Er trat mit dem Gaste in die Veranda, drückte ihn auf einen Sitz
nieder, goß ihm eines der auf dem Schenktische stehenden Gläser voll
und ließ ihn sich erholen und erquicken.
"Der Empfang war militärisch", tröstete er ihn dann, "aber Ihr werdet
im Soldaten keinen unebenen Hauswirt finden. Ihr nächtigt heute auf
der Au--ohne Widerrede!--Wir haben manches zu verhandeln.--Seht,
Lieber, Eure Abhandlung hat mich ganz angenehm unterhalten", und
Wertmüller langte nach dem Buche, welches in einer Fensternische des
die Rückwand der Veranda bildenden Erdgeschosses lag und zwischen
dessen Blätter er die zerlesene Dissertation des Kandidaten eingelegt
hatte.
"Zuerst eine Vorfrage. Warum habt Ihr mir Euer Werk nur mit einer
Zeile zugeschrieben, statt mir es coram populo auf dem ersten weißen
Blatte mit aufrichtigen, großen Druckbuchstaben zu dedizieren? Weil
ich mit den Faffen, Euern Kollegen, gespannt bin, he? Ihr habt keinen
Charakter, Pfannenstiel; ihr seid ein schwacher Mensch."
Der Kandidat entschuldigte sich, seine unbedeutende Arbeit habe den
Namen des berühmten Feldherrn und Literaturkenners nicht vor sich her
tragen dürfen.
"Durchaus nicht unbedeutend", lobte Wertmüller. "Ihr habt Phantasie
und seid in die purpurnen Tiefen meines Lieblingsgedichtes
untergetaucht, wie nicht leicht ein anderer. Freilich um etwas
Absurdes zu beweisen. Aber es ist einmal nicht anders: wir Menschen
verwenden unsere höchsten Kräfte zu albernen Resultaten. Dachtet Ihr
daran, mich rechtzeitig zu Rate zu ziehen, ich gab Eurer Dissertation
eine Wendung, die Euch selber, Eure fäffischen Examinatoren, das ganze
Publikum in Erstaunen gesetzt hätte. Ihr habt es gefühlt,
Pfannenstiel, daß die zweite Hälfte der Odyssee von besonderer
Schönheit und Größe ist. Wie? Der Heimgekehrte wird als ein
fahrender Bettler an seinem eigenen Herde mißhandelt. Wie? Die
Freier reden sich ein, er kehre niemals wieder, und ahnen doch seine
Gegenwart. Sie lachen und ihre Gesichter verzerrt schon der
Todeskampf--das ist Poesie.--Aber Ihr habt recht, Pfannenstiel, was
nützt mir die Poesie, wenn nicht eine Moral dahintersteckt? Es ist
eine Devise in das Zuckerwerk hineingebacken--zerbrechen wir es! Da
der Odysseus nicht bloß den Odysseus bedeuten darf, wen oder was
bedeutet er denn? Unsern Herrn und Heiland--so beweist Ihr und habt
Ihr es drucken lassen--, wenn er kommt zu richten Lebendige und Tote.
Nein, Kandidat, Odysseus bedeutet jede in Knechtesgestalt mißhandelte
Wahrheit mitten unter den übermütigen Freiern, will sagen, Faffen,
denen sie einst in sieghafter Gestalt das Herz durchbohren wird.
"He, Kandidat, wie gefällt Euch das?--So hättet Ihr es wenden sollen,
und seid gewiß, Eure Dissertation hätte gerechtes Aufsehen erregt!"
Pfannenstiel erbebte bei dem Gedanken, daß sich seiner Symbolik diese
gotteslästerliche und verwegene Wendung hätte geben lassen. Sein
einfaches Wesen ließ ihn den Pferdefuß des alten Spötters nicht oder
doch nur in unbestimmten Umrissen erkennen.
Um sich der Verlegenheit zu entziehen, dem alten Freigeiste eine
Antwort geben zu müssen, nahm der Kandidat den Pergamentband in die
Hände, mit welchem Wertmüller während seiner Rede gestikuliert hatte.
