Das auf dem Gebiet höherer Kultur führende Element bleibt aber auch

in den Städten die Geistlichkeit, die allerdings immer stärker

von bürgerlich-demokratischem Geist erfüllt wird, bis ihr die

Laienschicht die Kulturpflege nach und nach abnimmt. Zunächst

triumphiert überhaupt in der Welt des 13. Jahrhunderts neben der

ritterlichen führenden Schicht, neben dem bäuerlichen urtümlichen

Element und dem bürgerlichen Träger der Zukunft die _Kirche_ als

_alte Kulturmacht_ noch durchaus. Aus Frankreich war nicht nur die

siegreiche weltlich-höfische Kultur gekommen, sondern vorher auch jener

strengkirchliche Geist, der dann aber auch einen neuen Aufschwung

kirchlich-kulturellen Lebens einleitete. _Gotik_ (s. S. 88) und

Scholastik sind die großen aus Frankreich stammenden Erscheinungen, in

denen man zunächst Kulturschöpfungen der Geistlichkeit sehen muß, in

denen viel von dem Geist der neuen Zeit nach den Kreuzzügen verarbeitet

ist. Wenn man in den hochragenden gotischen Kirchen der Städte später

gewiß auch das mächtig aufstrebende Bürgertum sich widerspiegeln

sehen darf, wenn sie sich zum Teil gerade aus den Ansprüchen der

wachsenden städtischen Bevölkerung, denen die romanischen Bauten

nicht mehr gerecht wurden, entwickelt haben, wenn an ihrer Errichtung

und Gestaltung in immer größerem Maße Laien beteiligt waren, so sind

jene Bauten doch in erster Linie die erhabensten Zeugen der Macht des

priesterlichen Elements, des kirchlichen Geistes im Volke und des

kulturellen Könnens der Geistlichen, nicht eines der Welt zugewandten

Sinnes. Auf Gott und das Überirdische war ihrem ganzen Wesen nach

auch die _Scholastik_ gerichtet, die wie die Gotik die künstlerische,

so die geistige Höhe der geistlichen Kultur darstellt (im übrigen

aber eine noch nicht genug erforschte, lange Vorgeschichte hat). Auch

in ihr steckt andererseits etwas vom laiischen, freier gerichteten

Geist. Der Mittelpunkt des geistlich-geistigen Lebens blieb die

Theologie, aber eine Theologie, deren Glaubenssätze philosophisch

durchdacht und gerechtfertigt wurden, die zu einem philosophischen

Gedankensysteme erblühte. Unzweifelhaft entspringt diese Strömung zu

einem wesentlichen Teil den geistigen Einflüssen des Islam, denen sich

seit den Kreuzzügen das Abendland geöffnet hatte und durch die diesem

vor allem wieder die griechischen Philosophen und sonstigen Autoren

unter spanisch-jüdischer Vermittlung bekannt wurden. Zurück traten, vor

allem gegenüber den metaphysisch-logischen Zweigen, die schon durch

jene asketische Bewegung bekämpften poetisch-grammatisch-literarischen

Studien. Der große Meister der Wissenschaft wurde Aristoteles, die

Quelle der Wahrheit, freilich durchaus theologisch zurechtgestutzt und

namentlich formalistisch verwertet. Von Bedeutung wurde er insbesondere

auch für die Dialektik, die nun meist der Hauptunterrichtsgegenstand

und in dem nunmehr höchst wichtigen, wiederum formalistisch geführten

Schul- und Meinungsstreit die eigentliche Methode der Scholastik

wurde. Man darf über diesem, eben vor allem durch _schulmäßige_

Übung entwickelten, zugespitzten, künstlichen, äußerlich-formalen,

alles begriffsmäßig zustutzenden, auch wieder stark verfeinerten,

dekorativen Treiben nicht das wesentliche Moment übersehen, daß damit

doch eine sehr bedeutende Schulung des Verstandes einherging, daß

überhaupt das Denken, die Vernunft eine entscheidende Rolle spielte.

