abfälligsten Kritiken. Allerorts frug man sich: Wie so es möglich
geworden, wie so es gekommen, dass erst nach 35 Minuten des Ausbruches
des Feuers darauf gedacht worden ist, dass Menschenleben noch gerettet
werden könnten? Wer war es, der eine solche Autorität genoss, dass
man seinen Worten unbedingt Glauben schenkte, als er versicherte,
Niemand befindet sich im Theater, Niemand in den Garderoben, Niemand
auf der Bühne und in Zuschauerraum, so dass die Feuerwehr viel später
den Versuch machte, das Innere des Theaters zu betreten, trotzdem
die Leute über die Balcons springen mussten? Wer ist der Urheber
dieses Gerüchtes, das so vielen heiteren, friedlichen Menschen auf
so grässliche Art das Leben kostete? Denn wäre man, statt das Feuer
zu löschen, allsogleich eingedrungen, die Verlustliste existirte
vielleicht gar nicht, oder doch nur sehr — sehr reducirt. Hat es an
Wackeren gefehlt, die bereit gewesen wären, einzudringen? Gewiss
nicht, denn wie ich früher gezeigt, hatten sie den Muth, nachdem der
Brand die grösste Ausdehnung gewonnen, einzudringen, um Leichname zu
Tage zu fördern! Alle, alle Opfer sind diesem schrecklichen Gerüchte
zuzuschreiben, und jenen Personen in Amt und Stellung, die «diesem»
Gerüchte auf’s Wort glaubten und die Rettungsversuche unterliessen —
sie sind, wenn auch nur moralisch, dafür verantwortlich, denn eine
böse Absicht ist ja von Vornherein auszuschliessen. — Warum haben
die Oellampen, die doch von Seite des vorsorglichen Stadtbauamtes
angeordnet waren, nicht gebrannt, als das Gas verlöscht wurde? Wären
die Leichen gleich Hekatomben vor einer Stiegenabsatzmauer zu finden
gewesen, wenn ein rettendes Oelflämmchen den dem Erstickungstode
Nahen die Treppe gezeigt hätte? Nein, und tausendmal nein, es wären
vielleicht einzelne Menschen zertreten worden, aber zu Hunderten und
Hunderten wären sie niemals um’s Leben gekommen! War die Antwort
Jauner’s auf die Anfrage des Herrn Ministerpräsidenten, der im
Auftrage Sr. Majestät unseres allergnädigsten Kaisers einen Bericht an
diesen absenden musste, wirklich convenirend, dass die Oellämpchen in
Reparatur sind, alle, nicht ein einziges ausgenommen, befänden sich in
Reparatur? Wem erzählt man das, und wer soll’s glauben, der Kaiser und
das Volk? Dort, wo man einer Sarah Bernhardt 6.000 Francs allabendlich
auszahlte, soll man auf die in Reparatur befindlichen Lämpchen warten
müssen, und nicht stets eine gleiche oder dreifache Zahl allabendlich
in Bereitschaft haben? Die Bevölkerung wagt es heute nicht mehr, das
Theater zu besuchen, denn dieses Vergnügen kann das Leben kosten, wenn
Zufälligkeiten, wie im Ringtheater, zusammentreffen.
Selbst ich, der ich mir vorgenommen, objectiv die Thatsachen der
Schreckensnacht in diesem Büchlein wiederzugeben, falle aus meiner
Rolle und die Hand erzittert, der Gedanke verwirrt sich, die Zornesader
schwillt bei dem Gedanken, dass vielleicht zehn Liter Oel und um 200
fl. Lampen hunderten Menschen hätten das Leben retten können!
Im Corridor des Todes.
[Illustration: Im Corridor des Todes.]
Die zweite Leidensstation bildete für den im Dienste der Publicistik
wirkenden Menschen der Besuch des Anatomiegebäudes im allgemeinen
Krankenhause. — Der Berichterstatter am Schlachtfelde sieht der Gräuel
und Entsetzen gewiss mehr; aber das Bewusstsein: sie alle starben als
Männer und Helden für ihr Vaterland, für Gott und Kaiser, sie zogen
in die Schlacht mit dem Gefühle in der Brust, nicht jede Kugel trifft
und wenn auch — was weiter — stärkt seine Nerven, stählt seinen Sinn.
