Innen, im Restaurant des vornehmen Mailänder Hotels, setzten sich

inzwischen zwei der Herren an den gedeckten Tisch.

„Nochmals: Ihr sollt Euch rascher entscheiden! Warum warten? Ihr macht

sie nur mißtrauisch...“

Der Deputierte di Barocelli wies, als er das hörte, heiter die Zähne

über dem schwarzen Spitzbart und bewegte den Zeigefinger verneinend hin

und her...

„Die ~Tedeschi~?... Niemals! Für sie ist Italien eine

Theaterkulisse mit Hochzeitspärchen davor! Unser Lächeln ist das der

Sphinx, Signore di Schjelting!“

„Aber man befestigt die Alpen!“ sagte Nicolai von Schjelting brüsker

als es sonst seine Art war. „Im nächsten Frühjahr habt Ihr es schwerer!“

„Dafür zahlt man uns vielleicht auch mehr...“

Ein verständnisinniger Blick des Deputierten über die Oliven- und

Sardinenschüsselchen. Schjelting fuhr sich mit der Hand über die

Stirne. Er sah bleich aus. Er sagte verbindlich und konnte dabei doch

kaum einen Anklang von Verachtung unterdrücken:

„Man zahlt schon jetzt! Ich habe Vollmacht aus Petrograd! Wieviel...?“

„~Zitto!~“ Der Onorevole legte ihm warnend die Hand auf den Arm,

während sein Landsmann, der Herausgeber des „~Avvenire Italiano~“,

herantrat. „Vorsicht! Unter vier Augen!... Corsi darf davon nichts

hören!“

„Warum nicht?“

„Er ist längst von Barrère in Rom für die Politik der Westmächte

gewonnen. Er arbeitet heimlich auf dem Balkan gegen Serben und

Griechen! Schade um das Geld!... Nun, setze Dich, Agostino, mein

Bruder! Was macht Donna Giacinta?“

Der Cavaliere dankte mit einer anmutigen Handbewegung. Ein

Ordenskettchen schimmerte in seiner Frackklappe. Seine Lackschuhe

glänzten ebenso wie seine spitzen Nägel. Ein geschmeidiges Lächeln

übersonnte sein faltiges und hageres Gesicht.

„Wir sprachen von unseren Feinden!“ sagte Schjelting. „Ich komme von

der russischen Front. Überall ist der Weltkrieg im Gang. Nur Ihr fehlt.

Wie lange noch? Eine ‚Hülfe von Pisa‘ nutzt uns nichts!“

„Geduld, Signor -- Geduld!“

„Ich war jetzt in Lemberg beim Generalissimus! Ehrlich gestanden:

Man hat Euch im Verdacht, daß Ihr es heimlich mit Euren Verbündeten

haltet!“

Der Cavaliere legte mit einer Miene der gekränkten Unschuld seine

lange, knochige Rechte auf die Herzgegend. Der Onorevole spreizte beide

Hände in schmeichlerischer Abwehr.

„Beweist, daß es nicht der Fall ist!... Werft die Masken ab!“

Die Beiden lächelten einander, wie Geheimbündler, in die Augen und dann

zu ihm. Sie erinnerten ihn plötzlich an die leblosen, weltmännischen

Wachsköpfe in den Schaufenstern der Friseure. Er dachte sich

ungeduldig: Was sphinxt Ihr Euch hier überall an, Jeder den Nächsten?

Wozu jetzt noch diese ölige Glätte? Die Welt ward rauh. Braucht Taten.

Ich will für Rußland nicht Aale kaufen, sondern Vipern! Laut sagte er:

„Diese kleine brünette deutsche Schönheit, die da vorhin in den Omnibus

stieg...“

„Eine Deutsche und schön...“ Der Abgeordnete lächelte. Ein Lächeln vom

Capitol herab. Ein Lächeln des Größenwahns. Dann fuhr er zusammen. So

grimmig herrschte ihn plötzlich Schjelting an.

„Waren Sie je in Deutschland?“

Eine hoffnungslose Schulterbewegung als Antwort. Es hieß etwa: Frage

mich doch lieber gleich, ob ich schon in Eurem Sibirien war! Ich,

ein Sprosse latinischer Kultur im Schnee bei Bier und Sauerkraut in

Bettlerhütten...

