Bewußt nahm diese Aufgabe der »Kultivierung«, d. h. der Romanisierung

_Karl_ d. Gr., der als Ostfranke weit mehr als einst die romanisierten

Merowinger seine eigene Zurückgebliebenheit empfand, trotz aller

Vorliebe für das germanische Volkstum in Angriff. Die von ihm

geförderte Bildungsbewegung, die man nicht ganz treffend als

karolingische Renaissance bezeichnet – denn noch war die Antike eine

von selbst wirkende Kraft, und es handelt sich um ein letztes Zeichen

dieser unmittelbaren Wirkung –, ist insofern besonders geartet, als

Karl durch die Verbindung mit Italien wieder auf die reineren Elemente

der Antike zurückging. Besser als in Gallien, wo allerdings die

Kirche die Reste der verfallenden römischen Bildung rettete, hatte

sich diese bei den Angelsachsen gehalten; auf sie, die überhaupt auf

die Franken einen bedeutenden kulturellen Einfluß übten, d. h. auf

Alkuin stützte sich auch Karl. Aber es war doch eine rein auf der

Person des großen Herrschers beruhende, durchaus höfische Bewegung.

Und der wichtigste Faktor dieser karolingischen Kulturpolitik war

doch die mächtiger gewordene orthodoxe Kirche, die schon Pipin viel

zu verdanken hatte und die von Karl äußerlich und innerlich gestärkt,

freilich selbst in rein kirchlichen Fragen noch völlig beherrscht

wurde. Seine wesentlich formalen Bildungsbestrebungen (Neubelebung

des Lateinischen) waren auch durchaus von christlichem Geiste erfüllt

und sollten namentlich den Geistlichen zugute kommen. Eben diese

christliche Zielsetzung aller Bildungspflege entstammte vor allem dem

Geiste Alkuins. Die Kirche sah andererseits, was auch für die spätere

Aufnahme des Kaisertums durch die Ottonen, überhaupt für das ganze

Mittelalter bestimmend wurde, im fränkischen Reich ihre Stütze, wie

ja gerade das Papsttum erst durch die Verbindung mit den »nordischen

Barbaren« groß geworden ist, und zugleich das berufene Organ für die

Durchführung ihrer Ideen. Karl sah wieder im Christentum das gegebene

Mittel, seine Völker zu höherer Gesittung und Bildung zu bringen;

seine Schulbestrebungen gehen nur auf christliche Unterweisung aus.

Und wenn Karl, dessen »Renaissance«streben später rasch vergessen

wurde, gerade durch seinen persönlichen Eifer die kulturelle

Betätigung der Kirche förderte, stärkte, ja diese Betätigung ihr

als selbstverständliche Aufgabe ein für allemal einprägte, überhaupt

die eigenartige Verquickung des Christlichen mit dem Weltlichen im

Mittelalter begründete, so kam die Zeit, wo alle höhere Kultivierung

und damit eben die Romanisierung allein von der Kirche ausging. Selbst

die auf romanische Vorbilder zurückgehende Hebung der wirtschaftlichen

Kultur, für die Karl eifrig tätig gewesen war, wenn auch seine

vielgerühmten Musterwirtschaftsordnungen im ganzen nur für Westfranken

in Betracht kommen, wurde nun wesentlich Sache der Kirche, insbesondere

der Klöster, die z. B. von den Agilulfingern in Bayern geradezu wegen

der Rodung und Kolonisierung des Wildlandes gefördert wurden. So war

es auch mit den romanischen Überlieferungen der äußeren Zivilisation,

z. B. mit dem Steinbau. Wesentlich von der Kirche und dem Hofe des

Herrschers gerettet, beeinflußten sie zunächst nur die Herrenschicht.

