Lange erscheint uns dieses volkstümliche Wesen nur als Unterströmung.

Daß es dann auf der Höhe des Mittelalters stärker hervortrat, war

_zunächst_ nur mittelst der höheren Schichten der Nation und in einer

kultivierten Form möglich. Es hatte sich jetzt ein _weltlicher Stand_

von maßgebendem Einfluß gebildet, dessen nationaler Kern aber erst

durch einen größeren kulturellen Inhalt und eine fremde kulturelle

Färbung gewissermaßen kulturfähig geworden war und der durch Anlehnung

an die religiöse und geistige Macht der Kirche einen größeren Halt

gewonnen hatte, das _Rittertum_.

Die Bildung dieses Standes steht im Zusammenhang mit einer stärkeren

_sozialen Scheidung_ der Volksgruppen überhaupt. Mit der stetigen

Umwandlung der großen Masse zu einem friedlichen Bauernvolk hatte sich

neben dem zuerst geschlossen als Berufsstand auftretenden geistlichen

Stand eine Schicht herausgehoben, die die ursprünglich allgemeine

kriegerische Betätigung als ihre Sonderaufgabe ansah, zumal sie an

den besondere Anforderungen stellenden Reiterdienst geknüpft war. Das

Ganze ist eine auch sonst im Völkerleben zu beobachtende natürliche

Gliederung. Schon machten sich daneben die Anfänge eines handel- und

gewerbetreibenden Bürgertums geltend, das aber noch stark bäuerlich

gefärbt war, wie ja auch der Grundbesitz die Grundlage der Macht der

weltlichen Herren wie der kirchlichen Organisation war, wie ferner

auf dem Lehnswesen – Landbesitz für Leistungen – Staat, Verwaltung

und Heeresdienst mit beruhten. Im 12. Jahrhundert nun gliedert sich

alles schärfer. Auch äußerlich, in Sitz und Wohnung trennen sich

die Stände, es sondert sich der Herrensitz vom Dorf, von diesem die

Stadt, wie schon seit langem der Geistliche in Klöstern und Stiften

sich abschließt. Mit der Sonderung der weltlichen Stände ergibt sich

nun auch eine vielseitigere Ausgestaltung des Lebens, eine schärfere

Betonung der besonderen Aufgaben und Interessen, die Entstehung

besonderer Kulturkreise – bei den Rittern tritt zu der kriegerischen

Grundlage eine gesellige Kultur als Lebenselement – und so überhaupt

ein stärkeres Hervortreten des _Weltlichen_. Unterdrückt konnte dieses

niemals werden. Die Lust der Welt war größer als alle Ansteckungskraft

der Askese, die Kraft der Triebe, die Roheit und Gewalttätigkeit, die

Untreue und Habgier aber auch noch immer stärker als das neue sittliche

Gebot. Das noch eng mit der Natur verbundene ländliche Leben wie das

kriegerische und jagdfrohe Schweifen der Herren über Wälder, Täler und

Höhen ließen ferner die selbst den Mönchen nicht fremde Schönheit der

Natur in den Menschen zu tief wurzeln, als daß eine Abwendung von ihr

hätte stattfinden können – überhaupt darf man ein tieferes Naturgefühl

auch dem früheren Mittelalter keineswegs absprechen[9]. Nun kam die

stärkere Entwicklung der ständisch organisierten weltlichen Interessen

kraftvoll hinzu. Das wirtschaftliche Leben hatte die Kirche selbst

durch ihre Kulturtätigkeit mächtig gefördert, jetzt verlor sie mehr

und mehr die Führung an die Laienwelt, zumal die bäuerliche Schicht.

