Der General hatte einen Pfad eingeschlagen, der sich dicht am Ufer um
die Krümmungen der Halbinsel schlängelte, und hier erblickte er bald
Rahel Wertmüller, die, auf einer verwitterten Steinbank sitzend, das
feine Profil nach der jetzt abendlich dämmernden Flut hinwendete. Ein
aufrichtiger Ausdruck tiefer Betrübnis lag auf dem hübschen und
entschlossenen Gesichtchen.
"Was dichtest und trachtest du?" redete er sie an.
Sie antwortete, ohne sich zu erheben: "Ich bin nicht mit Euch
zufrieden, Pate."
Der General lehnte sich an den Stamm einer Eiche und kreuzte die Arme.
"Womit habe ich es bei Euer Wohlgeboren verscherzt?" sagte er.
Das Fräulein warf ihm einen Blick des Vorwurfs zu. "Ihr fragt noch,
Pate? Wahrlich, Ihr handelt an Papa nicht gut, der Euch doch nur
Liebes und nichts zuleide getan hat.--Was war das wieder für ein
Spektakel vergangenen Sonntag! Durch Eure Verleitung hat er den
ganzen Nachmittag mit Euch auf Euerm Au-Teiche herumgeknallt. Welch
ein Schauspiel! Aufflatternde verwundete Enten, im Moor nach der
Beute watende Jungen, der Vater in großen Stiefeln und das ganze Dorf
als Zuschauer!..."
"Es beurteilte die Schüsse", warf Wertmüller ein.
"Pate"--das Mädchen war von seinem Sitze aufgesprungen, und seine
schlanke Gestalt bebte vor Unwillen--"ich meinte bisher, Ihr
hättet--trotz mancher Wunderlichkeit--das Herz am rechten Flecke.
Aber ich habe mich geirrt und fange an zu glauben, hier sei bei Euch
etwas nicht in Ordnung!", und sie wies mit einer kleinen Gebärde des
Zeigefingers nach der linken Brustseite des Generals. "Ich hielt
Euch", fügte sie freundlicher hinzu, "für eine Art Rübezahl... so
heißt doch der Geist des Riesengebirges, von dessen Koboldstreichen
Ihr so lustig zu erzählen wißt?..."
"Dem es zuweilen Spaß macht, Gutes zu tun, und der, wenn er Gutes tut,
dabei sich einen Spaß macht."
"So ungefähr. Doch, wie gesagt, wenn Ihr ebenso boshaft seid wie der
Berggeist--von Wohltat ist dabei nichts sichtbar. Ihr werdet den
Vater noch ins Verderben stoßen. Wären unsere Mythikoner im Grund
nicht so gute Leute, die ihren Pfarrer decken, wo sie können, längst
wäre in Zürich gegen ihn Klage erhoben worden. Und mit Recht; denn
ein Geistlicher, der wachend und träumend keinen andern Gedanken mehr
hat als Halali und Halalo, muß jeder christlichen Seele ein tägliches
Ärgernis sein. Das wächst mit den Jahren. Neulich da der Herr Dekan
seinen Besuch meldete und zur selben Zeit der Bote eine in der Stadt
angekaufte Jagdflinte dem Vater zutrug, mußte ich ihm dieselbe
unkindlich entwinden und in meinen Kleiderschrank verschließen, sonst
hätte er noch--ein schrecklicher Gedanke--den ehrwürdigen Herrn
Steinfels aufs Korn genommen. Ihr lacht, Pate?--Ihr seid abscheulich!
--Ich könnte Euch darum hassen, daß Ihr, der seine Schwäche kennt, ihn
noch stachelt und aufreizt, als wäret Ihr sein böser Engel.--Nächstens
wird er noch einmal mit geladenem Gewehr die Kanzel besteigen!... Ich
freute mich, da Ihr kamet, und nun frage ich: Reist Ihr bald, Pate?"
"Mit geladenem Gewehr die Kanzel besteigen?" wiederholte Wertmüller,
den dieser Gedanke zu frappieren schien. "La, la, Patchen! Der Vater
ist mir der erträglichste aller Schwarzröcke und du bist mir die
liebste aller Figuren. Ich will dem Alten eine Genugtuung geben.
Weißt du was? Ich gehe morgen bei Euch zur Kirche--das rehabilitiert
den Vater zu Stadt und Lande."
Rahel schien von dieser Aussicht wenig erbaut. "Pate", sagte sie,
"Ihr habt mich aus der Taufe gehoben und das Gelübde getan, auf mein
zeitliches und ewiges Heil bedacht zu sein. Für das letztere könnet
Ihr nichts tun, denn es steht in diesem Punkte bei Euch selbst sehr
windig. Aber ist das ein Grund, auch mein zeitliches zu ruinieren?
Ihr solltet, scheint mir, im Gegenteil darauf denken, mich wenigstens
auf dieser Erde glücklich zu machen--und Ihr macht mich unglücklich!"
Sie zerdrückte eine Träne.
- "Vortrefflich räsoniert", sagte der General. "Patchen, ich bin der
Berggeist und du hast drei Wünsche bei mir zu gut."
"Nun", versetzte das Fräulein, auf den Scherz eingehend. "Erstens:
Heilt den Vater von seiner ungeistlichen Jagdlust!"
- "Unmöglich. Sie steckt im Blute. Er ist ein Wertmüller. Aber ich
kann seiner Leidenschaft eine unschädliche Bahn geben. Zweitens?"
"Zweitens..." Rahel zögerte.
"Laß mich an deiner Stelle reden, Mädchen. Zweitens: Gebt dem
Hauptmann Leo Kilchsperger Urlaub zu Werbung, Verlöbnis und Heirat."
- "Nein!" versetzte Rahel lebhaft.
- "Er ist ein perfekter Kavalier."
- "Einem perfekten Kavalier hängt manches um und an, worauf ich
Verzicht leiste, Pate."
- "Ein beschränkter Standpunkt."
- "Ich halte ihn fest, Pate."
- "Meinetwegen.--Also ein anderes Zweites. Zweitens: Berggeist,
verschaffe dem Kandidaten Pfannenstiel die von ihm begehrte
Feldkaplanei in venezianischen Diensten."
- "Nimmermehr!" rief die Wertmüllerin. "Was? der Unglückliche begehrt
die Feldkaplanei unter Euerm venezianischen Gesindel? Der zarte und
gute Mensch? Darum ist er zu Euch gekommen?"