Die cluniacensische Bewegung hatte nicht mehr das Grob-Massive der

früheren Askese: sie war äußerlich kultivierter (in Kleidung, Nahrung

und Verkehrsformen), dafür aber innerlich fanatischer, finsterer,

raffinierter (blutige Selbstgeißelung, Ausdehnung des Schweigegebots,

ständiger Gottesdienst), straffer, kurz – _romanisch_. Echt romanisch

war aber auch das Zentralisierte der Bewegung. Eben im Papsttum, es

zugleich dadurch stärkend und leitend, hatte Cluny, dessen Ideen dann

neugegründete Orden (Prämonstratenser, Cistercienser) fortsetzten und

verschärften, eine unmittelbare Spitze für die von unten kommende

Bewegung unter Ausschaltung der bischöflichen Macht gesucht und

gefunden. So war die Bewegung eine neue Welle der Romanisierung des

in seiner Eigenart und Unbotmäßigkeit noch immer nicht gebrochenen

Germanentums. Und sie ergriff, freilich in einer ihr durch Wilhelm von

Hirsau gegebenen gröberen, dem deutschen Wesen angepaßten Form, nun

auch Deutschland in ausgedehntem Maße, vor allem machte sie gerade auf

die Laienkreise Eindruck. Immer neue Klöster, aber auch immer stärkerer

Andrang zu den Klöstern. Und daneben das neue Institut der Laienbrüder,

die in verschiedenen Abstufungen halbklösterlich lebten und sich

aus hohen und niedrigeren Kreisen ergänzten, übrigens vor allem die

wirtschaftliche Tätigkeit auf sich nahmen. Innerhalb der Kirche setzte

sich die Bewegung jetzt völlig durch, zumal das Papsttum sie als

Stärkung seiner eigenen Macht erkannt hatte. Die Weltgeistlichen der

Stifter wurden immer klösterlicher organisiert. Vor allem griff man

auch bei den Pfarrern, die zum größten Teil wie die Bauern lebten,

verheiratet waren usw., durch, freilich unter heftigem, lange dauerndem

Widerstand, besonders gegenüber dem nun streng gebotenen Zölibat. Jetzt

kam auch jener Kampf gegen die Antike als weltliches Element auf den

Höhepunkt, und damit trat ein arger Verfall der gelehrten Studien

überhaupt ein, ebenso der künstlerischen Bestrebungen. Auch der Laie

sollte rein kirchlich denken und nicht mehr an weltlicher Unterhaltung,

wie sie die heimischen Spielleute boten, nicht mehr an üppigem Leben,

wie es damals einsetzte, Gefallen finden. Der Krieger sollte, wenn denn

schon gekämpft werden mußte, für die Kirche kämpfen. Vor allem aber

sollte _die_ Macht der Kirche untertan werden, die nun einmal die Welt

regierte, die weltliche Obrigkeit, der Staat. Der Kampf um diesen Preis

_mußte_ ausgefochten werden, vor allem dem großen Reich gegenüber, das

gerade auf Betreiben der in seinem Schatten sich Macht und Sicherheit

versprechenden Kirche die Überlieferungen des römischen Universalreichs

wieder aufgenommen hatte, dem deutschen Reich. Bisher lag, germanischer

Auffassung entsprechend, die Herrschaft über die Kirche in den Händen

seiner Könige. Otto I. hatte überdies eine nationale Kirche von

ziemlicher Geschlossenheit, gestützt auf die Bischöfe, mit der bloßen

Dekoration eines unselbständigen Papsttums geschaffen; Otto III.

