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Die Wiener
Schreckensnacht
vom 8. December 1881.
Illustrirtes Gedenkheft
mit 24 Illustrationen.
Der Rein-Ertrag ist den Witwen und Waisen der durch
die Katastrophe Verunglückten gewidmet.
Preis eines Heftes 50 kr. ö. W.
Nachdruck und Uebersetzungsrecht vorbehalten.
Im Selbstverlage des Verfassers
L. Adam.
AUX TROIS FRANÇOIS
I., Johannesgasse Nr. 10, Ecke der Seilerstätte.
Druck von M. A. Schwarz, Wien, I., Führichgasse 6.
[Illustration: Das Ringtheater am Morgen des 8. December 1881.]
Am Morgen des 8. December.
An einem Marientage, einem der schönsten Feiertage der katholischen
Kirche, am 8. December, wurden die die Woche über angestrengt thätigen
Wiener angelockt, sich an dem schönen aber frischen Wintertage zu
erfreuen und einen Spaziergang über den Ring zu machen. Hunderte,
die das Ringtheater passirten oder sich daselbst Plätze an der
Tagescasse holten, hatten keine Ahnung, dass sie sich Eintrittskarten
für das Jenseits gelöst, und freuten sich bereits der Genüsse, die
ihrer am Abende warten sollen, da das letzte Offenbach’sche Werk:
«Hoffmann’s Erzählungen», zum zweiten Male hätte aufgeführt werden
sollen, wenn nicht der Alles lenkende und leitende Schöpfer in seinem
unergründlichen Rathschlusse es anders beschlossen hätte.
In dem Gebäude des Ringtheaters selbst herrschte die gewohnte
Thätigkeit. Director Jauner in seinem mit fürstlichem Luxus
ausgestatteten Appartement, beschäftigte sich, wie an jedem Sonn-
und Feiertage, mit der Sichtung und Erledigung der die Woche über
eingelaufenen Stücke, welche von den Autoren seiner Beurtheilung
unterbreitet wurden. Dessen Secretär, Herr Gisrau, hantirte in seiner
Kanzlei. Das Theater selbst war, in Folge der für Mittag anberaumten
Matinée zu Gunsten der unter dem Protectorate des Polizeipräsidenten
Baron Marx von Marxberg stehenden Unterstützungs-Societät der
Polizeibeamten Wiens für ihre Witwen und Waisen, ziemlich belebt.
Mitglieder des Männergesangvereines kamen auf die Bühne; es wurde
angeordnet und ausgeführt, die Billeteurs waren an ihren Plätzen, kurz
es zeigte das Haus ein Leben wie immer. Niemanden beschlich ein Gefühl,
als sollte es in kürzester Zeit ganz anders in diesen Räumen zugehen.
— Die Matinée war vorüber, das elegante Wien verliess gegen 4 Uhr
Nachmittags das Ringtheater. Die Carossen trugen die Herrschaften zur
Tafel, die Thore des Theaters wurden geschlossen und das Schauspielhaus
zum Empfange des Publikums für die Abendvorstellung hergerichtet.
Gegen ¼ 5 Uhr bemerkte man bereits einige Personen, welche sich
an das Thor lehnten, um die Ersten bei der Casse zu sein, wenn
aufgesperrt wird, um auf diese Art einen guten Platz hoch oben auf der
«Jucheh-Galerie», wie im Volksmunde bisher die letzten Galerien der
Wiener Theater genannt werden, zu erhaschen. Zu diesen ersten — drei
junge Männer und dem Aeusseren nach zu schliessen eine kunstsinnige
Köchin — gesellten sich bald ein Dutzend anderer theaterlustiger
Personen, so dass gegen sechs Uhr Abends an 200 Menschen bereits
warteten, bis endlich aufgesperrt wurde. Man hörte lachen und schreien,
als der Schlüssel im Schlosse rasselte, Alles stiess und drängte,
mit fieberhafter Schnelligkeit wurde das Billet gelöst, und eilenden
Schrittes die Treppen hinangeeilt, um endlich athemlos den Platz in
dem Hause einzunehmen — aus welchem es nur Wenigen gegönnt war, so
herauszukommen, wie sie hineingegangen.
[Illustration: Gedränge vor dem Aufsperren.]
Kaum eine halbe Stunde war seit dem Einlasse des Publikums in das
Ringtheater vergangen, man sah die Galerie dicht gefüllt, die «Oberen»
fanden bereits an den Toiletten der Logenbesucher eine willkommene
Augenweide, um die Zeit bis zum Beginne der Vorstellung auszufüllen,
die Sitze im Parterre waren gleichfalls fast bis zur Hälfte besetzt
und die Herren von «Unten», der Bühne den Rücken kehrend, richteten
ihre Operngläser bald auf dieses oder jenes hübsche Gesicht, welches
über die Brüstung der Galerie freundlich und schelmisch hinabblickte
auf die jungen und alten Neugierigen, welche die Operngläser nicht
abwenden konnten von den niedlichen Grisettengesichtern. Plötzlich
wurde ein Lärmen, ein Schreien und Gepolter hinter dem Vorhange
vernehmlich, eine Minute lang lauschte das Publikum, es herrschte
Todtenstille. Die wenigen im Orchester bereits mit ihren Instrumenten
sich beschäftigenden Künstler sprangen plötzlich empor, ein Schrei
gellte durch das Haus, der Vorhang flog, von furchtbarer Gewalt bis
zur Brüstung der dritten Galerie emporgetrieben, in die Höhe, eine
colossale Flammengarbe erhellte mit einem Male den Zuschauerraum:
Feuer! Feuer! Diese furchtbaren Worte übertönten den grässlichen Lärm;
Alles eilte und drängte, unbekümmert um den Nebenmann, den Thüren zu,
das Freie, Gottes freie Himmelsluft zu erreichen, wenn es eine solche
noch geben sollte, denn im ersten Momente drängte sich gar manchen der
im Theater Anwesenden der Gedanke auf, der Weltuntergang sei gekommen
und Feuer und Wasser erfülle den ganzen Raum des Universums! — Bald,
nur zu bald hat sich das Bild der Ringstrasse verändert, die Flammen
schlugen hoch zum Himmel empor, ein furchtbarer Knall erfolgte, das Gas
ist explodirt, und Finsterniss und Glut, Feuer und Rauch erfüllten alle
Räume, erstickten und vernichteten Alles, was athmete und lebte.
[Illustration: Feuer! Feuer! Feuer!]
Der Tod entfesselte alle seine Schrecknisse; — mit seinem glühenden
Athem überfiel er das blühende Leben heiterer, lachender, fröhlicher
Menschen und entsendete gegen sie das Feuer, den Qualm, den Rauch,
er verbrennt sie, er erstickt sie, erwürgt sie, zerschmettert ihre
Gliedmassen; — in weniger als einer Stunde hat er die Schreckensarbeit
gethan, über welche Millionen Menschen schreckensbleich und sprachlos
geworden.