„... sonst würden Sie wissen, Signore, daß Gottes Wille selbst den

Deutschen schöne Frauen gab ... groß ... blond und schlank ... wie die

Königinnen...“

Eine Sekunde stieg Inge Tillesens Bild vor ihm auf. Er preßte unter dem

Tisch die Faust wie in einem körperlichen Schmerz, einem Krampf von Wut

und Grimm. Seine nervösen, länglichen Züge glätteten sich gleich wieder

zu einer beinahe höhnischen und brutalen slawischen Gelassenheit. Er

blies den Rauch der Papyros, die er zwischen den einzelnen Gängen des

Diners rauchte, durch die geblähten Nasenflügel.

„Ich verstehe deutsch!“ sagte er. „Diese deutsche Dame vorhin, die ich

nicht kenne, nannte Euch offen Verräter!“

Es machte gar keine Wirkung. Die Italiener lachten nur gutmütig. Er

merkte: sie glaubten ihm kein Wort von der Geschichte. So wenig wie sie

sich untereinander etwas glaubten. Ein tiefes, unbesiegbares Mißtrauen

wohnte bei ihnen ganz hinten in jedem Blick, klang im Unterton jedes

Wortes. Dann meinte der Onorevole di Barocelli, zärtlich in der

Schüssel voll gebratener deutscher Singvögel auf Risotto wählend:

„Unser Gewissen ist so rein wie nach dem Stabstreich des Beichtvaters

in St. Peter. Kann man dem Blinden die Madonna zeigen? Seit zwanzig

Jahren bekämpfen wir Deutschland und Österreich bei jeder Gelegenheit.

Wenn sie es nicht sehen wollen, so trifft sie allein die Schuld!“

Ein Kellner rief ihn an den Fernsprecher. Turin. In dringendster

Angelegenheit. Kaum war er weg, so raunte der Cavaliere, an seinem

Nachtigallenflügel nagend:

„Vorsicht!...“

„Wie denn?“

„Bieten Sie ihm nicht zu viel! Es ist umsonst! Er bezieht bereits

dreitausend Lire monatlich vom englischen Botschafter in Rom. Er

intriguiert in der Dardanellen-Frage gegen Rußland!“

„Danke.“

„Unterstützen Sie lieber unsere Gruppe. Ich werde Ihnen eine Liste

meiner Freunde geben. Ich habe auch Verbindungen mit Bukarest! Nun...

Paolo ... was war?“

„Ah -- es ist schamlos... Es geht eigentlich Dich an... Es heißt, die

‚~Stampa~‘ wolle eine Liste aller von der französischen Regierung

unterstützten Zeitungen in Rom und Mailand veröffentlichen.“

„Aha... Giolitti ... warte nur...“

Draußen eine helle Knabenstimme:

„Der ‚~Avanti~‘! Verzeichnis aller bestochenen Deputierten!... Das

Volk will den Frieden!“

„Es wird noch ein Handgemenge in der Kammer geben!“ sagte zornrot der

Onorevole.

„Man wird sie hindern, zu erscheinen. Man wird die Straße organisieren.

Tausende...“

„Aber jeder fünf Lire den Tag...“

„Wir brauchen Geld...“

„Geld, Signore di Schjelting... Ihr Zar ist ja so reich...“

„Und was tut Ihr für das Geld?“ Nicolai Schjelting war aufgestanden. Er

verhandelte jetzt mit ihnen wie mit Neapolitaner Droschkenkutschern.

„Wir bereiten uns auf den großen Augenblick des Vaterlands vor!“

Das heißt: Ihr wollt bis auf weiteres von allen Seiten erpressen!

dachte sich Schjelting und sagte:

„Das sind Phrasen!“

„Das ist heiliger Egoismus, Signore!“

„Jetzt solltet Ihr Farbe bekennen! Weshalb dies Versteckspiel bis zum

Frühjahr?... Man wird aus Euch nicht klug...“

Ein pfiffiges, blitzschnelles Lächeln auf den Gesichtern drüben.

„Sie sind im Lande Macchiavells, Signore!... Wie... Sie wollen uns

schon verlassen?...“

Nicolai von Schjelting gab dem Zeitungs-Politiker und dem Deputierten

nachlässig die Hand.

„Eine Villa und einen Sack Lire kann ein Vater seinen Söhnen

hinterlassen. Seine Klugheit nicht immer!“

„Was heißt das, Signore?“

„Das heißt: nichts schlimmer als ein +dummer+ Macchiavell!...

