Der Kandidat eilte in raschem Laufe dem Damme zu, durch welchen die
Südseite der Insel mit dem festen Lande zusammenhing. Oft hatte er,
da er sich im verflossenen Frühjahre in Mythikon aufhielt, den Sitz
des damals in Deutschland bataillierenden Generals mit neugierigen
Augen gemustert, ohne ihn je zu betreten. Er wußte, daß der Damm
gegen seine Mitte hin durch ein altertümliches kleines Tor und eine
Brücke unterbrochen war, aber er war gewiß, kein Hindernis zu finden,
da dieses Tor, wie er sich erinnerte, niemals geschlossen wurde, sich
auch nicht schließen ließ, da es keine Torflügel hatte.
Jetzt erreichte er das Ufer und erblickte zu seiner Linken die Linie
des Dammes. Aber, o Mißgeschick! der von dem dämmernden Hintergrunde
scharf abgehobene Balken der Brücke schwebte in der Luft und bildete
statt eines rechten einen spitzen Winkel mit dem Profil der Pforte, an
deren Steinbogen er durch zwei Ketten befestigt war. Das Tor, die
aufgezogene Brücke, die kleine Verbindungslinie der Ketten--alles ließ
sich mit überzeugender Deutlichkeit unterscheiden; denn der Mond gab
genügendes Licht, und in dem leeren, nicht zu überspringenden
Zwischenraume flimmerte sein Widerschein in dem silbernen Gewässer.
Pfannenstiel war ein Gefangener. Unmöglichkeit, durch das Moor zu
waten! Er wäre, da er die Furten des tückischen Röhrichts nicht
kannte, bei den ersten Schritten versunken und hätte ein klägliches
Ende genommen. Ratlos stand er am Inselgestade, während aus dem
Sumpfe dicht vor seinen Füßen ein volltöniges Brekekex Koax Koax
erscholl.
Gerade an jenem Abende war unter den Fröschen der Au ein junger
Lyriker von bedeutender Begabung aufgetaucht, der das feste und
gegebene Motiv der Froschlyrik so keck in Angriff nahm und so
gefühlvoll behandelte, daß der begeisterte Chor nicht müde wurde, die
vorgesungene Strophe mit unersättlichem Enthusiasmus zu wiederholen.
Auf den Kandidaten freilich machte das leidenschaftliche Gequäke einen
tief melancholischen Eindruck, als steige es aus den Sümpfen des
Acheron empor.
In halber Verzweiflung wollte er nun über den Damm nach der Pforte
eilen, ob sich die Zugbrücke mit Anstrengung aller Kräfte nicht senken
ließe. Da gewahrte er, noch einmal vorwurfsvoll nach dem unheimlichen
Landhause sich umwendend, eine ihm entgegenwandernde Helle, und nach
wenigen Augenblicken stand Hassan mit einem Windlicht in der Faust an
seiner Seite. Mit untertäniger Zutunlichkeit redete ihm der gutmütige
Mohr zu, in die von ihm geflohene Wohnung zurückzukehren.
"Langweilig Frosch, geistlicher Herr!" radbrechte Hassan, "Schloß an
Zugbrücke--Zimmer bereit!"
Was war zu tun? Nichts anderes, als Hassan zu folgen. In der großen,
auf den gepflasterten Hausflur mündenden Küche entzündete der Mohr
zwei Kerzen und leuchtete dem Kandidaten die Treppe hinauf. Auf der
zweitobersten Stufe ergriff er ihn rasch am Arme: "Nicht erschrecken,
geistlicher Herr!" flüsterte er. "Schildwache vor Zimmer von General."
Und in der Tat, da stand eine Schildwache. Hassan beleuchtete sie
mit der Kerze, und Pfannenstiel erblickte ein Skelett, das die
Knochenhände auf eine Muskete gestützt hielt und an dem über die
Rippen gekreuzten und blank gehaltenen Lederzeuge Patronentasche und
Seitengewehr der zürcherischen Landmiliz trug. Ein kleines
dreieckiges Hütchen war auf den hohlen Schädel gestülpt.
Der Kandidat fürchtete das Bild des Todes nicht, er war mit demselben
von Amts wegen vertraut, ja er hatte eine gewisse Vorliebe für die
warnende und erbauliche Erscheinung des Knochenmannes. Aber wer war
der Mensch, der da drinnen unter der Hut dieser gespenstischen Wache
schlief? Und welche seltsame Lust fand er daran, mit den ernstesten
Dingen sein frevles Gespötte zu treiben?
Jetzt öffnete der Mohr das zweitäußerste Zimmer der Seeseite und
stellte die beiden Leuchter auf den Kamin. Pfannenstiel, dessen
Wangen glühten und fieberten, trat ans Fenster, um es aufzureißen;
Hassan aber hielt ihn zurück.
"Seeluft ungesund", warnte er und machte die Flügeltüre eines
Nebenzimmers auf, um dem Erhitzten in unschädlicher Art mehr Luft zu
verschaffen. Dann entfernte er sich mit einem demütigen Gruße.
