Aber äußerliche _Konvention_ bleibt trotz alledem ein

Hauptcharakteristikum der ritterlichen Kultur, auch der Minne und

der ritterlichen Dichtung, selbst des Waffenberufs. Ein Kriegs- und

Kampflied hat die Zeit nicht hervorgebracht. Mancher sah nicht im

ernsten Kampf, sondern im modischen Waffenspiel, dem freilich durchaus

nicht ungefährlichen Turnier, die Hauptsache. Äußerlich ist überhaupt

die ganze Lebensauffassung des Ritters. Sein Ideal, die ~sælde~, geht

auf ein äußeres Glück, auf reichen Besitz und ein Leben voll Genuß,

Prunk und Glanz, auf Weltfreude.

Indes hat diese Strömung nun doch zivilisatorisch wie kulturell

wichtige Seiten. Zunächst wurde durch sie jene schon (S. 49 ff.)

beobachtete _Verfeinerung_ der Lebenshaltung außerordentlich gefördert.

Die Glanz- und Prunkliebe äußert sich freilich in der Form eines

übertriebenen, zuweilen noch rohen Luxus, der oft mit technischer und

hygienischer Unvollkommenheit des Daseins verbunden war. Letztere

zeigte sich z. B. in der Wohnweise. Im Gegensatz zu verbreiteten

romantischen Vorstellungen waren die Burgen oft recht unwohnlich,

dunkel wegen der kleinen, tiefen Fenster, kalt, da man diese nur

schlecht zu schließen verstand und die stark rauchenden Kamine nur

schlecht heizten, unbequem wegen der oft engen und beschränkten

eigentlichen Wohnräume. Hierzu wie zu dem meist nicht geringen Schmutz

bildete der Wohnungsprunk, wie ihn die damaligen Dichtungen in weit

übertriebener, höchstens für die Reichsten Geltung habender Weise

schildern, einen grellen Gegensatz. Der Prunk äußert sich bei den

Festgemächern der Großen in der reichen Verwendung von kostbaren

Wandbehängen, Decken, Kissen und Polstern, in der Bemalung der Wände

und der Holzmöbel, die auch schön geschnitzt sein mochten, weiter

in dem Belag des Fußbodens mit seltenen Steinarten oder Tonfliesen,

in prächtigen Kaminen, Kronleuchtern, in einzelnen Geräten aus

edlem Metall, besonders in prächtigen Trinkgefäßen und Tischgeräten

und entsprechend in feinen Tischtüchern. Solchen zunehmenden Luxus

zeigte nun auch die schon von den Klöstern gehobene Kochkunst in der

Zubereitung der Speisen wie in der Herstellung von Schaugerichten:

alles das gilt aber meist nur für festliche Gelegenheiten. Auf Menge

und Fülle der Gerichte und starke Verwendung von Gewürzen legte man im

übrigen häufig, wie früher, den Hauptwert.

Diese Unentwickeltheit des Luxus zeigt vor allem auch die Kleidung.

Recht kostbare Stoffe, besonders Seide, zur Schau zu tragen, ist

allgemeines Bestreben: dem entspricht die übertriebene Anbringung von

Goldborten, goldenen Schellen sowie von wertvollen, oft goldgefaßten

Steinen als Besatz sowie die Verbrämung der Kleider mit teurem

Pelzwerk, mit dem man nun auch den Mantel innen fütterte. Bezeichnend

sind ferner die Vorliebe für auffallende Farben und die Vielfarbigkeit

der Kleider. In ihrem eitlen, gefallsüchtigen Charakter näherte sich

die männliche Tracht zum Teil schon der weiblichen, auch in der Mode,

lange Locken zu tragen. Manche Männer machten sogar die jetzt bei

den Frauen aufgekommene Sitte, das Haar mit Seiden- und Goldbändern

zu durchflechten, mit. Die Frauen ihrerseits gaben den Männern an

Putzsucht nichts nach, begannen sich auch immer allgemeiner zu

schminken. Eine große Hauptsache war der Kopfputz.

