„Klein und blond. Seine Begleiterin nennt ihn Gaston!“

„Pst! -- das ist der Neffe des Herrn Ministers! Nichts zu machen!“

Und in einer der Botschaften ein steinerner Yankee, um ihn ein Kreis

aufgeregter Finanzmänner.

„Sie müssen den Russen den Kredit eröffnen. Wir garantieren ihnen doch

den Betrag der Gegenbestellung in Gold!“

„Well! Fünfundzwanzig Prozent Anzahlung!“

„Und zehn Prozent Provision für uns!“

„Keinen Dollar!“

„Sapristi! Man lebt nicht von der Luft, mein Herr!“

„Aber von den Russen! Ihr nehmt von ihnen zwanzig Prozent!“

„Kein Streit unter Freunden! Siebeneinhalb!“

„Fünf Prozent! Sie verdienen noch genug!“

Ein Lachen. Schjelting ging. Unten hörte er die zornmütige Stimme eines

Abgeordneten in einer Gruppe:

„Diese Generale!... Diese Censur!... Da, statt eines Artikels in der

Zeitung eine weiße Wüste!... Man tötet den gallischen Geist...“

„Du bist zu scharf gegen Deine eigene Partei!“

„... weil man mich zurücksetzt! Man intriguiert. Man verläumdet. Was

soll ich meinen Wählern sagen? Das nächste Mal lassen sie mich fallen!

Dann bin ich ruiniert, mein Freund! Denn der Advokatenrobe bin ich

schon zu lange entwöhnt!“

Nicolai Schjelting kehrte in das Südbahnhotel an der Station zurück. Er

saß schon stundenlang in dumpfem Sinnen, als es klopfte, und de Massa,

der große Pressemann und Ministervertraute zwischen Paris und Rom,

eintrat, lang, hager, grauköpfig, mit lauter Stimme.

„Nun -- findet man Sie hier draußen! Ich habe die Reise nicht

gescheut!... Man sehnt sich, von Ihnen Näheres von dem Marsch dieser

unbesiegbaren Russen nach Berlin zu hören!“

„Wer?“

„Nun -- ganz Paris ist ja hier versammelt! Sie werden zufrieden sein!

Wir sind ~en petit comité~ -- unter Leuten von Welt! In der

‚Fetten Poularde‘. Drollig -- was? Es ist die Vorschrift des Tags, dort

zu dinieren -- nicht weit vom Gambetta-Denkmal!“

„Schade, daß Gambetta selber Euch fehlt!“

„Wohl verstanden: Madame de Marly wird da sein! Ferner diese reizende,

kleine...“

„Pascholl!“

„Was?“

Schjelting stand, die Hände in den Taschen, vor dem Besucher und blies

ihm brutal den Zigarettenrauch mitten ins Gesicht. Aber er war dabei

bleich vor Zorn.

„Pascholl!... Ich hab’ genug gehört!“

„Ah -- Sie sind nicht in Rußland! Spricht man so zu Verbündeten?“

„Mit Euch sich zu verbünden wäre nicht der Mühe wert! Euer Heer ist

tapfer, Euer Bürger patriotisch -- Aber Ihr da oben taugt nicht mehr

als unsre Tschinowniks. Ihr seid faul bis in die Knochen. Da ist

drüben, jenseits der Vogesen, ein anderer Geist!“

„Mein Glückwunsch! Sie sind Pro-Boche, Monsieur?“

„Im Gegenteil!“ sagte Nicolai Schjelting. „Ich suche den Geist, der

allein im Stande ist, den Deutschen zu überwinden. Auf dem Festland ist

er nicht. Aber in England werde ich ihn finden!“

XV.

Der Herbststurm brüllte über dem nächtlichen, schwer donnernden

Wellensturz des Kanals. Man hörte nur dies Heulen und Schwappen. Man

fühlte fliegenden Gischt wie von Eiswedeln im Gesicht, schmeckte Salz

auf den Lippen. Aber man sah nichts. Himmel, Erde, Meer waren Schwarz

in Schwarz. Alle Leuchttürme gelöscht. Alle Schiffsluken abgeblendet.