hatte sich mit den eigentlich kirchlichen Ideen so erfüllt, daß er

das Papsttum in seinem eigenen Bereich zu beherrschen unternahm; die

späteren Herrscher versuchten schon eine »Germanisierung des römischen

Papsttums« (unter Heinrich III. vier deutsche Päpste)[8]. Jetzt hatte

die Kirche selbst die Ziele des alten römischen Universalreichs

aufgenommen, aber sie wirklich universal gestaltet. Sie hatte jetzt in

dem Papst einen wirklichen absoluten Herrscher und zugleich die früher

landschaftlich auseinandergehenden Kirchen mit einem einheitlichen,

disziplinierten kirchlich-fanatischen Geist erfüllt. Der Papst über

dem Kaiser, das war nun die Folge der Losung: Gott, nicht Welt. Den

Kampf führte ein Papst, der die ursprünglich von solchen Zielen freie

Reformbewegung sowie die Zentralisation der gereinigten Kirche erst

eigentlich vollendet hatte, Gregor VII. Gestützt auf die isidorischen

Fälschungen, die einst, freilich lediglich im Interesse der Bischöfe

gegenüber den landeskirchlichen Gewalten, die einheitliche Oberhoheit

des Papsttums hatten sichern wollen, griff man, ausgehend von der

Möglichkeit simonistischen Mißbrauchs, die Laieninvestitur auf, um

durch ihr Verbot, d. h. das Verbot der Besetzung namentlich der

Bistümer durch den Herrscher, den Streit zu beginnen.

Der Deutschland zerrüttende, das eigentlich kirchliche und das

sittliche Leben stark schädigende Kampf hat dem Papsttum den erstrebten

Sieg letzten Endes nicht gebracht, wohl aber die Kirche dauernd

zu einer straff organisierten Hierarchie gemacht und sie ganz der

Herrschaft des Papstes unterworfen: eine Landeskirche gab es nicht mehr.

Wie die auf ihren Höhepunkt gelangte Macht der Kirche auch äußerlich

die Welt leiten und bewegen konnte, das zeigten nun vor allem

_die Kreuzzüge_, so sehr bei vielen Teilnehmern weltliche Motive

mitspielten. Im Grunde eine Fortsetzung dauernder Kämpfe mit dem Islam

einerseits, großer Massenpilgerfahrten andererseits, zum Teil auch

durch die Handelsbestrebungen der Italiener angeregt, unmittelbar

endlich hervorgerufen durch die Bedrückungen der seit dem 11.

Jahrhundert immer zahlreicheren Pilger zum heiligen Lande und durch

die Bedrängung des Kaisers in Byzanz, waren sie doch eine Auswirkung

kirchlichen Einflusses, ein päpstliches Unternehmen. Das Ziel war die

Eroberung des heiligen Grabes, des hehrsten Ortes der Welt, die auch

ihren geographischen Mittelpunkt nach mittelalterlicher Anschauung in

Jerusalem hat. Gerade der erste Kreuzzug brachte mit seinen Erfolgen

dem Papsttum eine gewaltige Stärkung des Ansehens, schon durch seinen

Einfluß auf die neuen geistlichen Ritterorden: aber bereits der zweite

Kreuzzug, bei dessen Einleitung der Wille des Papstes vor der Macht der

Idee völlig zurücktrat, fiel in seinem unglücklichen Ausgang wieder mit

einem Niedergang der päpstlichen Herrlichkeit zusammen.

Für diesen zweiten Kreuzzug war durch Bernhard von Clairvaux auch der

deutsche König gewonnen worden – zu seinem Unheil –, dem ersten stand

aber Deutschland, abgesehen von Lothringen, das ja immer westlich

beeinflußt war, im ganzen noch kühl gegenüber, wenn auch größere

Scharen aus West- und Süddeutschland mitzogen. Die Erscheinung war eben

im Grunde wieder _romanischen_ Ursprungs. Romanisch war auch, wie wir

sahen, die kirchliche Reformbewegung überhaupt, romanisch natürlich

ebenso die Idee der päpstlichen Weltherrschaft, die im Grunde die

Herrschaft der Italiener über die Germanen und die Vernichtung der

äußeren Machtstellung Deutschlands, der von ihm gewonnenen Führung

des »Römischen Reiches« bedeutete. Gleichzeitig handelte es sich

um eine neue tiefgreifendere Eroberung des deutschen, noch nicht

gebrochenen Wesens durch die romanische Kirche. Aber so sehr diesem

neuen Geist sich zahlreiche Gemüter in Deutschland hingaben, so sehr

widersprach er doch dauernd und im tiefsten Grunde den lebendigen,

natürlichen Trieben eines jugendlichen, kräftigen Volkes, wenn auch

dieser Widerspruch schon geringer geworden war als bei dem ersten

Zusammentreffen des weltenstürmenden und weltfrohen Germanentums mit

der weltabgewandten Kirche des müden Altertums. Immer wieder bäumte

sich auch die Welt gegen den Zwang des kirchlichen Ideals auf, und

immer wieder suchte umgekehrt dieses sich gegen jene durchzusetzen.

