So wurde Pfannenstiel wie ein Geächteter unter den Eichen der
Halbinsel ausgesetzt. Ein enger Pfad vertiefte sich in das Halbdunkel,
und er zögerte nicht, ihn zu betreten. Mit Diebesschritten eilte er
durch das unter seinen Sohlen raschelnde Laub einer nahen Lichtung zu.
Das einem bösen Traume verwandte Gefühl, den fremden Besitz auf so
ungewöhnlichem Wege zu betreten, gab ihm Flügel, doch begann auch das
Element des Abenteuerlichen, das in jedem Menschenherzen schlummert,
seinen geheimen Reiz auf ihn auszuüben. So wirft sich ein Badender in
die Flut, die er zuerst leise schauernd mit der Zehe geprüft hat.
Die bald erreichte Lichtung war nur eine beschränkte, von oben wie
durch eine Kuppelöffnung erhellte Moosstelle. Ein darauf spielendes
Eichhorn setzte über den Kopf des Kandidaten weg auf einen
niederhangenden Zweig, der erst ins Schwanken geriet, als das schnelle
Tierchen schon einen zweiten erreicht hatte.
Wieder führte der Pfad eine Weile durch das grüne Dunkel, bis er sich
plötzlich wandte und der Kandidat das Landhaus in der Entfernung von
wenigen Schritten vor sich erblickte.
Diese Schritte aber tat er sehr langsam. Er gehörte zu jenen
schüchternen Leuten, für welche das Auftreten und das Abgehen mit
Schwierigkeiten verbunden ist, und der General stand im Rufe, seinen
Gästen nur dieses, nicht aber jenes zu erleichtern. So kam es, daß er
hinter der äußersten Eiche, einem gewaltigen Stamme, unschlüssig
stehenblieb. Was er indessen aus seinem Verstecke hervor erlauschte,
war ein idyllisches Bild, das ihn in keiner Weise hätte einschüchtern
können.
Der General plauderte in der hallenartig gebauten und zur jetzigen
Herbstzeit nur allzu luftigen Veranda, deren sechs hohe Säulen ein
prächtiges ausländisches Weinlaub umwand, gemütlich mit seinem Nachbar,
dem Krachhalder, einem der Kirchenältesten von Mythikon, die der
Kandidat während seines Vikariats allsonntäglich im Chore hatte sitzen
sehen und die ihm bekannt waren wie die zwölf Apostel. Mit
aufgestützten Ellenbogen ritt Wertmüller auf einem leichten Sessel und
zeigte seine scharfe Habichtsnase und das stechende Kinn im Profil,
während der schöne, alte, schlaue Kopf des Krachhalders einen ungemein
milden Ausdruck hatte.
"Wir sind wie die Blume des Feldes", führte der Alte in erbaulicher
Weise das Gespräch, "und es trifft sich, Herr Wertmüller, daß wir
beide in diesen Tagen unser Haus bestellen. Ich mache Euch kein
Geheimnis daraus: Drei Pfund vergabe ich zur neuen Beschindelung
unserer Kirchturmspitze."
"Ich will mich auch nicht als Lump erweisen", versetzte der General,
"und werfe testamentarisch ebensoviel aus zur Vergoldung unsers
Gockels, daß sich das Tier nicht schämen muß, auf der neubeschindelten
Spitze zu sitzen."
Der Krachhalder schlurfte bedächtig aus dem vor ihm stehenden Glase,
dann sprach er: "Ihr seid kein kirchlicher Mann, aber Ihr seid ein
gemeinnütziger Mann. Erfahret: Die Gemeinde erwartet etwas von Euch."
"Und was erwartet die Gemeinde von mir?" fragte der General neugierig.
"Wollt Ihr es wissen? Und werdet Ihr es nicht zürnen?"
"Durchaus nicht."
Der Krachhalder machte eine zweite Pause. "Vielleicht ist Euch eine
andere Stunde gelegener", sagte er.
"Es gibt keine andere Stunde als die gegenwärtige. Benützt sie!"
"Ihr würdet Euch ein schönes Andenken stiften, Herr General, bei Kind
und Kindeskind..."
"Ich unterschätze den Nachruhm nicht", sagte der General.
Dem Krachhalder, der den wunderlichen Herrn so aufgeräumt sah, schien
der günstige Augenblick gekommen, dem lange genährten Wunsche der
Mythikoner in vorsichtigen Worten Gestalt zu geben.