Aber wir friedlichen Menschen, denen die Sinne zu schwinden drohen,
wenn vor unseren Augen ein Tramwaywaggon einen Menschen rädert, wir
— ich meine den Zeichner dieser Illustrationen und meine Wenigkeit
— wir haben eine Leidensstation vor uns, indem wir die grässlich
verstümmelten Leichenreihen abschreiten müssen, um Notizen und
Skizzen zu machen mit blutendem Herzen — und ich schäme mich nicht,
es auszusprechen — mit Thränen in den Augen — Thränen der tiefsten
Wehmuth, des Schmerzes und des Mitleidens! Da lagen sie Alle vor mir,
Männer, Frauen, Jungfrauen, Jünglinge und Kinder, schwarz und starr. Da
zur rechten Hand eine wohlgenährte weibliche Gestalt, ihre Figur ist
mit einem silberdurchwirkten Theaterschleier überdeckt, ein grellrother
mit schimmernden Borten eingefasster Rock, das Knie des rechten Fusses
in feinen Strumpf eingehüllt, ist noch ganz unversehrt, während der
andere Fuss, ausgestreckt, ohne Vorderfuss, blos den halbverbrannten
Knochen des Schien- und Wadenbeines ohne Strumpf präsentirt, um
welchen, an einer Spagatschnürchen befestigt, eine Blechmarke mit Nr.
87 hängt! Das Gesicht aufgedunsen und russgeschwärzt, die Hände an
die Augen gepresst, die Kleider zerrissen und eine blendend weisse
Brust den Blicken präsentirend — da lag das ausgelöschte Leben, noch
nicht agnoscirt, mit Nummer 87 versehen! — Ihre Nachbarin zur Rechten,
ruht ohne Hände und Füsse neben ihr, das Haupthaar ist weggebrannt
sammt der Kopfhaut, nur das Mieder aus blauer Seide ist unverletzt
und zwängt den Körper in die ihm verliehene Form. Die Blechmarke
ist in Ermanglung von Extremitäten an das Schnürband des Mieders
befestiget! Die Gestalten weiter abwärts, die in einer endlosen Reihe
daliegen auf einem mit Kalk übertünchten schräg an die Wand gelehnten
langen Bretterladen, sind mehr oder minder arg verbrannt und fast
unkenntlich; bei Einigen ist durch die furchtbare Gluthhitze, der sie
höchst wahrscheinlich ausgesetzt waren, der Bauch aufgesprungen und
die Gedärme hiedurch blosgelegt worden, welche brannten! Arme, arme
Frauen! Ihr dem zarten Geschlechte angehörend, warum musstet gerade Ihr
in diesen Raume des Todes in der Majorität vertreten sein? — Hier die
beiden Knaben, die man nicht zu trennen wagte — der kleinere ruht auf
dem Steinpflaster des Corridors, in dem wir uns befinden, der grössere
ist über ihn gebeugt und hält ihn fest umschlungen, fest presst er
ihn an sein Herz für die Ewigkeit. Hier eine krampfhaft die geballten
Hände in die Luft streckende Gestalt eines nahezu sechs Schuh hohen
Mannes; er hat den rauchgeschwärzten Kopf unnatürlich verdreht; auf
seiner Brust ruht seine Brieftasche aufgeschlagen, auf deren einen
Seite das Bildniss eines circa 8jährigen Mädchens in photographischer
Ausführung ruht, frisch und schön, als hätte es nicht den Brand im
Ringtheater mitgemacht. Dort ruht Einer an der Wand, die Hände ober
dem Kopf gefaltet haltend, den Kopf sanft nach rechts geneigt, als
schliefe er im Schatten einer Linde an einem heissen Sommertage. —
Meine Feder versagt mir den Dienst, mein Gemüth ist krank, ich fühle
mich zu schwach für den Reporterdienst. Ein Leichenfeld, auf welchem
Frauen, Mädchen und Kinder in solcher Zahl liegen, könnte selbst ein
Wereschagin nicht naturgetreuer wiedergeben und der Leser mag aus
unseren Skizzen den Schluss ziehen, dass wir geleistet, was menschlich
fühlende Wesen nur immer leisten konnten.
Frauenleichen.
