nachträglich hörte, dass es der schwedische Consul Kendler gewesen,
ohnmächtig fortgetragen worden. Ich selbst eilte wieder nach dem
rückwärtigen Eingange, um mich über die Theaterstiege in die Garderoben
zu begeben. Ich wollte nachsehen, ob hier nicht zu helfen, nicht zu
retten wäre. Die Garderoben waren alle intact. Ich konnte mich meiner
Tricots und meines grünen Fracks entledigen und kam nun auf den
Gang. Hier hörte ich Hilferufe. Choristinnen stürzten geschminkt und
in ihren Costümen die Treppe hinunter; mehrere von ihnen, die ihre
Theatertoilette noch nicht beendet hatten, waren blos mit Hemd und
Unterrock bekleidet. Ich wies die Schreienden und Jammernden nach dem
sicheren Ausgange hin und begegnete dem Feuerinspector Nitsche, der
im obersten Stockwerke des Theatergebäudes wohnt. Seine Wohnung war
natürlich im höchsten Grade gefährdet, wir liefen hinauf, Nitsche fand
seine Frau ohnmächtig, nahm sie auf den Rücken und trug sie fort. Ich
selbst ergriff die beiden Kinder der Nitsche’schen Eheleute und eilte
ihm nach.
Im zweiten Stocke angelangt, sah ich Flammen aus dem Theaterraume auf
die Stiege hinausbrechen. Die eiserne Thüre, welche hier die Stiege von
der Bühne abschliesst, war offen und da drang Feuer und Qualm hinaus.
Mit einem Ruck stiess ich die Thüre zu und wir waren in Sicherheit,
denn nun war das Feuermeer der Bühne von der Stiege abgeschlossen.
[Illustration: Auf der Stiege.]
Noch einmal drang ich auf die Theaterstiege bis in den dritten Stock.
Hier bot sich mir der erste entsetzliche Anblick. Auch vom dritten
Stock führt eine eiserne Thüre in den Bühnenraum. Eingezwickt in diese
Thüre fand ich die Leiche eines Garderobiers. Der Unglückliche war
offenbar zu dem rettenden Ausgange geeilt, hatte noch die Kraft gehabt,
die Thüre aufzustossen, war aber, erstickt von Qualm, niedergestürzt
und die wieder zuschnappende Thüre hatte die Leiche in die Stellung
eingezwängt, in der ich sie fand.
Endlich war ich überzeugt, dass in dem rückwärtigen Theile des
brennenden Gebäudes Niemand mehr vorhanden war. Die Theaterarbeiter
waren mit grösstem Muthe so lange als möglich auf der Bühne geblieben
und hatten die Flucht der im Theater selbst beschäftigten Personen
beschützt. Im Orchester waren, als die Katastrophe ausbrach, erst
wenige Musiker anwesend und diese versuchten sich durch den unteren
Gang zu retten.[2]
[2] Was nur zweien gelungen.
Der Autor.
Ich trat nun abermals in’s Freie und begegnete hier dem Herrn
Polizeirath Landsteiner. Auf dem kleinen Rasenplatze hinter dem
Abgeordnetenhause, wo der Zugang zu den Galerien desselben ist, standen
die Herren Erzherzoge Albrecht und Wilhelm, zu denen ich geführt wurde,
um ihnen zu erzählen, was ich gesehen und was ich erlebt.
Hier erst erfuhr ich die ganze Grösse des Unglücks. Die Feuerwehr
war von vorne in die Logengänge und in die Gänge hinter den Galerien
eingedrungen und hatte da massenhaft Todte gefunden. Der Qualm muss
sich aus diesen Räumen mittlerweile wahrscheinlich dadurch, dass die
Fenster gesprungen waren, verzogen haben, wodurch das Eindringen in
dieselben möglich wurde».
* * * * *
Das ist die Erzählung des Schauspielers über den Untergang seines
Theaters.
