Mr. de Schjelting! Da war ein wahrer Jubel: ‚Geschäft wie immer!‘...“
„Die Versicherungen bei Lloyds sind um 7⅜...“
Schjelting unterbrach, mit einer ungeduldigen Handbewegung, den
achtungswerten Stock-Broker. Man sah nur ihm, dem Russen, den Verstoß
gegen Britensitte nach.
„Niemand kann zweifeln, daß man auf mechanischem Weg zu unumstößlichen
Formeln des Erfolgs gelangt!“ sagte er. „Aber ich bin bekümmert, ob
dieser Weg nicht doch weiter ist, als man denkt! In der Tat: wir
brauchen mehr!“
„Wir haben es!“
„Wieso?“
Sir William Higgins sah strahlend umher.
„Wohl: Soll ich das große Geheimnis verraten?“
Ein Händeklatschen.
„Ja! Ja!“
„Es ist ja gar keines mehr, Sir William! Man spricht ja davon schon in
allen Klubs!“
„Oh ... bitte!... bitte!“
Die Damen bogen sich neugierig vor. Der Hausherr zerlegte das mächtige
Roastbeef und bat um die Wünsche der einzelnen Gäste.
„Der Gedanke ist nicht neu und wahrhaft einfach!“ sagte er. „Wir
hungern Deutschland aus!“
„Hört!... Hört!“
„Eine magere Scheibe, Mr. Ash?... Deutschland hat wenig Korn im Land.
Wir sperren ihm jede Zufuhr. Binnen Kurzem wird der letzte teutonische
Laib Brot ein Schaustück für Barnum sein!“
Er strahlte und legte der alten tauben Dame auf ihre Bitte ein
besonders braungebratenes Stück vor.
„Sie werden morgen in meinen Blättern bereits einen Artikel finden:
‚~The Hungerkur in Germany!~‘ Er ist spaßhaft zu lesen...“
Die Herren lachten herzlich. Die Misses kicherten. Ein mit ihnen
flirtender, athletenhafter junger Gentleman meinte hoffnungsvoll:
„So ist bis zur Season Alles im Rechten?“
„Längst! Wenn die letzte Krume verzehrt ist, -- was sollen dann
Wilhelms Grenadiere machen?“
„Die Daheimgebliebenen werden mit ihnen ihr Brot teilen!“ sagte
plötzlich Hannah Higgins auf Englisch. „Die Greise. Die Frauen. Die
Kinder...“
„Die haben doch selbst nichts!“ Ihr Schwager lächelte freundlich.
Er stand vor dem Braten, das blutige Messer in der Hand. „Noch ein
Stückchen, Mr. Lumley? Bitte?“
„Die sollen mithungern?“
„Anders geht es leider nicht!“
„Mitverhungern?“
„Deutschland braucht sich nur zu unterwerfen!“
„Und wenn es das nicht tut? Wenn es lieber stirbt?“
„... das mögen die Teutonen unter sich entscheiden!“
„... dann sterben doch zuerst die kleinen Kinder ... die zarten
Frauen ... die alten Leute...“
„Ja. Der Gedanke ist wahrhaft betrübend...“
„Und Ihr könnt das vor Gott verantworten? Ihr habt die Bibel neben
Eurem Bett und sprecht hier mit vollen Backen vom Hungertod von siebzig
Millionen Christen! Könnt Ihr den Aschanti-Negern noch in die Augen
schauen? Denkt an den bethlehemitischen Kindermord...“
Jerôme Higgins erhob sich halb.
„Ich verbiete Ihnen, weiter zu reden, Hannah!“ sagte er scharf zu
seiner Frau. „Diese Sprache ist nicht britisch. Sie gehört sich hier
nicht!“
„Also auch Du billigst das?“
„Vollkommen! Genug!“
Sobald es ging, gab die Dame des Hauses den anderen Ladies einen Wink.
Alle erhoben sich. Die Herren überließen sie oben im Drawing-Room sich
selbst und rückten an der Tafel beim Portwein zusammen. Sir William
sagte halblaut zu seinem Bruder:
„Ich bin ängstlich, zu sehen, ob Hannah in dieser Stimmung bleibt!...
