die ja auch die hohen Kirchenämter mit ihren Angehörigen zu besetzen
strebten. Wie das mit dem Eigenkirchengedanken zusammenhängt, sei
hier nicht weiter ausgeführt. Vor allem aber war sie jetzt in der
Hand des Kaisers, der eben mit diesem Titel damals als der oberste
Herr der ganzen Kirche erschien. Die Kirche ihrerseits glaubte gerade
im Schutz des Kaisertums ihre universalen Bestrebungen am meisten
gesichert. So war sie die beste Stütze des neugegründeten _römischen
Reiches deutscher Nation_, das unter den Sachsenherrschern in seiner
verhältnismäßigen Geschlossenheit die unbezweifelte _Vorherrschaft in
Europa_ erlangte, zugleich auf ein kräftiges nationales Leben gegründet
war, dabei zunehmendes wirtschaftliches Gedeihen und bäuerlichen
Wohlstand sah, das sodann unter den salischen Königen weniger
idealistisch erfaßt, fester ausgebaut und gekräftigt wurde und unter
Heinrich III. auf den Gipfel seiner Macht kam. Die Kirche war aber
auch das treibende Element in der kulturellen Aufwärtsbewegung, die
Deutschland, dieses durchaus bäuerlich-kriegerisch lebende Land, damals
im Gegensatz zu den in ihrer Entwicklung zeitweise stillstehenden
romanischen Ländern erlebte.
Fußnote:
[7] Vgl. die ausführliche Darstellung in meiner Gesch. d. d.
Kultur I², S. 160 ff.
Drittes Kapitel.
Die stärkere Durchdringung deutschen Lebens mit der antik-kirchlichen
Kultur unter zunehmender Beeinflussung durch die Romanen:
Aristokratisches Zeitalter.
Wir nähern uns dem Höhepunkt des Mittelalters, und die Züge, die das
eigentliche _Wesen der mittelalterlichen Kultur_ ausmachen, treten
schärfer in die Erscheinung. Das Mittelalter ist das _kirchliche_
Zeitalter der Völker Europas. Aber wenn man auch sonst in der
Entwicklung der Kulturvölker auf der Stufe bäuerlichen Daseins eine
überwiegende Rolle priesterlicher Gewalt angenommen hat, so hat die
mittelalterliche Kirche doch ihre besondere kulturgeschichtliche
Bedeutung dadurch, daß sie, im Bereich der germanischen Völker
wenigstens, als eine völlig fremde Macht, als Trägerin der Reste der
Überlieferungen der bisherigen Weltkultur zu halbbarbarischen Menschen
gekommen war und so die große Aufgabe des Ausgleichs zwischen deren
natürlich-roher Art einerseits, den hohen sittlich-religiösen Idealen
des Christentums und jenen Überlieferungen einer höheren weltlichen
Kultur andererseits übernahm. Dieser Ausgleich, nur langsam vor sich
gehend, hat das ganze »Mittelalter« hindurch gedauert bis zum 15.
Jahrhundert. Wie stark lange das Widerstreben des nationalen Wesens
und wie entschieden die Bewahrung der natürlichen Eigenart war,
haben wir eben gesehen. Aber mit der Zusammenfassung der kirchlichen
Macht und ihrer strafferen Organisation, mit dem Hervortreten der
universalen Bestrebungen, die zunächst auch jener weltlich-politischen
Einheit der Christenheit bedurften, wie sie wenigstens in der Idee des
neubelebten Kaisertums lag, wuchs der Einfluß der Kirche. Eben durch
jene kulturellen Überlieferungen wurde sie nicht nur zur Erzieherin
der Völker, sondern erlangte durch ihre mit höheren Mitteln auch
äußerlich organisierte Überlegenheit überhaupt ihre große Macht im
ganzen mittelalterlichen Leben. War sie ursprünglich nur als ein Teil
der römischen Kultur gekommen, so war später die Kultur nur eine
Begleiterscheinung der Kirche, nur im Rahmen der christlichen Kirche
denkbar. So beherrschte die Kirche eben wegen ihrer Verbindung mit dem
Weltlichen die Welt, umsomehr, als der Feudalstaat als Kulturbringer
versagen mußte: alle Kultur wurde von ihr bestimmt, gipfelte in ihr.