Nun ... schlafen Sie wohl!“

Draußen war die laue Sommernacht noch voll von Menschen. Es war kein

Murmeln der Menge mehr. Zornige Schreie, heiseres Stimmengewirr,

Getümmel. Zwei nächtliche Demonstrationszüge waren aufeinander

gestoßen. Der Führer des einen in phantastischem Garibaldi-Aufputz und

der aus der Eisenbahnwerkstatt kommende Schlosser an der Spitze des

anderen knufften und ohrfeigten sich. Um das rote Hemd und die blaue

Bluse herum wogten geschwungene Stöcke, Realschüler schleuderten Steine

gegen messerbewehrte junge Arbeiter, Frauen kreischten, eine Gruppe von

Priestern stand mißbilligend und kopfschüttelnd als Friedensfreunde

auf den roten Granit-Treppen des Domportals. Schjelting hielt es für

besser, in sein Hotelzimmer zurückzukehren. Von da sah er durch das

offene Fenster auf den wirren Kampf Aller gegen Alle. Aber er hörte

nicht den wildzerrissenen Lärm da unten. In seinem Ohr klang wieder

die eine ungeheure Stimme jenseits der Alpen, der Ruf des Riesen von

Millionen Lippen, die eine Glut in vielen Millionen von Augen, diese

furchtbare, selbstvergessene, erdentrückte Ähnlichkeit aller deutschen

Menschen miteinander, diese Gleichheit in Allem, was sie dachten,

wollten, sagten, taten. Und von ferne scholl es noch immer heiser:

~Aiuto!~... Zu Hilfe!... Gelle Schreie... Schrille Pfiffe...

Und wieder dachte sich Nicolai von Schjelting mit schwerem Herzen: Es

fehlt Etwas!... Noch viel mehr als im heiligen Rußland. Wenn irgendwo,

fehlt hier in diesem Land des heiligen Egoismus der heilige Geist...

Dann eine neue Hoffnung: Bald bin ich in Paris. Im Herzen Frankreichs.

Dies Herz schlägt stark und kühn. An seinem Mut werden wir Alle uns

beleben...

Im April war er zuletzt in Paris gewesen. Es war noch nicht ein halbes

Jahr her und schien doch eine Ewigkeit. In weiter Ferne lag das Bild

des Einzugs des Britenkönigs an der Seine und, im Sechsspänner hinter

ihm, des eitel lächelnden Präsidenten der Republik. Ein Menschenalter

war vergangen, seit damals die Frühlingssonne ihre goldenen Lichter

durch das Grün der Elysäischen Felder auf jubelnde Menschenmassen

geworfen. Nicolai von Schjelting hatte Zeit genug, daran zu denken. Die

Züge in Frankreich fuhren noch langsam und unregelmäßig, mit langem

Aufenthalt auf den Knotenpunkten, dann wieder, auf anderen Strecken,

in wilder Hast, daß die Stationen wie Farbenflecken vorüberflogen,

mit ihrem bunten soldatischen Gewimmel, den roßschweifbesetzten

Stahlhelmen, den verschnürten schwarzen Attilas, den schiefen

graublauen Tellermützen der Alpenjäger, dem schreienden Krepprot der

Käppis und Hosen, ein Stück malerisches Theater für den, der draußen

schon das eintönige feldgraue und feldbraune Gewimmel der deutschen und

russischen Millionen gesehen.

Dann dämmerte es wieder. Die Lichter im Zug wurden gelöscht.

„Warum?“ -- -- -- „~Ah -- le ‚Taube‘, monsieur!~“ Die kleine

französische Offiziersfrau neben Nicolai Schjelting steckte seufzend

den Liebes-Socken ein, an dem sie bisher, ohne aufzusehen, gestrickt,

und saß stumm, die Hände im Schoß. Der dicke belgische Major gegenüber

klappte sein „~Dressage de l’infanterie française~“ zu, in dem

er bisher stirnerunzelnd gelesen, der junge südfranzösische Rekrut

ihm gegenüber zündete sich, ohne sich viel um ihn zu kümmern, eine

neue Zigarette an. Paris... Endlich Paris... Eine zögernde Einfahrt

in tiefer Dunkelheit ... immer nur neben den Scheiben das rote Kreuz

in weißem Feld. Der Verwundetenzug, der da auf den Schienen hielt,

nahm kein Ende. Innen rührte sich nichts. Rote-Kreuz-Damen und ein

Arzt schritten die Wagenreihe entlang. Ihre Tritte und Stimmen waren

das Einzige, was in dem Todesschweigen unter der mächtig gähnenden,

menschenleeren Riesenwölbung des Bahnhofs wiederhallte.