Dem Volke blieben diese Dinge noch lange fremd, gingen auch nur

sehr langsam auf weitere Kreise über, zu allerletzt die geistigen

Kulturgüter. Die spätere Übertragung dieser wie der wirtschaftlichen

römischen Kulturgüter sollte, vor allem durch das Klosterwesen, das

Werk der Kirche sein, die durch ihren internationalen Charakter, durch

ihre römische Spitze ja auch fortwährend innige Berührungen mit dem

französischen und italienischen Klerus und so mit den besser erhaltenen

antiken Überlieferungen der romanischen Länder hatte, im übrigen aber

auf das Volk als Inbegriff alles Höheren einen überwältigenden Einfluß

üben mußte.

Fußnoten:

[2] Im übrigen sei auf mein Büchlein: »Germanische Kultur in

der Urzeit«, 3. Aufl., verwiesen.

[3] Es sei auf das in dieser Sammlung (Nr. 112) erschienene

treffliche Bändchen von H. Dragendorff, Westdeutschland zur

Römerzeit, verwiesen.

[4] Vgl. dazu _Steinhausen_, Geschichte der deutschen Kultur

I², S. 87.

[5] Vgl. _Steinhausen_, Gesch. d. d. Kultur I², S. 84.

[6] Das ist ein wichtiger Vorgang. Bis dahin hängen das

skandinavische und das südliche Germanentum noch eng

zusammen.

Zweites Kapitel.

Erste Fortschritte deutschen Lebens im Rahmen deutscher Eigenart unter

wachsender Führung der Herrenschicht.

(Ländlich-kriegerische Kultur.)

In dem großen fränkischen Reiche war der einstige Gegensatz zwischen

»Römern« und fränkischen Barbaren zu einem kulturellen Gegensatz des

überwiegend romanischen, kultivierteren Westens (Neustriens) zu dem

rückständigeren germanischen Austrasien, dem nun die innerdeutschen

Stämme angegliedert waren, geworden. Nationale Gefühle spielten dabei

noch nicht mit. Die Germanen selbst empfanden zwar ganz dumpf eine

gewisse Verwandtschaft, aber der Franke sah den Sachsen doch keineswegs

als Glied eines gemeinsamen Gesamtvolkes an, und die Angliederung und

Christianisierung der Sachsen vollzog sich so blutig und grausam, wie

später etwa die Sachsen gegen die Slawen vorgingen. Man empfand nur

den Gegensatz zwischen Christen und Heiden. Das nationale Moment war

auch nicht für die Abtrennung des ostfränkischen, später deutschen

Reiches entscheidend: aber es war doch nicht bedeutungslos, daß in ihm

sprach- und stammverwandte Völker, wenn auch nur äußerlich, vereinigt

und im wesentlichen von den Romanen geschieden waren. Freilich bestand

auch ein Sprachgegensatz der Franken zu den Sachsen, die ebenso

wie die Friesen und Niederfranken die sogenannte Lautverschiebung

nicht mitgemacht hatten, also der für die Zukunft so wichtige

Sprach-(überhaupt Kultur)gegensatz zwischen Ober- und Niederdeutschen,

aber er wurde doch weniger empfunden als der nun deutlich werdende

Sprachunterschied von den Romanen, der bei der Eidesleistung zu

Straßburg 842 schon beachtet wurde. Karl der Kahle schwor in ~teudisca

lingua~. Von der Volkssprache her kam man denn auch zu der Bezeichnung

der »Deutschen«. Das Wort, zuerst 786 vorkommend, bezeichnet zunächst

nur den Gegensatz zur lateinischen Sprache. Es bezeichnet die

»_volkstümliche_« (~thiudisc~) Mundart, zunächst auch nur die des

betreffenden Stammes. Als Gesamtname wird »~Teutisci~«, das Walahfrid

Strabo schon 840 für deutschsprechende Leute anwendet, zuerst bei den

Romanen, so 845 in einer Trienter Urkunde, gebraucht. Erst im 10.

Jahrhundert beginnen die Deutschen in ihrer Gesamtheit sich selbst als

»Deutsche« (~Teutonici~) zu bezeichnen.

