Kommissar lächelnd. „Und auch dort sitzen schon Ihre Landsleute!“
„Und das können Sie verantworten?“
„Ah ... wenn der Zar Euch zu Zehntausenden nach Sibirien schickt!... Bei
uns herrschen nicht Seuchen und Hungersnot in den Konzentrationslagern
wie in England ... man erschlägt Euch nicht wie in diesem heldenmütigen
Belgien...“
„Nun gut ... die Männer!... Aber ich sah unterwegs die Gefangenenlager
mit Tausenden von deutschen Frauen und kranken Kindern!... Was haben
sie verbrochen? Seit der Steinzeit steht die Frau außerhalb des
Krieges...“
„... weil man Euch ausrotten wird...,“ sagte der Hauptmann plötzlich
leise und ruhig. Nur in seinen pechschwarzen Augen funkelte die kalte
Wut. „Ich bin ein Corse. Ein Landsmann Bonapartes. Jetzt ist die Zeit,
sich seiner zu erinnern. Jahrzehntelang haben wir Euch ertragen. Eure
Liebenswürdigkeiten waren uns noch verhaßter als Eure Drohungen. Nun
jauchzen wir, indem wir Euch den Todesstoß versetzen. Panard, man führe
diesen Herrn ab! Zu den drei Anderen, die morgen nachträglich auf das
Schiff gebracht werden!“
Die Fenster einer kahlen Zelle im Fort St. Nicolas am Eingang des
Hafens von Marseille gingen auf das Meer hinaus. Durch die Eisengitter
sah man fernhin seinen strahlend blauen Glanz, mehr nach rechts das
Mastengewirr und Schlotqualmen der Häfen, und weiter über Hügel und
Täler die Dächermassen der großen Mittelmeerstadt. An den Luken lehnten
drei deutsche Zivilgefangene. Sie hörten in dem Lärm von draußen den
Eintritt des neuen Ankömmlings nicht und drehten ihm den Rücken zu. Der
Eine, ein älterer Mann, sagte müde im österreichischen Tonfall:
„Aber ich bitte: Nehmen diese Wilden denn kein Ende?“
Und der neben ihm, der den Arm in der Schlinge trug und sich auf einen
Stock stützte, mit Zwicker und Studentenschmissen auf seinem Gesicht:
„Das ist seit heute früh der vierte Dampfer allein mit dem roten
Kroppzeug!“
Das Deck des schmalen, langen, von Algier kommenden Passagierdampfers
„General Chanzy“ schien auf den ersten Blick vollbesetzt mit vielen
Hunderten von mittelalterlichen Henkern. So unheimlich wirkten die
Gestalten der Wüsten-Spahis in ihren bis zu den Füßen reichenden
blutroten Mänteln. Erst in der Nähe unterschied man die wilden,
kaffeebraunen Gesichter im Schatten der Scharlach-Turbane. Der
Dritte der Deutschen, ein verwegener junger Geselle, bartlos und
sonnverbrannt, in verschossenem Matrosenwams, lachte:
„Jongs, Jongs -- wenn Ihr wüßtet, wat die Klock’ geslagen hat!“
„Und da dieselbe Couleur in Blau!“ sagte neben ihm der Arzt mit dem
Zwicker und wies auf die im Kielwasser des „General Chanzy“ steuernde
„Ville d’Oran“. Bei diesem Dampfer schien es, als hätte er aus dem
Azurblau des Mittelmeers einen Haufen auf Deck geschöpft. So dicht
war das Gewimmel der langen blauen Mäntel der Oasen-Spahis, die mit
ihren Tausenden von Schimmeln auf der Überfahrt nach Europa waren.
Das Schiff glitt langsam dahin. Dicht vor ihm lag, gegenüber dem
Joliette-Leuchtturm stoppend, schon von dem geschäftigen Gewimmel der
kleinen Schlepper umgeben, ein mächtiger Ostindienfahrer. Hunderte
von roten Kopftüchern, weißen Hemden, farbigen Flecken leuchteten
auf. Zimmtbraune Männer mit seidenschwarzen Vollbärten kletterten wie
die Katzen auf und nieder oder schauten gleichgiltig hinüber auf die
Schiffsbecken von Marseille. Das war eine Hafenstadt der Engländer
mehr, so gut wie Bombay oder Calcutta, von wo sie kamen. Den Engländern
gehörte See und Welt.
