Korsakoffs hageres, von der Kälte bleiches und echt russisches Antlitz

mit den vorstehenden Backenknochen, den weiten Nasenflügeln, dem wirren

und dünnen, blonden Bart war leidend vor Entschlossenheit. Kränklich,

unruhig, aber fanatisch starr. Er versetzte:

„Sie sagten eben selbst, daß es hier gefährlich ist. Mancher geht an

die Front, aber er kehrt nicht zurück!“

„So ist es! Gott allein weiß das.“

„Zuweilen auch der sündige Mensch...“

„Ich verstehe nicht, Wassili Andréitsch!“

„Er meint,“ sagte Korsakoff halblaut an Stelle des Hofmeisters,

„Mancher bestimmt sich selbst sein Schicksal! Wer heißt Schjelting,

sich hier heraus zu begeben? Er ist nicht dumm. Er weiß recht wohl, daß

hier überall der Tod ist...“

„Aber nicht für ihn!... Ich werde ihn schon schützen...“

Morskoi sah sich um, ob Niemand in nächster Nähe sei, trat dicht an den

General heran und murmelte ihm etwas ins Ohr. Der prallte zurück und

bekreuzigte sich rasch zwei-, dreimal über der Brust, wo er, unter der

Uniform, das Heiligenbild trug, das ihm seine Frau mitgegeben.

„Wie denn?... Wassili Andréitsch...“

Wieder ein paar geflüsterte Worte. Schiraj’s gesundes und derbes

Antlitz wurde bleich. Er streckte abwehrend die Hände aus.

„Laßt mich... Mit Gott: Geht!“

„Höre doch!“

„Ich hab’s vergessen! Es ist genug gesprochen!“

Das schwärzliche Gewimmel der Krähen hob sich hundertfach von dem

Schnee des Bodens und flatterte krächzend zu dem schützenden Geäst des

Kiefernwaldes. Schiraj kannte die Flucht der Tiere vor dem, was sie

für einen fürchterlichen, riesengroßen Vogel Greif hielten. Er schaute

rasch zum Himmel. An dessen Nebelwölbung entstanden kurz hintereinander

zarte, weiße Federwölkchen, bildeten ein unregelmäßiges, rasch

heraufsteigendes Zickzack.

„Kaum ist die Luft rein, da ist er schon da...,“ sagte er und musterte

finster die surrende Libelle. Man mußte geübte Augen haben, um sie und

das Kreuz auf ihren Tragflächen zu erkennen. Dann lächelte er grimmig.

Er spürte die ersten neuen Schneeflocken im Gesicht. Immer mehr...

‚Kehr’ Du nur um, Du Verwegener da oben -- sonst findest Du trotz roter

und grüner Lichter nicht mehr Heimweg und Landungsplatz ... aha... Er

dreht ab ... steigt ... verschwindet... Aber gesehen hat er doch wieder

genug...‘

„Nochmals...: Mit Gott...“

„Pawel Antonowitsch: Das Mütterchen Rußland will es!“

„Aber nicht von mir...“

„Gerade Sie wählte Gott...“

„Ich bin Soldat. Ich stehe im Feld...“

„... gegen alle Feinde russischer Erde! Auch hinter uns steht das

apokalyptische Tier...“

„Der Antichrist des Kleinmuts...“

„Des Verrats!“

„Schjelting weiß zu viel!“

„Viel zu viel!“

„... weil er Gönner hat ... bis hoch ... hoch da oben... Hütet Euch...

Schjelting ist gefährlich...“

„Gerade den Höchsten wurde er lästig...“

„Denen, die zu belohnen wissen, Pawel Antonowitsch...“

In der Ferne hämmerte es noch einmal kurz und wütend: Tak ... tak ...

tak ... tak ... tak... Der deutsche Flieger mußte noch für einen

Augenblick in die Sicht von Maschinengewehren gekommen sein. Dann

wurde es wieder überall still. Der Schnee fiel eintönig herunter. Die

Dämmerung kam. Der General Schiraj wandte sich ab.