Der Ausgangspunkt war also wieder ein kultureller, der Gegensatz der

Volkssprache zur lateinischen Kultursprache, des Volkstums zur höheren

Kultur. Wie diese Volkssprache sich nicht besiegen läßt, so ist es mit

dem ganzen Leben. Das romanische, internationale Kulturelement ist

dem deutschen Volke eingefügt; man empfindet seine Übermacht und läßt

es in seinem höheren Bereich wirken: aber ebenso bleibt man, für die

Aufnahme jener Kultur in weiterem Maße noch gar nicht reif, in Wesen

und Art durchaus bei der _eigenen Kultur_ und entwickelt diese, meist

nur äußerlich (und zwar besonders im Westen) romanisch beeinflußt,

langsam weiter. So wenig gestört und so eigenartig germanisch verlief

diese Entwicklung nicht wie im skandinavischen Norden, wo trotz der

später auch dahin gelangten christlichen und antiken Einflüsse Poesie

und Mythologie eine Welt großartig-gewaltiger Eigenart widerspiegeln.

Auf der anderen Seite schloß die Bodenständigkeit der deutschen Stämme

ein Erliegen gegenüber der höheren Kultur wie bei den in das römische

Reich eingedrungenen Germanen aus. In der Hauptsache müssen wir also

für die nun sich kräftig entwickelnden deutschen Stämme von einer

_eigenen Kultur_ reden. Die später so bezeichnende Bildungskluft

freilich bestand schon. Ein Teil des Volkes, damals der Klerus, lebte

in einer ganz anderen Kulturwelt als der andere, so wenig seine Glieder

sich von ihrem eigentlichen Volkstum völlig freimachen konnten. Viele

Elemente der romanischen Lebensverfeinerung gingen sodann immer stärker

auf die Herrenschicht, die sich dadurch wieder in einen Gegensatz zu

der unteren Schicht setzte, über; an der höheren Bildung aber nahm auch

diese Herrenschicht, abgesehen von ihren weiblichen Gliedern, die meist

im Kloster erzogen wurden, nicht teil, dachte und fühlte vielmehr im

wesentlichen wie das Volk. So entwickelte sich in der großen Masse der

Laien bis etwa zu den Kreuzzügen im wesentlichen alles aus dem Alten

heraus, wenn auch der Pfahl im Fleisch saß und der geistige, sittliche,

künstlerische, wirtschaftliche Einfluß des Klerus langsam auf eine

Erziehung zu höherer Kultur hinwirkte. Freilich war der großen Masse

des Volkes gegenüber der Frühzeit vieles genommen. Von einer Mitwirkung

im öffentlichen Leben war nicht mehr die Rede; Könige und Herren,

gestützt auf die Geistlichen, waren allein ausschlaggebend. Die große

Masse beschränkte sich auf ein _bäuerliches_ Dasein, das sich im Rahmen

der Markgenossenschaft abspielte. Die Landwirtschaft war auch die

Grundlage des Lebens der Herren, freilich mit einem starken Einschlag

kriegerischer Interessen. Mit den rasch fest gewordenen Sitzen hatte

nach der Völkerwanderung, der letzten großen Störung organischer

Fortentwicklung, ein langes _Zeitalter des Ausbaus_ der deutschen

Stammesgebiete begonnen, vom 6. Jahrhundert bis zum 13. reichend

und vor allem durch gewaltige _Rodungen_ charakterisiert, durch

die Erschließung immer neuen Kulturlandes für die immer zunehmende

Bevölkerung. Man rodete in der Sucht nach Neuland auch auf solchen

Gebieten, die sich zum Ausbau nicht eigneten und daher später wieder zu

Wüstungen wurden. Allmählich hielten sich Wildland und Kulturland etwa

die Wage, aber die Waldmasse bleibt lange noch stark und schreckend

genug. Im übrigen litt der Wald auch unter rücksichtslosester Nutzung

(Weide, Holzverbrauch usw.) Von der Bruchlandschaft der Flußtäler blieb

das Kulturland noch ziemlich lange fern. Das Gesamtergebnis war aber

eine außerordentliche Vermehrung dieses Kulturlandes.