Mit den von ihr vermittelten Elementen höherer Lebenshaltung hatte die

Kirche zu größerer Üppigkeit insbesondere der Herren beigetragen. Mit

den politischen und Verwaltungsinteressen hatte sie eng im Zusammenhang

gestanden; der Kampf zwischen Kirche und Staat hatte das staatliche

Bewußtsein geweckt; das ohnehin seit der ottonischen Zeit vielseitigere

politische Leben erschien gerade durch die politischen Bestrebungen

der Kirche wichtiger und wertvoller. Die immer häufigere kriegerische

Betätigung, die sie eigentlich bekämpfte, hatte die Kirche mit den

Kreuzzügen selbst in ihren Dienst gestellt und damit geweiht. Gerade

die Kreuzzüge, der Höhepunkt des kirchlichen Einflusses, bedeuteten

überhaupt die größte Förderung der weltlichen Interessen.

Der kulturgeschichtliche _Einfluß_ der _Kreuzzüge_ sei hier nicht im

einzelnen erörtert[10]. Sie haben zunächst auf die romanischen Völker

und dann durch diese in abgeschwächter oder veränderter Weise und

meist erst später auf das deutsche Volk gewirkt. Es war ein ungeheuer

belebender Einfluß, den der Orient auf das Abendland damals ausübte.

Zum Teil war es freilich wieder die Antike, deren altes Gut nun durch

neue Kanäle übertragen wurde. _Byzanz_, das einst die antike Kultur

besser vor dem barbarischen Ansturm hatte retten können als Rom, hatte

immer mehr auf den Osten gewirkt als auf den Westen, trotzdem es

früh für diesen der Ausstrahlungspunkt des Handels mit den begehrten

orientalischen Stoffen usw. war. Die später in der ottonischen Zeit

vermehrten byzantinischen Einflüsse sind stark überschätzt worden. Von

einer tieferen Beeinflussung der Kunst ist auch keine Rede, sondern nur

von einer gewissen Übertragung äußerer Elemente und technischer Dinge

wesentlich im Zusammenhang mit dem Hereinkommen von Gegenständen der

Kleinkunst (Elfenbeinschnitzereien, Goldschmiedearbeiten, Emailsachen

usw.) zumal durch Pilger und Kreuzfahrer.

Zum großen Teil war Byzanz nur der _Vermittler_ orientalischer

Luxusartikel, und der eigentliche Ursprung des »Byzantinischen«

war schon früher nicht Byzanz, sondern Kleinasien. Italien hatte

schon vor den Kreuzzügen mit der Levante unmittelbar gehandelt,

jetzt wuchs dieser unmittelbare, auch von Südfranzosen getragene

Levantehandel außerordentlich. Aber auch auf andere Weise kam in den

Kreuzzügen die _islamitische Kultur_ den Abendländern näher. An den

alten Schätzen des Orients genährt, indisch, persisch und jüdisch

befruchtet, von Byzanz und den Resten der hellenistischen Kultur

in Kleinasien geistig, politisch-militärisch und sonst beeinflußt,

stand diese nicht minder von eigener Kraft getragene Kultur hoch

über der abendländischen. Sie hatte auf diese zum Teil schon vor den

Kreuzzügen von den Mauren in Spanien und den Sarazenen in Süditalien

aus gewirkt, namentlich auf dem Gebiet höheren (eigentlich antiken)

Wissens und ästhetisch-gesellschaftlicher Kultur. Jetzt strömten neue

Kulturgüter aller Art ins Abendland, materielle (Kulturpflanzen,

Gewürze, Spezereien, Farben, feine Gewebe und kostbare Stoffe,

Teppiche, Schmuckwaffen, allerlei Gegenstände des Luxus und bequemer

Lebenshaltung), militärisch-technische, zum Teil römisch-griechischen

Ursprungs (namentlich auf dem Gebiet der Befestigung), überhaupt

technische (Nautik), kommerzielle (Handelswissenschaft, Ziffern),

geistige, die Antike neubelebend (auf den Gebieten der Astronomie,

Mathematik, Medizin, Philosophie). Dazu kamen stofflich-literarische

Einflüsse (Sagen und Wundergeschichten) usw. Das künstlerische Leben

erfuhr in dieser Zeit einen Antrieb durch eine mächtige Belebung der

Phantasie, die namentlich durch die glänzende, zierliebende Bauart des

Orients angeregt wurde. Die regere Phantasie (Wunder und Zauber des

Orients) befruchtete auch das dichterische Leben, schädigte freilich

durch ihr Übermaß das geistige (Aberglaube und Wundersucht); doch

nützte diesem um so mehr die große Erweiterung des Gesichtskreises.