„Gehen wir heim!“ sagte er. „Hier ist nicht der Ort...“

Sie schritten wieder durch das endlose Grabengewirr des unterirdischen

russischen Misthaufens, stiegen ins Abendlicht hinauf, wanderten im

Gänsemarsch und, der Vorsicht halber, mit zwanzig Schritt Abstand,

eine halbe Stunde lang finster und stumm durch den Schnee bis zu

einem einsamen Bauernhaus. Da wohnte der General. Die Stube eines

geflüchteten ostpreußischen Besitzers mit einem Bett, einem Gottesbild

in der Ecke und einem Kartentisch genügte ihm. Er wusch sich zuweilen

an der Pumpe draußen im Hof. Er setzte sich schwer und müde und sagte:

„Erzählt!“

„Da ist nicht viel zu erzählen, Pawel Antonowitsch! Die Deutschen haben

Schjelting verhext!“

„Eine Deutsche!“ sprach Korsakoff höhnisch. „In Wiesbaden. Man weiß es

jetzt!“

„Nicht sie! Was gehen uns jetzt die Weiber an? Nein: die Deutschen --

begreifen Sie wohl: alle Deutschen zusammen haben Schjelting verhext.

Er war während ihrer Mobilmachung in Deutschland, entkam...“

„Ich weiß es...,“ sagte der General. „Nun entsinn’ ich mich: Schon

damals, im September, erschien er mir verändert...“

„Er wurde tiefsinnig, zog sich auf seine Güter im Twer’schen zurück.

Wir dachten: Bleibe Du da! Es geht auch ohne Dich!... Aber als nun um

Weihnachten die gefährliche Schwenkung in unserem heiligen Rußland

kam...“

„Ah ... die Friedensfreunde ... diese Westlichen...,“ sprach Schiraj

grollend.

„... da taucht er plötzlich wieder auf ... gesellt sich eben zu ihnen

... entwickelt neue Thesen ... verwirrt die Köpfe der Unwissenden ...

macht die Gutgesinnten irre ... nun... Ihr kennt ja seine glänzende

Art...“

„... und was predigt er nun?“

„Deutschland ist anders, als wir dachten!... Verstehst Du wohl, Bruder!

Nie werden wir es schlagen, ehe wir nicht selber anders werden!... Es

sind dort Mächte, die uns fehlen...“

„Das begreife, wer mag...“

„Diese Mächte sollen wir in uns gewinnen. Ohne sie stürzen wir in den

Abgrund. Bis wir sie besitzen, sollen Eure siegreichen Heere aus dem

eroberten Feindesland zurück...“

„Ah...“

„Man wird sich vertragen ... man wird Euch verabschieden...“

„Das erlaubt Gott nicht...“

„Erwägen Sie, wie gefährlich solch ein Mensch ist... Er hat viele

Anhänger ... er kennt alle Wege ... bis hoch hinauf...“

„Wahrlich...“

„Er verrät Euren Eifer. Alle russischen Mühen. Ein deutscher Teufel

wohnt in ihm...“

„Und doch kann man nicht wissen...,“ sagte der General Schiraj langsam

mit seiner tiefen Stimme.

„...Was denn?...“

„... wie es oben aussieht ... ganz oben...“

„Unbesorgt!“

„Vielleicht ist er klüger als wir! Vielleicht weiß er besser, was man

neuerdings hoch da oben beliebt!“

„Ich werde Ihnen zeigen, was man oben will!“

Morskoi zog ein Blatt Papier hervor und hielt es dem General im

Halbdunkel vor die Augen. Der las die Unterschrift. Diesen Namen kannte

er. Den kannte Jeder im Heere des Zaren. Unwillkürlich wurde seine

Haltung straff und dienstlich, und er sagte dumpf, als wäre Jener

selber anwesend:

„Ich höre...“

Es war schon gegen Mitternacht, als der Staatsrat Morskoi weit

hinter der Front auf dem verschneiten Marktplatz des ostpreußischen

Städtchens stand, in dem die hohen Stäbe der vorne kämpfenden

russischen Armee lagen. Im Schein der elektrischen Straßenlaternen

ragten rechts und links die Giebel und Brandmauern rauchgeschwärzter

Ruinen. Das eingeäscherte Landratsgebäude. Das zerstörte Postamt. Ein

zuckerhutartiger Kirchturmstumpf in dunkler Nacht. Granatenlöcher in

den oberen Stockwerken von Häusern, in deren Erdgeschoß noch Menschen

wohnten und Kaufmannswaren hinter den Schaufenstern feilhielten.

