Fünftes Kapitel

Der General hatte einen Pfad eingeschlagen, der sich dicht am Ufer um

die Krümmungen der Halbinsel schlängelte, und hier erblickte er bald

Rahel Wertmüller, die, auf einer verwitterten Steinbank sitzend, das

feine Profil nach der jetzt abendlich dämmernden Flut hinwendete. Ein

aufrichtiger Ausdruck tiefer Betrübnis lag auf dem hübschen und

entschlossenen Gesichtchen.

"Was dichtest und trachtest du?" redete er sie an.

Sie antwortete, ohne sich zu erheben: "Ich bin nicht mit Euch

zufrieden, Pate."

Der General lehnte sich an den Stamm einer Eiche und kreuzte die Arme.

"Womit habe ich es bei Euer Wohlgeboren verscherzt?" sagte er.

Das Fräulein warf ihm einen Blick des Vorwurfs zu. "Ihr fragt noch,

Pate? Wahrlich, Ihr handelt an Papa nicht gut, der Euch doch nur

Liebes und nichts zuleide getan hat.--Was war das wieder für ein

Spektakel vergangenen Sonntag! Durch Eure Verleitung hat er den

ganzen Nachmittag mit Euch auf Euerm Au-Teiche herumgeknallt. Welch

ein Schauspiel! Aufflatternde verwundete Enten, im Moor nach der

Beute watende Jungen, der Vater in großen Stiefeln und das ganze Dorf

als Zuschauer!..."

"Es beurteilte die Schüsse", warf Wertmüller ein.

"Pate"--das Mädchen war von seinem Sitze aufgesprungen, und seine

schlanke Gestalt bebte vor Unwillen--"ich meinte bisher, Ihr

hättet--trotz mancher Wunderlichkeit--das Herz am rechten Flecke.

Aber ich habe mich geirrt und fange an zu glauben, hier sei bei Euch

etwas nicht in Ordnung!", und sie wies mit einer kleinen Gebärde des

Zeigefingers nach der linken Brustseite des Generals. "Ich hielt

Euch", fügte sie freundlicher hinzu, "für eine Art Rübezahl... so

heißt doch der Geist des Riesengebirges, von dessen Koboldstreichen

Ihr so lustig zu erzählen wißt?..."

"Dem es zuweilen Spaß macht, Gutes zu tun, und der, wenn er Gutes tut,

dabei sich einen Spaß macht."

"So ungefähr. Doch, wie gesagt, wenn Ihr ebenso boshaft seid wie der

Berggeist--von Wohltat ist dabei nichts sichtbar. Ihr werdet den

Vater noch ins Verderben stoßen. Wären unsere Mythikoner im Grund

nicht so gute Leute, die ihren Pfarrer decken, wo sie können, längst

wäre in Zürich gegen ihn Klage erhoben worden. Und mit Recht; denn

ein Geistlicher, der wachend und träumend keinen andern Gedanken mehr

hat als Halali und Halalo, muß jeder christlichen Seele ein tägliches

Ärgernis sein. Das wächst mit den Jahren. Neulich da der Herr Dekan

seinen Besuch meldete und zur selben Zeit der Bote eine in der Stadt

angekaufte Jagdflinte dem Vater zutrug, mußte ich ihm dieselbe

unkindlich entwinden und in meinen Kleiderschrank verschließen, sonst

hätte er noch--ein schrecklicher Gedanke--den ehrwürdigen Herrn

Steinfels aufs Korn genommen. Ihr lacht, Pate?--Ihr seid abscheulich!

--Ich könnte Euch darum hassen, daß Ihr, der seine Schwäche kennt, ihn

noch stachelt und aufreizt, als wäret Ihr sein böser Engel.--Nächstens

wird er noch einmal mit geladenem Gewehr die Kanzel besteigen!... Ich

freute mich, da Ihr kamet, und nun frage ich: Reist Ihr bald, Pate?"

"Mit geladenem Gewehr die Kanzel besteigen?" wiederholte Wertmüller,

den dieser Gedanke zu frappieren schien. "La, la, Patchen! Der Vater

ist mir der erträglichste aller Schwarzröcke und du bist mir die

liebste aller Figuren. Ich will dem Alten eine Genugtuung geben.

Weißt du was? Ich gehe morgen bei Euch zur Kirche--das rehabilitiert

den Vater zu Stadt und Lande."

Rahel schien von dieser Aussicht wenig erbaut. "Pate", sagte sie,

"Ihr habt mich aus der Taufe gehoben und das Gelübde getan, auf mein

zeitliches und ewiges Heil bedacht zu sein. Für das letztere könnet

Ihr nichts tun, denn es steht in diesem Punkte bei Euch selbst sehr

windig. Aber ist das ein Grund, auch mein zeitliches zu ruinieren?

Ihr solltet, scheint mir, im Gegenteil darauf denken, mich wenigstens

auf dieser Erde glücklich zu machen--und Ihr macht mich unglücklich!"

Sie zerdrückte eine Träne.

- "Vortrefflich räsoniert", sagte der General. "Patchen, ich bin der

Berggeist und du hast drei Wünsche bei mir zu gut."

"Nun", versetzte das Fräulein, auf den Scherz eingehend. "Erstens:

Heilt den Vater von seiner ungeistlichen Jagdlust!"

- "Unmöglich. Sie steckt im Blute. Er ist ein Wertmüller. Aber ich

kann seiner Leidenschaft eine unschädliche Bahn geben. Zweitens?"

"Zweitens..." Rahel zögerte.

"Laß mich an deiner Stelle reden, Mädchen. Zweitens: Gebt dem

Hauptmann Leo Kilchsperger Urlaub zu Werbung, Verlöbnis und Heirat."

- "Nein!" versetzte Rahel lebhaft.

- "Er ist ein perfekter Kavalier."

- "Einem perfekten Kavalier hängt manches um und an, worauf ich

Verzicht leiste, Pate."

- "Ein beschränkter Standpunkt."

- "Ich halte ihn fest, Pate."

- "Meinetwegen.--Also ein anderes Zweites. Zweitens: Berggeist,

verschaffe dem Kandidaten Pfannenstiel die von ihm begehrte

Feldkaplanei in venezianischen Diensten."

- "Nimmermehr!" rief die Wertmüllerin. "Was? der Unglückliche begehrt

die Feldkaplanei unter Euerm venezianischen Gesindel? Der zarte und

gute Mensch? Darum ist er zu Euch gekommen?"

Der Schuß von der Kanzel · 第 9 / 16 题