Wohl zu unterscheiden von diesem römischen Einflußbereich is

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter

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Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so

dargestellt=.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des

Buches.

[Illustration: EX·LIBRIS]

Wissenschaft und Bildung

Einzeldarstellungen aus allen Gebieten des Wissens

Im Umfange von 150–180 Seiten

Geh. 1 M. · In Leinenband 1.25 M.

Die Sammlung bringt aus der Feder unserer berufensten Gelehrten

in anregender Darstellung und systematischer Vollständigkeit die

Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung aus allen Wissensgebieten. ::

:: :: ::

Sie will den Leser schnell und mühelos, ohne Fachkenntnisse

vorauszusetzen, in das Verständnis aktueller wissenschaftlicher

Fragen einführen, ihn in ständiger Fühlung mit den Fortschritten der

Wissenschaft halten und ihm so ermöglichen, seinen Bildungskreis

zu erweitern, vorhandene Kenntnisse zu vertiefen, sowie neue

Anregungen für die berufliche Tätigkeit zu gewinnen. Die Sammlung

»_Wissenschaft und Bildung_« will nicht nur dem Laien eine belehrende

und unterhaltende Lektüre, dem Fachmann eine bequeme Zusammenfassung,

sondern auch dem Gelehrten ein geeignetes Orientierungsmittel sein, der

gern zu einer gemeinverständlichen Darstellung greift, um sich in Kürze

über ein seiner Forschung ferner liegendes Gebiet zu unterrichten. Der

weitere Ausbau der Sammlung wird planmäßig durchgeführt. Abbildungen

werden den in sich abgeschlossenen und einzeln käuflichen Bändchen nach

Bedarf in sorgfältiger Auswahl beigegeben.

❀

Über die bisher erschienen Bändchen vergleiche den Anhang.

Wissenschaft und Bildung

Einzeldarstellungen aus allen Gebieten des Wissens

88

Kulturgeschichte

der Deutschen

im Mittelalter

Von

Prof. ~Dr.~ Georg Steinhausen

Bibliotheksdirektor in Cassel

Zweite neubearbeitete Auflage.

[Illustration]

1916

Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig

Alle Rechte vorbehalten.

Altenburg

Pierersche Hofbuchdruckerei

Stephan Geibel & Co.

Inhaltsverzeichnis.

Seite

_Einleitung_: Kultur und Volkstum 1

_Erstes Kapitel_: Zusammenstoß und erste Auseinandersetzung

urdeutschen Wesens mit der Weltkultur 3

_Zweites Kapitel_: Erste Fortschritte deutschen Lebens im

Rahmen deutscher Eigenart unter wachsender Führung

der Herrenschicht (Ländlich-kriegerische Kultur) 21

_Drittes Kapitel_: Die stärkere Durchdringung deutschen

Lebens mit der antik-kirchlichen Kultur unter zunehmender

Beeinflussung durch die Romanen: Aristokratisches

Zeitalter 58

_Viertes Kapitel_: Ausbildung einer allgemeineren Laienkultur

volkstümlichen Charakters: Bürgerlich-demokratisches

Zeitalter 113

Einleitung.

Kultur und Volkstum.

Eine nationale Kulturgeschichte muß vor anderen Gesichtspunkten

das Verhältnis von Kultur und Volkstum in den Vordergrund stellen.

Kaum einem Volke ist es beschieden gewesen, eine Kultur ganz aus

sich heraus zu entwickeln, am wenigsten aber den Völkern, die auf

jugendlich-barbarischer Entwicklungsstufe in den Bann der antiken,

d. h. der orientalisch-griechisch-römischen Weltkultur gerieten. Je

zäher und kräftiger das Volkstum, je ausgeprägter seine Eigenart ist,

um so schwieriger wird die Auseinandersetzung mit einer siegreichen

fremden, überragenden Kultur. Insbesondere ist das deutsche Volk

schwerer und später als andere Völker zu einem solchen Ausgleich und

damit zu einer einheitlichen höheren Kultur gelangt. Die Entwicklung

des Volkstums, dessen Wurzeln zu einem guten Teile in den natürlichen

Bedingungen des Bodens und des Klimas liegen, dem aber weiter durch

langdauernde wirtschaftliche und soziale Verhältnisse frühzeitlichen

Lebens ein Stempel für spätere Zeiten aufgedrückt wird, ist mit

jenem natürlichen Grundstock und den in frühester Zeit erworbenen

Zügen nicht abgeschlossen. Das Volkstum wird auch durch die äußere

Geschichte, durch die äußere politische Zusammenfassung selbst ganz

verschiedener Völkerteile, durch die Gemeinsamkeit der Geschicke

ebenso wie der kulturellen Verhältnisse in seiner Entwicklung infolge

der Neubildung gewisser Wesenszüge, der Änderung oder des Schwindens

anderer bestimmt[1]. Werden auf der einen Seite die fremden Elemente

höherer Kultur durch das Volkstum aufgenommen und verarbeitet, und

bewirkt die Verbindung beider Faktoren wie das Sichdurchsetzen des

Volkstums das Entstehen einer eigenen nationalen Kultur, so wird

wieder das Volkstum durch die angeeignete Kultur beeinflußt. Aber

der Verlauf der Auseinandersetzung wird eben mit dem größeren oder

geringeren ursprünglichen Abstand der beiden Faktoren, mit der

größeren oder geringeren Anpassungsfähigkeit des Volkes, mit der

größeren oder geringeren Neigung, seine Eigenart zu bewahren, ein

sehr verschiedener. Er kann überaus wechselvoll und mannigfaltig, im

einzelnen vielfach besonders charakteristisch werden. Und das ist bei

der Kulturentwicklung der Deutschen der Fall. Man versteht diese nicht,

wenn man nicht als bestimmende Faktoren die nationale Eigenart, das

bodenständige Volkstum mit seinen Anlagen, Trieben und alten Lebens-

und Kulturüberlieferungen einerseits und die sich auf alle Weise

durchsetzende Weltkultur, deren Eindringen auch wieder durch einen

jener zähkonservativen Art entgegengesetzten Trieb der Deutschen zu

höherer Kultur, durch einen überaus bezeichnenden Lerneifer gefördert

wird, andererseits ansieht. Wie das Verhältnis beider Faktoren den Gang

der Kulturentwicklung und seine größere oder geringere Schnelligkeit

bestimmt, wie aber aus diesem Verhältnis gerade auch die deutsche

Kultur der einzelnen Zeiten selbst als Ergebnis hervorgeht, das ist ein

Hauptgesichtspunkt der nachfolgenden Darstellung, die durchaus nicht

etwa einen Auszug aus meiner großen »Geschichte der Deutschen Kultur«

darstellt. Gerade die Geschichte der deutschen Kultur im Mittelalter

ist von jenem Gesichtspunkt aus besonders merkwürdig. Am Schluß des

Mittelalters war dann ein Ausgleich beider Faktoren bis zu einem

gewissen Grade erreicht. Aber mit dem Einbruch neuer Wellen der höheren

Kultur ergab sich ein neues Aus- und Nebeneinander, bis das bewußte

Streben nach höherer und feinerer Kultivierung den Sieg davontrug

und zu einer Kulturblüte führte, die dem lange kulturell abhängigen

Deutschland die Führung im Reigen der Völker gab. Das wird uns später

in einer Darstellung der Geschichte deutscher Kultur in der Neuzeit

beschäftigen.