Der Kandidat schritt eine gute Weile in der Kammer auf und nieder, um
seine erregte Phantasie zur Ruhe zu bringen und den wunderlichsten Tag
seines Lebens einzuschläfern. Aber das gefährlichste Abenteuer
desselben war noch unbestanden.
Aus dem von Hassan geöffneten Nebenzimmer klang ein leiser Ton, wie
ein tiefer Atemzug. Hatte die streichende Nachtluft die Falten eines
Vorhanges bewegt oder war ein Käuzlein an den nur halb geschlossenen
Jalousien vorbeigeflattert?
Der Kandidat hemmte seinen Schritt und horchte. Plötzlich fiel ihm
ein, daß dieses nächste Zimmer, das letzte der Fassade, kein anderes
sein könne als die Räumlichkeit, welche der Schiffer Bläuling der
Türkin des Generals angewiesen hatte.
Die Möglichkeit einer solchen Nähe brachte den unbescholtenen jungen
Geistlichen begreiflicherweise in die größte Angst und Unruhe, doch
nach kurzer Überlegung beschloß er, in die berüchtigte Kammer mutig
hineinzuleuchten.
Er betrat einen reichen türkischen Teppich und stand, sich zur Rechten
wendend, vor einem lebensgroßen Bilde, welches von vergoldetem,
üppigem Blätterwerk eingerahmt war und die ganze, dem Fenster
gegenüberstehende Wand des kleinen Kabinettes füllte. Das Bild war
von einem Niederländer oder Spanier der damals kaum geschlossenen
glänzenden Epoche in jener naturwarmen, bestrickenden Weise gemalt,
die den Neuern verlorengegangen ist. Über eine Balustrade von
maurischer Arbeit lehnte eine junge Orientalin mit den berauschenden
dunkeln Augen und glühenden Lippen, bei deren Anblicke die Prinzen in
Tausendundeiner Nacht unfehlbar in Ohnmacht fallen.
Sie legte den Finger an den Mund, als bedeute sie den vor ihr
Stehenden: Komm, aber schweige!
Pfannenstiel, der nie etwas auch nur annähernd Ähnliches erblickt
hatte, wurde tief und unheimlich erschüttert von der Verlockung dieser
Gebärde, der Sprache dieser Augen. Es tauchte etwas ihm bis heute
völlig unbekannt Gebliebenes in seiner Seele auf, etwas, dem er keinen
Namen geben durfte--eine brennende Sehnsucht, die glückselige
Möglichkeit ihrer Erfüllung! Vor diesem Bilde begann er an so
übergewaltige Empfindungen zu glauben und vor ihrer Macht zu erbeben...
Plötzlich wandte sich der Kandidat, lief in sein Schlafgemach zurück
und begnügte sich nicht, die Türe zu verschließen, er schob noch den
Riegel und drehte zuletzt den Schlüssel um. Nun glaubte er sein Lager
gesichert und begrub sich in die Kissen desselben.
Doch kaum war er entschlummert, so trat das schöne Schemen durch die
Türe, ohne sie zu öffnen, und nahm tückisch Gestalt und Antlitz der
Rahel Wertmüller an, ihren maidlichen Wuchs, ihre feinen geistigen
Züge. Aber ihre Augen schmachteten wie die der Orientalin, und sie
legte den Finger an den Mund.
Nun kam eine böse, schlimme Stunde für den armen Kandidaten. Er
wollte fliehen und wurde von einer dämonischen Gewalt zu den Füßen des
Mädchens hingeworfen. Er stammelte unsinnige Bitten und machte sich
verzweifelte Vorwürfe. Er umfaßte ihre Knie und verurteilte sich
selbst als den ruchlosesten aller Sünder. Rahel, erst erstaunt, dann
strengblickend und unwillig, stieß ihn zuletzt empört von sich weg.
Jetzt stand der General neben ihm und reichte ihm das Pistol. "Die
Figur", dozierte er, "wird bezwungen von der männlichen Elementarkraft."
Dem Kandidaten wurde wie von eisernen, teuflischen Krallen der Arm
gebogen, und er setzte sich die tödliche Waffe an die rechte Schläfe.
"Fliehe mit mir!" stöhnte er. Sie wandte sich ab. Er drückte los,
und erwachte, nicht in seinem Blute, aber in kaltem Schweiße gebadet.
Dreimal trieb ihn der quälende Halbtraum in diesem Kreislaufe von
Begierde, Frevel und Reue herum, bis er endlich das Fenster aufschloß
und im reinen Hauche der heiligen Frühe in einen tiefen beruhigenden
Schlaf versank.
Er erwachte nicht, bis Hassan mit warmem Wasser ins Zimmer trat und
auf seinen Befehl die Jalousien öffnete. Ein himmlischer, innig
blauer Tag und das nun halb verwehte, nun vollhallende Geläute aller
Seeglocken drang in die Traumkammer.
"General Kirche gegangen", sagte der Mohr. "Geistlicher Herr
frühstücken?"--