Wie zu Allerseelen, so trüb und traurig war der Tag; der Anblick der

Stadt glich einem Trauerhause. Zahllose Wagen fuhren mit weinenden

schwarzgekleideten Insassen durch die Strassen, Kränze in allen

Dimensionen wurden Strass’ auf Strass’ ab gefahren und getragen. Wenn

ein solcher Trauerwagen vorbeirollte, zog es förmlich die Hand zum

Hute. Wie viel Schmerz schleppte sich da hinaus zur Begräbnissstätte!

Am Centralfriedhofe gähnten schon vom frühen Morgen an 65 frische

Gräber um die Leichen Derjenigen aufzunehmen, welche durch ihre

Anverwandten zur letzten Ruhe geleitet wurden.

Die Tragödie des fluchbeladenen Hauses, wie man das Ereigniss

in Wien nannte, nahte sich ihrem Ende. Noch brennen hunderte von

menschlichen Körpern in dem grossen Flammengrabe am Schottenring,

aber der Mensch entriss selbst den Flammen die Körper einer grossen

Anzahl Todter und für diese öffnete sich die Erde an diesem Tage,

um diese in sich aufzunehmen. Die Schollen Erde, welche von den die

Särge Begleitenden hinabgeworfen wurden, hallten dumpf grollend

herauf zur Oberwelt. Schlaft ruhig, ihr erstbegrabenen Märtyrer der

furchtbaren Versäumniss! Ihr seid die Opfer für eine bessere Zukunft

der Hinterbliebenen. Wesshalb bei diesen ersten fünfundsechzig Todten

keine officielle Persönlichkeit am Friedhof anwesend war, ist mir nicht

gut verständlich. Sind sie denn durch eigenes Verschulden um’s Leben

gekommen, oder haben sie ihr Leben eingebüsst, vertrauend auf den

persönlichen Schutz, der jedem Staatsbürger garantirt wird? Wesshalb

die Absentirung der officiellen Persönlichkeiten? Sie hätten da weinen

gehört, wie sie noch niemals, niemals, niemals weinen gehört haben

können.

[Illustration: Wiedergefunden.]

An der Ostseite der Leichenhalle, auf dem Podium aus schwarzem

Marmor, über welchem mit goldenen Lettern Hiob’s Worte zu lesen sind:

«Gott hat’s gegeben, Gott hat’s genommen», standen die Functionäre zur

Trauerfeierlichkeit bereit; die Rabbiner und Cantoren in ritueller

Tracht, die Mitglieder des Tempelchores, brennende Kerzen tragend,

im Halbkreise. Da öffneten sich auf ein gegebenes Zeichen die hohen

Flügelthüren, vier Männer brachten einen schwarzverhängten Sarg in

den Saal und liessen ihn auf dem Podium nieder. Hinter dem Sarge

schritten in resignirtem Schmerze die Eltern dieses ersten Todten

— des Handelsakademikers Leopold Duschinsky. In der Menge entstand

eine Bewegung unendlichen Schmerzes und als Rabbiner Schmiedel (aus

Fünfhaus) mit Hiob’s ergebungsvollem Spruche seine Rede einleitete,

brach Alles in lautes Weinen aus. Ein alter Mann an der Thüre

brach ohnmächtig zusammen; es war Herr Kreissl, der unglückliche

Schwiegervater des Dr. Groag. Rabbiner Schmiedel sagte:

«Alle Eure Brüder, das ganze Haus Israel, beweinen den grossen Brand,

den Gott angezündet hat. (Grosse Bewegung.) Unzählige Male stand ich

schon auf dieser Trauerstätte, jedesmal mit von Theilnahme erfülltem

Herzen. Aber so bis in’s innerste Mark hinein erschüttert war mein Herz

noch niemals wie heute, denn eine grosse Stadt mit Hunderttausenden

von Bewohnern trägt heute Trauer, kaum Eine Familie ist in dieser

Stadt, die nicht einen Angehörigen oder einen Freund vermisst. Ach,

an der Stätte des Schauers hörte man so häufig Worte, gleich jenen,

welche zu dem jammernden Patriarchen gesprochen wurden: «Ist das

vielleicht das Kleid, das Dein Kind getragen hat?» (Grosse Bewegung;

lautes, minutenlanges Schluchzen.) Sind das vielleicht die Züge seines

Antlitzes, welche mitten im verzweifelten Kampfe noch unentstellt

geblieben sind? Und mitten in diesem aufgethürmten Leichenberge

von entseelten Leichen war dieser junge Mann hier der Erste, der

aufgefunden wurde, gestern noch ein blühender, von Kraft und Gesundheit

strotzender Jüngling, der einzige Sohn, die einzige Freude seiner

gottgesegneten Eltern. Sein Vater erkannte das Kleid seines Sohnes.