Dazwischen unversehrte Straßenzeilen mit lichthellen Scheiben. Geschrei

und Gelächter, Klaviergeklimper und Geigenspiel. Gesang von russischen

Zigeunerinnen aus einem Hinterzimmer des Gasthauses.

An den Fenstern daneben waren die Läden geschlossen. Aber man sah

durch die Spalten russische Offiziere um einen Tisch. Alte und junge.

Alle ernst und gespannt. Auf dem Tisch die Spielkarten. Der Hofmeister

runzelte die Stirne. Er stieg die Treppe hinauf und dachte sich:

‚Nun -- man hat den Schnaps verboten! Man kann nicht alle Laster

unterdrücken‘. Oben öffnete er die Türe zu einem Vorraum und schlug dem

Soldaten, der ihn im Halbdunkel daran hindern wollte, mit der Faust ins

Gesicht.

„Pascholl, Du Hundesohn!... Siehst Du versoffenes Viehstück nicht, daß

Du einen vornehmen Herrn vor Dir hast?“

„Ich bin schuldig, Euer Hochwohlgeboren!“

Der Staatsrat Morskoi trat ein. Innen in dem Zimmer brauten dicke

Papyrossenwolken über den Teegläsern und Sektkelchen. Russische Stimmen

lärmten erregt durcheinander. Erhitzte slawische Gesichter. Ein Gedräng

von Gestalten in Uniform und Zivil um einen Einzigen in der Ecke herum.

„Du kommst gerade zurecht!“ sagte mit der trockenen Skepsis eines

alten Parisers der kleine, hagere, selbst hier im Felde stutzerhaft

gekleidete Fürst Bulagin und zog die rechte Schulter noch höher, als

sie von Natur schon war. „Sie haben diesen Schjelting, diesen Fuchs,

in die Enge getrieben!... ~Il ne faut jurer de rien~... ich glaube

doch sonst an nichts, aber an ihn hätte ich geglaubt!“

Nicolai von Schjelting stand, die Hände in den Taschen, vor dem

schreienden Halbkreis, an die Tischkante gelehnt. Er war sehr bleich,

mit tiefliegenden Augen. Aber er sprach gelassen wie sonst und hielt

dabei die Zigarette schief zwischen den Zähnen.

„Wer +wir+ sind, braucht man mir nicht zu sagen. Wie sollte ich es

nicht wissen? Aber wer Jene sind, das wißt Ihr nicht!“

„Wilhelms Windhunde sind es!“ brüllte ein riesiger Gardeoberst. „Man

wird sie schon verjagen!“

„Ich aber weiß es! Denn ich war unter ihnen, als dies Volk aufstand!

Man trieb es nicht -- begreift es nur -- wie wir die Muschiks in die

Viehwagen treiben. Es kam von selbst...“

„Das verstehe ich nun schon gar nicht...,“ brummte ein dicker, brutaler

Petersburger Flügeladjutant neben ihm in den Bart.

„Es war da ein Geist... überall war er... ~comme le

Saint-Esprit~...“

„Lästere nicht!“ grollte es dumpf hinter ihm.

„Wir hatten ihn nicht erkannt! Ihn können wir nicht schlagen...“

„Er ist übergeschnappt!“ sagte Bulagin seelenruhig zu Morskoi.

„Ich fürchte es schon seit Wochen, Knjäs!“

„... und darum sollten wir es zügeln, unser feuriges, russisches

Dreigespann, ehe wir am Abgrund sind!“

„Er hält es mit Witte!“

„Mit Witte! Mit Witte!“

Viele Stimmen riefen den verhaßten Namen. Schjelting zuckte die

Achseln.

„Beliebt zu antworten: Ist Graf Witte Einer der Übelwollenden oder ist

er durch die Gnade des Gossudar Senator und...“

„Pah... Senator...“ Die Anderen lachten. Man wußte: der einst

Allmächtige war in Ungnade.

„Wann ward es verboten, mit ihm zu sprechen?“

„Das tatst Du also?“

„Ich trat in Konversationen mit ihm ein,“ sagte Schjelting kaltblütig.

