Sechstes Kapitel

Zu später Abendstunde saßen der General und der Kandidat an einer

reichbesetzten und glänzend erleuchteten runden Tafel sich gegenüber

in einem geräumigen Saale, dessen helle Stuckwände mit guten, in Öl

gemalten Schlachtenbildern bedeckt waren.

Wertmüller wußte, welche Poesie das "Tischlein, deck dich!" für einen

in dürftigen Verhältnissen aufgewachsenen Jüngling hat; aber auch an

geistiger Bewirtung ließ er es nicht fehlen. Er erzählte von seinen

Fahrten in Griechenland, er rühmte die Naturwahrheit der Landschaften

und der Meerfarben in der Odyssee, er ließ die edeln und maßvollen

Formen eines hellenischen Tempels vor den Augen des entzückten

Kandidaten aufsteigen--kurz, er machte ihn glücklich.

Seiner davon unzertrennlichen militärischen Abenteuer gedachte er nur

im Vorbeigehen, aber so drastisch, daß Pfannenstiel in der Nähe des

alten Landsknechtes sich als einen herzhaften und verwegenen Mann

fühlte, während Wertmüller in der naiven Bewunderung seines Zuhörers

um einige Dezennien sich verjüngte und erleichterte.

So achtete es Pfannenstiel nicht groß, als der General in der Hitze

des Gespräches ihm auf den Leib rückte, von den vier breiten flachen

Knöpfen, die sein Gewand zwischen den schmächtigen Schultern vorn

zusammenhielten, den obersten abriß und denselben, nachdem er ihn

einer kurzen Betrachtung unterworfen, in einen dunkeln Zimmerwinkel

warf, dann an einem der mittlern drehte, bis dieser nur noch an einem

Faden hing.

Zwischen den Birnen und dem Käse aber änderte sich die Szene. Der

General hatte gegen seine Gewohnheit--er war längst ein mäßiger Mann

geworden--einige Gläser feurigen Burgunders geleert, und da er, wie

man zu sagen pflegt, einen grimmigen Wein trank, begann es ihn denn

doch ein bißchen zu wurmen, daß die schöne und tapfere Rahel ihr Herz

an einen sanftmütigen, unkriegerischen Menschen, noch dazu an einen

"Faffen" verschenkt hatte, und sein Dämon nötigte ihn, den Kandidaten,

den er doch leiden mochte, zu gutem Ende noch einmal unbarmherzig zu

foppen.

Er befahl dem aufwartenden Hassan, Pulverhorn und Kugelbeutel zu

bringen, zog die beiden Terzerole aus seinen Rocktaschen und legte sie

vor sich auf die Tafel.

"Die Rahel mag Euch", wendete er sich jetzt an den Kandidaten, "aber

wollt Ihr sie zum Weibe gewinnen, müßt Ihr dem schönen Kinde einmal

als ein ganzer Mann entgegentreten. Das wird ihr einen bleibenden

Eindruck machen, und Ihr dürft Euch dann ruhig die eheliche

Schlafmütze über die Ohren ziehen.--Mein Plan ist ganz einfach: Ich

gehe morgen in Mythikon zur Kirche--erstaunt nicht, Pfannenstiel, ich

bin kein Heide--und lade mich bei dem Vetter Pfarrer zu Mittag.

Natürlich bleibt Rahel zu Hause und besorgt den Tisch, Ihr aber

gewinnt bei währendem Gottesdienste auf Schleichwegen die Pfarre,

entführt das Mädchen, bringt es hieher und, während Ihr sie küßt,

armiere ich die zwei eisernen Kanonen, die Ihr auf dem Hausflur

gesehen habt, und verteidige den schmalen Damm, der meine Insel mit

dem Festlande verbindet. Treffen! Unterhandlung! Friedensschluß!"

Wäre der Kandidat in seiner natürlichen Verfassung gewesen, er hätte

diese Soldatenschnurre belächelt, aber der starke Wein war ihm in den

Kopf gestiegen.

"Entsetzlich!" rief er aus, fügte dann aber nach einer Pause und

erleichtert hinzu: "und unmöglich! Die Rahel würde niemals

einwilligen."

- "Sie wird! Ihr erscheint, werft Euch zu ihren Füßen: Entflieh mit

mir! oder..." Er ergriff ein Pistol und setzte es sich an die rechte

Schläfe.

- "Sie ist eine Christin!" rief der erhitzte Kandidat.

- "Sie wird und muß wollen! Jede Figur wird von der männlichen

Elementarkraft bezwungen. Kennt Ihr die neueste deutsche Literatur

nicht?... den Lohenstein, den Hofmannswaldau?"

- "Sie wird nicht wollen--nimmermehr!" wiederholte Pfannenstiel

mechanisch.

- "Dann fahrt Ihr ab--glorios mit Donner und Blitz!" und Wertmüller

drückte los. Der Hahn schlug nieder, daß es Funken stob.

Jetzt ermannte sich Pfannenstiel. Die ihm so nahegelegte ungeheure

Freveltat und sein Schauder davor gaben ihm die Besinnung wieder und

ernüchterten sein Gehirn. Auch fiel ihm die Warnung Rosenstocks ein.

Er narrt und quält dich boshaft, sagte er sich, du bist ja ein

geistlicher Mann und hast es mit einem schlimmen Feinde der Kirche zu

tun.

Ein Hohnlächeln zuckte in den Mundwinkeln des ihn beobachtenden,

scharf beleuchteten Gesichtes, das in diesem Augenblicke einer

grotesken Maske glich. Der Kandidat erhob sich von seinem Sitze und

sprach nicht ohne Würde: "Wenn das Euer Ernst ist, so verweile ich

keine Minute länger unter einem Dache, wo eine mehr als heidnische

Verruchtheit gelehrt wird; ist es aber Euer Scherz, Herr Wertmüller,

wie ich es glaube, so verlasse ich Euch ebenfalls, denn einen

einfachen Menschen, der Euch nichts zuleide getan hat, zu hänseln und

zu verhöhnen, das ist nicht christlich, nicht einmal menschlich--das

ist teuflisch."

Ein schöner, ehrlicher Zorn flammte in seinen blauen Augen, und er

schritt der Türe zu.

"La, la", sagte der General. "Was frühstückt Ihr morgen? Eier,

Rebhuhn, Forelle?"

Pfannenstiel öffnete und enteilte.

"Der Mohr wird Euch aufs Zimmer leuchten! Auf Wiedersehen morgen beim

Frühstück!" rief ihm Wertmüller nach.

Der Alleingebliebene lud sorgfältig das leichtspielende Pistol mit

Pulver und stieß einen derben Pfropfen nach. Das schwerspielende ließ

er ungeladen. Beide übergab er dem Mohren mit dem Befehle, dieselben

in seinen schwarzen Sammetrock zu stecken. Dann ergriff der General

einen Leuchter und suchte sein Lager auf.

Der Schuß von der Kanzel · 第 11 / 16 题