Gleich dem Patriarchen sprach er: «Mein Sohn ist zerrissen worden.»

Nach der Grabrede hoben die Leichenbestatter den Sarg und brachten

ihn nach dem für ihn bestimmten Grabe. Drei Schollen warf der Vater,

drei Schollen die Mutter dem todten Sohne in’s Grab — das waren die

ersten Schollen. Zwei andere Särge: sie bargen die Leichen des Doctor

Jaques ~Groag~ und seiner Gattin Clementine. Die Einsegnung wurde von

Dr. ~Jellinek~ vorgenommen. Nachdem Prediger ~Jellinek~ dem Ehepaare

~Groag~ einen warmen Nachruf gehalten hatte, fuhr er in seiner

Todtenrede fort:

«An diesen Särgen fühle ich mich verpflichtet, als Lehrer des

Judenthums, als Lehrer der Religion der Milde und Liebe, eine ernste

Mahnung zu richten an Alle ohne Unterschied, eine Mahnung, die tief in

die Herzen eindringen möge: Lasset uns die Todten ehren; wir wollen

nicht die Trauer, die unsere Residenz erfüllt, entweihen, bannen wir

aus unseren Herzen jeden Groll, erheben wir keine Anklage, weisen wir

zurück jede Beschuldigung! Mögen die Todten ruhen, möge kein Hass sich

erheben, kein Groll unseren Schmerz entwürdigen. Liebe und Versöhnung

möge die Bewohner unserer Stadt ohne Unterschied der Confession mit

einander verbinden! Wir sehen es ja, wie hinfällig jedes Menschenleben

ist! Lasset uns also die Todten ehren, die Trauer nicht entweihen;

Liebe, Milde und Versöhnung seien es, die von den Särgen sich erheben

und die Gemüther beruhigen; Friede und Ruhe den Dahingeschiedenen,

Friede und Trost den Hinterbliebenen, Versöhnung Allen in unserer

Stadt! Das ist der dreifach gewundene Kranz des Friedens, des Trostes

und der Versöhnung, den ich als Lehrer der Religion auf diese Särge

hinterlege!»

In ununterbrochener Reihe wurden dann noch siebzehn Leichen, und von 1

bis 3 Uhr fünfundvierzig Leichen, je acht auf einmal, eingesegnet und

bestattet.

* * * * *

Weniger zahlreich waren Sonntags die Separatleichenbegängnisse der

Angehörigen christlicher Confession. In der Spitalscapelle wurden

eingesegnet und dann nach dem Centralfriedhofe zur Beerdigung überführt:

Vormittags: Richard ~Fischer~, Carl ~Seidler~.

Nachmittags: Victor ~Ranagl~, Therese ~Hein~, Carl ~Rigal~, Leopoldine

und Maria ~Seifert~, Anna und Caroline ~Schatten~, Camillo ~Schmeidel~,

Florian ~Hofstetter~, Hildegard ~Wach~, Johann ~Strommer~.

Während der Leichenfeier dieser Opfer spielten sich in den

Aufbahrungskammern und in der Capelle wahrhaft herzbrechende

Jammerscenen ab. Besonders als die Leiche Camillo ~Schmeidel’s~ in die

Capelle getragen wurde und der «Wiener Männergesangverein», dessen

Mitglied der Verunglückte war, Reissiger’s erschütterndes «Nachtlied»

anstimmte, ertönte aus der grossen Schaar der Leidtragenden lautes

Schluchzen, so dass kein Auge trocken blieb. Fast im selben Augenblicke

brachen drinnen in der Aufbewahrungskammer zwei Frauen an dem Sarge

ihrer Schwester, welcher gleichfalls der unselige Abend des 8. December

den Tod gebracht, halb ohnmächtig zusammen.

Hohenlohe und Tewele.

