erfüllten deutschen Menschen? Unzweifelhaft hat sie bereits eine
gewisse Milderung des barbarischen Wesens herbeigeführt, zum Teil
freilich nur mittelst Formen, die das gewaltige Naturmenschentum auf
andere Weise sich übertrieben ausströmen ließen. Aber vorher ist zu
fragen: hat das _Christentum_ überhaupt eine innere Umwandlung des
deutschen Menschen bewirkt? Schon das oben Angeführte zeigt, daß
davon nur in geringem Maße die Rede sein kann. Es ist andererseits
eine überaus starke Beeinflussung des geistigen und des Gemütslebens
ganz selbstverständlich, ohne daß jedoch alte, tiefgewurzelte
Vorstellungen und Gemütsregungen vernichtet wurden. Es kam vielmehr
zu einer ganz _eigenartigen Mischung_, ohne die wir das ganze spätere
Geistesleben des Volkes nicht verstehen können. Wenn noch im Italien
der Renaissancezeit das antike Heidentum innerhalb der katholischen
Kirche in allerlei mehr oder weniger abergläubischen Formen und
Auffassungen fortlebte, wenn man dasselbe noch zum Teil von der
heutigen Volksreligion im romanischen Süden sagen kann, so wird man
nicht erwarten dürfen, daß die Christianisierung der deutschen Stämme
die wirkliche Annahme eines Glaubens, für den jene noch lange nicht
reif waren, bedeutete. Das erwartete die Kirche damals selbst nicht.
Getreu der Anweisung Gregors d. Gr. an einen Missionar der Angelsachsen
begnügte man sich vielfach mit einer christlichen Verbrämung
heidnischer Bräuche, mit einer äußerlichen Umwandlung alter Kultstätten
in christliche Gotteshäuser, der Verquickung heidnischer Naturfeste mit
christlichen Festen, der Göttergestalten mit christlichen Heiligen.
Man darf in solcher Gleichsetzung freilich nicht zu weit gehen. Dem
alten Volksglauben an Seelen und Dämonen, deren schädigende Macht man
durch Zauberspruch und Opfer bannen oder zum Heil, zur Wohltat wenden
könne, kam ferner der schon von der fränkischen Kirche ausgebildete
Wunderglaube und Heiligenkult geradezu entgegen und hatte die Heiligen
schon damals volkstümlich gemacht. So sah man auch jetzt im Gebet, im
Bekreuzigen, im Besprengen mit Weihwasser treffliche Zaubermittel. Die
Wundersucht zeigt jetzt natürlich eine rein kirchliche Beeinflussung
in Anlehnung an die biblischen Wundererzählungen: zugleich nimmt
sie außerordentlichen Umfang an. Die Tätigkeit der Heiligen wird in
der Hauptsache als Wundertun insbesondere zur Heilung der Gebrechen
und Krankheiten aufgefaßt, ihre Reliquien dienen nur diesem Zweck.
Dabei erhalten die Wundergeschichten einen jugendlich rohen, stark
übertriebenen Charakter. Die Geistlichen förderten die ganze Sache,
trieben den bösen Dämon aus, suchten durch Handauflegen und Gebet eine
Heilwirkung zu erzielen, priesen die geschehenen Wunder der Reliquien
usw. Wenn aber die Kirche andererseits streng ein Abschwören der
heidnischen Götter verlangte, ja diese mit dem Schimmer des Bösen,
des Teuflischen umgab, so blieb in Sinn und Brauch des Volkes doch
noch lange Zeit vieles auch von dem Heidentum bewahrt, das die Kirche
nicht verchristlicht hatte oder sonst nicht duldete. Man ersetzte
auch wohl in einem alten Zauberspruch Götternamen durch Christus
oder Maria, bewahrte aber ebenso oft entstellt auch jene Namen (z.