Ein Arzt erzählte: «Das Schauspiel, das der Hof des Polizeigebäudes
ungefähr eine Viertelstunde nach Beginn der Katastrophe bot, war
folgendes: Es kamen zuerst drei bis vier Leute aus dem Publikum, die
offenbar im Herunterrennen über die letzten Absätze der Treppen und
im Durchzwängen durch die Eingangsthüre sich leichte Verletzungen und
Abschürfungen zugezogen und sich dabei auch die Kleider zerrissen
hatten. Während wir diese Wenigen verbanden, wurde der Ruf laut:
«Verwundete kommen!» Man brachte zuerst drei Körper, über die die
anwesenden Aerzte sich warfen, in’s Rettungszimmer. Aber man kann
sagen, dass von Secunde zu Secunde die Zahl der herübergeschafften
Menschen wuchs.
Und als in diesem Augenblicke der Raum des kleinen Rettungszimmers
absolut unzulänglich war, wurde sofort die Verfügung getroffen,
dass alle Herübergebrachten im Hofe der Reihe nach nebeneinander
niedergelegt wurden. Bald wurden die Aerzte gewahr, dass man es nur
mit Todten zu thun habe. Und zwar wurden unendlich wenig Brandwunden
constatirt, hingegen waren die meisten Leichen vom Rauch geschwärzt und
theils verkohlt, dadurch, dass sie bereits als Todte durch brennende
Räume hindurchgetragen wurden. Der Tod wurde bei den meisten durch
Ersticken herbeigeführt, und konnte man deutlich erkennen, wie die
Menschen aneinander dicht gedrängt, die Arme im Ellbogengelenk gebeugt,
in dieser Situation erstickt waren.
Die Hauptarbeit der Aerzte, unter denen sich Polizei-Arzt Dr.
Marktbreiter, Jurie, Anthofer, Schiff, Bauer, Kohn, Lustgarten, nebst
vielen Anderen befanden, musste sich darauf beschränken, die geradezu
unvergleichlich heldenmüthigen Feuerwehrmänner, Rauchfangkehrer und
Sicherheitswachleute, welche fast unter den colossalsten Anstrengungen
aus Feuer, Rauch, Hitze und niederdonnerndem Gebälke die Leichen mit
unglaublicher Todesverachtung heraustrugen, zu laben, und zu zwingen,
eine kurze Zeit zu rasten, denn diese braven Männer, und unter ihnen
Allen voran der Staatsanwalt Graf Lamezan, den ich selbst unzählige
Male Leichen in den Polizeihof tragen und sofort wieder in das
brennende Gebäude zurückeilen sah, sie wollten von Ruhe nichts hören,
sie riefen Alle: «Wir müssen in’s Haus, wir haben keine Zeit, im
dritten und vierten Stock verbrennen sie.» Statthaltereirath Karajan,
der gegen 9 Uhr erschien und der die grosse Anzahl von Leichen im
Polizeihofe liegen sah (es waren zu jener Stunde bereits über achtzig
da), verfügte sich von da sofort in’s allgemeine Krankenhaus, um
für genügenden Platz in der, für derlei Katastrophen unzulänglichen
Leichenkammer zu sorgen. Gleichzeitig wurden aus den Kasernen
sämmtliche Tragbahren requirirt, auf denen nun der Reihe nach der
traurige Zug in die Alserstrasse hinauswanderte.»
Soweit die Erzählungen von Augenzeugen.
Ein Bild des Jammers bot in der Nacht auch noch das Thor des
allgemeinen Krankenhauses, wohin die Leichen gebracht worden. Die
Direction des Krankenhauses durfte die sofortige Agnoscirung der
Leichen über stricten Befehl des Polizei-Präsidiums in der Nacht nicht
vornehmen lassen. Das Thor war geschlossen, aber bis gegen Mitternacht
standen weinende Menschen dort, welche Einlass begehrten und
zurückgewiesen wurden, oder welchen, wenn man sie schon einliess, vom
Portier gesagt wurde, dass sie am nächsten Morgen wiederkommen sollten.