Auf das religiöse Leben dagegen wirkte die arabische Duldsamkeit

zunächst gar nicht; das gesellschaftliche beeinflußten sehr stark die

zierliebende wie die sinnlich-weiche Art des Orients und seine feineren

Sitten. Der gesteigerte Handelsverkehr schließlich sollte eine völlige

Umwälzung des wirtschaftlichen Lebens herbeiführen.

Es ist klar, daß durch all dieses die _Ausbildung_ einer höheren

_weltlichen Kultur_ gefördert werden mußte. Negative, den kirchlichen

Einfluß herabmindernde Momente kommen hinzu. Wer, wie die heimkehrenden

Kreuzfahrer, so weit herumgekommen war, brachte andere Begriffe von

Welt und Menschen nach Hause, war geistig regsamer, kritischer gegen

die alten Mächte, die sein inneres Leben bestimmt hatten. Man hatte

andererseits die »Heiden« kennen gelernt, sie waren auch Menschen;

man wußte jetzt auch von griechischen, nicht mehr bloß von römischen

Christen. Dem kirchlichen Sinn waren ferner die Fahrten selbst nicht

zuträglich. Viele hatten sie ohnehin nur aus weltlichen Motiven

unternommen. Fromme Gemüter wieder fühlten sich abgestoßen und gaben

die Schuld zum Teil der Kirche, die als Urheberin der als verdienstlich

hingestellten Züge solche Weltlichkeit duldete. Die Mißerfolge, das

Scheitern der ganzen Bewegung, die der erste Kreuzzug erfolgreich

eingeleitet hatte, wurden ihr auch angerechnet, und bei der Mehrzahl

der Heimkehrenden beförderte die Enttäuschung solche Stimmung. Daheim

hatte der kirchliche Sinn ohnehin durch die Kämpfe zwischen Kirche und

Staat gelitten. Daß es auch innerhalb der Geistlichen eine Partei gegen

den Papst gegeben hatte, war ebenfalls folgenreich. Dazu kam die äußere

Einbuße der Kirche an Besitz und die starke Verwirrung, oft Zerstörung

des inneren kirchlichen Lebens. So sank das Ansehen der Kirche

bedeutend, gerade als der Sinn der Laien sich stärker auf die Dinge

dieser Welt eben infolge der Kreuzzüge lenkte. Noch war die Kirche die

Hauptmacht des Mittelalters, die höheren geistigen Kultureinflüsse

der Araber haben z. B. naturgemäß gerade Geistliche vermittelt und

gepflegt, aber die Kirche war nicht mehr ausschließlich maßgebend für

eine höhere Kultur.

Eine solche Kultur weltlichen Charakters brachte zunächst das

_Rittertum_ hervor. Als sie sich herauszubilden begann, und als auch

schon in den Anfängen des Bürgertums die Keime neuer kultureller

Gebilde sproßten, bot _Deutschland_, wie das Abendland überhaupt, im

ganzen zunächst _kein erhebendes Bild_. Die große mittelalterliche

Hauptmacht, die Kirche, hatte bedenklich gelitten: Verweltlichung,

Verkommenheit und Unbildung machten sich bei den Geistlichen breit,

obwohl höhere Bestrebungen nicht fehlten. Der Adel ging in Krieg und

Raub und rohem Leben auf. Von einer gesellschaftlichen Kultur war

auch nicht in den Anfängen die Rede. Die alte Unbändigkeit zeigten

die Menschen auch sonst. Die wirtschaftlichen Zustände stockten: es

herrschte bei dem Herrendruck und aus anderen Ursachen oft Armut und

Not, bis sich der Bevölkerung ein Neuland im Osten zeigte. Vielfach

lebten die niederen Schichten dumpf dahin, oft zeigten sich auch

abschreckende Zustände. Auf diesem Hintergrunde entwickelte sich jene

Kultur, die man ihrerseits nun freilich auch nicht in allzu idealem

Lichte sehen darf.