Es wäre eine ernste Sorge für uns Alle, Jerôme!“
„Sie hat einen Briten zum Mann! Sie soll britisch sein!“
„Aber ihr Bestes, es zu werden, tut sie nicht!“
„Sie wird es schon, je mehr das ‚Vaterland‘ zusammenbricht! Sie wird
den Herrn preisen, hier in Sicherheit und Freiheit zu sitzen, wenn
drüben die Kosacken und Turkos in Deutschland hausen! Es wird ein
trauriges Schauspiel. Auch unsere Gurkhas und Australier möchte ich
lieber nicht am Werk sehen! Es ist höchst schmerzlich, daran zu denken!“
Jerôme K. Higgins sprach das, die Zigarre in der Hand, mit zürnender
Strenge. Sein früheres, gönnerhaftes Wohlwollen für das Land Goethes
und Beethovens war geschwunden. Erst mußte da Ordnung geschaffen
werden. Er hatte den Ausdruck eines respektablen Hausvaters, der mit
der Rute in der Hand den Erdball mustert. Er seufzte und trank einen
Schluck Port. Es war ein unter Kennern seit einem halben Jahrhundert
berühmtes Faß, das schon oft die Reise um die Erde gemacht hatte,
häufiger noch als die, die es austranken. Sie waren schon wieder beim
Yachting. Der Wind war stärker geworden. Man hörte sein stöhnendes
Heulen über der noch dunklen See. Schjelting schwieg. Sein Blut war
erstarrt. Er dachte sich: da draußen jagen die apokalyptischen Reiter
über Länder und Meere. Wir haben sie entfesselt. Wir haben einen
Weltensturm beschworen, von dem die Menschheit noch nach tausend Jahren
sich mit Schrecken erzählen wird... Und diese Geister sind stärker als
ihre Meister. Sie wachsen uns kirchturmsgleich über den Kopf... Ihr
aber sitzt da im brennenden Hause ... schwatzt ... lacht...
„Sie waren auf der ‚Sunbeam‘, Mr. Lumley?“
„Sicherlich! Wir hatten den Tee bei Seiner Herrlichkeit!“
„Wie glorreich!“
„Gentlemen!... Die Ladies...“
Sir William Higgins, ~M. P.~, mahnte zum Aufbruch. Man stieg
hinauf zu den Damen. Setzte sich mit ihnen um das knisternde
Kaminfeuer, genoß das warme Behagen des großen hellen Raums in dunkler
Nacht, der die Unangreifbarkeit der alten englischen Insel selber
inmitten der Stürme draußen in seiner Flackerglut widerzuspiegeln
schien. Hannah Higgins war nicht da. Die anderen Damen hatten nicht auf
sie geachtet. Sie vermuteten, daß sie schon vor einer halben Stunde,
gleich nach Tisch, gegangen sei, um nach Bob und Bill, ihren beiden
Boys, zu sehen.
Sie kam nicht wieder. Vielleicht hatte sie es als Pro-Deutsche für
besser befunden, sich an diesem Abend überhaupt zurückzuziehen. Man
begriff das. Auch der Professor. Er unterhielt sich lebhaft mit einem
weißhaarigen Reverend über die wahren Methoden der Lachsfischerei
in den norwegischen Flüssen. Es gab da verschiedene, sich ernstlich
befehdende Schulen. Nach einer Stunde ließ er das Angeln sein und
stutzte:
„Ich muß doch einmal nach Mrs. Higgins schauen!“
Zehn Minuten verstrichen. Man hörte seine Stimme im Hause. Treppauf,
treppab. Erst leise, dann immer lauter, angstvoller, fragender.
Antworten der Dienerschaft. Rufe durcheinander. Aus dem Garten.
Sir William hob stirnerunzelnd die dürre befrackte Gestalt aus den
Abgründen des Klubsessels. Da stürzte sein Bruder herein, außer
Atem, die Brille über die Stirn geschoben, mit schreckensstarren,
kurzsichtigen Augen.
„Sie ist weg...“
„Wer?“
„Bill und Bob sind weg! Alle Drei!“
„Wann?“
„Vor zwei Stunden schon. Zu Fuß durch den Park!“
„Wohin?“
„Auf die Straße nach Harwich! Die Gärtner sahen sie!“
Sir William riß die Taschenuhr aus der Westentasche.
„Zehn Minuten nach zehn!“ sagte er und dann halblaut, vor sich hin: „Um
zehn Uhr fährt der Dampfer nach Holland!“
Der würdevolle Haushofmeister in Kniehosen und Halskette wand sich
durch die Gruppen. Er trug einen Brief auf silberner Schale.