Erschüttert und noch unter dem Eindrucke des grässlichen Ereignisses
schreite ich mit pochendem Herzen daran, diesen Abend vom 8. December
1881 und die folgenden Tage zu schildern — bis zum Schlusse der
Tragödie, der Leichenfeier am 12. December!
Bevor ich jedoch zur weiteren Schilderung der grauenvollen Thatsache
übergehe, muss ich einige geschichtliche Daten über die Entstehung
des «einstigen» Ringtheaters, früher «Komische Oper», voraussenden.
Dieses Schauspielhaus, vom Architekten Emil Ritter ~v. Förster~
erbaut und gegenwärtig dem Wiener Stadterweiterungsfonds gehörig,
wurde am Samstag den 17. Jänner 1874 eröffnet. Bei der Construction
des Hauses war darauf Rücksicht genommen worden, eigene Eingänge und
Cassen für die Galerie-Besucher anzulegen. Dieser an und für sich
sehr gute Gedanke hatte indessen einen Uebelstand zur Folge, der sich
gerade an diesem Unglücks-Donnerstage entsetzlich fühlbar gemacht
haben mag. Das Parterre des Zuschauer-Raumes musste in das erste
Stockwerk verlegt werden und der Theatersaal selbst erhielt, vom
Niveau der Strasse aus bemessen, eine enorme Höhe. Die Stiegen, die zu
den oberen Galerien führen, sind, da sie ziemlich bequem ansteigen,
von unerhörter Ausdehnung und wer jemals den vierten Stock dieses
Hauses erklommen hat, wird die Endlosigkeit dieser Treppen-Anlage im
Gedächtnisse behalten haben. Der Zuschauer-Raum war nicht gross; das
Parquet hatte etwa 260 Sitzplätze und das ganze Haus fasste circa 2000
Personen. Die Decoration des Innenraumes, die im Wechsel der früheren
Directionen unberührt geblieben, hatte unter der letzten Direction
eine durchgreifende Verschönerung erfahren. Freundlichere Farben
ersetzten die trübe Mattheit der einstigen Ausstattung. Ein prächtiger
Kronleuchter, der thatsächlich Tageshelle verbreitete, ergoss sein
Licht durch den eleganten Raum. Eine Hoffnung, die sich leider nicht
erfüllt hat: dass sich die Katastrophe ohne grossen Verlust an
Menschenleben abgespielt hätte, wurzelte in der Thatsache, dass unter
allen Wiener Theatern die «Komische Oper» die schlechtesten Galerien
hatte. Speciell von der vierten Galerie aus ist die Bühne kaum von den
Mittelplätzen zu übersehen gewesen. In Folge dessen waren die oberen
Räume jederzeit schlecht besucht, während in anderen Theatern gerade
diese Plätze in Sonntags-Vorstellungen überfüllt sind.
[Illustration: Franz Jauner, der letzte Director des Ring-Theaters.]
Die Komische Oper wurde unter der Direction Albin Swoboda mit dem
«Barbier von Sevilla» eröffnet. Die grossen Erwartungen, die man
der Begründung dieser Bühne gewidmet, erfüllten sich nicht. Unter
der Wirkung des wirthschaftlichen Niederganges schwächte sich die
Theilnahme des Publikums bald so erheblich ab, dass das Haus die in
seinem Namen ausgesprochen gewesene künstlerische Tendenz völlig verlor
und ein Spielball des Zufalls wurde. Den letzten Glanz brachte das
erste Auftreten der Patti am 24. März 1875 in die Komische Oper. Mit
Mühe und Noth brachte sich das Theater bis zum 30. April fort. Vom 1.
Mai desselben Jahres angefangen — an welchem Tage zufälligerweise Herr
Jauner die Direction der Hofoper übernahm — bis lange in den Winter
hinein blieb es jeder künstlerischen Thätigkeit fern. Dann folgte
die bunte Flucht der Directionen, die immer mit grossen Erwartungen
begannen und mit der von den Künstlern angerufenen Intervention der
Polizei endeten. Taschenspieler, Puppenkünstler, allerlei Curiositäten
— ein unerquicklicher Gänsemarsch von unkünstlerischen Schauspielen.
Auf denselben Boden, den Salvini geweiht, trat der Fuss des
Fructificirers des Hypnotismus: Hansen.
Endlich nach so vielen Enttäuschungen schien auch für dieses Haus,
das früher schon den nicht mehr entsprechenden Namen in «Ringtheater»
umgewandelt hatte, eine bessere Zeit anbrechen zu wollen. Der
glücklichste Empiriker unter den gegenwärtigen Wiener Theaterleitern,
Franz Jauner, beschloss, das Theater der Kunst zurückzugeben. Er
eröffnete das Haus am 1. October d. J. mit dem «Rattenfänger von
Hameln». Wirklich schien sich jetzt die Gunst der Bevölkerung dem neuen
Unternehmen zuzuwenden. Aber auch die Direction Jauner enttäuschte
manche der Hoffnungen, die man an das Wiederaufleben der vielgeprüften
Bühne geknüpft hatte, nur Experimente à la Sarah Bernhardt mit der
Monstre-Reclame füllten die Räume des Ringtheaters, und wer kann
wissen, welcher Art — ohne das Eingreifen des Verhängnisses — das
Schicksal der Direction Jauner gewesen wäre?
«Das Ringtheater brennt.»
In dem kurzen Zeitraume von 6 bis 7 Uhr Abends hat sich das Bild
durch die Gewalt des Feuers wesentlich geändert. Die Nachricht: «das
Ringtheater brennt», wirkte auf die Bevölkerung wie ein Donnerschlag;
die in den Caffeehäusern beim Kartenspiele sitzenden Personen warfen
die Kartenblätter von sich, aus den Häusern und Wohnungen eilten
die Menschen, durch den hellen Feuerschein aufgeschreckt, auf die
Strasse, aus den Vorstädten und Vororten drängte Alles der Stadt
zu, und die Tramwaywaggons wurden derart überfüllt, dass Personen
sich gleich Gassenjungen rückwärts anklammerten, nur um möglichst
rasch dem Brandorte nahe zu sein. Gegen 7 Uhr Abends stauten sich an
10.000 Menschen; von dem Allerhöchsten Hofe erschienen die Herren
Erzherzoge Albrecht und Wilhelm, die Löschtrains der städtischen
Feuerwehr mit der Dampfspritze, verständigt durch ein Telegramm der
Polizei-Direction — welche erst — und das ist das Merkwürdigste — von
einem um ¾ 7 Uhr den Schottenring passirenden Diener des Extrablattes,
Namens Josef Swoboda, aufmerksam gemacht wurde, dass das Ringtheater
brenne. Dieser sah das urplötzliche Erlöschen der elektrischen Sonnen
vor dem Portale des Ringtheaters und bemerkte gleichzeitig über den
First des Hauses einen blitzähnlichen Feuerstrahl, dem eine lange
Rauchwolke folgte, aufblitzen. Wieso es kam, dass der Rayonposten
an der Ecke des Schottenringes, der doch den Schlüssel zu dem am
Hotel de France angebrachten Feuersignale in der Tasche hatte, kein
Aviso von dem Brande gab, kann Niemand wie dieser selbst wissen,
und ebenso unerklärlich ist die Thatsache, dass die telegraphische
Verbindung des Ringtheaters mit der Feuerwehr erst nach dem Telegramme
der Polizei-Direction eintraf. — Alles, was sich einfand, wurde aus
dem Munde von Wachleuten mit der Auskunft beruhigt: «Menschenleben
sind nicht zu beklagen, das Haus ist vollkommen entleert, es hatte
Alles Zeit, das Theater zu verlassen». Viele Personen kehrten nach
dieser beruhigenden, officiellen Mittheilung an ihren Spieltisch im
Caffeehause oder an ihren Wirthshaustisch zurück, denn, wenn keine
Menschen in Gefahr sind, was liegt an einem noch so kostspieligen
Bau eines Ringstrassenpalastes. Auch den beiden Herren Erzherzogen
wurde von Seite des Polizeirathes Landsteiner die dienstliche Meldung
gemacht: «Menschenleben sind nicht in Gefahr, das Haus ist gänzlich
entleert».
