Drittes Kapitel

So wurde Pfannenstiel wie ein Geächteter unter den Eichen der

Halbinsel ausgesetzt. Ein enger Pfad vertiefte sich in das Halbdunkel,

und er zögerte nicht, ihn zu betreten. Mit Diebesschritten eilte er

durch das unter seinen Sohlen raschelnde Laub einer nahen Lichtung zu.

Das einem bösen Traume verwandte Gefühl, den fremden Besitz auf so

ungewöhnlichem Wege zu betreten, gab ihm Flügel, doch begann auch das

Element des Abenteuerlichen, das in jedem Menschenherzen schlummert,

seinen geheimen Reiz auf ihn auszuüben. So wirft sich ein Badender in

die Flut, die er zuerst leise schauernd mit der Zehe geprüft hat.

Die bald erreichte Lichtung war nur eine beschränkte, von oben wie

durch eine Kuppelöffnung erhellte Moosstelle. Ein darauf spielendes

Eichhorn setzte über den Kopf des Kandidaten weg auf einen

niederhangenden Zweig, der erst ins Schwanken geriet, als das schnelle

Tierchen schon einen zweiten erreicht hatte.

Wieder führte der Pfad eine Weile durch das grüne Dunkel, bis er sich

plötzlich wandte und der Kandidat das Landhaus in der Entfernung von

wenigen Schritten vor sich erblickte.

Diese Schritte aber tat er sehr langsam. Er gehörte zu jenen

schüchternen Leuten, für welche das Auftreten und das Abgehen mit

Schwierigkeiten verbunden ist, und der General stand im Rufe, seinen

Gästen nur dieses, nicht aber jenes zu erleichtern. So kam es, daß er

hinter der äußersten Eiche, einem gewaltigen Stamme, unschlüssig

stehenblieb. Was er indessen aus seinem Verstecke hervor erlauschte,

war ein idyllisches Bild, das ihn in keiner Weise hätte einschüchtern

können.

Der General plauderte in der hallenartig gebauten und zur jetzigen

Herbstzeit nur allzu luftigen Veranda, deren sechs hohe Säulen ein

prächtiges ausländisches Weinlaub umwand, gemütlich mit seinem Nachbar,

dem Krachhalder, einem der Kirchenältesten von Mythikon, die der

Kandidat während seines Vikariats allsonntäglich im Chore hatte sitzen

sehen und die ihm bekannt waren wie die zwölf Apostel. Mit

aufgestützten Ellenbogen ritt Wertmüller auf einem leichten Sessel und

zeigte seine scharfe Habichtsnase und das stechende Kinn im Profil,

während der schöne, alte, schlaue Kopf des Krachhalders einen ungemein

milden Ausdruck hatte.

"Wir sind wie die Blume des Feldes", führte der Alte in erbaulicher

Weise das Gespräch, "und es trifft sich, Herr Wertmüller, daß wir

beide in diesen Tagen unser Haus bestellen. Ich mache Euch kein

Geheimnis daraus: Drei Pfund vergabe ich zur neuen Beschindelung

unserer Kirchturmspitze."

"Ich will mich auch nicht als Lump erweisen", versetzte der General,

"und werfe testamentarisch ebensoviel aus zur Vergoldung unsers

Gockels, daß sich das Tier nicht schämen muß, auf der neubeschindelten

Spitze zu sitzen."

Der Krachhalder schlurfte bedächtig aus dem vor ihm stehenden Glase,

dann sprach er: "Ihr seid kein kirchlicher Mann, aber Ihr seid ein

gemeinnütziger Mann. Erfahret: Die Gemeinde erwartet etwas von Euch."

"Und was erwartet die Gemeinde von mir?" fragte der General neugierig.

"Wollt Ihr es wissen? Und werdet Ihr es nicht zürnen?"

"Durchaus nicht."

Der Krachhalder machte eine zweite Pause. "Vielleicht ist Euch eine

andere Stunde gelegener", sagte er.

"Es gibt keine andere Stunde als die gegenwärtige. Benützt sie!"

"Ihr würdet Euch ein schönes Andenken stiften, Herr General, bei Kind

und Kindeskind..."

"Ich unterschätze den Nachruhm nicht", sagte der General.

Dem Krachhalder, der den wunderlichen Herrn so aufgeräumt sah, schien

der günstige Augenblick gekommen, dem lange genährten Wunsche der

Mythikoner in vorsichtigen Worten Gestalt zu geben.