Fußnote:

[1] Vgl. die näheren Ausführungen in meinem Aufsatz: Kultur und

Volkstum im »Archiv für Kulturgeschichte« Bd. VIII, Heft 2.

Erstes Kapitel.

Zusammenstoß und erste Auseinandersetzung urdeutschen Wesens mit der

Weltkultur.

Das Gebiet des heutigen Deutschen Reiches ist bekanntlich keineswegs

von jeher von germanischen Menschen bewohnt gewesen. Den Hauptteil

des Westens, den Süden und den Südosten hatten vielmehr, von den

Germanen durch die Gebirge Mitteldeutschlands geschieden, lange die

Kelten inne. Den Osten scheinen andererseits Letten und Slawen bewohnt

zu haben, aber sehr frühzeitig zurückgedrängt zu sein. Die ersten

Sitze der Germanen selbst sucht man, nicht ganz ohne Widerspruch

einzelner, in den Gebieten der westlichen Ostsee und auch der östlichen

Nordsee. Mächtige Bewegungen der Germanen, hervorgerufen u. a. durch

die Übervölkerung infolge der Beschränktheit des Kulturlandes,

sind also auf dem Boden unseres Vaterlandes bis kurz vor Beginn

unserer Zeitrechnung vor sich gegangen, und auch später zeigt sich

deutlich eine außerordentliche kriegerische Beweglichkeit der

Stämme, bis zur Völkerwanderungszeit eine zweite, noch gewaltigere

Durcheinanderrüttelung und Wanderung einsetzt. Erst nach dieser Zeit,

deren Endergebnis im Verhältnis zu den heute deutschen Gebieten auch

ein gewaltiger Verlust im Osten durch das Vordringen der Slawen war,

beginnt eine zusammenhängende Entwicklung des späteren »Deutschlands«.

Eine Kulturgeschichte der _Deutschen_ kann erst mit dem Abschluß

der Völkerwanderung oder eigentlich erst mit der Herausbildung

eines »deutschen« Volkes in Staat und Kultur einsetzen. Die einst

germanischen Gebiete im Osten können überhaupt erst seit ihrer

späteren Kolonisierung in Betracht kommen; denn an die einstige

Siedelung der Ostgermanen kann die spätere deutsche Kulturgeschichte

nirgends anknüpfen. Im Westen und Süden waren freilich die früher

keltischen Gebiete bis zum Rhein und über den Main hinaus bei dem

Zusammenstoß mit den ein weiteres Vordringen zunächst verhindernden

Römern schon mehr oder weniger lange von Germanen besetzt, die

ziemlich frühe den Niederrhein, gegen die Mitte des 1. Jahrhunderts

v. Chr. auch den Mittelrhein überschritten, später nach Böhmen und

Ungarn drangen. Vor allem ist ferner das »alte Volksland« zwischen

Weser und Elbe seit alters germanisch gewesen. Auch hier hat aber

die Völkerwanderung, die nur wenige Stämme, wie die Friesen, nicht

mitgemacht haben, störend eingegriffen. Immerhin haben wir im ganzen

in diesem Gebiet eine ununterbrochene Entwicklungslinie, und so mögen

einige kurze Bemerkungen über die germanischen Zustände vorangeschickt

werden[2]. Für unsere Betrachtung müssen freilich gerade die kulturell

fortgeschrittensten Germanen im Westen und Südwesten, die zu dem

römischen Besetzungsgebiet gehörten oder mit ihm in kultureller

Berührung standen, ausscheiden. Einerseits handelt es sich hier nur zum

Teil um germanische, viel mehr um keltische Bevölkerung, andererseits

fielen diese Gebiete in der Völkerwanderungszeit der Zerstörung anheim,

und nur ganz mittelbar wirkten die einstigen entwickelteren Zustände

des römischen Germaniens in ihren Resten später nach.