Man ahnte das Tappen von anderen dunklen mitreisenden Gestalten

auf dem schwankenden und glitschrigen Deck, vernahm Stimmen, die

flüchtigen Belgiern zu gehören schienen, Yankee-Genäsel, schnelles

Pariser Französisch, englisch gekaute Worte. Alles Verbündete. Aber

das Mißtrauen der Nacht machte dies Unsichtbare zum Feind, und wenn

vor der Abfahrt in Boulogne die Pässe auch zehnmal von den Briten, den

neuen Herren der gallischen Kalkküste, geprüft worden waren. Nicolai

Schjelting vermied es, mit Jemandem zu sprechen. Er stand, mit der

Linken sich an dem Stahlgestrick einer Wante festhaltend und schaute

unverwandt vor sich in das undurchdringliche Dunkel, als wäre es die

Zukunft selbst.

Er dachte sich: Sonderbar -- man sehnt sich nach den Ufern Englands

wie der Schiffbrüchige nach der rettenden Insel -- dieses England,

das doch nur ein Stein im Petersburger Schachspiel sein sollte! Wie

oft habe ich an der Newa meine These entwickelt: das umgedrehte

Problem Napoleon. Vor hundert Jahren verband man sich mit England, um

Frankreich zu schlagen. Jetzt, um es zu retten. Das Rätsel von Waterloo

hieß drei zu eins. Das Geheimnis von 1914 würde fünf zu eins heißen.

Eine sichere Methode bot nur die Zahl. Auf Zahlen verstand man sich in

der City...

Ein greller, prüfender Scheinwerferstrahl von hohem Mast im Finstern.

Undeutlich drüben Etwas wie ein schwer in den Wogen rollender Saurier

der Urzeit. Grimmige Fühlerpaare von Kanonenrohren. Wieder Dunkel. Zum

zwanzigsten Mal. Diese ganze Nacht lebte von fliegenden Holländern. Man

fühlte die Geisterschiffe der Briten rings um sich. Dutzende. Groß und

Klein. Keine Maus kam ungesichtet durch dies Schwarz, das man mit dem

Messer schneiden konnte.

Da endlich ferne, ängstliche Glühwürmchen in dem rauschenden und

pfeifenden Nichts, zwei, drei, in weiter Ferne. Die Lichter von

Folkestone. Ein Gedränge einer nassen, nächtigen Hammelherde von

Menschen auf dem Landungssteg, der Schein elektrischer Lämpchen auf

entfalteten Pässen, ein Waten im Sand durch Sturm zum nahen Strandhotel

der Burlington-Gesellschaft. Wahrlich ... unbehaglich und unwirtlich

empfangen mich diese Inseln der Freiheit, dachte sich Schjelting. Er

hatte sonst immer die Abwehr des Nervenmenschen, des Intellektuellen,

des nachtlebigen Slawen gegen diese gesunden Siebenschläfer mit ihren

Straußenmägen, ihren strahlenden Wolfszähnen, ihrer Freude an Fußbällen

und Pferdehufen, an Pfund-Shares und Portweinflaschen, an eisigem

Morgen-Tub und Kirchengesang gehabt. Er fröstelte auch jetzt in den

Luftwirbeln zwischen flackernder Kaminglut und kalt durch das Fenster

sprühender Salzbrise. Diese Zugluft war überall in England. Man konnte

ihr nicht entgehen. Alle Türen zwischen den Orkney- und Scilly-Inseln

standen jahraus, jahrein offen. Man ging mit bloßem Kopf im Regen.

Man fand es scherzhaft, wenn es in die Badewanne schneite. Es war ein

furchtbares Land.

Dann aber sagte er sich: Gerade recht! So muß ein Land sein, um die

da drüben zu überwinden. Diese Angelsachsen, die keine Pelze und

Gummischuhe kennen, keine Hamletstimmungen und kein Zahnweh, das sind

die wahren Widersacher der Teutonen. Sie werden diesen Riesen da drüben

zwischen Maas und Njemen besiegen. Denn sie sind seines Stammes und

Bluts. Wir werden sie zum Schluß am Bosporus und Amur nicht so übers

Ohr hauen können, wie es sich die breite russische Seele vorgesetzt

hat. Dafür nehmen sie uns die schwerste Arbeit ab. Sie haben den langen

Atem, die zähen Nerven, den stierstarken Willen. Sie werden ihr Bestes

und ihr Alles tun, um ~the Kaisers~ Macht zu zerschmettern.