Zunächst die Kunst. Daß überhaupt »die Künste, welches auch ihr
Ursprung sei, jedenfalls ihre wichtigste, entscheidende Jugendzeit im
Dienste der Religion zugebracht haben«, hat Jakob Burckhardt in seinen
»Weltgeschichtlichen Betrachtungen« aufs neue betont. Vor allem bleiben
die bildenden Künste lange in diesem Bannkreis, während die Dichtung
sich rascher frei macht. Bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts war so
auch in Deutschland die ohnehin volksfremde _Kunst_ nur die _Dienerin
der Kirche_. Mit dem kirchlichen Wesen waren ja auch die Künste eng
verbunden. Es war ganz natürlich, daß gerade das Kirchengebäude dem
Volke die gewaltige Stellung, welche die Kirche als Mittelpunkt
der mittelalterlichen Welt hatte, zum sichtbaren Ausdruck brachte.
Wir sahen bereits (S. 52 f.), wie sich die _Baukunst_ an dieser
Aufgabe geschult und entwickelt hatte; sie wurde zugleich aber auch
zur ersten Kunst und stellte die übrigen in ihren und ihrer hehren
Aufgabe Dienst. Nur so hatte die ja ohne jeden Zusammenhang mit dem
volkstümlichen Geist rein aus der antik-christlichen Überlieferung
erwachsene _Malerei_ ihre Bedeutung. Ihre Aufgabe war einmal, die
großen Innenflächen der Kirchen zu schmücken. Schon in karolingischer
Zeit pflegte man eifrig die Wandmalerei, aber erst aus späterer
Zeit, vor allem aus dem 12. und 13. Jahrhundert sind uns Denkmäler
erhalten. Aber nicht dem Kirchenschmuck allein, sondern den eigentlich
kirchlichen Zwecken diente die Malerei. Sie brachte die Gestalten und
Vorgänge aus der heiligen Schrift wie der Geschichte der Heiligen dem
Volke nahe und religiöse Gedanken und Gefühle zu greifbarer Anschauung,
lediglich schon um der Belehrung willen, im übrigen an feste alte
Formen völlig gebunden. Die monumentale Plastik tritt noch völlig
zurück, dagegen diente seit langer Zeit die Kleinplastik, durch die
Einfuhr zahlreicher Geräte immer von neuem namentlich aus dem Osten,
besonders wieder seit den Kreuzzügen, angeregt und fremde Elemente
vermittelnd, eifrig gepflegt der Ausstattung und schönen Gestaltung der
Kirchengeräte, in erster Linie die Elfenbeinplastik. Ihr nahe steht
die früh entwickelte Goldschmiedekunst, wie überhaupt die Kleinkünste
das erste Betätigungsfeld des künstlerischen Schaffens gewesen waren,
aus primitivem Schmuckbedürfnis heraus. Auch ein Zweig der Malerei
hatte im Rahmen der Kleinkunst seit langem eifrige Pflege genossen,
die Buchmalerei, wie das Schriftwesen natürlich ganz im Dienste der
Kirche. Sie kam in der romanischen Zeit, zumal in deren glanzliebender
Blütezeit, auf ihre Höhe. Ganz zur Kleinkunst gehörten nach Dehios
treffendem Urteil stilistisch und technisch auch die »nur durch ihre
Funktion monumentalen« Erzeugnisse des bereits länger geübten Erzgusses
in den romanischen Kirchen, wie die Türen der Hildesheimer Domkirche.
Aber es war doch der Anfang der monumentalen Plastik. Man kam dann zu
gegossenen Figuren auf Grabplatten und auch zu solchen aus anderem
Material; auch sonst macht sich die Skulptur im Inneren der Kirche
allmählich stärker geltend. Vor allem aber beginnt sie das Portal mit
Steinfiguren zu schmücken. – Der Kirche dienten die bildenden Künste,
in ihrem Dienst stand auch die Musik. Gesang wie Orgelspiel und zum
Teil auch Instrumentalmusik waren eng mit dem Gottesdienst verbunden.
Unzweifelhaft verlieh diese religiöse Grundlage aller Kunstpflege
besonders der Malerei und der Musik einen tieferen Gefühlsgehalt.