Die _Anschauungen über die Kultur der Germanen_, wie sie gang und gäbe

sind, leiden meist an _zwei Grundfehlern_. Man mißt ihr einerseits

eine _viel zu große Eigenart_ bei, und man _unterschätzt_ doch

andererseits wieder _die bereits erreichte Höhe_. Viele angeblich

eigenartige Züge der Germanen sind den meisten Völkern auf niedriger

Stufe gemein. Der Erscheinung der großen, aus unzureichendem

Kulturland erwachsenen Wanderungen, die schon Thukydides für die

Urzeit vieler Völker bezeichnend gefunden hat, entspricht der

rücksichtslose Eroberungsgeist solcher Zeiten. Die natürliche, aber

auch durch wirtschaftliche Gründe bedingte Raublust zeitigt Viehraub

wie Frauenraub. Aus dem letzteren entspringen überall die Fehden des

beleidigten Stammes oder der Sippe, und ebenso tritt überall bei

den damals leicht vorkommenden Totschlägen die Sippe des Getöteten

als Rächerin an der Sippe des Mörders auf (Blutrache). Aus dem

kriegerisch-räuberischen Zug ergibt sich auch die überall verbreitete

Sklavenhaltung. Ursprünglich verfielen diese erbeuteten Menschen dem

Tode, was aber mit sakralen Gedanken zusammentraf: das feindliche

Leben wird den Göttern geopfert. Menschenopfer sind auch für die

Germanen nicht zu leugnen. Menschenleben, fremde wie eigenes, spielen

auf dieser Stufe überhaupt keine Rolle, daher die Todesverachtung

des Kriegers, die Tötung von Greisen, das Aussetzen von Kindern, die

Grausamkeit des Vaters gegen ein zu strafendes Kind, die blutige Härte

des primitiven Strafrechts. Auch gewisse innere, seelische Zeugnisse

der ungebändigten Naturkraft sind Gemeingut der primitiven Völker,

so der Mangel an Selbstbeherrschung (im Trunk – die Trinkfreude hat

bei den Germanen freilich besondere Ausgestaltung erfahren –, im

Spiel), weiter die Unbeständigkeit, das Fallen von einem Extrem ins

andere, aus »wilder Bewegtheit« in »starre Ruhe«, in die vielberufene

»Trägheit«. Dem entspricht überhaupt eine große Wankelmütigkeit, ein

rasches Aufflammen im Zorn, eine schnelle Beruhigung. Groß ist sodann

die Übereinstimmung auf religiösem Gebiet (Ahnenkult, Seelenglaube,

die Abwehr der Seelengeister durch Zaubersegen bei Krankheit usw.,

die Verehrung von Bäumen, Hainen, Bergen, Gewässern, die aus dem

Seelenglauben sich ergebenden Totenbräuche, die Gräberbeigaben, die

Totenopfer und Totenschmäuse, das Weissagungswesen [Befragen der

beschworenen Seelen], die Gewinnung der höheren Gewalten durch Opfer,

die Verbindung von Festen [Tänzen] und Schmäusen [Gelagen] mit den

Opfern). Gewisse sittliche Züge entspringen ebenfalls allgemein

den primitiveren wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen, so

die Gastfreundschaft. Auch die germanische Achtung vor der inneren

Überlegenheit der Frauen, die immerhin als eigenartig gelten darf, ist

doch nicht ganz ohne Parallelen bei den klassischen Völkern (Frauen bei

Homer). Andererseits ist bei vielen primitiven Völkern und so auch bei

den Germanen die Frau die Hauptträgerin der Arbeit. Überall gilt auch

die selbstherrliche Macht des Hausvaters, der Frau und Kinder in einer

bei den Germanen schon etwas gemilderten Rechtlosigkeit unterstehen.

Die Vielweiberei der Naturvölker bestätigt Tacitus für die germanischen

Vornehmen. Deren Hauptmachtmittel, die keltisch-germanische

Gefolgschaft, findet sich in wenigstens vergleichbarer Form bei den

Griechen (die ἑταῖροι der Großen). Feste Formen haben die staatlichen

Verhältnisse bei allen Völkern auf dieser Stufe noch nicht angenommen.

Herrscher mit bestimmten Rechten sind die »Könige« der Germanen

nicht: die versammelte Masse der Freien ist souverän. Noch äußert

auch, wie überall, der Verband der Sippe, der auch Kriegs- und

Wirtschaftsverband ist und im Rechtsleben als ausschlaggebender Faktor

an Stelle des Einzelnen tritt, seine große Bedeutung, wenn auch bei

den Germanen bereits die Anfänge locker-staatlichen Lebens diese

Bedeutung einschränken. Auch für die wirtschaftlichen Verhältnisse, die

vielumstrittenen Agrarzustände der Germanen vor allem, ließen sich, je

nach dem Standpunkt, bei anderen Völkern genug Parallelen finden. So

vor allem bezüglich des Gemeineigentums am Boden.

Die _wirtschaftliche Kulturstufe_ der Germanen darf man im

übrigen nicht zu niedrig _einschätzen_. Heute ist man über eine

verhältnismäßige _Höhe des Ackerbaus_ bei den Germanen im ganzen

einig. Sein hohes Alter ist ebenso nachweisbar wie eine sehr frühe

Seßhaftigkeit der Germanen. Die dem entgegenstehende, nicht zu

leugnende Beweglichkeit, die man als Beweis für nomadische Zustände

angesehen hat – auch wegen des anscheinenden Übergewichts der

Viehzucht –, meint man heute, wie schon Waitz, als Begleiterscheinung

jenes kriegerischen Vorwärtsdringens auffassen zu sollen, wie man ja

auch in der Völkerwanderung wieder zu halbnomadischen Zuständen kam.

»Den jährlichen Wechsel der Feldmarken und Wohnsitze innerhalb der

Sippen eines Gaus zur Zeit Cäsars« muß man dann mit Hoops als »einen

kriegerischen Ausnahmezustand« ansehen.

Der wirtschaftlichen Kulturstufe entsprechen eine nicht mehr ganz

primitive _Lebenshaltung_ (Woll-, Leinen- und Pelzkleidung, Block-

und Fachwerkhäuser, mannigfacher Hausrat, vor allem aus Holz) und

eine neben der hauswirtschaftlichen Erzeugung etwas entwickeltere

_gewerbliche Tätigkeit_ (Böttcherei, Schnitzerei, bessere Töpferei,

Schmiedekunst, in Friesland Weberei). Eine gewisse künstlerische

Betätigung zeigt die altnationale Holzschnitzerei und Holzbemalung. Dem

Holzschnitzwerk sind auch manche Formen, wie der Kerbschnitt, in der

Metalltechnik nachgeahmt: vielleicht ist das dem antiken Stilgefühl so

entgegengesetzte Flecht- und Verschlingungswerk, das später noch für

den Völkerwanderungsstil als charakteristisch gilt, gleichen Ursprungs.

Vom _geistigen_ Leben der Germanen ist nicht allzu viel zu sagen. In

die Frühzeit darf man nicht allzu viel hineindeuten, am wenigsten

auf Grund der viel späteren Blüte des nordischen Geisteslebens mit

seiner gewaltigen Vorstellungswelt. Die Formenfülle der Sprache, deren

Klang den Römern naturgemäß höchst barbarisch und rauh erschien, ist

nichts eigenartiges. Auch die poetisch-sakrale Pflege der Sprache

in rhythmischer Form bei feierlichen Akten ist primitiven Völkern

gemeinsam (mit Tanz, d. h. feierlichem Schreiten im Kreise verbundene

sakrale Chorgesänge). Aus den Totenklagen durch einzelne Vorsänger

entwickelten sich episch-balladenartige Gesänge einzelner. Episch

eingeleitet wurden auch wohl die Zaubersprüche, die Beschwörungen,

episch gefärbt war auch die sonstige Spruch-, vor allem die

Rätseldichtung, deren uralte Übung jedenfalls auf kein niederes

geistiges Leben hindeutet. Eigenartig ist vor allem die rhythmische

_Form_ der poetischen Rede bei den Germanen gewesen, die Alliteration,

die wir mit Sicherheit für eine sehr frühe Zeit annehmen dürfen.

Trotz der betonten starken Gleichförmigkeit der Menschen und ihrer

Einrichtungen auf primitiven Stufen haben sich uns für die Germanen

überhaupt _manche eigenartigen Züge_ ergeben. Auch was über den

späteren deutschen Menschen im allgemeinen gesagt werden kann,

darf vielfach schon auf Züge aus germanischer Zeit zurückgreifen,

insbesondere muß der Individualismus, wenn auch nur eine rohe und

unausgeglichene Form desselben, bereits für die Germanen hervorgehoben

werden. Für diesen individualistischen Zug seien noch einige Belege

hinzugefügt. Cäsar (~D. b. g. IV~, 1) schon hat ihn besonders betont;

er spricht von der »Ungebundenheit des Lebens, da sie, von Kindheit an

an keine Pflicht oder Zucht gewöhnt, nichts gegen ihren Willen tun«.