Der Dampfer zog weiter. Seitwärts, gegen die Medizinschule hin, lag ein
anderer verankert. Es sah aus, als hätte man seine Bordwand mit den
schwarzlackierten, holzgeschnitzten Mohrenköpfen aus dem Aushang von
Hunderten von Tabackläden und Gewürzkrämereien besteckt, so fletschten
sie reihenweise die weißen Gebisse in pechschwarzen Zügen.
„Turkos!“
„Ich glaube eher Senegal-Neger! Ich habe mich als Arzt da draußen ein
wenig mit Völkerkunde beschäftigt...“
„Ich bitte: Weshalb lassen sie denn die nicht an Land...?“
„Wahrscheinlich fürchten sie sich selber vor den swarten Düwels...“
Es war schon gegen Sonnenuntergang. Die Abendblätter waren erschienen.
Die Stimmen der kleinen Zeitungsverkäufer gellten durch den Hafen- und
Straßenlärm: „~Le petit Marseillais!... Le sémaphore...~“
„~Le soleil du midi!~... Sir Grey im Unterhaus: die Basutos
bitten, Steine auf die Deutschen werfen zu dürfen!“
„~Le petit Provençal~... Die Maoris auf Neuseeland schiffen sich
ein. Der König von Nepal bewilligt dreißigtausend Gurkhas mehr!“
„~Le Radical!~ -- Clemenceau gegen die deutsche Barbarei!“
„~Le Niçois~... Die Deutschen fliehen, wo sie den Feind sehen!
Die Generale Wilhelms stürzen sich weinend in die Maas. Ihre Frauen
plündern die belgischen Schlösser!“
„So geht das von Tokio bis hierher!“ sagte der junge Arzt zu Hugo
Martius, mit dem er sich bekannt gemacht hatte. „In jedem Hafen, den
wir anliefen, derselbe irrsinnige Dreck von Druckerschwärze!“
„Aber man glaubt es doch nicht?“
„... wenn die Engländer Etwas kabeln? Ganz Asien schwört darauf, vom
Mikado bis zum Kuli!“
„Der Mikado? Die Japaner sind doch unsere Freunde!“
„So? Na -- ich kam gerade noch weg, ehe sie uns den Krieg erklärten!“
Hugo Martius schwieg.
„Und kurz vor dem Hafen hier haben mich dann die Mynheers auf dem
Maatschappij-Schiff an die Engländer ausgeliefert.“
„Ja warum denn?“
„... weil die sie sonst nicht an Gibraltar vorbeigelassen hätten.“
„Da sollten Sie ’mal erst Südafrika sehen!“ versetzte der
österreichische Diamantenhändler. „Kein Haus in Johannisburg mehr ganz,
wo ein Deutscher wohnt!“
„Ja -- was sagen denn unsere Freunde, die Buren, dazu?“
„Die ziehen ja schon zu vielen Tausenden unter Botha gegen uns zu Feld.“
„Gegen uns?“
„Na ja... -- die hassen uns doch!“
Hugo Martius verstummte wieder.
„Ich hab’ gemacht, daß ich wegkam. Aber bei Cap Spartel kriegte ein
französischer Kreuzer unseren Norwegischen Dampfer zu fassen!“
„Und die Norweger lieferten Sie aus?“
„Ja -- was sollen die wohl gegen die Engländer machen!“
Hugo Martius schüttelte den Kopf.
„Ich war die ganze Zeit in Einzelhaft!“ sagte er. „Ich erfuhr von
nichts. Ich kann es kaum glauben!“
„Na -- dann belernen Sie sich ’mal da -- nich?“ Der junge Seemann gab
ihm ein paar illustrierte Zeitungen. „Die hab’ ich noch von Buenos
Aires her bei mir. -- So sieht es in ganz Südamerika aus!“
Hugo Martius sah die Bilder: die deutschen Fürsten, einander aus
Totenschädeln Blut zutrinkend, Reihen gespießter belgischer Kinder auf
Ulanenlanzen, preußische Generale in Photographenpose auf Leichenhaufen
von Frauen, nackte Wilde mit Pfeil und Bogen und der portugiesischen
Unterschrift: Verhungernde Bayern auf der Eidechsenjagd!