Eine junge Frau, welche ihren Gatten suchte, schluchzte herzzerreissend
vor dem diensthabenden Secundararzte; ein ältlicher Herr, dessen
Sohn sich im Ringtheater befunden haben sollte, weinte, dass ihm die
Thränen über den grauen Bart rannen; hunderte Verzweifelte flehten mit
aufgehobenen Händen, ihnen Zutritt zu den Leichen zu gewähren. Alles
vergebens.
Vor dem Thore draussen begann die Menge zu murren ob dieser Verordnung,
zumal sich Aller, welche sahen, was da vorging, eine unbeschreibliche
Aufregung bemächtigte. Von Minute zu Minute fast wurde eine Todtenbahre
herbeigetragen. Jedesmal rüttelten die Träger heftig an der Klinke,
dass es unheimlich im Thorbogen widerhallte.
«Die Todten begehren Einlass», flüsterten die Wartenden und traten
scheu zur Seite, wenn die Bahre vorüberkam. Ein grässlicher Brandgeruch
entströmte den meisten derselben.
«Ist’s ein Todter?» fragte immer der Portier.
«Es gibt keine Lebendigen da, woher wir kommen,» lautete die dumpfe
Antwort der Träger und sie verschwanden mit ihrer verhüllten Last im
Dunkel des Gartens.
Viele Personen wollten ihnen nachstürzen, aber man verwehrte es ihnen.
Wien ist vor Schreck betäubt! Dieses ist die richtige Bezeichnung
des Gefühlszustandes der Bevölkerung. Als seit 5 Uhr Morgens die
Zeitungen die Nachricht in die Familien brachten, was im Herzen der
Stadt vorging, ertönte ein Schrei des Schreckens und — der Entrüstung
gegen Himmel! Allerorts hat man dies schreckliche Feuer am Horizonte
der Stadt gesehen, in den Vororten Wiens, soweit die Tramway ihr Netz
ausdehnt, hatte man schon Kunde am Abend, dass das Ringtheater brenne,
dass aber kein Menschenleben zu beklagen sei, wie die Sicherheitswache
männiglich kund und zu wissen that, der darum frug. Was sind Millionen
Gulden Verlust für Wien, Nichts, und tausendmal weniger als Nichts
gegen den Verlust eines einzigen Menschenlebens auf so grauenerregende
Art. Das gute Herz der Wiener wollte schier brechen, als die Zeitungen
selbst eingestanden, 300 Menschenleichen sind bis zum Schlusse der
Blätter aus den Flammen geschafft worden! Allerorts widerhallten die
vom Tagblatte an der Spitze gebrachten Worte: Grauenhafte, furchtbare,
entsetzliche Katastrophe! «Wahr ist’s» hörte man sagen, «kein so
grauenvolles, niederschmetterndes, beschämendes Ereigniss hat unsere
Stadt seit Jahrzehnten betroffen!» Der Eindruck, den die Schilderung
allein machte, war erschütternd bis in’s Mark hinein, und der helle Tag
beleuchtete schreckensbleiche, bestürzte Menschen, die alle Arbeit,
alle Pflichten vergassen und hinein in die Stadt rannten und eilten,
sich an die Waggons der Tramway anklammerten, weil sie keinen Platz
mehr finden konnten, nur um möglichst rasch den Ort des Schreckens
zu erreichen. Unser Zeichner skizzirte ein Bild einer solchen
Völkerwanderung durch eine Linie am Morgen des Unglückes, Freitag den
9. December 1881, als es zur Gewissheit wurde, dass Menschen während
des Brandes im Ringtheater waren, ohne dass man zu deren Rettung auch
nur eine einzige Fackel rechtzeitig entzündet hätte!
Völkerwanderung durch die Linie.