Und also schloss der Schmerzens-Sonntag, der 11. December 1881,

reich an erschütternden Scenen, aber noch reicher an Thränen! — Einer

Episode sei noch Erwähnung gethan. Der Director des Carltheaters,

Herr Tewele, versuchte es, die Theater-Directoren Wiens zu bewegen,

die Theater an diesen traurigen Tagen zu schliessen, um, während

Wien in Jammer, Schmerz und Thränen aufgelöst ist, nicht Komödie

spielen zu lassen. Die Theater-Directoren unserer Vorstadt-Bühnen

hatten zugesagt: Tewele möge dem ersten Obersthofmeister Sr. Majestät

Kaiser Franz Josef I., Fürst Hohenlohe-Schillingsfürst, sein Anliegen

vortragen; was die kaiserlichen Theater thun, werden sie auch thun. Die

Audienz fand statt, die Bitte, Seitens Tewele vorgebracht, wurde vom

Obersthofmeister — abgeschlagen. So kam es, dass Wien, mit Ausnahme des

Carltheaters, an diesen Tagen Komödien spielte, an denen die Leichen

der Opfer eines Theaterbrandes agnoscirt und — die ersten Todten in die

Grube gesenkt wurden. Ueber Befehl Sr. Majestät des Kaisers blieben

die Wiener Theater am Montag den 12. December geschlossen. Nur in dem

Tingl-Tangl, genannt Danzer’s Orpheum, jodelte man, als ganz Wien

weinte.

[Illustration: Hohenlohe und Tewele.]

Leichenfeier im Stephansdome.

Der 12. December 1881. — Die Politik ruht, Streit und Hader der

Parteien im Parlamente ruhen, diese selbst vertagen ihre Sitzungen,

Wien, das lebensfrohe Wien trägt Trauer. Vom Dome zu St. Stephan

tönen schwer und bang die Glocken und gegen das Riesenthor drängt

sich Alles, was Einladungen zu dem grossen Requiem erhielt, und

Infanterie und Cavallerie hielt Jene ferne, welchen von Seite des

löblichen Gemeinderathes der Reichs-Haupt- und Residenzstadt keine

specielle «Parte» zugestellt wurde. — Doch Kritik zu üben ist nicht

meine Sache. Wir Alle stehen noch zu sehr unter dem Eindrucke, den

die Trauer von Tausenden auch auf die Nichtbetroffenen ausübt. Da

umstanden die Lenker, Schirmer und Hüter des Volkswohles den Katafalk,

die wahrhaftige Trauer spiegelte sich in ihren Gesichtern ab, denn

trotz ihrer Grösse und Stellung fühlten sie sich an diesem denkwürdigen

12. December klein und unbedeutend vor dem unbegreiflichen Etwas, was

wir mit «Zufall» bezeichnen wollen. Jedes Licht, das den Katafalk in

zehnfachen Reihen umstand, versinnlichte ihnen ein Menschenleben, das

jählings von dem Sturme ausgeblasen wurde, weil weder Schutz noch

Schirm dasselbe bewahrte!

Schiller’s herrliches Lied von der Glocke fand hier leider keine

Anwendung. Der Bürgermeister von Wien, der Vater der Stadt, er mag wohl

die Häupter seiner Lieben gezählt haben, und siehe ihm fehlten ~viele,

viele, viele theure Häupter~, an deren Sarge er nun trauernd stand.

— Wie wenig grossstädtisch dieser Schiller doch damals gedacht, als

er im Verlaufe seines Gedichtes die Glocke «um ~eines~ Todten» willen

klagen lässt, hatte man an diesem 12. December Gelegenheit zu beachten.

Einen Todten! Für wie Viele haben die Glocken zu St. Stephan an diesem

Tage geklungen und geklagt? Und ihr Klang, den die Winde hinaustrugen

bis vor das Weichbild der Stadt, kann den Jammer nicht zum Schweigen

bringen, von dem Wien, die lebensfrohe Stadt, voll ist. — Und hätten

alle Glocken des Landes mit ihrem ehernen Schalle die Luft erzittern

gemacht, hätten alle Kanonen in Oesterreichs Arsenalen, Festungen und

auf Oesterreichs Schiffen ihren Flammenmund geöffnet, der Schrei einer

einzigen Mutter, die am Grabe ihres Kindes weint, hätte alle übertönt,

ja selbst das leise Wimmern eines Kindes, das die Eltern verloren,

hätte sie Alle verstummen gemacht. — Man wollte nicht getröstet sein;

die, die geliebt wurden, sind nicht mehr, und keine, wenn auch noch so

aufrichtige Trauer kann sie uns wiedergeben. — Auf den Katafalk zu St.