Man gelangte doch zu einem selbständigeren wissenschaftlichen Denken.

Es handelt sich wirklich um Philosophie, freilich um mittelalterliche

Philosophie. Ihr Hauptziel war die Vereinigung von Glauben und Denken,

Theologie und Philosophie, wobei sie selbst aber die Dienerin war.

Eben _Frankreich_, wo das »~studium~« überhaupt blühte, ist wieder die

Hauptpflegestätte der Scholastik, und auch als solche äußert es seinen

damals gewaltigen Einfluß auf Deutschland. In Paris lehrte auch lange

der ~Doctor universalis~, Thomas von Aquino, der in seinem System mit

Hilfe des Aristoteles jene erstrebte Vereinigung erzielt zu haben

glaubte. Wie ihm dann Gegner erstanden, wie überhaupt die Scholastik,

die Universitätswissenschaft des späteren Mittelalters, sich weiter und

freier entwickelte, wird uns noch (S. 145 f.) beschäftigen.

Jedenfalls bestätigt auch das geistig-geistliche Leben, wie wichtige

Keime sich gerade im _13. Jahrhundert_, das ja auch im übrigen

Abendland eine der fruchtbringendsten Perioden war und besonders

für Frankreich eine Zeit des Glanzes darstellt, entfalteten. Es ist

in der Tat eine Zeit _allgemeiner Geltendmachung der Kräfte_. Es

bahnt sich bereits eine Ausgleichung zwischen den Mächten höherer

Kultur und den starken Fähigkeiten des Volkstums an. Es ist eine Zeit

materiellen Gedeihens, wie es vor allem durch die sich kraftvoll

hebenden niederen Volksschichten, den Bauer und den Bürger, oft

mit hartem, rücksichtslosem, gewalttätigem Egoismus erstrebt und

durchgesetzt wird. Die alte Ungebändigtheit – Papst Paschalis II.

fürchtete die Wildheit der Deutschen! – tritt dabei noch immer zutage;

sie zeigt auch der Ritter, je mehr er die höfische Verbildung von sich

abstreift. Auch die alte kriegerische Ader ist noch stark bemerkbar,

nicht nur beim Ritter, der den Waffenberuf ausschließlich für sich

in Anspruch nahm. Der Bauer kennt noch Wehr und Waffen; der Bürger

ist noch kein stubenhockender Philister. Die Städte sind Burgen,

Festungen; die Zünfte sind Wehrkörper; die Waffenübungen spielen eine

große Rolle. Aber der Schwerpunkt der bäuerlichen und bürgerlichen

Tätigkeit liegt nun doch ausschließlich in der wirtschaftlichen Arbeit.

Allmählich beeinträchtigt die aufblühende städtische Entwicklung

jene ländliche Gesamthaltung. Weniger zeigt sich der Einfluß des

Bürgertums zunächst im geistigen und künstlerischen Leben. Dagegen

sahen wir eine Laienkultur ästhetisch-gesellschaftlichen Charakters

sich im Rittertum entfalten. Der ästhetische Charakter der Zeit zeigt

sich ferner in jenem großartigen Aufblühen der bildenden Künste (s.

S. 87 ff.). Diesem zuletzt (S. 103 f.) auch für das geistige Leben

beobachteten kulturellen Gedeihen entspricht im politischen Leben

wenigstens teilweise noch eine Fortsetzung des staufischen Glanzes.