Die Frage um die Entstehungsursache bildete das Hauptgespräch der
Hunderttausende, die tagsüber das Ringtheater besichtigten. Ich
benütze die Erzählung des jungen Komikers Lindau vom Ringtheater, die
folgendermassen lautet:
Als das Feuer ausgebrochen war, wurden sofort die Gasflammen abgelöscht
... Die Feuermasse, welche sich von der Bühne über den Zuschauerraum
ergoss, erleuchtete denselben, beleuchtete die drängenden, stossenden,
stürmenden, schreienden, jammernden, entsetzten Massen, welche den
Ausgängen zustürzten in wilder Flucht. Auf den Treppen herrschte
Dunkel, man hatte die Oellampen, welche vorhanden waren, nicht
angezündet. Auf den engen, dunklen Treppen nun tobte ein wilder Kampf
— ein Kampf um’s eigene Leben, der zum Kampfe gegen das fremde Leben
werden musste.
Viele Leute gelangen von der Treppe glücklich bis zum neuen Foyer;
von der Strasse draussen weht durch die offenen Fenster des Balcons
frische würzige Luft ... ein Hoffnungsstrahl für die fast Sterbenden,
für die Halbtodten. Die Glücklichen, die zuerst das Foyer erreicht,
stürzen auf den Balcon. Hier herrscht noch Sicherheit — für wie
lange? Wer weiss es? Die Leute auf dem Balcon hörten das Knistern der
Flammen, sie sehen, wie der Himmel sich immer mehr roth färbt, sie
fühlen den heissen Dunst aus dem Innern des brennenden Theaters auf sie
eindringen, immer mehr füllt sich der Balcon; wem es möglich ist, sucht
sich ein Plätzchen. Es dauerte lange, bis das «einzige» Rettungstuch
kam; eine peinvolle Ewigkeit. Da fasst sich Einer ein Herz, er ruft
den vor dem brennenden Theater angesammelten Menschenmassen zu:
«Ich springe hinunter ohne Tuch» ... Die Menge trennt sich nicht.
Tausende Arme werden emporgestreckt, um den Mann aufzufangen, der
den kühnen Sprung wagt ... er springt und gelangt in Sicherheit. Ihm
folgten Andere rasch; fast Alle, die kühn genug waren, vom Balcon
herabzuspringen, kamen in Sicherheit und trugen blos einige leichte
Abschürfungen davon.
[Illustration: Völkerwanderung durch die Linie.]
Da springt ein Mann hinunter — ein stark gebauter, untersetzter Mensch,
er hat das Malheur, mit dem Opernglasriemen an dem Geländer hängen
zu bleiben, aber er reisst sich los und lässt sich zu Boden fallen;
zerschunden und blutend wird er von der Menge aufgenommen — er heisst
Friedrich und ist in der Oelfabriks-Gesellschaft bedienstet. Im Café
Mocca, wohin der Mann gebracht wird, erhält er einen Verband auf seine
leichte Wunde.
Endlich kommt das ersehnte Falltuch, es nimmt viele Menschen, zumeist
Weiber, auf, welche heil in Sicherheit kommen.
Aber die Anderen? Die Hunderte auf der Treppe? Wer rettet die? Sie
ersticken oder werden zerdrückt, wenn es ihnen nicht gelingt, sich
in’s Freie zu retten über die Nothtreppen. Das Dunkel erschwert, wie
schon erwähnt, das Vorwärtskommen, die Verwirrung und der Jammer sind
unbeschreiblich.
Ein junger Mann, der sich gerettet, erzählt halb sinnlos, er habe
seine Cousine verloren. «Bis zum zweiten Stock habe ich mich bei ihr
erhalten, in dem Gedränge wurden wir getrennt ... ich habe sie noch von
Weitem liegen gesehen, sie ist gewiss todt ... ich Unglücklicher, sie
wurde mir von den Eltern anvertraut .. sie ist erst seit zwei Tagen
in Wien». Man sucht den trostlosen Mann zu beruhigen, vergebens, er
schreit und weint und ruft den Namen Minna, Minna unzählige Male, er
bestürmt alle Commissäre, natürlich fruchtlos; er läuft zur Polizei,
da kann man ihm keine Auskunft geben; er besichtigt die Todten und
die Verwundeten, sie ist nicht darunter; er gibt ihren Namen an,
Niemand kennt ihn. «Vielleicht ist sie mit den fünf Verwundeten in’s
Krankenhaus gebracht worden?» meint ein Commissär. «Nein, nein», ruft
er, «sie war so weit oben, sie ist todt, todt!»