Trotz der geringen Durchbildung dieser Prunksucht, die für die weniger

Reichen übrigens sehr einzuschränken ist, steckt doch in der Art, wie

man seine äußere Erscheinung zur Geltung zu bringen suchte, zum Teil

schon ein feineres _Schönheitsgefühl_. Eine eigentliche Überladung mit

Schmuck beginnt man hie und da schon zu vermeiden. Vor allem ist aber

jede Plumpheit der Gestalt verhaßt. Feiner Wuchs soll auch zur Geltung

kommen. Daher die schon seit längerer Zeit eingetretene Verengung der

Taille der Frauen, aber auch der Männer. Deren Rock, der zunächst

nur oben eng war und in seiner großen Länge und unteren Weite wieder

etwas Weibliches hatte, ward allmählich kürzer, die nun hervortretenden

Hosen wurden enger, die Schuhe ebenfalls enger und spitzer. Kraft

und Stärke durften bei dem Ritter nicht vermißt werden: aber alles

Ungefüge sollte, wieder nach romanischem Muster, im Äußeren des Mannes

schwinden. Vor allem aber sollte die Frau ein feines, schlankes, zartes

Geschöpf sein, und der für sie geltende romanische Schönheitsmaßstab

wird von den Dichtern schließlich auch an den Mann angelegt. Eine

Grundbedingung solchen Schönheitsstrebens war natürlich eine

gesteigerte, keineswegs freilich aus hygienischen Gründen hervorgehende

Körperpflege. Unsauberkeit der Wohnung war geduldet, Unsauberkeit des

Körpers verpönt. Häufiges Baden war ja althergebracht: jetzt machte man

daraus einen feineren Toilettenvorgang und nahm Wohlgerüche hinzu, die

man jetzt überhaupt liebte. Häufiger wechselte man sodann die Kleider,

gewiß aus stärkerer Abneigung gegen unschönen Geruch. Man pflegte nun

aber auch sorgsam das Haar, die Zähne, die Nägel wie die Hände. Das

schon lange übliche Handschuhtragen war zur Bewahrung der Sauberkeit

durchaus notwendig. So bedeutet denn die aristokratische Verfeinerung

der ritterlichen Gesellschaft zugleich eine größere Ästhetisierung des

Lebens. Darauf geht ja auch jenes neue gesellschaftliche Ideal der

~mâze~, der unleidenschaftlichen Schicklichkeit, aus, darauf die Fülle

jener Anstandsregeln, darauf die erstrebte Zierlichkeit des Verkehrs.

Auch die Sprache hob sich zu größerer Schönheit, vor allem seitdem

die Dichtung durch die romanische Mode zu einem wichtigen Element

des ritterlichen Lebens wurde und aus dieser Gesellschaft heraus

auch zahlreiche Dichter erstanden, unter ihnen solche von hoher und

höchster Bedeutung, die über die modischen Nachahmer der Franzosen weit

hinausragten.

So gewinnt denn die ritterliche Kultur zum Teil schon einen

_künstlerischen_ Charakter. Auch die bildenden Künste nehmen

jetzt, freilich nicht allein im eigentlich ritterlichen, mehr die

Kleinkunst verwendenden Bereich, sondern überhaupt in den großen

kirchlich-weltlichen Kreisen unter dem Einflusse der Romanen

einen außerordentlichen Aufschwung. Seit längerer Zeit war in der

Herrenkultur eine Neigung zu größerem Glanz verbreitet, und das

machte sich gerade künstlerisch geltend. Jene eifrige Bautätigkeit,

die die salischen Herrscher im Wetteifer mit den Bischöfen die

großen romanischen Kathedralen in den rheinischen Städten schaffen

ließ, entsprach der politischen Machtstellung des Reiches und seinem

größeren Reichtum. Man ersetzte die einfacheren Bauten früherer

Zeit durch prächtigere. Wie wir von Anfang an in den romanischen

Bauten den _aristokratischen_ Zeitgeist sich spiegeln sahen (s.