Und nun freute er sich auf das gewaltige Schauspiel, das ihm die

nächsten Tage bieten würden, dies Gegenstück zu dem deutschen Vulkan,

dies sich Aufbäumen des ganzen, see- und weltbeherrschenden Inselvolks,

ein einziger Schrei, ein Wille, ein Schlag, daß es aus dem Erdenrund

durch die Jahrhunderte wiederhallte...

Da unten, im Frühstücksraum des Burlington-Hotels, saß schon trotz der

frühen Morgenstunde ein junger Gentleman. Offenbar ein Offizier. Das

Antlitz gebräunt von der Front und bleich von Strapazen, aber freimütig

und fröhlich. Er erzählte den Ladies um ihn seine Abenteuer:

„Ein kolossales Trompeten ... ein betäubendes Krachen -- da stand er auf

zehn Schritte vor mir ... weiß Gott, ein stattlicher Bursche ... stürzte

sich wie ein Dämon auf mich...“

„Oh ... oh...“

„Aber ich kam noch zum Schuß. Mitten in die Stirne. Er lag da...“

„... oh ... in der Tat...“

„Seine Zähne stehen in meinem Rauchzimmer!“

„Sind sie lang?“

„Sechs Fuß. Es war einer der größten Elefanten, der je in Nairobi

erlegt wurde.“

„Und was machen Sie jetzt, Mr. Jackson?“

„Ich denke, ich gehe für den Winter nach Ägypten.“

Am Nebentisch rieb sich Schjelting die Augen. Der Saal füllte sich

allmählich mit Frühstücksgästen. Ausgeschlafenen, zufriedenen und

hungerigen Menschen. Man brachte Haferbrei und Hummern, gebackene

Weißfische und Schinken mit Eiern. Man aß und trank. Ein alter Herr in

Reithosen meinte heiter:

„Schlechtes Wetter heute!“

„In Torquay waren gestern anderthalb Stunden Sonnenschein!“

„In Ventnor zwei!“

„Ich glaube, daß es Mittags eine Stunde hell wird!“

„Oh -- sagen Sie das nicht, Mr. Thompson!“

„Wir haben seit acht Tagen rauhes Wetter hier an der Südseite ... etwas

Jam bitte ... danke...“

Wenige warfen einen Blick in die Zeitung. Nur ein junger Mann sagte

zwischen zwei gerösteten Brotschnitten zum andern: ‚Goldgeränderte

Werte flau!‘ und legte das Blatt wieder weg. Nicolai Schjelting stand

auf, zahlte und fuhr nach London. Vor den Wagenscheiben war das

friedliche Bild des endlosen englischen Parks. Grüne Wiesenflächen

unter entblätterten Eichengruppen, weidende Herden, Schlösser und

Städtchen, und, trotz der Vormittagsstunden schon überall Alt und Jung,

Groß und Klein, Hoch und Niedrig auf den Hunderten von Spielplätzen bei

Golf und Cricket und Fußball. Überall zufriedene, sorglose Gesichter.

Tiefste Ruhe. Schjelting erschien es wie ein böser Traum. Da endlich

riefen auf einer Junction die Zeitungsjungen: „Großer englischer Sieg!“

Er griff hastig nach der Nummer.

„Wo?“

„In Australien, Sir! Zwei Pence, Sir! Danke, Sir!“

In Australien? Er entfaltete und las: „Die Birmingham Mannschaft schlug

im Fußball-Match den Melbourne-Team mit 6:2.“ Er zündete sich nervös

eine Zigarette an und frug den einzigen Mitreisenden:

„Vergebung, Sir: Kümmert man sich denn eigentlich hier gar nicht um den

Krieg?“

Sein Gefährte war ein Londoner Geschäftsmann mit einem glattrasierten,

roten Bulldogg-Gesicht, dem man es förmlich ansah, daß er noch nie aus

England herausgekommen war. Ein richtiger Cockney von der Surrey-Seite.

Er sagte:

„Wohl: der Krieg wird nicht lange dauern!“

„Meinen Sie das?“

„Man wird sie aus ihren Löchern herausgraben ... haha ... lassen Sie nur

Mr. Churchill gewähren!“

„Gewiß ... aber...“

„Man wird Wilhelmshaven besetzen, die Anlagen der Mrs. Krupp in die

Luft sprengen. Der Frieden wird in Berlin diktiert. Der gute, alte Lord

Beresford wünscht das ausdrücklich!“

„So?...“

„Unsere Sikhs und Gurkhas werden sich auf den Bänken von Potsdam

sonnen...“

„Wer sagt das?“

„Lord Curzon, Sir, der frühere Vizekönig von Indien!“

„Und Sie sind davon überzeugt, Sir?“

„Ich möchte nicht klüger sein als die Lords, Sir!“

Der Geschäftsmann nahm sich ein Notizbuch vor. Es schien keine

Handelseintragungen zu enthalten, sondern die Monats-Abrechnung

seiner Rennwetten mit einem Buchmacher, die er stirnrunzelnd prüfte.