Es war die aldinische Ausgabe der Odyssee. Pfannenstiel betrachtete
andächtig das Titelblatt des seltenen Buches. Plötzlich fuhr er
zurück wie vor einer züngelnden Natter. Er hatte auf dem freien Raume
links neben dem Wappen des venezianischen Buchhändlers etwas
verblichene, kühnfließende Federzüge entdeckt, die folgende Zeilen
bildeten:
Georgius Jenatius me jure possidet
Constat R. 4. Kz. 12.
Er warf das Buch weg, als atme es einen Blutgeruch aus.
Damals moderte der fragwürdige Bündner schon seit Dezennien in der
Domkirche von Chur, während sein Bild in zahmen und unpatriotischen
Zeiten sich zu einem widerwärtigen verzerrt hatte, so daß nur der
Apostat und der Blutmensch übrigblieb. Pfannenstiel betrachtete ihn
einfach als ein Ungeheuer, an dessen Dagewesensein er kaum glauben,
das er sich nicht realisieren konnte.
Der General weidete sich an seinem Schrecken, dann sagte er leichthin:
"Der liebe Mann, Euer gewesener Kollege, hat mich damit beschenkt, wie
wir noch auf gutem Fuße standen und ich ihn auf seinem Malepartus in
Davos besuchte."
"Also hat er doch gelebt!" sprach der Kandidat halblaut vor sich hin,
"er hat Bücher besessen, wie unsereiner, und ihren kostenden Preis auf
das Titelblatt geschrieben."
"Ja wohl hat er gelebt, und recht persönlich und zähe", sagte der
General mit kurzem Lachen. "Noch heute nacht träumte mir von dem
Bündner... Das kam daher, daß ich mich den ganzen gestrigen Tag mit
einem häßlichen Geschäfte abgegeben hatte. Ich schrieb mein Testament
nieder, und was ist kläglicher, als bei atmendem Leibe über seinen
Besitz zu verfügen, der ja auch ein Teil von uns selber ist!"
Die Neugierde des jungen Geistlichen wurde rege. Vielleicht war es
ein warnendes Traumgesicht gewesen, das, fein und erbaulich ausgelegt,
in dem ihm gegenüber Sitzenden einen guten und frommen Gedanken konnte
entstehen lassen. "Wollt Ihr mir Euern Traum nicht mitteilen?" fragte
er mit einem gefühlvollen Blicke.
"Er steht zu Diensten. Es war in Chur. Menschengedränge,
Staatsperücken, Militärpersonen--von der Hofkirche her Geläute und
Salutschüsse. Wir treten unter dem Torbogen hervor in den
bischöflichen Hof. Jetzt gehen wir zu zweien, neben mir ein Koloß.
Ich sehe nur einen Federhut, darunter eine Gewaltsnase und den in den
Kragen gesenkten pechschwarzen Spitzbart: 'Wertmüller', fragte der
Große, 'wen bestatten wir?'--'Ich weiß nicht' sage ich. Wir treten in
die Kathedrale zwischen das Gestühl des Schiffes. 'Wertmüller', fragt
der andere, 'wem singen sie ein Requiem?'--'Ich weiß nicht' sag ich
ungeduldig. 'Kleiner Wertmüller', sagt er, 'stell dich einmal auf die
Zehen und sieh, wer da vorn aufgebahrt liegt.'--Jetzt unterscheide ich
deutlich in den Ecken des Bahrtuches den Namenszug und das Wappen des
Jenatschen, und im gleichen Augenblicke wendet er, neben mir stehend,
mir das Gesicht zu--fahl mit verglühten Augen. 'Donnerwetter, Oberst',
sag ich, 'Ihr liegt dort vorn unter dem Tuche mit Euern sieben
Todeswunden und führt hier einen Diskurs mit mir! Seid Ihr doppelt?
Ist das vernünftig? Ist das logisch? Schert Euch in die Hölle,
Schäker!' Da antwortete er niedergeschlagen: 'Du hast mir nichts
vorzurücken--mach dich nicht mausig. Auch du, Wertmüller, bist tot.'"
Pfannenstiel überlief es kalt. Dieser Traum am Vorabende des ohne
Zweifel blutigen Feldzuges, welcher dem General draußen im Reiche
bevorstand, schien ihm von ernster Vorbedeutung, und er sann auf ein
Wort geistlicher Zusprache.
