Noch war die Kirche überhaupt in der Hand der weltlichen Herren,

die ja auch die hohen Kirchenämter mit ihren Angehörigen zu besetzen

strebten. Wie das mit dem Eigenkirchengedanken zusammenhängt, sei

hier nicht weiter ausgeführt. Vor allem aber war sie jetzt in der

Hand des Kaisers, der eben mit diesem Titel damals als der oberste

Herr der ganzen Kirche erschien. Die Kirche ihrerseits glaubte gerade

im Schutz des Kaisertums ihre universalen Bestrebungen am meisten

gesichert. So war sie die beste Stütze des neugegründeten _römischen

Reiches deutscher Nation_, das unter den Sachsenherrschern in seiner

verhältnismäßigen Geschlossenheit die unbezweifelte _Vorherrschaft in

Europa_ erlangte, zugleich auf ein kräftiges nationales Leben gegründet

war, dabei zunehmendes wirtschaftliches Gedeihen und bäuerlichen

Wohlstand sah, das sodann unter den salischen Königen weniger

idealistisch erfaßt, fester ausgebaut und gekräftigt wurde und unter

Heinrich III. auf den Gipfel seiner Macht kam. Die Kirche war aber

auch das treibende Element in der kulturellen Aufwärtsbewegung, die

Deutschland, dieses durchaus bäuerlich-kriegerisch lebende Land, damals

im Gegensatz zu den in ihrer Entwicklung zeitweise stillstehenden

romanischen Ländern erlebte.

Fußnote:

[7] Vgl. die ausführliche Darstellung in meiner Gesch. d. d.

Kultur I², S. 160 ff.

Drittes Kapitel.

Die stärkere Durchdringung deutschen Lebens mit der antik-kirchlichen

Kultur unter zunehmender Beeinflussung durch die Romanen:

Aristokratisches Zeitalter.

Wir nähern uns dem Höhepunkt des Mittelalters, und die Züge, die das

eigentliche _Wesen der mittelalterlichen Kultur_ ausmachen, treten

schärfer in die Erscheinung. Das Mittelalter ist das _kirchliche_

Zeitalter der Völker Europas. Aber wenn man auch sonst in der

Entwicklung der Kulturvölker auf der Stufe bäuerlichen Daseins eine

überwiegende Rolle priesterlicher Gewalt angenommen hat, so hat die

mittelalterliche Kirche doch ihre besondere kulturgeschichtliche

Bedeutung dadurch, daß sie, im Bereich der germanischen Völker

wenigstens, als eine völlig fremde Macht, als Trägerin der Reste der

Überlieferungen der bisherigen Weltkultur zu halbbarbarischen Menschen

gekommen war und so die große Aufgabe des Ausgleichs zwischen deren

natürlich-roher Art einerseits, den hohen sittlich-religiösen Idealen

des Christentums und jenen Überlieferungen einer höheren weltlichen

Kultur andererseits übernahm. Dieser Ausgleich, nur langsam vor sich

gehend, hat das ganze »Mittelalter« hindurch gedauert bis zum 15.

Jahrhundert. Wie stark lange das Widerstreben des nationalen Wesens

und wie entschieden die Bewahrung der natürlichen Eigenart war,

haben wir eben gesehen. Aber mit der Zusammenfassung der kirchlichen

Macht und ihrer strafferen Organisation, mit dem Hervortreten der

universalen Bestrebungen, die zunächst auch jener weltlich-politischen

Einheit der Christenheit bedurften, wie sie wenigstens in der Idee des

neubelebten Kaisertums lag, wuchs der Einfluß der Kirche. Eben durch

jene kulturellen Überlieferungen wurde sie nicht nur zur Erzieherin

der Völker, sondern erlangte durch ihre mit höheren Mitteln auch

äußerlich organisierte Überlegenheit überhaupt ihre große Macht im

ganzen mittelalterlichen Leben. War sie ursprünglich nur als ein Teil

der römischen Kultur gekommen, so war später die Kultur nur eine

Begleiterscheinung der Kirche, nur im Rahmen der christlichen Kirche

denkbar. So beherrschte die Kirche eben wegen ihrer Verbindung mit dem

Weltlichen die Welt, umsomehr, als der Feudalstaat als Kulturbringer

versagen mußte: alle Kultur wurde von ihr bestimmt, gipfelte in ihr.