"Euer Forst im Wolfgang, Herr Wertmüller", begann er zögernd. Der

General verfinsterte sich plötzlich, und der alte Bauer sah es wie

eine Donnerwolke aufsteigen, "stößt seine Spitze..."

"Wohin stößt er seine Spitze?" fragte Wertmüller grimmig.

Der Krachhalder überlegte, ob er vor- oder rückwärts wolle, ungefähr

wie ein mitten auf dem See vom Sturm Überraschter. Er entschied sich

für das Vorrücken. "... mitten durch unsere Gemeindewaldung..."

Jetzt sprang der General mit einem Satze von seinem Sessel auf, faßte

ihn an einem Bein, schwang ihn durch die Lüfte und setzte sich in

Fechtpositur.

"Wollen mich die Mythikoner plündern?" schrie er wütend, "bin ich

unter die Räuber gefallen?" Dann fuhr er, seine hölzerne Waffe senkend,

gelassener fort: "Daraus wird nichts, Krachhalder. Redet das den

Leuten aus. Ich will Euch nicht noch von jenseits des Grabes eine

Nase drehen!"

"Nichts für ungut", versetzte der Alte mit Ruhe, "Ihr werdet es

bedenken, Herr Wertmüller."

Auch er hatte sich erhoben und nahm von dem Generale mit einem

treuherzigen Händedruck den landesüblichen Abschied.

Wertmüller geleitete ihn ein paar Schritte, dann wandte er sich, und

vor ihm stand sein Leibmohr Hassan. Der Schwarze machte eine

flehentliche Gebärde und bat, das Deutsche wunderlich radbrechend, um

einen Urlaub für morgen nachmittag; denn seine Seele zog ihn zu seinen

neuen Freunden in Meilen.

"Bist du ganz des Teufels, Hassan!" schalt ihn der General. "Sie

haben dir letzten Sonntag drüben arg genug mitgespielt."

"Mitgespielt!" wiederholte der Mohr, der das Wort mißverstand. "Schön,

wundervoll Spiel!"

"Hast du denn gar kein Ehrgefühl? Die Berührung mit der Zivilisation

richtet dich zugrunde--du säufst wie ein Christ!"

"Nicht saufen, Gnaden! Schön Spiel, einzig Spiel! J-aß!" Er riß eine

solche Grimasse und verdrehte die Augen mit so leidenschaftlicher

Inbrunst, daß Pfannenstiel, der, wie oft die unschuldigen Menschen,

viel Sinn für das Komische und überdies jetzt etwas gespannte Nerven

hatte, in ein vernehmliches Gekicher ausbrach, welches er mit aller

Gewalt nicht unterdrücken konnte.

Seine Gegenwart verraten sehend, trat der Kandidat, da er nicht wie

eine überraschte Dryade in die Eiche hineinschlüpfen konnte, verschämt

hinter derselben hervor und näherte sich dem General mit wiederholten

verlegenen Bücklingen.

"Was will denn Er hier?" fragte dieser gedehnt und maß ihn vom Wirbel

bis zur Zehe: "Wer ist Er?"

"Ich bin der Vetter... des Vetters... vom Vetter..." stotterte der

Angeredete.

Der General runzelte die Stirne.

"Mein Vater war ein Pfannenstiel und meine Mutter ist eine selige

Kollenbutz..."

"Will Er mir seinen ganzen verfluchten Stammbaum explizieren? Was

Vetter? Mein Bruder ist Er--alle Menschen sind Brüder! Scher Er sich

zum Teufel!" und Wertmüller wandte ihm den Rücken.

Pfannenstiel regte sich nicht. Der Empfang des Generals hatte ihn

versteinert.

"Fannen-stiel--", buchstabierte der Schwarze das ihm noch unbekannte

Wort, als wolle er seinen deutschen Sprachschatz bereichern.

"Pfannenstiel?" wiederholte auch der aufmerksam werdende General, "der

Name ist mir bekannt--halt, Er ist doch nicht der Autor", und er

kehrte sich dem Jüngling wieder zu, "der mir gestern seine

Dissertation über die Symbolik der Odyssee zugesendet hat?"

Pfannenstiel neigte bejahend das Haupt.

"Dann ist Er ja ein ganz liebenswürdiger Mensch!" sagte Wertmüller und

ergriff ihn freundlich bei der Hand. "Wir müssen uns kennenlernen."

Der Schuß von der Kanzel · 第 7 / 16 题