Zwei athletische junge Männer stiegen ein. Offenbar aus einem der

nahen Schlösser. Sie lachten. Sie hatten miteinander gewettet, ob

Nevermore II väterlicherseite eine Enkelin von ‚Black Prince‘ oder des

Derbysiegers ‚Primrose‘ sei. Sie reisten jetzt nach London, um das

festzustellen, und sprachen davon die ganze, zwei Stunden lange Fahrt.

Auf der Waterloo-Station in London änderte sich jäh das Bild. Es

erinnerte plötzlich an das fiebernde Festland. Schjelting atmete

aus. Da waren endlich wieder die tausendköpfigen Menschenmassen

auf dem Bahnhof, das wilde Stimmengeschwirr und Geschrei der

Extrablatt-Verkäufer unter der rußigen Glaswölbung, da tauchten endlich

Khaki-Uniformen auf -- eine Gruppe Offiziere, ärgerlich und aufgeregt

im Wortwechsel mit dem Betriebsleiter:

„Sie müssen uns Durchgang zu unserm Zug verschaffen!“

„Unmöglich...“

„Er fährt sonst ohne uns ab! Wir müssen hinüber nach Frankreich! Wir

müssen an die Front!“

„Wie soll ich es machen? Ich bin dafür verantwortlich, fünfzigtausend

Menschen innerhalb einer Stunde hinaus zu dem Fußball-Match zu

befördern! Urteilen Sie selbst, ob ich mich da noch um Einzelne kümmern

kann!“

Nicolai von Schjelting hatte genug gehört. Er fuhr über die

Themse in den Westen. Es war da und in der City das alte London.

Geschäftsgewimmel bis zum Temple, Vergnügungsbummel am Strand, vornehme

Ruhe vom Trafalgar-Platz bis zum Hyde-Park. Jeder ging seiner Arbeit,

seinem Nichtstun, seinem Sport nach wie sonst. Nur zuweilen erinnerten

große bunte Werbetafeln und Aufrufe an den Krieg. Irgend einen Krieg

da draußen. England führte ja immer an einer Ecke der Welt Krieg --

den Krieg, den es seit achthundert Jahren im eigenen Lande nicht mehr

gesehen.

Aber Lord Kitcheners brutaler Landsknechtkopf konnte lange lebensgroß

von den Straßenecken herniederblicken und sein Zeigefinger auf den

Beschauer weisen: „Kitchener braucht +Sie+!“ Niemand ließ

sich dadurch in seiner Ruhe stören... Schjelting merkte das wieder

Nachmittags in dem Klub in Piccadilly, dessen Mitglied er war. Ein

alter, ausgedienter Oberst der indischen Armee schnitt da barsch jede

Erörterung ab.

„England gewinnt! Fertig!“

„Sind Sie dessen sicher?“

„Ich denke britisch, Sir!... Haben Sie von dem köstlichen Gymkhana des

Malva Bhil-Corps gelesen, Macdonald?... Hier... Unter den indischen

Neuigkeiten...“

Und Nicolai Schjelting dachte sich: dieser vertrocknete, alte

Junggeselle gehört nicht zu Europa, hat nie dazu gehört. Er ist mit

achtzehn Jahren nach Indien gegangen, hat seine Zeit dort abgedient,

gegen Afghanen, Aschanti, Boxer, Mahdisten gefochten. Er ist mit seinem

engen Kopf auf der ganzen Erdkugel zu Hause. Ihn beschäftigen die

Fragen des Stillen Oceans, Süd-Afrikas, des Panama-Kanals. Europa kennt

er nur von einem gelegentlichen Aufenthalt in der Schweiz. Europa ist

ihm ein staubiger, altmodischer Winkel. Ein unbeträchtliches Ding. Man

betritt die Rumpelkammer nur gelegentlich, um die Ratten zu scheuchen,

damit sie Einen draußen nicht stören... Ein kurzer Lärm. Nicht der Rede

wert...