Freilich hat die Kirche, wie sich früh gezeigt hat (s. S. 29), den Weg

des Kompromisses grundsätzlich keineswegs ausgeschlossen und ihn auch

immer wieder betreten.

Der Kern der Sache liegt auf sittlichem Gebiet. Hier ist gegenüber der

leidenschaftlichen germanischen Gewaltnatur doch viel von der ethischen

Macht des Christentums, die dank der kirchlichen Organisation auch den

kleinsten Kreisen fühlbar wurde, erreicht worden. Nicht die Ideale des

Kriegers, nicht die natürlichen Richtgedanken des Landmannes, nicht die

Interessen der Heimat und der Familie sollten als höchste Lebensziele

gelten, sondern jenseitige Ideale. Friedlichkeit, Mäßigkeit und Demut

wurden dabei von den gewalttätigen, egoistischen Menschen gefordert.

Man fand sich mit solchen Forderungen durch äußere, übertriebene

Formen, wie wir (S. 32) sahen, ab. Aber die sittliche Erziehung durch

die Kirche modelte mehr und mehr doch auch das Innere um. Die Sorge um

das Seelenheil führte zu einem ständigen Beachten der eigenen Gefühle

und Regungen; den Trieben wurden innere Stimmen feind: das ganze

seelische Leben wurde angeregt, erweitert, vertieft. Das Geheimnis des

Erfolges liegt in der alles niederzwingenden göttlichen Autorität der

Kirche und ihrer Lehre, zugleich wieder in der eindrucksvollen Macht

ihrer ganzen Organisation und in ihrer kulturellen Überlegenheit.

_Der_ fertigen, geschlossenen, großartigen _Weltanschauung der Kirche

gegenüber_ war _das deutsche Volkstum hilflos_ und konnte aus eigener,

unentwickelter Denkkraft heraus kein anderes geistig-sittliches Ideal

von annähernd gleicher Kraft schaffen: daß ein solches in der von der

Kirche bekämpften Antike verborgen lag, ahnte der Laie nicht entfernt.

Dem Stand des nationalen Fühlens und Lebens würde dieses Ideal ja auch

nicht entsprochen haben. Eine im nationalen Denken und Fühlen wurzelnde

geistige Erfassung und Deutung der Welt und der sie beherrschenden

Mächte, eine Gewinnung sittlicher Maßstäbe auf Grund solcher Auffassung

und entsprechend der jeweiligen Kulturstufe: dieses notwendige

Ziel jeder Volksentwicklung zu erreichen, wurde den Deutschen früh

erschwert. Eben die gewaltige Überlegenheit der schlechthin gegebenen

kirchlichen Weltanschauung, so stark weite Kreise ihr bewußt und

unbewußt widerstrebten, hat infolge ihrer ungestörten Dauer die

Möglichkeit der Bildung einer anderen Weltanschauung auf lange hinaus

gehemmt. Man dachte in allen höheren Beziehungen nur in der Denkweise

der Kirche. Außerkirchliche geistige Bewegungen waren, soweit sie bei

der alles umfassenden Kulturbetätigung der Kirche überhaupt möglich

waren, von vornherein machtlos. Wer Menschen und Welt und auch die

Kirche bessern wollte, griff doch immer nur auf reinere Überlieferungen

eben der Kirche zurück.