Zunächst die Kunst. Daß überhaupt »die Künste, welches auch ihr

Ursprung sei, jedenfalls ihre wichtigste, entscheidende Jugendzeit im

Dienste der Religion zugebracht haben«, hat Jakob Burckhardt in seinen

»Weltgeschichtlichen Betrachtungen« aufs neue betont. Vor allem bleiben

die bildenden Künste lange in diesem Bannkreis, während die Dichtung

sich rascher frei macht. Bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts war so

auch in Deutschland die ohnehin volksfremde _Kunst_ nur die _Dienerin

der Kirche_. Mit dem kirchlichen Wesen waren ja auch die Künste eng

verbunden. Es war ganz natürlich, daß gerade das Kirchengebäude dem

Volke die gewaltige Stellung, welche die Kirche als Mittelpunkt

der mittelalterlichen Welt hatte, zum sichtbaren Ausdruck brachte.

Wir sahen bereits (S. 52 f.), wie sich die _Baukunst_ an dieser

Aufgabe geschult und entwickelt hatte; sie wurde zugleich aber auch

zur ersten Kunst und stellte die übrigen in ihren und ihrer hehren

Aufgabe Dienst. Nur so hatte die ja ohne jeden Zusammenhang mit dem

volkstümlichen Geist rein aus der antik-christlichen Überlieferung

erwachsene _Malerei_ ihre Bedeutung. Ihre Aufgabe war einmal, die

großen Innenflächen der Kirchen zu schmücken. Schon in karolingischer

Zeit pflegte man eifrig die Wandmalerei, aber erst aus späterer

Zeit, vor allem aus dem 12. und 13. Jahrhundert sind uns Denkmäler

erhalten. Aber nicht dem Kirchenschmuck allein, sondern den eigentlich

kirchlichen Zwecken diente die Malerei. Sie brachte die Gestalten und

Vorgänge aus der heiligen Schrift wie der Geschichte der Heiligen dem

Volke nahe und religiöse Gedanken und Gefühle zu greifbarer Anschauung,

lediglich schon um der Belehrung willen, im übrigen an feste alte

Formen völlig gebunden. Die monumentale Plastik tritt noch völlig

zurück, dagegen diente seit langer Zeit die Kleinplastik, durch die

Einfuhr zahlreicher Geräte immer von neuem namentlich aus dem Osten,

besonders wieder seit den Kreuzzügen, angeregt und fremde Elemente

vermittelnd, eifrig gepflegt der Ausstattung und schönen Gestaltung der

Kirchengeräte, in erster Linie die Elfenbeinplastik. Ihr nahe steht

die früh entwickelte Goldschmiedekunst, wie überhaupt die Kleinkünste

das erste Betätigungsfeld des künstlerischen Schaffens gewesen waren,

aus primitivem Schmuckbedürfnis heraus. Auch ein Zweig der Malerei

hatte im Rahmen der Kleinkunst seit langem eifrige Pflege genossen,

die Buchmalerei, wie das Schriftwesen natürlich ganz im Dienste der

Kirche. Sie kam in der romanischen Zeit, zumal in deren glanzliebender

Blütezeit, auf ihre Höhe. Ganz zur Kleinkunst gehörten nach Dehios

treffendem Urteil stilistisch und technisch auch die »nur durch ihre

Funktion monumentalen« Erzeugnisse des bereits länger geübten Erzgusses

in den romanischen Kirchen, wie die Türen der Hildesheimer Domkirche.

Aber es war doch der Anfang der monumentalen Plastik. Man kam dann zu

gegossenen Figuren auf Grabplatten und auch zu solchen aus anderem

Material; auch sonst macht sich die Skulptur im Inneren der Kirche

allmählich stärker geltend. Vor allem aber beginnt sie das Portal mit

Steinfiguren zu schmücken. – Der Kirche dienten die bildenden Künste,

in ihrem Dienst stand auch die Musik. Gesang wie Orgelspiel und zum

Teil auch Instrumentalmusik waren eng mit dem Gottesdienst verbunden.

Unzweifelhaft verlieh diese religiöse Grundlage aller Kunstpflege

besonders der Malerei und der Musik einen tieferen Gefühlsgehalt.