„Soeben abgegeben, Sir! Ein Mann brachte ihn zu Rad. Von Harwich!“
Jerôme K. Higgins griff darnach, riß den Umschlag aus, las:
„An Bord der City of Vienna, 9.55 p. m.“
„Bis heute habe ich es ausgehalten. Ich kann es nicht mehr, seit ich
Euch heute Abend bei Wein und Braten über die Hungersnot deutscher
Frauen und Kinder lachen sah. Ich glaubte, Euch zu kennen, aber ich
erkannte Euch erst in dieser Stunde. Ich gehe jetzt mit Bob und Bill,
um in Deutschland mitzuhungern. Und mitzuverhungern, wenn es so sein
sollte! Aber Ihr werdet uns nicht besiegen!
Hannah.“
Professor Higgins zerknitterte das Blatt. Er sprang auf. Er schrie in
Todesangst:
„Um Jesu Willen! Meine Frau ... meine Kinder...“
„Komm’ zu Dir!“
„Helft mir! Rettet!“
„Jerôme ... sei ein Mann!“
„Haltet sie zurück!... Sie fahren ja nach Deutschland... Es giebt ja
dort nichts zu essen... Sie kommen ja um...“
„Oh armer Mr. Higgins!“
„Erbarmt Euch!... Telefoniert nach Harwich!“
„Zu spät!“
Ein bläulicher Mondstrahl zuckte suchend über das Meer. Er kam von den
Scheinwerfern des Hafens, an dem sonst alle Küstenlichter gelöscht
waren. In seiner Helle sah man draußen auf der See gleich einem
Geisterschiff einen mächtigen Dampfer. Er stampfte schwer in den grauen
Wellen. Schwarze Zerstörer umhuschten ihn wie Ratten der Nacht. Ein
grüner Stern stieg auf...
„Die ‚City of Vienna‘...“ sagte Jemand halblaut. Es wurde draußen
wieder dunkel. Jerôme K. Higgins umklammerte das Fensterkreuz. Er
lallte vor Schrecken:
„Meine Frau ... meine Kinder... Sie fahren nach Deutschland ... dort
sind ja die Kosacken. Sie morden und brennen!“
„Oh ... sagen Sie das nicht vor Mr. Schjelting!“
„Dorthin kommen ja die Senegalneger ... die Marokkaner... Die Turkos...“
„Beruhigt ihn doch!“
„Ich werde ja wahnsinnig! Das sind ja Bestien! Die läßt man doch nicht
gegen Weiße los! Man läßt doch Frauen und Kinder nicht verhungern!“
„Oh -- the Hungerkur in Germany!“ Im Nebenraum lachte die aus der
Nachbarschaft zum Besuch herübergekommene Miß herzlich. Ein junger Herr
hatte ihr den Spaß erzählt.
„Sie kommen ja erst in acht Stunden nach dem Hook! Ein Funkenspruch
nach Holland ... rasch ... rasch... Sir Francis Oppenheimer aus
Frankfurt tut dort für uns Alles, um die Deutschen zu schädigen!“
„Er wird nichts machen können!“ sagte Sir William kalt. „Eine freie
Britin in einem neutralen Staat kann gehen, wohin sie will!“
Jerôme K. Higgins brach auf einem Sessel zusammen. Er warf das Gesicht
auf die Kniee und schluchzte laut und hell. Die Miß von nebenan stand
mit großen Augen auf der Schwelle. Sie frug verdutzt:
„Oh -- was ist das?“
„Ein Echowort aus Deutschland!“ sagte Nicolai von Schjelting. Die
Engländer schauten ihn an. Sie verstanden ihn nicht. Er setzte hinzu:
„Ihr wißt hier nicht, gegen wen wir kämpfen! Und wenn Ihr es wißt, wird
es zu spät sein für uns Alle!“
Wieder ein Kopfschütteln. Was wollte nur dieser bleiche Geisterseher
aus Petrograd? Ein neuer Mondstrahl glitt draußen über die Wasserwüste.
Die ‚City of Vienna‘ war schon weit hinaus. Das Licht um sie schwand,
und sie arbeitete sich weiter durch Wind und Finsternis dem Festland
zu...
