«Vor wenigen Tagen noch die wandelnden Bilder frischen, frohen

Lebens, des fröhlichen Lebensmuthes, und nun verbrannter, verkohlter,

zertretener Staub, eine formlose, verwesende Masse; nun der Boden

eingebrochen unter ihren Füssen, der so fest und unzerbrechlich

hielt, und nun das Grab bereitet, das grosse, düstere Schlafgemach

zum grossen ewigen Schlafe, aus dem die Stimme der irdischen Liebe

nimmer wiederhallt. «Ach wie so gar nichts sind alle Menschen», sagt

der Psalmist. «Aber der feste Grund Gottes besteht», ruft der Apostel

Paulus seinem Jünger Timotheus zu, und hat dieses Siegel: «Der Herr

kennt die Seinen, Amen.» Der feste Grund Gottes, das ist das ewige

Ufer, das ist das Vaterland und der Heimatsstrand, wohin die Feuerwogen

des Todes und der Vernichtung nicht mehr reichen, wo kein Leid mehr

ist, und kein solches herzzerreissendes Geschrei, sondern wo Friede

die Fülle ist. Der feste Grund Gottes, das ist das unverbrennbare Haus

da oben, das Vaterhaus, darin die vielen Wohnungen sind für jede nach

Gottes Bild geschaffene Menschenseele. Das ewige Vaterherz, das sich

auch diesen ernsten Opfern gegenüber so herrlich rechtfertigt, wird

seinen soeben und so schrecklich heimgerufenen Kindern dort oben seine

Worte erklären: «Ich habe dich doch je und je geliebt, darum habe ich

dich zu mir gezogen, darum habe ich dich wie einen Brand aus dem Feuer

gerissen, aus lauter Liebe». Ja der feste Grund Gottes besteht und hat

dieses Siegel, wenn er es auch gleichsam mit dem eisernen, glühenden

Scepter seiner Allmacht beigedrückt hat, das Siegel: «Der Herr kennt

die Seinen!» Er kennt unsere Gedanken von ferne; er kennt eines jeden

Herzens Ein- und Ausgang; er kennt und weiss auch am Besten, wie und

wann es seinen Kindern gut ist, aus dieser Zeitlichkeit zu scheiden. Ja

der feste Grund Gottes besteht und hat dieses Siegel: «Der Herr kennt

die Seinen!» Er kennt auch, was wir nicht mehr zu erkennen vermögen; er

kennt jedes Einzelnen entstelltes Theil, das wir nun übergeben wollen

dem Schosse des Grabes, Staub zu Staub, Erde zu Erde, Asche zu Asche!

Er kennt es und wird es behüten durch seine heiligen Engel bis zum Tage

der Auferstehung in der Herrlichkeit! Und so wollen wir uns beugen

unter seiner allmächtigen Hand! Er hat uns zerrissen die theuersten

Bande, er hat uns geschlagen Wunden an Wunden, die lebenslang noch

bluten werden, er wird uns auch wieder verbinden, er wird uns auch

wieder heilen. Wir wollen uns ergeben und beruhigen in seinen

unerforschlichen, aber guten und weisen Willen. Möge er sie Alle, die

wir mit kühler Erde zudecken müssen, grüssen und gnädig aufnehmen.

Unsere Thränen sind getrocknet, weinet nicht, Ihr Lieben, wir sind im

Frieden. Amen!

So lasst uns denn beten: Herr unser Gott! Du Herr über Leben und Tod,

du in Christo, unser allbarmherziger Vater! Du hast über deine Kinder

entschieden. Wir übergeben ihr unsterbliches wie ihr sterbliches Theil

nun in deine treue Hand, wir geben sie dir, du wirst es wohl machen.

Herr, segne sie und behüte sie! Herr lasse nun dein Angesicht leuchten

über ihnen und sei ihnen gnädig! Herr, erhebe dein Angesicht auf sie

und schenke ihnen nun den ewigen Frieden!»

Sodann trat Pfarrer Kanka hervor, um einige Worte zu sprechen.