Und Tacitus (Ann. XIII, 54) fügt, als er von zwei Häuptlingen spricht,

die die Friesen »regierten«, ironisch hinzu: »soweit Germanen überhaupt

regiert werden.« Ein andermal (~Hist. IV~, 76) heißt es bei ihm: »Die

Germanen lassen sich nichts befehlen noch sich regieren, sondern tun

alles miteinander rein nach ihrem Belieben.« Stärker kann der neben der

Innerlichkeit wichtigste Zug der späteren Deutschen nicht gut betont

werden.

Es kamen die Zeiten der näheren _Berührung mit den Römern_, die Zeiten

des friedlichen Eindringens der Germanen in das Heer und schließlich

den Beamtenstaat der Römer, weiter die Ansiedelung germanischer

Stammesteile in dem entvölkerten Römerreich, endlich der kriegerische

Ansturm gegen dasselbe und dessen Zertrümmerung während der sogenannten

Völkerwanderung, deren Anstoß aus dem fernen Osten kam. Für die

Entwicklung der späteren deutschen Kultur ist es nun von größter

Bedeutung, _wie weit die Innergermanen_ – nur um diese handelt es

sich für uns – _in diesen Jahrhunderten von der römischen, d. h. der

Weltkultur bereits beeinflußt wurden_.

Hierbei ist zunächst festzustellen, daß südliche Einwirkungen durch

den Handel schon lange vorher bestanden. In der Bronzezeit kamen

die Bronze und das Gold nach Norden wie der begehrte Bernstein

in das südliche Europa auf alten, häufig durch reiche Depotfunde

feststellbaren Handelswegen, die, meist Flußläufen folgend, über Land

Europa durchquerten. Viel südliches vermittelten auch die Kelten. Jetzt

soll es sich aber um unmittelbare römische Einflüsse handeln. Da sind

einmal die Jahrhunderte schärfer als bisher auseinanderzuhalten. Es

ist ferner wohl zu beachten, ob es sich um Übernahme rein äußerlicher,

durch den Handel eingeführter Dinge oder um innere, wirklich kulturelle

Beeinflussung handelt. In der Tat waren die _Einwirkungen anfänglich_

recht _gering_, die Beeinflussung des eigentlichen Germaniens rein

äußerlich. Die frühen Römerzüge in das Innere blieben ohne Nachwirkung.

Folgenreicher war die germanische Reisläuferei: mancher Söldner mochte

allerlei Römisches später in die Heimat bringen. Das wichtigste bleibt

aber der _Handel_. Der Handelsverkehr zwischen Römern und Germanen

scheint sich früh besonders auf den Menschen-(Sklaven-)handel erstreckt

zu haben; für Menschen wurde Wein eingeführt. Natürlich haben die

römischen, uns auch durch Cäsar und Tacitus bezeugten Händler, die

kühn sogar weit nach Norden drangen – selbst in Skandinavien kannte

man römisches Geld –, bald auch andere Dinge gebracht, wie die Funde

zeigen, vor allem Metallgeräte und -gefäße, Schmucksachen, Waffen,

vielleicht auch Pfeffer.

Eben die _Funde_ helfen uns besser über die Einzelheiten des römischen

Einfuhrgutes unterrichten als die Lehnwörter, auf die man sich sonst

stützt. Von den Funden zeigen zunächst die Münzen, daß stärkerer

römischer Handel vor Nero nur bis an die Ems drang und nach dem

eigentlichen Innergermanien erst gegen Ausgang des 2. Jahrhunderts

einsetzt. An eingeführten römischen oder provinzialrömischen

Gegenständen kommen in Betracht: Bronzegefäße (italische [kapuanische

Bronzeeimer und Kasserollen], später gallische, besonders vom

Niederrhein stammend), Gläser, Tongefäße (~Terra sigillata~), daneben

seltener und meist erst später Gürtelschnallen, Fibeln u. dergl.,

möglicherweise auch Trinkhornbeschläge, die aber ebenso wie die

Hängezierate unter römischem Einfluß in Germanien selbst hergestellt

sein können. Daß derlei im germanischen Norden und auch im inneren

Deutschland begehrt wurde, bestätigt wieder, was bereits über die

nicht zu unterschätzende Lebenshaltung und Kulturstufe der Germanen

gesagt wurde. Die Gefäße scheinen übrigens durchweg mit dem Weinhandel

zusammenzuhängen. Was wir sonst von Entlehnungen wissen, betrifft die

_römischen_ Besetzungs- und _Grenzgebiete_ an Rhein und Donau, von

denen sie erst viel später durch Vermittlung des fränkischen Staates

und der Kirche ins Innere drangen. Dahin gehören die römisch gearteten

Bezeichnungen der Wochentage (zum Teil nur Übersetzungen) und die

Übernahme der römischen Zeitrechnung; die Germanen zählten sonst nach

Nächten (noch im 16. Jahrhundert Briefschlußformel: Hiermit viel

guter Nächt) und hatten das Mondjahr. Dahin gehört alles, was mit der

Weinkultur, mit der feineren Obst- und Gemüsekultur, der Kochkunst,

auch schon mit dem Steinbau zusammenhängt; dahin die Reihe der Münz-

und Gewichtsbezeichnungen u. a. In jenen Gegenden wird aber infolge der

innigen Berührung auch eine starke, freilich nicht zu übertreibende

und im eigentlichen Sinne wesentlich nur für die westlichsten,

wirklichen Grenzgebiete (Moselland) geltende[3] Romanisierung des

ganzen Lebens bis zu einem gewissen Grade behauptet werden können,

und das Fundmaterial soll sogar zeigen, daß gerade die wenigen

germanischen Stämme dieser Gebiete derselben viel geringeren Widerstand

entgegensetzten als die keltischen. Wie der Saterdag (Saturntag, engl.

~saturday~) nur in niederrheinischen Landen vorkommt, so ist dieses den

Römern (Plinius) am besten bekannte Gebiet auch sonst eine Hauptstätte

römischen Einflusses, wie sich diesem ja schon früh die Ubier oder,

wie sie sich lieber nennen hörten, die Agrippinenser gern hingaben. Im

übrigen verfielen hier aber diesem Einfluß weniger Germanen als Kelten;

von ihnen kam durch Händler manches Römische auch zu den Friesen und

weiter zu den übrigen Küstengermanen, viel mehr als zu den anscheinend

allem Römischen und Keltischen mehr abgeneigten Germanen am rechten

Ufer des Niederrheins.

