Wenig später saß der verliebte und verzweifelnde Kandidat auf dem
Querbrette eines langen und schmalen Nachens, den der junge Schiffmann
Bläuling mitten über die Seebreite mit kaum aus dem Wasser gehobenem
Ruder der Au zulenkte.
Schon warf das schweigsame Eichendunkel seine schwarzen Abendschatten
weit auf die schauernden Gewässer hinaus. Bläuling, ein ernsthafter,
verschlossener Mensch mit regelmäßigen Gesichtszügen, tat den Mund
nicht auf. Sein Nachen schoß gleichmäßig und kräftig, wie ein
selbständiges Wesen durch die unruhige Flut. Auf und nieder war der
ganze See mit gewölbten Segeln bevölkert; denn es war Sonnabend und
die Schiffe kehrten von dem gestrigen städtischen Wochenmarkte heim.
Drei Segel flogen heran, die eine Figur mit sich verschiebenden
Endpunkten bildeten, und schlossen das Schifflein des Kandidaten in
ihre Linien ein. "Nehmt mich mit in die weite Freiheit!" flehte er
sie unbewußt an, aber sie entließen ihn wieder aus ihrem wandernden
Netze.
Unterdessen näherte sich zusehends das Landhaus des Generals und
entwickelte seine Fassade. Der fest, aber leicht aufstrebende Bau
hatte nichts zu tun mit den landesüblichen Hochgiebeln, und es war,
als hätte er bei seiner Eigenart die Einsamkeit absichtlich aufgesucht.
"Dort ist das Kämmerlein der Türkin", ließ sich jetzt der schweigsame
Bläuling vernehmen, indem seine Rechte das Ruder fahren ließ und nach
der Südecke des Hauses zeigte. "Der Türkin?" Der ganze Kandidat wurde
zu einem bedenklichen Fragezeichen.
"Nun ja, der Türkin des Wertmüllers; er hat sie aus dem Morgenlande
heimgebracht, wo er für den Venezianer Krieg führte. Ich habe sie
schon oft gesehen, ein hübsches Weibsbild mit goldenem Kopfputze und
langen, offenen Haaren; gewöhnlich wenn ich vorüberfahre, legt sie die
Finger an den Mund, als pfiffe sie einem Mannsvolk; aber gegenwärtig
liegt sie nicht im Fenster."
Ein langgezogener Ruf schnitt durch die Lüfte, gerade über die Barke
hin: "Sweine-und!" scholl es vernehmlich vom Ufer her.
Der aufgebrachte Bläuling schlug sein Ruder ins Wasser, daß zischend
und spritzend ein breiter Strahl an der Seite des Fahrzeuges
emporschoß.
"So wird man", zürnte er, "seit den paar Tagen, daß der Wertmüller
wieder hier ist, überall auf dem See mit Namen gerufen. Es ist der
verreckte Schwarze, der mit dem Sprachrohre des Generals rumort und
spektakelt. Vergangenen Sonntag im Löwen zu Meilen schenkten sie ihm
ein und soffen ihn unter den Tisch. Dann brachten sie ihn nachts in
meinem Schiffe dem Wertmüller zurück. Nun schimpft der Kaminfeger
durch das Rohr nach Meilen hinüber, aber morgen, beim Eid, sitzt er
wieder unter uns im Löwen.--Nun frage ich: woher hat der Mohr das
fremde Wort? Hier sagt man sich auch wüst, aber nicht so."
"Der General wird ihn so schelten", bemerkte Pfannenstiel kleinlaut.
"So ist es, Herr", stimmte der Bursche ein. "Der Wertmüller bringt
die hochdeutschen, fremdländischen Wörter ins Land, der Staatsverräter!
Aber ich lasse mir auf dem See nicht so sagen, beim Eid nicht."
Bläuling wandte ohne weiteres seine Barke und gewann mit eiligen,
kräftigen Ruderzügen wieder die Seemitte.
"Was ficht Euch an, guter Freund? Ich beschwöre Euch", eiferte
Pfannenstiel. "Hinüber muß ich! Nehmt doppelte Löhnung!"
Doch das Silber verlor seine Kraft gegen die patriotische Entrüstung,
und der Kandidat mußte sich auf das Bitten und Flehen legen. Mit Mühe
erlangte er von dem beleidigten Bläuling, daß ihn dieser, "weil Ihr es
seid", sagte der Bursche, außerhalb der Tragweite des Sprachrohres um
die ganze Halbinsel herum in ihre südliche Bucht beförderte. Dort
ließ er den Kandidaten ans Ufer steigen und ruderte nach wenigen
Minuten den sich rasch verkleinernden Nachen wieder mitten in der
Bläue.