Wir verlassen gebrochen und gebeugt die Stelle, an der nur der eine
Trost herrscht, dass die Leiden Derjenigen, die hieher gebettet wurden,
nur kurz gewesen sein können.
In den Sälen des Anatomiegebäudes begannen die fünf Sectionen der
dort am 9. December um 2 Uhr Nachmittags eingetroffenen Commission mit
der polizeilichen Beschau der Agnoscirten. Die Zahl derselben belief
sich Abends 8 Uhr auf circa 180. Im Ganzen wurden circa 100 Todte
beschaut. Jeder derselben ward in dem Locale der betreffenden Section
auf die grosse Marmorplatte gelegt und dann eine genaue Beschreibung
seiner Person, sowie der Kleider vorgenommen. Die bei den Leichen
vorgefundenen Werthsachen, wie Uhren, Geldbeträge u. s. w., nahm die
Commission in Verwahrung. Es war bereits halb neun Uhr Abends vorüber,
als die beiden letzten Sectionen, welchen die Commissäre Köllner,
Bauer und Buresch als Vertreter der Polizei angehörten, ihre Arbeiten
beendigt hatten.
[Illustration: Frauenleichen.]
Am 10. December um 8 Uhr wird mit der polizeilichen Beschau
fortgefahren und gleichzeitig die gerichtliche Agnoscirung der bisher
beschauten Leichen begonnen werden. Zu diesem Behufe hatten Jene,
welche die einzelnen Todten zu erkennen erklärten, sich vor der
gerichtlichen Commission einzufinden, und zwar jeder derselben mit
zwei Zeugen, welche gleich ihm eidlich die Identität des betreffenden
Verunglückten behaupten können. Diese gesetzlich vorgeschriebene
Massregel erscheint in diesem Falle um so gebotener, als bezüglich
mancher der agnoscirten Todten gerechte Bedenken obwalten, ob
sie thatsächlich mit jenen Personen, für die man sie seitens der
Agnoscirenden ausgegeben, identisch sind.
[Illustration: Agnoscirung.]
Während die Sectionen ihres traurigen Amtes walteten, war draussen in
den Gängen, auf deren Steinfliessen die Menge der grässlich entstellten
Leichen lag, ein unaufhörliches Gedränge, aus welchem jeden Augenblick
die Jammerrufe Derjenigen ertönten, welche hier umherirrten, um ihre
vermissten Angehörigen aufzusuchen. Dabei machte sich, wie überhaupt
in dem ganzen Anatomie-Gebäude, ein jede Brust beklemmender intensiver
Geruch nach verbranntem Fleische bemerkbar.
In den Ruinen.
Der 10. December gestaltete sich nicht minder aufregend für Wien und
die Wiener. In der Nacht vom 9. auf den 10. brach abermals das bereits
in Abnahme und als «gedämpft» bezeichnete Feuer aus. Helle Flammen
schlugen klafterhoch empor. Die Feuerwehr, da nur mehr eine Spritze
auf dem Platze verblieb, konnte dem Umsichgreifen des Brandes nicht
Herr werden, die Schubleitern waren wieder zu kurz gewesen und man
arbeitete mit später eingetroffenen Löschtrains bis gegen Morgens, um
der Zerstörungswuth des Elementes Einhalt zu thun. Es sind nunmehr
die Appartements des Directors vernichtet, und eine Stiege stürzte in
den glühenden Krater. Es stehen nur mehr die vier Wände des einst so
herrlich ausgestatteten Theaters.