Andererseits konnte die kirchliche _weltverneinende Weltanschauung_

doch trotz allen Preisens keineswegs das _allgemeine Ideal_ sein,

ist es auch _niemals gewesen_. Ganz richtig hat man sie als ein

geistliches Standesideal bezeichnet. Freilich war dieser Stand der

kulturell führende. Schon äußerlich durch seine Tracht, durch seine

Sprache, durch seine Lebensweise wie durch seine Bildung, seine Ideale

von der übrigen Nation abgesondert und geschieden, losgerissen von

der Familie, verkörperte er dauernd und anschaulich die dem Volkstum

fremde, ihm jedoch überlegene antik-kirchliche Kultur. Aber da er

sich aus den Großen der Welt wie aus der Masse des Volkes ergänzte,

so war dieser Fremdkörper doch auch wieder mit dem Volk innerlich

verbunden, wie es auch äußerlich bisher manch hoher Kirchenfürst durch

seine kulturelle, wirtschaftliche und z. T. politische Betätigung

und manch niederer Pfarrer durch sein ganzes Leben gewesen war. Mit

seiner zunehmenden Zahl, mit der Fülle der Stifter und Klöster und

ihrem Besitz wuchsen Macht und Einfluß des Geistlichen im Volk ebenso

wie sein Selbstbewußtsein. Vor allem verlieh ihm aber die große

Heilsanstalt selbst, deren Vertreter er war, einen gewaltigen Nimbus.

Was er lehrte, war die Wahrheit an sich, der sich jeder Laie beugen

mußte; er vermittelte das Seelenheil, um das ängstlich zu sorgen

die Kirche immer eindringlicher die Laien anhielt. Übernatürliche

Kräfte mochte alter Volksglauben noch immer bei ihm suchen, wenn auch

weniger als früher. Und wenn nun auch trotz des Schweigens unserer

doch meist kirchlichen Quellen sicherlich auch nach den ersten Zeiten

äußerlicher Christianisierung die übrige Welt oft genug eine innerliche

Opposition gezeigt und im übrigen sich in ihrer Weltlichkeit wenig

wird haben stören lassen, so war doch das geistliche Übergewicht so

sicher gegründet, daß das von der Kirche getragene Ideal immer als das

höchste und erstrebenswerteste auch von der Laienwelt anerkannt wurde.

Durchgeführt konnte es von dieser, die deshalb immer als unvollkommen

galt und aus der Sünde zu erretten war, niemals werden, freilich auch

nicht von der Masse der Weltgeistlichen. Die vorbildliche Durchführung

des Ideals hatte sich vielmehr das Mönchstum zum Ziele gesetzt, das

grundsätzlich für die übrigen Geistlichen als ständiges Muster diente,

immer wieder ferner in der mit der Welt notwendig verbundenen Kirche

für die kräftige Erneuerung des Ideals sorgte, endlich der Laienwelt

als die Verkörperung dieses christlichen Ideals sichtbar gegenübertrat.

Freilich, wenn, wie es immer wieder geschah, die Mönche selbst entgegen

diesem Ideal lebten, luden sie um so mehr den Zorn der Laien auf sich.

Gerade die frommen Laien haben in Zeiten religiöser Erregung auch immer

am meisten zu den das Ideal streng erneuernden eifernden Mönchen als

den konsequentesten Vertretern christlicher Forderungen gehalten, und

gerade in unserem Zeitabschnitt, da die Mönche mit der Reformbewegung

die ganze Kirche beherrschten, haben diese jenes Ideal auch tief in die

Laienwelt getragen und selbst asketische Anwandlungen und zerknirschte

Bußstimmungen in weiten Schichten geweckt, überhaupt die gewaltige

Macht der Kirche tiefer in den Gemütern auch vieler Weltkinder

befestigt.

