Während der Pfarrer seine Predigt tapfer zu Ende führte, hatte die
daheimgebliebene Rahel der alten Babeli und dem zur Aushilfe von
dieser herbeigeholten Nachbarskinde ihre Befehle gegeben und trat
jetzt, ein Körbchen und ein kleines Winzermesser in der Hand, vor die
hintere Haustüre, um einige ihrer reifen sonnegebräunten Goldtrauben
von der Laube zu schneiden.
Da sah sie, sich gerade gegenüber, wo der Fußsteig um die von der
Landstraße abliegende Seite des Gartens lief, ein seltsames Schauspiel.
Ein unheimlicher Mensch stützte die Hände auf den Zaun, schwang sich
mit fliegenden Rockschößen in einem wilden Satze über die Hecke und
kam ihr stracks entgegen. Kaum traute sie ihren Augen. Konnte er es
sein? Unmöglich! Und doch, er war es.
Pfannenstiel hatte das Frühstück, welches ihm der dienstbeflissene
Mohr im Speisesaale auf der Au versetzte, kaum berührt. Es trieb ihn
fort über die jetzt gesenkte Zugbrücke, bergan, der Pfarre von
Mythikon zu. Er wußte, daß er die Straßen und Steige, wenn auch nur
für kurze Zeit, noch leer fand. Das orientalische Schemen war im
Morgenwinde verflattert; aber, wie himmlisch leuchtend und frisch der
Herbsttag aus seinen Nebelhüllen hervortrat, einer der gestern
empfangenen Eindrücke war wie ein Stachel in der aufgeregten Seele des
Kandidaten haften geblieben.
Ihm fehle die Männlichkeit, hatte der General ihm vorgehalten, die
einen unfehlbaren Sieg über das Weibliche davontrage. Das gab dem
Kandidaten zu schaffen, und da sich ihm eine nächste Gelegenheit bot,
etwas nach seiner Ansicht Kühnes zu unternehmen, und gerade das, wozu
der General ihn aufgefordert hatte, so entschloß sich der Verwilderte,
Rahel, wenn auch ohne Feuerwaffe, mit einem Morgenbesuche zu
überraschen.
Der Sprung über die Hecke war dann freilich keine Heldentat gewesen,
sondern eine Flucht vor den ersten heimkehrenden Kirchgängern, die er
zwischen den Bäumen der Landstraße zu sehen glaubte.
Wie er sich mit unternehmender Miene und in entschiedener Haltung der
Wertmüllerin näherte, erschrak diese ernstlich über sein Aussehen,
seine fiebernden Augen, die Blässe und Abspannung, wie sie eine
schlaflose Nacht auf dem Antlitze zurückläßt. Auch der herabhängende,
halb abgedrehte Knopf und die Leere, die der andere weggerissene
gelassen, entgingen ihr natürlich keinen Augenblick und vollendeten
den beängstigenden Eindruck.
"Um Himmels willen, was ist Euch, Herr Vikar?" sagte das Mädchen.
"Seid Ihr krank? Ihr habt etwas Verstörtes, Fremdes an Euch, das mich
erschreckt. O der heillose Pate--was hat er mit Euch vorgenommen? Er
gelobte mir doch, Euch nichts anzutun, und nun hat er Euch gänzlich
zerrüttet! Erzählt mir haarklein, was Euch auf der Au zugestoßen--
vielleicht weiß ich Rat."
Als ihr der Kandidat in die verständigen und doch so warmen Augen
blickte, ward er sich urplötzlich dessen bewußt, was ihn eigentlich
hergetrieben. Der Kobold des Abenteuers, der sich beim ersten
Schritte, den er auf der Au getan, ihm auf den Nacken gesetzt hatte,
sprang von seinem Rücken und ließ ihn fahren.
Bis ins kleinste beichtete er den klaren braunen Augen seine
Erlebnisse auf der Insel, nur die Vision der Türkin weglassend, die ja
eine Ausgeburt seines erhitzten Gehirns gewesen war. Er gestand ihr,
ihn habe der Vorwurf des Generals, ihm fehle das Männliche, verblüfft
und beunruhigt, auch jetzt könne er noch nicht darüber hinwegkommen.
Und er bat sie, ihm aufrichtig zu sagen, ob hier ein Mangel sei und
wie dem abzuhelfen wäre.
Rahel betrachtete ihn ein Weilchen fast gerührt, dann brach sie in ein
helles Gelächter aus.
"Der Pate trieb mit Euch sein Spiel", sagte sie, "aber daß er Euch das
griechische Abenteuer widerriet, war recht. Ihr wolltet aus Eurer
eigenen Natur heraus, und er hat Euch heimgespottet... Warum auch?
Wie Ihr seid, und gerade wie Ihr seid, gefallt Ihr mir am besten.
Papas ungeistliche Waidlust hat mir genug schwere Stunden gemacht!
Für mich lob ich mir den Mann, der unsern Dorfleuten mit einem
erbaulichen, durchsichtigen Wandel vorleuchtet, unsern Zehntwein
schluckweise trinkt, seine Frau liebhat und zuweilen von einem
bescheidenen und gelehrten Freunde besucht wird!... Diese Kavaliere!
Ich habe übergenug von ihren Tafeldiskursen, wenn sie den Vater mit
Roß und Wagen überfallen!--Der Pate hat Euch gestern in so manches
eingeweiht, hat er Euch nicht auch den Streich erzählt, den er mit
achtzehn Jahren seinem jungen Weibe spielte? Sie gelüstete nach
Spanischbrötchen, wie man solche in Baden bäckt. 'Ich hole sie dir
warm!' sagte er galant, sattelte und verritt. In Baden legte er die
Brötchen in eine Schachtel und eine Zeile dazu, er verreise ins
schwedische Lager. Diesen Abschied sandte er durch einen Boten, ihn
selbst aber sah sie viele Jahre nicht wieder. Das hättet Ihr nicht
getan!" Und sie reichte dem stillen Vikar die Hand.
"Aber jetzt muß ich Euch sogleich die Knöpfe befestigen", setzte sie
rasch hinzu, "es tut mir in den Augen und in der Seele weh, Euch in
diesem Zustande zu sehen! Setzt Euch!"--dabei zeigte sie auf ein
Bänklein unter der Laube--"ich hole Zwirn und Nadel."
Pfannenstiel gehorchte, und sie entsprang mit dem traubengefüllten
Körbchen.
Nun kam es über ihn wie Paradiesesglück. Licht und Grün, die niedrige
Laube, das bescheidene Pfarrhaus, die Erlösung von den Dämonen des
Zweifels und der Unruhe!
Sie freilich, die ihn davon befreit hatte, war selbst von Unruhe
ergriffen. Welchen Streich hatte der General geplant oder schon
ausgeführt? Sie machte sich Vorwürfe, ihm freie Hand dazu gegeben zu
haben.
In der Küche erfuhr sie, der Herr Pfarrer habe sich mit dem General
eingeschlossen und bald darauf seien die Kirchenältesten langsam und
feierlich die Treppe hinaufgeschritten. Etwas Unerhörtes müsse in der
Kirche vorgefallen sein.
Der Fischkuri, der ihr aus seinem Troge Forellen brachte, wurde von
ihr befragt; aber er war nicht zum Reden zu bringen und schnitt ein
dummes Gesicht.
Bestürzt eilte das Mädchen in ihre Kammer und mußte lange suchen, ehe
sie Nadel und Zwirn fand.