Der ritterliche Stand, der sie trug, hatte sich im Rahmen des

Lehnswesens gebildet durch Angliederung an die kleine, abgeschlossene

Schicht der großen Herren, der späteren Landesherren, von denen noch

(S. 105 f.) die Rede sein wird, also an den Hochadel, die Herzöge und

Grafen, bei denen der Gedanke eines vom Könige übertragenen Amtes

längst zurückgetreten war, weiter an die geistlichen Fürsten und

natürlich auch an den König. Der Stand setzte sich zusammen aus den

Lehnsträgern eines Großen, d. h. kleineren Grundherren, daneben sonst

landsässigen Freien, die teils aus Not und Zwang, teils aus Ehrgeiz

Lehnsleute wurden. Dazu kamen aber immer zahlreichere Unfreie, die

sich als Reisige, auch als Träger von Verwaltungsfunktionen an einem

Bischofs- oder Fürstenhofe emporgeschwungen hatten und schließlich mit

einem Dienstgut, als Grundlage für Leben und Leistungen, belehnt waren,

die immer größere Klasse der kriegerischen Ministerialen also, die auch

als Gefolge den Glanz ihres weltlichen oder geistlichen Herren hoben,

im übrigen aber wie kleine Grundherren auf jede Weise ihren Besitz zu

mehren trachteten und sich den freien Rittern näherten. So entstand

ein ritterlicher Dienstadel, der in den kriegerischen und politisch

bewegten Zeiten immer mehr an Bedeutung gewann, immer wieder auch Freie

und Adlige anzog, sich bei der Gleichmäßigkeit der Anschauungen und

Interessen in altem genossenschaftlichen Drang immer mehr zusammen- und

abschloß und schließlich bei der durchgesetzten Erblichkeit der Lehen

aus einem Berufsstand bis zu einem gewissen Grade zu einem Geburtsadel

wurde. Freilich blieben daneben die sozialen Abstufungen bestehen, und

wenn sich auch ein ritterlicher Ministeriale durch seine Ritterwürde

über jeden freien Nichtritter, der noch so hoch stand, erhaben glaubte,

so konnte er sich doch niemals dem Ritter von edlem Herkommen gleich

dünken, war selbst auch nicht etwa frei.

Die Gleichmäßigkeit der im Frankenreich begründeten

germanisch-romanischen sozialen Organisation, die auf dem Lehnswesen

beruhte, die überall gleiche Rolle des Reiterdienstes machten das

Rittertum zu einer überhaupt abendländischen Erscheinung. Seine

Grundlage blieb immer das Kriegerische, aber der altgermanischen

Kriegsfreude waren gewissermaßen romanische Zügel angelegt; alles

war geregelt und in Formen gebracht. Auf eine Bändigung des

Nurkriegerischen wirkte ebenso die Kirche hin, gleichfalls durch

bestimmte Formen. Von den ritterlichen Schichten, wie sie auch sonst

bei den Völkern sich finden, unterschied sich diese abendländische

durch ihre kirchlich und gesellschaftlich bedingte Internationalität

(s. S. 72 f.). Zunächst hatten aber die Franzosen die eigentlichen

Formen des ritterlichen Lebens seit dem 11. Jahrhundert in einer

Mischung normannischer und provenzalischer (zum Teil maurischer)