Paris... War das noch Paris -- diese Stadt ohne Licht, mit gelöschten

Bogenlampen, schwachem Schimmer durch festverschlossene Läden,

flüchtigen, zuckenden Mondscheinbahnen der zeppelinsuchenden

Scheinwerfer am düsteren Herbsthimmel? Nicolai Schjelting fuhr sich mit

der Hand über die Augen, während er durch die sonderbar fremdartigen

Straßen zum Hotel am Vendômeplatz fuhr. Es war beinahe das einzige,

das nach der Flucht der Regierung noch offen war. Ein Manager begrüßte

den Stammgast. „~Ah, c’est triste, monsieur!~“ Das Wort klang

überall. Es lag auf allen Lippen. Es raunte aus der Brettervernagelung

der Juwelierläden in der Rue de la Paix. Es raschelte aus den

Zeitungsblättern, die, statt der Menschenfluten, jetzt, um neun Uhr

Abends, im Wind über den verödeten Boulevard des Italiens dahinflogen,

es war, als murmelte selbst der kleine Korporal da oben auf seiner

Säule ein: ‚~c’est triste!~‘

Eine Hoffnung nur... Der Manager plauderte sie aus und schwatzte...

Jetzt waren ja nur wenig Gäste im Haus, Engländer im Dienst und in

Geschäften, ein paar vorwitzige Amerikaner mit ihren Ladies, die

ihren Generalkonsul so lange plagten, bis sie einen Passierschein für

ihre Autos vor die Bannmeile hinaus bekamen, so weit, daß man den

Kanonendonner vom Oisethal her hören konnte. Aber das waren ja nur die

ersten Schwalben. Im Frühjahr, wenn die Deutschen endgiltig vertrieben

waren, würde halb Amerika herüberkommen, um die Spuren der Barbaren und

ihrer Schlachtfelder zu sehen. Oh -- die Saison 1915 -- die würde die

glanzvollste seit lange werden. Die Welt ohne Boches! Ein Jubel auf der

ganzen Erde!

„Also, Ihr werdet die Deutschen verjagen?“

„Wir halten hier aus, mein Herr, bis diese unwiderstehlichen russischen

Millionen Berlin besetzt haben...“

Nicolai von Schjelting schloß nervös die Augen, erwiderte nichts und

suchte sein Zimmer und die Ruhe. Aber am nächsten Morgen sagte ihm der

greise General de Rigolet de Mezeyrac das Gleiche. Er stand mit ihm,

nahe seiner Wohnung in einer der Querstraßen des Sterns, am Eingang

des Bois de Boulogne. Wenn das noch das Boulogner Gehölz war --

diese Weidefläche für Tausende von Rindern und Hammeln da, wo sonst,

auf der Fahrt zu den Rennen von Auteuil, der letzte Luxus der Erde

seine höchsten Blüten getrieben. Gefällte Bäume vor den schimmernden

Seeflächen, ein breiter Schützengraben quer über das aufgerissene

Pflaster der Avenue du Bois de Boulogne, ihre Häuser zu beiden Seiten,

so weit man sah, tot, mit geschlossenen Läden, auf der Promenade keine

phantastischen Hüte und Trotteurkleider mehr, keine zweibeinigen

Modejournale von Stutzern, keine Schoßhündchen, keine Halbwelt, keine

Arche Noah von Fremden aller Völker ... nur ab und zu Frauen... Viele in

Schwarz ... immer nur Frauen oder ganz alte Männer wie der General de

Rigolet.

Der kleine dicke Achtzigjährige mit dem schneeweißen Knebelbart und

den feurigen Augen trug wieder die französische Generalsuniform. Er

hatte darauf bestanden, sich irgendwie im Kriegsministerium nützlich zu

machen. Von seiner Tochter in Brüssel und von seiner Enkelin Ghislaine

hatte er seit dem Kriegsausbruch nur Weniges und Unbestimmtes auf dem

Umwege über England erfahren. Er wußte noch nichts von dem endgiltigen

Bruch der Schjelting’schen Ehe.