Ein neuer Aufschrei folgte seinen Worten.

„Witte will den Frieden mit Deutschland!“

„Ich auch!“

„Aha ... da hat man Dich!“

„Wie ist es denn mit Eurer Zusammenkunft in Wilna, nächsten Monat..?

Ja, leugnen Sie nur, Nicolai Wassiljewitsch... Wir wissen Alles!“

„Wie sollte ich es leugnen! Wir werden uns in Wilna versammeln! Wir

wollen Rußland retten...“

„... indem Ihr es verratet...“

„Witte verwirrt die breite russische Seele...“

„Aber nicht mehr lange...,“ sagte eine tiefe Stimme. Man wußte nicht,

woher sie kam. Man drehte sich um. Keiner gab sich den Anschein, als

habe er gesprochen. Nur ein Nachhall blieb -- eine Erinnerung ...

das Bild einer Petersburger Liste, die den Eingeweihten hier von

Augenschein vertraut war. Eine lange Reihe von Namen. Und hinter vielen

Verdächtigen ein Kreuz: das Todesurteil, von unbekannter Hand...

„...In der Tat... Nichts wird Rußland auf seinem Siegeszug hemmen!“

sagte nach langer Pause der Hofmeister Morskoi. Ein schweres Schweigen

antwortete ihm. Es war die Stille der Zustimmung. Schjelting war jetzt

ganz fahl geworden. Er nahm die Papyros aus den Lippen, um lauter zu

reden.

„Tun wir es aus Liebe zu Deutschland? Wahrlich nicht! Wir hassen es!“

Morskoi sah ihn rasch und zweifelnd an und dachte sich: Solltest Du

doch noch am Leben bleiben, Bruder?

„Ich bin klüger, als die Meisten unter Euch!“ sagte Schjelting

hochmütig. „Ich sehe sechs Monate weiter! Schreit nur! Ich weiß es.

Deutschland ist unser Feind. Aber wir haben einen Schlimmeren!“

„Wo?... Wo?“

„Soll ich ihn Euch nennen? Aber erschreckt nicht...“

Die Türe ging auf. Baumlang, in Khaki, mit frischem Lächeln um die

blendend weißen Zähne, glattrasiert, guter Dinge stand da der britische

Major der Coldstream-Garde, den Schjelting vom April her aus Paris

kannte. Hinter ihm her schlüpfte wie der Mephisto hinter seinem Herrn

ein gelbliches, steinern grinsendes Männlein in Feldgelb, der Japaner.

Der Lord drückte den Russen die Hand, daß ihnen die Finger krachten. Er

strahlte von aufmunterndem Freimut.

„Gute Nachrichten!“ sagte er herzlich. „Die Hungersnot in Deutschland

wächst! Ernstliche Unruhen in Berlin!“

„Ah ... ah...“

„Die deutsche Flotte entscheidend geschlagen. Helgoland vor dem Fall!“

„Gott hilft!“

„Ernstliche Anzeichen deuten auf die Räumung Belgiens...“

„Es ist nicht wahr...“ sagte Schjelting. „Ich müßte es doch wissen, als

Mann einer Belgierin...“

„Still...“

„Es ist Alles nicht wahr! Ihr meint, die Deutschen hätten mich verhext.

Nein -- die da verzaubern die ganze Welt...“

Er wies auf den Briten, der ihn freundlich anlächelte, weil er sein

Russisch nicht verstand.

„Nicolai Wassiljewitsch ... dort ist Gott und die Türe... Fort mit

Ihnen!“

„Es sind Lügner. Sie Alle. Sie belügen Gott im Himmel und die Menschen

auf Erden. Sie belügen auch Euch und unser heiliges Rußland...“

„Geh...“

„Hört mich, Brüder...“

„Man will Dich nicht hören ... fort...“

„Was will der Gentleman?“ frug der Brite und rieb sich lächelnd die

vor Kälte starren Hände. Der Hofmeister Morskoi suchte sein Englisch

zusammen. Er folgte mit starrem Blick der Gestalt Schjeltings.