Auch Wertmüller konnte seinen Traum, nachdem er ihn einmal mitgeteilt,
nicht sogleich wieder loswerden. "Der Oberst wurde von seinem
Liebchen mit der Axt wie ein Stier niedergeschlagen", erging er sich
in lauten Gedanken, "mir wird es so gut nicht werden. Fallen--wohlan!
Aber nicht in einem Bettwinkel krepieren!"
Vielleicht dachte er an Gift, denn er war am Hofe zu Wien in ein
hartnäckiges Intrigenspiel verwickelt und hatte sich dort durch seinen
Ehrgeiz Todfeinde gemacht.
"Ehe ich meinen Koffer packe", fuhr er nach einer Pause fort, "möchte
ich wohl noch einen Menschen glücklich machen--"
Dem Kandidaten schoß das Wasser in die Augen, nicht in selbstsüchtigen
Gedanken, sondern in uneigennütziger Freude über diese schöne Regung;
doch es trocknete schnell, als der General seinen Satz abschloß:
"--besonders wenn sich ein kräftiger Schabernack damit verbinden ließe."
Das abergläubische Gefühl, das den General angewandelt hatte, war
rasch vorübergegangen. "Was ist Euer Anliegen?" fragte er seinen Gast
mit einer jener brüsken Wendungen, die ihm geläufig waren. "Ihr seid
nicht hierhergekommen, um Euch meine Träume erzählen zu lassen."
Nun berichtete Pfannenstiel dem Generale mit einer unschuldigen List,
denn er wollte ihm seine Liebesverzweiflung, für die er ihm kein Organ
zutraute, nicht verraten, wie ihn über dem Studium der Odyssee ein
unwiderstehliches Verlangen ergriffen, die Heimat Homers, die goldene
Hellas kennenzulernen. Da er keinen andern Weg wisse, seine
Wanderlust zu befriedigen, sei ihm der Gedanke gekommen, sich bei dem
Herrn für die Feldkaplanei seiner venezianischen Kompanie zu melden,
die ja in den griechischen Besitzungen der Republik stationiere. "Sie
ist erledigt", schloß er, "und wenn Ihr mir ein weniges gewogen seid,
weiset Ihr mir die Stelle zu."
Wertmüller blickte ihn scharf an. "Ich bin der letzte", sagte er,
"der einem jungen Menschen eine gefährliche Karriere widerriete! Aber
er muß dazu qualifiziert sein. Euer Knochengerüste, Freund, ist nicht
fest genug gezimmert. Der erste beste relegierte Raufbold von Leipzig
oder Jena wird meinen Kerlen mehr imponieren als Euer Johannesgesicht.
Schlagt Euch das aus dem Kopfe. Wollt Ihr den Süden sehen, so sucht
als Hofmeister Dienste bei einem jungen Kavalier und klopft ihm die
Kleider! Doch auch das kann Euch nicht taugen. Das beste ist, Ihr
bleibt zu Hause. Blickt aus! Zählt alle die Turmspitzen am See--das
Kanaan der Pfarrer. Hier ist Euer Rhodus, hier tanzt--will sagen
predigt!--Wozu sind die Geleise bürgerlicher Berufsarten da, als daß
Euresgleichen sie befahre? Ihr wißt nicht, welcher Schenkelschluß
dazu gehört, um das Leben souverän zu traktieren. Steht ab von Eurer
Laune!", und er machte die Gebärde, als griffe er einem Rosse in die
Zügel, das mit einem unvorsichtigen Knaben durchgegangen ist.
Es entstand eine Pause. Wieder warf der General dem Kandidaten einen
beobachtenden Blick zu.
"Ihr seid ein lauterer Mensch", sagte er dann, "und es war Euer Ernst,
Ihr würdet das griechische Abenteuer bestanden haben. Wie reimt sich
das mit dem Pfannenstiel, den ich hier vor mir sehe? Da liegt ein Aal
unter dem Steine. Ein verrückter Antiquar, wie sie zwischen den
Ruinen herumkriechen, seid Ihr nicht. Also seid Ihr desperat. Aber
warum seid Ihr desperat? Was treibt Euch weg? Heraus damit! Eine
Figur? He? Ihr errötet!"