[Illustration: Ringtheater-Brand.]
Auf dem Balcon und der Loggia waren allerdings circa 100 Personen,
theils verwundet, theils halberstickt zu bemerken, doch diese retteten
ihr Leben entweder durch einen Sprung in das Rettungstuch, oder
gelangten, nachdem die als zu kurz befundenen Leitern durch höhere
ersetzt wurden, auf diesem Wege in’s Freie. —
Die Brandstätte und Rettungsversuche durch Springtuch und Leitern.
Bevor aber diese Meldungen und Auskünfte ertheilt wurden, spielten
sich Scenen ab, welche die berufenen Personen doch zu dem Versuche
veranlassen hätte können, in den noch nicht brennenden vorderen
Theil des Theatergebäudes mit Fackeln bewaffnet einzudringen, um
auf den Stiegen nachzusehen, ob auch thatsächlich kein Besucher des
Theaters mehr im Hause wäre. Statt den Brand zu localisiren und sich
ausschliesslich mit dem Feuer zu beschäftigen, hätte der Rettung von
Menschenleben das Hauptaugenmerk zugewendet werden sollen. Als der
Schreckensruf ertönte: «das Ringtheater brennt», spielte sich bereits
vor dem Theater ein entsetzliches Schauspiel ab. In rasender Eile hatte
die Flamme den Dachstuhl durchbrochen und beleuchtete taghell den
Schottenring und Umgebung. Im Innern hat man eine Detonation vernommen,
dann war tiefe Finsterniss eingetreten. Während im Theater Alles zu
den Ausgängen stürzte und eine unbeschreibliche Verwirrung entstand,
strömte eine Menge Menschen gegen das Theater, um Hilfe zu bringen. Was
sich in der Umgebung desselben abspielte, entzieht sich thatsächlich
jeder Beschreibung. Hinaus und hinein in das brennende Gebäude, dessen
Flammen weitum den Himmel roth färbten, stürzten die Menschen. In der
Loggia zur linken Hand erschienen beiläufig zwanzig Leute, welche
mit gellender Stimme um Hilfe riefen. Die Stimme derjenigen, welche
sich um das Theater drängten, antworteten denen oben und in den
furchtbaren Wirrwarr hinein schallten die hellen Töne der anrasenden
Feuerwehr. «Hilfe für die Menschen in der Loggia! Hilfe, um Gottes
willen! Hilfe, um jeden Preis!» Man suchte Leitern von den Feuerwagen
herunterzunehmen, aber dieselben erwiesen sich als zu schwach und zu
kurz. Glücklicherweise war ein Springtuch vorhanden.
[Illustration: Rettungsversuche mit dem Springtuch.]
«Aushalten! Zuwarten! bis das Springtuch gespannt ist!» schreien
die unten. «Hilfe! Hilfe!» schreien die oben. Das Springtuch wird
ausgespannt. Einige der Leute oben steigen über die Brüstung, aber die
Furcht hält sie noch fest. Da blitzt es in den Fenstern und fahler
Feuerschein wird hinter der Loggia sichtbar. Verzweifelt wirft sich
ein Mann herab. Er fliegt mit ausgebreiteten Armen und Beinen durch
die Luft. Er ist ein schwerer, starker Mann und die Männer, welche das
Tuch hielten, haben gut gehalten. Es ist dem kühnen Springer nichts
geschehen. Es folgt ihm ein zweiter, ein junger, gewandter Mensch,
welcher ebenfalls gut davon kommt; dann ein dritter. Jetzt windet
sich eine Frauengestalt aus dem Gedränge oben hervor und betritt die
verhängnissvolle Kante. «Muth! Muth! Nur springen!» ruft man unten. Sie
wagt den Sprung; weit flattern ihre Kleider — ein grässlicher Anblick —
aber sie wird wohlbehalten von dem Tuche aufgefangen. Ein halbwüchsiger
Knabe springt jetzt hinab. Es folgt Einer nach dem Anderen! Die
Männer meist barhäuptig. Nur drei bleiben oben; jetzt ist eine grosse
Leiter herbeigebracht worden, welche man mit aller Geschwindigkeit
zusammenstellt. Der Feuerschein im Hintergrunde ist matter geworden.
Aber höher und höher schlägt die Lohe vom Dachstuhl gen Himmel. Dichter
Qualm kommt aus den oberen Fenstern zum Vorschein. Die aufgescheuchten
Tauben flattern mit verzweifeltem Flügelschlag in dem Qualm umher und
hoch oben steht in ruhiger Haltung, hell von der Gluth beschienen,
Apollo, wie zum Spott, über dem Unglücksgebäude.
Da erschallt von dem rechtsseitigen Fenster neben der grossen Loggia
ein Hilferuf. Das Fenster ist aufgerissen worden und ein Dutzend
Menschenköpfe kommt zum Vorschein. «Hilfe! Hilfe! Um Gotteswillen!»
Man bringt eine Leiter herbei, die wiederum zu kurz ist. Eine
qualvolle Viertelstunde vergeht. Jetzt gehen die Männer mit dem
Springtuch nach dieser Seite und wieder erschallen die auffordernden
Rufe: «Herabspringen!» Ein Mann wagt es zuerst, er ist gerettet;
dann eine Gestalt in buntem Theater-Costume! Dann erscheint in dem
Fenster eine Leiter; wie dieselbe dahin gekommen, ist ein Räthsel.
Zugleich mit der Leiter wird ein Tuch herabgelassen. Jetzt steigen
die Menschen die Leiter hinab und von einer ziemlich geringen Höhe
lassen sie sich in das Tuch fallen. Ein paar Frauen sind darunter.