Zunächst hatte nun das junge »deutsche« Leben noch große äußere

Fährnisse zu bestehen. Das ostfränkische Reich bedrohten die

Normanneneinfälle, weniger freilich als das westfränkische, weiter

das Vorfluten der Slawen, die zerstörenden Ungarneinfälle, die vor

allem in Bayern auch die Bevölkerung stark mitnahmen. Dazu kam die

dauernde Schwächung der Reichsgewalt durch die einst von Karl d.

Gr. unterdrückten, jetzt neuerstandenen Stammesherzogtümer. Aus dem

Chaos rettete Reich und Volk eigentlich erst die Übertragung der

Königswürde an den Sachsenherzog Heinrich. Gerade dadurch wurde der

deutsche Charakter von Staat und Kultur erst recht befestigt; von einem

ostfränkischen Reich ist nicht mehr die Rede, so sehr auch Hof, Kanzlei

und Verwaltung an die fränkische Grundlage anknüpften.

Jenes Übergewicht der Stammesherzöge hängt mit der Bedeutung der

Stämme überhaupt zusammen. Die neue deutsche Volkskultur ist zunächst

_Stammeskultur_. Politisch ist weder von einem Nationalbewußtsein noch

von einem Einheitsstaat die Rede. Franken und Sachsen, einst gleichsam

zwei feindliche Völker, sind nur äußerlich vereinigt. »Das Reich der

Sachsen und Franken« hieß jetzt das Reich. So haben auch die fremden

Völker des öfteren die mittelalterlichen Deutschen je nach dem Stamm

bezeichnet, der ihnen gegenübertrat, als Alemannen (Allemands), als

Sachsen (so im Norden), als Schwaben. Der Unterschied der Stämme

beruhte zum Teil auf der schon hervorgehobenen Verschiedenheit des

Kulturgrades. Im ganzen glichen sie sich freilich in jener einfachen

ländlichen Haltung. Überall hatte sich nun der Eigenbesitz des

einzelnen völlig durchgesetzt; es herrschte Naturalwirtschaft, und von

irgendwie bedeutendem Handel und Verkehr ist noch keine Rede. Aber

je weiter nach Westen und auch nach Süden, um so weiter war man. Vom

Westen her kamen vor allem, wie schon erwähnt, Obstkultur und Weinbau,

von Westen her schritt der Steinbau fort, von dort kamen allerlei

Fortschritte und Verfeinerungen des Lebens sowie die von der Kirche

gepflegten Elemente geistiger Bildung und künstlerischen Schaffens,

kamen die Formen der staatlichen Verwaltung.

Dieses wichtige westliche Vermittlungsgebiet, das neben der materiellen

namentlich auch seine geistlich-geistige Kultur dauernd an das Innere

Deutschland weitergab, war jetzt in dem künstlich entstandenen

Herzogtum _Lothringen_, das ja zum Teil mehr westfränkischen

Charakters war, begriffen; Cöln, Aachen, Trier, Metz gehörten dazu.

Dagegen stellte das neugegründete jetzige Herzogtum _Franken_ mit den

Hauptorten Mainz, Frankfurt, Worms, Speier sowie Würzburg im Osten

nur einen Teil des fränkischen Gebiets dar und war schon mehr von

der unmittelbaren Berührung mit dem romanischen Westen abgedrängt.