Stephan stützte ein Mann in Kummer und Trauer sein Haupt, das berufen

ist, einst die Krone Oesterreichs zu tragen. Der Sohn ersetzte den in

den Schreckenstagen ferne von Wien weilenden Vater, und an diesem Tage

dürfte er kennen gelernt haben, was es heisst, an der Spitze einer

Bevölkerung zu stehen! —

Vor dem Riesenthore der Stephanskirche grenzte die Sicherheitswache ein

weites Carré ab, um das sich lautlos, ohne Drängen und Hasten, wie man

es sonst bei solchen Gelegenheiten sieht, eine grosse Menschenmenge

gruppirte. Das Tageslicht war so glanzlos, die Fenster rundum waren von

Menschen in dunkler Kleidung besetzt, dazu die schwarze Wagenburg, die

hinter der Kirche aufgefahren war, das gab ungewollt ein den traurigen

Anlass bezeichnendes, düsteres Bild.

Um 10 Uhr klangen alle Glocken in dumpfem Tone zusammen, die ernste

Feier begann, welche die Spitzen der Bevölkerung Wiens ihren einem

furchtbaren Geschicke erlegenen Mitbürgern brachten. Die Staffage des

trüben Bildes bildeten keine Neugierigen; es waren Theilnehmende. Die

spaliermachende Menschenmenge fehlte auf den Strassen; wer eben auf dem

Wege war, den der Zug passirte, der hielt an in seinem geschäftigen

Treiben, bis der lange, lange Wagenzug vorüber war. Wien hat sich ruhig

verhalten, der Würde des Tages angemessen.

Der Gottesdienst, der in der Stephanskirche am 12. December abgehalten

wurde, wird für immer denkwürdig bleiben. Die Stadt Wien, das Land,

das Kaiserhaus, haben ihre tiefe unauslöschliche Trauer in wahrhaft

erhebender Weise zum Ausdrucke gebracht. Der ehrwürdige Dom hat niemals

eine solche Menschenmenge gefasst, wie an diesem Tage. Aufrichtige

Andacht beherrschte jeden Einzelnen der viel tausendköpfigen Gemeinde,

was die Grabesstille in dem weiten Raume dargethan. Jede Note der

Kirchenmusik, jedes Wort des Priesters wurde bis in die entlegensten

Winkel gehört. Die höchsten Ehren erwies die Kirche den bürgerlichen

Opfern dieses bürgerlichen Dramas; solche Ehren werden sonst nur den

allervornehmsten Spitzen der geistlichen und weltlichen Hierarchie

erwiesen. Die höchsten Würdenträger der Kirche functionirten bei der

solennsten Feier der Neuzeit — der Sohn des Landesvaters, Kronprinz

Erzherzog Rudolf, und die Erzherzoge Carl Ludwig, Rainer, Albrecht,

Wilhelm, Carl Salvator und Johann Salvator wohnten dem Requiem in

tiefer Ergriffenheit bei.

In der Mitte der Kirche erhob sich ein hoher Katafalk, reich mit

Kränzen geschmückt, von Kerzen in vielen Reihen umgeben. Die Diener der

«Pietät» umgaben denselben und Sicherheitswachleute en parade bildeten

Spalier. Der Hochaltar im Presbyterium, die Seitenwände desselben und

die Bänke waren schwarz decorirt, und die ganze Kirche feierlichst

beleuchtet.