Dieser Charakter der Kunst hatte auch sonst seine Vorteile. War die

kirchliche Gedanken- und Gestaltenwelt bis zu einem gewissen Grade

Allgemeingut, so hatte die Kunst, die sich nur in diesem Kreise

bewegte, sogleich einen aller Welt verständlichen Charakter. Die

hergebrachte Gleichartigkeit der Kunst beförderte doch wieder,

was auch Burckhardt betont, die Bildung von Stilen und verbürgte

eine zusammenhängende Entwicklung. Andererseits ergab die immer

wiederkehrende Behandlung derselben Dinge einen gewissen Wetteifer,

also eine immer gesteigerte Kunstpflege, weiter aber auch eine

durch Einseitigkeit geförderte größere technische Vollendung im

einzelnen. Eine wirklich schöpferische Betätigung wurde durch jene

Gebundenheit freilich stark gehemmt: am ehesten konnte die Baukunst

sich freier entfalten. Die Anknüpfung an die Überlieferung ließ den

Wirklichkeitssinn, die Lebenswahrheit nur sehr langsam aufkommen,

wie die Wandmalerei zeigt besseres wird in der weniger gebundenen

Buchmalerei geleistet. Viel reicher entwickelt sich alles Ornamentale.

Mit dem zunehmenden kirchlichen Sinn, vor allem im 11. Jahrhundert,

gewinnt auch die _poetische_ Betätigung wieder stärker

kirchlich-religiösen Charakter: von der heftigen Befehdung der

nationalen weltlichen Dichtung war schon (S. 35) die Rede. Jetzt wurde

als kirchliches Erziehungs- und Lehrmittel auch die deutsche Dichtung

von den Geistlichen im 11. und 12. Jahrhundert eifrig gepflegt, und

ihre lateinische Poesie konnte wenigstens in der Form des damals

zuerst auftauchenden geistlichen Spiels (in der Kirche, dann auf den

Kirchhöfen) auf das Volk wirken.

Gänzlich _geistlich bestimmt_ und von Geistlichen getragen war die

gesamte _höhere geistige Kultur_, die lateinische Bildung, dem

nationalen Wesen, wie gesagt, noch fremder als die Kunst. Alle Bildung

wurzelte in der Beherrschung der lateinischen Sprache, die Kirchen-

und Kultur-, Urkunden- und Geschäftssprache war. Sie war also noch

in lebendigem Gebrauch und erfuhr demgemäß manche Umformung, ja

Entstellung. Aber das Muster für die Bildung blieb doch immer die

Sprache der römischen Autoren und der Vulgata, der lateinischen

Bibelübersetzung. Ihre Handhabung war für die Deutschen natürlich

schwerer als für die Romanen, die deshalb auf deren oft barbarisches

Latein herabsahen. Aber das gerade in der Zeit der ottonischen

Renaissance zu völliger Monopolstellung durchgedrungene Latein _mußte_

erlernt werden. Die _Schule_ war das Mittel. Das dem späten römischen

Altertum entnommene und in fester Überlieferung fast ungeändert durch

das Mittelalter fortgepflanzte Schulwesen war völlig in geistlichen

Händen und geistlichen Zielen unterworfen. Die alten Disziplinen

des (elementaren) Triviums: Grammatik, Rhetorik, Dialektik und des

(höheren) Quadriviums: Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie,

einst für weltliche Bildung berechnet, blieben das feste Schema auch

für die Heranbildung der Geistlichen. Indessen waren von diesem

spätantiken System der sieben freien Künste die formalen Wissenszweige

des Triviums für die Meisten die Hauptsache, bei den spärlichen

Lehrkräften oft nur einer dieser Zweige, vor allem die Grammatik, die

aber nicht nur die Beherrschung der Prosasprache, sondern auch das im

Mittelalter wichtige Versemachen in sich schloß. Nach dem elementaren

Unterricht (Donat und Priscian waren die Haupthandbücher) las man,

unter ständiger Übung im Lateinschreiben, römische Autoren, vor allem

Vergil und Cicero. Die Rhetorik lief auf die Kunst, Urkunden und

Briefe abzufassen, hinaus (~ars dictandi~), wofür immer zahlreichere

Formelbücher die Grundlage bildeten. Auf ihr beruhte die Herrschaft der

Geistlichen in der Kanzlei der Großen. Die Dialektik gewann erst später

zur Zeit der Scholastik größere Bedeutung. Von den »realen« Fächern

des Quadriviums erlernte die große Mehrzahl nur einiges Elementare,

namentlich aus der Astronomie ein wenig von der für die Datierung

der Feste, vor allem des Osterfestes, wichtigen Kalenderberechnung

(~computus~). Hierzu hatte man auch von der Arithmetik etwas

Rechenkunst, deren Elemente überhaupt allgemein gelehrt wurden, nötig.