Aber bereits der von der feinsten Kultur seiner Zeit erfüllte Friedrich

II. wehrte der politischen Zersplitterung kaum noch: die sich aus

den großen Lehnsträgern entwickelnden Landesherren wurden vielmehr

in ihrer Machtstellung anerkannt. Mehr und mehr hatten sich die

zerstörenden Wirkungen des _Lehnswesens_ (s. S. 39) auf den Staat

gezeigt, wenn es auch andererseits durch die von ihm untrennbare

Treue, die Gegenseitigkeit, das mittelalterliche Staatswesen

zusammengehalten und dessen Macht gestärkt hat. Ausschließlich hat es

aber niemals geherrscht, nach v. Below am meisten noch gegen Ende des

12. Jahrhunderts. Der letztere empfiehlt daher auch die Vermeidung

der Bezeichnung Lehnsstaat und will insbesondere für die Zeit vom

Ende des 12. bis zum Ausgang des 15. Jahrhunderts den Ausdruck

_Feudalstaat_ angewandt wissen, dessen Hauptzüge die Veräußerung der

Hoheitsrechte und die Bedrohung der durch die weite Ausdehnung des

Reiches gehemmten Königsgewalt durch die örtlichen Gewalten sind. Neben

den Landesherrschaften sind die Einungen, die örtlichen Bündnisse

(s. S. 107), die selbständige Entwicklung der Städte u. a. für diese

Zeit bezeichnend. In der kaiserlosen Zeit, als eine Reichsgewalt

überhaupt fehlte, nahm das freie Spiel der Kräfte, vor allem auch die

gewalttätige Raublust, einen gefährlichen Charakter an.

Die deutsche Vorherrschaft in Europa war damit um so mehr erschüttert,

als gerade andere Staaten in dieser Zeit zu fester nationaler

Zusammenfassung gelangten, Frankreich vor allem, England und Spanien.

Auch in Italien zeigt sich ein Aufschwung des Nationalgefühls. In

Deutschland ging die Richtung auf immer größere Machtvollkommenheit

der verschiedenen _Landesherren_, die die in Frankreich so wirksame

Einziehung erledigter Lehen durch den König verhinderten und ihn

von jeder Einmischung in die Ausübung der erblich gewordenen Ämter

durch sie ausschlossen. Wie kräftig die Landesherrschaft sich

schon im 13. Jahrhundert entwickelt hatte, hat Spangenberg näher

ausgeführt. Daß etwa der Adel, der seine Ämter als erbliche Lehen

betrachtete, die Landesherren ebenso ohnmächtig machte, wie es der

Reichsgewalt von ihnen widerfahren war, hinderten diese, indem sie

hofrechtlich gebundene Ministerialen zum höfischen, militärischen und

Verwaltungsdienst gegen Besoldung durch Geld oder gegen Verleihung

nicht erblicher Lehen und sonstiger Benefizien und Einkünfte

heranzogen, überhaupt die Verfügung über erledigte Lehen immer

in ihrer Hand behielten. Im übrigen suchten sie ihren Besitz als

Machtmittel aber ständig zu vermehren und möglichst ein geschlossenes

Territorium zu schaffen. Sie erreichten (s. S. 80), daß der Adel, um

sich die Vorteile des Fürstendienstes nicht entgehen zu lassen, in

die Ministerialität eintrat. Diese wurde ihrerseits dadurch gehoben –

wir hörten schon (S. 80) von der Zusammenschmelzung der verschiedenen

Elemente zu ritterlichen Lehnsmannen. Diese Ministerialen wurden

nun als Amtleute usw. die Träger einer bald ziemlich straffen und

weitsichtigen Verwaltung des Territoriums, dessen Geschlossenheit

freilich geistliche und reichsunmittelbare Gebiete unterbrachen.

Ebenso drängten sie im fürstlichen Rat Geistlichkeit und Adel mehr

und mehr zurück: es bildete sich später ein ständiger oberster Rat

als Zentralverwaltung über der örtlichen Amtsverwaltung. Dieses

Beamtentum nahm nun schon die meisten der späteren fürstlichen

Aufgaben erfolgreich in Angriff, die Durchführung direkter Steuern,

die Ordnung von Münze, Maß und Gewicht, die Fürsorge für Wirtschaft

und Verkehr, und machte sich im Heer- und Gerichtswesen auch schon der

Kirche gegenüber geltend. Aber nach wenigen Jahrzehnten wurde alles

unterbrochen. Die Ritter suchten sich doch vom Landesherrn unabhängig

zu machen, sie bildeten selbstbewußte Körperschaften und benutzten

dieselben Mittel wie die Fürsten gegenüber dem König. Die Städte hatten

sich schon vorher immer selbständiger entwickelt, und ebenso hielt die

Geistlichkeit immer zäher an ihren alten Privilegien und Freiheiten

fest. Es war der frisch aufstrebende _ständische_ Staat, vor dem die

junge Landesherrschaft auf lange Zeit hinaus sich beugen und ihre

Machtmittel preisgeben mußte, bis später die allgemeine Zerrüttung

wieder zum Eingreifen des erstarkten Fürstentums führte.