„Nichts von Bedeutung, Eure Lordschaft. Unser Landsmann erkennt selber,

daß er hier zu viel ist. Draußen reichen ihm schon die Soldaten den

Pelz.“

Nicolai von Schjelting trat vor den Gasthof. In der Nacht hielt da ein

Schlitten. Ein Unteroffizier mit hoher sibirischer Kegelmütze stand

daneben und grüßte.

„Schickt Dich der General Schiraj?“

„Der General Schiraj, Euer Hochwohlgeboren!“

„Dann setze Dich neben den Fuhrmann und sage ihm Bescheid!“

Der Schlitten fuhr in das sternenlose Dunkel der Winternacht hinaus.

Die letzten Haustrümmer blieben zurück. Baumstümpfe und aufrechte

Ulmen säumten die zerfahrene Straße. In schwarzer Ferne flackerten ein

paar purpurne Irrlichter, blähten sich auf, duckten sich, spielten und

blieben doch auf einer Stelle...

„Unteroffizier ... brennen dort Dörfer?“

„Dörfer, Euer Hochwohlgeboren!“

„So geht Ihr zurück, weil Ihr sie anzündet?“

„Man sagt, es sei eine List, Euer Hochwohlgeboren! Wir würden nächstens

angreifen!“

Um sie herum lebte die Chaussee. Ein brauner Heerwurm kroch auf ihr

hin, stumm, stumpf und dumpf. Kein lautes Wort fiel zwischen den

starrenden Gewehren. Es war, als hätte sich die russische Erde selbst

auf die Wanderschaft begeben und riesele da in Gestalt von tausenden

und tausenden von lehmfarbenen Menschenbrocken durch die Nacht. Es nahm

kein Ende. Schjelting dachte sich, in seine Decken gewickelt: Seit

Stunden fahre ich an der Infanterie vorbei. Wie viele mögen es sein?

Zehntausend? Fünfzigtausend? Wer kann es wissen? Wer kennt Rußlands

Größe? Und doch ... und doch...

Er fröstelte. Der Schein der Schlittenlichter fiel auf Reihen

von rollenden Kesseln und Schornsteinen. Struppige Ponys vor

den Feldküchen. Dann Wagen ... zwölf ... hundert ... fünfhundert

hintereinander ... man konnte sie nicht mehr zählen... Es knarrte und

ächzte durch das Dunkel. Es schien, als würden sie von angespannten

Rauchwolken gezogen, so dampften die Pferde in der eisigen Nacht. Man

hörte ihr Keuchen. Niemand sprach...

„Was ist das, Unteroffizier?“

„Munitions-Kolonnen, Euer Hochwohlgeboren!“

Und immer weiter dies sonderbare Wandern der Schatten, dies

geheimnisvolle Stampfen und Waten und Murmeln der Nacht, dies

Vorübergleiten von Umrissen, die der Tag nicht kannte, diese Kälte, die

immer schneidender durch die Hüllen drang und die die da draußen nicht

zu spüren schienen. Es war etwas Seelenloses und Körperloses in ihrem

unbestimmten Geisterzug nach vorn, etwas von einer blinden Naturgewalt,

als flögen Wolken am Himmel dahin, lösten sich beim Morgengrauen,

schwänden. Und jener einsame Offizier da am Grabenrand würde im

Tageslicht zum Weidenstumpf und jene Massen von Menschen dort auf dem

Feld zum Binsenröhricht und diese Reitergruppe mit dem Blinken der

elektrischen Laterne auf der Generalstabskarte zu einem Granitblock am

Weg.

Unheimlich war das... Besser der Tag als die Nacht. Aber der

Unteroffizier auf dem Bock drehte sich um und sagte:

„Die Nacht ist gut! Niemand schießt. Man kommt leicht nach vorn...“

Und Schjelting dachte sich: ‚Wer bist Du eigentlich da oben, der meine

Gedanken errät?... Du hast so eine sonderbare Stimme...‘

Der Schlitten hielt an. Denn nun kam ihm auch von links ein Zug von

Planwagen entgegen. Sie fuhren ganz langsam. Ihre Laternen schaukelten.

„Was ist in den Karren, Unteroffizier?“

„Verwundete, Euer Hochwohlgeboren!“

Hundert Karren ... zweihundert ... dreihundert... Schjelting sagte sich:

Still seid Ihr da drinnen ... seltsam still...