„Hoho -- dieser Papa Lambert!“ sagte er kampflustig und voll Verachtung

seines Schwiegersohns. „Er ist feige, nach Art der Krämer. Erst blieb

er bei seinem Geldschrank in Brüssel, weil er nicht glaubte, daß die

Preußen kämen. Dann, als sie da waren, floh er nur bis Antwerpen, um

gleich mit den Engländern nach Brüssel zurückzukehren...“

„Nun gut...“

„Mein Freund! Antwerpen ist vorgestern gefallen. Die Öffentlichkeit

darf es nicht wissen. Es ist streng verboten. Aber die Lage ist

ernst... Sapristi...“

Nicolai von Schjelting biß sich finster auf die Lippen und schwieg.

„Zum Glück sind die Lamberts mit Ghislaine und Deinen Kindern schon in

der Woche vorher über die Schelde hinüber nach Holland. Da sind sie nun

in Sicherheit. Weiter hab’ ich nichts mehr von ihnen vernommen!“

Schjelting machte eine Handbewegung. Genug davon... Es handelte sich um

die großen Dinge.

„Wie steht’s draußen?“

„Man kämpft!“

„Schwer?“

„Napoleon selber würde in Verwirrung geraten. Leipzig war dagegen eine

kleine Affäre. Siebzig ein Aderlaß unter Freunden.“

„Aber es geht gut?...“

„Wie siebzig...,“ sagte der alte Kämpe des zweiten Kaiserreichs

statt einer unmittelbaren Antwort. „Alles wiederholt sich. Sie sind

wieder unversehens da! Sie stehen wieder nahe vor Paris. Wir laufen

wieder gegen sie an, mit denselben roten Hosen, wie vor einem halben

Jahrhundert. Ah -- dies Rot ist ein Verbrechen... Ich war draußen...

Meilenweit, am Abend, diese Mohnfelder...“

„Trotzdem werdet Ihr siegen?“

Ein Achselzucken des alten Kommandeurs der Ehrenlegion.

„Sie haben nichts vergessen... Parbleu ... die drüben. Aber wir werden

uns schon gegen Euch behaupten, meine Herren Pickelhauben...“

„Nicht mehr?“

„... bis der Einzug des Zaren in Berlin uns Luft macht! Ihr seid jetzt

in Breslau -- nicht wahr?“

„Ja!“ sagte Nicolai Schjelting kurz.

„Bemüht Euch, daß Ihr von jetzt ab schneller vorwärts kommt. Habt Ihr

schon Küstrin? Wir warten mit Ungeduld! Wir bluten! Ich habe seit dem

Krimkrieg alle Feldzüge Europas mitgemacht. Aber es waren Spaziergänge

gegen das da draußen...“

Sie drehten um und schritten zurück. Schjelting horchte.

„Kanonendonner!“ sagte er dumpf. Aber der Alte lachte. Der Pulvergeruch

vor den Toren belebte ihn, trotz aller Sorgen.

„Die Untergrundbahn, mein Freund! Seit Jahrzehnten lebe ich hier und

höre sie jetzt zum erstenmal. So totenstill ist Paris geworden!...

Hoho ... halt da! Man passiert nicht an seinem alten General vorbei!“

Sie standen am Triumphbogen. Von Westen her jagte über die Avenue

der Großen Armee ein offenes Auto heran. Es war über und über mit

Kot bespritzt. Ebenso die französischen Offiziere in ihm. Ihre

Käppis waren zerknittert, ihre Goldstickerei von Wind und Wetter

gebleicht. Auf ihren hageren Gesichtern wohnte noch die Front: der

allen Soldaten aller Heere eigentümliche Ausdruck des wochenlangen

Schützengrabenkriegs -- die stete, forschende Spannung um die hart

entschlossenen Lippen, die angestrengte Erwartung in dem starren, fast

leidenden Blick. Herr de Rigolet begrüßte sie.

„Was Neues?“

„Man kämpft, mein General!“

„Dumenil ist gefallen. Ihr alter Freund Ayéma!...“

„Bernard.“

„Kergoleys zweiter Sohn. Armer Junge!“

Der alte General lüftete stumm sein Käppi. Aus dem Auto heraus sagte

der Oberstleutnant Grégoire zu Schjelting:

„He ... wann seid Ihr endlich in Berlin, Ihr Russen?“

„Bald!...“

Es klang fast mechanisch.