Das Presbyterium, wo in den Seitenbänken Leidtragende Platz nahmen,

war überfüllt. Unter den Anwesenden befanden sich die Vice-Präsidenten

des Abgeordnetenhauses, Fürst ~Lobkowitz~ und ~Gödel-Lannoy~, der

Präsident des Herrenhauses Graf ~Trauttmannsdorff~, der Bürgermeister

der Stadt Wien Dr. ~v. Newald~ und der Vicebürgermeister ~Uhl~, der

Ministerpräsident Graf ~Taaffe~, der Reichs-Kriegsminister Graf

~Bylandt-Rheidt~, ferner die Minister ~Welsersheimb~, ~Dunajewski~ und

~Ziemialkowski~, Herrenhausmitglied ~Gögl~, zahlreiche Mitglieder des

Abgeordnetenhauses, unter Anderen Professor ~Suess~, Dr. ~Rechbauer~,

~Clumecky~, Dr. ~Russ~, Graf ~Hohenwart~, Dr. ~Rieger~, Dr. ~Jaques~,

Graf ~Coronini~, Fürst ~Liechtenstein~, der Statthalter Freiherr

~v. Possinger~, der Oberststallmeister G. d. C. Prinz Emerich

~Thurn-Taxis~, G. d. C. Graf ~Pejacsevic~ und die sämmtlichen übrigen

dienstfreien Generale der Wiener Garnison; der Gemeinderath war sehr

stark vertreten; man sah ferner den Director ~Jahn~ von der Hofoper und

Angehörige anderer Theater. Der Kronprinz und die Erzherzoge wurden von

dem Fürst-Erzbischof ~Cölestin Josef~ und dem Weihbischof Dr. ~Angerer~

unter Assistenz der geistlichen Alumnen empfangen und zum Hochaltar

geleitet, in dessen unmittelbarer Nähe die Mitglieder des kaiserlichen

Hauses Platz nahmen.

Der Chor brachte das Gottfried Breuer’sche Requiem zur Aufführung.

Das Todtenamt wurde vom Fürst-Erzbischof celebrirt; den Rundgang am

Schlusse vollführte der Weihbischof. Um 10 Uhr war das Requiem zu Ende;

das gesammte Domcapitel geleitete den Kronprinzen und die Erzherzoge

zum Ausgang.

Die grosse, schweigsame Menschenmenge verliess hierauf die Kirche in

derselben musterhaften Ordnung, in welcher sie gekommen war. Die tiefe

Stille wurde plötzlich durch lautes Gekreische einer Frauenstimme

unterbrochen, welches schrill und verletzend vom Thore her durch die

Kirche drang und grosse Aufregung hervorrief. Man wusste anfänglich

nicht, ob es ein Singen oder ein lautes Wehklagen oder ein gellendes

Lachen war. Vor dem Thore erfuhr ich, dass zwei leidtragende Frauen

ihren wilden Schmerz auf solche Art geäussert hatten, dass dieselben

mit sanfter Gewalt aus der Kirche entfernt, gelabt und mittelst Wagen

fortgebracht wurden. Einige erzählten die schreckliche Version, eine

dieser Frauen sei in ein Gelächter ausgebrochen, welches den Eindruck

beginnenden Wahnsinns machte.

Die Trauerfeier auf dem Central-Friedhofe.

Die grossartige Trauerfeier, welche die Stadt Wien den Opfern des

unseligen Brandes veranstaltete, hat Tausende dem weiten Leichenfelde

zugeführt, auf dem Wien seine Todten der Erde übergibt. Von allen

Eingängen her strömte die Menge dem Raume bei den Arcaden zu, welcher

schon zeitig Morgens durch Sicherheitswache und Militär abgesperrt

wurde. Der für die Feier bestimmte Raum war vor den Arcaden gewählt

worden. Die 93 Särge, welche im Halbkreise längs der Arcadenbogen, und

zwar mit den Hauptenden erhaben auf einem mit schwarzem Tuche bedeckten

Podium aufgestellt waren, hatte man mit Kränzen bedeckt.

In der Mitte des Platzes hatte man ein prachtvolles Castrum

doloris errichtet, an welchem mit Sorgfalt alle Symbole der einzelnen

Confessionen vermieden wurden. Ein Zelt aus schwarzem Tuche mit

Silberverzierung erhob sich über dem reich mit Blumen und Kränzen

geschmückten Castrum doloris, im Hintergrunde flatterte eine riesige

Trauerfahne. Neben dem Katafalk brannten auf langen Reihen von

silbernen Candelabern unzählige Lichter. Vor dem Castrum doloris hat

man ein mit schwarzem Tuche bedecktes Podium errichtet, von welchem die

Redner sprechen sollen.

[Illustration: Die Trauerfeier auf dem Central-Friedhofe.]

Eine gleichfalls mit schwarzem Tuche überdeckte riesige Tribüne nimmt

die Kränze auf, welche von allen Seiten einlaufen. Allen voran liegt

ein colossaler, prachtvoller Kranz aus Theerosen, Veilchen, Camelien,

Hyazinthen und Tulpen. Die Schleife trägt die Inschrift: «Erzherzog

~Karl Ludwig~ und Erzherzogin ~Maria Theresia~». Ihn umgibt eine

schwere Last von Kränzen; die Schleifen tragen folgende Inschriften:

«Erzherzog Karl Ludwig und Erzherzogin Maria Theresia»; «Das Haus

der Abgeordneten»; «Den unglücklichen Opfern — das Ringtheater»;

«Den Verunglückten — der Schubertbund»; «Der Kaufmännische Verein

seinem treuen Mitgliede»; «Das Infanterie-Regiment Baron Kuhn Nr. 17,

gewidmet von den Feldwebeln»; «Ihren Commilitonen — die «Deutsche

Lesehalle» an der technischen Hochschule»; «Das Burgtheater den

unglücklichen Opfern des Ringtheaters»; Kränze von den Angehörigen auf

den einzelnen Särgen in unmittelbarer Entfernung vom Katafalk; ein

Kranz mit schwarz-roth-goldenen Schleifen: «Der Deutsch-österreichische

Leseverein den verunglückten Commilitonen»; «Der Touristen-Club».