Weiter ... weiter... Im Lichtstreifen der Laterne Grabkreuze auf den

Feldern. Immer mehr und mehr. Rehwild huschte zwischen den verwitterten

Pickelhauben, den vergilbten Tannenkränzen auf den Russengräbern.

Jetzt ganze Reihen da, wo man die Gefallenen früherer Kämpfe in

zugeschütteten Schützengräben beerdigt hatte. Die ganze Leere umher

schien auf einmal ein weiter Kirchhof. Die Straße war öde geworden.

Nur ein Licht. Ein Leiterwagen wankte heran. Vorn, auf dem Stroh, ein

Pope und eine Frauengestalt. Dahinter ein Sarg. Auf ihm ein Säbel und

eine russische Generalsmütze. Vorbei. Der Schlitten schwenkte plötzlich

wie erschrocken von der Hauptstraße ab und glitt seitwärts auf einen

schmalen Weg in den Tannenwald hinein. Nun war es stockdunkel. Kein

Laut umher. Dann ein Ruck. Ein Halt.

„Belieben Sie, die Leiter hinunterzusteigen!“

Eine Luke in dem beschneiten Boden öffnete sich. Ein vorsündflutliches

Ungetüm wohnte in dem unterirdischen, elektrisch beleuchteten

Raum. Ein Riesenmörser mit seiner dreifachen Auswölbung und seinen

Schaufelrädern, das glotzende Maul steil aus seinem Versteck nach der

Decke von verschneiten Fichtenzweigen gerichtet, die den Lindwurm vor

Feindesaugen schützte und zurückgeschoben wurde, wenn er den Inhalt

der halbmannslangen Geschoßkörbe neben ihm brüllend über die Wipfel

des Tannenwalds in den Himmel hinaufspie. Ein Offizier saß auf einem

Schemel, an die Lafette angelehnt. Schjelting hielt ihn für den General

Schiraj und trat auf ihn zu.

Aber das Gesicht, das sich langsam nach ihm wandte, kannte er nicht.

Es hatte den länglichen Schnitt der Ukräne, war abgezehrt bis auf die

Knochen, mit in den Höhlen eingesunkenen Augen. Schjelting dachte sich:

‚Der sieht ja aus wie der Tod!‘ Er reichte dem bleichen, unbekannten

Offizier die Hand. Die des Anderen war kalt und bleiern.

„Der General Schiraj erwartet Sie vorne in der Stellung...“

Der Offizier sagte es dumpf und teilnahmlos.

„Ist es weit bis dahin?“

„Sie sind hier dicht hinter der Front. Eine halbe Stunde zu Fuß.“

„Kann ich nicht fahren?“

„Man wird sie umwerfen! Es sind überall frische Granatlöcher im Schnee.

Man muß den Fußstapfen dazwischen folgen.“

„Und wie kommt man bei Tag zurück? Bald graut der Morgen...“

„Zurück? Nun ... irgendwie ... macht nichts...“

Der Artillerie-Offizier sagte es mit tiefer Gleichgiltigkeit und

schaute, den Rücken an die eine Auswulstung des Mörserschlunds

gelehnt, geistesabwesend vor sich hin. Schjelting fröstelte.

„Man kann dabei fallen...“

„Man fällt ... man lebt ... einerlei...“

„... wie denn einerlei?... Nun ja ... wenn man nur siegt...“

„Man siegt ... man siegt nicht... Gott allein weiß es...“

Schjelting dachte sich: ‚Nun, Du Bruder mit dem Totenkopf ... hast

Du Furcht...?‘ Da sah er auf dessen Brust das Georgskreuz, die

Auszeichnung für Tapferkeit.

„Wie lange sind Sie im Felde?...“

„Seit Mitte Juli alten Stils!“ sagte der fahle Artillerist und

blickte stumpf nach dem stählernen Götzen neben ihm, der, einem

kleinen Elefanten an Größe nah, fast bis an die Decke aus beschneitem

Tannenreisig reichte. „Wir haben viel zusammen durchgemacht ...

der Spitzbube da und ich...“ Er horchte jäh mit seinem gespannten

Geistergesicht in die Nacht und machte dann eine matte Handbewegung.