„Auf der ganzen Erde holen sie die Deutschen von den Schiffen
herunter und lassen dafür solche Ansichtspostkarten da!“ sagte der
von der Wasserkante, während er sich fortwährend dabei an dem einen
Zellengitter zu schaffen machte. „Wie? Ob man das glaubt?... Na -- wenn
es die Engländer sagen!... Und so, wie man uns in ganz Süd-Amerika
haßt...“
„Ja, ist denn die ganze Erde wahnsinnig geworden?“
„Aber nich zu knapp! Bis New-York hinauf, da kam ich ja nun noch als
Mexikaner durch...“ Er sah, mit seinem braungebrannten, verwegenen
Gesicht in der Tat einem Gaucho ähnlich. „Aber nu? Jeden Tag
marschierten die französischen Reservisten hinunter auf ihre Schiffe
und sangen die Marseillaise?... Und die Engländer zogen Arm in Arm an
und gröhlten den Tipperary. Aber, wenn die Deutschen kamen, da hieß
es: Zurück! Erst versucht’ ich es bei einer dänischen Linie. Ja woll!
German? Back!... nich?“
„Warum denn?“
„Die Dänen dürfen doch nicht anders -- nich? Da schmuggelte ich mich
als Trimmer bei ’nem Griechen ein. Aber da haben sie mich an der
Tätowierung auf dem Arm erkannt und gesagt: ‚Anker und Schlüssel --
das ist doch der Bremer Lloyd‘... nich?... und mich den Engländern
ausgeliefert!“
„Die Griechen auch...?“
„Na -- die Engländer wollen es doch so -- nich?...“
„Aber die Amerikaner sind doch deutschfreundlich... Konnten die Ihnen
nicht helfen?“
„Die Deutsch-Amerikaner beim besten Willen nicht. Und die richtigen
Yankees -- na, die hassen uns doch -- nich?“
„Auch die...?“
„Jetzt ändern sie ja wohl nun erst ihre Fabriken um. Aber von
Weihnachten ab, da schicken sie den Engländern die Granaten in
Schiffsladungen hinüber. Wo hat man Sie denn eigentlich abgeklappt?“
„Ich war auf einem internationalen Friedenskongreß in Paris!“
Die drei Anderen lachten. Sie glaubten, er hätte einen Witz gemacht,
und Hugo Martius lachte selber mit. Der junge Bremer Seemann bastelte
wieder an dem einen eisernen Fensterkreuz. Es drehte sich sonderbar
leicht in seiner Hand.
„Nun wart’ ich nur noch auf die Gorillas!“ sagte er.
Ein Transportdampfer hatte nahebei auf dem Exerzierplatz hinter dem
Pasteur-Institut seine Ladung von marokkanischen Hilfsvölkern an
Land gesetzt. Sechs Fuß lange, blauschwarze Menschenaffen kauerten
nackt am Strand. Wildblickende, nußbraune Scheichs und Scherifs in
breitkrämpigen Sonnenhüten und grünbesetzten, weißen Mänteln standen
dazwischen. Von einem vorbeifahrenden Dampfer winkten Hunderte von
roten Käppis, blinkten krepprote Hosen unter den blauen Tuniken.
Er brachte die Eiterbeule der Erde, den Abschaum der Menschheit
in Soldatengestalt, das erste Regiment der Fremdenlegion aus
Sidi-bel-Abbés zum Kampf gegen Deutschland.
„‚~Le soleil!~‘ Glückwünsche des Zaren an Monsieur Poincaré zur
Verteidigung der Zivilisation gegen den Teutonismus!“
Und eine zweite schrille Jungenstimme von der Gasse: „‚~Le petit
Marseillais~‘.. Aufruf des Poeten Kipling! Deutschland der tolle
Hund Europas! Ehrenpflicht, ihn zu erschlagen!“
„Mr. Roosevelt gegen die Wilden in der Pickelhaube...“
„Alt werd’ ich hier nich!“ sagte der Seemann. „Wenn man das Kroppzeug
sieht, das sie gegen Deutschland loslassen, da muß man sich in die
Hände spucken, um noch zurechtzukommen!“
Er schraubte plötzlich mit einem Griff die von ihm längst durchfeilten
Eisenstangen aus ihrer Höhlung und steckte sie lose wieder hinein. Hugo
Martius faßte ihn hart am Arm.