Dieser Charakter der Kunst hatte auch sonst seine Vorteile. War die
kirchliche Gedanken- und Gestaltenwelt bis zu einem gewissen Grade
Allgemeingut, so hatte die Kunst, die sich nur in diesem Kreise
bewegte, sogleich einen aller Welt verständlichen Charakter. Die
hergebrachte Gleichartigkeit der Kunst beförderte doch wieder,
was auch Burckhardt betont, die Bildung von Stilen und verbürgte
eine zusammenhängende Entwicklung. Andererseits ergab die immer
wiederkehrende Behandlung derselben Dinge einen gewissen Wetteifer,
also eine immer gesteigerte Kunstpflege, weiter aber auch eine
durch Einseitigkeit geförderte größere technische Vollendung im
einzelnen. Eine wirklich schöpferische Betätigung wurde durch jene
Gebundenheit freilich stark gehemmt: am ehesten konnte die Baukunst
sich freier entfalten. Die Anknüpfung an die Überlieferung ließ den
Wirklichkeitssinn, die Lebenswahrheit nur sehr langsam aufkommen,
wie die Wandmalerei zeigt besseres wird in der weniger gebundenen
Buchmalerei geleistet. Viel reicher entwickelt sich alles Ornamentale.
Mit dem zunehmenden kirchlichen Sinn, vor allem im 11. Jahrhundert,
gewinnt auch die _poetische_ Betätigung wieder stärker
kirchlich-religiösen Charakter: von der heftigen Befehdung der
nationalen weltlichen Dichtung war schon (S. 35) die Rede. Jetzt wurde
als kirchliches Erziehungs- und Lehrmittel auch die deutsche Dichtung
von den Geistlichen im 11. und 12. Jahrhundert eifrig gepflegt, und
ihre lateinische Poesie konnte wenigstens in der Form des damals
zuerst auftauchenden geistlichen Spiels (in der Kirche, dann auf den
Kirchhöfen) auf das Volk wirken.
Gänzlich _geistlich bestimmt_ und von Geistlichen getragen war die
gesamte _höhere geistige Kultur_, die lateinische Bildung, dem
nationalen Wesen, wie gesagt, noch fremder als die Kunst. Alle Bildung
wurzelte in der Beherrschung der lateinischen Sprache, die Kirchen-
und Kultur-, Urkunden- und Geschäftssprache war. Sie war also noch
in lebendigem Gebrauch und erfuhr demgemäß manche Umformung, ja
Entstellung. Aber das Muster für die Bildung blieb doch immer die
Sprache der römischen Autoren und der Vulgata, der lateinischen
Bibelübersetzung. Ihre Handhabung war für die Deutschen natürlich
schwerer als für die Romanen, die deshalb auf deren oft barbarisches
Latein herabsahen. Aber das gerade in der Zeit der ottonischen
Renaissance zu völliger Monopolstellung durchgedrungene Latein _mußte_
erlernt werden. Die _Schule_ war das Mittel. Das dem späten römischen
Altertum entnommene und in fester Überlieferung fast ungeändert durch
das Mittelalter fortgepflanzte Schulwesen war völlig in geistlichen
Händen und geistlichen Zielen unterworfen. Die alten Disziplinen
des (elementaren) Triviums: Grammatik, Rhetorik, Dialektik und des
(höheren) Quadriviums: Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie,
einst für weltliche Bildung berechnet, blieben das feste Schema auch
für die Heranbildung der Geistlichen. Indessen waren von diesem
spätantiken System der sieben freien Künste die formalen Wissenszweige
des Triviums für die Meisten die Hauptsache, bei den spärlichen
Lehrkräften oft nur einer dieser Zweige, vor allem die Grammatik, die
aber nicht nur die Beherrschung der Prosasprache, sondern auch das im
Mittelalter wichtige Versemachen in sich schloß. Nach dem elementaren
Unterricht (Donat und Priscian waren die Haupthandbücher) las man,
unter ständiger Übung im Lateinschreiben, römische Autoren, vor allem
Vergil und Cicero. Die Rhetorik lief auf die Kunst, Urkunden und
Briefe abzufassen, hinaus (~ars dictandi~), wofür immer zahlreichere
Formelbücher die Grundlage bildeten. Auf ihr beruhte die Herrschaft der
Geistlichen in der Kanzlei der Großen. Die Dialektik gewann erst später
zur Zeit der Scholastik größere Bedeutung. Von den »realen« Fächern
des Quadriviums erlernte die große Mehrzahl nur einiges Elementare,
namentlich aus der Astronomie ein wenig von der für die Datierung
der Feste, vor allem des Osterfestes, wichtigen Kalenderberechnung
(~computus~). Hierzu hatte man auch von der Arithmetik etwas
Rechenkunst, deren Elemente überhaupt allgemein gelehrt wurden, nötig.
