Zu später Abendstunde saßen der General und der Kandidat an einer
reichbesetzten und glänzend erleuchteten runden Tafel sich gegenüber
in einem geräumigen Saale, dessen helle Stuckwände mit guten, in Öl
gemalten Schlachtenbildern bedeckt waren.
Wertmüller wußte, welche Poesie das "Tischlein, deck dich!" für einen
in dürftigen Verhältnissen aufgewachsenen Jüngling hat; aber auch an
geistiger Bewirtung ließ er es nicht fehlen. Er erzählte von seinen
Fahrten in Griechenland, er rühmte die Naturwahrheit der Landschaften
und der Meerfarben in der Odyssee, er ließ die edeln und maßvollen
Formen eines hellenischen Tempels vor den Augen des entzückten
Kandidaten aufsteigen--kurz, er machte ihn glücklich.
Seiner davon unzertrennlichen militärischen Abenteuer gedachte er nur
im Vorbeigehen, aber so drastisch, daß Pfannenstiel in der Nähe des
alten Landsknechtes sich als einen herzhaften und verwegenen Mann
fühlte, während Wertmüller in der naiven Bewunderung seines Zuhörers
um einige Dezennien sich verjüngte und erleichterte.
So achtete es Pfannenstiel nicht groß, als der General in der Hitze
des Gespräches ihm auf den Leib rückte, von den vier breiten flachen
Knöpfen, die sein Gewand zwischen den schmächtigen Schultern vorn
zusammenhielten, den obersten abriß und denselben, nachdem er ihn
einer kurzen Betrachtung unterworfen, in einen dunkeln Zimmerwinkel
warf, dann an einem der mittlern drehte, bis dieser nur noch an einem
Faden hing.
Zwischen den Birnen und dem Käse aber änderte sich die Szene. Der
General hatte gegen seine Gewohnheit--er war längst ein mäßiger Mann
geworden--einige Gläser feurigen Burgunders geleert, und da er, wie
man zu sagen pflegt, einen grimmigen Wein trank, begann es ihn denn
doch ein bißchen zu wurmen, daß die schöne und tapfere Rahel ihr Herz
an einen sanftmütigen, unkriegerischen Menschen, noch dazu an einen
"Faffen" verschenkt hatte, und sein Dämon nötigte ihn, den Kandidaten,
den er doch leiden mochte, zu gutem Ende noch einmal unbarmherzig zu
foppen.
Er befahl dem aufwartenden Hassan, Pulverhorn und Kugelbeutel zu
bringen, zog die beiden Terzerole aus seinen Rocktaschen und legte sie
vor sich auf die Tafel.
"Die Rahel mag Euch", wendete er sich jetzt an den Kandidaten, "aber
wollt Ihr sie zum Weibe gewinnen, müßt Ihr dem schönen Kinde einmal
als ein ganzer Mann entgegentreten. Das wird ihr einen bleibenden
Eindruck machen, und Ihr dürft Euch dann ruhig die eheliche
Schlafmütze über die Ohren ziehen.--Mein Plan ist ganz einfach: Ich
gehe morgen in Mythikon zur Kirche--erstaunt nicht, Pfannenstiel, ich
bin kein Heide--und lade mich bei dem Vetter Pfarrer zu Mittag.
Natürlich bleibt Rahel zu Hause und besorgt den Tisch, Ihr aber
gewinnt bei währendem Gottesdienste auf Schleichwegen die Pfarre,
entführt das Mädchen, bringt es hieher und, während Ihr sie küßt,
armiere ich die zwei eisernen Kanonen, die Ihr auf dem Hausflur
gesehen habt, und verteidige den schmalen Damm, der meine Insel mit
dem Festlande verbindet. Treffen! Unterhandlung! Friedensschluß!"
Wäre der Kandidat in seiner natürlichen Verfassung gewesen, er hätte
diese Soldatenschnurre belächelt, aber der starke Wein war ihm in den
Kopf gestiegen.
"Entsetzlich!" rief er aus, fügte dann aber nach einer Pause und
erleichtert hinzu: "und unmöglich! Die Rahel würde niemals
einwilligen."
- "Sie wird! Ihr erscheint, werft Euch zu ihren Füßen: Entflieh mit
mir! oder..." Er ergriff ein Pistol und setzte es sich an die rechte
Schläfe.
- "Sie ist eine Christin!" rief der erhitzte Kandidat.
- "Sie wird und muß wollen! Jede Figur wird von der männlichen
Elementarkraft bezwungen. Kennt Ihr die neueste deutsche Literatur
nicht?... den Lohenstein, den Hofmannswaldau?"
- "Sie wird nicht wollen--nimmermehr!" wiederholte Pfannenstiel
mechanisch.
- "Dann fahrt Ihr ab--glorios mit Donner und Blitz!" und Wertmüller
drückte los. Der Hahn schlug nieder, daß es Funken stob.
Jetzt ermannte sich Pfannenstiel. Die ihm so nahegelegte ungeheure
Freveltat und sein Schauder davor gaben ihm die Besinnung wieder und
ernüchterten sein Gehirn. Auch fiel ihm die Warnung Rosenstocks ein.
Er narrt und quält dich boshaft, sagte er sich, du bist ja ein
geistlicher Mann und hast es mit einem schlimmen Feinde der Kirche zu
tun.
Ein Hohnlächeln zuckte in den Mundwinkeln des ihn beobachtenden,
scharf beleuchteten Gesichtes, das in diesem Augenblicke einer
grotesken Maske glich. Der Kandidat erhob sich von seinem Sitze und
sprach nicht ohne Würde: "Wenn das Euer Ernst ist, so verweile ich
keine Minute länger unter einem Dache, wo eine mehr als heidnische
Verruchtheit gelehrt wird; ist es aber Euer Scherz, Herr Wertmüller,
wie ich es glaube, so verlasse ich Euch ebenfalls, denn einen
einfachen Menschen, der Euch nichts zuleide getan hat, zu hänseln und
zu verhöhnen, das ist nicht christlich, nicht einmal menschlich--das
ist teuflisch."
Ein schöner, ehrlicher Zorn flammte in seinen blauen Augen, und er
schritt der Türe zu.
"La, la", sagte der General. "Was frühstückt Ihr morgen? Eier,
Rebhuhn, Forelle?"
Pfannenstiel öffnete und enteilte.
"Der Mohr wird Euch aufs Zimmer leuchten! Auf Wiedersehen morgen beim
Frühstück!" rief ihm Wertmüller nach.
Der Alleingebliebene lud sorgfältig das leichtspielende Pistol mit
Pulver und stieß einen derben Pfropfen nach. Das schwerspielende ließ
er ungeladen. Beide übergab er dem Mohren mit dem Befehle, dieselben
in seinen schwarzen Sammetrock zu stecken. Dann ergriff der General
einen Leuchter und suchte sein Lager auf.