also ständiger Marktorte, mit einer dichteren, ungleichartigen,
verschiedene Bedürfnisse entwickelnden Bevölkerung. Auch für jene
selbständigeren Handwerker bedeutete der Zug in die Städte eine
ganz neue Stufe: die größere Bevölkerung und die höheren Ansprüche
förderten das Handwerk innerlich und äußerlich; auf ihm beruhte ja
auch ein großer Teil des städtischen Handels. Die äußere Entstehung
der Städte ist zu einem guten Teil, ebenso wie im Altertum, an die
_Burgen_ (s. S. 49) anzuknüpfen, vor allem in Sachsen, dem neu in die
Entwicklung getretenen Lande. Die unsicheren Zeiten treiben die Leute
zu Siedelungen im Umkreise einer schützenden Burg; durch Gewerbe und
Handel vermehrt sich die Bevölkerung; der natürlich zunächst dem Herrn
der Burg gehörige Ort erhält jenen Marktcharakter. Die anfangs sehr
unentwickelte sichernde Befestigung, die sich in den unruhigen Zeiten
oft auch in Dörfern (Kirchhöfe) wie bei Klöstern findet, dehnt sich
auf den Ort selbst aus. »Burg« bleibt die eigentliche Bezeichnung
für das neue Gebilde, wie zahlreiche Städtenamen beweisen; »Bürger«
heißen die Einwohner. Ebenso wichtig ist nun aber die Entwicklung aus
einem befestigten Dorf heraus, das durch günstige wirtschaftliche
Bedingungen, als Salzort z. B., durch die Lage an Flußübergängen,
Straßenkreuzungen usw. Bedeutung hatte. Oder die Marktsiedelung
gliederte sich an ein Kloster an (wie ja auch Dorfsiedelungen sich
früh um Kapellen [Zellen], die Wallfahrtsorte waren, bildeten), so
in Hersfeld oder Gandersheim, oder an einen Bischofssitz (Bremen,
Magdeburg, Paderborn), vor allem aber an eine königliche Pfalz (Goslar,
Dortmund). Letztere wie die Bischofssitze befanden sich im Süden
und Westen aber zunächst in den alten Römerstädten, die trotz ihrer
Vernachlässigung immerhin Marktorte geblieben waren. Namentlich als
Bischofssitze hatten sie besondere Anziehungskraft. Ihr Anlageplan, die
rechteckige Castrumsform mit rechtwinklig sich schneidenden Straßen
wirkte dann wohl auch auf die älteren Neugründungen von Städten (s. S.
48). Immerhin handelt es sich im Westen häufig nicht um Gründungen,
die übrigens meist neben einer älteren Siedelung erfolgten, sondern um
allmähliche Entstehung, und häufiger als ein regelmäßiger Grundplan ist
die Unregelmäßigkeit der dörflichen Wohnweise zu erkennen.
Der Mittelpunkt ist immer der Marktplatz. Nach außen charakterisieren
die Stadt die Mauern. Bei den Römerstädten waren diese lange
vernachlässigt, erst das 9. und 10. Jahrhundert führten zu ihrem
Wiederaufbau. Das aus dem Burgcharakter der Stadt hervorgehende weitere
bedeutsame Entwickelungsmoment ist nun der Burgfrieden (Königsfrieden);
an ihn knüpft der Stadtfrieden, ein die Stadt heraushebender
Rechtsumstand, der auch das wirtschaftliche Leben schützt und fördert,
vor allem Gewerbe und Handel. Der Königsfrieden ermöglicht erst den
Charakter der Stadt als Marktort; er wird auch an Märkte, die ohne
Burgenschutz an Verkehrspunkten aufkamen, verliehen. Der Frieden
bewirkt auch den Schutz der zuziehenden Unfreien: Stadtluft macht frei.