Wohl zu unterscheiden von diesem römischen Einflußbereich ist aber

_Innergermanien_, vor allem Nordwestdeutschland. Hier ist, wie gesagt,

in den ersten beiden Jahrhunderten n. Chr. von wirklichem _römischen

Einfluß keine Rede_, auch noch kaum von römischer Handelsware. Auch

Tacitus bestätigt für seine Zeit, daß nur die Grenzgermanen allerlei

Römisches annahmen und erhandelten, nicht die Innergermanen. Der

Überlandverkehr im Osten (Bernstein) hat dorthin allerdings namentlich

seit Neros Zeiten schon viel römisches Handelsgut gebracht; ebenso

mag der Seehandel den Küstengermanen mancherlei eher vermittelt

haben als denen im Binnenlande. Vor allem zeigt dies die fehlende

Beeinflussung der heimischen Keramik. Im Laufe der Zeit aber wuchsen

die Einflüsse infolge der Beziehungen zu den römischen Provinzen

und des wachsenden Einströmens von Germanen in römische Dienste. In

spätrömischer Zeit muß z. B. die Wein- und Obstkultur schon weiter

nach Osten gedrungen sein. Man hat in Pfahlbauten in Fulda aus dieser

Zeit Trauben- und Pfirsichkerne gefunden. Später wirkten sodann

Einflüsse von der Donau her. Die die Grenzen bedrängenden Markomannen

mochten auch durch friedliche Berührungen mannigfache Einwirkung

erfahren. Am meisten gewannen in dieser Beziehung die Goten, zumal in

der von ihnen besetzten dazischen Provinz, von der höheren Kultur,

bekanntlich auch bereits vom Christentum. Im Westen aber waren es die

neuauftretenden großen Stämme der Franken und Alemannen, die immer

heftiger die römischen Grenzlande bedrängten und sie weiter und weiter

in Besitz nahmen oder sich durch Einwanderung festsetzten. Franken

und Alemannen stellten auch das Hauptkontingent als Söldner für das

römische Heer, das zu Ende des 4. Jahrhunderts überhaupt überwiegend

germanisch war. Trotzdem nun die Alemannen als die typischen Barbaren,

als rohe, wilde Zerstörer galten, zeigen sie ebenso wie die Franken

bald erheblichere römische Einwirkungen. Beide wurden nun zu wirklichen

Bauernvölkern; die Lebenshaltung nahm mancherlei Römisches an. Die

Alemannen hatten nach Ammianus Marcellinus um die Mitte des 4.

Jahrhunderts nach römischer Art erbaute Dörfer, d. h. sie wohnten z.

T. schon in Steinhäusern oder verwendeten bei ihren Häusern wenigstens

schon stärker die Steine. Ganz anders steht es aber noch immer bei

den Stämmen des _Nordwestens_, den Friesen und den jetzt ältere

Stämme vereinigenden Sachsen. Immer bleibt es zwar bei dem erwähnten

römischen Einfuhrgut: sonst ist aber weder von höherer Landwirtschaft,

Obst- und Weinkultur, Steinbau noch von sonstigen vorgeschritteneren

Kulturerscheinungen wichtiger Art die Rede. Indessen ist auch für die

zum Teil stärker romanisierten Westgermanen, insbesondere die Franken,

festzuhalten, daß die germanische Eigenart trotz allen äußerlichen

Entlehnungen durchaus bewahrt wird. Das zeigt im Kunsthandwerk vor

allem jener sogenannte »Völkerwanderungsstil«, auf den hier nicht

näher eingegangen sei.

Das zeigt aber auch Art und Wesen der _Franken_ selbst dann noch, als

sie nach den Stürmen der Völkerwanderung ihr großes Reich gegründet

hatten. Es sollte von all den Reichsgründungen auf römischem Boden

– von dem Sonderreich der Angelsachsen abgesehen – allein dauernden

Bestand haben und für die späteren Deutschen eine grundlegende

kulturelle und staatliche Bedeutung gewinnen. Vom Standpunkt der

Weltkultur aus gesehen bedeutete die Zeit der _Völkerwanderung_,

der Zertrümmerung des römischen Reiches, zweifellos eine schwere

Erschütterung. Immerhin ist von einer _Vernichtung_ der bisherigen

Kultur _nicht_ die Rede. Die Zeitgenossen empfanden nichts von einem

Abschneiden der bisherigen Entwicklung. Das römische Reich ist in den

Augen der Völker nicht zugrunde gegangen: Kaisertum und Christentum

blieben lebendig. Die kulturellen Überlieferungen lebten vor allem in

der Kirche fort, abgesehen von Byzanz, dem eigentlichen Rückzugsort

der Kultur und des staatlichen Wesens der Antike. Für den neuen

Entwicklungsabschnitt des Abendlandes war eine eigenartige Mischung von

Römertum, dem mit ihm schon verbundenen Christentum und germanischem

Barbarentum bezeichnend. Aber als kriegerisch-politische Macht von

urwüchsiger Kraft hat gerade das Frankenreich die Verhältnisse des

gesamten Abendlandes neu gefestigt: als karolingisches Universalreich

trat es auch äußerlich an die Stelle des römischen Reiches. Für

die romanische Welt bedeutete das Frankenreich die Fortdauer der

Barbarenherrschaft, die Franken selbst aber wurden gelehrige Schüler

der Romanen, ohne doch ihre Eigenart aufzugeben. Als sich später ein

östliches, eigentlich deutsches Reich bildete, blieb wieder bei diesem

die militärisch-politische Vorherrschaft, und die Idee der Fortdauer

des römischen Reiches haftete auch an ihm: aber für Franzosen und

Italiener blieben die Deutschen die »Barbaren«, und diese suchten von

jenen immer wieder zu lernen, als den Erben der auch in ihren Trümmern

überlegenen alten Kultur.

Schon im Frankenreiche selbst bestand ein ähnliches Verhältnis. Der

kulturelle Schwerpunkt lag in seinem romanisierten Westen, aber der

politisch wirksame Teil war der schon ganz germanisch gewordene Osten

mit seiner frischeren Volkskraft. Dazu kam nun die Richtung der

kulturell-politischen Betätigung des Frankenreichs nach Osten, wodurch

auch die auf altem Germanenboden gebliebenen Stämme, zuletzt die

urwüchsigsten von allen, die Sachsen, dem Frankenreich einverleibt

wurden. Für diese Stämme bedeutete das eine (nach Osten immer

geringere) Annäherung an die höhere römisch-germanische, fränkische

Kultur, einen neuen Abschnitt der Entwicklung. Das fränkische

Reich wurde der Vermittler der von ihm aufgenommenen Elemente der

römisch-christlichen Kultur. Freilich handelt es sich um eine aus

den verschiedenen Elementen neu schaffende, eigenartige fränkische

Mischkultur. Trotz der Durchdringung römischen und germanischen Wesens

ist es aber nützlich, kurz die _römischen Elemente_, die zunächst dem

_Frankenreich_, dann durch dieses und vor allem später durch die Kirche

den Deutschen vermittelt wurden, für sich zu überblicken, wie ich das

ausführlicher in meiner »Geschichte der deutschen Kultur« (I², S. 74

ff.) getan habe.