Nachdem die Befürchtung ausgesprochen wurde, dass die Mauern einstürzen
könnten, zog eine Abtheilung Cavallerie auf, um das immer mehr
zuströmende Publikum aufzuhalten und einer eintretenden Katastrophe
vorzubeugen. — Das Interesse des Tages absorbirten immer die Todten;
selbst im Schoosse des Gemeinderathes entspann sich ein heftiger Kampf,
auf welche Art das Begräbniss der Opfer des 8. December stattfinden
soll. Gemeinderath Lueger wollte die 200 Särge über die Ringstrasse
getragen sehen, damit man den Todten gebührende Ehre bezeige; dessen
Gegner hingegen beantragten die Ueberführung der Särge mit den Cadavern
der Besucher des Ringtheaters bei Nacht und wenn möglich bei Nebel, um
die unteren Classen der Bevölkerung nicht aufzureizen. Der Vorschlag
Dr. Lueger’s wurde verworfen und der Gegenantrag angenommen, und
zwar soll das Leichenbegängniss am Montag den 12. December 1881 am
Centralfriedhofe selbst stattfinden und die nichtagnoscirten Leichen
auf Kosten der Commune Wien zur letzten Ruhe in ein gemeinsames Grab
bestattet werden. Ein feierliches Requiem soll in der St. Stefanskirche
die Ceremonie eröffnen, bei welchem sich die Spitzen der Behörden,
Parlamente, Gesellschaften und Vereine einfinden werden. Sämmtliche
Angehörige der Verbrannten sind speciell einzuladen, und nach dem
Centralfriedhofe zu geleiten, meldete man aus dem Rathhause.
Graf Taaffe, der Ministerpräsident, hat an diesem Tage zur Bevölkerung
gesprochen, und seine Worte widerhallten in den Herzen der Wiener
nicht. Er hatte über das grösste Unglück, das Wien seit vielen Jahren
getroffen, und das, wenn man die besonderen Verhältnisse in Betracht
zieht, in der Geschichte unserer Stadt überhaupt ohne Beispiel dasteht,
eine eigene Ansicht.
[Illustration: In den Ruinen.]
Er hat zu einer in Trauer gehüllten Stadt, zu einer Bevölkerung,
in deren Herzen die Ruhe nicht einzukehren vermag, gesprochen. Das
Leben hat seine trüben Stunden, man kann darüber nicht hinwegkommen,
aber das Unglück im Ringtheater erscheint in eigener Gestalt, es ist,
als ob der Wahnsinn alle Dämonen losgelassen hätte. Immer und immer
stellt sich die Frage ein, ob es denn nicht möglich gewesen wäre,
das Unglück zu verhüten oder es doch in seinem Umfange wesentlich zu
begrenzen. Der Minister antwortete — bevor noch das Abgeordnetenhaus
seine Interpellation, die aus einem Meere von Thränen emporgetaucht,
eingebracht hat — und sprach von einem furchtbaren Versäumnisse — einem
Versäumnisse, welches ebensowenig gutzumachen ist, als es möglich
ist, die verflossene Stunde zurück zu erkaufen; — das riesengrosse
Leichentuch, das über Wien liegt, hat Graf Taaffe nicht gehoben, seine
Rede erwärmte die Schreckensstarre nicht und wird sie niemals erwärmen
können, denn seine Worte kamen nicht vom Herzen und gingen nicht zum
Herzen; er hat ein besseres Herz als Mensch, denn als Staatsmann, und
nicht der Mensch, sondern der Staatsmann hat gesprochen.
Ein Beispiel von der aufgeregten Stimmung dieser Tage lieferte das in
Wien coursirende Gerücht, dass die Truppen in den Casernen consignirt
und in Marschbereitschaft gehalten würden. Die Wiener Zeitungen, allen
voran das Tagblatt und die Wiener Allgemeine Zeitung, thaten aber auch
ihr Möglichstes, um die Bevölkerung noch mehr aufzuregen. Um ein Bild
von deren Stimmung zu entwerfen, muss ich die betreffende Zeitung
selbst reden lassen. In mehr als 100.000 Exemplaren wurde folgender
Aufsatz verbreitet.
«Von Schauer und Schauder ist unser Herz erfasst, und erstarrt von
unaussprechlichem Leid. Auf den qualenreichen Tag des Todes folgt der
furchtbare Tag der Beerdigung: Wir stehen vor dem Leichenbegängnisse
der Todten vom Schottenring.
Alles, was Ausdruck gibt dem Gefühle der unermesslichen Trauer, an der
die ganze civilisirte Welt Theil nimmt, muss ausgeführt werden, nichts
darf verabsäumt werden, nichts verkleinert. Sollte man glauben, dass in
solchen Tagen des Elends es nothwendig ist, den Ruf auszustossen: Ehret
die Todten!