B. Wodan). Freilich brachte jene Verfluchung das Scheuverborgene,
Unheimlich-Düstere in den nicht christlich verbrämten alten
Volksglauben, und wer den christlichen Zauber nicht kräftig genug
erachtete – trotzdem im ganzen eben der Zauber des neuen Gottes und
seiner Heiligen in den Augen des Volkes die Kraft der alten Gestalten
übertraf –, der begab sich heimlich nächtlich zu den Bewahrern oder,
man denke an die weisen Frauen der Germanen, den greisen Bewahrerinnen
heidnischen Zaubergutes, die die Kirche nun ihrerseits heftig verfolgte
und grausam strafte. Manche wieder machten gerade diese heidnischen
Zauberer für Schädigungen und Übel verantwortlich und feindeten sie,
ganz im Sinne der Kirche, obwohl diese solchen Glauben verwarf,
ingrimmig an. Im übrigen herrschte ja bereits in vorchristlicher
Zeit der Glaube an zauberisch schädigende Menschen (Weiber), und man
verbrannte sie schon damals. Umgekehrt ging wieder auf den Geistlichen
der Nimbus des mit geheimnisvollen Kräften Begabten über, und ebenso
ist es im Grunde das Vertrauen auf die Zauberkraft der Kirche, wenn
man ihr Schenkungen machte, d. h. opferte. Diese Opferung erweiterte
sich jetzt vor allem zur Hingabe von Landbesitz, der eigentlichen
Machtquelle jener Zeit. Dazu trieb nun aber jetzt besonders auch der
neue Gedanke an das Jenseits. Man stimmte die dämonische Macht nicht
nur wie einst für das irdische Leben günstig, bannte Schädigungen usw.,
man erkaufte sich auch den Himmel. Der Sporn dazu war die von der
Kirche als wirksames Mittel namentlich später benutzte Sorge um das
Seelenheil, die Furcht vor der Verdammnis, die andererseits die noch zu
schildernde aufgeregte, zum Teil krankhafte Stimmung der Zeit mächtig
förderte.
So war also die Christianisierung zunächst kein so ungeheures Erlebnis
der Deutschen, vielmehr blieb dabei wieder die alte Eigenart zum guten
Teil bewahrt. Wenn nun weiter die Geschichte des Heilandes den von
jeher auf das Hören alter Geschichten erpichten Deutschen in einfachen
Formen erzählt wurde, so fesselte sie solche Rede sicherlich. Aber
ihrem Geschmack entsprach sie nicht: da wurde nicht von Helden aus
edlem Geschlecht gesagt, nicht von kriegerischen Taten, rauher Härte
und ruhmvollem Ende, sondern von Menschenliebe, von demütiger Ergebung
und Duldung und ungerächtem, bitterem Leidenstod. Aber man machte
wohl durch manche Zutaten diese Kost schmackhafter. Davon zeugen
die von Geistlichen getragenen ersten dichterischen Gestaltungen
des Lebens Christi in deutscher Sprache, Otfrieds Dichtung und der
niedersächsische Heliand, in denen deutlich nationale Töne anklingen,
kriegerischer Geist noch lebendig ist. Aber selbst diese Dichtungen
entsprachen nur dem Verständnis der schon mehr geistlich geschulten
Deutschen, nicht etwa dem der Masse überhaupt. Auch Heiligenlegenden
wurden wohl also zugestutzt, die Heiligen selbst gewannen zum Teil in
der Vorstellung des Volkes das Ansehen von Helden und wurden so, wie
St. Michael und St. Georg, Lieblingsgestalten des Volkes.
Daß die Kirche nun überhaupt ihre Macht im Volke immer mehr befestigte,
das lag an ihrer praktischen Wirksamkeit, an ihrem fördernden Einfluß
in wirtschaftlicher Beziehung, an ihrem humanitären Charakter, an
ihrer Fürsorge für die Armen, der Organisation der Krankenpflege,
an dem Schutz, den sie Bedrängten lieh, der größeren Wertung des
Menschenlebens, an der Zurückdrängung der Todesstrafe wie der Sklaverei
u. a. Ebenso festigten natürlich der äußere Pomp, das feierliche
Drum und Dran das Ansehen der Kirche, deren Machtgeheimnis aber vor
allem ihre feste Organisation und die unbeirrbare Folgerichtigkeit
ihres Vorgehens waren. So konnte von einem Widerstand gegen die
eigentliche Lehre, deren Elemente namentlich seit Karls d. Gr.