In der äußeren Lebenshaltung handelt es sich da zunächst um

den (übrigens auch im Frankenreich noch sehr beschränkten)

Steinbau, um Hausgerät (Tafeltuch, Kissen, Sack, Flasche, Kelch,

allerlei Metallgeschirr, Metallspiegel, Schlüssel, Kette u. a.),

Beleuchtungsgerät (Kerze, Öllampe), von Trachtstücken nur um das

Hemd und die Socke und gewisses Schuhwerk, um allerlei Schmuck und

Zierat, um den Kopfputz der Frauen, den Siegelring, weiter um neue

oder veränderte Waffen (Hakenlanze, Langschwert), um Verfeinerung

der Körperpflege (Haar- und Bartpflege) und des Badewesens, um die

Bekanntschaft mit einer vorgeschritteneren ärztlichen Kunst, um neue

Musikinstrumente (Pfeife, Fiedel) und Spiele (Brettspiel). Man lernte

sodann eine feinere Kochkunst, namentlich auch die bald übertriebene

Verwendung neuer Gewürze – vom Pfeffer war schon die Rede –, eine

feinere Backkunst, gewöhnte sich z. T. auch an leichtere Kost (Gemüse,

Früchte, Fische), worauf später auch die Kirche hinwirkte, und an

größere Mäßigkeit im Essen, namentlich bezüglich des Frühmahls. Am

Wein, den man auch würzte, fand man immer mehr Geschmack; das Bier

galt seit der Christianisierung zunächst als heidnisches Getränk. Die

Weinkultur drang immer weiter vor, im 7. Jahrhundert in die Pfalz,

nicht minder die gleichfalls von den Römern übernommene Obst- und

Gemüsekultur, auch das Okulieren und Pelzen. Man lernte zu den früher

schon eingedrungenen Arten neue weitere kennen. Von den Römern übernahm

man ferner die Wiesenkultur, die Düngung des Bodens, die Wassermühle,

bessere Butter- und Käsebereitung, die Wollschur. Weiter beruhte

der Handel vielfach auf römischen Elementen. Für das fränkische

Münzwesen war Rom selbstverständlich das Vorbild: von einer wirklichen

Geldwirtschaft konnte bei den wieder ganz naturalwirtschaftlichen

Zuständen sonst keine Rede mehr sein. Zu den heimischen, übrigens

jetzt vielfach vervollkommneten Gewerbsarten kamen neue hinzu, die der

Maurer, der Glaser, der Schlosser.

Gewisse Elemente höherer Technik, etwa beim Straßenbau (~strata~),

und auch der großen Kunst retteten sich aus der Antike in die spätere

Überlieferung. Letzteres geschah wesentlich durch die Kirche. Schon

der Kirchenbau geht in seiner Grundform, der Basilika, auf die

Antike zurück, und selbst in den eigenartig entwickelten späteren

Kirchenstilen, dem romanischen vor allem, ist doch an römische

Grundelemente angeknüpft. Aber eben nur die von der Kirche übernommenen

Kunstelemente konnten noch wirken, nicht mehr die eigentliche Antike.

Ganz treffend weist Dehio darauf hin, wie verständnislos die Barbaren

die römischen Baudenkmäler in den Rheinlanden anblickten. Aber immerhin

wirkte die antike Kunst auch in der kirchlichen Vermittlung doch eben

noch als lebendige, wenn auch beschnittene und verkümmerte Antike, so

zuletzt in der karolingischen Renaissance.

In sozialer Beziehung blieben bei der nunmehr sich bildenden

Grundherrschaft – die eindringenden Germanen setzten sich von Anfang an

als große und kleine Grundherren fest – die Abhängigkeitsverhältnisse

der Zinsleute nicht ohne römische Beeinflussung (durch die

Domänenwirtschaft und die Übertragungsformen der Precarei [von der

Kirche ausgebildet] sowie die eigentliche Kommentation, durch die

sich einer in den Schutz eines Mächtigen begab) (s. S. 38 f.). An die

römische Immunität knüpfte sich später eine bedeutsame Entwicklung

(s. S. 42). Das Staatswesen, die Verfassung und die Auffassung der

öffentlichen Ämter blieben im Grunde germanisch, aber, soweit es die

sich immerhin entwickelnden Verhältnisse erforderten, waren römische

Einrichtungen doch nicht ganz ohne Einwirkung. Dem entwickelten

Finanz- und Steuerwesen waren die Franken, wie ja in Westeuropa

nun allgemein ein naturalwirtschaftlicher Rückschlag hereinbrach,

nicht gewachsen, aber das später so wichtige Zollwesen behielten

sie dauernd. Infolge der Verwendung im öffentlichen Leben vor allem

übernahmen sie die römischen Monatsnamen. Die Verwaltung der späteren

Zeit zeigt in manchen Dingen Spuren römischen Einflusses, vor allem

die Kanzlei. Gewisse Einzelheiten des Beamtenstaats ferner, die man

aber auch noch umgestaltete, wurden übernommen (Grafenamt) oder mit

germanischen Dienstverrichtungen verknüpft. Das seit der Wanderungszeit

viel fester ausgebildete Königtum wurde nun römisch gefärbt, wenn

auch sein Grundcharakter, ebenso wie der der fränkischen Verfassung

überhaupt, germanisch bleibt. Es wirkte aber die absolutistische

Auffassung der Romanen; die Ausübung der Regierungsgewalt ähnelte mehr

und mehr dem Wesen des Imperiums, dem man auch gewisse Titel entnahm.

Die Salbung und die Insignien wie Zepter und Krone kamen später auch

hinzu. Schließlich ist dann der Begriff des universalen Kaisertums

selbst wieder aufgetaucht, wohl durch den Einfluß der Kirche, und als

eine sehr hochgehaltene Erbschaft von den Germanen dauernd bewahrt

worden. Das römische Recht war zu entwickelt und fremdartig, als daß

es auf die Germanen übergehen konnte. Das geschah erst im ausgehenden

Mittelalter. Die Kirche lebte aber natürlich nach römischem Recht,

und in Italien war es überhaupt nicht nur einigermaßen lebendig

geblieben, sondern auch weiter entwickelt. Aus dem Strafrecht gingen

übrigens das Gefängniswesen (Kerker, Kette) und die Folter früh auf die

Franken über. Die entwickelteren Verhältnisse erforderten ferner die

Aufzeichnung des heimischen Rechts, d. h. der einzelnen Stammesrechte.