Es sprachen noch der protestantische Prediger Schack und Dr. Witz;

sodann wurden Trauerchöre vorgetragen und hielten der israelitische

Seelsorger Dr. Jellinek und Dr. Güdemann Reden. Die Rede des Predigers

Jellinek lautet:

«Kein Feuer, und loderte es noch so gewaltig, vermag die Nacht

aufzuhellen, welche diese Särge einhüllt. Wie hiess der Todte, dessen

Asche oder Leichnam jeder einzelne Sarg in sich birgt? Wir wissen es

nicht! Welcher Familie ist er entsprossen? Wir kennen sie nicht! In

welcher Confession ward er geboren? Niemand antwortet uns darauf. Und

doch, welche innige Theilnahme und welche tiefe Trauer verbreiten

diese namenlosen Särge, nicht blos in unserer Residenz, sondern

überall, wohin die Botschaft gedrungen ist, dass eine Stätte der Lust

und Freude in einen rauchenden Altar sich verwandelte, auf welchem

Hunderte von Menschen den Tod gefunden haben, den gemeinsamen Tod,

einen grauenhaften Tod. Niemand fragt nach ihrem Namen und Rang, nach

ihrer Herkunft und Religion; es waren Gatten, Gattinnen, Väter, Mütter,

Söhne, Töchter, Jünglinge, Jungfrauen, denen Licht, Luft und Leben

plötzlich qual- und angstvoll genommen wurden. Und dieser gemeinsame

Tod ist es, der diesen Brandopfern ein gemeinsames Grab bereitet. Das

Leben trennte sie von einander, der Tod vereinigte sie, und verbunden

im Tode soll die Erde zum ewigen Frieden sie aufnehmen. O, möge nicht

vergebens ein gemeinsamer Tod sie ereilt, ein gemeinsames Grab sie

aufgenommen haben! Möge derselbe Allen, welche von ihm Kunde erhielten,

eine ernste Mahnung sein, pünktlich, streng und gewissenhaft das zu

thun, was übernommene Pflichten und gewählter Beruf ihnen auferlegen;

denn jede, auch die geringste Pflicht in der untergeordnetsten

Lebensstellung ist heilig, jede auch die geringste Vernachlässigung

derselben kann Verheerung und Vernichtung anrichten; möge aus dem

thränenfeuchten Staube, den diese Särge in sich bergen, und aus der

gemeinsamen Erde, in welcher sie ruhen werden, der Baum des religiösen

Friedens und der confessionellen Eintracht nicht blos im Tode, sondern

auch im bewegten Leben emporspriessen; möge unserer Stadt, wie sie

musterhaft durch ihre Wohlthätigkeit ohne Unterschied der Confession

ist, auch allen Städten und Staaten vom heutigen Tage an voranleuchten

durch edle Brüderlichkeit, welcher keine Sprache fremd ist, keine

Confession fernsteht; dann wird der Feuerschein in der Nacht des 8.

December nicht blos zerstört und getödtet, sondern auch in einer Zeit

der Racenkämpfe und der confessionellen Zwietracht Frieden gestiftet

und den Brudersinn belebt haben.

Friede den Nahen, Friede den Fernen, spricht Gott, ich heile den

Schmerz, lindere die Trauer, tröste die Betrübten, richte auf die

Gebeugten.»

Nach Dr. Jellinek trat Bürgermeister Dr. v. Newald vor, um folgende

Worte zu sprechen:

«Von tiefem Schmerze durchdrungen, vom Gram gebeugt, erfüllen wir in

diesem feierlichen Augenblicke eine heilige Liebespflicht und vertrauen

die irdischen Ueberreste der Opfer eines entsetzlichen Unglücks der

Erde an. So wie sie gleichzeitig und gemeinsam von dem schrecklichen

Tode ereilt wurden, so werden sie gemeinsam in Ein Grab zur ewigen

Ruhe, zum ewigen Schlafe gebettet. An dem gemeinsamen Grabe werden

Kinder ihre verlorenen Eltern, Eltern ihre Kinder, der Gatte den Gatten

beweinen, und jede Thräne, die dort fliesst, jede Liebesgabe, welche

der Einzelne dem Einzelnen weiht, sie werden Allen gemeinsam, die darin

im Todesschlafe ruhen. An diesem Grabe trauert die Bevölkerung Wiens,

trauert Oesterreich, trauert die ganze Welt. So mächtig und allgewaltig

sich der Schmerz erweist, so unvergänglich wird die Trauer sein.