Allmählich machten sich nun aber auch stärkere Beziehungen zu dem

italienischen Süden bei den ohnehin z. T. auf altem Römerboden

sitzenden Schwaben (Alemannen) und Bayern (s. S. 17) geltend. Freilich

traten die Schwaben zunächst vor den _Bayern_, die ja schon im

ostfränkischen Reich auch eine kräftigere politische Rolle gespielt

hatten, zurück. Wichtiger als jener, die spätere Handelsgröße des

Südens langsam vorbereitende Verkehr über die Alpen waren aber in

dieser Zeit die Beziehungen der Bayern nach Südosten. Die Donau

verband sie mit der überragenden Handels- und Kulturstätte Byzanz,

und Regensburg gewann besondere Bedeutung. Das Wesentliche war

aber natürlich auch in Bayern die ländliche Haltung, und der Stand

des Ackerbaus und der Viehzucht wird schon in einer Quelle des 8.

Jahrhunderts sehr gerühmt. Die wirtschaftliche Kultur machte auch durch

zahlreiche frühzeitige Klostergründungen Fortschritte. Gerade in

Bayern bildete sich auch ziemlich früh die große Grundherrschaft aus,

während bei den Alemannen die Siedelungen vollfreier Bauern weit länger

vorherrschen. Immerhin sind es neben den noch zu nennenden Sachsen

gerade die Bayern, die ihre volkstümliche Eigenart am meisten bewahren,

trotzdem sie z. T. früh von der römischen Kultur beeinflußt sind. Aus

Sachsen und Bayern stammt, wie Vogt hervorgehoben hat, unser Besitz an

deutscher Alliterationsdichtung, bei Sachsen und Bayern-Österreichern

lebt in der mittelhochdeutschen Zeit die alte nationale Epik wieder

auf. Es ist daher auch nicht wunderbar, daß den Westdeutschen wie die

Sachsen, so auch die Bayern später als rückständig galten. Selbst

ein Bayer, Wolfram von Eschenbach, hat ironisch den »Preis« (»Lob«)

der Bayern einmal auch den »Wâleisen« zuerteilt: »die sind toerscher

(noch einfältiger) denne beiersch her.« In unserem Zeitalter lebten

auch große Teile namentlich der nördlichen Bayern in sehr einfachen

Verhältnissen. Dasselbe gilt von den _Schwaben_ im Schwarzwald und

anderswo, während im Bodenseegebiet und im Westen (Straßburg) wie

auch im Osten (Augsburg) sich alte Kulturstätten befanden. Erst viel

später sollten die Schwaben in politischer wie in kultureller Beziehung

eine Zeitlang an die Spitze der Stämme treten. Ziemlich primitiv

waren sodann die Zustände der mitteldeutschen Stämme der _Hessen_

und der _Thüringer_, von denen jene, mit diesen zum Teil gemischt

und am wenigsten von den Stürmen der Völkerwanderung berührt, einen

Teil des fränkischen Herzogtums bildeten, diese aber jetzt zu dem

sächsischen, dem größten und eigenständigsten aller, gehörten. Die

_Sachsen_ hatten immerhin trotz ihrer zähkonservativen Art, mit der

sie die früheren Zustände bis ins 9. Jahrhundert bewahrten, einige

Fortschritte gemacht. In fränkischer Zeit hatten sie auch äußerlich in

ihrer weiten Leinentracht mit dem langwallenden Haar noch der Frühzeit

nahegestanden, hatten ohne Könige unter einer alten Führeraristokratie

ziemlich zersplittert und nur durch den Kult zusammengehalten gelebt,

treu der alten Sitte und trotz der (nur äußeren) Christianisierung

treu dem alten Glauben an Wotan und Donar und Saxnot, überaus stolz

und unbändig. Römerreste, Städte und Castelle, gab es im Lande nicht.

