewaltige Bertold von Regensburg mit

seiner von den Bettelorden überhaupt gezeigten Abneigung gegen die

damals herrschende aristokratisch-höfische Kultur. Im 14. Jahrhundert

hat durch diese Prediger dann gerade der strengere kirchliche, aber

auch der wirklich religiöse Geist im Volke stark zugenommen. Doch

setzten bereits damals starke Verfallserscheinungen ein. Mehr und

mehr machten sich jene Prediger abhängig von der Stimmung der Masse,

verweltlichten schließlich ebenso wie die offizielle Kirche und

verdarben selbst die früh bemerkbare religiöse Bewegung gegen die

überströmende Weltfreude und materielle Genußsucht.

Kulturgeschichte der Deutschen im Mittelalter · 第 13 / 17 段