Im ganzen beschränkte sich der Schulbetrieb auf das Notdürftigste, der
Kirche Unentbehrliche; gelehrte Meister zogen daher auch Schüler von
weit her an. An Stelle der römischen Grammatiker- und Rhetorenschulen
waren in fränkischer Zeit allmählich Kloster- und Bistumsschulen
getreten. Die Angelsachsen förderten dann das fränkische Schulwesen
besonders, die Hauptsache tat wieder, auf den Angelsachsen Alkuin
gestützt, Karl d. Gr., freilich rein zum Zweck der Bildung von
Geistlichen. Nach einer Periode des Verfalls nahmen die Schulen in
sächsischer Zeit wieder einen neuen Aufschwung. Von den vor allem den
Benediktinern verdankten Klosterschulen kamen viele zu großer Blüte,
und von den Domschulen, die seit Ausgang des 10. Jahrhunderts mehr
hervortraten, aber später mit der Verweltlichung des Stiftsklerus
verfielen, nicht wenige desgleichen. Bei beiden war übrigens auch bis
zu einem gewissen Grade für die Bildung der Laien gesorgt; es gab für
sie besondere »äußere« Schulen. Man erwartete von ihnen, die in der
Regel höherer und meist guter Herkunft waren, einen gewissen Entgelt
durch Schenkungen der Eltern. Auch dieser Laienunterricht war vor
allem von kirchlichen Interessen geleitet. Es scheint sich nun (s. S.
36) in den ottonischen Zeiten eine gewisse Schulbildung bei vornehmen
Laien etwas weiter verbreitet zu haben, im Gegensatz zu den Zeiten
nach Karl d. Gr. Daß die Frauen, die häufig in einem Frauenkloster der
geistlichen Schulbildung teilhaftig wurden, die Männer aber in dieser
Beziehung weit überragten, schon vor den ottonischen Zeiten, deuteten
wir bereits (S. 22, 55) an. Die Gemahlinnen aller sächsischen und
salischen Herrscher sind dafür ein Beweis. Das war erst recht der Fall,
als nach jener Episode bei den Männern die alte Abneigung gegen die
Bildung wieder durchbrach. Diese wird in der Mitte des 11. Jahrhunderts
von Wipo als charakteristisch für die deutschen Herren hingestellt
und war es sicherlich auch, früher und später. Das zeigt sich u. a.
darin, daß jedesmal beim Erscheinen eines neuen Herrschergeschlechts
der erste (Heinrich I., Konrad II.) völlig ungebildet war und erst
den Nachfolgern die geistliche Bildung in ihrer Jugend übermittelt
wurde. Bei der ganzen Laienbildung lief es nun im besten Fall auf
ein Lesenkönnen der »Briefe« (Urkunden) wie der Bücher und eine
gewisse mündliche Beherrschung der lateinischen Sprache hinaus: rein
geistliches Monopol blieb aber das Schreiben.
Auch die Schreibetätigkeit stand im Dienste der Kirche. Nur durch
das Abschreiben konnte man, wie im großen einst im Altertum, die
geistige Überlieferung festhalten und weiterverbreiten. Dies war die
verdienstliche Pflicht vor allem der Mönche. Zu den aus dem späten
Altertum eben durch die Kirche geretteten Handschriften mußten immer
neue treten, die dann die Bibliothek des Klosters bildeten, vor allem
Abschriften der Bibel, der Werke der Kirchenväter usw., weiter der für
den Gottesdienst nötigen Bücher, der Meßbücher, der Evangeliare, der
Antiphonarien usw., sodann der kirchenrechtlichen Sammlungen, aber
doch auch der heidnischen Autoren, der griechischen (Aristoteles,
Euklides) in lateinischer Übersetzung, nicht um ihrer selbst, sondern
um des Studiums der lateinischen Sprache und nötiger sachlicher
Kenntnisse (Baukunst, Heilkunst usw.) willen. Ferner schrieb man die
erwähnten grammatischen und sonstigen, vor allem die enzyklopädischen
Handbücher für das Studium der freien Künste ab, ebenso endlich die
großen Geschichtschroniken (Hieronymus usw.). Dazu trat nun die
Schreibetätigkeit für die geschäftlichen Bedürfnisse des Lebens, die
Anfertigung von Urkunden und Registern, die Abfassung von Briefen usw.