»volkserzieherischen«, d. h. lediglich christianisierenden Bestrebungen
auch weiter in die Masse gedrungen waren, um so weniger die Rede sein,
als das Dogma und dogmatische Erörterungen damals und später eine
sehr geringe Rolle spielten. Man nahm die Lehre gläubig hin, unklar
aufgenommen oder unverstanden. Eine selbständige Erfassung derselben
war ausgeschlossen. Praktisch sie zu betätigen, daran dachte man wenig,
wie ja noch heute. Aber die Kirche hatte im Zusammenhang mit ihrer
auf eine hohe Kulturstufe gegründeten Sittenlehre, überhaupt ihren
kulturellen Überlieferungen noch jene andere, kulturgeschichtlich
sehr wichtige und in der Verbindung von Sittlichkeit und Religion
ganz neue Aufgabe, die _Sittigung_ des noch immer wenig gebändigten,
halbbarbarischen Menschen. Und mit dieser zunächst durch Lehre und
Predigt, weiter durch das geistliche Beispiel erstrebten inneren
Umwandlung kam der härteste Zusammenstoß mit der nationalen
Eigenart. Hier griff die Kirche auch durch ihre Strafmittel, durch
die Kirchenzucht ein. Und wirklich erreichte die Kirche viel, im
wesentlichen freilich nur eine gleichmäßige äußerliche Handhabung
gewisser Ausdrucksformen für eine im Grunde wenig vorhandene neue
Gesinnung. Mit einem gewissen Erfolg bekämpfte sie die Gewalttaten
(Mord und Raub) und auch die tiefeingewurzelte Selbsthilfe durch
schwere Bußen; sie drängte die Vielweiberei stark zurück, mäßigte
etwas die Habgier durch Erziehung zur Opferwilligkeit für die Kirche
usw. Vergeblich war ihr Kampf gegen die Trunksucht. Die am meisten
ungermanische Forderung der Kirche war die Demut. Hochfahrender Stolz
und Leidenschaftlichkeit sollten verschwinden, Heldenruhm und Glanz
nichts mehr gelten, Rache am Feinde ein Frevel und Wehrlosigkeit kein
Übel sein. Solche Anschauungen konnten unmöglich durchdringen. Aber
schon im 10. Jahrhundert begann man bei bestimmten Vorgängen auch
außerhalb der geistlichen Kreise Formen gewohnheitsmäßig anzuwenden,
die unterwürfige Demut, etwa wenn man Verzeihung oder Hilfe heischte
oder Reue zeigte, oft übertrieben ausdrückten. Wichtig ist dabei, daß
auf Stufen früher Entwicklung überhaupt alle Empfindung überkräftig
ausgedrückt und von lebhaften Gesten begleitet wird, ohne daß eine
seelische Erschütterung vorliegt. Man denke an die Klageweiber an der
Leiche. So flossen die Tränen damals überaus häufig als stehendes
Ausdrucksmittel nicht nur der Geistlichen, auch der hochgemuten Helden.
Auch ein Akt der Barmherzigkeit wird von den Tränen des Helfers
begleitet. Höchst ausgebildet ist die Sprache der Hände; der Kuß
spielt ebenfalls eine große Rolle. Die äußeren Formen haben damals und
später eine um so größere Wichtigkeit, als sie das Mittel der »Zucht«
waren, als die Wildheit der Menschen durch strenge Beachtung vor allem
bestimmter Verkehrsformen gezähmt werden sollte. Aber jene starken
Ausdrucksformen zeigen doch immerhin wieder die sonst mühsam bekämpfte
jugendliche Leidenschaftlichkeit der Hingabe an eine Sache.
Dasselbe gilt von der zur _Askese_ gesteigerten Frömmigkeit, die damals
viele Menschen ergriff. Auch die Askese sollte der Bändigung der
natürlichen Leidenschaften dienen, aber war doch selbst ein Erzeugnis
fanatischer Hingabe. Der Durchschnitt der Deutschen lebte nur in einem
äußerlich erfaßten Christentum; es hielt sich z. T. noch das reine
Heidentum, so in Sachsen; man hat noch im 11. Jahrhundert Spuren
von Baumkult, von Verehrung heiliger Steine. Auf der anderen Seite
hatte aber die Jenseitsrichtung des Christentums allmählich weitere
Kreise gemütlich erfaßt, wie es schon die Ergänzung der Geistlichen
z. T. voraussetzt. Diese Hingabe nahm seit dem 9. Jahrhundert eben
jene jugendlich-leidenschaftliche Form an. Eine von der älteren
orientalisch-antiken Askese verschiedene naiv-massive Art derselben
griff ansteckend um sich. Es war die erste Stufe einer tieferen
Annahme eines neuen Glaubens, aber doch auch noch äußerlich; es war
das Streben, Frömmigkeit so kräftig-grell zum Ausdruck zu bringen,
als es der Kraft und Naivität des damaligen Menschen entsprach.