„Schont Euch nicht ... hört Ihr! Frankreich streitet mit der letzten

Energie der Nation. Ein Glück, daß Krakau sich Euch gestern ergeben

hat...“

„Und wo kämpft dieser sympathische Leutnant Schouman?“ frug Schjelting,

um abzulenken.

„Bei Mülhausen gefallen!“

„Und unser Freund, Major Michelin?“

„Er liegt bei Mörchingen begraben...“

Schjelting forschte nicht weiter. Der Oberstleutnant Grégoire beugte

den gebräunten Kopf über den von Kugelspuren durchstanzten Blechrand

des Wagens und sagte halblaut, damit es die Chauffeure vorne nicht

hörten:

„Ihr habt es gut im Osten! Hinter Euch steht Euer allmächtiger Zar.

Hinter diesen Deutschen ihr nationales Symbol, Wilhelm der Zweite

im Lohengrin-Helm. Selbst die Belgier begrüßen ihren König im

Schützengraben. Aber wir: Wo sind die hinter uns?... Wo sind sie --

diese Advokaten -- diese Minister -- diese Kammerschwätzer -- dieser

vierkantige Lothringer selbst? Ausgekniffen nach Bordeaux...“

„Joffre befahl es!“

„Sehen wir zu: Er ist der Feldherr! Wir hier sind Frankreichs Arm. Aber

hinter der Faust muß das Herz Frankreichs schlagen, so stark wie sie!

Schauen Sie sich um: Ist dies noch Paris oder ist es Pompeji? Eine tote

Stadt! Woher soll da uns die Wärme kommen? Vor zwei Stunden war ich

noch im Feuer. Zu frösteln beginne ich erst hier!“

Der General de Rigolet de Mezeyrac blickte hinüber nach der fernen

Kuppel des Invalidendoms.

„~Vive l’empereur!~“ sprach er. „Meinetwegen jetzt selbst: ~Vive

le roi!~“

„Ein Banner, um das sich Frankreich sammelt ... seien es die Lilien oder

die Bienen!“

„Nur nicht diese tauben Nüsse von Bordeaux!“

„Diese Geschäftsmänner!“ murmelte Einer der Generalstäbler, fiebernd in

seinen Mantel gewickelt.

„Diese Hasenfüße...“

Und wieder ging es durch Nicolai von Schjeltings Kopf: Es fehlt

Etwas... Es fehlt Etwas, auch hier ... trotz Mut und Zähigkeit...

Etwas, was drüben, überm Rhein, mir jetzt noch wie ferner Donner

nachhallt. Dort ist das Volk die Wetterwolke. Sein Heer der Blitz. Der

Oberstleutnant Grégoire frug ihn:

„Kommen Sie mit? Wir fahren gleich wieder an die Front!“

Und seltsam: im selben Augenblick hatte Schjelting weniger eine

Anwandlung von Kanonenfieber als einen Anhauch von Grauen ... von

Entsetzen... Nur nicht wieder den Krieg sehen ... nicht wieder dies

unvernünftige Gewirtschafte des tollgewordenen, trampelnden Riesen mit

Menschen und Wäldern, Städten und Kirchen, dieser Brei von Eisenbahnen

und Brücken, dies Versteckspiel in donnernder und grollender Leere,

dies Geheul unsichtbarer Geister in der Luft, dieses Aufwirbeln

knallender schwarzer Dreckfontänen in verräterisch friedlicher,

niederträchtig im Sonnenschein lächelnder Sonntagvormittaglandschaft.

Er sagte sich: Es ist doch +Dein+ Krieg! Wie hast Du ihn ersehnt.

Dein Lebenlang an ihm gearbeitet. Nun ist er da. Über Erwarten erfüllt

sich Dein Wunsch: Man schlägt sich am Ganges und am Sinai, in der

Kalahariwüste und am chinesischen Strand, im indischen Ozean und

im afrikanischen Urwald. Man schlägt sich in ganz Europa. Tausend

Millionen Menschen sind miteinander im Krieg, mehr als die Hälfte

dessen, was auf Erden atmet. Das Blut fließt in Meeren. Und das ist nur

der Anfang...