Nur zwei Knaben, die nicht den Muth haben, zu springen, hocken auf
dem Stein-Vorsprung unter dem Fenster. Inzwischen haben auf der
Seiten-Loggia die Feuerwehrleute die Leiter angelegt und bringen Einen
nach dem Anderen aus der Loggia herab. Ein Mann mit einem weissen Tuch
um den Kopf läuft durch die Menge und sucht seine Frau. Er hat den
Sprung gewagt und ist unverletzt davongekommen. «Meine Frau ist noch
drinnen! Sie ist hochschwanger!» schreit er verzweifelt. «Sind noch
Menschen im Gebäude? Sind noch Menschen drinnen?» Die Leute, welche
heruntergesprungen sind, versichern, dass auf den Treppen noch Leute
liegen. Frauen seien in Ohnmacht gefallen und liegen auf den Treppen.
«Das Theater ist geschlossen! — Sie können nicht heraus!» heisst es in
der Menge. Das ist aber nicht richtig. Das Theater ist offen; es haben
zu verschiedenen Malen Leute sich hineingewagt; aber die Finsterniss
drinnen liess nichts erkennen. Eine Frau trägt ein Kind vorüber; sie
ist mit demselben herabgesprungen, heisst es; sie geberdet sich wie
wahnsinnig.
Es entspann sich zwischen einen jungen Mädchen dem Berichte des
«Wiener Tagblatt» vom 11. December nach ihren eigenen Angaben
entnommen, mit Namen Pawlik, bevor dasselbe in das Sprungtuch sich
warf, eine Controverse vom Balcon herab mit den Wachleuten, indem sie
flehentlichst bat, Leute mit Licht zu senden, denn nur diese können
hunderten von Menschen, die den Ausweg nicht finden und festgekeilt in
den Stiegenräumen stehen und liegen, Rettung bringen. Diesem Fräulein,
als es unten angekommen, schenkte man trotz ihrer verzweifelten Bitte
kein Gehör, man entsendet Niemand mit Licht, sondern schrieb blos Name
und Adresse des Fräuleins auf und blieb dabei: es wäre kein Mensch
mehr im Theater! — Der Wichtigkeit halber citirte ich auch das Blatt,
welches wortgetreu die Angaben des Fräulein Pawlik, das in der Familie
des Abgeordneten Alfred v. Scene die freundlichste Aufnahme fand, zum
Abdrucke brachte, die jedenfalls bei dem sich abspielenden Processe vor
dem competenten Gerichte entscheidend in’s Gewicht fallen werden.
Eine Stunde bereits wüthete der furchtbare Brand, die Geretteten,
welche unter den Zuschauern blieben, weil sie ihre Freunde oder
Verwandten, ihre Eltern oder ihre Kinder, ihre Männer oder Frauen
suchten, schrieen unaufhörlich: es sind noch hunderte Leute im Hause
auf den Stiegen, welche verbrennen, rettet sie, helft, sendet Leute
mit Licht hinauf, welche Worte hundertfach von den Umstehenden
wiederholt wurden, bis endlich zwei Polizeibeamte in das Haus mit
Fackeln eindringen, während die gesammte Löschmannschaft unaufhörlich
Wassermassen in die Flammen sendet. Man wollte von Seite der
öffentlichen Functionäre doch endlich Gewissheit haben, ob das Gerücht,
dass noch Menschen in dem Hause seien, sich bewahrheite. Plötzlich
erscheinen die zwei muthigen Männer wieder an der Unglückspforte; ihre
Mienen sind von Schrecken verstört, todtenbleich rapportirten sie
den in der Nähe der beiden Herren Erzherzoge stehenden Polizeichefs
«dass oben noch eine ganze Menge Personen, ein Knäuel von Menschen
liege, Ohnmächtige, Tode, Sterbende, Verwundete, welche so dicht
zusammengepresst, zusammengeballt seien, dass man nur mit grösster
Anstrengung die einzelnen Körper hervorziehen könne.» Nun mit einem
Male änderte sich nach dieser Meldung die Scenerie.
Wie ein elektrischer Funke durchfuhr der Gedanke nach Rettung der
Verschmachtenden die Zuhörer dieser Hiobspost; als einer der ersten
stürzte todesmuthig unser Oberlandesgerichtsrath und Staatsanwalt Graf
Lamezan in das Foyer und nun ging es an die Rettung Derjenigen, die
noch zu retten waren! Doch wie entsetzlich Wenige traf man nach einer
Stunde des Brandes noch am Leben; verbrannte, erstickte, zertretene,
erdrückte und erdrosselte Menschen beförderte man aus dem Hause; zu
spät machte man die Entdeckung, dass Menschen, viele viele Menschen
in dem Hause und auf den Stiegen seien, und doch hätte man dorthin,
wohin man um die Todten gelangen konnte, auch gelangen können, um die
Lebenden zu befreien, wenn man um 45 Minuten früher den Versicherungen
der Geretteten Glauben geschenkt hätte, dass noch Menschen in dem Hause
weilen!
[Illustration: Leichentransport während des Brandes.]
Die Todesverachtung, der Muth, der dazu gehört, um in das in hellsten
Flammen stehende Gebäude zu gelangen, war sicherlich gleich zu Beginn
des Brandes in der Brust der braven Männer, die nunmehr ihr Leben
in die Schanze schlugen für Cadaver. — Ueber die Scenen, die sich
nun im Inneren des Ringtheaters abspielten, erhalten wir genauestens
Bericht aus einem Aufsatze des «Neuen Wiener Tagblattes», der nach der
Erzählung des Grafen Lamezan niedergeschrieben wurde:
«Es war gegen halb 8 Uhr Abends — so erzählte Graf Lamezan — als ich
vor dem brennenden Ringtheater anlangte. Ich hatte, da ich weiss, dass
bei solchen Anlässen die Polizei- und Militärwache immer einen engen
Cordon schliesst, um den Andrang des Publikums hintanzuhalten, um
Neugierige und Unberufene nicht durchzulassen, die Vorsicht gebraucht,
meine Beamtenkappe aufzusetzen, um mich so gewissermassen als eine
officielle Persönlichkeit zu kennzeichnen. Ich musste aber trotzdem
meinen Namen laut in die Menge rufen, um mir Durchgang zu verschaffen.
Kaum, dass ich wenige Secunden vor dem brennenden Theater gestanden,
kam der Wachmann Ignaz Winkler zu mir heran und meldete mir mit
verstörter Miene und unter sichtbarer Aufregung, dass sich droben
im Stiegenhause Menschen befänden, von denen er nicht wisse, ob sie
vielleicht verbrannt oder ob nicht einige von ihnen noch am Leben seien.
«Führen Sie mich hinauf,» rief ich ihm, rasch entschlossen, zu.