Elemente ausgebildet. Romanisch war auch das gesuchte Sichabsondern,

die Verachtung der bäuerlichen Arbeit, während in dem erstrebten

Herrenleben, dem Leben von den Lieferungen der Untertanen sich auch ein

germanischer Zug finden mag. Den Abschluß der ganzen Standesbildung

gaben die Kreuzzüge, einmal durch die damalige innigere Berührung der

Ritter verschiedener Länder, die eine nähere Bekanntschaft mit den

gesellschaftlichen Formen des führenden und von den deutschen »Tölpeln«

bewunderten französischen Rittertums herbeiführte, ferner aber durch

den Glanz und die Bedeutung der Fahrten selbst, die ihren Trägern,

den Rittern, einen außerordentlichen Nimbus verliehen, endlich durch

die religiöse Weihe, die das Rittertum auf ihnen empfing und die erst

jene Betonung kirchlicher Formen und religiöser Ziele vollendete

sowie das Ideal des Ritters als christlichen Ritters befestigte. Ohne

Zweifel stammt aus der zunächst religiösen Schwärmerei der Kreuzzüge

der durch die Romantik des Orients noch beförderte schwärmerische

Zug des Rittertums überhaupt, der bei dem hingebenden, sentimentalen

Minnedienst vor allem zutage trat. Nicht mit Unrecht hat man aber auch

die Empfindelei und Verstiegenheit des Minnetums an sich mit der

gewaltigen Steigerung des religiösen Gefühlslebens zusammengebracht.

Der Hauptzug der ritterlichen Standeskultur, die Verbindung des

kriegerischen Grundelements mit _gesellschaftlich-ästhetischen_

Idealen, ist also _romanisch_, insbesondere französisch. Und romanisch

mutet auch das gesamte ritterliche Leben in seinen Formen an. Wie

_Frankreich_, das schon auf geistlich-geistigem Gebiet im Abendland

voranstand, auch ein gesellschaftliches Übergewicht erlangte, ist

in meiner Geschichte der deutschen Kultur (I², S. 312 ff.) näher

dargelegt: jedenfalls war alles Französische in Deutschland Mode

geworden. Nicht nur daß viele das Französische wenigstens verstanden,

auch die deutsche Sprache füllte sich mit französischen Fremdwörtern,

Gruß- und Verkehrsformeln, die zum größten Teil freilich später wieder

daraus verschwanden. Viele Fremdwörter kamen mit den Sachen selbst,

so mit Kleidungsstücken und Stoffen, Waffen und Rüstungsteilen,

Speisen und Getränken, Instrumenten, Liedformen und Tänzen, ebenso

mit übernommenen Sitten, z. B. solchen der Jagd und vor allem mit dem

ganzen französischen Turnierwesen, mit gesellschaftlichen Spielen

usw. Die Tracht hatte sich übrigens schon im 11. Jahrhundert der

französischen genähert; jetzt trug man alles nach »französischem

Schnitt«. Französisch waren die dem Deutschen so ungewohnten Regeln

des nunmehr höchst wichtigen äußeren Benehmens, die Anstands- und

Tischregeln; der Ehrbegriff erhielt ebenfalls etwas Französisches und

ebenso das nunmehr sehr verfeinerte Schönheitsgefühl; der ästhetische

Charakter des Lebens war französisch. Der Minnesang entlehnte seine

Formen immer mehr den Provenzalen, und auch die epische Heldendichtung

nahm die nordfranzösische z. T. zum Vorbild. Stark französisch gefärbt

war endlich der Frauendienst, der sich zunächst aber im Deutschland

wohl unabhängig entwickelt hat. Überhaupt waren die Deutschen nicht

nur Nachahmer (s. S. 73 und 93), was z. B. auch die Ritterweihe zeigt.

Eigenartige Züge hat man neuerdings ferner aus dem Übergewicht der

Ministerialen im deutschen Rittertum hergeleitet; das französische

bildeten vor allem freie Vasallen.