Ihre großen Fluchtburgen waren besonders eigenartig ausgebildet. Der

Ackerbau hatte seit germanischer Zeit nicht allzugroße Fortschritte

gemacht, die Viehzucht war noch vielfach bevorzugt. Vom Meer waren

sie, seit Karl d. Gr. ganze Stämme aus ihren Küstensitzen fortgeführt

hatte, fast ganz abgedrängt. Das Herzogtum, das sich bei ihnen über

jene Aristokratie erhoben hatte, war durchaus bodenständig und

kraftvoll. Aber es war ein besonders begabter Stamm, und als die

Berührung mit der fränkischen Kultur lebhafter wurde, vor allem jedoch,

als die deutsche Königswürde an die Sachsenherzöge überging, da

erblühte in diesen sächsischen Landen eine nicht zu verachtende Kultur,

die indes weit mehr als die des Westens durchaus jenen eigenständigen

Charakter, freilich auch eine gewisse Spröde und Herbheit bewahrte. Ja,

diese sächsische Frühkultur wurde nun vielfach maßgebend für den jetzt

feindlich gesinnten germanischen Norden; vor allem aber trat sie, wie

die bayerische in der südlichen Ostmark, den Slawen überlegen entgegen

und beeinflußte sie. Weitaus am rückständigsten von den deutschen

Stämmen waren die _Friesen_, die jetzt fast die ganze Küste der Nordsee

besetzt hatten und zum Teil in ihrem alten kühnen Seefahrer- und

Strandräuberleben aufgingen – schon im 9. Jahrhundert waren sie zu gut

gebauten, hochbordigen Segelschiffen (Koggen) ohne Rudereinrichtung

gekommen –, die aber auch als Bauern ihre Unabhängigkeit und Freiheit

gegenüber der im Binnenlande immer auffälligeren Herabdrückung der

Freien durch die Grundherrschaft tapfer aufrechterhielten. Es war

ein rohes und trotziges Volk, das sich um die Kirche nicht viel und

immer weniger auch um das Reich kümmerte. Die Friesen standen noch

viel später in bösem Rufe. Der westliche Teil hatte sich freilich früh

über das rein ländliche Dasein erhoben. Diese Friesen verhandelten

die selbsthergestellten groben und die feineren englischen Tuche

weit in die Lande, trieben daneben auch früh sonstigen Handel, z.

B. Weinhandel. Vermittler mit England, aber auch mit Skandinavien,

gingen sie ihrerseits den Rhein hinauf und sonst in die aufkommenden

westdeutschen Städte, wo es zum Teil besondere Friesenviertel gab.

Es sind nun nicht nur die kulturellen Unterschiede, die die wichtige

Verschiedenheit der einzelnen Stämme ausmachen: es ist auch eine

besondere Art und Veranlagung, die aus langem Zusammenleben anfangs

nur äußerlich vereinigter Gruppen entsteht, aber auch an Himmel

und Boden gebunden und aus dem Urgrund des Volkstums entsprungen

ist (vgl. S. 1). Die Verschiedenheit der äußeren wirtschaftlichen

Verhältnisse (Viehzucht, Besitzformen), weiter der Landschaft, des

Bodens, der Stammesart, auch z. T. römische Beeinflussung bringen

dann die Mannigfaltigkeit der später zäh festgehaltenen Haustypen

hervor, die hier nicht im einzelnen besprochen werden können und deren

Ausbildung etwa in unser Zeitalter (10./11. Jahrh.) fällt. Sie sind

gewissermaßen das äußere Hauptmerkmal der gerade damals so wichtigen

Stammesunterschiede, obwohl die Benennung der Haustypen nach Stämmen

mit gutem Recht angefochten wird und die Hausformen durchaus nicht

ausschließlich an einen bestimmten Stamm gebunden sind.

