Siebentes Kapitel

Der Kandidat eilte in raschem Laufe dem Damme zu, durch welchen die

Südseite der Insel mit dem festen Lande zusammenhing. Oft hatte er,

da er sich im verflossenen Frühjahre in Mythikon aufhielt, den Sitz

des damals in Deutschland bataillierenden Generals mit neugierigen

Augen gemustert, ohne ihn je zu betreten. Er wußte, daß der Damm

gegen seine Mitte hin durch ein altertümliches kleines Tor und eine

Brücke unterbrochen war, aber er war gewiß, kein Hindernis zu finden,

da dieses Tor, wie er sich erinnerte, niemals geschlossen wurde, sich

auch nicht schließen ließ, da es keine Torflügel hatte.

Jetzt erreichte er das Ufer und erblickte zu seiner Linken die Linie

des Dammes. Aber, o Mißgeschick! der von dem dämmernden Hintergrunde

scharf abgehobene Balken der Brücke schwebte in der Luft und bildete

statt eines rechten einen spitzen Winkel mit dem Profil der Pforte, an

deren Steinbogen er durch zwei Ketten befestigt war. Das Tor, die

aufgezogene Brücke, die kleine Verbindungslinie der Ketten--alles ließ

sich mit überzeugender Deutlichkeit unterscheiden; denn der Mond gab

genügendes Licht, und in dem leeren, nicht zu überspringenden

Zwischenraume flimmerte sein Widerschein in dem silbernen Gewässer.

Pfannenstiel war ein Gefangener. Unmöglichkeit, durch das Moor zu

waten! Er wäre, da er die Furten des tückischen Röhrichts nicht

kannte, bei den ersten Schritten versunken und hätte ein klägliches

Ende genommen. Ratlos stand er am Inselgestade, während aus dem

Sumpfe dicht vor seinen Füßen ein volltöniges Brekekex Koax Koax

erscholl.

Gerade an jenem Abende war unter den Fröschen der Au ein junger

Lyriker von bedeutender Begabung aufgetaucht, der das feste und

gegebene Motiv der Froschlyrik so keck in Angriff nahm und so

gefühlvoll behandelte, daß der begeisterte Chor nicht müde wurde, die

vorgesungene Strophe mit unersättlichem Enthusiasmus zu wiederholen.

Auf den Kandidaten freilich machte das leidenschaftliche Gequäke einen

tief melancholischen Eindruck, als steige es aus den Sümpfen des

Acheron empor.

In halber Verzweiflung wollte er nun über den Damm nach der Pforte

eilen, ob sich die Zugbrücke mit Anstrengung aller Kräfte nicht senken

ließe. Da gewahrte er, noch einmal vorwurfsvoll nach dem unheimlichen

Landhause sich umwendend, eine ihm entgegenwandernde Helle, und nach

wenigen Augenblicken stand Hassan mit einem Windlicht in der Faust an

seiner Seite. Mit untertäniger Zutunlichkeit redete ihm der gutmütige

Mohr zu, in die von ihm geflohene Wohnung zurückzukehren.

"Langweilig Frosch, geistlicher Herr!" radbrechte Hassan, "Schloß an

Zugbrücke--Zimmer bereit!"

Was war zu tun? Nichts anderes, als Hassan zu folgen. In der großen,

auf den gepflasterten Hausflur mündenden Küche entzündete der Mohr

zwei Kerzen und leuchtete dem Kandidaten die Treppe hinauf. Auf der

zweitobersten Stufe ergriff er ihn rasch am Arme: "Nicht erschrecken,

geistlicher Herr!" flüsterte er. "Schildwache vor Zimmer von General."

Und in der Tat, da stand eine Schildwache. Hassan beleuchtete sie

mit der Kerze, und Pfannenstiel erblickte ein Skelett, das die

Knochenhände auf eine Muskete gestützt hielt und an dem über die

Rippen gekreuzten und blank gehaltenen Lederzeuge Patronentasche und

Seitengewehr der zürcherischen Landmiliz trug. Ein kleines

dreieckiges Hütchen war auf den hohlen Schädel gestülpt.

Der Kandidat fürchtete das Bild des Todes nicht, er war mit demselben

von Amts wegen vertraut, ja er hatte eine gewisse Vorliebe für die

warnende und erbauliche Erscheinung des Knochenmannes. Aber wer war

der Mensch, der da drinnen unter der Hut dieser gespenstischen Wache

schlief? Und welche seltsame Lust fand er daran, mit den ernstesten

Dingen sein frevles Gespötte zu treiben?

Jetzt öffnete der Mohr das zweitäußerste Zimmer der Seeseite und

stellte die beiden Leuchter auf den Kamin. Pfannenstiel, dessen

Wangen glühten und fieberten, trat ans Fenster, um es aufzureißen;

Hassan aber hielt ihn zurück.

"Seeluft ungesund", warnte er und machte die Flügeltüre eines

Nebenzimmers auf, um dem Erhitzten in unschädlicher Art mehr Luft zu

verschaffen. Dann entfernte er sich mit einem demütigen Gruße.