An den Särgen und um den Katafalk sammelte sich eine nach Tausenden

zählende Menschenmenge an. Herzzerreissend war der Jammer der

Hinterbliebenen an den Särgen. Die Feder ist ausser Stande, all die

entsetzlichen und jammervollen Scenen zu beschreiben, deren Schauplatz

der Raum vor den Arcaden war. Ein Vater, dessen einer Sohn in den Sarg

gebettet war, während der andere noch in dem grossen Feuergrabe auf

dem Schottenringe ruhte, sank halbohnmächtig auf dem Sarge nieder,

der die Leiche barg. Sein Jammer war herzzerreissend, und Tausende

weinten und schluchzten mit ihm. Kinder weinten am Sarge der Eltern,

Väter und Mütter am Sarge der Kinder, Brüder und Schwestern, Freunde

und Bekannte sanken vor den Särgen auf die Knie. Die schrecklichste

Scene ereignete sich während der Einsegnung der Leichen durch den

griechischen Priester. Eine Frau fand den Sarg eines theuren Todten.

Sie begann zu weinen und zu jammern. Ihr Schmerz äusserte sich aber

bald in lauten Ausrufen, unter denen nur der Ruf: «Feuer!» verständlich

war. Sie begann zu kreischen, zu rasen — sie war wahnsinnig geworden!

Sechs Männer waren kaum im Stande, die Unglückliche wegzutragen, welche

sofort den Aerzten übergeben wurde.

Es hiesse in dem ungeheuren Schmerze wühlen, der die Stadt Wien zu

einem grossen Trauerhause macht, wollte ich all’ den herzzerreissenden

Jammer, all’ die Aeusserungen des masslosesten Schmerzes schildern,

deren Zeuge ich war.

Gegen 11 Uhr intonirte die hinter dem Katafalk aufgestellte

Militär-Capelle den Beethoven’schen Trauermarsch. Düster und feierlich

zogen die Klänge durch die Hallen der Arcaden und hallten schaurig an

den Wänden der im Hintergrunde gelegenen Friedhofsgebäude wieder.

Der Zug der Priester erschien und nahm seinen Platz vor dem Katafalk

ein, wo sich die Mitglieder des Abgeordnetenhauses, die Generalität,

die Spitzen der Behörden und Corporationen, sowie der Bürgermeister mit

dem Gemeinderathe der Stadt Wien versammelt hatten.

Der Todten-Choral, unter dessen Klängen die Priester der katholischen,

griechischen, protestantischen und israelitischen Kirchengemeinde

nahten, wurde von den Mitgliedern des Opernhauses gesungen. Auch

die Sänger fanden kaum die Kraft, ihre Stimme zu erheben, und viele

derselben weinten laut.

Vor dem Castrum doloris begann Propst Marschall die Einsegnung

nach katholischem Ritus. Nach den ersten Gebeten und Absingung der

Busspsalmen schritt der Propst im bischöflichen Ornate die lange Reihe

der Särge ab, um die Einsegnung vorzunehmen. Er wurde von dem Obmanne

der Friedhofs-Commission, Gemeinderath Nikola, welchem eine schwarze

Trauerfahne vorgetragen wurde, geleitet.

Das «Dies irae, dies illa», welches der Chor anstimmte, hat wohl

niemals eine grossartigere Wirkung auf die Gemüther hervorgebracht,

als an diesem Tage, und wie ein Schauer lief es durch die schluchzende

Menge, als in einem der folgenden kirchlichen Gesänge die Worte des

Propheten erschallten: «Judicavit saeculum per ignem».

Nach dem Propst Marschall trat der griechische Priester an den

Katafalk, um nach seinem Ritus die Einsegnung vorzunehmen.

Hierauf trat der evangelische Pfarrer Formey an den Katafalk und sprach:

Die Wiener Schreckensnacht vom 8. December 1881 · 第 4 / 5 段