„Nehmen Sie mich mit!“
„Na -- Sie mit Ihrem Frieden...“
„Nur handeln ... nur dreinschlagen ... sich von diesem erstickenden Ekel
vor der Menschheit befreien...“
„Ja ... zu Zweit wär’s schon besser -- nich?... Der Doktor hat ’nen
kaputten Arm. Den haben sie auf dem Bahnhof hier lynchen wollen, weil
er verwundeten deutschen Gefangenen half. Mit Mühe haben ihn die
französischen Offiziere gerettet. Und der Andere ist alt und krank. Die
schlafen auch schon Beide auf ihren Strohsäcken. Aber Sie... Können Sie
denn zur Not ’nen Menschen umbringen?“
„Ja. Ja. Ja.“
„... auf die Gefahr hin, daß die uns so an die Wand stellen -- nich?“
„Ja. Ja. Ja.“
„Die Wache muß ja wohl eins von hinten auf den Kopf kriegen! Dann gehen
wir ruhig ins Freie. Wir sind nicht im Fort selbst, sondern in einem
Verwaltungsgebäude daneben für die eine Nacht eingelocht.“
„Und dann?“
„Dann weiß ich schon Bescheid. Dunkel genug ist es auch. Wir müssen
nur warten, bis der Posten abgelöst wird. Dann kommt die Schlafmütze
von vor vier Stunden. Den kenn’ ich schon. Da ... nehmen Sie ’mal die
Friedensflöte!“
Er drückte Hugo Martius den einen Eisenstab in die Hand und frug etwas
besorgt:
„Na -- wie fühlen Sie sich denn mit dem Ding in der Faust?“
„Ich fühl’ nichts ... ich denk’ nichts ... mag meine Frau zur Witwe
werden und meine Kinder zu Waisen... Es ist mir Alles gleich! Ich will
nur zuschlagen... Der Grimm erstickt mich...“
„Dann ist’s gut ... pst ... da draußen sind sie... Sie wechseln den
Posten...“
„~Rangez-vous!~“
„~En avant...~“
Die Schritte der Ablösung verhallten.
„Nu durchs Fenster. Herz in die Hand! Um die Ecke!.. Die Stangen hoch
... so ... man fixing damit an die Mauer! Igitt ... igitt!... Der Hof
ist ja leer...“
„Wo ist er denn?“
„Drin im Pförtnerhäuschen, bei so’ner lütten Deern!... Lacht nur,
Kinnings... Immer ruhig daran vorbei. Sprechen Sie ’mal recht laut
Französisch -- -- nich?... So -- das machen Sie ja wunderschön... Sie
hätten Volksredner werden sollen... Uff...“
Sie waren im Freien. Es schien Hugo Martius wie ein Traum, daß sie
durch das schwüle Abendgrauen der Gassen hingingen, auf einmal auf
einer Schwebebrücke hoch durch die Luft über dem Eingang zum alten
Hafen hinschwammen, sich drüben im Ameisengewimmel und Mastengewirr der
Joliette verloren.
„Ich kenn’ mich doch in so ’nem Hafen aus!“ sagte der Seemann. „Sie
haben Geld bei sich? Geben Sie mir ’mal!“
Er handelte in einem abenteuerlichen Spanisch Wurst, Brot und ein
paar Flaschen Wein ein und steckte sie sich in die Taschen. Hier
fiel keine Sprache außer der deutschen auf. Der Turmbau von Babel
wogte durcheinander. Die indischen Söldner Asiens schritten hochmütig
an den bewaffneten Negern Afrikas vorüber. Kanadische Offiziere
Amerikas erwiderten kaum den lallenden Gruß betrunkener Quartiermacher
der australischen Miliz. Die Mittelmeermenschen Europas schrieen
dazwischen, und hoch oben von ihrem Hügel schaute als riesenhafter
goldener Schatten die Heilige Jungfrau, Notre Dame de la Garde,
auf diese Anglikaner und Buddhisten, diese Moslim und Hindus und
Fetischdiener, diese weißen, gelben, braunen und schwarzen Menschen in
Tropenhelm und Turban, in Käppi und Panama, die einander nie gesehen
hatten, nicht kannten, nicht ansprechen konnten, einander haßten und
fürchteten, sich vor einander ekelten und nur in dem Einen einig waren,
Deutschland aus der Reihe der Christenheit auszurotten.
„Hier muß es doch irgendwo sein!“ sagte der von der Wasserkante.