Diese Stammesunterschiede, namentlich bezüglich der größeren oder

geringeren Annäherung an romanisch-fränkische Traditionen, sind nun

immer im Auge zu behalten, wenn jetzt im _allgemeinen_ dargelegt

werden soll, daß trotz der erwähnten Einflüsse das nun erblühende

_deutsche Kulturleben_ – gerade die äußere Zusammenfassung ergibt,

abgesehen von dem überhaupt Gemeinsamen, auch wieder Annäherung und

Ausgleich – eine _große Eigenart_ bewahrte. Die _Art der Menschen_

zunächst, die auch physisch noch im wesentlichen den germanischen Typus

zeigten, hatte noch immer viel Ursprüngliches, Triebhaftes. Die alte

_individualistische Unbändigkeit_ ward freilich mehr und mehr für die

Herrenschicht bezeichnend, von deren Unbotmäßigkeit und gegenseitigem

ewigen Hader die Geschichte genug Belege gibt. Und mochte es ähnlich in

kleinen Kreisen gelegentlich zugehen, so war für die niederen Schichten

doch jene Herabdrückung der kleinen Freien ebenso ein beschränkendes

Moment wie die Gebundenheit durch den genossenschaftlichen Charakter

nicht nur des wirtschaftlichen, sondern auch des sozialen Lebens.

Gewalttätige Übergriffe der Herrenschicht gegen die Niederen wurden

immer häufiger. Freilich hatte die Gewalttat unter diesen natürlich

auch ihre Stätte, und selbst den Herren gegenüber fehlte trotziger

Widerstand und Rachedurst nicht. Die Freien trugen alle noch Waffen,

auch sonst die besseren Abhängigen, und nur der ganz Niedere mußte

sich schon waffenlos ducken. Blutige Szenen waren nirgend selten,

namentlich durch die alte Trunksucht hervorgerufen. Auch die

Geistlichen verleugneten vielfach solche Züge nicht. Der rohe Barbar,

bei dem die natürlichen Leidenschaften zum offenen Ausdruck kommen, ist

noch vollkommen erkennbar, im Westen freilich weniger. Der Lothringer

urteilte über den Sachsen schon nach Art der Romanen. Wie man sich

etwa im geschlechtlichen Leben unbefangen und naturwüchsig gab, so

herrschte auch sonst kräftige Derbheit. Ein rauher, fast brutaler Zug

ging durch das Dasein. Auf Menschenleben legte man wie früher keinen

besonderen Wert, auch auf das eigene nicht. Den persönlichen Feind

schlug einer nieder, wo er ihn traf. Man griff noch immer leicht zur

Selbsthilfe, kannte auch kaum ein Billigkeitsgefühl. Die unsicheren

Zeiten des ostfränkischen Reiches hatten ferner eine starke Neigung zu

gewalttätigen Räubereien, namentlich bei den Herren, hervorgerufen.

Auch niedere Räuber fuhren zahlreich umher. Hier griff die unter den

Sachsen erstarkte Königsgewalt, von der man vor allem eine gesicherte

Rechtspflege erwartete, schärfer durch, namentlich unter Otto d. Gr.

und Heinrich II., der streng strafte. In den Strafen war man noch

grausam wie in der Urzeit, ebenso im Behandeln der Kriegsgefangenen,

die man zuweilen erst folterte und dann hinmordete. Solche Wildheit war

naturgemäß mit der alten Kampfesfreude eng verbunden, und unbändige

Tapferkeit war ein Zug, den die anderen Völker, vor allem die sich

überlegen dünkenden Italiener, den Deutschen als hervorstechendsten

zugestanden. Nach dem nunmehrigen christlichen Schutzpatron der

Kämpfer, dem heiligen Michael, dessen Namen die Mannen im alten

Schlachtgesang, ähnlich wie im germanischen Barditus, brüllten,

benannte man die Deutschen selbst. Von sonstigen barbarischen Zügen

mag die alte, häufig belegte Treulosigkeit hervorgehoben werden, die

neben sympathischen Eigenschaften, Treuherzigkeit und Gutmütigkeit,

durchaus einherging. Selbstverständlich ist, den noch immer primitiven

Verhältnissen entsprechend, die Gastlichkeit, die in weitgehendem Maße

nunmehr vor allem auch von den Klöstern geübt wurde.

Kulturgeschichte der Deutschen im Mittelalter · 第 2 / 17 段