Zwei Tage später sagte Hannah Higgins im Abenddämmern des deutschen
Eisenbahn-Abteils zu Bill und Bob:
„Da schaut!“
„~What’s the matter?~“
„Wer Englisch spricht, kriegt einen Klaps!... Da fließt der Rhein!“
„Buh -- der ist zu schmal zum Segeln!“
„Er ist nicht zum Segeln. Er ist ein heiliger Strom.“
„...Kann man in ihm Fische fangen?“
„... und die große Stadt dort drüben -- die heißt das goldene Mainz...“
„Ist sie englisch oder schottisch, Mutter?“
„Sie ist nicht britisch, sondern deutsch!“
„Es ist doch Alles britisch, Mutter! Ist es nicht?“
„Da irrt Ihr Euch gründlich, Ihr Bengels!“ sagte Hannah Higgins schon
mit einem Anflug ihrer alten Tatkraft. „Das werdet Ihr schon merken!
Ihr heißt von jetzt ab überhaupt nicht mehr Bob und Bill, sondern Max
und Moritz. Verstanden?“
„Oh -- wird das Vater recht sein?“
„... wenn es nur mir recht ist... Ihr werdet deutsche Jungen!
Verstanden?... Und nun macht Euch zurecht. Wir sind gleich in
Wiesbaden!“
In der Halle des Hauses Tillesen in der Sonneberger Straße standen
gepackte Koffer und Kisten mit wissenschaftlichen Instrumenten. Das
Mädchen meldete, Exzellenz reise als beratender Hygieniker morgen zum
Heer. Ein bärtiger Landwehrmann kam hinter ihr lachend auf Hannah
Higgins zu. Es war die letzte Abbröckelung englischer Gewohnheit an
ihr, daß sie unwillkürlich bei der Annäherung eines gemeinen Soldaten
erschrak, bis sie in ihm ihren Schwager, den Reichstagsabgeordneten und
Kriegsfreiwilligen Hugo Martius erkannte.
„Alt werde ich hier beim Ersatztruppenteil nicht!“ sagte er. „Man ist
ja eigentlich gar nicht mehr Mensch, eh’ man nicht im Schützengraben
war!... Dein Vater ist im Laboratorium!“
In einem sonst zu Versuchszwecken dienenden Ofen brannte ein Feuer.
Geheimrat Tillesen saß davor und legte, ehe er morgen sein Haus
verließ, langsam die Dokumente in die Flammen, die ihm seine Töchter
Inge und Phila reichten. Es waren die Ehrenmitgliedsdiplome all der
wissenschaftlichen Vereinigungen der Welt, die jetzt die Deutschen
aus ihren Reihen ausgestoßen hatten. Sein stilles, graubärtiges
Gelehrtenantlitz, über das der Flackerschein spielte, war sachlich
und ruhig wie immer, während er von der Grundlage seines Lebens und
Forschens, der Gleichheit aller Menschen vor der Wissenschaft, Abschied
nahm. Nur einmal sagte er durch die Stille dieser Räume, in denen sonst
die Vertreter aller Völker als Jünger und Gäste geweilt hatten, alle
Sprachen des Erdballs erklungen waren: „...Röntgen, Ehrlich und Behring
von der Pariser Akademie ausgeschlossen...“ und lächelte. Es war ein
deutsches Lächeln.
Dann steckte seine eine Assistentin, Dr. Käthe Cornelius, den Kopf
durch die Nebentüre.
„Wir sind so weit, Exzellenz!“
Er erhob sich und ging in den anstoßenden Raum. Da standen zwei
Offiziere und ein Chemiker im Bürgerkleid. In einem Glaskäfig saß leise
winselnd ein dreibeiniger Spitz. Die eine Hinterpfote war ihm von einem
Lastwagen abgefahren. Dr. Irma Enderlin kniete davor. Sie trug einen
Respirator vor dem Mund und leitete den Inhalt eines Gasschlauchs in
den Kasten. Die Luft innen färbte sich grünlich. Das Tierchen begann zu
taumeln, fiel um...