Dieser übrigens wieder erst von Westen kommende Geist spornte im 10.
Jahrhundert vor allem die Klostergeistlichen zu immer schärferer
asketischer Betätigung, zu Bußübungen und peinvollen Entsagungen
an: aber er veranlaßte auch immer mehr Leute, der Welt zu entsagen
und in ein Kloster zu treten. Ja, auch unter der großen Masse der
Laien verbreitete sich zum Teil asketischer Geist, ein Aufsichnehmen
besonderer Fasten und Bußübungen, geschlechtlicher Enthaltsamkeit.
Besonders charakteristisch wird die Klausner- und Klausnerinnenmode,
die gegen das Jahr 1000 sehr zunahm, namentlich in Lothringen, aber
auch z. B. in der Nähe St. Gallens. Es ist kein Zufall, daß gerade
Frauen sich diesem Geist zahlreich und mit besonderer Wärme hingaben.
Die gemütliche Seite des Christentums hat schon früh auf die Frauen
am meisten gewirkt, und in der Zeit der Christianisierung mag manche
Frau ihren Gatten dem Heidentum abspenstig gemacht haben, wie schon
die Burgunderin Chrodechilde den Frankenkönig Chlodwig. Frauen und
Geistliche wurden früh Bundesgenossen. Nicht nur von den vornehmen
Frauen gilt das, wie uns so viele Beispiele aus der sächsischen Zeit
beweisen, sondern auch von den niederen. Eben die Klausnerinnen zeigen
den Einfluß, den nun die asketische Bewegung auf sie gewann, wie
auch von den 300 Klöstern, die es zu Beginn des 10. Jahrhunderts in
Deutschland gab, ein erheblicher Teil, ein Viertel, auf Frauenklöster
kam.
Aber diese ganze Bußstimmung hat für den großen Durchschnitt der hohen
und niederen Laien wenig zu besagen, trotz der häufigen Bewunderung
solcher Vorbilder. Und auch sonst ist von einer tieferen inneren
Umwandlung der Gesamtheit doch nur in den Anfängen zu sprechen. Es
mußte ja freilich auch in der Masse nachwirken, daß der irdische
Besitz, daß die natürlichen Freuden des Lebens in ihrem Wert nunmehr
erniedrigt waren; es mußte die nunmehrige sittliche Weihe der
Arbeit, die ja durch das bäuerliche Dasein in Wirklichkeit schon die
größte Bedeutung erlangt hatte, die Anschauungen der Menschen stark
befruchten; das Evangelium der Nächstenliebe, etwas ganz Neues, mußte
einen tieferen Wandel des Denkens und Fühlens herbeiführen. Aber alles
das wirkte doch nur allmählich. Rascher trug die Kirche dazu bei, die
alte Hochhaltung der persönlichen Freiheit zu mindern, und wenn sie
schon durch die Organisationsformen ihres Besitzes die Ausbildung der
Abhängigkeitsverhältnisse gefördert hatte, wenn sie dann dadurch, daß
die Hingabe des Besitzes an die Kirche, die Stellung unter ihren
Schutz als etwas Verdienstliches angesehen wurde, die Zahl der sich
ihrer Freiheit begebenden stark vermehrte, so begünstigte sie damit
eine Entwicklung, die sich überhaupt seit längerer Zeit vorbereitet und
durchgesetzt hatte. Ohne tiefere Beeinflussung durch die Kirche blieb
endlich zunächst noch das eigentliche Geistesleben, die Denkarbeit der
Menschen. Die Bekanntschaft mit der fremden Welt der gottesdienstlichen
Formen, des Inhalts des Evangeliums, der Heiligengeschichte erweiterte
natürlich etwas den geistigen Gesichtskreis; die elementaren
christlichen Grundlehren vermittelten auch eine ganz andere Art des
Denkens: aber von einem Verständnis für das Denk- und Lehrsystem der
Kirche, in das die geistlich gewordenen Volksgenossen freilich mittelst
der kirchlichen Schulung und später mit Hilfe der Romanen mit immer
größerer Hingabe eindrangen, konnte keine Rede sein.