Im ganzen beschränkte sich der Schulbetrieb auf das Notdürftigste, der

Kirche Unentbehrliche; gelehrte Meister zogen daher auch Schüler von

weit her an. An Stelle der römischen Grammatiker- und Rhetorenschulen

waren in fränkischer Zeit allmählich Kloster- und Bistumsschulen

getreten. Die Angelsachsen förderten dann das fränkische Schulwesen

besonders, die Hauptsache tat wieder, auf den Angelsachsen Alkuin

gestützt, Karl d. Gr., freilich rein zum Zweck der Bildung von

Geistlichen. Nach einer Periode des Verfalls nahmen die Schulen in

sächsischer Zeit wieder einen neuen Aufschwung. Von den vor allem den

Benediktinern verdankten Klosterschulen kamen viele zu großer Blüte,

und von den Domschulen, die seit Ausgang des 10. Jahrhunderts mehr

hervortraten, aber später mit der Verweltlichung des Stiftsklerus

verfielen, nicht wenige desgleichen. Bei beiden war übrigens auch bis

zu einem gewissen Grade für die Bildung der Laien gesorgt; es gab für

sie besondere »äußere« Schulen. Man erwartete von ihnen, die in der

Regel höherer und meist guter Herkunft waren, einen gewissen Entgelt

durch Schenkungen der Eltern. Auch dieser Laienunterricht war vor

allem von kirchlichen Interessen geleitet. Es scheint sich nun (s. S.

36) in den ottonischen Zeiten eine gewisse Schulbildung bei vornehmen

Laien etwas weiter verbreitet zu haben, im Gegensatz zu den Zeiten

nach Karl d. Gr. Daß die Frauen, die häufig in einem Frauenkloster der

geistlichen Schulbildung teilhaftig wurden, die Männer aber in dieser

Beziehung weit überragten, schon vor den ottonischen Zeiten, deuteten

wir bereits (S. 22, 55) an. Die Gemahlinnen aller sächsischen und

salischen Herrscher sind dafür ein Beweis. Das war erst recht der Fall,

als nach jener Episode bei den Männern die alte Abneigung gegen die

Bildung wieder durchbrach. Diese wird in der Mitte des 11. Jahrhunderts

von Wipo als charakteristisch für die deutschen Herren hingestellt

und war es sicherlich auch, früher und später. Das zeigt sich u. a.

darin, daß jedesmal beim Erscheinen eines neuen Herrschergeschlechts

der erste (Heinrich I., Konrad II.) völlig ungebildet war und erst

den Nachfolgern die geistliche Bildung in ihrer Jugend übermittelt

wurde. Bei der ganzen Laienbildung lief es nun im besten Fall auf

ein Lesenkönnen der »Briefe« (Urkunden) wie der Bücher und eine

gewisse mündliche Beherrschung der lateinischen Sprache hinaus: rein

geistliches Monopol blieb aber das Schreiben.

Auch die Schreibetätigkeit stand im Dienste der Kirche. Nur durch

das Abschreiben konnte man, wie im großen einst im Altertum, die

geistige Überlieferung festhalten und weiterverbreiten. Dies war die

verdienstliche Pflicht vor allem der Mönche. Zu den aus dem späten

Altertum eben durch die Kirche geretteten Handschriften mußten immer

neue treten, die dann die Bibliothek des Klosters bildeten, vor allem

Abschriften der Bibel, der Werke der Kirchenväter usw., weiter der für

den Gottesdienst nötigen Bücher, der Meßbücher, der Evangeliare, der

Antiphonarien usw., sodann der kirchenrechtlichen Sammlungen, aber

doch auch der heidnischen Autoren, der griechischen (Aristoteles,

Euklides) in lateinischer Übersetzung, nicht um ihrer selbst, sondern

um des Studiums der lateinischen Sprache und nötiger sachlicher

Kenntnisse (Baukunst, Heilkunst usw.) willen. Ferner schrieb man die

erwähnten grammatischen und sonstigen, vor allem die enzyklopädischen

Handbücher für das Studium der freien Künste ab, ebenso endlich die

großen Geschichtschroniken (Hieronymus usw.). Dazu trat nun die

Schreibetätigkeit für die geschäftlichen Bedürfnisse des Lebens, die

Anfertigung von Urkunden und Registern, die Abfassung von Briefen usw.