S. 54), so entfaltet sich dieser Charakter in der Blütezeit des

Stils noch mehr und kommt zu glänzenderem, leichterem, feinerem

Ausdruck. Auch weltliche Bauten der vornehmen Schicht, Pfalzen,

Burgen und Patrizierhäuser, werden nun zu Denkmälern dieses

vornehm-geschmackvollen Stils. Vor allem ist es die Hohenstaufenzeit,

in der sich dieser Glanz recht entwickelt. Auch jetzt wurde eifrig

gebaut, freilich entstand weniger von Grund aus Neues als eine Fülle

von Zutaten und Umgestaltungen. In der Zeit vom Ende des 12. bis zur

Mitte des 13. Jahrhunderts wird nun jene Neigung zum Glanz immer mehr

zu einer stark _dekorativen_ Strömung: auf prächtige Außenbauten wird

Wert gelegt, auf zierlichen Schmuck im einzelnen. Bezeichnend sind etwa

die Blendarkaden der spätromanischen Bauten dieser Zeit des Überganges

zur Gotik. Die Bauten der Cistercienser richteten sich bewußt gegen

diese Strömung.

Die eigentliche _Gotik_, in Frankreich aus zum Teil bereits vorhandenen

Elementen unter Führung Nordfrankreichs ausgebildet, weist auch als

Hauptzug die Dekoration auf, so sehr die technisch-konstruktive Seite,

nämlich die Lösung des Gewölbeproblems, das Kreuzrippengewölbe, die

Bedeutung des neuen Stils ausmacht. Trotzdem die deutsche Baukunst

lange schon Fühlung mit der aufstrebenden französischen Kunst hatte,

öffnete sie sich diesem Stil keineswegs rasch, was ja bei der Höhe

der in Deutschland erreichten Entwicklung auch verständlich ist. Erst

um 1250 hat er sich, langsam und auf verschiedene Weise eindringend,

völlig in Deutschland eingebürgert, eben im Zusammenhang mit der

internationalen kulturellen Vorherrschaft Frankreichs. Auch in

Deutschland entwickelte sich nun eine feine und reiche Formengebung,

wenn auch das Bürgertum mit der Entfaltung des Luxus bei den Franzosen

nicht wetteifern konnte und die Bauten bald nach der einfachen Seite

hin beeinflußte. Aber welche künstlerische Höhe, welche Entwicklung

des Schönheitsgefühls zeigen nun doch die Hauptbauten der Gotik

im 13. Jahrhundert! Ein phantastisches Streben in die Höhe, eine

liebevolle Ausgestaltung des einzelnen sind charakteristisch. Es

schwindet zugleich die Bedeutung der Wandmalerei; die Malerei wird

nun auf die hohen Fenster als Objekt beschränkt; schon vor dem 13.

Jahrhundert erreicht diese Glasmalerei ihre Blüte. Das ganze Innere

wird nun in ein geheimnisvolles Licht getaucht, das wieder eine

dekorative Seite hat, vor allem aber eine ganz eigenartige Stimmung

hervorbringt. Die Gestalten der heiligen und kirchlichen Geschichte

den Gläubigen nahezubringen, wurde nun vor allem Aufgabe der nicht

mehr auf das Portal beschränkten Plastik, die zugleich für den

erstrebten reichen Innenschmuck und die dekorative Gestaltung der

Säulen, Pfeiler, Galerien usw. sorgen, dauernd freilich dabei die

Dienerin der Herrscherin Architektur bleiben mußte. Die hochentwickelte

französische Plastik war das Vorbild der deutschen, aber die schönsten

deutschen Denkmäler sind doch zugleich Erzeugnisse deutschen Geistes

und geben dem deutschen Individualismus wie dem neuen realistischen

Sinn künstlerisch wunderbaren Ausdruck. So hat denn Dehio das 13.

Jahrhundert, in dem außer der Dichtkunst auch die übrigen Künste

zu gleichmäßiger Entfaltung kamen, »das am meisten ästhetische

Jahrhundert« genannt, »das wir erlebt haben«, wie es überhaupt

kulturell überaus hoch stand.