„Noch ist es ja dunkel ... ich höre immer die Flieger brummen... Macht

nichts...“

Und Schjelting sagte sich:... ‚Der Krieg..! In Petersburg ... in den

Salons meiner Freundinnen ... hatten wir ihn seit Jahren auf den

Lippen... ~c’est ma guerre~... der Krieg... Das war der Einzug in

Berlin ... Mütterchen Moskau in Fahnenpracht... Glockenklang von der

Isaak-Kathedrale... Das waren Orden ... Gelder ... Exzellenzentitel...

Nun ist dies hier der Krieg ... dieses unbestimmte Schwarz ... diese

Grabkreuze ... diese weite Leere ... diese furchtbare, erwartungsvolle

Stille wie vor etwas Ungeheurem ... dieser Mann da mit den

niedergebrochenen Nerven...‘ Er mußte sich zusammennehmen, um einen

Schauer zu unterdrücken.

„Nun denn ... ich gehe...“

„Mit Gott!“

Der Unteroffizier schritt im Finstern voraus, schwer, bärtig, im Pelz,

aufrecht wie ein Bär durch den Schnee. Schjelting folgte ihm. Er sagte

sich: Wir führen Rußland nicht mehr! Ich folge diesem Stück russischer

Erde da vor mir, die wir aufstehen und wandeln hießen, -- folge ihr in

das dunkle Land vor mir hinein...

Ein Aufstöhnen des Winterwinds. Er hielt die Pelzärmel schützend vor

Mund und Nase. Ihm wurde beinahe übel. Das war wieder der belgische

Geruch...

„Unteroffizier ... liegen hier irgendwo Leichen?“

„Überall, Euer Hochwohlgeboren!“

„Warum bergt Ihr sie nicht?“

„Man findet sie nicht im Wald und Schnee, Euer Hochwohlgeboren...“

In der Ferne, über den deutschen Stellungen, stieg eine Rakete auf.

Eine märchenhafte, zauberweiße Lichtkugel stand am Himmel, erhellte

mild die ganze Gegend...

„Unteroffizier ... halt ... halt...“

„Was denn, Euer Hochwohlgeboren?“

„Der Hochwald da neben uns ist ja voll Menschen ... da ... sie sitzen um

das Loch im Schnee ... ein Hauptmann vorne...“

„Die Unsern, Euer Hochwohlgeboren!“

„Erfrieren die denn nicht?“

„Wie sollten sie frieren? Sie sind doch alle tot. Die Granate... Man

wird sie morgen holen...“

Ah... ~c’est ma guerre~... Schjelting dachte sich: Dein Leben war

dieser Nachtwanderung durch den Schnee geweiht. Durch ganz Europa bist

Du gefahren, in allen Zungen hast Du gesprochen, an Menschen aller Art

hast Du Rubel verteilt, Du kauftest die Seelen, die Druckerschwärze

und die Telegrafendrähte ... prägtest, was da kommen sollte, in Formeln

und Methoden. Gut... Aber wer findet sie jetzt wieder, die große

Rechenmaschine -- wer bedient sie in dieser furchtbaren, bleiernen

Nacht über Europa?

Er blieb stehen. Durch das Dunkel kam ein Laut, der ihm die Haare

sträuben machte. Nicht von Menschenstimmen...

„Unteroffizier... Was ist das?... Nie vernahm ich es...“

„Der Schrei eines sterbenden Pferds, Euer Hochwohlgeboren!“

Der Riese im Pelz vor ihm ging weiter, bückte sich plötzlich an einer

dunkleren Stelle des Bodens, bekreuzigte sich, las etwas auf und legte

es vorsichtig zur Seite. Es war ein abgerissener Menschenarm...

„Unteroffizier...“

„Vorwärts, Euer Hochwohlgeboren! Es wird schon hell!“

„Unteroffizier ... ich will lieber umkehren...“

„Nein, Euer Hochwohlgeboren...“

„Wie denn...“

„Man befahl mir, Euer Hochwohlgeboren nach vorn zu bringen...“

„Doch nicht mit Gewalt...“

„Man befahl mir, Euer Hochwohlgeboren!“

Das deutsche Wunder: Roman · 第 28 / 29 段