„Tot!“ sagte der Geheimrat ruhig. Von den Wandregalen blinkten Reihen
von Gläsern mit Reinkulturen. Auf den Tischen lagen die Glasplättchen
unter den Mikroskopen, die Tabellen der geimpften Versuchstiere. Die
unsichtbaren Schädlinge des Seins wurden hier erkannt, Gift fand sein
Gegengift. Eine Zwergschlacht zwischen Angreifern und Schutztruppen der
Menschenzelle hatte da im Stillen getobt, wie jetzt draußen in Europa
die Riesenschlachten der Menschen selbst. Viele Gelehrte aller Völker
der Erde, Slawen, Angelsachsen, Romanen, gelbe Asiaten, braune Inder
hatten hier gesessen und gelernt. Was sie hier als Gäste aus goldenem
deutschen Überfluß geschöpft, bannte jetzt draußen in ihrer Hand die
tausendjährigen Furien der Menschheit, Seuchen und Pestilenz.
Auf einem Stuhl lag eine englische Zeitung. Sie war anonym aus der
Westschweiz gekommen. Ein Bild im Text blau angestrichen: Alle Völker
des Erdballs, bis zum winzigen Japanesen und vierschrötigen Buren hin
schlugen blindwütend auf eine zähnefletschende Dogge ein, die eine
Pickelhaube trug. Darunter stand: „Halloah: Alle Mann ans Werk! Man muß
den deutschen Wehrwolf niederknütteln!“
Und es war, als spräche aus diesen Retorten und Reagenzgläsern und
Mikroskopen eine Geisterstimme zur Antwort: ‚Der Erde geschehe, wie
sie gewollt! Deutschland war das Licht der Welt. Es kann auch seine
Nacht sein. Deutschland gab den fremden Völkern blühendes Leben. Nun
sendet es ihnen ebenso den Tod. Es ist stark in Einem wie im Andern.
Schöpfung, Sein und Vernichtung, die geheimnisvoll dreifache Gottheit
vom Ganges, wohnt auch hier am deutschen Rhein, in der angewandten
Wissenschaft, die hinter dem ~furor Teutonicus~ steht...‘
„Menschen werden durch diese chemischen Mischungen selbstverständlich
nur betäubt, nicht erstickt!“ sagte Geheimrat Tillesen ruhig, auf den
toten Spitz weisend. „Genügt Ihnen diese Gasentwicklung so?“
„Ich denke, ja, Exzellenz!“
„Wir werden weiter daran arbeiten. Man muß praktische Versuche in
leeren Schützengräben machen. Ich schreibe Ihnen noch. Oder vielmehr:
ich diktiere es meiner Tochter. Sie begleitet mich nach Posen.“
„Sehr wohl, Exzellenz!“
Nun erst, nachdem die Versuchskommission sich verabschiedet, kam
Geheimrat Tillesen aus der Wissenschaft zur Gegenwart zurück und sah,
daß da auch seine dritte Tochter mit ausgebreiteten Armen stand. Und
die sagte nach der ersten Begrüßung nur:
„England liegt hinter mir!“
Ihr Vater nickte. Es war wie ein:
„Und hinter mir die internationale Gelehrtenrepublik!“
Und ebenso lag es auf dem Antlitz seines Schwiegersohns:
„Und hinter mir das Traumland des ewigen Friedens!“
Und auf dem seiner Frau:
„Und hinter mir die alte deutsche Sehnsucht, die Insel der Seligen im
Süden!“
Und auf dem ihrer Schwester Inge:
„Und hinter mir die Luftspiegelung angelsächsischer Freiheit überm
Meer!“
„Du kannst Dich nützlich machen, Phila, und während des Kriegs auch auf
meine beiden Bengel aufpassen!“ sagte Hannah Higgins. „Ich melde mich
morgen als Pflegerin!“
„Morgen ist das Haus hier leer...“
Und doch fühlten Alle: Wir sind in unser Haus zurück. Was Deutsch war,
giebt die Fremde wieder. Alles kehrt heim. Von allen Seiten rauschen
die Wasser. Tausend Bäche sprudeln und eilen. Fluß an Fluß flutet dahin
und ergießt sich in den einen heiligen Strom. Feierlich, in mächtigem
Schwall, wälzt dort drüben der deutsche Rhein seine Wogen zum fernen
Ziel.
XVI.