Diese ästhetische Seite zumal der ritterlichen Kultur hat nun freilich

ihre Kehrseite. Der Niederschlag dieser Kultur in einer reichen, sie

verherrlichenden Dichtung täuscht leicht darüber, daß diese Welt

zum Teil doch nur in der dichterischen Phantasie lebte. Es war im

ganzen eine Welt des _Scheins_. Zum höfischen Leben mangelte vielen

nicht nur der genügende Besitz, sondern auch die Neigung, selbst den

Frauen. Abgesehen von der ständigen höfisch-kriegerischen Umgebung der

Fürsten und Herren und einem stark abenteuerlichen Element »fahrender«

ritterlicher Turnierer und Sänger mochten unter den übrigen Rittern

viele sein, die daheim das grob-ländliche, nicht gerade üppige

Herrenleben führten, die Hausfrau, die selten genug die Modedame war,

nach alter Weise walten ließen und wenig höfisch behandelten, in der

Geselligkeit den Trunk mit ihren Genossen als Hauptsache ansahen und

in ihren Sitten alles zu wünschen übrig ließen. Manche mochten das

eine draußen tun und das andere daheim nicht lassen, fühlten sich

dann aber in höfischer Aufmachung nichts weniger als behaglich, und

selbst in der eigentlichen höfischen Schicht herrschte, wie schon

gesagt, in erster Linie der Zwang der Konvention, der Mode. Das

zeigte sich vor allem später, als der weiter unten (S. 116 f.) zu

charakterisierende wirtschaftliche und soziale Rückschlag kam. Da

waren die gepriesenen Ideale rasch vergessen, oder man übertrieb noch

ihre Äußerlichkeit und schloß sich um so hochmütiger ab. Die ohnehin

derb und plebejisch werdende Zeit färbte auch beim Ritter ab, die

Frau trat gesellschaftlich völlig zurück, die Trunksucht stieg wieder

mächtig. Die Anzeichen dieses Verfalls begegnen ziemlich früh. Schon

in Ulrich von Lichtensteins »Frauendienst« finden wir rohe Raubritter

geschildert, andererseits auch wirtschaftlich gesonnene, philiströse

ländliche Ritter, die dem Dichter ebenso unhöfisch scheinen wie jene.

Er selbst zeigt in seiner phantastischen Verzerrung des Frauendienstes

die früh eingetretene Entartung desselben; man sah das Wesen der Sache

jetzt in der extremen Übertreibung. Andererseits war dem Rittertum noch

später ein längerer Glanz in einzelnen Gegenden beschieden, wie in

Tirol oder dort, wohin die neuen Ideale am spätesten gedrungen waren,

im Norden und Osten, und auch sonst behielt es vielfach einen höheren

Nimbus, noch im 15. Jahrhundert, z. B. in Franken, bewahrte jene

Ästhetisierung des Lebens freilich nur in geringen Äußerlichkeiten.

Kulturgeschichtlich bedeutsam ist vor allem der _weltliche_ Grundzug

des Rittertums. Wir sahen zwar (S. 81), daß der Ritter theoretisch

immer der christliche Ritter ist. Man kann weiter an die Bedeutung

der Gralsage erinnern, auf die Grundanschauung im »armen Heinrich«

hinweisen, manchen Ritter, der im Kloster endete, nennen und viele

Züge echter Religiosität bei den Dichtern anführen. Gleichwohl ist

die ritterliche Kultur eine erste höhere _Laien_kultur, freilich

ohne Opposition gegen die Kirche oder auch nur gegen die asketische

Anschauung derselben. Beim Rittertum gipfelten diese weltlichen

Standesideale eben in jener ausgeprägten Weltfreude, in dem Preis der

Frauenliebe, in genußsüchtiger Lebenslust. Diese Weltlichkeit hat nun

freilich auch teilweise zu einer stärkeren Gegensätzlichkeit gegen

die Kirche und ihren Geist geführt. Wir können von einer gewissen

Humanität, einer ausgesprochenen Duldsamkeit den Heiden und Juden

gegenüber reden. Die Töne, die dann Walter von der Vogelweide dem

Papst gegenüber gefunden hat, zeugen von größerer innerer Freiheit,

wenn auch natürlich nicht von Unkirchlichkeit. Die volkstümlichen

Spielmannsdichtungen gehen übrigens den Idealen des Mönchstums

gelegentlich schärfer zuleibe.