"Euer Forst im Wolfgang, Herr Wertmüller", begann er zögernd. Der
General verfinsterte sich plötzlich, und der alte Bauer sah es wie
eine Donnerwolke aufsteigen, "stößt seine Spitze..."
"Wohin stößt er seine Spitze?" fragte Wertmüller grimmig.
Der Krachhalder überlegte, ob er vor- oder rückwärts wolle, ungefähr
wie ein mitten auf dem See vom Sturm Überraschter. Er entschied sich
für das Vorrücken. "... mitten durch unsere Gemeindewaldung..."
Jetzt sprang der General mit einem Satze von seinem Sessel auf, faßte
ihn an einem Bein, schwang ihn durch die Lüfte und setzte sich in
Fechtpositur.
"Wollen mich die Mythikoner plündern?" schrie er wütend, "bin ich
unter die Räuber gefallen?" Dann fuhr er, seine hölzerne Waffe senkend,
gelassener fort: "Daraus wird nichts, Krachhalder. Redet das den
Leuten aus. Ich will Euch nicht noch von jenseits des Grabes eine
Nase drehen!"
"Nichts für ungut", versetzte der Alte mit Ruhe, "Ihr werdet es
bedenken, Herr Wertmüller."
Auch er hatte sich erhoben und nahm von dem Generale mit einem
treuherzigen Händedruck den landesüblichen Abschied.
Wertmüller geleitete ihn ein paar Schritte, dann wandte er sich, und
vor ihm stand sein Leibmohr Hassan. Der Schwarze machte eine
flehentliche Gebärde und bat, das Deutsche wunderlich radbrechend, um
einen Urlaub für morgen nachmittag; denn seine Seele zog ihn zu seinen
neuen Freunden in Meilen.
"Bist du ganz des Teufels, Hassan!" schalt ihn der General. "Sie
haben dir letzten Sonntag drüben arg genug mitgespielt."
"Mitgespielt!" wiederholte der Mohr, der das Wort mißverstand. "Schön,
wundervoll Spiel!"
"Hast du denn gar kein Ehrgefühl? Die Berührung mit der Zivilisation
richtet dich zugrunde--du säufst wie ein Christ!"
"Nicht saufen, Gnaden! Schön Spiel, einzig Spiel! J-aß!" Er riß eine
solche Grimasse und verdrehte die Augen mit so leidenschaftlicher
Inbrunst, daß Pfannenstiel, der, wie oft die unschuldigen Menschen,
viel Sinn für das Komische und überdies jetzt etwas gespannte Nerven
hatte, in ein vernehmliches Gekicher ausbrach, welches er mit aller
Gewalt nicht unterdrücken konnte.
Seine Gegenwart verraten sehend, trat der Kandidat, da er nicht wie
eine überraschte Dryade in die Eiche hineinschlüpfen konnte, verschämt
hinter derselben hervor und näherte sich dem General mit wiederholten
verlegenen Bücklingen.
"Was will denn Er hier?" fragte dieser gedehnt und maß ihn vom Wirbel
bis zur Zehe: "Wer ist Er?"
"Ich bin der Vetter... des Vetters... vom Vetter..." stotterte der
Angeredete.
Der General runzelte die Stirne.
"Mein Vater war ein Pfannenstiel und meine Mutter ist eine selige
Kollenbutz..."
"Will Er mir seinen ganzen verfluchten Stammbaum explizieren? Was
Vetter? Mein Bruder ist Er--alle Menschen sind Brüder! Scher Er sich
zum Teufel!" und Wertmüller wandte ihm den Rücken.
Pfannenstiel regte sich nicht. Der Empfang des Generals hatte ihn
versteinert.
"Fannen-stiel--", buchstabierte der Schwarze das ihm noch unbekannte
Wort, als wolle er seinen deutschen Sprachschatz bereichern.
"Pfannenstiel?" wiederholte auch der aufmerksam werdende General, "der
Name ist mir bekannt--halt, Er ist doch nicht der Autor", und er
kehrte sich dem Jüngling wieder zu, "der mir gestern seine
Dissertation über die Symbolik der Odyssee zugesendet hat?"
Pfannenstiel neigte bejahend das Haupt.
"Dann ist Er ja ein ganz liebenswürdiger Mensch!" sagte Wertmüller und
ergriff ihn freundlich bei der Hand. "Wir müssen uns kennenlernen."