Sie erfolgte unzweifelhaft nach römischem Beispiel – wie denn auch die

Zeitfolge der Aufzeichnungen der stufenmäßigen Annäherung der Stämme an

die höhere Kultur entsprach, von der noch unter Chlodwig (Ende des 5.

Jahrhunderts) niedergeschriebenen ~Lex Salica~ bis zu der erst unter

Karl d. Großen erfolgten Aufzeichnung des friesischen und sächsischen

Rechts. Sie erfolgte auch durch lateinisch gebildete Leute und in

lateinischer Sprache.

Das war insofern kaum anders möglich, als schreiben noch lange

nur lateinisch schreiben bedeutete. Dieses Schriftwesen mit

dem damals so wichtigen Urkundenwesen war eine der wichtigsten

Kulturerrungenschaften, die die Franken und die späteren Deutschen

dem Römertum verdankten, aber es blieb lange ein fremder, bald mit

Respekt, bald mit Scheu betrachteter Bestandteil im deutschen Leben,

wie die gesamte höhere Bildung und die völlig römisch-romanische

Wissenschaft überhaupt. Schrift-, Schul- und Bildungswesen wie die

Gelehrsamkeit waren unter gründlicher Minderung des in Gallien

erreichten Hochstandes auf den eigentlichen Träger der Romanisierung,

auf den Klerus, als Monopole übergegangen und wurden in elementaren

Formen weiter überliefert. Der Geistliche pflegte allein die Sprache,

die das Mund- und Ausdrucksstück für alle diese höheren Dinge war und

die Grundlage aller Bildung und Kultur darstellte, das Latein, das sich

freilich immer mehr den neuen Ansprüchen anpaßte und von Klassizität

weit entfernte. Da das entwickeltere Leben die Beurkundung so vieler

Vorgänge erforderte, wurde der Geistliche als Handhaber der Schrift

auch der Beherrscher der weltlichen, der staatlichen Verwaltung,

der Kanzlei. Aber das unerhörte Joch dieser fremden Sprache war vor

allem deshalb dauernd aufgerichtet, weil sie die Sprache derjenigen

Macht war, die als ein fremdes, orientalisches Element schon der

Antike siegreich eingefügt war, die nun als durchaus romanisch von

vornherein zu dem germanisch gebliebenen Staat wie erst recht zu

dem eigentlichen Volksleben im Gegensatz stand, gleichwohl, wenn

auch ihrerseits beeinflußt und »barbarisiert«, auf beide einen immer

stärker beherrschenden Einfluß ausübte, der christlichen _Kirche_.

Sie war das Gefäß des _neuen Glaubens_, der freilich schon wie der

Steinbau vor der Gründung des Frankenreichs von den Römerstädten

am Rhein und in Noricum aus sich ein wenig verbreitet hatte, zum

Teil in der Form des Arianismus, wie manche griechische Lehnwörter

(Kirche, Engel, Pfingsten, Samstag u. a.) zeigen sollen[4], der nun

aber allgemein, wenn auch zunächst nur äußerlich, auf die Franken

und Deutschen überging. Seine Verbreiter, die Geistlichen, schon

durch ihre römische Tracht vom Volk geschieden, waren überhaupt die

Vertreter des fremden Kulturgeistes, der später auch über das zunächst

_bei seiner Art bleibende deutsche Volk_ kommen sollte, Erzieher zu

höherer Religion und Sittlichkeit, zu geistiger Kultur, ebenso aber

Träger antiker künstlerischer Überlieferungen sowie vor allem jener

segensreichen wirtschaftlichen Fortschritte und Bereicherungen. Aber

diese Geistlichen, anfangs aus Romanen ergänzt, waren schließlich auch

Deutsche, und so färbte denn wieder deutsche Volksart auch sie, und man

kam miteinander aus.

Bei der Übermittelung der Elemente der höheren Kultur, also bei der

Romanisierung, war die Kirche überhaupt sehr bald die eigentlich

treibende Kraft geworden, nicht um der Kulturmission selbst, vielmehr

um der Ausbreitung des Christentums willen, bei der jene Mitteilung

der absichtslos bewahrten Kulturgüter sich ganz von selbst ergab. Das

erste ist also immer die _Christianisierung_, und so haben denn auch

die späteren »deutschen« Stämme aus dem Frankenreich von all dem

genannten römischen Gut zuerst nur gerade das am wenigsten antike,

aber um so mächtigere Element des Christentums übernommen, trotzdem

ihrem jugendlich-frischen Geist der starr-fanatische orientalische

Gottesglaube, das formalistische, metaphysische Gedankengewand, das

ihm der überkultivierte hellenistische Geist in seinem Absterben,

die Kulturmüdigkeit des späteren Altertums, gegeben hatte, das

hierarchische Organisations- und Machtsystem, das Rom hinzugefügt

hatte, geradezu entgegengesetzt waren. Aber wie der Frankenkönig

Chlodwig das Christentum wesentlich nur aus äußeren Gründen annahm, so

konnte auch die später vom Frankenreich ausgehende Christianisierung

der innerdeutschen Stämme nur _äußerlich_ sein. Der langsame äußere

Fortgang der Christianisierung bleibe hier beiseite. Unter Karl d. Gr.

erreichte sie endlich auch die Sachsen. Auf die Art des Christentums

kommen wir im nächsten Kapitel (S. 28 ff.) noch zurück.

Die Christianisierung ist also in ziemlich früher Zeit für das spätere

Deutschland äußerlich vollendet, von _sonstiger Romanisierung_

kann man aber noch auf lange hinaus _nicht_ sprechen. Mit Ausnahme

gewisser Äußerlichkeiten waren die Stämme eben doch für die höheren

Kulturelemente einfach noch unempfänglich. Die Romanisierung machte

schon im _Osten_ des eigentlichen _Frankenreichs_, der selbst ziemlich

weit links des Rheines überwiegend germanisch geworden war, nur

langsame Fortschritte. Der Hauptteil der Franken blieb überhaupt nicht

nur städte-, sondern auch bildungsfeindlich. Es waren Bauern geworden

auf eigenen Höfen mit eigenen Äckern, Bauern, die nun auch schon Wein,

Obst und Gemüse bauten, aber noch ihre Waffen nicht abgelegt hatten;

sie lebten in der Markgenossenschaft als Nachbarn in gemeinsamer,

alle bindender Ausübung der Wirtschaft mit gemeinsamen Rechten an der

Allmende. Der Sippenverband hatte mit den Zeitverhältnissen freilich

schon an Bedeutung verloren, aber fest stand das alte Gefüge der

eigentlichen Familie. Schon hatte aber größere soziale Ungleichheit

durch vermehrten Besitz, Verleihung von Königsland usw. Platz

gegriffen. Schon suchte der neue Adel kleine Leute zu Zinsbauern

herabzudrücken, oft mit Gewalt. Andererseits trieben wirtschaftliche

Nöte oder Kriegslasten manchen in den Schutz eines Mächtigen oder der

Kirche. Eine Sonderung der Stände ist indes noch nicht eingetreten.