Gleichzeitig gab ich einigen Wachleuten und Feuerwehrmännern den
Befehl, uns zu begleiten. Wir verfügten uns sodann durch das mit Qualm
und Rauch erfüllte Foyer, in welchem eine totale Finsterniss herrschte,
von da rechts über die Stiege, die zur ersten Galerie führt. Ueberall
herrschte tiefe Finsterniss, Rauch und Hitze erfüllte den Raum, in
dem wir uns herum tappend bewegten. So viel konnten wir aber doch mit
Gewissheit constatiren, dass sich weder im Foyer, noch auf der Stiege,
die zur ersten Galerie führte, Menschen befinden. Es drang auch kein
Laut an unser Ohr. Nur das Prasseln der lodernden Flammen hörten wir
deutlich, und als wir die Biegung überschritten, welche die Stiege
macht, um zu den höheren Galerien zu gelangen, da entfaltete sich vor
unseren Augen ein entsetzlicher, Schrecken erregender Anblick; wir
sahen im Parterre die hellen Flammen auflodern und ein starker Luftzug
peitschte die Flammen durch die Fenster und Thüröffnungen und verliehen
diesem Theil des Stiegenhauses eine schreckliche Beleuchtung. Da der
Wachmann schon im Hinaufgehen erklärt hatte, dass die Menschenhaufen,
die er wahrgenommen, sich im zweiten Stocke befinden, rief ich meinen
Begleitern aufmunternd zu: «Nur mir nach, wir müssen hinauf!» Und
wieder machte die Stiege eine Biegung und hier herrschte wieder
totale Finsterniss, die zumal Denjenigen das Vordringen beträchtlich
erschwerte, die so, wie wir Alle, mit den localen Verhältnissen
wenig vertraut waren. Ich ersuchte einige Herren, sich schleunigst
wieder hinab zu verfügen, unten anzuordnen, dass Wasserschläuche
heraufgeleitet werden und gleichzeitig auch Fackeln mitzubringen.
Trotz der Dunkelheit tappten wir aber im Finstern weiter vorwärts.
Bei der Wendung zur dritten Galerie, und zwar bei der ersten Wendung,
welche die Stiege macht, stiessen wir bereits auf einen Widerstand
und in diesem selben Augenblicke blitzte eine Flamme von dem inneren
Raume heraus und das entsetzlichste Schauspiel bot sich unseren Blicken
dar, wir sahen vier- bis fünffach übereinandergehäufte Menschenkörper
da liegen. Im Nu ward es wieder finster und wir konnten mit den
Rettungsarbeiten nicht sofort beginnen. Mein Ruf um Fackeln und um
Zuleitung eines Spritzenschlauches verhallte fruchtlos. So schritten
wir denn, so gut es eben unter den gegebenen Verhältnissen möglich war,
zu unserer Arbeit .... wir begannen mit der Hervorziehung der einzelnen
Körper. Mittlerweile kamen auch einige Wachleute mit brennenden
Fackeln. Welch’ jämmerlicher Anblick! .... Es war entsetzlich! ....
Herzerschütternd und herzzerreissend! Die Menschen waren über einander
mit dem Vordertheile ihres Körpers nach abwärts, mit dem unteren Theil
nach oben gerichtet und sie lagen über einander und unter einander ....
Hie und da bemerkte man das Zucken eines Gliedertheiles, ein Zucken
einer Hand, das Zittern eines Fusses, es schien in dem einen oder in
dem anderen noch Leben vorhanden zu sein.
Wir wollten nun naturgemäss an die Rettung dieser Menschen schreiten,
von denen man die, wenn auch nur leise Vermuthung haben konnte, dass
sie sich noch am Leben befänden ... es war vergeblich. Bei dem ersten
Versuch zeigte sich, dass die Last, die über diesen noch zuckenden
Körpertheilen ruhte, dass die Last der oben aufliegenden Menschenmassen
nur das entgegengesetzte Resultat liefern würde, dass man die
Körpertheile nämlich durch gewaltsames Hervorziehen förmlich zerreissen
müsste. Wir schritten somit zur «Bergung», d. h. zur Beseitigung der
obenaufliegenden Personen und unseren Anstrengungen war es in einem
Zeitraume von einer halben Stunde bereits gelungen, siebenundachtzig
Leichen über die Stiege hinab in den Hofraum der angrenzenden
Polizeidirection zu schaffen. Soweit meine Kräfte reichten, habe ich
selbst mehr als ein Dutzend Leichen hinabgetragen. Hiedurch war die
Stiege bis zum Schnürboden — so weit mussten wir vordringen trotz des
dichten Rauchqualmes und der furchtbaren Hitze — freigemacht.
Die vorgefundenen Körper erschienen fast alle äusserlich unversehrt
und nur zum kleinen Theile durch Hautabschürfungen und Contusionen
entstellt. In den oberen Partien der Stiege, in der Nähe des
Schnürbodens nämlich, fanden wir die Leichen vollkommen geschwärzt.
Die Art und Weise, wie diese Leichen da über einander gethürmt lagen,
die Stellung der Arme und der Beine gaben Zeugniss von dem Grade des
Todeskampfes, den diese armen Menschen gekämpft haben müssen ....
Der letzte Leichnam, den wir fanden, war ein weiblicher. Die Person
lag mit dem Oberkörper nach abwärts, der fast unversehrt war, die
Beine jedoch und die Bekleidung waren verbrannt .... Hinter diesem
Leichnam, zum Theile schon begraben vom glimmenden Schutt, lagen noch
drei grösstentheils schon verkohlte Körper, von deren Kleidung nichts
mehr wahrzunehmen war. Ueber diese Leichname hinweg schritt ich noch
ungefähr fünf Stufen .... ein weiteres Vordringen war unmöglich. Der
Dachstuhl brannte mir lichterloh entgegen, nutzlos wäre es gewesen,
noch nach weiteren Leichen zu forschen; man konnte, wie die Situation
sich darstellte, doch nur mehr verkohlte Körper vorfinden, die nicht
einmal mehr zu einer Agnoscirung geeignet gewesen wären.
Unten angelangt, war mein Erstes, zu fragen, ob die gleichen Arbeiten,
wie ich sie mit meinen jeder Todesgefahr spottenden muthvollen Genossen
hier auf der rechten Partie des brennenden Hauses unternommen, auch auf
der linken Seite in Angriff genommen worden seien. Ich hörte zu meinem
Entsetzen, dass in der grenzenlosen Verwirrung im ersten Augenblicke
Niemand daran gedacht; jetzt das Gleiche auch hier zu thun, wäre aber
eine vergebliche Mühe gewesen, da das Feuer rascher als auf der rechten
Seite den linken Tract erfasst hatte.» —
Wahrlich hatte Graf Lamezan recht. Man arbeitete allerorts mit vielen
Anstrengungen, aber das Werk ist wenig lohnend, denn nur Todte und
immer Todte sind der Preis schwerer gefahrvoller Arbeit. In wenigen
Stunden wurden aus dem brennenden Theater 144 Leichen entfernt und in
den Hof der nur wenige Häuser weit entfernten k. k. Polizei-Direction
getragen, woselbst sie bis zu deren Ueberführung in das k. k.
allgemeine Krankenhaus aufbewahrt blieben.