Der Marktcharakter wird immer bedeutungsvoller für die Stadt; ein
eigenes kaufmännisches Gewohnheitsrecht bildet sich aus; »~mercatores~«
heißen die Bürger, worunter freilich nicht lediglich Kaufleute
von Beruf zu verstehen sind. Zunächst überwiegen überhaupt jene
verkaufenden Handwerker. Aber alles bleibt doch in landwirtschaftlichem
Bannkreise. Grundbesitz war die erste Bedingung auch für den Bürger,
wenngleich sich die Grundbesitzverhältnisse bald eigenartig (Zins an
den Grundherrn ohne persönliche Beschränkung) gestalteten. Kaufmann und
Handwerker trieben oft auch noch Ackerbau und Viehzucht; die Städte
blieben zunächst Ackerbaustädte, und Stadtgemeinde und Landgemeinde
unterschieden sich anfangs auch in den Römerstädten nicht. Größerer
Verkehr wurde am ehesten durch die kirchliche Bedeutung einer Stadt
herbeigeführt. Keineswegs ist sodann die Überwindung der alten
Städtefeindlichkeit nur aus den Bedürfnissen höherer Wirtschaft,
überhaupt nicht aus der freien Volkskraft herzuleiten, wenigstens
nicht vorwiegend. Die _Städte_ sind vielmehr zunächst ein _Werk der
Herren_, aus egoistischen Gewinn- und Machtinteressen heraus sind
sie auf dem Boden der Herren gegründet. Denn nicht nur im Osten bei
dessen beginnender Kolonisation, sondern auch im Westen sind schon
im 12. und namentlich im 13. Jahrhundert Städte durch weltliche und
geistliche Fürsten planmäßig gegründet worden. Bei der eifrigen
Ausbau- und Rodungstätigkeit hatte man übrigens auch schon Dörfer
nach einem gewissen Schema gegründet, die regelmäßigen Reihendörfer
rechts und links der Straße mit dem Ackerstreifen dahinter (Wald- oder
Hagenhufen), wenn auch das unregelmäßige Haufendorf das Gewöhnliche
blieb. Die regelmäßige Anlage von Dorf und Stadt wird dann im Osten
die Regel. Von den Herren wurden die Städte auch sonst gefördert,
der Zuzug in sie oft künstlich herbeigeführt, Marktprivilegien
erworben, Befestigungen ausgeführt, Kaufstätten errichtet,
Verwaltungseinrichtungen getroffen. Die Marktverwaltung ging dann
freilich früh an den aufkommenden städtischen Rat (s. S. 99) über.
Und dieses _Hervortreten der Herren_ ist nun überhaupt das
Charakteristische. Auch äußerlich sondern sie sich jetzt schärfer
von der Masse ab. Seit dem 10. Jahrhundert wohnen die Herren bei den
immer kriegerischeren Zeitläuften immer längere Zeit, schließlich
dauernd in den _Burgen_, zunächst in den alten »Fluchtburgen«, die
es in Sachsen noch lange gab; die Herrenhöfe in deren Nähe werden
bloße Wirtschaftshöfe. Andere Herren befestigen diese selbst –
anfangs bedurfte es zu Befestigungen der Einwilligung des Herrschers
– oder führen, wenn ihnen keine Fluchtburg zur Verfügung steht, immer
häufiger auf Bergen oder Erhöhungen Befestigungen auf, anfangs sehr
einfacher Natur, legen Besatzungen hinein, folgen aber bald selbst
mit den Ihrigen. Auch in der Ebene errichtet man Burgen mit Wall und
Graben, meist im Schutz umgebenden Wassers. Neben königlichen und
herzoglichen Burgen entstanden solche Adelsburgen erst im 11., 12. und
13. Jahrhundert zahlreicher. Es ist damit ein gewisses Heraustreten der
Herren mindestens aus der landwirtschaftlichen Eigenbetätigung gegeben.
Es zieht die Herrenschicht immer weniger zu dieser Arbeit, mehr zum
Genuß und vor allem zum _Kriegsleben_ (s. S. 36). Der Kriegsdienst
ist ein besondere ritterliche Übung erfordernder Beruf geworden. Von
einem Volksheer ist keine Rede mehr: den niedrigeren Leuten liegen
kriegerische Interessen größtenteils fern. Immerhin ist das Dasein
im ganzen noch kein friedliches; die Zeit zwingt auch die niederen
Schichten, wehrhaft zu bleiben. Aus dem gleichen Sicherungsbedürfnis
heraus entsteht die Burg und damit schließlich die feste Stadt. Aber
in den landwirtschaftlichen Interessenkreis bleibt doch auch die
Herrenschicht durchaus gebannt. Ein Teil ist mit dem Wirtschaftsleben
noch tätig leitend eng verbunden; aber auch für den anderen ist doch
die Grundlage des Lebens die bäuerliche Tätigkeit wenigstens der
Zinspflichtigen. Mit dem wirtschaftlichen Gedeihen, mit dem Steigen
der Naturallieferungen wächst dann aber die Neigung, ein bequemes
Herrendasein zu führen, die _Lebenshaltung_ üppiger zu gestalten.