Zunächst liegt in dem gegenseitigen Widerstreben der vielen

kleinen Gewalten – an sich ein Zeichen kräftigen Lebens in allen

Schichten und Vorbedingung für die großen Schöpfungen der Hansa u.

a. – der bezeichnende Zug politischen Lebens. Es war wieder der

alte _Individualismus_, verbunden mit oft unbändigem Egoismus, mit

Habgier und Nichtachtung der sittlichen Bande. Vergeblich waren

die gegen die Fehde- und Raublust schon im 12. Jahrhundert und

später immer wieder von der geschwächten Reichsgewalt aufgenommenen

Landfriedensbestrebungen, zumal bei der brüchigen Lehnsverfassung.

Gegen das räuberische Treiben, gegen die Fehdelust und das zum

wirklichen, formell ausgebauten Recht gewordene Fehderecht, kurz gegen

die allgemeine Unsicherheit fand man nur wieder in der Selbsthilfe ein

Mittel, freilich in einer mit dem alten genossenschaftlichen Geist

verbundenen Selbsthilfe, in der _Vereinigung_ der durch gleiches

Interesse Verbundenen. Fürsten, Städte, auch das wegen seiner

Verarmung unruhigste Element, die Ritter, schlossen sich zu Bünden

zusammen, in der Schweiz freie Bauern zur Eidgenossenschaft. Doch

liegt der Höhepunkt dieser Entwicklung im 14. Jahrhundert, als die

Fehde- und Raublust immer zunahm. Das 13. Jahrhundert sah noch nach

dem Interregnum die tatkräftige Friedensförderung durch Rudolf von

Habsburg. Im ganzen wird aber der politische Sondergeist mehr und

mehr zum Zeichen der Zeit, und das deutsche Reich als solches besteht

eigentlich mehr durch das Schwergewicht seiner Überlieferung als

durch wirkliche Machtstellung. Es ist nun nicht nur das selbständige

Gebaren aller, auch der kleinen politischen Gewalten und eigenständigen

Bildungen, sondern auch die außerordentliche Absonderung der einzelnen

Stände, die das allgemeine Auseinander, namentlich der späteren Zeit,

hervorruft. Wie die Stände, fast unabhängigen Staaten gleich, nach

besonderem Recht leben, die einen nach geistlichem (kanonischem), die

anderen nach ritterlichem Lehnsrecht, die dritten nach Stadtrecht, so

gibt sich auch die _Kultur_ gewissermaßen _ständisch_ (s. S. 74). Wir

können das später z. B. in der Literatur deutlicher verfolgen, in den

Gattungen der geistlichen, ritterlichen, bürgerlichen Dichtung. Die

Kultur dieser und der folgenden Zeit ist »Partialkultur«, wie sie J.

Burckhardt genannt hat. Ein kräftiges kulturelles Leben ist zum Teil

gerade dadurch hervorgerufen worden.

Andererseits tragen nun die Stände selbst wieder jenen stark

_internationalen_ Zug, natürlich unter Beschränkung auf das christliche

Abendland, seit jeher der geistliche Stand, aber, wie wir (S. 72)

sahen, auch das Rittertum, das Bürgertum, besonders der Kaufmann.

Internationalen Charakter trug überhaupt zum Teil die gesamte Kultur.

Zu den schon besprochenen gemeinsamen Erscheinungen waren nun die

stärkeren Berührungen mit dem Orient hinzugetreten, die zunächst bei

den Romanen, dann auch im übrigen Abendland zu einem Ausgleich zwischen

den heimischen Kräften und den neuen Anregungen führten. Höfische

Kultur, Scholastik und Gotik zeugen davon, alle mehr als nationalen

Charakters.

