Als die zwei Wertmüller den heiligen Raum betraten, war er schon bis
auf den letzten Platz gefüllt. Im Schiffe saßen rechts die Männer,
links die Weiber, im Chore, das Antlitz der Gemeinde zugewendet, die
Kirchenältesten, unter ihnen der Krachhalder.
Zwei breite, oben durch ein großes Halbrund verbundene Mauerpfeiler
schieden Chor und Kirche. An dem rechts gelegenen schwebte die Kanzel
und am Fuße der steilen Kanzeltreppe befand sich der einzig leer
gebliebene Sitz, der mit Schnitzwerk verzierte Stuhl von Eichenholz,
welchen der Pfarrer während des Gesanges einzunehmen pflegte. Diesen
wies er jetzt dem General an und bestieg ohne Verzug die Kanzel. Der
Verspätete hatte Eile, der Gemeinde die Nummer des heutigen
Kirchenliedes zu bezeichnen.
Es war das beliebteste des neuen Gesangbuchs, ein Danklied für die
gelungene Lese, erst in neuerer Zeit verfaßt und aus Deutschland
gekommen, mit dreisten und geschmacklosen Schnörkeln im damaligen
Rokokostile, aber nicht ohne Klang und Farbe.
Jede Strophe begann mit der Aufforderung, den Geber alles Guten
vermittelst eines immer wieder andern Instrumentes zu loben. Dem
Autor mochte ein Kirchenbild vorgeschwebt haben. Aber nicht jene
zarten musizierenden Engel Giambellinis, welche an das Dichterwort
erinnern:
Da geigen die Geiger so himmlisch klar,
Da blasen die Bläser so wunderbar...
Nein! sondern die auf einer robusten Wolke lagernde und mit allen
möglichen Instrumenten ausgerüstete pausbäckige himmlische Hofkapelle
irgendeines Bravourbildes aus der Rubensschen Schule.
"Frohlocket, frohlocket!..." erscholl es heiter und volltönig in dem
schönen, reinlichen Raume, durch dessen acht Spitzbogenfenster das
leuchtende Blau des himmlischen Tages hereinquoll.
Der General, dessen Eintritt ein wohlgefälliges Gemurmel erregt hatte,
wendete sein gesammeltes Antlitz der Gemeinde zu, konnte aber mit
einer ungezwungenen Wendung des Kopfes leicht den hohen Sitz
beobachten, wo sein Vetter horstete. Eben jetzt warf er einen Blick
hinauf. Der Seelsorger von Mythikon, der das Jubellied schon oft
gehört hatte und seiner ebenfalls schon oft gehaltenen Predigt sicher
war, betastete leise seine Tasche.
"Posaunet, posaunet!..." dröhnte es durch das Schiff. Wertmüller
schielte die Kanzeltreppe hinauf. Der Vetter hatte das kleine
Terzerol aus der Tasche gezogen und betrachtete es hinter der hohen
Kanzelbrüstung mit Augen der Liebe.
"Drommetet, drommetet!..." sangen die Mythikoner. Mitten durch den
Trompetenlärm hörte der General deutlich ein scharfes Knacken, als
würde droben ein Hahn gezogen. Er lächelte.
Jetzt kam die letzte, die Lieblingsstrophe der Mythikonerinnen. "Und
flötet, o flötet!..." sangen sie, so schön sie konnten. Der General
warf wieder einen verstohlenen Blick nach der Kanzel hinauf. Spielend
legte der Pfarrer eben seinen dicken Finger an den Drücker; wußte er
doch, daß er die Feder mit aller Gewalt nicht bewegen konnte. Aber er
zog ihn gleich wieder zurück, und die sanften Flöten verklangen.
Der General unten an der Kanzel legte in gedrückter Stimmung sein
Gesicht in Falten.
Jetzt betete der geistliche Herr, der das kleine Gewehr in seine
geräumige Tasche zurückgleiten ließ, in aller Andacht die Liturgie und
las dann den Text aus der großen, ständig auf dem Kanzelbrette
lagernden Bibel. Es war der herrliche siebenundvierzigste Psalm, der
da beginnt: Frohlocket mit Händen, alle Völker, lobet Gott mit großem
Schalle!
Frisch und flott ging es in die Predigt hinein und schon war sie über
ihr erstes Drittel gediehen. Noch einmal lauerte der General empor,
sichtlich enttäuscht, mit einem fast vorwurfsvollen Blicke, der sich
aber plötzlich erheiterte. Der Pfarrer hatte im Feuer der Aktion,
während seine Linke vor allem Volke gestikulierte, mit der durch die
Kanzel gedeckten Rechten instinktiv das geliebte Terzerol wieder
hervorgezogen. "Lobet Gott mit großem Schalle!" rief er aus, und,
paff! knallte ein kräftiger Schuß. Er stand im Rauch. Als er wieder
sichtbar wurde, quoll die blaue Pulverwolke langsam um ihn empor und
schwebte wie ein Weihrauch über der Gemeinde.
Entsetzen, Schreck, Erstaunen, Ärger, Zorn, ersticktes Gelächter,
diese ganze Tonleiter von Gefühlen fand ihren Ausdruck auf den
Gesichtern der versammelten Zuhörer. Die Kirchenältesten im Chor aber
zeigten entrüstete und strafende Mienen. Die Lage wurde bedenklich.
Jetzt wendete sich der General mit einer zugleich leutseligen und
imponierenden Gebärde an die aufgeregten Mythikoner:
"Lieben Brüder, laßt euch den Schuß nicht anfechten. Bedenket: es ist
nach menschlicher Voraussicht das letztemal, daß ich mich in eurer
Mitte erbaue, ehe ich diesen meinen sterblichen Leib den Kugeln
preisgebe.--Und Ihr, Herr Pfarrer, zeigt Euch als einen entschlossenen
Mann und führt Euern Sermon zu Ende."
Und wirklich, der Pfarrer setzte unerschrocken wieder ein und fuhr in
seiner Predigt fort, unbeirrt, ohne den Faden zu verlieren, ohne sich
um ein Wort zu vergreifen, zu stottern oder sich zu versprechen.
Alles kehrte wieder in die Ordnung zurück. Nur das blaue
Pulverwölkchen wollte sich in dem geschlossenen Raume gar nicht
verlieren und schwebte hartnäckig über der Gemeinde, bald im Schatten,
bald von einem Sonnenstrahl beleuchtet, bis seine Umrisse immer
ungewisser wurden und sich endlich auflösten.