Die aufgeregte Menschenmenge, das heisst halb Wien, wollte, sei es
aus Theilnahme, sei es aus sträflicher Neugierde, die Leichname der
Verbrannten sehen. Alles nun drängte und belagerte das Polizeigebäude,
um — nach einer affichirten Kundmachung — Einlasscertificate behufs
Agnoscirung der im anatomischen Gebäude im allgemeinen Krankenhause
ausgestellten Leichname der Verbrannten zu begehren. Von vielen solchen
leichtfertigen Personen wurden der Polizeibehörde Namen von Leuten
bekanntgegeben, die gar nicht vermisst wurden, nur um Einlass zu
erlangen und so kam es, dass die Liste der Vermissten in erschreckender
Weise wuchs. Das Unglück war leider ohnedies gross genug und wurde
durch dieses sträfliche Vorgehen seitens des Publikums für den Moment
noch grösser gemacht. Das Portal des allgemeinen Krankenhauses bot
einen merkwürdigen Anblick. Um dasselbe schaarten sich tausende
Einlassbegehrende, eine doppelte Reihe Infanterie-Soldaten bildete
einen Kreis um das Thor und es durfte nur Jener passiren, der die
behördliche Legitimation vorweisen konnte.
Am 9. December Abends spielte sich auch ein officieller Act der Pietät
ab, der verzeichnet zu werden verdient. Das hohe Haus der Abgeordneten
sah sich veranlasst, die Katastrophe vom Schottenring in die Discussion
zu ziehen, und ich bringe diesen Sitzungsbericht als ehrendes
Angedenken für die Verunglückten und für unser Parlament.
[Illustration: Das Portal des allgemeinen Krankenhauses.]
Das Parlament soll seine Arbeiten sistiren — so beantragt die
Vereinigte Linke, welche überdies eine gemeinsame Interpellation mit
der Rechten vereinbart .... Das Unglück führt die Menschen zusammen.
In der am 9. December Abends abgehaltenen Sitzung des Clubs der
Vereinigten Linken constatirte der Vorsitzende Dr. Herbst, dass
diese Sitzung vor dem entsetzlichen Unglück einberufen worden sei,
welches die Bewohner Wiens getroffen. An die Wiederaufnahme der
parlamentarischen Arbeiten wollte man bei der Ergriffenheit aller
Abgeordneten, die auch den Tod eines Collegen (des Abgeordneten
Pengowski) zu beklagen hatten, erst dann wieder denken, wenn alle jene
Unglücklichen, welche das Opfer der Katastrophe geworden sind, zur Ruhe
bestattet sein werden.
Abgeordneter Friedmann beantragte die Einsetzung eines Comités zur
Vorbereitung von Anträgen, durch welche ein Gesetz geschaffen werden
soll, betreffend die Sicherheitsvorkehrungen für Theater und andere
öffentliche Orte gegen Feuersgefahr.
Abgeordneter Schaup sagte: Dieser Gegenstand gehört in die Competenz
der Landtage.
Vorsitzender Dr. Herbst meinte: Die Partei müsse bei jedem Schritte,
den sie in dieser Angelegenheit thue, mit grösster Vorsicht zu Werke
gehen. Sie dürfe sich nicht dem Scheine aussetzen, als wollte sie aus
diesem namenlosen Unglücke politisches Capital schlagen und sie dürfte
auch nichts thun, wodurch die ohnedies aufgeregte Bevölkerung noch mehr
aufgeregt werden könnte.
Abgeordneter Dr. Weitlof theilt mit, dass er und die übrigen Vertreter
der Stadt Wien bereits zum Entschlusse gekommen seien, in der nächsten
Sitzung eine Interpellation einzubringen. Die Einsetzung eines Comités
nach dem Antrage Friedmann hätte vorläufig keinen Zweck. Unter
allgemeiner Zustimmung constatirte der Redner, welch’ peinlichen
Eindruck es in allen Kreisen machte, dass am 9. December, unmittelbar
nach der furchtbaren Katastrophe, in den Theatern gespielt wurde.