Dieser Anglo-Inder schien vor Schjeltings Augen plötzlich hundertfach

in den Klubsesseln zu sitzen, durch Mayfair zu promenieren, er

verwandelte sich in jeden zweiten Menschen in London und im Vereinigten

Königreich, er war der Geist dieser Inseln selbst. Nicolai von

Schjelting verließ schweigend den Klub. Er zitterte, während ihm der

Diener in den Mantel half, er sagte sich in einer grauenerfüllten

Ungeduld: Es muß Etwas geschehen! Man muß sie aufschrecken! Sie

dämmern in ihrem Dünkel. Der Weltbrand vor ihren Toren ist für sie ein

Kolonial-Krieg -- einmal ein wenig näher, einmal ferner... Sie kommen

zu spät zur Erkenntnis ... sie kommen für uns zu spät...

Zu spät... Es war Freitag Abend. Wo er vorfuhr, waren Würdenträger und

Machthaber schon zum langen Wochenende hinaus aufs Land. Bis Dienstag

früh stockten jetzt alle Geschäfte. Stand die Welt still... Auch Sir

Higgins, der Pressekönig, war nicht mehr in seinem Zeitungs-Palast in

Oxford Street zu treffen. Er hatte, als leidenschaftlicher Yacht-Mann,

seinen Ruheplatz auf der Seeseite des Ostens, zwischen Felixstowe und

Harwich, dicht am Meer.

Es war das alte, englische Bild. Ganz England setzte sich aus

fünfzehn oder zwanzig solcher Bilder zusammen. Eine ehemalige, zum

Herrensitz umgewandelte Abtei, vor der man im Park, wenn der Mond aus

den zerrissenen, über die nahe See jagenden Wolken heraustrat, das

zahme Damwild auf breiten Wiesenflächen äsen sah, grüne Efeuteppiche

über die verwitterten grauen Mönchsmauern und drinnen, im grellen

Gegensatz des britischen Lebens von Zopfigkeit und ~up to date~,

die glänzendhelle Dinnertafel, die weißen Frackwesten und Hemdeinsätze

der Gentlemen, die weißen Schultern der Ladies, lächelnde Gesichter,

heitere Stimmen, Orchideensträuße, altes Silber. Man sprach lachend, im

frischen Frohsinn des Sports vom Segelwetter morgen. Es war das Erste,

was Nicolai von Schjelting hörte, als er am Tische Platz nahm. Er war

zu spät angekommen und hatte sich erst umkleiden müssen.

„Rauhes Wetter in Sicht...“

„Umso besser!“

„Lord Pierrepont ging heute Abend in See!“

„Oh ... ist er?“

Allgemeine Teilnahme. Wieder dieses Frösteln des Grauens bei

Schjelting, als wäre er unter Verrückten. Und seltsam: Im selben

Augenblick wandte sich die Lady links vor ihm, die bisher mit ihrem

anderen Nachbar gesprochen, von dem ab, und sagte halblaut auf englisch

vor sich hin: „Ein wahnsinniges Volk...“

Sie war mittelgroß, hellblond, von zarten Farben und sah doch nicht

ganz englisch aus. Schjelting zuckte zusammen. Dann lächelte er.

„Oh... Mrs. Higgins... Entsinnen Sie sich unseres letzten

Zusammentreffens? Vor Victoria Station?...“

Hannah Higgins, die Schwägerin des Hausherrn, schaute ihn unsicher

an. Sie war etwas kurzsichtig. Ihre Züge zeigten nichts mehr von

ihrem früheren Humor, sondern einen sonderbar starren Ausdruck. Er

dachte sich: Nun ja. Eine Deutsche -- oder eine gewesene Deutsche --

jetzt hier als Frau eines Engländers und im Kreise der Engländer.

Diese Menschen wissen ja nicht, was sie in dieser Zeit tun und sind.

Plötzlich schien es ihm, als ob er und diese Fremde aus dem feindlichen

Volk allein in dieser Tafelrunde das Skelett im britischen Weltschrank

erblickten.