Es ist nothwendig. Leider, leider! Die Vertretung der Wiener
Bürgerschaft, der Gemeinderath, will in grosser Majorität, von der nur
wenige zur Einstimmigkeit fehlen, ein grossartiges Leichenbegängniss
veranstalten. Andere aber wollten kein feierliches Leichenbegängniss;
in aller Heimlichkeit wollten sie all’ die Leichen der Nichtagnoscirten
hinausführen lassen. Auf welcher Seite ist das richtige Gefühl, die
verständige Auffassung, auf welcher Seite trägt man Rechnung dem
Herzen von Wien? Was geschieht? Nein, was ist geschehen? Man wollte
bereits eine vollendete Thatsache schaffen; man wollte, dass alle
die Nicht-Agnoscirten in aller Stille hinausgeführt werden nach dem
Centralfriedhofe, zu abendlicher Stunde, im Dunkel, ohne dass Wien
davon erst etwas erfährt. Was da geschehen, ist keine Unbegreiflichkeit
allein, es ist weit mehr, und Wien sagt sich selbst, was es ist. Wir
erheben lauten Protest gegen die heimliche Bestattung der Todten. Wir
verlangen die letzte Ehre für die Todten!
Umsonst bemühen wir uns, ausfindig zu machen, wieso man auf diesen
Gedanken gerathen konnte, der Stadt Wien nach dem Tage seiner Schande
in Folge der unverantwortlichen Nachlässigkeit diverser Organe, auch
noch einen Tag von Fühllosigkeit und Rohheit aufzubürden. Fürchtet Ihr
Euch etwa vor dem Leichenzuge? Denkt Ihr vielleicht an eine Parallele?
Wisst Ihr Euch zu erinnern an das Massenbegräbniss der Opfer vom 13.
März 1848? Ihr wisst Euch zu erinnern, und da Ihr es wisst, müsst Ihr
auch zugestehen, dass es keine friedlichere Trauerdemonstration in den
wildbewegten Tagen gegeben hat, als es eben jene gewesen. Vergesst
nicht, dass Ihr selbst mit der modernen Ordnung der Dinge aus jenen
Tagen herausgewachsen seid, Ihr selbst könntet nicht mit stolzen
Schritten durch das neue Wien wandern, wenn es nicht jene Tage gegeben!
Oder glaubt Ihr, dass unsere prunkende Ringstrasse nur für das Glück
bestimmt ist und nicht mit demselben Rechte für das Unglück? Dort wo
der Festzug der Stadt Wien in blitzender Pracht geführt worden, dort
muss auch der Trauerzug der Stadt Wien seine Bahn finden. Schafft
Sühne! Oder glauben die Herren, dass sich solche Ereignisse wegwischen
lassen wie mit einem Schwamme? Oder, dass sich das Urtheil mildern
lässt durch Verheimlichung der Thatsache? Ist denn das um des Himmels
willen möglich? ~Lässt sich da noch etwas vertuschen?~
Eine grosse Verantwortung vor dem öffentlichen Gewissen laden sich Alle
auf, welche meinen, dieses öffentliche Gewissen liesse sich irgendwie
beruhigen. Wir schlagen uns ja Alle an die Brust, wir sagen es ja offen
und vernehmlich: Wir Alle sind schuld und wir wollen Asche streuen auf
unser Haupt und hinten hergehen hinter den hunderten von Särgen! Oder
glaubt Ihr, dass die Schuld geringer wird, wenn wir das Haupt verhüllen
und feige zu Hause bleiben?
Es war ein furchtbarer Festtag, der achte December. Wir haben einen
traurigen Sonntag — den Tag, an dem das Leichenbegängniss stattfinden
sollte. Der verdienstvolle Antragsteller auf eine Leichenfeier
der Stadt, Dr. Lueger, proponirte selbst den Montag als den Tag
der Trauerfeierlichkeit. Wir schlagen vor, dass Wien ihn zu einem
Trauertage öffentlich declarire durch Sperrung der Gewölbe überall
dort, wo der Leichenzug vorbeigehen wird. Er wird nicht mehr
vorübergehen, er ist schon besorgt durch die scheue Angst Derjenigen,
denen das Herz abgeht für das umermessliche Leid der Stadt Wien. So
muss denn in anderer Weise für diese Trauerfeier gesorgt werden. Und
wenn es ein einziger Leichnam ist, dem wir Alle folgen, wir wollen
Wiens Herzensehre retten,» schrieb das Tagblatt.