„Ich hab’ doch gute Augen. Ich hab’ es bei Tag deutlich von drüben
gesehen... Aha ... da!“
Im bläulichen elektrischen Licht der Bogenlampen, dem Pfeifen der
Hafenbahn, dem Rasseln der Kranenketten lag am Lazaret-Kai ein
großes Handelsfahrzeug schon unter Dampfgekräusel aus den gelben
Schloten. Der lange blaue Heimatwimpel spielte in der lauen Nacht.
Die grün-weiß-roten Querstreifen der italienischen Handelsflagge, die
tagsüber daneben geweht, waren eingezogen. Aber der Name des Dampfers
an der Bordwand: „Città di Ravenna“ zeigte den neutralen Boden dieser
Schiffsplanken, die der Bremer Seemann über eine Laufbrücke bestieg,
als ob sich das von selbst verstünde.
„Nehmen Sie einige Papiere in die Hand... So!“ Und er begann plötzlich
sprudelnd, mit den Handbewegungen des Südländers, spanisch zu reden:
„~Le dije que se fuera sennor! Yo qensaba: Cuanto màs se da, màs
piden! No puede ser... Eso no va asi corne tú piensas!~“...
Die herumhantierenden Schiffsleute schauten kaum auf. Der Dampfer
war voll von Maklern mit ihren Konnossementen. Daß Jemand auf
kastilianisch die Mehrforderungen irgend eines Kommissionärs ablehnte,
geschah alle Tage.
„Hier herunter ... schnell!“
Sie waren schon im Schiffsraum. Noch standen die Deck-Luken offen. Ein
Frachtstück nach dem anderen sank klirrend am Hebelarm in den eisernen
Bauch. Dessen vorderer Teil schien schon ganz gefüllt.
„Noch ein Stockwerk tiefer! Fix, eh’ man uns sieht... So... In die Ecke
kommt nichts mehr hin... Das ist ein ganz hübsches Plätzchen -- nich?“
Der Hanseate knipste vorsichtig in der hohlen Hand eine elektrische
Taschenlaterne auf und las die Aufschriften auf den Kistenstapeln
umher: Fratelli Ghirardini, Genova... Wieder die Fratelli ...
nagelneues, würzig duftendes Holz... Überall auf französisch und
italienisch darauf die Theerpinselzüge. ‚Vorsicht!... Leicht
entzündlich! Nicht werfen!‘
„Das wird Alles in Genua ausgeladen -- nich? Wir mit! Lütte
Küstenfahrt! Nur schade, daß man nich ein bischen smoken kann. Aber
dann fliegen wir mit in die Luft...“
„Was ist denn in den Kisten?“
Ein Blitz der Taschenlaterne: „~Poudre. Polvere. Attenzione!~“
„Wie denn? Die Italiener holen sich da aus Frankreich Munition?“
„Aber nich zu knapp! Der ganze Steamer ist voll!“
„Aber gegen wen denn?“
„Ich werd ’nen Priem kauen -- das geht!... Na ... gegen uns und die
Österreicher!“
„Ihre Verbündeten!“
„Na -- die Italiener hassen uns doch -- nich?“
Das Wort, das immer wiederkam, wie draußen, als der Dampfer längst die
hohe See gewonnen hatte, der Wellenschlag an die Schiffswand. Das
schwache, eintönige Gefühl des Hin- und Herschwankens im tiefen Dunkel.
Haß. Haß. Haß. Haß überall. Haß der Menschen aller Farben und Erdteile,
jedes Glaubens und jeder Sprache. Haß, bisher huschend im Dunkeln wie
die leise pfeifenden Ratten zu Füßen. Haß, sorgfältig vorbereitet
und zur Entscheidung aufbewahrt wie die stummen, todbringenden
Kistengebirge um Einen. Giftiger, verpestender, brütender Haß, wie der
ekle Gestank des faulenden Grundwassers im Schiffsbauch.
Und in dieser achtundvierzigstündigen Nacht, bis zum ersten Schimmer
des Tageslichts von Genua durch die wieder geöffneten Luken, dachte
sich Hugo Martius immer wieder und grub es in seine Seele und in seinen
Willen ein: Nie ward Menschen ihre Liebe zur Menschheit so gedankt
wie uns Deutschen. Nie empfing ein Volk eine so furchtbare Lehre. Ist
+das+ wirklich die Menschheit und ihr Sinn, die mit Senegalnegern
das Land Luthers und Goethes überfällt, nun, dann sind wir Deutsche
zu gut für diese Erde. Dann wollen wir auf ihr nicht weiterleben,
aus Ekel an ihr. Aber die Menschheit ist nur krank durch unsere Güte
und Schwäche. Die Menschheit muß durch Blut und Feuer an Deutschland
genesen. An uns und unserer Faust.