„Sie fuhren damals zur Kieler Woche!“ sagte er. „Auch ich ging später

nach Deutschland. Ich traf Ihren Vater. Auch Ihre Schwester!...“

„So...“

„Wie geht es Fräulein Tillesen?“

„Ganz gut... Aber sie ist nicht mehr Fräulein Tillesen. Sie ist vor

zwei Wochen in Königsberg getraut. Wir korrespondieren über Schweden.“

Er schwieg. Dann frug er:

„Wo ist sie jetzt?“

„Wieder in Wiesbaden. Aber mein Vater wird voraussichtlich bald als

beratender Hygieniker einer Armee tätig sein. Natürlich hinter der

Front, bei seinem Alter. Da wird sie ihn wohl wieder begleiten!“

Um sie ein heiterer Streit. Eine Miß hob beschwörend die Hand.

„Oh -- ~dear~ Mrs. Clarke ... welch häßlicher Gedanke: Sie wollen

nicht mit nach Spanien?“

„Wir reisen morgen Abend von Liverpool, um den Indianersommer bei

unseren amerikanischen Freunden zu haben. Wir wollen dann bis zur

Baumblüte in Japan Halt machen!“

„Wenn Sie Mrs. Isebrink schreiben!“ sagte Schjelting mit einem

sonderbaren Lächeln, „dann grüßen Sie sie von mir! Es ist ihr nicht

gelungen, mich in München verhaften zu lassen. Sie tat ihr Bestes.“

Es sollte nur blasiert und ironisch klingen, aber er fühlte, daß

auch auf seinem angegriffenen und abgezehrten Gesicht Etwas von dem

leidenden Ausdruck seiner Nachbarin lag. Man litt unter diesem ewig

heiteren Volk dieser fröhlichen alten Insel. Er dachte sich: Wenn ich

der Mann dieser Deutschen a. D. wäre, so würde mich die Starrheit ihrer

Mienen besorgt machen. Aber er, dieser Oxforder Professor, sitzt da

unten mit seinem glattrasierten, schwammigen Chinesengesicht und der

goldenen Brille und glänzt von Wohlwollen und guter Laune.

Ein Aufschrei:

„Oh -- das wäre schimpflich!“

„Was denn, Miß Lilian?“

„Keine Regatta in Cowes im nächsten Jahr!“

„Großer Gott! Warum nicht!“

„Hier -- der russische Gentleman aus Petrograd sagt es: wegen des

Kriegs!“

Eine allgemeine stürmische Heiterkeit. Sir William Higgins, der

Hausherr, strahlte wie ein Schuljunge über das zerknitterte, faltige

Gesicht. Er, der trockene, wortkarge Zeitungskönig der City, war hier

draußen am Abend der liebenswürdigste und schalkhafteste Wirt. Er

drohte aufgeräumt mit dem Zeigefinger:

„Die Regatta wird sein. Glorreicher denn je. Man wird da kaum mehr an

den Krieg zurückdenken. Vor Weihnachten ist er zu Ende!“

„Oh... Oh...“

„Wir werden Alle hinkommen. Auch die Deutschen werden kommen, als sei

nichts geschehen!“

„Hört! Hört!“

„Sie haben bis dahin ihre Lehre empfangen. Wir haben ihre Kolonieen

zwischen uns und Frankreich geteilt, und ihre Flotte samt Helgoland in

Verwahrung genommen. Es wird ihnen so gut sein... Sie werden uns noch

dankbar sein, daß wir ihnen ihren Platz in der Welt anwiesen...“

„... ohne dies unchristliche Schwarz-weiß-rot auf allen Meeren!“ sagte

empört ein alter Herr. Der Professor Higgins neben ihm rückte an seiner

Brille.

„Sie meinen, es sei ein rauhes Werk, Mr. de Schjelting? Oh -- wahrlich

nicht! Nichts wäre kurzsichtiger, als das Säbelrasseln der preußischen

Militärkaste zu überschätzen. Der Deutsche selbst ist weich und

sanft...“

„Ihr werdet ihn kennen lernen!“ sagte seine Frau wieder halblaut vor

sich hin, und es war Schjelting neben ihr plötzlich unheimlich zu Mut.

In diesen halblauten, eisern ruhigen Worten aus Frauenmund klang seinem

Ohr Etwas nach wie der letzte, äußerste Widerhall jener furchtbaren

millionenfachen Stimme jenseits der Nordsee, die hier Keiner vernommen.