Die Schneeflocken, die strömend dicht in diesen letzten Januartagen des
Jahres 1915 von dem eisgrauen Himmel des östlichen Ostpreußen herunter
wirbelten, erreichten kaum die breiig fließende, mit verschlammten
Laufbrettern belegte Sohle der russischen Schützengräben. Sie schmolzen
schon beinahe in der Luft zu Wasser, so heiß war der stinkende Brodem,
der aus den holzüberdachten und warm überschneiten Unterstand-Tunnels
in die offenen Laufgräben quoll. Es war in diesen geschützten
Unterkünften dämmerig wie in einem Bärenlager zur Winterzeit. Pelzig
behaarte Gestalten tappten aufrecht im Zwielicht, brummten tief,
schnarchten in den sargähnlichen Seitenverschlägen. Ein scharfer,
süßlicher tierischer Geruch lastete zäh unter dem Balkengewölb, das die
Axt feldbrauner russischer Muschiks gezimmert. Der Staatsrat Morskoi
blies, um sich davor zu schützen, ein Papyros-Gewirbel durch die
Nasenlöcher, blieb kurzatmig und wohlbeleibt, wie er war, stehen und
sagte:
„Feldwebel!... Fragen Sie wieder, wo der General eigentlich ist!“
Er war in der Uniform eines hohen Zivil-Tschinowniks mit übergehängtem
Mantel. Sein Begleiter, der Panslawist Korsakoff, trug die Genfer Binde
auf dem Ärmel seines Waschbär-Pelzes. Eine Ottermütze bis über die
Ohren. Filzstiefel bis über die Kniee. Man sah von dem hageren, blonden
Mann wenig mehr als die fanatisch starren, hellblauen Augen unter der
angelaufenen Brille.
„Der General Schiraj? Weiter vorn!... In der ersten
Schützengrabenstellung!...“
Ein kalmückisch ausschauender Hauptmann murmelte es. Er saß auf einem
Empire-Sofa, das schon halb eingesunken war, und hatte die Füße auf den
Seidendamast hinaufgezogen, um sie vor dem Urbrei von Wasser, Schlamm,
Kohlstrunken, Hühnerfedern, Knochen und menschlichen Auswurfstoffen am
Boden zu schützen.
„~Ah -- voilà un courant d’air!~“ Der Hofmeister Morskoi atmete
draußen zwischen den engen Wänden des nach vorn führenden Sappengangs
auf, und wehte sich mit der Hand Luft in das rote, von schwarzen
Bartkoteletten umrahmte Gesicht. „Daß sie nicht krank werden, in diesen
verpesteten Höhlen...“
„Sie sind’s gewohnt, die Seelchen!... Diese Falken. Sie haben es im
Winter in ihren Dörfern auch nicht anders!“
Der Professor Korsakoff hatte, während er das sagte, keinen weiteren
Ausblick als dicht vor sich die steten Winkel des Wegs und über
sich, zwischen den verschneiten Grabenkämmen, einen Streifen
flockenwimmelnden Himmels. Der Feldwebel, der den beiden Moskauer
Politikern als Führer diente, drehte sich mit breitem Lachen um:
„Belieben Sie, Herren!... Dies ist doch kein Winter... Für uns
Sibirier!...“
Auf dem Auftritt des Schützengrabens, in den sie eintraten, hielten die
langen, sehnigen Kerle dieses sibirischen Corps Wacht. Ihre Pelzmützen
-- daheim in den Urwäldern erbeutet oder Liebesgaben aus den Muffen der
vornehmen Petersburger Damenwelt, -- waren so hoch, daß sie bei einer
unvorsichtigen Bewegung des Trägers bis über die Brüstung ragten.
Aber es hatte keine Not. Es war überflüssig, daß man die eingebauten
Maschinengewehre durch Decken gegen Sicht schützte. Der Schnee besorgte
das selbst. Er fiel immer noch in dichten Strähnen. Man konnte kaum
hundert Schritte weit sehen. Kein Schuß fiel in diesem zähen Grau
und Weiß der Luft. Der Krieg schlief. Weithin längs der endlosen
Front hörte man nichts als ab und zu das Gekrächze der Krähen. Der
General Schiraj war, wie er selbst von sich sagte, keiner von diesen
Petersburger Herrchen. Er war ein Feldsoldat. Er hatte im Frieden im
Kaukasus und in Transkaspien gestanden. Er paßte auch jetzt zu seiner
Brigade von Sibiriaken. Die beiden Besucher trafen ihn am Fernsprecher
in einem vorn in den äußersten Schützengraben hineingebauten
Bretter-Unterstand. Er redete selbst mit seinem ruhigen, tief durch
seinen verschneiten Vollbart grollenden Baß nach hinten, mit der
Division seines Abschnitts. Neben ihm stand sein Adjutant. Auf einem
Bänkchen hockte ein blasser, jüdisch-russischer Einjähriger, mit um die
Ohren festgeschnallten Hörrohren, die ihn mit der Beobachtungsstelle
verbanden. Ein Unteroffizier saß neben ihm, bereit, durch das zweite
Telefon Anfragen nach dorthin zu übermitteln.
