Zweites Kapitel

Wenig später saß der verliebte und verzweifelnde Kandidat auf dem

Querbrette eines langen und schmalen Nachens, den der junge Schiffmann

Bläuling mitten über die Seebreite mit kaum aus dem Wasser gehobenem

Ruder der Au zulenkte.

Schon warf das schweigsame Eichendunkel seine schwarzen Abendschatten

weit auf die schauernden Gewässer hinaus. Bläuling, ein ernsthafter,

verschlossener Mensch mit regelmäßigen Gesichtszügen, tat den Mund

nicht auf. Sein Nachen schoß gleichmäßig und kräftig, wie ein

selbständiges Wesen durch die unruhige Flut. Auf und nieder war der

ganze See mit gewölbten Segeln bevölkert; denn es war Sonnabend und

die Schiffe kehrten von dem gestrigen städtischen Wochenmarkte heim.

Drei Segel flogen heran, die eine Figur mit sich verschiebenden

Endpunkten bildeten, und schlossen das Schifflein des Kandidaten in

ihre Linien ein. "Nehmt mich mit in die weite Freiheit!" flehte er

sie unbewußt an, aber sie entließen ihn wieder aus ihrem wandernden

Netze.

Unterdessen näherte sich zusehends das Landhaus des Generals und

entwickelte seine Fassade. Der fest, aber leicht aufstrebende Bau

hatte nichts zu tun mit den landesüblichen Hochgiebeln, und es war,

als hätte er bei seiner Eigenart die Einsamkeit absichtlich aufgesucht.

"Dort ist das Kämmerlein der Türkin", ließ sich jetzt der schweigsame

Bläuling vernehmen, indem seine Rechte das Ruder fahren ließ und nach

der Südecke des Hauses zeigte. "Der Türkin?" Der ganze Kandidat wurde

zu einem bedenklichen Fragezeichen.

"Nun ja, der Türkin des Wertmüllers; er hat sie aus dem Morgenlande

heimgebracht, wo er für den Venezianer Krieg führte. Ich habe sie

schon oft gesehen, ein hübsches Weibsbild mit goldenem Kopfputze und

langen, offenen Haaren; gewöhnlich wenn ich vorüberfahre, legt sie die

Finger an den Mund, als pfiffe sie einem Mannsvolk; aber gegenwärtig

liegt sie nicht im Fenster."

Ein langgezogener Ruf schnitt durch die Lüfte, gerade über die Barke

hin: "Sweine-und!" scholl es vernehmlich vom Ufer her.

Der aufgebrachte Bläuling schlug sein Ruder ins Wasser, daß zischend

und spritzend ein breiter Strahl an der Seite des Fahrzeuges

emporschoß.

"So wird man", zürnte er, "seit den paar Tagen, daß der Wertmüller

wieder hier ist, überall auf dem See mit Namen gerufen. Es ist der

verreckte Schwarze, der mit dem Sprachrohre des Generals rumort und

spektakelt. Vergangenen Sonntag im Löwen zu Meilen schenkten sie ihm

ein und soffen ihn unter den Tisch. Dann brachten sie ihn nachts in

meinem Schiffe dem Wertmüller zurück. Nun schimpft der Kaminfeger

durch das Rohr nach Meilen hinüber, aber morgen, beim Eid, sitzt er

wieder unter uns im Löwen.--Nun frage ich: woher hat der Mohr das

fremde Wort? Hier sagt man sich auch wüst, aber nicht so."

"Der General wird ihn so schelten", bemerkte Pfannenstiel kleinlaut.

"So ist es, Herr", stimmte der Bursche ein. "Der Wertmüller bringt

die hochdeutschen, fremdländischen Wörter ins Land, der Staatsverräter!

Aber ich lasse mir auf dem See nicht so sagen, beim Eid nicht."

Bläuling wandte ohne weiteres seine Barke und gewann mit eiligen,

kräftigen Ruderzügen wieder die Seemitte.

"Was ficht Euch an, guter Freund? Ich beschwöre Euch", eiferte

Pfannenstiel. "Hinüber muß ich! Nehmt doppelte Löhnung!"

Doch das Silber verlor seine Kraft gegen die patriotische Entrüstung,

und der Kandidat mußte sich auf das Bitten und Flehen legen. Mit Mühe

erlangte er von dem beleidigten Bläuling, daß ihn dieser, "weil Ihr es

seid", sagte der Bursche, außerhalb der Tragweite des Sprachrohres um

die ganze Halbinsel herum in ihre südliche Bucht beförderte. Dort

ließ er den Kandidaten ans Ufer steigen und ruderte nach wenigen

Minuten den sich rasch verkleinernden Nachen wieder mitten in der

Bläue.

Der Schuß von der Kanzel · 第 6 / 16 题