Nicolai Schjelting schluckte unwillkürlich ein paarmal.

„Ich bin untröstlich...“

„Ah bah... Sie werden es nicht bereuen. Ich zeige Ihnen auch durch das

Scheren-Fernrohr die Preußen!“

„Wie gerne folgte ich! Aber ich muß heute noch nach Bordeaux!“

„Das ist etwas Anderes! Viel Glück! Adieu!“

Paris... Du totes Paris... Nein. Es war nicht tot. Es war nur wo

anders. Ausgewandert. Nicolai Schjelting fand es wieder, als er,

nach endloser Fahrt vom Bahnhof die Garonne entlang die krummen,

altertümlichen Straßen des inneren Bordeaux erreichte. Das war nicht

mehr das verstaubte und verknöcherte Schattenleben französischer

Provinzstädte. Zwischen dem Komödienplatz und den Alleen von Tourny

waren auf einmal die Boulevards mit ihren skeptischen, trockenen

Pariser Gesichtern unter Zylinderhüten, auf dem Richelieu- und

Börsenplatz standen jene pfiffigen, rundlichen, die Renten Frankreichs

in ihren weiten Taschen verwaltenden Gestalten, die man sonst an der

Seine zwischen dem Boulevard Sebastopol und der Rue du Louvre sah,

vor den altersgrauen, in engen Straßen gelegenen Palästen, in denen

sich die hohen Würdenträger der Republik bleich und abgespannt vor der

Außenwelt abschlossen, hielten wie in der Lichtstadt selbst die Reihen

von Autos, liefen geschäftige Politiker aus und ein, verhandelten

Deputierte achselzuckend und händefuchtelnd in der Vorhalle, umdrängten

Journalisten am Eingang die herauskommenden Diplomaten. Selbst die

weite, einsame Sandwüste der Quinconces war belebt. Paris überall.

Der Komet hatte seinen Schweif nach sich gezogen. Die Kleinen waren

nahrungsuchend den Großen in die Verbannung gefolgt. Der fette Kellner

von Henry an der Madeleine lächelte einem an der Ecke entgegen, die

Galgengesichter der Camelots schrieen hier den „Mann in Ketten“ aus

wie sonst die zweite Ausgabe des „Soir“, die Spieler der nächtlichen

Privatcirkel, die Schlepper, die sonst vor dem „Grand Hotel“ auf die

Fremden warteten, die Glücksritter, die Buchmacher, Alles war da. Die

kleinen Frauen zu Tausenden. Es amüsierte sie auch jetzt noch, die

ehrsame Bürgerschaft von Bordeaux durch ihre Hüte und Toiletten zu

verblüffen. Die großen Mimen promenierten majestätisch zur „grünen

Stunde“, wenn die Cinémas aufzuleuchten begannen, die Bohémiens zeigten

die übernächtigen Züge ihrer bis zum Morgengrauen geöffneten Cabarets

-- selbst die Uniform schien hier nur ein blau-rotes Wappenschild des

allgemeinen Leben und Lebenlassens. Nicolai Schjelting hörte, auf

seiner Rundfahrt bei den Ministerien und Missionen, wie im Nebensaal

ein Abgeordneter erschöpft sagte:

„Sie sind heute allein der Vierzehnte, dessen Sohn ich vor der

Einstellung in die Front bewahren soll! Mein Gott: Man kann doch nicht

alle jungen Leute als Schreiber in den Bureaux verwenden!“

Und der Dicke vor ihm, halblaut und bestimmt:

„Aber ich habe dreißigtausend Francs für Ihre Wahl gegeben, mein Herr

Deputierter!“

„Nun -- ich werde sehen, mein Freund, was sich tun läßt!“

Und im Warteraum eines anderen Würdenträgers ein zorniger vornehmer

alter Herr:

„Bei Kriegsausbruch wurde mir mein Automobil genommen. Ich gab es dem

Vaterland umsonst. Ich gehe seitdem mit meiner Frau zu Fuß!“

„Vortrefflich, Herr Marquis! Und weiter?...“

„Weiter? Ich komme nach Bordeaux! Täglich sehe ich hier meinen Wagen!

Ein junger Mensch in Zivil fährt eine dieser Damen darin spazieren! Ah,

das ist zu viel!“

„Ein junger Mensch?...“

Das deutsche Wunder: Roman · 第 25 / 29 段