„Nein, Exzellenz! Gar nichts Neues! Drüben Alles ruhig wie immer!“
sprach der General in den Apparat. „Aber ich bin in Unruhe... Unsere
Gräben füllen sich mit Schnee... Wie?... Beim Feinde auch...?... Ach
so... Ja ... wenn +wir+ etwa anzugreifen gedenken...“
Er lachte tief und befriedigt, hängte ab und begrüßte mit Wangenküssen
die beiden Gesinnungsgenossen.
„Nun, Ihr hier?... das deutet auf wichtige Dinge ... solch seltener
Besuch...“
„Sie werden heute noch einen anderen Besuch erhalten, Pawel
Antonowitsch!“
„Und wen das?“
„Schjelting!“
„Vortrefflich! Warum habt Ihr ihn nicht gleich mitgebracht?“
„Wir kommen lieber allein!“
„Und er auch!“
Korsakoff hatte, während er das sagte, die Brille abgenommen. Nun
war der Glanz seiner blauen Augen noch unheimlicher. Unerbittlicher.
Schiraj dachte sich, wie schon oft bei seinem Anblick: Gut, daß du
Panslawist bist, Bruder! Sonst wärst Du Nihilist geworden, mit Deinem
Fanatismus! Er schaute von dem Einen zum Andern.
„Ihr seid so seltsam... Was ist?...“
„Man kann es nicht hier sagen! Gehen wir hinaus!“
„Einen Augenblick!“
Der sibirische General erledigte noch einige Dienstbefehle. Als sie
dann aus dem Dämmern in das Freie traten, hatte das Schneetreiben
aufgehört. Die Luft war für einen Augenblick dieses Spätnachmittags
hell. Sofort zwitscherte es oben in ihr von den huschenden,
unsichtbaren Vögelchen. Schiraj hielt das schwere Schweigen seiner
Freunde für Kanonenfieber.
„Es kann Euch nichts geschehen!“ sagte er. „Sie sind mehr als eine
halbe Werst von hier! Steckt nur nicht den Kopf über den Graben!“
Der Hofmeister lehnte mit einer Schulterbewegung ab.
„Nicht das!... Du glaubst, der Feind sei eine halbe Werst von Dir.
Nein: Er ist hinter uns...“
Schiraj wandte unwillkürlich seine breitschulterige Pelzgestalt in
jähem Schrecken nach rückwärts. Er dachte an die masurischen Seen.
„Schon wieder?... Chindenburg?...“
„Nicht Chindenburg!... Der Feind, von dem ich spreche, ist ein
russischer, Bruder...“
„Erbarme Dich...“
„... und heißt Nicolai Wassiljewitsch Schjelting!“
Über ihnen, hoch im Grau, zog ein durchdringendes Heulen, verlor sich.
Dumpf trug die Winterluft den Knall des Abschusses hinterher, dann, wie
ein Echo von irgendwo hinten, den Einschlag.
„Gleich fangen sie doch an...,“ sagte der General vor sich hin. An der
Front begann es zu plackern. Es tönte in unregelmäßigen Raumabständen
und Zwischenzeiten von hüben und drüben: ‚Peng‘, und wieder kurz und
scharf: ‚Peng‘, wie bei einer Treibjagd im Winter. Dann wandelte sich
Schiraj wieder vom Militär zum Allrussen.
„Schjelting ... sagt Ihr...?“
„Ja. Er.“
„Er ist doch Einer der Unseren...“
„Nicht mehr.“
„Jeder schenkte ihm doch sein Vertrauen... öffnete ihm sein Herz...“
„Das eben ist ja die Gefahr...“
„Wie denn Gefahr?...“
„Er weiß zu viel!“ sprach Korsakoff zwischen den Zähnen.
„Viel zu viel...“
„Er hat unser Aller Freundschaft mißbraucht!“
Der General Schiraj schüttelte den Kopf.
„Traurig ist es!... Um mir das zu melden, seid Ihr gekommen?...“
„Um Schjeltings Ankunft zu melden...“
„Was machen Sie für ein Gesicht, Wladimir Timoféitsch?“