Aber noch überwiegt doch, wie betont, im inneren Deutschland zumal,
der Charakter altheimischer Einfachheit. Noch lange ist die _Wohnung_
nach germanischer Weise aus _Holz_ gebaut. In den Dörfern mochten die
Bauten zuweilen sogar dürftig sein: das niedersächsische Bauernhaus
ist noch heute zum Teil ein Fachwerkbau, dessen Zwischenräume mit Lehm
beworfenes Flechtwerk bildet. In den innerdeutschen Städten überwogen
die Holzbauten noch bis tief ins Mittelalter. Und auch der Herrenhof
zeigt zunächst den Wohnbau aus Holz, ebenso wie die Burg, für die erst
die Einflüsse der Züge nach Italien und später der Kreuzzüge einen
Wandel brachten. Auch dann blieben ungefüge Mauern aus Sammelsteinen
noch häufig. Der Steinbau, auf dessen römischen Ursprung alle mit
ihm zusammenhängenden Worte hindeuten, wie alle auf den Holzbau
bezüglichen Worte (Balken, Brett, Halle u. a.) deutsch sind, dringt
aus dem fränkischen Westen und dem Süden nur langsam in das Innere,
d. h. zunächst nur, wie es auch dort die Regel ist, für die Pfalzen,
Klöster und Kirchen. Letztere sind in Sachsen noch im 11. Jahrhundert
meist aus Holz (Fachwerk). Aber das Holzhaus der Herren zeigte doch
immerhin schon seinen besonderen Charakter. Wie die jetzt gewöhnliche
Mehrräumigkeit an Stelle der alten Einräumigkeit zuerst im Hause der
Vornehmen ausgebildet sein mag – die Absonderung einzelner Räume
geschah zunächst durch Vorhänge (Wand) – und die Einräumigkeit nur noch
in der Halle erhalten bleibt, so zeichnet sich dieses Haus auch sonst
durch stattlichere Bauart, allmählich vielleicht durch ein steinernes
Untergeschoß, bald wohl auch durch größere Seitenfenster aus.
Einen entsprechenden Unterschied von der großen Masse zeigt dann vor
allem die Ausstattung des Herrenhauses. Die in jüngeren Gesellschaften
auftretende Prunkliebe – der Reichtum wie die Macht müssen sich
äußerlich zeigen, auch in dem Halten zahlreicher Dienerschaft – äußert
sich in dem Verstecken der einfachen Holzflächen (in ihrem Bedecken
mit weichen, wärmenden Stoffen zeigt sich aber ebenso das praktische
Bedürfnis nach Wärme bei den nur mangelhaften Heizeinrichtungen):
Teppiche deckten den Fußboden, wurden aber auch, von Frauenhand
gewirkt und mit bildlichen Darstellungen geschmückt, an die Wände
gehängt. Weiche Kissen lagen auf den Sesseln und Bänken. Das Bett
war reich mit Federkissen, auch mit Decken versehen; zu dem vielfach
noch lange gebrauchten Strohsack des Unterbetts paßten schlecht die
prunkvollen Bettvorhänge. Althergebracht war sodann die Vorliebe für
kostbare Waffen wie für sonstige Arbeiten aus Metall, vor allem aus
edlem, überhaupt die hohe Schätzung des letzteren sowie der aus dem
Orient stärker einströmenden Edelsteine. Edelsteinbesetzte Goldgefäße,
Elfenbeingeräte u. dgl. besaß vor allem wieder die Kirche. In die
mittlere Herrenschicht mochte dergleichen schon seltener kommen. Und
den vereinzelten kostbaren Bechern, Schalen und Trinkhörnern, den
allgemein üblichen Teppichen und Kissen gegenüber war der sonstige
Hausrat doch von der alten Einfachheit, ja Dürftigkeit, selbst bei
weltlichen und geistlichen Fürsten, entsprechend den sonstigen
Unvollkommenheiten der Wohnung (s. unten S. 85). Die Möbel (Bänke,
Tische und Truhen) mochten freilich reicher geschnitzt sein, auch zum
Teil Metallbeschläge haben. Besonders dürftig blieb, wie noch lange,
die Beleuchtung (Kienspäne, Fackeln, Näpfe mit Fett und Docht, selten
noch Kerzen). Nach unten hin minderte sich der Hausrat natürlich erst
recht.