Der sechzigjährige Wertmüller behandelte die weiblichen Wesen als
Staffage und pflegte sie schlechtweg mit dem Malerausdrucke "Figuren"
zu benennen.
"Wo habt Ihr zuletzt konditioniert?"
"In Mythikon bei Euerm Herrn Vetter während seiner Gichtanfälle."
"Bei meinem Vetter? Will sagen bei der Rahel. Nun ist alles klar und
deutlich wie mein neuverfaßtes Exerzierreglement. Das Mädchen hat
Euch den Kopf verrückt und dann, wie recht und billig, einen Korb
gegeben?"
Der zartfühlende Kandidat hätte sich eher das Herz aus dem Leibe
reißen lassen, als eingestanden, daß die Rahel--wie er daran nicht
zweifeln konnte--ihm herzlich wohlwolle. Er antwortete bescheiden:
"Der Herr Wertmüller, sonst mein Gönner, hat mich verabschiedet, weil
ich mit Schießgewehr nicht umzugehen verstehe und mich auch davor
scheue. Vor zwanzig Jahren ist damit in meiner Familie ein Unglück
begegnet. Er nötigte mich, mit ihm in die Scheibe zu schießen, und
ich habe keinen Schuß hineingebracht."
"Ihr hättet Euch weigern sollen. Das hat Euch in Rahels Augen
heruntergesetzt. Sie trifft immer ins Schwarze. Donnerwetter, da
fällt mir ein, daß ich dem Alten noch etwas schuldig bin. Der
geistliche Herr hat mir, während ich am Rheine bataillierte, meine
Meute hier ganz meisterhaft beaufsichtigt. Er ist ein Kenner. Hassan,
hol mir gleich das violette Saffianfutteral her, links zuunterst im
Glasschranke der Waffenkammer.--Laßt Euch nicht stören, Kandidat." Der
Mohr beeilte sich, und nach wenigen Augenblicken hielt Wertmüller zwei
kleine Pistolen von zierlicher Arbeit in der Hand. Er reinigte mit
einem Lederlappen die damaszierten Läufe und den Silberbeschlag der
Kolben, in welchen hübsche seltsame Arabesken eingegraben waren.
"Fortgefahren, Freund, in Eurer Elegie!" sagte er. "Das Mädchen also
gab Euch einen Korb--oder ist es möglich, liebt sie Euch? Es gibt
wunderliche Naturspiele!--und nur der Alte hätte Euch abblitzen lassen,
he? Was gab er Euch für Gründe?"
Pfannenstiel blieb erst die Antwort schuldig. Ihm war ängstlich
zumute geworden, denn der General hatte, während er sprach, den Hahn
der einen Pistole gespannt. Jetzt berührte Wertmüller den Drücker mit
ganz leisem Finger, und der Hahn schlug nieder. Er spannte die zweite,
streckte den Arm aus, schnitt eine Grimasse; nur nach harter
Anstrengung gelang es ihm loszudrücken. Das Spiel der Feder mußte
sich aus irgendeinem Grunde verhärtet haben, und er schüttelte
unzufrieden den Kopf.
Der Kandidat, der stark mit den Augen gezwinkert hatte, nahm jetzt den
Faden des Gesprächs wieder auf, um den wahren Grund seiner
Hoffnungslosigkeit anzudeuten. "Eine Wertmüllerin und ein
Pfannenstiel!" sagte er in einem resignierten Tone, als nenne er Sonne
und Mond und finde es ganz natürlich, daß dieselben nicht
zusammenkommen.
"Laß Er mich mit diesen Narreteien zufrieden!" fuhr ihn der General
hart an. "Sind wir noch nicht über die Kreuzzüge hinaus, in welcher
geistreichen Epoche die Wappen erfunden wurden? Aber auch damals, wie
überhaupt jederzeit, galt der Mann mehr als der Name, sonst wäre die
Welt längst vermodert wie ein wurmstichiger Apfel. Seh Er,
Pfannenstiel, ich gelte hier für einen Patricius; als ich aber in
kaiserliche Dienste trat, wie blickten die Herren Kollegen von soundso
viel Quartieren hochnasig auf das plebejische Mühlrad in meinem Wappen
herunter. Dennoch mußten sie es eben leiden, daß der Müller die von
ihnen mehr als zur Hälfte ruinierte Kampagne wiederherstellte und
gewann! Hör Er, Pfannenstiel, es fehlt Ihm an Selbstgefühl, und das
schadet Ihm bei der Rahel."