Abgeordneter Löblich meinte, es dürfte sich weniger darum handeln, neue
Vorkehrungen für die Sicherheit zu treffen, als vielmehr darum, dass
die bestehenden Vorkehrungen in Zukunft besser überwacht werden.
Abgeordneter Alter wünscht, dass in dieser Angelegenheit gemeinsam mit
der Rechten vorgegangen werde. Der Club möge sich dahin aussprechen,
dass der Vorstand mit den übrigen Clubs ein Einvernehmen pflege.
Abgeordneter Eduard Suess sagte: In dieser entsetzlichen Angelegenheit
denkt Keiner von uns daran, seinen oppositionellen Standpunkt
hervorzukehren, denn wir sind Alle überzeugt, dass Graf Taaffe in
dem grossen Unglücke Alles nur Mögliche thun werde. Redner ist der
Ansicht, dass man die Rechte auffordern soll, sich einer Interpellation
der Vereinigten Linken anzuschliessen, durch welche die Regierung
aufgefordert würde, legislative und administrative Massregeln zu
ergreifen, um, soweit dies durch menschliche Voraussicht erreicht
werden kann, die Bevölkerung Wiens und alle übrigen Bewohner des
Reiches vor einem ähnlichen Vorkommnisse zu bewahren.
Abgeordneter Schaup stellt den Antrag, zwei Mitglieder des Clubs
an den Obmann des Executiv-Comités der Rechten, Grafen Hohenwart,
abzusenden, welche ihm die Anschauungen des Clubs mittheilen und zu
einen gemeinsamen Schritt des ganzen Hauses einladen sollen.
Abgeordneter Dr. Edlbacher erklärt unter allgemeiner Zustimmung, der
Club selbst müsse der Auffassung entgegentreten, als ob er irgend
eine politische Demonstration beabsichtige. Hierauf wurde einstimmig
beschlossen, die angeregte Interpellation gutzuheissen und den
Grafen Hohenwart hievon sogleich durch die Abgeordneten Sturm und
Ed. Suess in Kenntniss zu setzen. Das Executiv-Comité der Rechten,
welches eben versammelt war, erklärte sich mit dem Vorgehen der
Linken sofort einverstanden. Letztere setzte ein Comité, bestehend
aus den Abgeordneten Suess, Sturm und Tomaszczuk, ein. Bezüglich
des Antrages Friedmann wird beschlossen, erst nach erfolgter
Interpellations-Beantwortung sich zu entscheiden. Die sodann im
Club der Linken erschienenen Abgeordneten Hohenwart und Heinrich
Clam theilten mit, dass die vom Abgeordneten Ed. Suess entworfene
Interpellation mit geringen Abänderungen die Zustimmung der Rechten
gefunden habe. Es wurde hierauf vereinbart, dass die Interpellation
vom Abgeordneten Eduard Suess, den Vorständen der Vereinigten Linken
und den Obmännern der vier Clubs der Rechten am 10. eingebracht und
von sämmtlichen Mitgliedern des Hauses unterzeichnet werden soll. Die
Abgeordneten erwarten, dass die Interpellation sofort beantwortet wird.
Der Gemeinderath und die Katastrophe.
Auch die Väter unserer Stadt haben in feierlicher Weise ihre
Beileidskundgebung dargethan.
Unter dem Eindrucke der entsetzlichen Katastrophe des 3. Decembers
versammelte sich am 9. December der Gemeinderath zu einer Sitzung, um
eine der Stadtvertretung würdige Kundgebung zu erlassen. Die Mitglieder
des Gemeinderathes waren lange vor Beginn der Sitzung erschienen. Es
fanden früher Besprechungen der Clubobmänner statt, um bezüglich der
in der Finanzsection zu stellenden Anträge über die Unterstützung der
Hinterbliebenen unbemittelter Opfer der Katastrophe eine Einigung zu
erzielen. Gemeinderath Dr. Mandl hatte den Antrag vorbereitet, dass
von Seiten der Stadt jene Leichen, welche nicht reclamirt werden,
dann die Leichentheile, bezüglich deren eine Agnoscirung unmöglich
ist, in einem gemeinsamen Grabe feierlich auf Kosten der Gemeinde
bestattet werden mögen. Der Antrag konnte, indem die vorhergegangene
Sitzung nur der Beileids- und Trauerkundgebung gewidmet war, nicht in
Verhandlung gezogen werden, aber von Seite des Bürgermeisters wurde die
Durchführung des Antrages zugesagt.