Ist also die Kultur damals teilweise Standeskultur, andererseits wieder

vielfach international gefärbt, so ist sie weiter zu einem guten Teil

auch insofern nicht nationale Gesamtkultur, als die _Stammesgegensätze_

noch immer ihre Rolle spielen. Der Hauptgegensatz ist jetzt weniger

der zwischen den _Sachsen_ und den Franken als der zwischen Sachsen

und »_Schwaben_«, d. h. zwischen Niederdeutschen und Oberdeutschen. Er

tritt schon hervor unter den salischen Herrschern, namentlich unter

Heinrich IV. und V., wobei auch die Thüringer zu den Sachsen hielten;

er spielt dann aber auch in den politischen Gegensatz zwischen den

(ursprünglich süddeutschen) Welfen und den schwäbischen Staufern

hinein. Gerade zur Stauferzeit wurde Schwaben das politisch und

kulturell führende Land. Die Schwaben haben im Heer das Vorstrittrecht,

sie führen die Reichssturmfahne, bei ihnen besonders blüht die höfische

Seite des ritterlichen Wesens, die gesellschaftliche Bildung und der

Minnesang. Aber die allgemein anerkannte »Werdekeit« der »stolzen«

Schwaben fand am ehesten bei den Sachsen Gegnerschaft, und wenn in

der »schwäbischen« Kultur manches Romanische steckt, so vertreten

die _Sachsen_ unzweifelhaft mehr das _altnationale_ Element, so sehr

sich in der Zeit der sächsischen Kaiser ihr kulturelles Leben gehoben

hatte. Eine wirkliche Annäherung an die oberdeutsche Kultur trat

eigentlich erst mit dem Sturze Heinrichs des Löwen ein, wodurch den

zentralen Mächten Kirche und Reich wieder größerer Einfluß gesichert

wurde. Im ganzen war aber für universalistisch-romanistische Strömungen

hier in Sachsen kein Boden. Die nationale Kraft der Niederdeutschen

zeigt sich weiter in ihrem kolonisatorischen Vordringen gegenüber

dem Slawentum, bei dem sie zugleich ihren praktisch-nüchternen Sinn

und ihren wirtschaftlichen Unternehmungsgeist, der ja auch die

niederdeutschen Kaufleute auszeichnete, bewährten. Die Sachsen waren

es ferner, die zuerst im praktischen Rechtsleben die heimische Sprache

auch für die schriftliche Abfassung eines Rechtsbuches anwandten,

des Sachsenspiegels, den um 1230 der Ritter Eicke von Repgowe auf

Veranlassung seines Herrn, des Grafen Hoyer von Falkenstein, ins

Niederdeutsche übertrug, nachdem er ihn ursprünglich lateinisch

niedergeschrieben hatte.

Aber gerade diese beiden gewaltigen Äußerungen volkstümlichen

Aufschwungs, die Germanisierung und Kolonisierung des slawisch

gewordenen Ostens und das allgemeine Durchdringen einer deutschen

Schriftsprache, sind nun doch auch wieder für das Gesamtvolk

bezeichnend, sind Beweise der _nationalen Gesamtkraft_. Über die

_Kolonisation des Ostens_, die schon im 12. Jahrhundert einsetzte und

im 14. noch andauerte, seien hier alle Einzelheiten beiseitegelassen.