Er dachte es, und sein Herz wurde heiß von heiligem Zorn, und draußen
sangen es die wandernden Wellen: ‚Wir haben lang genug geliebt -- wir
wollen endlich hassen!‘ Und Hugo Martius sah in der Finsternis einen
der ehrwürdigen deutschen Dome vor sich, aus deren Giebeln von allen
Seiten der böse Feind, in Affen- und Bocksgestalt, als Basilisk und
Fledermaus hinausschießt, und sagte sich: So verjagen wir jetzt die
unsauberen Geister der Fremde aus unseren Herzen und Häusern, wie einen
Spuk dieser Nacht um mich: Deutschland, Deutschland -- werde hart!
Der Seemann neben ihm pfiff sich ganz leise eins.
„Ich bin erst wieder froh, wenn ich in der Nordsee bin,“ sagte er,
„und wir den lieben Kusängs auf den Kopf s--pucken! Aber nu still!
Wir müssen noch warten. Das passiert den Maccaronis auch nich so bald
wieder, daß sie Jemanden um Gottes Lohn s--pazieren fahren!“
Es war im Hafen von Genua ein noch wilderes Geschrei und Durcheinander
wie in dem von Marseille. Mit dem Löschen der Ladung schien man,
unberufener Augen wegen, erst in der Nacht beginnen zu wollen. So war
es ein Leichtes, in der Dämmerung das fast menschenleer daliegende
Schiff zu verlassen. Tiefaufatmend standen die Beiden auf der Ponte
Adolfo Parrodi. Gingen hinüber nach dem Bahnhof. Der Seemann setzte
sich unter die Palmen des Columbus-Denkmals.
„Ich warte bei dem ollen Vadding hier, bis Sie vom deutschen Konsulat
zurückkommen!“ sagte er und dann, nach kaum einer halben Stunde: „Nun?
Sie strahlen ja!“
„Ich habe die Adresse meiner Frau! Sie ist in Mailand. Wir erreichen
noch den Zug! Und mit Deutschland steht es gut!“
Während sie durch den Apennin dahinfuhren, erzählte er das Nähere
dem Seemann. Der wunderte sich nicht. In ihm war die Überzeugung von
Deutschlands Sieg so klar, wie sich das Meer in seinen blauen Augen
spiegelte.
„Die englischen Geschichten -- die sind immer lügenhaft zu
vertellen...!“ sagte er gelassen. „Jongs -- warum schreit Ihr denn so?“
„Das ist schon Mailand!“
„Da ist eine Dame und winkt Ihnen!“
„Ja. Ich hab’ meiner Frau vom Konsulat telefonieren lassen!“
„Oh -- da will ich nich weiter stören -- nich?“ Der Matrose und der
Millionär drückten sich fest die Hand, und Hugo Martius drängte sich
durch das Gebrüll der Facchini auf die kleine, zierliche Gestalt mit
dem schwarzen Gemmenköpfchen zu, die die Arme ausstreckte und ihm
entgegenstürzte.
Als sie sich nach einer Viertelstunde das Nötigste gesagt hatten und
den Bahnhof verließen, fuhren ihnen die Droschken quer über den Weg.
„~Signore!... Signorina!~“
Aber Phila Martius hatte nicht wie sonst das nachsichtige südländische
Lächeln auf dem zarten, klassisch geschnittenen Gesicht. Sie sagte so
scharf und ungeduldig wie nur irgend sonst eine Norddeutsche:
„Belästigen Sie Einen doch nicht ewig! Das ist ja gräßlich!...“
Das alte Geschöpf auf dem Bock begriff, daß das Deutsch war.
„~Abbasso la Germania!~“ brüllte es hinter ihnen her. Und noch aus
der Ferne: „~Evviva la Francia! Evviva l’Inghilterra!~“
Zu Martius’ Erstaunen machte das ‚Nieder mit Deutschland!‘ auf seine
Frau gar keinen Eindruck.