Der Hof der k. k. Polizei-Direction.
Ein Trost wird den armen Hinterbliebenen der Opfer der
Ringtheater-Katastrophe allerdings zu Theil, dass die Mehrzahl dieser
Personen nicht lebend verbrannt ist, dass sie bereits todt waren,
erstickt und erdrückt, als sie von den Flammen erfasst wurden. Ist
aber der Feuertod in seiner ganzen Furchtbarkeit nicht tausendmal dem
langsamen Hinsterben in dem Kampfe um das Leben, in welchem es keine
Sieger gab, vorzuziehen? Aus den Stellungen der Leichen ersah man
leider nur zu deutlich, wie gräulich dieser Kampf gewüthet haben mag,
welche Qualen die unglücklichen Opfer des Brandes erlitten, welche
peinvollen Scenen es abgegeben haben mag. Man fand Männer in fester,
fast unlösbarer Umarmung mit den Zähnen in einander verbissen, die
Nägel tief in das Fleisch des Anderen gebohrt. Zahlreichen Menschen
fehlen die Extremitäten. Abgerissene Füsse, vom Rumpfe getrennte
Hände liegen in dem Schutte; viele nicht verbrannte Körper sind zu
einer unförmlichen Masse geworden, viele Leichen fand man vollkommen
plattgedrückt. Diese Thatsachen machten das Auflesen von Leichen
schwer, und vollends unmöglich wurde dieses bei den vollkommen
verbrannten. Der ganze Schutt ist mit Asche von menschlichen Körpern
gemengt, und wollte man rigoros zu Werke gehen, müsste aller Schutt dem
Central-Friedhofe überstellt, eingesegnet und dort beerdigt werden.
Feuerwehrleute, welche auf den dem Ringtheater gegenüber liegenden
Häusern Posto gefasst, um die Wasserstrahlen in den feurigen Krater
zu senden, erzählen, dass sie ganz deutlich an der Brüstung oberhalb
der zweiten Galerie einen menschlichen Leichnam hängen sahen, der ganz
langsam fortbrannte, dessen Fett in die Tiefe träufelte und zischend in
die glühende Kohlenmasse fiel.
[Illustration: Der Hof der k. k. Polizeidirection.]
Brennende Leichen in den Galerien.
Man konnte deutlich wahrnehmen, dass sich unten noch eine Menge
schauerlich entstellter Leichname befand, welche offenbar bei dem
Durchbruche des Mauerwerkes in die Tiefe gestürzt waren. Einen wahrhaft
grausigen Anblick haben die zahlreichen Leichen und Leichentheile
gewährt, welche an dem blossgelegten Sparrenwerke, an Eisengittern u.
dgl. hingen und die von den Flammen förmlich gebraten wurden. Aber der
grässlichste Anblick war und wird bleiben, als ich mitten in diesen
auflodernden Feuergarben zwei aufrechtstehende Personen, welche sich
umschlungen hielten, an eine eiserne Säule gelehnt, erblickte. Ich
glaubte mich zu täuschen; ich frug den Feuerwehrmann, ob er es auch
sieht, «ja, da hoch oben im dritten Stockwerke» ruft er, «stehen zwei
Leichen» — und während wir entsetzt und erstarrt hinblicken, bewegen
sich die Beiden, ein Sparren krümmt sich, der Tragbalken baucht
sich aus, ... jetzt kracht er nieder — Rauchwolken, das Bild ist
verschwunden, nichts als brennende Lohe, Feuerdampf und wüstes Gewoge.
[Illustration: Im Tode vereint. (Brennende Leichen.)]
In Mitte der Gräuel spielte sich auch manches groteske Bild ab.
Gegenüber dem Ausgange von der Bühne, in der Hessgasse unterm Hausthore
war es, wo sich der verzweifelte Director Jauner, umgeben von den
Mitgliedern seines Theaters, aufhielt. Es mochte ungefähr halb 8 Uhr
gewesen sein, als Theaterarbeiter daran schritten, aus den Wohnungen
von Theaterbediensteten Möbel und Bettzeug zu retten. Aus dem zweiten,
aus dem dritten Stockwerke wurden Tücher, Teppiche, Matratzen etc.
herab auf das Strassenpflaster geworfen. Bilder, Uhren etc. wurden
herabgereicht und Alles in das gegenüber liegende Hausthor gelegt,
wo Secretär Gisrau händeringend stand und den Moment verwünschte, in
dieses Haus eingezogen zu sein. Die aus ihren Garderoben geflüchteten
Schauspieler, zum Theile schon im Costüme, Schauspielerinnen, halb
entkleidet, mit blossen Armen, eilten jammernd und schreiend die
Strasse auf und ab, grellroth von der Feuergluth beleuchtet, die den
Himmel zu versengen schien. Von der Schnelligkeit, mit der sich das
Feuer verbreitete, mag man sich einen Begriff machen, wenn man erfährt,
dass schon eine Viertelstunde nach Ausbruch des Brandes das Dach
seiner ganzen Länge nach und die Bühne bis unter die Versenkung hinab
in Flammen standen. Jedes Fenster schien die Oeffnung eines glühenden
Hochofens zu sein, vor dem die Feuerwehrleute wie Schmiede an der Esse
hantirten.
Stimmen aus dem Publikum.
Gegen 10 Uhr Nachts lagen im Hofe des Polizeidirections-Gebäudes
bereits 116 Leichen, die aus dem brennenden Theater dorthin geschafft
wurden; sämmtliche Todtenträger und k. k. Sanitätswagen der Stadt
umlagerten mit ihren Tragbahren das Gebäude längs dem Schottenringe,
des Augenblickes gewärtig, die Leichen in das allgemeine Krankenhaus
zu schaffen. Um ½ 11 Uhr Nachts schlugen die Flammen, nachdem ein
Abnehmen des Brandes bereits wahrgenommen worden war, wieder neuerdings
hell empor, die Ursache war der Einsturz des Parterres. Um Mitternacht
war die schreckliche Verwüstung gethan. Das ganze Haus im Innern
war ausgebrannt. Zuschauerraum und Bühne und die zusammengestürzten
Ueberreste bildeten einen riesigen Feuerherd. Gegen 1 Uhr Mitternachts
konnte man den Brand als localisirt betrachten und Hunderte von
Menschen stürzten sich in das Gebäude, um die Todten endlich aus
dem Theater zu entfernen. In Militär-Sanitätswägen wurden nunmehr
die Ueberreste der unglücklichen Theaterbesucher vom 8. December en
masse vom Platze geführt; eine grässlichere Arbeit wurde seit den
Märztagen 1848 von der Bevölkerung Wiens nicht vollführt, als in dieser
denkwürdigen Nacht.