Von der souveränen Macht der Gesamtheit der Freien ist freilich nicht

mehr die Rede: außerordentlich ist die Königsmacht, die auch die

Mitwirkung des Volkes im Rechtsleben in gewisser Weise schmälerte[5],

gewachsen – sogar über die Befugnisse der alten Volksgemeinde hinaus –,

aber auch schon die Macht der Großen. In deren Lebenshaltung ging auch

mehr Römisches über als in die der übrigen Franken, die auch in der

Tracht trotz einiger Zutaten (dem leinenen Hemd), der Ausbildung des

Gürtels und mancher Vervollkommnung germanisch blieben, freilich nicht

mehr, wie jetzt nur noch der König, das Haar herabwallen ließen und

nur einen Lippenbart trugen. Der Luxus im Gürtelschmuck, in Spangen,

Ringen, Halsschmuck, beim Hausrat und bei den Waffen, die Verwendung

von Perlen, Edelsteinen, Silber und Gold bleibt auf die Vornehmeren

beschränkt. Dergleichen Zierat verstanden aber die Franken bereits

selbständig herzustellen; und in der Verzierungsweise bewahrten sie

durchaus germanische Eigenart (Flecht- und Verschlingungswerk). Echt

volkstümlich war die alte Gelagefreude, war der alte Brauch der

Chorgesänge, die Bewahrung der Zauberlieder, war die Freude an epischen

Vorträgen. Gerade aus den sturmreichen Zeiten der Völkerwanderung

heraus war erst bei den Goten und dann bei den übrigen Stämmen der

Heldensang erblüht, getragen von einer Art Sängerstand.

Alles dies gilt wesentlich von den östlichen Franken: die westlichen,

die unter einer viel stärkeren romanischen Bevölkerung saßen, haben

sehr rasch viel mehr von romanischer Art angenommen, ähnlich den

Goten usw. Wenn nun aber von dieser Art schon durch die Zugehörigkeit

zum Frankenreiche allmählich vieles auch auf die östlichen Franken

überging, so folgten dieser Entwicklung die übrigen _östlichen und

nördlichen Stämme_ doch viel, viel langsamer. Anders liegt die Sache

naturgemäß nur im Süden, im einstigen Noricum und Raetien, also

auch in Teilen, die jetzt die Bayern besetzt hatten. Hier war von

der romanisch-keltischen Bevölkerung, trotzdem Odoaker große Teile

nach Italien hatte bringen lassen, doch viel sitzen geblieben, so in

den »Walchenorten« (mit Walch-, Wal- zusammengesetzte Ortsnamen),

so in dem wesentlich von Romanen bewohnten Regensburg, das ganz als

römische Stadt weiter bestand. Vieles von der römischen Kultur blieb so

ungestört erhalten. In den eigentlichen Alpenländern, in Oberbayern,

dem heutigen Tirol und der rätischen Schweiz, steigt der romanische

Anteil und damit die romanische Beeinflussung der Lebenshaltung, die

sich in manchen Resten (wie in der Sprache) noch heute zeigt. Die

Almwirtschaft ist wesentlich romanisch; ebenso trieb man den Weinbau

in den Talgegenden in römischer Weise weiter und verbreitete ihn auch

nach Norden. Romanische Einflüsse zeigt weiter nördlich überhaupt die

Landwirtschaft, aber auch Handwerk und Kunstgewerbe, wie die weiter

blühende Waffenindustrie in Regensburg. Römische Münzen liefen noch

lange um. Auch in den nunmehrigen Sitzen der Alemannen (Schweizer

Vorlande, Schwaben, Baden, Elsaß) wirkte zum Teil die Kultur der einst

keltischen, dann romanisierten Bevölkerung einigermaßen nach (vgl.

schon oben S. 10). Diese Alemannen, ein einheitlicher Stamm, wie ihr

Recht und wie die nur ihnen eigene Kultur des Dinkels zeigen, kamen

den Franken am nächsten, aber waren durchaus die Empfangenden ebenso

wie die Bayern. Wieder etwas mehr zurück standen die Thüringer, die

im übrigen von den Franken besonders beeinflußt wurden, noch mehr

zurück die erst spät dem fränkischen Reich angegliederten Friesen,

die trotz ihres frühen Seeverkehrs, ihrer Wollweberei und ihres

Tuchhandels, trotz ihrer ständigen Berührung mit den Franken und

ihrer frühen Bekanntschaft mit den Erzeugnissen höherer Kultur zäh

am Alten hingen, und die Sachsen, die das Gegenbild zur fränkischen

Kultur darboten. Auch bei den vorgeschrittensten Stämmen ist aber

von einer Romanisierung nicht die Rede. Folgenreich war nur, daß sie

alle, die Sachsen unter Trennung von den mit ihnen enger verbundenen,

noch länger ihre volle Eigenart bewahrenden Nordgermanen[6], zu einem

politischen Ganzen, zunächst gewaltsam, vereinigt und an das jetzige

Ausgangsgebiet höherer Kultur angegliedert wurden. Damit waren die

Möglichkeiten, die die starken Stammesgegensätze, die wenig beschränkte

politische Selbständigkeit z. B. der Bayern, Alemannen usw. und die

große kulturelle Verschiedenheit in sich bargen, beseitigt und auch

die Grundlage zu einer späteren, zunächst nur christlichen, noch nicht

nationalen Kulturgemeinschaft gegeben. Andererseits war ja auch der

politische Charakter des Frankenreichs überwiegend germanisch geworden,

nur die Kirche stellte das Romanentum dar. Das Werk Karls d. Gr. war

dann noch jene Angliederung der Sachsen. Die nunmehr im Frankenreich

vereinigten großen Teile germanischer Herkunft konnten freilich auf die

Dauer mit den romanischen Teilen im Westen nicht vereinigt bleiben.

Aus dem fränkischen Reich und der karolingischen Universalmonarchie,

die bald zerfiel, blieb aber die dauernd wirksame Grundanschauung

bestehen, daß die später im ostfränkischen, dann im deutschen Reich

vereinigten »Barbaren« bezüglich der höheren Kulturelemente auf den

romanischen Westen bzw. Süden angewiesen waren.

Kulturgeschichte der Deutschen im Mittelalter · 第 1 / 17 段