Aber von einer Scheidung zwischen Rittertum und Kirche ist in keiner

Weise die Rede. Die äußere Kirchlichkeit wird besonders betont.

Überdies war die Anziehungskraft der ritterlichen, »höfischen« Kultur

so groß, daß sich selbst die Glieder der führenden Kulturmacht, der

Kirche, ihr nicht ganz verschlossen. Diese an den weltlichen Höfen

ihre Mittelpunkte findende Kultur war trotz ihrer geschilderten

Schwächen mit einem glänzenden idealen Schimmer umgeben, wenn die Welt

auch nur kurze Zeit eine wirkliche Blüte edler, höfisch gebildeter

und doch männlich-kräftiger Ritterschaft gesehen haben mag, etwa um

die Zeit des Mainzer Festes 1184 unter Friedrich I. Rotbart. Nun ist

freilich richtig, daß sich das Rittertum eben mit dem Abschluß der

Standesorganisation und der völligen Ausbildung der kriegerischen und

gesellschaftlichen Standesideale immer schärfer _absonderte_, die

Ebenbürtigkeit zur Bedingung der Zugehörigkeit erhob und sich vor

allem vom Bauer, dem »Törper«, »Tölpel«, dessen ländliche Arbeit man

nun hochmütig verachtete, zu unterscheiden suchte, obwohl mancher

Ritter mit Bauern zechte und mit Bauernmädchen tanzte. Gleichwohl

bestrebte sich jene nichtritterliche Welt auf alle Weise, dem

Rittertum wenigstens äußerlich nachzuahmen. Und damit gelangt die

_aristokratische Richtung_ dieser Jahrhunderte auf ihren Höhepunkt.

Das Rittertum, in dem sie sich verkörperte, war zunächst die in

allen weltlichen Dingen maßgebende Schicht. Die Fürsten, an die es

sich angliederte, zählten sich doch wieder selbst zu den Rittern.

Innerhalb des landwirtschaftlichen Lebenskreises, in dem Deutschland

noch aufging, waren die Ritter Führer und Herren, aber auch in den

aufkommenden Städten gaben noch die ritterlichen Ministerialen, die

Geschlechter den Ton an und waren den ländlichen Rittern nicht selten

näher verbunden.

Der Adel, insbesondere auch der niedere Adel, war in politischer,

militärischer und sozialer Beziehung der wichtigste Stand. Aber man

darf auch seine geistige Rolle nicht unterschätzen (vgl. S. 93). Vor

allem war er aber der Träger einer neuen bewunderten gesellschaftlichen

Kultur geworden. Diese ästhetische Verfeinerung des Lebens, die

an sich schon einen aristokratischen Charakter trug, wurde zum

_allgemeinen kulturellen Vorbild_. _Geistliche_ zunächst hatten

schon früh – sie waren ja allein die Schriftgelehrten – französische

höfische Dichtungen, freilich nicht ohne geistlichen Einschlag, ins

Deutsche übersetzt, und später fehlte es nicht an Geistlichen, die die

eigentlich ritterliche Dichtung pflegten oder ihre Ideale priesen.

Auch in den Klöstern mochte sich mancher Mönch an der ritterlichen

Epik wie am Minnesang erfreuen. Vor allem fanden aber die Bischöfe

und geistlichen Würdenträger, die ja in der Regel aristokratischer

Abkunft waren, Gefallen daran und zogen Sänger an ihre Höfe, die

überhaupt den weltlichen Höfen in ritterlichem Glanz, in Festen und

Turnieren, denen die Geistlichen natürlich nur zuschauten, oft wenig

nachstanden. – Daß die reichen _Bürger_ sodann, wenigstens damals, in

der ritterlichen Kultur die einzig erstrebenswerte sahen, geht schon

aus der aristokratischen Zusammensetzung des städtischen Patriziats

hervor. Auch der gerade in frühen Stadien rasch reich werdende Kaufmann

spielte in ihm bald eine Rolle und tat es dem grundbesitzenden

städtischen Adel und den Ministerialen gleich. Gottfried von Straßburg

entstammt diesen Kreisen der städtischen Aristokratie, und in Konrad

von Würzburg sind wohl ritterliche und bürgerliche Elemente vereinigt.