* * * * *
Personen, welche im Theater selbst vor Ausbruch des Brandes anwesend
waren, erzählen Folgendes, was ich in meiner Eigenschaft als Schilderer
dieser grässlichen Nacht mittheilen muss, trotzdem ich voraussetze,
dass es heute bekannt ist; aber meine Arbeit gilt der Zukunft, und
deshalb muss ich zur Reproducirung von schon Bekanntem schreiten.
[Illustration: Unterm Hausthore.]
Von einer Dame, welche genau im verhängnissvollen Momente des
Eintrittes der Katastrophe ihren Sitz in der dritten Parquetreihe
eingenommen hatte, wurde die blitzartige Wirkung dieses furchtbaren
Beginnes folgendermassen veranschaulicht: «Ich war eben im Begriffe
— erzählt die Dame — mein Opernglas dem Futteral zu entnehmen, als
ich plötzlich bemerke, wie der Vorhang in seltsam aufbauschende
Bewegung geräth und wie durch einen starken Druck in den Zuschauerraum
hineingedrängt wird. Im selben Augenblicke wird unterhalb der Courtine
ein Spalt frei und durch diesen Spalt trifft mein entsetzter Blick auf
eine Feuerflamme, die vom Bühnenpodium hervorzüngelt.
Augenblicklich ergreife ich meine Begleiterin am Arme und dränge dem
mittleren Sitzgange zu — aber schon ist, mit einem Schlage, alles
Licht erloschen, dichte Finsterniss umfängt uns, wir werden auf die
Parquetstiege hinausgedrängt, ich erfasse mit beiden Händen das
Geländer — da fühle ich, entsetzlich, dass meine Verwandte nicht
mehr an meinem Arme ist. Ich schreie ihren Namen — sie erwiderte den
Ruf, wir erfassen uns wunderbarer Weise nochmals im Finstern, werden
widerstandslos fortgedrängt — dem Ausgange zu — und sind gerettet.
Hinter uns flammt das Haus».
Ein Besucher der Galerie erzählte nachstehende, ungemein anschauliche
Darstellung seiner Erlebnisse: «Es war zehn Minuten vor 7 Uhr. Ich
befand mich auf der vierten Galerie um halb 7 Uhr. Der Vorhang war ein
wenig gehoben und einige Arbeiter nagelten und richteten noch etwas zum
Gaudium des Publikums. Die Musiker sassen bereits im Orchester. Man
sah nur durch die kleine Spalte einmal finster, dann wieder grelles
elektrisches Licht. Die Galerien waren sehr gut besucht. Auf einmal
hebt sich die Courtine in’s Parterre hinein. Man sah Feuer. Alle
schrieen Feuer. Die Besonnenen auf der vierten Galerie rufen: «Sitzen
bleiben!» Ich war in der Nähe des Nothausganges. Auf einmal wurde
Alles finster. Ich tappte zu dem Ausgang. Man schrie und jammerte. Ich
lief bis in die dritte Galerie. Da lief schon ein Haufen Leute herauf
und schrie: «Unten brennt’s, nicht hinunter!» Verwegene zertrümmerten
die Fensterscheiben. Ich blieb vielleicht zehn Secunden auf der
dritten Galerie, nicht wissend, was ich machen sollte. Da fasste ich
den Entschluss, lieber durch das Feuer zu laufen, als oben bei der
schreienden, tobenden Menge zu bleiben, die nicht wusste, was sie
machen solle, und wo man sich gegenseitig nicht sehen konnte, weil
keine Petroleumlampen angezündet waren. Ich tappte mit vielleicht noch
zwei bis drei jungen Leuten, welche mir aber vorgestürzt sind, langsam
die rauchige Treppe herunter und brauchte circa eine Minute. Unten
angekommen, kannte ich mich nicht aus; ich war bei dem Thore in der
Hessgasse.
Es waren dort gegen 20 Leute, meist feines Publikum, Herren und Damen,
welche um «Hilfe», «Aufmachen» schrieen, weil das Thor versperrt war.
Im Vestibule gab es aber Licht. Nach circa 1 Minute wurde die Thüre
durch einen Theaterdiener aufgemacht und wir waren im Freien. Im Hause
gegenüber sah ich mehrere Schauspieler und Schauspielerinnen im Costüme
als Studenten, Rathsherren u. s. w. Da ereigneten sich Scenen voller
Angst und Entsetzen. Man schrie durcheinander. Eine Garderobière oder
sonst eine alte Frau rief unaufhörlich: «Meine Kinder werden verbrannt.
Wir werden Bettler!» Auf dem Balcon, Ecke der Hessgasse ober dem
Gasthause, waren viele Leute, welche um Hilfe riefen. Es wurde ihnen
vom Innern des Theaters eine Doppelleiter gereicht. Doch diese war zu
kurz, sie liessen sie also fallen. Die Feuerwehr kam vielleicht zwei
Minuten nachdem ich mich gerettet hatte. Ich eilte gleich nach Hause,
um meine Angehörigen zu verständigen».
Bis gegen 8 Uhr — also nach einer Stunde nach Ausbruch des Brandes
— erzählten Personen, welche beim Ausbruche waren, wagten sich noch
Personen in das brennende Gebäude, um auf den Treppen nach Todten
auszuschauen und Rettungen vorzunehmen. «Es ist Alles gerettet», heisst
es in der Meldung, welche ein Polizeirath den anwesenden Erzherzogen
Albrecht und Wilhelm, dem Commandirenden Philippovich, und dem in
Amtsuniform erschienenen Minister-Präsidenten Taaffe macht.
«Alles gerettet?» fragt Erzherzog Albrecht ungläubig ... «Das Glück!»
Nach fünf Minuten kommt athemlos ein Polizeicommissär und meldet: «Die
Stiege von der zweiten zur dritten Galerie ist voll von Todten ...»
Grosses Entsetzen erfasst die Menge, welche diese Nachricht vernimmt
... Jetzt will man diese Schreckenskunde kaum glauben. Es ist Alles
gerettet ... Die Stiege ist voll von Todten — schreckliche Gegensätze.
«Ich gehe hinauf, kaiserliche Hoheit», sagte Polizeirath Landsteiner
zum Erzherzog Albrecht, und begibt sich in das Gebäude. Man braucht
die Antwort des Polizeirathes nicht abzuwarten, denn schon kommt eine
andere Meldung: «Fünfzehn Todte sind im Hofe des Polizeigebäudes,
darunter der Garderobier des Theaters, dessen Füsse total verbrannt
sind, und der nach kurzem Leiden im Tode Erlösung fand».
«Zwanzig Todte sind im Polizeihaus». «Verbrannt?» fragte Erzherzog
Wilhelm.
«Nein ... lauter Erstickte».
Und so gehen die Meldungen fort — immer grösser wird die Zahl der
Todten, über die man berichtet ... «Dreissig Todte» lautet die Meldung
um halb 9 Uhr, — Neunzig Todte um halb 10 Uhr, 154 um Mitternacht!