Vielmehr zeigt auch das _geistige_ Leben der Deutschen vom 9. bis zum
11. Jahrhundert durchaus das Gepräge der _Eigenart_. Vom Standpunkt
der Weltkultur aus sieht man nur die mühsame, unendlich lange
dauernde Schule, die die Deutschen, zunächst die geistig führende
Geistlichkeit, nunmehr in der fremden Bildung durchmachten. Man sieht
nur den Tiefstand, sogar die Bildungsfeindlichkeit der großen Masse
der Laien und das Bildungsmonopol der oft auch nur in geistigen
Niederungen bleibenden, ein unklassisches »Mönchslatein« handhabenden
Geistlichkeit. Man sieht meist nicht das freilich immer mehr gestörte
eigenartige nationale Geistesleben, aus dem doch wieder das Beste
an der später erblühenden Kunstdichtung entsprang. Das Unheilvolle
war eben die Kluft zwischen der auf die Antike gegründeten höheren
Bildung, deren Träger, ebenso wie auf dem Gebiet der Kunst, nach Karl
d. Gr. nicht mehr der Hof, sondern lediglich die Geistlichkeit an
den Bischofssitzen wie in den Klöstern war, und dem Geistesleben des
Volkes, dessen Schöpfungen von den Bildungsträgern tief verachtet
waren und darum auch bei den höheren Laien immer mehr an Achtung
verloren. Noch lebten im Volke die alten Gesänge, neue in diesem
Geist kamen hinzu. Den alten Sänger der Vorzeit und der fränkischen
Zeit hat nun der Spielmann abgelöst, der auch die Zeitereignisse in
dichterischer Form mitteilte und in die abgeschlossene ländliche
Welt des Deutschen allerlei neue Kunde brachte, ebenso wie andere
Fremde, der Krämer, der Bote, der Mönch, die, unbeschadet alter
Gastlichkeit, gerade deshalb besonders willkommen sind, weil man von
ihnen Neuigkeiten erwartete. Mit den Spielleuten mischten sich die
Gaukler, die ~joculatores~, die Nachkommen der fahrenden Leute aus
dem römischen Reiche, und manch verkommener Kleriker. Durch letztere
war wohl auch der der Kirchenpoesie entstammende romanische Reim
schließlich die stehende äußere Form der Dichtung geworden. Schwänke
und Lügendichtungen, auch allerlei, vielleicht früh die Geistlichkeit
verhöhnende, derbe Geschichten wurden von diesen Spielleuten gepflegt
und behagten den Hörern. So kam es denn früh zu einer Bekämpfung
dieser Volksdichtung durch die Geistlichkeit. Um den »unzüchtigen
oder mindestens eitlen Sang der Laien zu verdrängen«, schrieb im 9.
Jahrhundert der Mönch Otfried von Weißenburg sein Evangelienbuch; aber
das deutsche Gewand dieser geistlichen Reimdichtung zeigt ebenso wie
die noch alliterierenden Kunstdichtungen der altsächsischen »Genesis«,
des niedersächsischen »Heliand«, des oberdeutschen »Muspilli«, daß die
Geistlichen doch auch schon früh die nationale Sprache benutzten, um
im Sinne der Kirche, in deren Dienst man überhaupt alles zu stellen
suchte, auf das Volk zu wirken oder durch heimische Sänger wirken zu
lassen. Andererseits bedeutet diese nationale Färbung doch wieder eine
erste Annäherung der Kultur an das Volkstum. Der alte Heldensang, der
nach Karl d. Gr. lediglich unter dem Gesichtspunkt des Heidnischen
von der Kirche bekämpft wurde, hielt sich am längsten wieder in
Sachsen: hier sagte und sang man noch lange von Dietrich von Bern
und Ermanrich. Aber im ganzen wird er immer mehr zur Volkskost, bis
er im 12. Jahrhundert, wohl unter dem Einfluß der neuen weltlichen
romanischen Dichtung, auch in vornehmeren Kreisen wieder Boden gewann.