In der _Kleidung_ zeigten sich bessere Lage und größere Ansprüche
wieder in einer prunkenden Stoffülle, die zugleich auch wieder wie
das teure, aber begehrte Pelzwerk das Wärmebedürfnis befriedigen
soll, weiter in der Sucht nach selteneren, goldgewirkten Stoffen oder
kostbarem Besatz und in der ausgiebigen Verwendung von Gold-, Silber-
und Edelsteinschmuck an den Gewändern, auch an Schuhen und Hüten wie am
Körper selbst (Ohrringe, Ketten usw.). Gürtel und Rüstung sind öfter
vergoldet. Jugendlich-natürlich ist die Vorliebe für bunte, oft grelle
Farben, überhaupt die Farbenfreude. Über einen farbigen Ärmelrock
zieht man einen andersfarbigen ärmellosen; Mantel, Rock und Hosen sind
verschiedenfarbig; die Grundfarbe eines Stückes beleben kleine Flicken
in mannigfachen Formen von anderer Farbe; auch die Schuhe sind meist
bunt. Trotz des Wechsels der Mode, insbesondere der bald weiten, bald
engen Kleidung, herrscht in der Tracht noch im ganzen volkstümliche
Gleichförmigkeit innerhalb der Stämme. Freilich, der kleine Mann blieb
von jenem Prunk weit entfernt, wie ihm auch Stoffe von bescheidenen
Farben (braun und gelb) zukamen. Schon trug er aber die früher seltene
Kopfbedeckung (Stroh- oder Stoffhut oder Mütze). Haar und Bart wurden
jetzt allgemein kurz, d. h. nicht nach Art der Knechte ganz kurz,
getragen, nur anfangs bei den Sachsen noch nicht.
Auch in der _Nahrung_ bestanden große Unterschiede zwischen der
Herrenschicht und der großen Masse. Hing diese noch an der alten,
einfachen, in dem bäuerlichen Dasein natürlich reichlichen Speise, an
dem Brei, besonders an dem volkstümlichen Hirsebrei, an gewöhnlichem
Brot, Milch und Käse, an dem übrigens nicht regelmäßig genossenen
Fleisch, besonders an Schweinefleisch, an festlichem, freilich
nicht gehopftem (Hafer-)Bier, war ferner die Fischnahrung (auch der
Genuß getrockneter Fische) wegen der kirchlichen Fasten auch im
Binnenland stärker verbreitet, so war die Herrennahrung doch schon
vielfach verfeinert. Das Muster gaben wieder die Klostergeistlichen
als Verbreiter feinerer Backkunst, besser zubereiteter und gewürzter
Gerichte, leckerer Eierspeisen, häufigen Gemüse- und Salat- und
vermehrten Obstgenusses (auch des Genusses fremder Früchte). Braten,
vor allem Wildbret und Geflügel, waren, wie früher, dem Herrentisch
besonders eigen. Die Neigung zu (den teuren) fremden Gewürzen ging früh
über das Maß hinaus. Die stark gewürzten Speisen vermehrten den Durst.
In der Trink- und Gelagefreude blieb man national und unterschied sich
von dem kleinen Mann auch nicht in der rohen Vielesserei. Aber neben
dem nunmehr auch gehopften Weizen- und Gerstenbier trank der Vornehme
bei dem starken Weinbau schon häufiger Wein (Würzwein), selbst fremden,
beides wieder nach geistlichem Muster, aber auch noch Met, der freilich
feiner zubereitet war.