Mit der im 12. Jahrhundert im ganzen abgeschlossenen Germanisierung

oder vielmehr Bajuvarisierung des Südostens hat diese Bewegung nichts

zu tun. Aber auch mit der früheren, vor allem durch den Slawenaufstand

von 983 um ihre Erfolge gebrachten, infolge der italienischen Ziele

überhaupt zurückgetretenen Slawenpolitik der sächsischen Könige hängt

sie nur sehr lose zusammen. Freilich ein Gesichtspunkt stand auch

jetzt, wenigstens angeblich, im Vordergrund, der der Christianisierung,

wie ja auch einst die Sachsen von den Franken christianisiert, d.

h. zugleich unterworfen wurden. Und wie einst die Benediktiner vom

romanisierten Westen und Süden aus in das innere Deutschland nicht bloß

als Bekehrer, sondern auch als Kolonisatoren vordrangen und von den

Herrschern gerade deshalb gefördert wurden, so erfüllten jetzt zunächst

die Prämonstratenser und dann vor allem die Cistercienser die gleiche

Aufgabe der planmäßigen Rodung und Besiedelung im waldstarrenden Osten.

Und wie damals der Landgewinn und die wirtschaftlichen Vorteile der

die Bewegung treibenden Fürsten und Herren im Vordergrund standen, so

war es auch jetzt bei den Landesherren der den Slawen benachbarten

Gebiete in fast noch höherem Grade der Fall, nur daß die Landesherren

nicht allein durch die Mönche, sondern vor allem durch eine eigene,

planvoll systematische Unternehmerpolitik die Kolonisation förderten,

wie Albrecht der Bär und Heinrich der Löwe. Selbst slawische Fürsten,

so in Schlesien, begünstigten die deutschen Siedelungen und wünschten

sie. Wirtschaftlich-politische Interessen, daneben religiös-kirchliche

Beweggründe sind also ausschlaggebend, nicht bewußt-nationale.

Ein nationales Werk war das Ganze aber dennoch: mit ihm wurden weite

Gebiete dem Deutschtum – das deutsche Reich war bis dahin nicht

allzugroß – wieder gewonnen; es waren ferner bei ihm doch weite

Kreise des Gesamtvolks freiwillig beteiligt, freilich wieder aus

wirtschaftlichen Beweggründen, um nämlich im Neuland ein besseres

Gedeihen zu finden. Vor allem suchten die Holländer ihre in der Heimat

geschulte Fähigkeit, zu entwässern und zu meliorieren, in ähnlichen

Gegenden zu verwerten und waren früh von den Cisterciensern wie

von den Fürsten gesuchte Leute. Namentlich seit der Mitte des 13.

Jahrhunderts überwog die Freiwilligkeit der Bewegung. Für Holland mag

die Bedrängung durch Überschwemmungen, für die Rheinfranken mögen

wirtschaftliche Nöte in Betracht gekommen sein, bei den meisten West-

und Mitteldeutschen aber, den Franken, den Sachsen und Thüringern, muß

die Bewegung als eine _Fortsetzung der_ alten _Ausbautätigkeit_ im

_westlichen_ Deutschland angesehen werden, des allgemeinen Rodungs-

und Siedlungseifers. Bei der zunehmenden Bevölkerung, dem Überschuß

an Kraft (der Menge der jüngeren Söhne), strebte man begierig immer

nach Neuland und fand solches nunmehr im Osten reichlich. Zugleich

erhoffte und fand man dort größere persönliche Unabhängigkeit.

Die Kreuzzüge aber hatten das Volk beweglich gemacht. Auch die

Städtegründungen, die ja erst nach der bäuerlichen Besiedelung möglich

waren und vor allem im 13. Jahrhundert sich häuften, sind eine

Fortsetzung der großen Städtegründungsperiode im Westen (s. S. 48).

Die Städte waren sichernde Burgen und Märkte zugleich. Aber neben den

Herren traten nun auch die Kaufleute als Städtegründer auf, wie sie

überhaupt in den neugegründeten Städten eine Hauptrolle spielten,

zugleich aber besonders wichtig für die Germanisierung waren. Die

schematisch-regelmäßig angelegten Städte wurden, je weiter nach Osten,

um so mehr die eigentlichen Mittelpunkte der deutschen Kultur und des

Fortschritts, da das Land noch lange nur dünn besiedelt und mit einer

großen slawischen Unterschicht besetzt war. Am meisten gilt dies vom

Ordenslande, wo der Ordensritter, ein Kreuzfahrer gegen die slawischen

Heiden, der letzte Vertreter der großen Zeiten des Rittertums, vor

allem kriegerisch und weiter landwirtschaftlich sich betätigte.