„Wenn ich mich darüber noch ärgern wollte!“ sagte sie. „Das ist das
tägliche Brot in den sechs Wochen, daß ich hier und in der Westschweiz
an der Grenze nach Dir bangte!“ Sie gab einem Bettelbuben einen Stoß:
„Willst Du mich gleich loslassen, infamer Bengel?“
„Aber das sind ja Deine geliebten ~Ragazzi~!“
„Dreckspatzen sind’s!... Nein -- lieber nicht durch die enge Gasse!...
Der Gestank ist ja ekelhaft! Alles voll Orangenschalen und Schmutz...“
„Nun ja: die Unschuld des Südens...“
„Und wie diese Frauen kreischen! Ich kann diese schrillen, heiseren
Stimmen gar nicht mehr hören! Ob Eine von den Trinen sich jemals
ordentlich kämmt und ihre schwarzen Haarwuscheln nicht so liederlich
aufsteckt...“
„Aber Phila...“
„Liederlich sind sie... Betrügerisch ... niederträchtig... Es ist ein
widerwärtiges Volk!“
„~Il Secolo!~“ Ein Zeitungsverkäufer stürmte vorbei. „Neue
Niederlagen der Deutschen! Die Preise für Hundefleisch in Berlin schon
unerschwinglich!... Die Russen rücken mit sicherem Schritt nach Berlin!“
„Ah -- der Ekel schüttelt Einen!“ sagte die kleine Frau. Sie war ganz
bleich geworden.
„Dich auch?“
„Kennst Du das Märchen von Einem, der die Sprache der Vögel verstand?
So ungefähr ging es die Zeit über jetzt mir! Fast alle Fremden sind
doch weg! Ich sehe aus wie eine Italienerin, spreche es wie eine
Toskanerin. Da glauben sie überall, ich gehörte zu ihnen, legen sich in
meiner Gegenwart keinen Zwang auf ... ich höre Alles ... schaue in ihre
Seelen ... wie in einen Abgrund von Gemeinheit...“
Sie gingen über den Mercanti-Platz. Viele Hunderte von dunklen
Gestalten standen in der Nacht wie die Verschwörer beisammen. Ihr
dumpfes Gemurmel glich dem Summen eines Bienenschwarms. Es war das alte
italienische Bild. Aber Theophile Martius zog fröstelnd die Schultern
hoch.
„Nur fort von hier! Nur nach Deutschland zurück! Wenn Du mir eine Liebe
tun willst, reisen wir gleich! Wenigstens die paar Stunden bis Lugano!
Daß wir nur aus Italien heraus sind!“
Als sie bald darauf reisefertig und auf den Omnibus wartend vor dem
Eingang des Gasthofs standen, kam noch einmal, zum Abschied, die alte,
deutsche Sehnsucht über sie. Da waren noch die silbergrauen Paläste,
da hallte träumerisch der Glockenklang vom Campanile. Im Mondschein
glitzerten fern die Wellen der Marina. Die Gondeln Venedigs, die Wolke
des Vesuv, die Palmen und Veilchenhaine der Riviera -- Rom... Du ewiges
Rom...
„~Il Corriere della Sera!~“ Die heisere Stimme durchschnitt wie
mit einem rostigen Messer die Luft. „Neue deutsche Geldpreise für die
Tötung belgischer Kinder unter drei Jahren! Die Bewohner der Erde
zerfallen in Menschen und in Deutsche! Ein erhabener englischer Dichter
sagt es!“
„~A l’eau les boches!~“ heulte es um die Ecke auf Französisch. Der
Schutzmann in der Mitte der Straße hörte es und lachte.
Theophile Martius warf noch einen Blick umher.
„Leb wohl, Du entzaubertes Land!“ sagte sie. „Leb wohl für immer!
Wir haben Dich verloren. Aber ich glaube, Du wirst auch selbst bald
verloren sein!“
Dann wiederholte sie, langsam und deutlich:
„Ihr spielt ~palle o santi~! Aber Ihr werdet keines von Beiden
gewinnen -- nicht die Heiligen und nicht die Kugeln -- nur Schimpf und
Schande!“
„Warum so laut, Phila?“
„Der Ausländer soll es nur hören, der da den Kopf nach mir dreht... Der
mit den großen, grauen Augen und dem unruhigen Gesicht, der da mit den
beiden Italienern steht... Er kann Deutsch! Man merkt es ihm an!“