Zehntes Kapitel

Während der Pfarrer seine Predigt tapfer zu Ende führte, hatte die

daheimgebliebene Rahel der alten Babeli und dem zur Aushilfe von

dieser herbeigeholten Nachbarskinde ihre Befehle gegeben und trat

jetzt, ein Körbchen und ein kleines Winzermesser in der Hand, vor die

hintere Haustüre, um einige ihrer reifen sonnegebräunten Goldtrauben

von der Laube zu schneiden.

Da sah sie, sich gerade gegenüber, wo der Fußsteig um die von der

Landstraße abliegende Seite des Gartens lief, ein seltsames Schauspiel.

Ein unheimlicher Mensch stützte die Hände auf den Zaun, schwang sich

mit fliegenden Rockschößen in einem wilden Satze über die Hecke und

kam ihr stracks entgegen. Kaum traute sie ihren Augen. Konnte er es

sein? Unmöglich! Und doch, er war es.

Pfannenstiel hatte das Frühstück, welches ihm der dienstbeflissene

Mohr im Speisesaale auf der Au versetzte, kaum berührt. Es trieb ihn

fort über die jetzt gesenkte Zugbrücke, bergan, der Pfarre von

Mythikon zu. Er wußte, daß er die Straßen und Steige, wenn auch nur

für kurze Zeit, noch leer fand. Das orientalische Schemen war im

Morgenwinde verflattert; aber, wie himmlisch leuchtend und frisch der

Herbsttag aus seinen Nebelhüllen hervortrat, einer der gestern

empfangenen Eindrücke war wie ein Stachel in der aufgeregten Seele des

Kandidaten haften geblieben.

Ihm fehle die Männlichkeit, hatte der General ihm vorgehalten, die

einen unfehlbaren Sieg über das Weibliche davontrage. Das gab dem

Kandidaten zu schaffen, und da sich ihm eine nächste Gelegenheit bot,

etwas nach seiner Ansicht Kühnes zu unternehmen, und gerade das, wozu

der General ihn aufgefordert hatte, so entschloß sich der Verwilderte,

Rahel, wenn auch ohne Feuerwaffe, mit einem Morgenbesuche zu

überraschen.

Der Sprung über die Hecke war dann freilich keine Heldentat gewesen,

sondern eine Flucht vor den ersten heimkehrenden Kirchgängern, die er

zwischen den Bäumen der Landstraße zu sehen glaubte.

Wie er sich mit unternehmender Miene und in entschiedener Haltung der

Wertmüllerin näherte, erschrak diese ernstlich über sein Aussehen,

seine fiebernden Augen, die Blässe und Abspannung, wie sie eine

schlaflose Nacht auf dem Antlitze zurückläßt. Auch der herabhängende,

halb abgedrehte Knopf und die Leere, die der andere weggerissene

gelassen, entgingen ihr natürlich keinen Augenblick und vollendeten

den beängstigenden Eindruck.

"Um Himmels willen, was ist Euch, Herr Vikar?" sagte das Mädchen.

"Seid Ihr krank? Ihr habt etwas Verstörtes, Fremdes an Euch, das mich

erschreckt. O der heillose Pate--was hat er mit Euch vorgenommen? Er

gelobte mir doch, Euch nichts anzutun, und nun hat er Euch gänzlich

zerrüttet! Erzählt mir haarklein, was Euch auf der Au zugestoßen--

vielleicht weiß ich Rat."

Als ihr der Kandidat in die verständigen und doch so warmen Augen

blickte, ward er sich urplötzlich dessen bewußt, was ihn eigentlich

hergetrieben. Der Kobold des Abenteuers, der sich beim ersten

Schritte, den er auf der Au getan, ihm auf den Nacken gesetzt hatte,

sprang von seinem Rücken und ließ ihn fahren.

Bis ins kleinste beichtete er den klaren braunen Augen seine

Erlebnisse auf der Insel, nur die Vision der Türkin weglassend, die ja

eine Ausgeburt seines erhitzten Gehirns gewesen war. Er gestand ihr,

ihn habe der Vorwurf des Generals, ihm fehle das Männliche, verblüfft

und beunruhigt, auch jetzt könne er noch nicht darüber hinwegkommen.

Und er bat sie, ihm aufrichtig zu sagen, ob hier ein Mangel sei und

wie dem abzuhelfen wäre.

Rahel betrachtete ihn ein Weilchen fast gerührt, dann brach sie in ein

helles Gelächter aus.

"Der Pate trieb mit Euch sein Spiel", sagte sie, "aber daß er Euch das

griechische Abenteuer widerriet, war recht. Ihr wolltet aus Eurer

eigenen Natur heraus, und er hat Euch heimgespottet... Warum auch?

Wie Ihr seid, und gerade wie Ihr seid, gefallt Ihr mir am besten.

Papas ungeistliche Waidlust hat mir genug schwere Stunden gemacht!

Für mich lob ich mir den Mann, der unsern Dorfleuten mit einem

erbaulichen, durchsichtigen Wandel vorleuchtet, unsern Zehntwein

schluckweise trinkt, seine Frau liebhat und zuweilen von einem

bescheidenen und gelehrten Freunde besucht wird!... Diese Kavaliere!

Ich habe übergenug von ihren Tafeldiskursen, wenn sie den Vater mit

Roß und Wagen überfallen!--Der Pate hat Euch gestern in so manches

eingeweiht, hat er Euch nicht auch den Streich erzählt, den er mit

achtzehn Jahren seinem jungen Weibe spielte? Sie gelüstete nach

Spanischbrötchen, wie man solche in Baden bäckt. 'Ich hole sie dir

warm!' sagte er galant, sattelte und verritt. In Baden legte er die

Brötchen in eine Schachtel und eine Zeile dazu, er verreise ins

schwedische Lager. Diesen Abschied sandte er durch einen Boten, ihn

selbst aber sah sie viele Jahre nicht wieder. Das hättet Ihr nicht

getan!" Und sie reichte dem stillen Vikar die Hand.

"Aber jetzt muß ich Euch sogleich die Knöpfe befestigen", setzte sie

rasch hinzu, "es tut mir in den Augen und in der Seele weh, Euch in

diesem Zustande zu sehen! Setzt Euch!"--dabei zeigte sie auf ein

Bänklein unter der Laube--"ich hole Zwirn und Nadel."

Pfannenstiel gehorchte, und sie entsprang mit dem traubengefüllten

Körbchen.

Nun kam es über ihn wie Paradiesesglück. Licht und Grün, die niedrige

Laube, das bescheidene Pfarrhaus, die Erlösung von den Dämonen des

Zweifels und der Unruhe!

Sie freilich, die ihn davon befreit hatte, war selbst von Unruhe

ergriffen. Welchen Streich hatte der General geplant oder schon

ausgeführt? Sie machte sich Vorwürfe, ihm freie Hand dazu gegeben zu

haben.

In der Küche erfuhr sie, der Herr Pfarrer habe sich mit dem General

eingeschlossen und bald darauf seien die Kirchenältesten langsam und

feierlich die Treppe hinaufgeschritten. Etwas Unerhörtes müsse in der

Kirche vorgefallen sein.

Der Fischkuri, der ihr aus seinem Troge Forellen brachte, wurde von

ihr befragt; aber er war nicht zum Reden zu bringen und schnitt ein

dummes Gesicht.

Bestürzt eilte das Mädchen in ihre Kammer und mußte lange suchen, ehe

sie Nadel und Zwirn fand.

Der Schuß von der Kanzel · 第 15 / 16 题