Nimmer werden Die vergessen werden, welche dort ruhen; sorgsam soll

ihr Grab gepflegt und an jedem wiederkehrenden Todestage geschmückt

werden. Ein Denkmal soll sich über ihnen erheben zum Troste für die

Hinterbliebenen, zur mahnenden Erinnerung für ewige Zeiten. Amen.»

Nach den Trauerreden, welche einen tiefen Eindruck machten, folgte die

Uebertragung der Särge in die Gruft, und zwar versenkte man zunächst

drei derselben, auf welche der Bürgermeister Schollen Erde warf,

womit er symbolisch sämmtlichen Opfern die letzte Ehre erwies. Andere

Trauergäste folgten diesem Beispiele, und damit war die imposante

Trauerfeier zu Ende; erschüttert verliessen die Theilnehmer das öde

Feld des Todes.

Streuen auch wir Blumen auf das Grab der December-Gefallenen, errichten

wir ihnen in unserem Herzen ein dauerndes Monument. Es war so viel

Jugend, so viel Lebenshoffnung darunter. Gewiss, mancher von den Todten

wäre, hätte das Geschick ihm längeres Leben vergönnt, vielleicht

auf Irrwege gerathen, hätte die Hoffnung der Seinen getäuscht. Aber

weitaus die Meisten wären gewiss brav und wacker geblieben, wie sie

es waren, wären gute Bürger, tapfere Soldaten, ehrliche Kaufleute,

wackere Handwerker, brave Gattinnen und Mütter geworden, sie hätten

sich sicherlich bewährt, jeder in seinem Stande und auf seinem Platze.

Aber das Schicksal hat es anders gewollt. Die Parze hat einen Bündel

Lebensfäden auf einmal durchschnitten. Wien war an diesem Tage eine

einzige Familie, die Stadt ein einziges grosses Trauerhaus, aus dem man

an einem Tage 673 Todte trug!

Der Wohlthätigkeitssinn Wien’s manifestirte sich wieder auf das

Glänzendste. Die grossen Blätter unserer Stadt eröffneten Sammlungen,

und Wien, Oesterreich, ja Europa hörten und befolgten ihren Ruf.

Bedeutende Summen wurden von Hoch und Nieder, von Arm und Reich

gespendet, und nur eine Spende sei hier erwähnt, nämlich die eines

schlichten Bürgers, der 135.000 fl. allein für die Hinterbliebenen der

Opfer des Ring-Theaterbrandes spendete. Ehre, Dank und Anerkennung

allen Spendern! Doch Oesterreichs Bürger hätten nicht für Hinterlassene

von plötzlich dahingeschiedenen Familienvätern zu sammeln gebraucht,

wenn die Segnungen der Lebensversicherung bereits in Fleisch und

Blut des Volkes übergegangen wären. Möge das grässliche Drama vom

Schottenringe nicht ohne Nutzanwendung für die Bevölkerung sein.

Die moralischen Folgen der Ringtheater-Katastrophe brauche ich wohl

nicht nochmals an’s Licht zu stellen, sie sind leicht erklärlich,

wenn man die Bilder der Trauer und des Schmerzes an seinem geistigen

Auge vorüberziehen lässt. Die Schattenseiten der Civilisation hatten

sich mit einem Male den Blicken geoffenbart, die Wahrnehmung drängte

sich dem Bewusstsein auf, dass das Gefühl unserer Sicherheit nur ein

trügerischer Traum sei, dass unser Glück, unsere Arbeit, unser Besitz

und unser Leben fortwährend von den schrecklichsten Gefahren umlagert

sind, und wir gleich Strohhalmen vom Winde erfasst, hinweggefegt werden

können. Streuen wir Blumen auf das Grab Derjenigen, die für unser

zukünftiges Wohl ihr Leben einbüssten.

~F. Brandt.~

[Illustration: NACHDRUCK und ÜBERSETZUNGSRECHT vorbehalten]

Die Wiener Schreckensnacht vom 8. December 1881 · 第 5 / 5 段