Die _neue Rolle der Frau_ ist ein kulturgeschichtlich wichtiges

Moment. In geistigen Dingen hatte sich schon der Germane der sonst

ein demütiges Arbeitsdasein lebenden Frau gebeugt. Später war dann

auf dem Gebiet geistiger, freilich immer noch elementarer Bildung

die vornehme Frau die beste Bundesgenossin des Geistlichen gewesen.

Jetzt gewann sie, über den geistlichen Einfluß hinweg, eine ganz

neue weltlich-gesellschaftliche Macht über den Mann, der sich

seinerseits, wenn er ein modischer Ritter sein wollte, gleichzeitig

dem Frauendienst wie dem ungewohnten Zwang feinerer gesellschaftlicher

Bildung unterwerfen mußte. Der eigenen Frau gegenüber blieb freilich

auch in den ritterlichen Schichten das frühere, nicht selten brutale

Regiment bestehen; das junge Mädchen ferner blieb in hergebrachter

häuslicher Zucht und klösterlicher Lehre; die Heirat war in der

Regel ein nüchternes Geschäft wie früher. Andererseits steckt in

dem zum Teil schon auf den Kreuzzügen von den Romanen überkommenen

Kultus der fremden verheirateten Frau bei der derben Genußfreude

und Ungebundenheit der Deutschen lange ein sehr unideales, rein

sinnliches Element. Erst allmählich bequemte man sich jenem romanisch

verfeinerten und gekünstelten, schwärmerisch-idealen Minnedienst

an, durchaus freilich in konventioneller Weise. Und wenn man auch

nicht das verzwickte, man möchte sagen scholastisch und zugleich

überspannt-asketisch ausgebildete Minnesystem der provenzalischen

Troubadours übernahm, so zeigte der Minnedienst doch über die übliche

konventionell-phantastische Aufmachung hinaus auch in Deutschland

bei einzelnen Modehelden wie Ulrich von Lichtenstein übertrieben

schwärmerische Formen. Einen schmachtend sentimentalen, natürlich auch

verschwiegenen, heimlichen Charakter aber trug der Frauendienst, wobei

die Frau stets als Zurückhaltende, Versagende erscheint, später immer

allgemeiner, eben weil es sich meist um verheiratete Frauen – ganz ist

Mädchenminne nicht ausgeschlossen – handelte und der Ehebruch nicht

entfernt die Regel war. Manche Dichter wie Wolfram oder ein Reinmar

von Zweter haben auch gerade die eheliche Liebe innig gepriesen. Aber

auch jetzt handelte es sich immerhin zum großen Teil um wirkliche

Liebesabenteuer. Indes ist vor allem dies wichtig, daß das ritterliche

Leben überhaupt unter dem Zeichen der Frauen steht.