Man kann fragen, ob nicht die beginnende Verfeinerung des Lebens der
Herrenschicht eine lebhaftere _künstlerische_ Betätigung hervorgerufen
hat. Indes ist diese höhere künstlerische Ausschmückung des Daseins
wesentlich fremden Ursprungs. Wenn die einen neuerdings viel von
einer eigentümlich germanisch-deutschen Kunst sprechen, die anderen
trotz aller Phantasie, die die Germanen besonders in ihrer Dichtkunst
bewährten, »jene feinere sinnliche Reizbarkeit, die zur bildenden
Kunst führt,« leugnen (Dehio), so können jene in der Hauptsache nur
auf die altnationale Übung der Holzschnitzerei und der Bemalung des
Schnitzwerks hinweisen. Andererseits wären selbst nach Dehio die
späteren Kunstleistungen der Deutschen nicht zu begreifen, wenn nicht
»in einem sehr verborgenen Winkel der germanischen Volksseele auch
ein Keim zu künstlerischer Anlage bereit« gelegen hätte. Aber er
sei lange unsichtbar geblieben. Es ist die antike, von der Kirche
vermittelte Kunst, auf der die höheren Kunstschöpfungen, wie der
Romanen, so auch der Deutschen zunächst allein beruhen (s. S. 13).
Aber jetzt ist doch das bereits in karolingischer Zeit von den Franken
gewonnene Verständnis vor allem für die Baukunst schon bedeutend
fortgeschritten, sind die Eindrücke der fremden Bauten selbst in den
sächsischen Gebieten erheblich tiefer geworden. National war freilich
nur der Holzbau, an dem man noch lange (s. S. 50) festhielt; aber er
entwickelte sich, auch in der weiteren Entfaltung durch den Steinbau
gehindert, nur in beschränktem Maße und war zudem den auf feste Dauer
und äußeren monumentalen Eindruck hindrängenden Anforderungen der
weltbeherrschenden Kirche nicht gewachsen. Entscheidend war aber sein
Widerspruch zu der antik-kirchlichen Überlieferung. Sie wurzelte im
Steinbau, und dieser wurde auch der Träger der höheren, von der Kirche
beeinflußten Baukunst. Zunächst lernte man die Technik in Anlehnung
an die bessere romanische Übung langsam und schwerfällig, aber immer
vollkommener beherrschen: erst im 12. Jahrhundert ist diese Zeit der
Aufnahme, in der indes viele höhere Elemente der späteren Zeit bereits
wurzeln, zu Ende. Weiter aber wurde der Steinbau doch dem nationalen
Empfinden vertrauter. Einerseits mußte auch für die große Menge der
ständige Anblick der allmählich häufigeren Steinbauten ebenso wie der
Innenschmuck derselben besonders durch die religiöse Wandmalerei eine
innere Inanspruchnahme auch nach der künstlerischen Seite zur Folge
haben. Andererseits kam aber der die Kunst tragende geistliche Teil des
Volkes zu einer Weiterentwicklung des Überlieferten in _nationalem_
Geist, zu einer Verschmelzung bodenständiger Eigenart mit dem fremden
Gut.
Gerade das am meisten kunst- und kulturarme sächsische Gebiet geht in
der Ausbildung eines wirklichen Kunstlebens voran. Hier erblühten unter
Bischof Bernward, freilich einer Ausnahmeerscheinung, in Hildesheim der
Erzguß und andere Künste. Hier, in Gernrode und wieder in Hildesheim,
entstanden die ersten Denkmäler des neuen _romanischen Baustils_,
dessen Grundelemente der späten, christlichen Antike verdankt werden.
Man darf trotz der ähnlichen Entwicklung in Italien und Westeuropa den
Stil als einen wesentlich, freilich nicht durchaus deutschen ansehen.