Natürlich stellte der niedere Adel, bzw. das Ministerialenelement, auch

für den übrigen Osten sein Kontingent bei der Besiedelung: der Osten

bot für jüngere Söhne oder besitzlustige Reisige die beste Gelegenheit,

Grundherr zu werden. Und zwar setzte hier im Gegensatz zum Westen

mit seinem bäuerlichen Kleinbetrieb auch wieder ein herrschaftlicher

Eigenbetrieb ein, der bei den weiten in Besitz genommenen Flächen

alsbald zum Großbetrieb wurde. Im Osten bildete sich auch später

ein besonders geartetes Herrentum aus. Zunächst kam die gewaltige

Ausbreitung jedenfalls allen Klassen des Volkes zu gut und war ein

Zeichen ihrer Kraft.

Jene zweite Erscheinung nationalen Aufschwungs, die _Mündigwerdung der

deutschen Sprache_, war zunächst eher ein Zeichen, daß die Kultur des

deutschen Volkes so weit gereift war, daß sie des Zwanges einer fremden

Kultursprache entbehren konnte, aber doch auch ein Beweis stärkeren

Nationalgeistes. Gerade die Kreuzzüge, die doch zur Ausbildung einer

gemeinsamen feineren europäischen Kultur beitrugen, hatten, wie wir

(S. 73) sahen, durch die nähere Berührung der Völker das Gefühl

für die nationalen Unterschiede geschärft. Dazu kam nun aber die

ebenfalls mit und nach den Kreuzzügen eintretende stärkere kulturelle

Durchbildung. Volkstum und höhere Kultur hatten einander jetzt so

sehr durchdrungen, daß die _Kultur_ notwendig einen _volkstümlichen_

Ausdruck gewinnen mußte. Und bezeichnenderweise gingen da wieder die

kulturell fortgeschritteneren Romanen den Deutschen voran. Das Joch

der lateinischen Schriftsprache, in dichterischen Schöpfungen unter

dem Druck natürlichen, ursprünglichen Empfindens bereits vielfach

abgestreift, wurde nun auch für _das geschäftliche und politische_

Leben abgeworfen, und auf dem Gebiet der schönen Literatur drang die

_nationale Schriftsprache_ nun völlig durch.

Das geschieht in Deutschland, trotz des frühen Beispiels jenes

niederdeutschen Rechtsbuches, für die Urkunden- wie später auch für

die Briefsprache zunächst im kultivierten Westen und Süden. Hier hatte

sich für die neuerblühende höfische Dichtung wieder nach französischem

Muster die schriftliche Aufzeichnung verbreitet, natürlich mit Hilfe

der schreibkundigen Kleriker. Den Dichtungen folgen nun schon vor der

Mitte des 13. Jahrhunderts, wenn man von vereinzelten Fällen früherer

Zeit absehen darf, in jenen Gegenden deutsche Urkunden, nachdem zuerst

einzelne Wendungen, dann ganze Sätze deutsch gewesen waren. Um 1300

hat die deutsche Urkundensprache sich hier vollständig durchgesetzt,

während es damit in Mitteldeutschland länger und in Niederdeutschland

etwa noch ein halbes Jahrhundert dauert. Die Stadtrechte zeigen seit

der Mitte des 13. Jahrhunderts das Vordringen des Deutschen, noch

mehr die Dienstrechte. Und nicht lange nach dem frühen Beispiel des

Sachsenspiegels folgt (1235) die Veröffentlichung eines lateinisch

geschriebenen Reichsgesetzes, des Mainzer Landfriedens, zugleich

in deutscher Übersetzung, während das oberdeutsche Gegenstück

zum Sachsenspiegel, der deutsche Schwabenspiegel, erst 1275

abgefaßt wird. Der Hauptgrund der Anwendung des Deutschen war ein

praktisch-wirtschaftlicher, wie auch bei der Kolonisation nicht der

nationale Gedanke im Vordergrund steht. Man will in seinen Geschäften

und rechtlichen Verhältnissen nicht mehr abhängig sein von einer

Sprache, die man nicht vollkommen versteht.