Die notwendige Folge ist das Aufkommen einer ganz _neuen

gesellschaftlichen Kultur_. Männergeselligkeit, wie sie die bisherigen

Deutschen kannten, in den Freuden der Gelage und der Jagd aufgehend,

konnte nur derbe Formen haben – Ausnahmeerscheinungen, wie der

karolingische Bildungskreis und zum Teil der der Ottonen, bleiben außer

Betracht. Vielleicht haben zuerst jene geistlich gebildeten vornehmen

Frauen neben den Geistlichen selbst in der ottonischen Zeit eine Art

feinerer Geselligkeit hervorgebracht. Dann aber kamen jene romanischen

Einflüsse, und mehr oder weniger geschickt verstand die Frau die ihr

dadurch gegebene gesellige Herrschaft auszuüben. Ihre größere Bildung

mochte ihr den Gebrauch der gerade von ihr verlangten feineren Formen

auch leichter machen als dem Manne. Wichtig ist nun aber weiter, daß

dieser neuen Geselligkeit ein belebendes geistiges Element nicht

fehlte, das war die fast obligatorische Pflege der Dichtung. Auch

bei ihr drehte es sich freilich in der Regel um die Minne, und auch

sie war ein Gewächs der Mode. Aber sie kam gleichwohl auf eine Höhe,

wie sie noch lange nachher nicht wieder erreicht wurde. Die bisher

allein als Bildung geltende geistliche Bildung verlor in dieser Zeit

bedeutend an Geltung. Der gesellschaftlich vollendete Ritter mußte

in den Formen des Turniers, der Jagd usw. wohlgeübt sein, in seinem

Benehmen die höfischen Formen voll beherrschen, gewandt und fein mit

Damen sich unterhalten, auch wohl ein Liedlein dichten oder doch

vortragen können und dergleichen: aber lesen und schreiben brauchte

er nicht zu können, wenn es auch mehr Ritter fertig brachten, als man

glaubt. War ferner die bisherige Bildung von der Kirche ausgegangen, so

waren die Mittelpunkte der neuen gesellschaftlichen Bildung natürlich

weltlicher Art. Der _Hof_ der Fürsten und großen Herren (s. S. 105 f.)

trat wieder in seine kulturellen Rechte, wie sich ja an diese Großen

das ganze Rittertum auch sozial angliederte. »Höfisch« heißt daher die

ganze Kultur, die hövescheit (~courtoisie~) ist der Inbegriff der an

den rechten Ritter gestellten gesellschaftlichen Anforderungen. An den

Hof wird der junge Ritter gesandt, um die beste Erziehung zu erhalten.

Am Hofe entfaltet sich der eigentliche Glanz ritterlichen Lebens mit

seinen Turnieren und Festen.

In der Hauptsache ist die neue Bildung rein äußerlich, aber sie hat

doch auch zur _inneren Kultivierung_ der führenden weltlichen Schicht

Deutschlands einigermaßen beigetragen. So wurde doch eine gewisse

Wandlung des rohen und unbändigen Deutschen vor allem durch die streng

geforderte ~mâze~ (Selbstbeherrschung, maßvolle Haltung) herbeigeführt,

die sich den schon früher von der Kirche verlangten Geboten äußerer

Sittigung nunmehr anreihte, und die man nur infolge ständiger rechter

»Zucht« erlangen konnte. Die alte Leidenschaftlichkeit sollte nun

kalter Glätte und Ruhe weichen, das Ungeschlachte sich in zierliche

Formen zwingen lassen, Trunksucht und Derbheit waren verpönt. Für

die Mehrzahl blieb es freilich eine Zwangsherrschaft, die man später

rasch wieder abwarf. Auch die geforderten schon mehr innerlichen

Eigenschaften, die Milde (Freigebigkeit), die Treue u. a., laufen in

der Hauptsache auf Erfüllung konventioneller, äußerer Pflichten hinaus;

ebendarum handelt es sich bei dem Ehrbegriff und der Frömmigkeit

des Ritters. Die Schicklichkeit (die ~fuoge~, die ~site~) ist das

wesentliche, sie ist auch der Kern der ganzen »~tugent~«. Immerhin

schlägt die in den Dichtungen und den zahlreichen Lehrschriften

gepredigte ritterliche Ethik auch tiefere Saiten an. Die Treue wird

edler gefaßt, die mutige Wahrheitsliebe gepriesen, ein humaner Sinn

ist nicht selten, der durch alle Widrigkeiten sich hindurchkämpfende

Wille zum Guten, die Stärke des tüchtigen Charakters, also die ~stæte~,

erscheint wenigstens in Wolframs Parcival, freilich einer für die

allgemeine Auffassung nicht bezeichnenden Dichtung, als Ideal. Ein

schwärmerischer _Idealismus_ ist sicherlich dem für Gott oder für eine

Herrin kämpfenden, auf stolze Kampfesehre dringenden Rittertum nicht

abzustreiten. Wie zum Teil in der Kreuzzugsbewegung wird ferner auch

sonst die äußere Frömmigkeit oft zu einer tieferen Religiosität.

Kulturgeschichte der Deutschen im Mittelalter · 第 8 / 17 段