Im übrigen werden solche alten Gesänge auch von Leuten aus dem Volke
selbst vorgetragen sein, und ebenso erzählte man sich sonst alte Sagen
und Märchen, Tierfabeln u. dgl. oder pflegte überkommenes Rätselgut und
Spruchweisheit. Natürlich blühte der mit Tanz verbundene Volksgesang
weiter, bei dem meist einer vorsang und die Menge nur beim Refrain
einfiel.
Den geistigen Gesichtskreis des Volkes, der sonst im einem durchaus mit
der Natur verbundenen, auf alter Erfahrung und Überlieferung fußenden
Arbeitsleben unter der naiven Vorstellung einer Belebtheit der Natur
mit guten und bösen Wesen beschlossen war – ein gemütliches Verhältnis
hatte man insbesondere auch zur Tierwelt, vor allem zur Vogelwelt –,
mag man niedrig nennen. Das gilt auch von den niederen Geistlichen,
die bei ihrer äußerst notdürftigen Bildung sich geistig kaum von
der übrigen Masse, mit der sie in volkstümlicher Weise lebten,
unterschieden. Aber auch der Gesichtskreis der höheren Laienwelt war
ziemlich derselbe, nur daß sich die Interessen der Großen auch auf
Machtfragen, auf Einzelheiten der Verwaltung und wie die der übrigen
Herren auf kriegerische Dinge, wenigstens kriegerische Ausbildung und
Übung, und auf die Jagd als Hauptunterhaltung erstreckten. Diese wurde
mehr und mehr ein Vorrecht der Herren, die ihrer Jagdleidenschaft auch
dann huldigten, wenn sie geistlichen Standes geworden waren und hohe
Kirchenämter bekleideten.
Ein wichtiges Gebiet war damals noch ein gemeinsames Geistesgut
der Hohen und Niederen, das _Recht_, dessen Lebendigkeit und
Volkstümlichkeit wiederum ein Zeugnis der Bewahrung der Eigenart
ist. Es war Stammesrecht, aus altem Herkommen erwachsen. Je nach
der Entwicklung hatte sich nacheinander eine Kodifikation desselben
ergeben (vgl. S. 14), aber die fremde Sprache und Schrift machten
einen volkstümlichen Gebrauch der Rechtsbücher selbst unmöglich. Wo
man eine bestimmte Entscheidung nötig hatte, gab ein Mann geistlicher
Bildung in einem Kloster oder an einem Herrensitz Auskunft: denn
Handschriften der Rechtsbücher liefen genug umher. Es scheint aber,
als ob im 10. Jahrhundert ein Teil der vornehmeren Laien soweit
der lateinischen Schulbildung teilhaftig wurde, daß man gerade die
Rechtsbücher lesen konnte. Im Volk lebte die Rechtskenntnis durch
Überlieferung weiter, ja das Volk wirkte wie in der Vorzeit auch
rechtsbildend und rechtsschöpferisch, vor allem in seinen ländlichen
Gemeindegerichten. Noch lebte auch die volkstümliche Organisation
der Hundertschaftsgerichte. Die Entwicklung der Zustände machte im
übrigen manche Weiterbildung des Rechtes erforderlich: so bezüglich der
Verhältnisse der zahlreichen Abhängigen, bei denen bald ein Streben
nach aufwärts einsetzte. Bei der Ausübung der Rechtspflege war ja schon
seit der fränkischen Zeit das Volk, das in den Hundertschaftsgerichten
die Urteilsfinder, die Schöffen, stellte, durch die wachsende Macht
des leitenden Richters, des vom König eingesetzten Grafen, der den
gewählten Volksrichter allmählich verdrängte, einigermaßen beschränkt.
Jetzt mochten den Richter auch schon hier und da aus dem kanonischen
Recht stammende römische Rechtsanschauungen beeinflussen, wie es z.
B. die strengeren Strafen zeigen. Im ganzen aber bleibt es bei einer
lebendigen Anteilnahme des Volkes.
Weiter bestätigt die _Namenwelt_, daß die alte Eigenart durchaus weiter
lebte, sich freilich nicht mehr in Neuschöpfungen betätigte. Die
germanische, überaus reiche, vor allem die Kampfes- und Kriegsfreude
widerspiegelnde Namenwelt ragt noch in die jetzige Zeit, bis ins 12.