Weiter übten dann die höherstrebenden Geistlichen auch eine eigene
schriftstellerische Tätigkeit aus: dieser erging sich in geistlichen
Dichtungen, in der Regel sehr schulmäßigen, formalen Charakters, jener
schrieb die Annalen seines Klosters oder Bistums, ein anderer die
Geschichte seines Heiligen, ein vierter erläuterte die heilige Schrift
oder war groß in theologischen, kirchenrechtlichen, kirchenpolitischen
Traktaten. Der Schreibunterricht war also für den Geistlichen
äußerst wichtig, und seit dem Wirken Alkuins unter Karl d. Gr. wurde
auch die Schönheit der Schrift eifrig gepflegt, ebenso wie man die
Handschriften durch Illuminierung, d. h. zunächst durch Rotmalen der
Initialen und deren weitere Verzierung durch Ornamentmalerei, dann
auch durch figürliche Bildchen, prächtiger ausstattete und die mühsam
hergestellten Werke kunstvoll band, selbst in Elfenbein mit kostbaren
Beschlägen.
Es ist klar, daß das Studium der Geistlichen, dessen Krönung immer
die Theologie war, zum Teil einen weltlichen Charakter tragen mußte.
In der ottonischen Zeit zeigte sich bei der (S. 54 f.) erwähnten
Verbindung mit Italien nicht nur überhaupt ein stärkeres Interesse an
den Handschriften antiker Autoren, die man zahlreich nach Deutschland
brachte, sondern auch eine ausgesprochene Vorliebe für den Inhalt der
Dichtungen eines Terenz, Ovid, Horaz, Martial, Juvenal, Persius. Ovids
Liebeskunst wurde auch von Nonnen nicht immer mit Abscheu gelesen.
Strengere Gemüter hatten früh vor der Beschäftigung mit den heidnischen
Autoren gewarnt. In der ottonischen Zeit mehrten sich derartige
Stimmen. Die asketische Weltanschauung führte diese Strömung dann
völlig zum Siege. Die Beschäftigung mit der Antike, die man bisher
wenigstens als formales Hilfsmittel duldete, galt nun überhaupt als
Teufelswerk. Im 12. Jahrhundert wollte man selbst von den juristischen
und medizinischen Autoren nichts mehr wissen, ohne daß in Wirklichkeit
freilich die Beschäftigung mit der Antike entbehrt werden konnte.
Das Verhältnis zu ihr ist kulturgeschichtlich mehrfach bemerkenswert.
Die _Antike_ ist immer nur äußerlich geschätzt worden. Ihr Geist
schreckte wegen seiner häufigen »Sündhaftigkeit« immer ab. Von ihrer
geistigen Freiheit, die etwa anstecken könnte, ahnte man nichts. Die
Antike war vielmehr, soweit sie übernommen war, eine Autorität, die
das Geistesleben genau so band wie die Autorität der Kirche. Man
schöpfte aus der durch jene Enzyklopädien vermittelten Überlieferung
schematisch unkritisierbaren formalen und sachlichen Bildungsstoff.
