brennenden Giebeln trennen konnten. Da kreiste wieder eine über dem
flackernden Gelb und Purpur, stürzte flügellahm hinein. Das rief eine
Gedankenverbindung in Schjelting wach.
„Ja -- wo ist der Heilige Geist?“
„An der Front!“ sagte der Staatsrat mit seiner starken, russischen
Stimme. „Bald sind wir dort!“
Der General Schiraj lag noch vorwärts von Barten in einem Gutshof im
Quartier. Er war nicht da. Er war mit seinem ganzen Stab nach vorn
gefahren. Ostrussische Infanterie und Kosacken, die nicht zu seinen
Truppen gehörten, waren nachgerückt und richteten sich eben ein.
Ein riesengroßer, weißblonder Major stand mit offener Hemdbrust auf
der Schwelle. Sein Gesicht war fröhlich und gerötet. Er war stark
angetrunken. Er streckte stürmisch den beiden Ankömmlingen, obwohl er
sie gar nicht kannte, die Arme entgegen.
„Gott brachte Euch, Brüderchen! Beliebt einzutreten!... Was ist das für
ein Land! Warum nehmen wir es erst jetzt?... Alles in Fülle! Was das
Herz begehrt... Traubenwein!... Man trinkt Sekt, Bordeaux, Kognak...
Unten ist der ganze Keller voll...“
„Man merkt es...“
„Man raucht Zigarren! Schläft unter Seidendecken!... Schweine, Hühner,
Gänse ... man ißt, soviel man kann... Man bekreuzigt sich und ißt
wieder... Ihr bleibt zum Nachtessen da, Brüder! Meine Kosacken sind
eben Hühner kaufen gegangen! Sie sind darin gewandter als unsere
Burschen...“
Draußen sah man die roten Hosenstreifen der Kosacken. Sie umstellten
die flatternden Hennen wie der Jäger das Wild, klatschten in die Hände,
fingen die Tiere aus der Luft. Der Major schluckte ein paarmal und
zeigte selig auf die Kiesfläche der Auffahrt vor dem Herrenhaus. Da war
aus Hühnerköpfen im Sand riesengroß ein Schnörkel gebildet, der wie
der Buchstabe H aussah. In Wirklichkeit war es ein russisches ‚N‘, der
Namenszug des Zaren Nikolaus.
„Die Kaiserkrone kommt aus Gänseköpfen darüber! Es sind Spaßvögel!...
Schleppt es dort hinüber, Kinder! Setzt es vorsichtig auf freiem Felde
nieder, damit kein Unglück geschieht...“
„Was tragen die vier Leute? Einen Sarg?“ frug der kurzsichtige
Staatsrat.
„Nein. Ein deutsches Ding. Ich kenne es nicht. Besser fort damit, ehe
es explodiert!“
„Es ist der Schokoladen-Automat aus der Ausspannung gegenüber!“ sagte
Schjelting zu Morskoi, während sie eintraten. „Welch ein Gestank!...
Sind denn die Schweineställe hier im Hause?“
Die altpreußischen Ahnenbilder der Halle schauten durchstochen und
durchlöchert auf eine halbmannshoch das Parkett bedeckende Schicht von
Stroh, Roßdünger, Bettfedern aus aufgeschnittenen Matratzen, zerfetzten
Kleidungsstücken, Kohlstrunken, Knochen, Suppenresten, Stuhlbeinen,
Hirschgeweihen, zerrissenen Briefen und Aktenbündeln, zertretenen
Damenfederhüten, Sofakissen, Lappen, Straßenschmutz. Zersäbelte Sofas
und Plüschsessel ragten nur noch mit den Lehnen aus der weichen, wie
ein Misthaufen dünstenden Masse, durch die der mächtige und feierliche
Saal des alten Grafenhauses weit niedriger als sonst erschien. Viele
Soldaten hatten sich in das warme Nest eingewühlt und schnarchten. Man
unterschied sie kaum von dem Schmutze selber. Dazwischen standen die
Pferde. Die Luftmischung schwankte zwischen dem scharfen, säuerlichen
Brodem des Schweinekobens und dem Aasgestank vor einem Fuchsbau. In
der Ecke lehnte schief, mit aufgeklapptem Deckel und zerschmetterten
Beinen, das Klavier. Der Bechsteinflügel diente als Abort wie auch
sonst jeder Perserteppich, jede Bronzevase, jeder Zylinderhut,
jeder Winkel im Haus. Der Major musterte, mühsam in dem federnden
Trümmerhaufen sich auf den Beinen haltend, befriedigt die eine leere
Wand.