Die Geselligkeit, die Tracht waren durchaus höfisch, man hielt auch

Turniere ab, so 1226 zu Magdeburg einen »Gral« für alle »Kaufleute,

die da Ritterschaft wollten üben«. Andererseits ist die große, auch

im übrigen Abendland zu beobachtende Rolle der Patrizierherrschaft in

den Städten, von der wir (S. 102) noch hören werden, an sich schon

ein Zeichen jenes aristokratischen Zeitgeistes und schon deshalb

natürlich und zeitgemäß gewesen. So gab es eine, geistliche und

bürgerliche Elemente heranziehende, wesentlich ritterliche Gesellschaft

aristokratischer Färbung, die für ihre Zeit bezeichnend war, der

zwar hin und wieder die geistlichen Asketen grollten, die in einem

ausgeprägten Gegensatz aber nur zu einer Schicht stand, auf der gerade

alles wirtschaftliche Gedeihen damals noch beruhte, zur _bäuerlichen_.

Aber auch diese Schicht suchte in ihrem reicheren Teil dem allgemein

bewunderten Lebensideal um so mehr nachzueifern, je näher dieser Teil

dem landsässigen Ritter stand und je häufiger er sich, so namentlich in

Bayern und Österreich, mit ihm berührte. Manch ritterlich-bäuerliche

Heirat kam zustande, mancher Ministeriale war ursprünglich

bäuerlichen Standes. Reiche Bauern, namentlich die junge Generation,

machten nicht nur in der Kleidung, Wappnung und im Lebensprunk die

französiert-aristokratische Mode mit, sie tanzten auch nach höfischer

Weise und begehrten ritterlichen Sang zu hören, sie übten sich

sogar selbst, zum Spott der Ritter, gelegentlich im Minnedienst und

anscheinend auch im Turnier.

Natürlich ging das alles mit jenem Verfall des ritterlichen

Lebensideals selbst vorüber, aber immerhin war in diesem Zeitalter für

_das ganze Abendland der Grund zu einer höheren gesellschaftlichen

Kultur_ gelegt, und ihre Überlieferungen wurden vor allem von der

ritterlich-adligen Gesellschaft auch weiter gepflegt, trotz des

Aufkommens einer neuen demokratisch-volkstümlichen Zeit.

Es erhebt sich die Frage, ob dieser Blütezeit der aristokratischen

Kultur das _volkstümliche_ Element ganz gefehlt hat, und damit berühren

wir wieder unser Hauptproblem. Nicht zunächst der aristokratische

als vielmehr der un- und internationale französierte Charakter der

ritterlichen Kultur spricht gegen ihre Volkstümlichkeit, ebenso aber

der daraus sich ergebende konventionelle Zug, die »Verbildung«.

Nationale Elemente fehlen indes nicht ganz (s. auch S. 82): die

Kampflust wie die Jagdleidenschaft, die der Ritter mit dem Herrn

des frühen Mittelalters teilt, sind trotz der französischen Färbung

mancher Kriegs- und Jagdsitten altgermanisch, auch gewisse Elemente

der männlichen und weiblichen Erziehung. In dem naiven Verhältnis zur

Natur, der einfachen Naturfreude, der Frühlings- und Sommerlust, zeigt

auch die Dichtung alte volkstümliche Züge. Öfter, wie bei Walter von

der Vogelweide, verrät sie schon ein feineres Inbeziehungtreten des

menschlichen Innern zur Natur. Gekünstelt dagegen ist die äußerliche,

auf Glanz und Wunder hinarbeitende Naturbeschreibung der Epen, von

Wolfram von Eschenbach und Gottfried von Straßburg etwa abgesehen.

Natürlich zeigt aber die Dichtung trotz der fremden Einflüsse auch

sonst vielfach deutsche Färbung, und ihre schönsten Erzeugnisse, wie

die Lieder Walters oder der Parcival Wolframs, sind doch vor allem als

Blüten deutschen Wesens, größerer Innerlichkeit und Tiefe aufzufassen.