„Der Deutsche liebt seine Ruhe, sein Bier, seine Musik. Wir werden sie

ihm wiedergeben. Er wird gern Potsdam missen, wenn man ihm Bayreuth

läßt. Wilhelmshaven für Weimar. Essen für Göttingen. Er wird, wie vor

dem Fehler von 1870, glücklich bei den wahren Methoden seines Lebens

sein, dem Ackerbau für das Volk, der Philosophie für die höheren

Stände.“

„Dabei hast Du in Deutschland gelebt und eine Deutsche zur Frau!“ sagte

Hannah Higgins zu ihrem Mann laut auf Deutsch über den Tisch. Es war

ein peinliches Schweigen. Frostige Gleichgiltigkeit der Gentlemen,

mißbilligende Augenbrauen der Ladies bei diesen fremden Lauten,

die wie aus feindlicher Weite, aus fernen, fernen Schlachtfeldern

herüberklangen. Und noch mehr:

„Ihr habt ja keine Ahnung, was Deutschland ist. Es wird sich rächen.

Ihr werdet es furchtbar erkennen!“

„Was sagt die Lady?“

Man übersetzte es der alten Dame. Sie tat sofort, als sei sie taub,

und bat um etwas mehr Haddock. Jerôme K. Higgins fühlte das Bedürfnis,

seine Frau zu entschuldigen.

„Mrs. Higgins ist seit Beginn des Kriegs ernstlich leidend!“ sagte er.

„Sie legt mir Schweres auf. Sie sehen es. Täglich mehr!“

„Oh -- oh... Mrs. Higgins...“

„Ihre Nerven versagen, weil meine Vernunftgründe versagen! Nichts ist

schwieriger, als Mrs. Higgins begreiflich zu machen, daß dieser Krieg

gar kein Ding von ernstlicher Bedeutung ist! Eine kleine Lektion für

ihr Land. Weiter nichts!“

„Oh bitte -- hören Sie es doch, Mrs. Higgins!“

„Tun Sie es uns zu Liebe! Bald ist ja Alles vorbei!“

„Sie brauchen doch keine Schiffe und nicht so viel Soldaten!“

„Ihre Landsleute werden viel ruhiger leben ohne die Sorgen der Seefahrt

und die Plage mit den Kolonieen!“

„Wie gut von Ihnen, wenn Sie das einsähen!“

Hannah Higgins schaute mit einem sonderbaren Ausdruck auf die

lächelnden Gesichter.

„Schauderhaft ... diese Heuchelei...,“ sagte sie wieder auf Deutsch.

„Alles Andere könnte ich eher ertragen!“

„Was?... Was?“

Aber die paar, die es verstanden, hatten keine Lust, es zu übersetzen,

und nun wurde auch der Hausherr nachdrücklich.

„Ich hege ernstliche Zweifel, ob man sich zur Zeit in Deutschland

in englischer Sprache unterhält! Ich wünsche in meinem Hause kein

Deutsch mehr zu hören! Wenigstens nicht bis zum Einmarsch dieser

unwiderstehlichen russischen Riesen in Berlin! Wollen Sie mir das

Vergnügen machen, ein Glas Wein mit mir zu trinken, Mr. Schjelting?“

Er hob lächelnd sein Glas. Nicolai Schjelting tat ihm Bescheid. Er

wurde dabei den Gedanken nicht los: Ich und diese blonde junge Frau

neben mir -- wir bilden hier einen Geheimbund. Sie, die Deutsche, ahnt

mit der Seele, wie es in Deutschland steht. Ich, sein Todfeind, sah

es mit Augen. Und um uns das frohe Alt-England. Er konnte sich nicht

halten. Er frug -- und bei den ersten Worten des vornehmen Verbündeten

aus Rußland trat Stille am Tisch ein.

„Immerhin: die Heere Wilhelms II. sind zahlreich!“

„Die Euren noch mehr!“

„Wir brauchen große Anstrengungen!“

„Wir machen sie! Wir sind bereit, bis zu fünfhundert Millionen Pfund

auf diesen Krieg zu verwenden!“

„Silberne Kugeln...,“ sprach der alte Gentleman von vorhin beifällig,

und ein Anderer: „Wir und Deutschland im Kampf um die letzte Million!

Das ist ein Rennen zwischen einem Derby-Crack und einem Youngster!“

„Der prominente Australier, den ich gestern traf, hatte Recht!“ sagte

Sir William. „Der Match wird im Wesentlichen durch die Kontrolle über

Kupfer und Baumwolle entschieden!“

Das deutsche Wunder: Roman · 第 26 / 29 段