Im Polizeihause liegen die Leichen, schrecklich verstümmelt von
dem Drängen der Menge, die im Kampfe um’s Leben stürmte und tobte;
die Kleider vom Leibe gerissen, die nackte Brust voll Wunden von
den Nägeln, welche die armen, armen Menschen sich im Todeskampfe
beigebracht haben. Das Gesicht schrecklich verzerrt, Schaum vor dem
Munde, die Augen weit hervorgestreckt.
Immer mehr häuften sich die Leichen und die Zahl derselben hatte
schnell die angegebene Zahl von dreissig überschritten. Die anwesenden
Aerzte konnten gar nicht rasch genug die Todtenconstatirungen
vornehmen. Die Leichen wurden neben einander gelegt und, als der Raum
zu enge zu werden begann, auf einander geschichtet. Alle Anwesenden
zitterten vor Erregung, das Herz drohte zu zerspringen vor Aufregung,
ergraute Männer weinen laut ... dazu erfüllt das Jammern der Leute,
welche ihre Angehörigen suchen, den weiten Raum.
Die Aerzte constatirten, dass die meisten Menschen an Erstickung
gestorben sind, ein grosser Theil fand im Gedränge den Tod. Bis halb
zehn Uhr waren nur die Treppen, die zur zweiten Galerie führen, geräumt.
Ein Berichterstatter einer Zeitung folgte dem arbeitenden Personale
auf die Treppe. Er schildert uns den Anblick, der sich ihm bot:
«Wir schritten durch den seitlichen Gang die Treppe hinan, eine
schreckliche Hitze herrschte in dem Raume, die Atmosphäre war von Rauch
und Brandgeruch erfüllt. Die Treppe im ersten Stocke war bedeckt von
Fetzen, abgerissenen Kleidungsstücken, Hüten, Shawls, Opernguckern
u. s. w. Der zweite Stock bot ein Bild des Jammers, des Entsetzens:
Leiche auf Leiche. Die Leiber der entseelten Menschen thürmten sich
aufeinander; Todesröcheln drang von den oberen Stufen herab; wir
wollten weiter vordringen ... der Rauch und die Hitze machten es
unmöglich.
Es war unmöglich, zu retten, zu helfen. Machtlos stand man dem
schrecklichen Ereignisse gegenüber, gefoltert von dem Bewusstsein,
dass weiter oben noch viele Todte aufgehäuft liegen, und was noch
schlimmer: viele Sterbende. In athemloser Eile stürzten wir zurück,
die Feuerwehrmänner zu holen, welche mit Hilfe ihrer Vorrichtungen
den Rauch passiren können. Nun begann die traurige Arbeit, die Todten
und die Sterbenden aufzulesen. Dieselbe bot grosse Schwierigkeiten.
Es waren nicht gleich genügend Fackeln vorhanden, um die ganze Treppe
zu erleuchten; es herrschte Dunkel in diesem Raume, Dunkel dort, wo
kaum wenige Schritte entfernt die wilden Flammen toben, Opfer fordernd
ohne Zahl ... Ein fürchterliches Gefühl flösste dieses Dunkel ein, der
Contrast zwischen dem Feuer drinnen, das solche Verheerungen anrichtet,
und dem Dunkel hier auf der Treppe, welches das Rettungswerk hemmte». —
«Es war ¾ auf 7 Uhr und soeben war das zweite Zeichen gegeben worden»,
erzählt der Schauspieler des Ringtheaters, Herr Nötel, über seine
Erlebnisse, «ich war gerade in der Garderobe fertig, hatte mein Tricot
und den grünen Frack für meine Rolle angelegt und betrat die Bühne.
Ich war ungefähr bis in die Mitte derselben gekommen, als ich einen
furchtbaren Schreckensruf hörte. Die Situation wurde mir auch in
demselben Momente in entsetzlichster Weise klar.
Ein Arbeiter hatte mit der langen Soffitenstange, welche zum
Anzünden der Soffitenbeleuchtung dient, und an deren oberem Ende
ein Blechgefäss, mit Spiritus gefüllt, sich befindet, aus dem ein
brennender Docht hervorragt, die Soffitenlampen anzuzünden begonnen.
Er kam mit dem brennenden Dochte an die Soffitenleinwand, welche zur
Decoration im ersten Acte von «Hoffmann’s Erzählungen» gehört. Diese
Decoration stellt das Innere einer Schänke dar. Die Soffitenleinwand
fing im Momente Feuer und die helllichte Flamme theilte sich sofort
dem Schleier mit, der im letzten Acte dieses Stückes als ein
Zwischenvorhang hinunterfällt. Der brennbarste Zunder war gefunden.
Ich befand mich im Nu in einem Flammenmeere und ich sah, wie der
betreffende Arbeiter nach rückwärts sprang.[1]
[1] Einer anderen Version zu Folge war Gas entströmt, welches
naturgemäss nach Aufwärts dringt. Da am Dache keine constante Oeffnung
ist, sammelte sich das Gas oben an; als die offene Spiritusflamme
in die Region des ausgeströmten Gases kam, entzündete sich dasselbe
und verbreitete sich, Alles in Brand steckend, im Nu über den ganzen
Schnürboden, so dass an ein Löschen gar nicht gedacht werden konnte,
weil mit einem Schlage Alles, auch der leere obere Raum, in hellen
Flammen stand.
Der Autor.
Es muss durch den plötzlichen und gewaltigen Ausbruch der Flammen ein
überaus heftiger Luftzug entstanden sein. Eine hohe Feuersäule stürzte
geradezu auf den Vorhang los, der die Bühne vom Zuschauerraume trennt
und riss in diesen Vorhang mit dämonischer Gewalt ein breites Loch
hinein, und durch diese Oeffnung drängte sich der Feuerstrom hinaus in
das Theater, wälzte sich auf die bereits dicht besetzten Galerien und
hüllte die Unglücklichen mit seinem Todesmantel ein.
Ich hörte nur einen einzigen, riesigen Schrei, einen einzigen Ruf
unsagbarsten Schreckens und furchtbarster Verzweiflung.
Ich wendete mich nach rückwärts und stiess auf den Director Jauner.
Wir eilten Beide auf die rückwärtige Theaterstiege, die aus Stein
gefügt ist, stürzten beim rückwärtigen Eingang auf die Strasse hinaus
und liefen, was wir konnten, nach dem vorderen, auf der Ringstrasse
gelegenen Haupteingange des Theaters, um die vordere Hauptstiege zu
gewinnen. Wir wollten sehen, ob das Publikum sich gerettet habe. Das
Foyer und die Hauptstiege waren leer und einen Augenblick lang lebten
wir in der Hoffnung, dass es Allen gelungen sei, dem Verderben zu
entrinnen.
Trügerische Hoffnung! Bald sollte mir die schreckliche Gewissheit klar
werden.