Muß nach alledem die Kirche als der wesentlichste Faktor der

mittelalterlichen Kultur angesehen werden, so liegt darin zugleich

ausgesprochen, daß diese _Kultur_ einen stark _internationalen_

Charakter trug. Soweit wenigstens die Welt in der Papstkirche

vereinigt war, also vom Osten abgesehen, entwickelte sich ihre Kultur

ziemlich einheitlich und gleichartig, eben weil diese Kultur mit der

überall gleichförmigen Kirche eng verbunden sowie von der überall

gleichmäßig gebildeten Geistlichkeit getragen und der übrigen Welt

vermittelt wurde. Natürlich hat es im übrigen in dieser geschlossenen

Kirche, wie in jeder menschlichen Organisation, von jeher auch innere

Parteiungen, Gegensätze und Kämpfe gegeben, aber darauf kommt es

hier nicht an. Jener abgeschlossenen Stellung der Geistlichen im

eigenen Volk entspricht wieder der internationale Zusammenschluß

derselben in der päpstlichen Hierarchie, die Zusammengehörigkeit mit

der Geistlichkeit der anderen Völker: die Romanen waren freilich der

führende Teil. Gerade jetzt wurde Rom erst recht der Mittelpunkt und

aller Heimat; im italienischen Kloster konnte der deutsche Mönch sich

ebenso zu Hause fühlen wie in einem heimischen, was freilich wohl

nicht immer der Fall war. So war denn alle höhere Bildung und ihre

Sprache international, international auch noch später die zunächst

immer von Geistlichen getragene Gelehrsamkeit, wie sie sich in den

Universitäten organisierte. Und als dann seit dem 13. Jahrhundert

eine nationale Scheidung sich schärfer geltend machte, stärkte den

internationalen Charakter der gelehrten Bildung im 15. Jahrhundert

wieder die humanistische, d. h. die Antike neubelebende Bewegung.

International war auch die Kunst, weil wiederum alle Kunstübung, ihre

Ziele und Aufgaben in der Kirche beschlossen waren. Allerdings war

das eigentliche Kunstleben auf bestimmte Länder beschränkt, gerade

auf diejenigen, die durch das Eindringen der Germanen frisches Blut

empfangen hatten, außer Deutschland und Burgund Nordfrankreich und

Oberitalien.

Im Grunde beruhte die Internationalität der mittelalterlichen

Kultur natürlich auf dem internationalen Charakter des Römischen

Reiches und seiner Kultur, deren Erbe die Kirche war, auf der

Eroberung dieses Reiches durch die Germanen und der durch die

Kirche beförderten Aufnahme des universalen Kaisertums durch diese

wie auf der Durcheinanderwirbelung germanischer und romanischer

Volkselemente. In politischer und sozialer (ständischer) Beziehung

hatten die germanischen Einrichtungen daher überall das Übergewicht.

Diese gesellschaftliche und staatsrechtliche Einheitlichkeit

germanischen Ursprungs, zum Teil freilich wieder mit römischen

Einflüssen durchsetzt, ergänzte jene durch die römische Kirche

und die antike Erbschaft gegebene kulturelle Gleichförmigkeit.

Überhaupt bestand auch über das kirchliche Gebiet hinaus eine

starke _Kulturgemeinschaft_ unter den _germanisch-romanischen_

Völkern: fortwährend wurden Kulturgüter, zumal solche äußerer Natur,

ausgetauscht. Der mittelalterliche Handel ist vorwiegend international.

Von den Städten hat schon Ranke gesagt, daß sie sich als Bestandteile

einer europäischen Gemeinschaft fühlten. Die Internationalität

erstreckte sich ebenso auf die schon vor ihnen als Kulturträger

auftretende soziale Schicht des Rittertums. Beruhte sie in sozialer

Beziehung auf jener Gleichförmigkeit der ständischen Gliederung, so

ergab sich eine internationale Geltung der höfischen Lebenshaltung

wie der gesellschaftlichen Lebensanschauungen und -ideale aus dem

kulturellen Übergewicht, das wir die Franzosen erlangen sehen werden.

Der Austausch wurde besonders begünstigt durch die von dem ganzen

abendländischen Rittertum getragene Kreuzzugsbewegung, also wieder

durch eine Bewegung kirchlichen Charakters. Machten sich aber bei den

Rittern der einzelnen Völker genug nationale Unterschiede trotz aller

Nachahmung des französischen Vorbildes geltend, so trugen gerade wieder

die geistlichen Ritterorden den durchaus internationalen Charakter der

Kirche, auch in ihrer Zusammensetzung.