Weiter übten dann die höherstrebenden Geistlichen auch eine eigene

schriftstellerische Tätigkeit aus: dieser erging sich in geistlichen

Dichtungen, in der Regel sehr schulmäßigen, formalen Charakters, jener

schrieb die Annalen seines Klosters oder Bistums, ein anderer die

Geschichte seines Heiligen, ein vierter erläuterte die heilige Schrift

oder war groß in theologischen, kirchenrechtlichen, kirchenpolitischen

Traktaten. Der Schreibunterricht war also für den Geistlichen

äußerst wichtig, und seit dem Wirken Alkuins unter Karl d. Gr. wurde

auch die Schönheit der Schrift eifrig gepflegt, ebenso wie man die

Handschriften durch Illuminierung, d. h. zunächst durch Rotmalen der

Initialen und deren weitere Verzierung durch Ornamentmalerei, dann

auch durch figürliche Bildchen, prächtiger ausstattete und die mühsam

hergestellten Werke kunstvoll band, selbst in Elfenbein mit kostbaren

Beschlägen.

Es ist klar, daß das Studium der Geistlichen, dessen Krönung immer

die Theologie war, zum Teil einen weltlichen Charakter tragen mußte.

In der ottonischen Zeit zeigte sich bei der (S. 54 f.) erwähnten

Verbindung mit Italien nicht nur überhaupt ein stärkeres Interesse an

den Handschriften antiker Autoren, die man zahlreich nach Deutschland

brachte, sondern auch eine ausgesprochene Vorliebe für den Inhalt der

Dichtungen eines Terenz, Ovid, Horaz, Martial, Juvenal, Persius. Ovids

Liebeskunst wurde auch von Nonnen nicht immer mit Abscheu gelesen.

Strengere Gemüter hatten früh vor der Beschäftigung mit den heidnischen

Autoren gewarnt. In der ottonischen Zeit mehrten sich derartige

Stimmen. Die asketische Weltanschauung führte diese Strömung dann

völlig zum Siege. Die Beschäftigung mit der Antike, die man bisher

wenigstens als formales Hilfsmittel duldete, galt nun überhaupt als

Teufelswerk. Im 12. Jahrhundert wollte man selbst von den juristischen

und medizinischen Autoren nichts mehr wissen, ohne daß in Wirklichkeit

freilich die Beschäftigung mit der Antike entbehrt werden konnte.

Das Verhältnis zu ihr ist kulturgeschichtlich mehrfach bemerkenswert.

Die _Antike_ ist immer nur äußerlich geschätzt worden. Ihr Geist

schreckte wegen seiner häufigen »Sündhaftigkeit« immer ab. Von ihrer

geistigen Freiheit, die etwa anstecken könnte, ahnte man nichts. Die

Antike war vielmehr, soweit sie übernommen war, eine Autorität, die

das Geistesleben genau so band wie die Autorität der Kirche. Man

schöpfte aus der durch jene Enzyklopädien vermittelten Überlieferung

schematisch unkritisierbaren formalen und sachlichen Bildungsstoff.