Präcise fünf Uhr erschien der Bürgermeister Dr. v. Newald, begleitet
von dem Vicebürgermeister Uhl und den Schriftführern Bärtl und Dr.
Landsteiner.
Bürgermeister Dr. v. Newald erklärte die Sitzung für eröffnet und
richtete folgende Ansprache an die Versammlung:
«~Meine Herren!~
Es gibt Momente, in welchen es schwer fällt, dem überwältigenden
Gefühle, welches die Herzen von Tausenden durchzittert, Ausdruck zu
geben. Ein solcher ist wohl der, in welchem ich zu Ihnen spreche.
Erschüttert von der Katastrophe des gestrigen Tages, sind wir Alle
ausser Stande, die Grösse der schmerzlichen Theilnahme in Worte zu
fassen, welche uns und die gesammte Bevölkerung Wiens in diesem
Augenblicke erfüllt. Zu jeder Zeit hat der Gemeinderath der Stadt
Wien bei ausserordentlichen Unglücksfällen in thatkräftiger Weise
eingegriffen, und glaube ich deshalb gewiss nur in Ihrem Sinne und
nach Ihren Intentionen zu handeln, wenn ich die Finanzsection ersuche,
die erforderlichen Anträge zur Linderung des Schmerzes und der Noth
der betreffenden Familien schleunigst dem Gemeinderathe vorzulegen.
(Zustimmung.)
Seine kaiserliche Hoheit Kronprinz Rudolf hat folgendes Telegramm an
mich gerichtet: «Meiner Frau und mein innigstes Beileid zu der schweren
Katastrophe, die gestern Wien getroffen hat».
Wir Alle sprechen hiermit Ihren kaiserlichen Hoheiten für diesen neuen
Beweis des erhebenden Wohlwollens für unsere Stadt den ehrerbietigsten
Dank aus».
Zeitungsausträger.
In der Bevölkerung gährte eine gewaltige Aufregung; die halbe Million
Einwohner der Vororte und Vorstädte wallte in den Nachmittagsstunden
in unübersehbaren Reihen nach dem Schottenringe; Personen, die
vielleicht ein Decennium die innere Stadt nicht betraten, sie kamen,
durch die Schreckensnachricht allamirt, nach der Stadt, und der
Ring bot ein groteskes Bild der Bewohner der Residenzstadt an der
Donau. Die Aufregung erlangte ihren Höhepunkt zur Zeit der Ausgabe
der Abendblätter. Ich liefere eine Skizze der Erstürmung eines
harmlos seines Weges wandernden Zeitungsausträgers, der von einem
Rudel Menschen überfallen wurde und seiner Bürde im Nu enthoben war;
galt es doch endlich einmal die Liste der Todten und Vermissten zu
durchfliegen! Die Ueberraschung war eine peinliche, die erste Liste war
mit weit mehr als hundert Agnoscirten ausgestattet und eine ebenso hohe
Zahl enthielt die Namenliste der Vermissten — also ebenfalls Todter.
Es wurden harte Anklagen gegen unsere öffentlichen Institute laut,
herbe Worte erpresste der Schmerz und nicht selten schallte der Vorwurf
an mein Ohr, dass immer und immer der Aermste, der nur über wenig Geld
verfügen kann, zum Opfer falle, denn vom Parterre und den Logen sind
Wenige verunglückt, sondern das Gros derselben recrutirt sich aus den
Besuchern der billigeren Plätze auf den Galerien.
[Illustration: Zeitungsausträger.]