Der Kandidat schritt eine gute Weile in der Kammer auf und nieder, um

seine erregte Phantasie zur Ruhe zu bringen und den wunderlichsten Tag

seines Lebens einzuschläfern. Aber das gefährlichste Abenteuer

desselben war noch unbestanden.

Aus dem von Hassan geöffneten Nebenzimmer klang ein leiser Ton, wie

ein tiefer Atemzug. Hatte die streichende Nachtluft die Falten eines

Vorhanges bewegt oder war ein Käuzlein an den nur halb geschlossenen

Jalousien vorbeigeflattert?

Der Kandidat hemmte seinen Schritt und horchte. Plötzlich fiel ihm

ein, daß dieses nächste Zimmer, das letzte der Fassade, kein anderes

sein könne als die Räumlichkeit, welche der Schiffer Bläuling der

Türkin des Generals angewiesen hatte.

Die Möglichkeit einer solchen Nähe brachte den unbescholtenen jungen

Geistlichen begreiflicherweise in die größte Angst und Unruhe, doch

nach kurzer Überlegung beschloß er, in die berüchtigte Kammer mutig

hineinzuleuchten.

Er betrat einen reichen türkischen Teppich und stand, sich zur Rechten

wendend, vor einem lebensgroßen Bilde, welches von vergoldetem,

üppigem Blätterwerk eingerahmt war und die ganze, dem Fenster

gegenüberstehende Wand des kleinen Kabinettes füllte. Das Bild war

von einem Niederländer oder Spanier der damals kaum geschlossenen

glänzenden Epoche in jener naturwarmen, bestrickenden Weise gemalt,

die den Neuern verlorengegangen ist. Über eine Balustrade von

maurischer Arbeit lehnte eine junge Orientalin mit den berauschenden

dunkeln Augen und glühenden Lippen, bei deren Anblicke die Prinzen in

Tausendundeiner Nacht unfehlbar in Ohnmacht fallen.

Sie legte den Finger an den Mund, als bedeute sie den vor ihr

Stehenden: Komm, aber schweige!

Pfannenstiel, der nie etwas auch nur annähernd Ähnliches erblickt

hatte, wurde tief und unheimlich erschüttert von der Verlockung dieser

Gebärde, der Sprache dieser Augen. Es tauchte etwas ihm bis heute

völlig unbekannt Gebliebenes in seiner Seele auf, etwas, dem er keinen

Namen geben durfte--eine brennende Sehnsucht, die glückselige

Möglichkeit ihrer Erfüllung! Vor diesem Bilde begann er an so

übergewaltige Empfindungen zu glauben und vor ihrer Macht zu erbeben...

Plötzlich wandte sich der Kandidat, lief in sein Schlafgemach zurück

und begnügte sich nicht, die Türe zu verschließen, er schob noch den

Riegel und drehte zuletzt den Schlüssel um. Nun glaubte er sein Lager

gesichert und begrub sich in die Kissen desselben.

Doch kaum war er entschlummert, so trat das schöne Schemen durch die

Türe, ohne sie zu öffnen, und nahm tückisch Gestalt und Antlitz der

Rahel Wertmüller an, ihren maidlichen Wuchs, ihre feinen geistigen

Züge. Aber ihre Augen schmachteten wie die der Orientalin, und sie

legte den Finger an den Mund.

Nun kam eine böse, schlimme Stunde für den armen Kandidaten. Er

wollte fliehen und wurde von einer dämonischen Gewalt zu den Füßen des

Mädchens hingeworfen. Er stammelte unsinnige Bitten und machte sich

verzweifelte Vorwürfe. Er umfaßte ihre Knie und verurteilte sich

selbst als den ruchlosesten aller Sünder. Rahel, erst erstaunt, dann

strengblickend und unwillig, stieß ihn zuletzt empört von sich weg.

Jetzt stand der General neben ihm und reichte ihm das Pistol. "Die

Figur", dozierte er, "wird bezwungen von der männlichen Elementarkraft."

Dem Kandidaten wurde wie von eisernen, teuflischen Krallen der Arm

gebogen, und er setzte sich die tödliche Waffe an die rechte Schläfe.

"Fliehe mit mir!" stöhnte er. Sie wandte sich ab. Er drückte los,

und erwachte, nicht in seinem Blute, aber in kaltem Schweiße gebadet.

Dreimal trieb ihn der quälende Halbtraum in diesem Kreislaufe von

Begierde, Frevel und Reue herum, bis er endlich das Fenster aufschloß

und im reinen Hauche der heiligen Frühe in einen tiefen beruhigenden

Schlaf versank.

Er erwachte nicht, bis Hassan mit warmem Wasser ins Zimmer trat und

auf seinen Befehl die Jalousien öffnete. Ein himmlischer, innig

blauer Tag und das nun halb verwehte, nun vollhallende Geläute aller

Seeglocken drang in die Traumkammer.

"General Kirche gegangen", sagte der Mohr. "Geistlicher Herr

frühstücken?"--

Der Schuß von der Kanzel · 第 12 / 16 题