Särgetransport.
In den Strassen Wien’s sah es aber auch ganz merkwürdig aus. Aller
Welt las man den Kummer, die Niedergeschlagenheit von den blassen
Gesichtern herab. Galt es doch, um den verbrannten Freund oder
Bekannten zu trauern, und den nun verwaist Dastehenden mit Rath und
That zu helfen. Die Passanten blieben oft stehen, wenn sich durch die
Strassen ein unheimliches Gepolter vernehmlich machte, man konnte
bestimmt darauf rechnen, dass wieder ein Zug letzter transportabler
Wohnhäuser dem allgemeinen Krankenhause zugeführt werde. Unser Bild ist
grausig, aber lebenswahr, leider nur zu lebenswahr.
Am Abend des 10. December lief die Frist des Unterstandes für die nicht
agnoscirten Opfer des Ringstrassenbrandes ab; man beschloss ja, diese
nicht erkannten, nicht erkannt werden könnenden menschlichen Ueberreste
in der Stille der Nacht, während Wien schläft — wenn es vor Aufregung
und Mitleid schlafen kann, auf den Centralfriedhof zu expediren. Die
Namenlosen bekommen ihre Nummer und das ist auch eine ordnungsmässige
Leistung.
[Illustration: Särgetransport.]
Der schwarze Tod hat wenige Tage gewüthet und sich bei dem Wiener
ein gewisses Ansehen, einen gewissen Respect zu verschaffen gewusst.
Viele hundert Menschenleben hat er im Zeitraume von kaum einer Stunde
hinweggefegt, und dieses verdienstvolle Genie macht nicht einmal
Anspruch auf Auszeichnung für seine verdienstliche Leistung der
Massentödtung in kürzester Zeit. Der Rasenplatz nächst dem Leichenhofe
im allgemeinen Krankenhause ist der Ausstellung seiner Erzeugnisse
allerdings gratis zur Verfügung gestellt worden. An einem hübschen
Hintergrunde fehlt es auch nicht, der Narrenthurm ist die geeignetste
Staffage für diese Ausstellung des Todes; der Narrenthurm für die
Lebenden rechts und die langgestreckte Façade des Gebäudes, allwo durch
Vivisectionen auch Jahr aus und Jahr ein Lebende zerschnitten werden,
links. Einige Stufen aus diesem Gebäude führen in den Hof respective
Garten, allwo die Todten lagern. In mehreren Reihen standen da an die
200 Särge aneinandergereiht, die Deckel vorne abgehoben, oder doch
zurückgezogen, damit die schwarzen Gesichter der Armen zu erkennen
wären.
Ich kam gegen Mittag aus dem Innern des Krankenhauses dorthin.
Man passirte den letzten Hof und ein Thor, wo das Militär-Spalier
Unberufene am Weitergehen verhinderte. Dann gelangte man plötzlich
auf den Absatz einer der vorhin erwähnten Treppen und überschaute mit
Einem Blick die Sargreihen mit den schwarzen Todten. Ich gestehe,
dass ich im ersten Momente entsetzt zurückprallte. Vor meinen Augen
verloren die Linien der Sargreihen die feste Richtung, sie geriethen
in Bewegung und mit ihnen die schwarzen Köpfe und Rümpfe. Ich glaubte,
die weissschimmernden Gebisse schnappen, die wildgereckten Gliedmassen
jene Kampfbewegung vollenden zu sehen, in der sie der Tod unterbrochen.
Die gebräunten, losgelösten Gliedmassen, zu Hauf geschichtet auf
Bretter-Unterlagen, schienen auseinander zu stieben und im wirbelnden
Lufttanze die einsam in Hobelspäne gebetteten Rümpfe erreichen zu
wollen, um sich einzufügen, wohin sie gehörten: in die klaffenden
Achselhöhlen und entblössten Schenkelpfannen. Die klare heitere
Mittagssonne schien auf den grausigen Spuk herab, und ich dachte noch:
Wie kann die Sonne in die Hölle scheinen? ... Mir war auch, als ob
viele Menschen unten sich über die schwarzen Todten bückten, und dabei
zuckte eine Kindheitserinnerung mir durch den Kopf, ein rauchiges Bild
im Hausflur, das jüngste Gericht darstellend, wo dunkle Oberkörper
aus der Erde tauchen, verzweifelt die Arme schwingend und die Fäuste
ballend ...