Solche Ansprüche durchzusetzen, konnte dem Bauern nicht und noch kaum

dem Bürger gelingen: sie wurden vielmehr gegenüber dem lateinischen

Monopol der Geistlichen vor allem von derjenigen Schicht durchgesetzt,

die damals führte, dem ritterlichen, dem _niederen Adel_. Seine

soziale und kulturelle Geltung, sein kriegerisches und herrenmäßiges

Selbstbewußtsein ließen eben nicht mehr die lateinische Bildung für die

Geschäfte der Welt als unerläßlich erscheinen. Seine Privaturkunden,

sein Dienstrecht wollte er so haben, daß er sie verstand, gerade wie er

nicht lateinische, sondern deutsche Dichtungen pflegte und schätzte.

Daß die Schreiber und Abfasser Geistliche waren, tut nichts zur Sache.

So steckt denn in der aristokratischen Kultur der Zeit jener schon

betonte volkstümliche Zug. Umgekehrt zeigt aber der ausschlaggebende

Einfluß, den der Adel auch bei der Durchsetzung der Volkssprache übte,

wie sehr die Führung in dieser ganzen Zeit noch bei ihm war. Die

großen Herren andererseits, die Landesherren, sahen wir als leitende

und bestimmende Faktoren in jener großen Kolonisationsbewegung wirken,

wenigstens zu Anfang. Und so wird wieder der oben (S. 91) betonte

aristokratische Charakter dieses ersten selbständigeren kulturellen

Aufschwungs der Deutschen bestätigt. Aber wir sahen auch schon, wie

stark sich die niederen Volksschichten bemerkbar machten: es sollte

bald die Zeit kommen, wo sie dem Adel die Führung abnahmen.

Fußnoten:

[8] Vgl. _Berger_, Die Kulturaufgaben der Reformation ² S. 264.

[9] Vgl. _Steinhausen_, Gesch. d. d. Kultur I², S. 189 ff.

[10] Ebenda I², S. 296 ff.

Viertes Kapitel.

Ausbildung einer allgemeineren Laienkultur volkstümlichen Charakters:

Bürgerlich-demokratisches Zeitalter.

Wir treten jetzt in eine Zeit, die nicht allein eine starke

Durchdringung von Volkstum und Kultur zeigt, sondern in der das

eigentlich charakteristische Moment das _Überwiegen volkstümlicher

Elemente_ ist. Die anfangs nur schwer als Unterströmung erkennbare

Volkstümlichkeit hatte sich zunächst in der aristokratischen

Laienkultur des Rittertums trotz aller romanisch-konventionellen

Züge zu immerhin greifbarer Erscheinungsform durchgerungen. Auch die

bäuerliche Schicht, der große Born der nationalen Kraft, das Element

zäher Beharrung in Leben, Fühlen und Denken, trat um diese Zeit stärker

und eindrucksvoller hervor. Aber die geistige Abgesondertheit und

kulturelle Rückständigkeit des Bauerntums ließ dieses, trotzdem es am

besten alles Volkstümlich-Natürliche bewahrte, bei dem nun folgenden

Aufschwung auch der niederen Volksschichten doch nicht oder, besser,

bei dem Fortschritt der Zeiten nicht mehr zur bestimmenden Macht für

das Gesamtleben der Nation werden. Das wurde vielmehr die Bevölkerung

der Städte, und als nachmals das Bauerntum, nicht nur wegen vermehrter,

namentlich öffentlicher Lasten und sozialer Nöte, sondern auch aus

einem gewissen geistig-persönlichen Drange nach größerer Geltung heraus

sich selbst gewaltsam durchzusetzen suchte, da war es zu spät.

Kulturgeschichte der Deutschen im Mittelalter · 第 11 / 17 段