Auch was gedanklich von der Antike übernommen war, blieb feste

Norm. Waren nun die beiden Autoritäten der Antike und der Kirche

in unauflöslicher Verbindung bestimmend für das mittelalterliche

Geistesleben, so muß jener Widerspruch zwischen beiden das wichtigste

Problem der mittelalterlichen Weltanschauung berühren. Die Sache

liegt einfach. Die Antike ist in Kunst, Technik, Wissenschaft und

Dichtung zwar Grundlage der von der Kirche vermittelten Kultur,

aber immer nur Dienerin der Kirche. Denn alles Können und Wissen

hat seine Berechtigung nur in Gott. Soweit die Antike aber der

Weltlichkeit dient, ist sie verwerflich, ist des Teufels. Es war

der die mittelalterliche Weltanschauung charakterisierende große

_Gegensatz zwischen Gott und Welt_, der zur Verneinung der Welt

überhaupt führte oder doch zu dem Bestreben, das irdische Dasein dem

augustinischen Ideal des christlichen Gottesstaates nach Möglichkeit

zu nähern. Diese Aufgabe hatte die Kirche, die von Gott eingesetzte

Heilsanstalt, die im Interesse des Heils der Menschheit auch die Welt

beherrschen mußte. Bisher hatte die Kirche praktisch auch im Dienste

staatlicher Aufgaben gestanden und hatte neben der Verbreitung des

Christentums die weltliche Kultur stark gefördert. Es beginnt nun mit

dem 11. Jahrhundert eine _staatsfeindliche_ und (teilweise wenigstens)

kulturfeindliche _Haltung der Kirche_ sich geltend zu machen.

Es ist eine Bewegung, die auf der in der menschlichen Entwicklung immer

wieder auftretenden Erscheinung des Widerspiels beruht, ebenso wie der

eben ablaufende nationale Lebensabschnitt zum Teil eine Gegenströmung

gegen den ersten Akt der Aufnahme des kirchlichen Romanismus darstellt.

Die Kirche hatte die Anfangszeit ihrer Eroberung der deutschen Lande

hinter sich. Aber sie war dabei als Bringerin der Kultur wie als Stütze

des Staates stark über das rein religiöse Gebiet hinausgegangen.

Weiter hatte aber auch die engere Verbindung mit dem deutschen Wesen

gewirkt. Die Geistlichen konnten in Lebensauffassung und Lebenshaltung

ihre deutsche Eigenart nicht ganz verleugnen, nicht nur die oft

adligen Bischöfe und Äbte, nicht nur die Weltgeistlichen, sondern

auch die Mönche. Hier die kriegerischen und politischen, dort die

landwirtschaftlichen Interessen taten auch das ihre. Die Kirchenämter

wurden als höchst einträglich von Adligen durch allerlei Mittel, auch

durch Kauf zu erwerben gesucht: ebenso dienten die Frauenklöster, die

überdies jene Aufgabe der Erziehung der vornehmen Töchter hatten,

der Versorgung der unverheirateten Frauen. Das Ergebnis war seit dem

9. Jahrhundert eine starke Verweltlichung der Kirche, neben der aber

alsbald jene schon erwähnte asketische Gegenbewegung einherging und

sogar die Laien ergriff. Waren die Stiftsgeistlichen und die niederen

Pfarrgeistlichen einem weltlichen Leben zugetan, so lebten auch die

Mönche, zumal bei den reichen Einkünften vieler Klöster, vielfach

materiell recht gut, unter größerer oder geringerer äußerlicher

Beachtung der Regel, waren eifrige Landwirte oder Gelehrte oder

Künstler, im Punkt der Sitten duldsam und unbefangen.

Das Papsttum versagte diesen Zuständen gegenüber durchaus: es lag im

10. Jahrhundert äußerlich und innerlich darnieder. Viel mehr waren

die Herrscher zur Abhilfe bereit, wie sie ja auch ihren späteren

Gegner, das Papsttum, selbst erst wieder gehoben und gestärkt hatten.

Otto I. ernannte Freunde der _kirchlichen Reformen_ zu Bischöfen

und begünstigte eine Bewegung, die von Lothringen, dem so oft für

das übrige Deutschland maßgebenden Lande, sich ausbreitete und vor

allem das entartete Klosterleben seiner »Regel« wieder entsprechend

zu gestalten suchte. Nach einem zeitweiligen Rückgang der Bewegung

drang sie dann zu Beginn des 11. Jahrhunderts stärker durch, jetzt

von Frankreich her, getragen von dem Kloster Cluny, das an der

Spitze einer ganzen Kongregation von Reformklöstern stand und durch

eine entsprechende, von Richard von Verdun geleitete lothringische

Kongregation Deutschland beeinflußte. Auf Heinrich III. wirkte dann

später Cluny unmittelbar ein, jetzt aber schon durch den Einfluß eines

reformerisch gesinnten Papstes. Unter Heinrich IV. endlich waren das

treibende Element die nun ebenfalls reformeifrigen Bischöfe; die

Führung hatte jetzt völlig das Papsttum.

Kulturgeschichte der Deutschen im Mittelalter · 第 6 / 17 段