Aber eben das Rittertum als Kulturfaktor führt uns nun darauf,

daß das Mittelalter doch nicht nur kirchlich bestimmt und bedingt

ist. Überhaupt ist immer im Mittelalter die _Welt_ auch da

gewesen, schon vor der Ausbildung einer weltlich-ritterlichen

und weltlich-bürgerlichen Kultur. Wieder ist es das _Volkstum_,

das Beachtung heischt. Man meint in der Regel, nur politisch und

kriegerisch habe sich die deutsche Volkskraft bewähren können,

kulturell habe man nur von der Kirche gezehrt, und geistig hätte bei

Geistlichen wie Laien völlige Gebundenheit geherrscht. In Wahrheit

zeigt das Mittelalter – wir sahen es zum Teil schon – das _kräftigste

Eigenleben_ und selbständige Vorwärtsentwicklung. In dieser gerechteren

Beurteilung des Mittelalters nähern wir uns heute wieder der Auffassung

der Romantik, ohne aber in deren phantastische Illusion, einseitige

Bewunderung und unhistorische Übertreibung zu verfallen. Auf der

anderen Seite ist die Anschauung von der inneren Gebundenheit des

Mittelalters, die sich vor allem auf das oben betonte ungeheure

Übergewicht der Kirche gründet, nicht völlig falsch, so wenig wie Jakob

Burckhardt und vor ihm schon Georg Voigt mit ihrer Entdeckung des

ausgeprägten Individualismus der italienischen Renaissance und mit der

Annahme einer seit dem 15. Jahrhundert erfolgenden Übertragung dieses

Geistes auf die übrigen abendländischen Kulturvölker, bei denen er sich

freilich ganz anders gestaltete, im Unrecht sind. Aber genau gesehen,

handelt es sich doch nur um die gesteigerte Ausdrucksmöglichkeit

für solchen Geist. In Briefen und Reden, in ernster und witziger

Dichtung, in der Gestaltung von Bildnissen und Bildwerken, kurz in

den stilistisch und technisch entwickelten Ausdrucksarten einer

hochstehenden Kultur kann sich die einzelne Persönlichkeit in ihrer

ganzen Individualität zeigen (wobei man aber wieder leicht vergißt,

wie solche Weise alsbald wieder zur allgemeinen Mode, zum Stil, zur

Manier, der Individualismus gewissermaßen zur Gebundenheit wird). Von

den Menschen des früheren Mittelalters dagegen wissen wir über ihr

Fühlen und Denken nur wenig; aus der Ferne sieht man auch nur das

Gemeinsame, Allgemeine. Zu schriftlichem Ausdruck ihres Inneren waren

sie noch wenig imstande, die Laienwelt gar nicht, und künstlerisch rang

man noch allzusehr mit den technischen Schwierigkeiten individueller

Persönlichkeitsdarstellung. Aber wir wissen doch wenigstens zum

Teil, wie die Menschen gehandelt haben, und einzelne Züge verraten

zuweilen, und öfter können wir darauf schließen, wie sie wirklich

gewesen sind. Derselbe Burckhardt, aus dessen genialer Beobachtung

ein epigonenhafter, aber desto mehr von seiner Bedeutung überzeugter

Historiker dann ein mechanisches System mit den nötigen Erweiterungen

konstruierte, hat doch an anderer Stelle wieder auch dem Mittelalter in

gewisser Weise _Individualismus_ zuerkannt: »Zwar ist das Individuelle

noch gebunden, aber nicht innerhalb des geistigen Kreises der Kaste,

hier konnte die Persönlichkeit sich frei zeigen ..., und so bestand

denn wirklich sehr viele und echte Freiheit. Es gab einen unendlichen

Reichtum noch nicht von Individualitäten, aber von abgestuften

Lebensformen.« Der Individualismus zeigt sich also zunächst in dem

_ständischen_ Sonderleben (s. S. 107). In der Tat, welche Fülle

von individuellen Sondergebilden, welche Vielgestaltigkeit in der

räumlich doch nur kleinen mittelalterlichen Welt des Abendlandes, auch

innerhalb der Kirche! Und hat diese Kirche auch _geistig_ wirklich

alles _gebunden_? Hat es nicht zu allen Zeiten in der mittelalterlichen

Kirche Opposition und Sonderströmungen gegeben? Und wissen wir

denn, wie oft sich einer im frühen Mittelalter auch innerlich gegen

diese Autorität erhob? In der angeblich so gebundenen Scholastik

sind dann später bereits die schwerwiegendsten Probleme zweifelnd

erörtert worden. Umgekehrt ist _nach_ dem Mittelalter geistige

Gebundenheit ebensogut zu finden, nicht nur innerhalb der katholischen

Kirche, und die Konvention beherrscht selbst gebildete Kreise noch

in der Gegenwart. Die ständische Gliederung, die ebenso wie der

genossenschaftliche Geist die Menschen damals auch innerlich gebunden

haben mag, ist doch heute nur äußerlich geschwunden. Wie starr liegen,

ähnlich der »bindenden« Geisteswelt der mittelalterlichen Kirche, heute

die offiziellen politischen und kirchlichen Anschauungen auf dem Ganzen

trotz aller lauten und stillen Abweichungen!