Ungeschlachte, breit hingelagerte Massigkeit, urwüchsige Kraft, Ernst,
Einfachheit und strenge Herbheit wie die individuelle Gestaltung in den
einzelnen Landschaften beweisen seine Bodenständigkeit. Dazu kommen
eigenartige Züge wie der Stützenwechsel, bei dem Säulen und Pfeiler
abwechseln. Als sich unter den salischen Kaisern der Schwerpunkt des
Reiches wieder nach Westen und Süden neigte, geht die Entwicklung
entsprechend der reicheren Gestaltung des Lebens und der Lebenshaltung
weiter. Die Bauten wachsen in die Höhe, namentlich das Mittelschiff,
die immer zahlreicher angebrachten und immer höheren Türme werden ein
bedeutsamer, wechselnd geformter Faktor des Ganzen, die Fenster werden
höher, die Außenflächen nunmehr auch sonst belebter, gegliederter,
dekorativer ausgebildet. Überhaupt hat die Gestaltung der Außenseiten
des Baus von vornherein in romanischen Stil eine höhere Bedeutung
gehabt als bei dem ursprünglichen Kirchenbau. Im Innern erhöht sich
die Wirkung durch die aus dem Steinbau sich ergebende Wölbung der
Schiffe, die vorher eine flache Holzdecke abschloß. Dies Problem löst
völlig freilich erst die Gotik. Die Kathedralen von Speier und Worms
zeigen alle diese Veränderungen eindrucksvoll. Ganz dem Geist der
Zeit entsprechend trägt auch der romanische Stil _aristokratischen_,
vornehmen Charakter, selbst an künstlerisch nicht hochstehenden
Bauten. Auch in äußerlicher Beziehung zeigt sich eine Verbindung mit
der aristokratischen Welt. Die Herrscher, deren Hof ja nicht an einen
festen Ort gebunden war, spielen bei den großen Bauten eine nicht
unwesentliche Rolle. Dehio hat auch darauf hingewiesen, daß die großen
Bauherren, die Bischöfe, meist dem Hofklerus entstammen. Leitung und
Ausführung lagen bei allen Bauten, wie gesagt, in den Händen der
Geistlichen, so wenig deren Können über die hergebrachten Mittel lange
Zeit hinauskam. Aber mit jenen gewaltigen Schöpfungen mußte die neue
Kunst doch auch tiefer und tiefer in das Innere der Gesamtheit dringen,
und mehr und mehr wuchs auch der Anteil der technisch allmählich besser
ausgebildeten Laien am Bau selbst.
Weit fremder – deshalb auch nicht wie die Kunst nationaler gestaltet
– blieben, wie wir (S. 34) sahen, der hohen und niederen Masse der
Deutschen die von der Kirche geretteten _geistigen Elemente der alten
Kultur_. Die karolingischen Bestrebungen waren bald zurückgegangen, an
Stelle des Hofes war überhaupt die Kirche als wesentlichste Kulturmacht
getreten, aber auch innerhalb derselben wurden die Studien nur von
einzelnen Benediktinerklöstern weitergepflegt, von St. Gallen, der
Reichenau, vor allem von Fulda unter Hrabanus Maurus. Jetzt aber
zeigen sich wieder Spuren eines größeren, natürlich von Geistlichen
angeregten Interesses an den geistigen Schätzen der _Antike_ auch in
Laienkreisen, wie damals ja auch in politischer Hinsicht das römische
Kaisertum neu belebt wurde. Die neue Verbindung mit _Italien_ unter den
Ottonen wirkte da mit, wie schon auf künstlerischem Gebiet, wie auch
auf dem des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens. Das war ja
überhaupt das kulturell Wichtige der ganzen _Kaiseridee_, der politisch
so unheilvollen italienischen Politik der deutschen Könige, daß die
Deutschen dadurch von neuem an die höhere antik-christlich-romanische
Kultur geknüpft wurden, daß deren Ausgleich mit dem nationalen Faktor,
dem eigenen Volkstum, abermals einen Anstoß erhielt. Andererseits
sind die italienischen Kultureinflüsse für jene Zeit nicht zu hoch
einzuschätzen. Italien stand damals keineswegs hoch und spielte in
politischer und anderer Beziehung dem führenden mächtigen Deutschen
Reich gegenüber durchaus eine untergeordnete, zum Teil empfangende
Rolle. An italienische Einflüsse knüpft immerhin die ottonische
_Renaissance_, wie zum Teil einst die karolingische, gleichfalls zum
Teil an, ebenso wie jene politisch in dem neuen Kaisertum gipfelnd.