Jahrhundert, kraftvoll hinein. Ja, die naturgemäß mit dem Christentum
einströmenden fremden Namen (insbesondere Heiligennamen), die zuerst
unter dem hohen Klerus und bei den geistlichen Frauen auftreten, gehen
im 10. und 11. Jahrhundert wieder zurück.
Auch das _soziale_ Leben hält sich im ganzen von Beeinflussung durch
die fremde Kultur frei. Jene frühzeitlichen Zustände, die vielfach
denjenigen bei anderen primitiven Völkern entsprachen, entwickeln
sich nun langsam und ziemlich ungestört weiter. Das Familienleben
zeigt noch das alte Gefüge, wenn auch die Bedeutung der Sippe stark
geschwunden ist; so traten, wenn auch nicht bei allen Stämmen
gleichmäßig, die Sippensiedelungen vor den nur örtlich verbundenen
Siedelungsgenossenschaften zurück. Der Hausvater herrscht mit alter
Gewalt; in niederen Kreisen ist die Frau noch oft Arbeitstier; selbst
in höheren muß sie gelegentlich Züchtigungen erdulden. Sentimentale
Gefühle walten bei der Eheschließung nicht, wie andererseits keine
Weichheit den Kindern gegenüber besteht und in sächsischen Gegenden
noch im 11. Jahrhundert Mißgeburten gelegentlich getötet werden. Die
Ehe kam durch lange Verhandlungen der beiderseitigen Familienvertreter
zustande; äußere, praktische, materielle Gründe sind, wie noch viel
später, entscheidend. Mehr und mehr ist dank der Einwirkung der Kirche
die Einwilligung der Braut erforderlich geworden. Die kirchliche
Einsegnung dringt nur langsam durch und ist noch viel später nicht
völlig allgemein. Frauenraub ist jetzt ein strafwürdiges Verbrechen.
Das Eheleben verläuft in unbefangener Naturwüchsigkeit. Von einer
besonderen Keuschheit ist jetzt noch weniger die Rede als früher,
zumal nunmehr die Geistlichen häufig die Verführer spielten. Untreue
war nicht nur bei den Männern, sondern auch bei den Frauen häufig.
Wohlhabende Grundherren hielten auch ungehindert Beischläferinnen.
Aus den unehelichen Kindern mochte sich vielfach die Geistlichkeit
ergänzen. Eigentliche Sittenlosigkeit herrscht auch im Westen jetzt
weit weniger als zu fränkischer Zeit, am wenigsten sonst in Sachsen,
wo auch die frühere Achtung vor Geist und Gemüt der Frauen noch am
lebendigsten erhalten ist.
Unverkennbar tritt im sozialen Leben die Stärke des deutschen
_genossenschaftlichen_ Geistes hervor. Sie zeigen vor allem seit
uralter Zeit die Gilden, die sich vielleicht aus den germanischen
Geschlechtsverbänden entwickelt, von ihnen als wichtigen Kern des
Zusammenlebens die Opfergelage – daher die Bedeutung der Gelage in
späterer Zeit – übernommen haben und wie ein familiärer Verband eine
feste Schutzgemeinschaft für den einzelnen in allen Verhältnissen
bildeten, durch Eidschwur zusammengehalten, später christlich gefärbt
und den christlichen Brüderschaften angenähert. Sie zeigt ferner die
nach Schwinden der Sippensiedelungen eintretende nachbarschaftliche
natürliche Organisation mit ihren wirtschaftlichen Grundlagen und
Zielen, sie zeigt die größere Markgenossenschaft. Ebenso tritt
aber auch das scheinbare Widerspiel dieses Geistes hervor, der
_Individualismus_. Er ist es, der staatlicher Zusammenfassung, der
Bildung einer straffen Zentralgewalt noch immer widerstrebt. Nicht
nur das Fürsichleben der Stämme ist dafür bezeichnend, sondern vor
allem die egoistische Machtgier der einzelnen Großen, die trotz Karls
d. Gr. Einschreiten später immer aufs neue den Königen und in den
Stammesgebieten wieder den Herzögen widerstanden.