So konnte man eine »Rückständigkeit« des Mittelalters wohl gegenüber

den abgelebten Resten seiner Einrichtungen in dem aufgeklärten 18.

Jahrhundert behaupten, in Wahrheit ist das Mittelalter aber reich

an neuen kraftvollen Bildungen und Organisationen auf allen Gebieten

des Lebens, tatkräftig und unternehmungslustig, von Schaffensdrang

erfüllt und vor allem ein Feld für die Betätigung des einzelnen.

Überall begegnen tatkräftige, frei und freudig »sich auslebende«

Persönlichkeiten, insbesondere in der Herrenschicht. Und die Herrscher,

von denen wir noch am meisten wissen, sind so wenig gleichmäßige Typen

wie nur zu irgendeiner Zeit sonst. So würden uns auch bei näherer

Kenntnis der einzelne Mönch wie der einzelne Ritter oder Kaufmann als

Leute von größerer oder geringerer Individualität erscheinen. Welch

außerordentlicher Selbständigkeitsdrang zeigt sich bei einzelnen

wie bei den Ständen, Gruppen und Genossenschaften! Die Stärke des

Trieblebens, des rücksichtslosen Egoismus haben wir wiederholt betont,

die Neigung zur Selbsthilfe ist noch deutlich genug, das Gehorchen ist

dem Mittelalter ein ziemlich unbekannter Begriff, Trotz und Pochen

auf das eigene Recht, auf Sonderrechte allgemein. Man will überhaupt,

wie man richtig betont hat, immer nur Rechte, von Pflichten hört

man ungern. Die deutsche Sonderart erlebt ihre Blütezeit eben im

Mittelalter; aus seinem vielgestaltigen politischen Sonderleben haben

sich erst langsam in neuerer Zeit größere staatliche Gebilde entwickeln

können.

Wo bleiben bei alledem die von Lamprecht konstruierten Stufen

gebundenen Geisteslebens? Die Annahme einer »typischen« Stufe ist z.

B., wie Kemmerich nachgewiesen hat, gegenüber der frühmittelalterlichen

Porträtmalerei gar nicht haltbar. Dasselbe hat Zoepf auf Grund

der Literatur der Heiligenleben des 10. Jahrhunderts bewiesen und

genug individuelle Spuren aufgezeigt. Was aber die weitere, etwas

freiere Stufe »konventioneller« Gebundenheit betrifft, so ist eine

gewisse _konventionelle_ Haltung des späteren Mittelalters schon vor

Lamprecht in meiner »Geschichte des deutschen Briefes« für die Briefe

nachgewiesen, und auch sonst zeigt sie sich vielfach, so in dem ganzen

Gebaren der höfischen Ritter. Aber das Konventionelle ergibt sich

lediglich wie zu allen Zeiten aus dem _Zwange_ einer dem natürlichen

und nationalen Wesen nicht entsprechenden, mehr oder wenig künstlich

übernommenen _fremden_ Kultur. Das Bewegen in der ästhetisch-höfischen

Kultur der Romanen _konnte_ nur modisch-konventionell sein, und die

Handhabung des geistlichen Schriftwesens seitens eines bürgerlichen

Laien des 14. Jahrhunderts konnte auch nur konventionelle Stilformen

gleichsam als Hilfsmittel ergeben. Aber welche Höhe der individuellen

Gestaltung erreichte bereits im 13. Jahrhundert die Kunst! Man denke

nur an die Statuen des Naumburger Doms. Wo man aber sich volkstümlich

geben kann, da ist man individuell im höchsten Maße. Gerade die

_Volkstümlichkeit_ wird als ein _charakteristisches Element_ des

Mittelalters in der Regel übersehen. Die spärlichen Quellen lassen sie

für das frühere Mittelalter nur nicht recht erkennen. Burckhardt hat

recht, wenn er vom Mittelalter sagt: »Unser Leben ist ein Geschäft,

das damalige war ein Dasein; das Gesamtvolk existierte kaum, das

Volkstümliche aber blühte.«

Kulturgeschichte der Deutschen im Mittelalter · 第 7 / 17 段