Sie ist aber nicht mehr an eine große Persönlichkeit gebunden wie
jene. Einzelne Italiener beeinflußten jedenfalls das geistige Leben
Deutschlands. Italienisch gebildet war auch Ottos I. Gemahlin
Adelheid von Burgund. Durch sie kamen dann aber auch die wichtigeren
französischen Einflüsse zur Geltung; diese förderte auch der
hochbedeutende Gerbert von Reims (der spätere Papst Silvester II.), der
schon an Ottos I. Hofe, länger an dem Ottos II. weilte, und mit dem
Otto III. als sein Schüler vertraut verkehrte. Westfränkisch beeinflußt
war sodann Ottos I. Bruder und Kanzler Brun, später Erzbischof von
Köln, die Seele des neuen Lebens, zugleich aber bezeichnend dafür,
daß dieses im wesentlichen von Geistlichen getragen wurde. An den
deutschen Bischofssitzen und in den Klöstern, vor allem in St. Gallen,
der Reichenau, Tegernsee, Gandersheim, begann eine gesteigerte Pflege
der lateinischen Sprache und eine eifrige Beschäftigung mit den
römischen Schriftstellern, und der geistliche Schulunterricht nahm
einen starken Aufschwung. Lebhaft beteiligten sich an dieser Bewegung
auch die geistlichen Frauen, weiter aber gewannen die Geistlichen auch
an vornehmen weltlichen Frauen gelehrige Schülerinnen. Die Kaiserin
Adelheid förderte die Bildungsbewegung am Hofe Ottos I. eifrig; von
späteren gelehrten Fürstinnen ist durch Scheffels »Ekkehard« Hedwig von
Schwaben allgemein bekannt. Das Interesse an der lateinisch-geistlichen
Kultur steigerte sich bei den Herrschern selbst immer mehr. Otto I.
zwar konnte nur wenig Latein und blieb ein ~homo illiteratus~, sein
geistlich gebildeter Sohn aber konnte ihm schon lateinische Briefe
übersetzen und liebte die Bücher über alles, und bei Ottos II. und
seiner griechischen Gemahlin Theophano Sohn Otto III. kam der
Studieneifer, die Wertschätzung nicht nur der römischen, sondern auch
der griechischen Bildung auf den Höhepunkt. Unverhüllt strebte er sich
von »der Roheit unserer sächsischen Natur« loszumachen.
Es war hier also zu einer _bewußten unnationalen Abwendung von der
heimischen halbbarbarischen Eigenart_ gekommen. Diese in der Hauptsache
formale Bildungsbewegung war freilich eine durchaus höfische wie die
karolingische. Immerhin reichte sie doch weiter in die Aristokratie
hinein; nicht nur Frauen versuchten sich in lateinischen Gesprächen.
Aber der eigentliche _Träger_ und Pfleger des Ganzen war doch der
_Geistliche_. Indessen begegnete ihm bereits, soweit er dabei zu sehr
ins Weltliche und Heidnische sich verlor, ein starker neuasketischer
Widerstand aus seinen Kreisen, eine strenge Reformbewegung (s. S.
65 ff.), die die sich segensreich entfaltende weltlich-kulturelle
Betätigung der Kirche überhaupt heftig bekämpfte. Zunächst aber diente
noch die Kirche mit Eifer aller höheren wirtschaftlichen, geistigen
und künstlerischen Kultur, die freilich immer geistlich gefärbt blieb
und nur von geistlichen Zielen ihre Berechtigung empfing. Und wenn
die ottonische Renaissance zeigt, daß die von der Kirche getragene
fremde Kultur nun etwas tiefer in die deutsche Welt eindrang, so war
zugleich die Machtstellung der Kirche selbst und ihre Bedeutung im
Leben der Nation eine ganz außerordentliche geworden. _Welt und Kirche
waren freilich noch vereint_; die Herrscher förderten die Kirche durch
Schenkungen, Immunitätsverleihungen u. a. wie durch die Gründung neuer
Bistümer und zahlreicher Klöster auf alle Weise, zur Ehre Gottes,
aber auch, um sie zu benutzen und sich auf sie zu stützen. Es war
ein bewußtes System Ottos d. Gr., unter dem die deutsche Kirche ihre
glänzendste Zeit zu erleben begann, die Kirche dem Staat dienstbar zu
machen, dem christlichen Staat natürlich. Insbesondere stützte er sich
auf die Bischöfe, die er auswählen konnte und überall förderte und
begünstigte, die aber auch dem Herrscher am Hofe, in der Verwaltung
und im Kriege dienten wie weltliche Vasallen und dabei zuverlässigere
Stützen seiner Politik waren als jene, deren Machthunger stets einer
kräftigen Reichsgewalt widerstrebte. Deren Ziel war immer die gerade
bei den Bischöfen ausgeschlossene Erblichkeit der erlangten Ämter und
Machtmittel, die der erste Schritt zur Unabhängigkeit war.