Die Särge im Narrenhofe.
Es gelang mir, das aus Schauder und Entsetzen sich herauskrampfende
Unwohlsein niederzukämpfen. Ich dachte an die Unglücksnacht vom
Donnerstag, als ich Leiche auf Leiche aus dem brennenden Hause tragen
und im Hofe der Polizeidirection aufschichten sah, und ich sprach mir
selbst zu, wie unmöglich jetzt am hellen Mittag das grässlicher sein
könne, was ich zuletzt nächtlicher Weile bei Glühschein der Fackeln
gesehen. Ich stieg hinab mitten unter die Todten. Jetzt lagen sie
wieder ruhig da. Es gibt eine Ruhe, die blos versteinerte Bewegung ist.
Man findet sie ausgedrückt in den Verschütteten von Pompeji, man findet
sie hier hinter den schwarzen Masken, die der Brand über die Gesichter
der Todten geworfen. Die Männer sind fast ausnahmslos in wüthendem
Kampfe und Grimme dem Tode unterlegen; die Frauen sanft, ergebungsvoll,
zerfleischt von Anderen, aber nicht selbst zerfleischend, geduldig und
im Tode noch so milde blickend, als wäre der letzte Blick nicht in
undurchdringliche Nacht, sondern auf das Antlitz eines geliebten Wesens
gefallen.
[Illustration: Die Särge im Narrenhofe.]
Mit dem Grauen war es nun vorbei. An seine Stelle trat ein neuerliches
Mitleid und unsagbare Trauer. Da lag in drei Särgen nebeneinander
die Familie Pawlik: Vater, Mutter und Tochter; der Mann noch mit
schirmend erhobener rechter Hand, die linke Hand mit ausgespreitzten
Fingern nach den Angehörigen tappend. Alle Drei haben sehr entstellte,
schwarze Gesichter. Unweit davon lag Max Ritter v. Bittner, ein
junger hübscher Mann, wenig entstellt. Er hält beide Hände vor die
halbgeöffneten Augen. In derselben Reihe befand sich der Leichnam des
Handelsakademikers Duschinsky. Sein ohnehin starker Leib ist aufgebläht
und das Gesicht zur schauerlichen Fratze geworden. Das Ehepaar
Professor Löw zeigt schmerzhafte Mienen, aber nicht jene grauenvolle
Gliederbewegung, wie hundert andere Leichen. Es gibt solche, welche
in dem schwarzen Gesichte die Zähne fletschen und in den bacchantisch
geschwungenen Händen noch die Fetzen halten, welche sie Anderen vom
Leibe gerissen. In vielen geöffneten Augen ist noch die wahnsinnige
Todesangst festgebannt. Nur bei wenigen Leichen ist es gelungen, die
emporgereckten Gliedmassen in den Sarg hineinzuzwängen.
Reihenweise lagen auch die nackten, gedörrten Rümpfe im Sonnenschein
da. Eine Tragbahre enthielt den kopflosen Leichnam eines Verbrannten,
dessen Leib vorne geborsten ist. Nichts von seiner Kleidung war übrig
geblieben, nur seine lederne Geldtasche hatte dem Feuer getrotzt und
sie lag der Agnoscirung wegen neben der Mumie ihres Eigenthümers ....
Es gibt eine Grenze in der Berichterstattung. Ich kann nicht
niederschreiben, was ich Alles gesehen habe in den zweihundert Särgen
und auf den Brettern und auf den Bahren: vielleicht vermag es der neben
mir seines Amtes waltende Zeichner.
Wenige Glückliche sind dem Elemente entronnen. Hier eine Scene des
Wiederfindens einer bereits todt Geglaubten.
Mit diesem Eindrucke schloss der Tag des 10. December.
Wiedergefunden.
Sonntag den 11. December 1881 wurden die ersten Gräber für die Opfer
des Ringtheaterbrandes am Centralfriedhofe geöffnet, die Mutter Erde
nahm sie freudig auf, ihnen die ewige Ruhe verleihend, der sie so bald
nicht bedurft hätten.