Der Kandidat befand sich in einem seltsamen Falle. Er konnte den
Standpunkt Wertmüllers nicht teilen, denn er fühlte dunkel, daß eine
so vollständige Vorurteilslosigkeit die ganze alte Ordnung der Dinge
durchstieß, und diese war ihm ehrwürdig, auch da, wo sie zu seinen
Ungunsten wirkte.
Aber Wertmüller verlangte keine Antwort. Er hatte sich erhoben und
trat, in jeder Hand eine Pistole, einem hochgewachsenen Mädchen
entgegen, das auf dem vom festen Lande her ausmündenden Wege einherkam.
Der General hatte den Kies unter ihren leichten, raschen Schritten
knirschen hören.
"Guten Abend, Patchen", begrüßte er sie, und seine grauen Augen
leuchteten.
Das schöne Fräulein aber zog die Brauen zusammen, bis der Alte die
beiden Pistolen, die ihr offenbar ein Ärgernis waren, die eine in die
rechte, die andere in die linke seiner geräumigen Rocktaschen steckte.
"Ich habe Besuch, Rahel", sagte er. "Erlaube mir, meinen jungen
Freund dir vorzustellen, den Herrn Kandidaten Pfannenstiel."
Die Wertmüllerin war näher getreten, während sich Pfannenstiel
linkisch von seinem Stuhle erhob. Sie bekämpfte ein Erröten, das aber
sieghaft bis in die feine Stirn und bis unter die Wurzeln ihres vollen
braunen Haares aufflammte. Der Kandidat schlug erst die Augen nieder,
als hätte er mit ihnen ein Bündnis geschlossen, keine Jungfrau
anzuschauen, erhob sie dann aber mit einem so innigen und strahlenden
Ausdrucke des Glückes und der Liebe, und seine guten Blicke fanden in
zwei braunen Augen einen so warmen Empfang, daß selbst der alte
Spötter seine Freude hatte an der ungeschminkten Neigung zweier
unschuldiger Menschenkinder.
Er vermehrte seltsamerweise die erste süße Verwirrung der beiden mit
keinem Scherzworte. Ist es nicht, als ob ein tiefes und wahres Gefühl
in seinem natürlichen und bescheidenen Ausdrucke aus dieser Welt des
Zwanges und der Maske uns in eine zugleich größere und einfachere
versetze, wo der Spott keine Stelle findet?
Lange freilich hätte er sie nicht ungeneckt gelassen, aber das
gescheite und tapfere Mädchen enthob ihn der Versuchung. "Ich habe
mit Euch zu reden, Pate", sagte sie, "und gehe voran nach der zweiten
Bank am See. Laßt mich nicht zu lange warten!"
Sie verbeugte sich leicht gegen den Kandidaten und war verschwunden.
Der General nahm diesen bei der Hand und führte ihn eine Treppe hinauf
in sein Bibliothekzimmer, in das die Seebreite durch drei hohe
Bogenfenster hereinleuchtete.
"Seid getrost", sagte er, "ich werde bei der Rahel für Euch Partei
nehmen. Unterdessen wird es Euch hier an Unterhaltung nicht mangeln.
Ihr liebt Bücher! Hier findet Ihr die Poeten des Jahrhunderts tutti
quanti." Er zeigte auf einen Glasschrank und verließ den Saal. Da
standen sie in glänzenden Reihen, die Franzosen, die Italiener, die
Spanier, selbst einige Engländer, ein gehäufter Schatz von Geist,
Phantasie und Wohllaut, und Wertmüller, der ohne Frage auf der Höhe
der Zeitbildung stand, würde ungläubig den Kopf geschüttelt haben,
wenn ihm zugeflüstert worden wäre, einer fehle hier, der sie alle
insgesamt voll aufwiege.
Der überall Belesene hatte William Shakespeare nicht einmal nennen
hören.
Der Kandidat ließ die Poeten unberührt, denn für ein junges Blut ist
die Nähe der Geliebten mehr als alle neun Musen.