Trotz allen fremden Firnisses war man doch wieder auf die deutsche Art

stolz. »Deutsche Zucht geht vor ihnen allen«, heißt es bei Walter. Von

der Bedeutung, die gerade der niedere Adel für die Mündigwerdung der

nationalen Sprache über die Dichtung hinaus hatte, werden wir noch (S.

112) hören. Trotz jenes Gegensatzes zum unkultivierten Bauern zeigen

sich nun weiter innerhalb der höfischen Dichtung selbst ausgesprochen

volkstümliche Neigungen. Ihr Hauptträger ist der Bayer Neidhart von

Reuental mit seinen realistischen Liedern, die unzweifelhaft in Form

und Inhalt mit alten ländlichen Tanzliedern zusammenhängen, aber

sich doch im Rahmen der höfischen Kunstdichtung halten, wie denn

auch der Bauer darin dem Spott des Ritters dient. Walter war über

solche »Unfuge« entrüstet, aber manche höfischen Dichter folgten doch

Neidharts Spuren und zeigten mit ihrer »höfischen Dorfpoesie« eine

volkstümliche Gegenströmung gegen die überfeinerte Minnedichtung

(siehe unten S. 139).

Man darf überhaupt über dem in unserem geschichtlichen Bewußtsein

alles überragenden Glanz der höfisch-aristokratischen Kultur nicht

die Bedeutung und die still wirkende Betätigung der niedrigeren

Volkskreise übersehen. An sich weist ja schon das _Rittertum

selbst_ wenigstens in seinen aus unfreien Ministerialen erwachsenen

Teilen auf eine seit längerem zu beobachtende _Aufwärtsbewegung

der niederen Schichten_ hin. Noch deutlicher und allgemeiner zeigt

sich diese in der wirtschaftlichen und sozialen Hebung der breiten

_bäuerlichen Schicht_ gegenüber der Grundherrschaft und in der

Festigung und wachsenden Bedeutung des städtischen Bürgertums. Gerade

der aristokratische Zug der Zeit führte ebenso wie die gesteigerte

Lebenskultur und die kriegerisch-politischen Interessen zu einer

Abwendung der Herrenschicht – vom Osten ist zunächst nicht die Rede

– von der persönlichen landwirtschaftlichen Betätigung, die zum Teil

völlig aufhörte. Man lebte lieber von Lieferungen und Naturalabgaben,

die sich dann mit der aufkommenden Geldwirtschaft zum Teil in feste

Geldabgaben, freilich in sehr ungleicher Weise, wandelten. Bei dem

allmählichen finanziellen Verfall namentlich des niederen Adels

setzte allerdings bald wieder die Sucht ein, diese Abgaben zu erhöhen

und den Bauern auszupressen: aber zunächst war die Höhe der Abgaben

gering (über die Gründe ihrer Minderung wie der Schonung der Bauern

s. S. 96). Besonders die Fronden traten stark zurück. Die Zinsbauern

wurden durch die Festlegung der Leistungen, die weiteren Ansprüchen

vorbeugte, selbständiger. Überhaupt kam man namentlich bei großen

Grundherrschaften eben aus wirtschaftlichen Gründen dazu, den großen

Betrieb mehr zu dezentralisieren und durch Zerlegung des Herrenlandes

in Zinsgüter den Ertrag zu steigern. Im Westen gab es große Besitze

schließlich überhaupt nicht mehr: alles war in bäuerliche Betriebe

aufgelöst. Günstig für die Bauern war zum Teil die Entwicklung der

Landesherrschaft. Die Abhängigkeitsverhältnisse gegenüber einem

Grundherrn, der Landesherr war, wurden dadurch, wie man mit Recht

hervorgehoben hat, zu öffentlich-rechtlichen. Die Verschiedenartigkeit

derselben trat zurück vor der Einheitlichkeit der Untertanenschaft: der

einzelne wurde persönlich und wirtschaftlich unabhängiger.

Kulturgeschichte der Deutschen im Mittelalter · 第 9 / 17 段