Neuntes Kapitel

Als die zwei Wertmüller den heiligen Raum betraten, war er schon bis

auf den letzten Platz gefüllt. Im Schiffe saßen rechts die Männer,

links die Weiber, im Chore, das Antlitz der Gemeinde zugewendet, die

Kirchenältesten, unter ihnen der Krachhalder.

Zwei breite, oben durch ein großes Halbrund verbundene Mauerpfeiler

schieden Chor und Kirche. An dem rechts gelegenen schwebte die Kanzel

und am Fuße der steilen Kanzeltreppe befand sich der einzig leer

gebliebene Sitz, der mit Schnitzwerk verzierte Stuhl von Eichenholz,

welchen der Pfarrer während des Gesanges einzunehmen pflegte. Diesen

wies er jetzt dem General an und bestieg ohne Verzug die Kanzel. Der

Verspätete hatte Eile, der Gemeinde die Nummer des heutigen

Kirchenliedes zu bezeichnen.

Es war das beliebteste des neuen Gesangbuchs, ein Danklied für die

gelungene Lese, erst in neuerer Zeit verfaßt und aus Deutschland

gekommen, mit dreisten und geschmacklosen Schnörkeln im damaligen

Rokokostile, aber nicht ohne Klang und Farbe.

Jede Strophe begann mit der Aufforderung, den Geber alles Guten

vermittelst eines immer wieder andern Instrumentes zu loben. Dem

Autor mochte ein Kirchenbild vorgeschwebt haben. Aber nicht jene

zarten musizierenden Engel Giambellinis, welche an das Dichterwort

erinnern:

Da geigen die Geiger so himmlisch klar,

Da blasen die Bläser so wunderbar...

Nein! sondern die auf einer robusten Wolke lagernde und mit allen

möglichen Instrumenten ausgerüstete pausbäckige himmlische Hofkapelle

irgendeines Bravourbildes aus der Rubensschen Schule.

"Frohlocket, frohlocket!..." erscholl es heiter und volltönig in dem

schönen, reinlichen Raume, durch dessen acht Spitzbogenfenster das

leuchtende Blau des himmlischen Tages hereinquoll.

Der General, dessen Eintritt ein wohlgefälliges Gemurmel erregt hatte,

wendete sein gesammeltes Antlitz der Gemeinde zu, konnte aber mit

einer ungezwungenen Wendung des Kopfes leicht den hohen Sitz

beobachten, wo sein Vetter horstete. Eben jetzt warf er einen Blick

hinauf. Der Seelsorger von Mythikon, der das Jubellied schon oft

gehört hatte und seiner ebenfalls schon oft gehaltenen Predigt sicher

war, betastete leise seine Tasche.

"Posaunet, posaunet!..." dröhnte es durch das Schiff. Wertmüller

schielte die Kanzeltreppe hinauf. Der Vetter hatte das kleine

Terzerol aus der Tasche gezogen und betrachtete es hinter der hohen

Kanzelbrüstung mit Augen der Liebe.

"Drommetet, drommetet!..." sangen die Mythikoner. Mitten durch den

Trompetenlärm hörte der General deutlich ein scharfes Knacken, als

würde droben ein Hahn gezogen. Er lächelte.

Jetzt kam die letzte, die Lieblingsstrophe der Mythikonerinnen. "Und

flötet, o flötet!..." sangen sie, so schön sie konnten. Der General

warf wieder einen verstohlenen Blick nach der Kanzel hinauf. Spielend

legte der Pfarrer eben seinen dicken Finger an den Drücker; wußte er

doch, daß er die Feder mit aller Gewalt nicht bewegen konnte. Aber er

zog ihn gleich wieder zurück, und die sanften Flöten verklangen.

Der General unten an der Kanzel legte in gedrückter Stimmung sein

Gesicht in Falten.

Jetzt betete der geistliche Herr, der das kleine Gewehr in seine

geräumige Tasche zurückgleiten ließ, in aller Andacht die Liturgie und

las dann den Text aus der großen, ständig auf dem Kanzelbrette

lagernden Bibel. Es war der herrliche siebenundvierzigste Psalm, der

da beginnt: Frohlocket mit Händen, alle Völker, lobet Gott mit großem

Schalle!

Frisch und flott ging es in die Predigt hinein und schon war sie über

ihr erstes Drittel gediehen. Noch einmal lauerte der General empor,

sichtlich enttäuscht, mit einem fast vorwurfsvollen Blicke, der sich

aber plötzlich erheiterte. Der Pfarrer hatte im Feuer der Aktion,

während seine Linke vor allem Volke gestikulierte, mit der durch die

Kanzel gedeckten Rechten instinktiv das geliebte Terzerol wieder

hervorgezogen. "Lobet Gott mit großem Schalle!" rief er aus, und,

paff! knallte ein kräftiger Schuß. Er stand im Rauch. Als er wieder

sichtbar wurde, quoll die blaue Pulverwolke langsam um ihn empor und

schwebte wie ein Weihrauch über der Gemeinde.

Entsetzen, Schreck, Erstaunen, Ärger, Zorn, ersticktes Gelächter,

diese ganze Tonleiter von Gefühlen fand ihren Ausdruck auf den

Gesichtern der versammelten Zuhörer. Die Kirchenältesten im Chor aber

zeigten entrüstete und strafende Mienen. Die Lage wurde bedenklich.

Jetzt wendete sich der General mit einer zugleich leutseligen und

imponierenden Gebärde an die aufgeregten Mythikoner:

"Lieben Brüder, laßt euch den Schuß nicht anfechten. Bedenket: es ist

nach menschlicher Voraussicht das letztemal, daß ich mich in eurer

Mitte erbaue, ehe ich diesen meinen sterblichen Leib den Kugeln

preisgebe.--Und Ihr, Herr Pfarrer, zeigt Euch als einen entschlossenen

Mann und führt Euern Sermon zu Ende."

Und wirklich, der Pfarrer setzte unerschrocken wieder ein und fuhr in

seiner Predigt fort, unbeirrt, ohne den Faden zu verlieren, ohne sich

um ein Wort zu vergreifen, zu stottern oder sich zu versprechen.

Alles kehrte wieder in die Ordnung zurück. Nur das blaue

Pulverwölkchen wollte sich in dem geschlossenen Raume gar nicht

verlieren und schwebte hartnäckig über der Gemeinde, bald im Schatten,

bald von einem Sonnenstrahl beleuchtet, bis seine Umrisse immer

ungewisser wurden und sich endlich auflösten.

Der Schuß von der Kanzel · 第 14 / 16 题