Auch was gedanklich von der Antike übernommen war, blieb feste
Norm. Waren nun die beiden Autoritäten der Antike und der Kirche
in unauflöslicher Verbindung bestimmend für das mittelalterliche
Geistesleben, so muß jener Widerspruch zwischen beiden das wichtigste
Problem der mittelalterlichen Weltanschauung berühren. Die Sache
liegt einfach. Die Antike ist in Kunst, Technik, Wissenschaft und
Dichtung zwar Grundlage der von der Kirche vermittelten Kultur,
aber immer nur Dienerin der Kirche. Denn alles Können und Wissen
hat seine Berechtigung nur in Gott. Soweit die Antike aber der
Weltlichkeit dient, ist sie verwerflich, ist des Teufels. Es war
der die mittelalterliche Weltanschauung charakterisierende große
_Gegensatz zwischen Gott und Welt_, der zur Verneinung der Welt
überhaupt führte oder doch zu dem Bestreben, das irdische Dasein dem
augustinischen Ideal des christlichen Gottesstaates nach Möglichkeit
zu nähern. Diese Aufgabe hatte die Kirche, die von Gott eingesetzte
Heilsanstalt, die im Interesse des Heils der Menschheit auch die Welt
beherrschen mußte. Bisher hatte die Kirche praktisch auch im Dienste
staatlicher Aufgaben gestanden und hatte neben der Verbreitung des
Christentums die weltliche Kultur stark gefördert. Es beginnt nun mit
dem 11. Jahrhundert eine _staatsfeindliche_ und (teilweise wenigstens)
kulturfeindliche _Haltung der Kirche_ sich geltend zu machen.
Es ist eine Bewegung, die auf der in der menschlichen Entwicklung immer
wieder auftretenden Erscheinung des Widerspiels beruht, ebenso wie der
eben ablaufende nationale Lebensabschnitt zum Teil eine Gegenströmung
gegen den ersten Akt der Aufnahme des kirchlichen Romanismus darstellt.
Die Kirche hatte die Anfangszeit ihrer Eroberung der deutschen Lande
hinter sich. Aber sie war dabei als Bringerin der Kultur wie als Stütze
des Staates stark über das rein religiöse Gebiet hinausgegangen.
Weiter hatte aber auch die engere Verbindung mit dem deutschen Wesen
gewirkt. Die Geistlichen konnten in Lebensauffassung und Lebenshaltung
ihre deutsche Eigenart nicht ganz verleugnen, nicht nur die oft
adligen Bischöfe und Äbte, nicht nur die Weltgeistlichen, sondern
auch die Mönche. Hier die kriegerischen und politischen, dort die
landwirtschaftlichen Interessen taten auch das ihre. Die Kirchenämter
wurden als höchst einträglich von Adligen durch allerlei Mittel, auch
durch Kauf zu erwerben gesucht: ebenso dienten die Frauenklöster, die
überdies jene Aufgabe der Erziehung der vornehmen Töchter hatten,
der Versorgung der unverheirateten Frauen. Das Ergebnis war seit dem
9. Jahrhundert eine starke Verweltlichung der Kirche, neben der aber
alsbald jene schon erwähnte asketische Gegenbewegung einherging und
sogar die Laien ergriff. Waren die Stiftsgeistlichen und die niederen
Pfarrgeistlichen einem weltlichen Leben zugetan, so lebten auch die
Mönche, zumal bei den reichen Einkünften vieler Klöster, vielfach
materiell recht gut, unter größerer oder geringerer äußerlicher
Beachtung der Regel, waren eifrige Landwirte oder Gelehrte oder
Künstler, im Punkt der Sitten duldsam und unbefangen.
Das Papsttum versagte diesen Zuständen gegenüber durchaus: es lag im
10. Jahrhundert äußerlich und innerlich darnieder. Viel mehr waren
die Herrscher zur Abhilfe bereit, wie sie ja auch ihren späteren
Gegner, das Papsttum, selbst erst wieder gehoben und gestärkt hatten.
Otto I. ernannte Freunde der _kirchlichen Reformen_ zu Bischöfen
und begünstigte eine Bewegung, die von Lothringen, dem so oft für
das übrige Deutschland maßgebenden Lande, sich ausbreitete und vor
allem das entartete Klosterleben seiner »Regel« wieder entsprechend
zu gestalten suchte. Nach einem zeitweiligen Rückgang der Bewegung
drang sie dann zu Beginn des 11. Jahrhunderts stärker durch, jetzt
von Frankreich her, getragen von dem Kloster Cluny, das an der
Spitze einer ganzen Kongregation von Reformklöstern stand und durch
eine entsprechende, von Richard von Verdun geleitete lothringische
Kongregation Deutschland beeinflußte. Auf Heinrich III. wirkte dann
später Cluny unmittelbar ein, jetzt aber schon durch den Einfluß eines
reformerisch gesinnten Papstes. Unter Heinrich IV. endlich waren das
treibende Element die nun ebenfalls reformeifrigen Bischöfe; die
Führung hatte jetzt völlig das Papsttum.