„Seit vielen Stunden bestreichen sie sie mit Honig!“ sagte er. „Von
oben bis unten!... Seht die hundert leeren Gläser!... Gut!... Munter
sind sie, die Seelchen!“
„Und warum tut Ihr das?“ frug Schjelting einen der Kerle, dem ebenso
wie seinem Kameraden der Schweiß der ungewohnten Arbeit von der Stirne
rann. Der überlegte und sagte dann, mit einer plötzlichen slawischen
Entmutigung in den wasserblauen Augen:
„Man weiß es nicht, Herr!“
„Woher kommst Du?“
„Aus Samara, Euer Wohlgeboren!“
„Bist Du gern im Krieg?“
„Gern, Euer Wohlgeboren!“
„Warum?“
„Ich weiß es nicht, Euer Wohlgeboren!“
„Haßt Ihr die Deutschen?“
„Man haßt sie, Euer Wohlgeboren!“
„Und warum?“
„Ich weiß es nicht, Euer Wohlgeboren.“
„Weißt Du, wo Du jetzt bist?“
„Nein, Euer Wohlgeboren!“
„Weißt Du, wohin Ihr geht?“
„Nein, Euer Wohlgeboren!“
„Kannst Du lesen und schreiben?“
„Nein, Euer Wohlgeboren!“
„Was denkst Du Dir also bei dem Krieg?“
„Es ist befohlen, Euer Wohlgeboren!“
„Nun genug der Fragerei!“ schrie der Major. Er war plötzlich zornig
geworden. „Euch Monumente vom Newski-Prospekt braucht man hier nicht!
Dort ist Gott und die Türe.“
Er stapfte schwerfällig in den Raum gegenüber, setzte sich vor die
halbleere Kognakflasche und brütete vor sich hin. Während die Beiden
vor das Haus traten, schrie er ihnen noch nach:
„Nicht ausleben soll man sich! Ihr seid mir schöne Vögel! So ist’s hier
überall! Wenn’s Euch nicht gefällt, geht zu den Deutschen!“
„Ja -- so ist’s hier überall!“ sagte Schjelting. Er hatte mit dem
Hofmeister in einer Laube im Garten Platz genommen. Bis hierher waren
noch nicht einmal die Kosacken gedrungen. Angefangene Handarbeiten
lagen da, Bücher, ein Band Tauchnitz-Edition, ein französischer
Roman, eine Übersetzung von Tolstois ‚Auferstehung‘, die indischen
Gedichte des Rabindranath... Er setzte sich. Er wollte nicht sprechen.
Er zog finster die Nummer der ‚Times‘ heraus, die ihm vorher der
Stabsrittmeister Kudriascheff gegeben, begann zu lesen. Die engen
Buchstaben tanzten vor seinen Augen. Er warf das Blatt zornig zur Seite.
„Eine nette Sprache gegen Verbündete!“
„Wie das?“
„Nun -- da ist von den modernen Hunnen die Rede -- von den Barbaren...“
Der Staatsrat nahm das Blatt und lachte:
„Das sollen doch nicht wir sein, sondern die Deutschen!“
„Ach so ... ich war zerstreut...“
„Kinder, laßt Euch nicht durch diese Weißhändigen verwirren!“ schrie im
Hause der Major. „Wo stehen wir? Dicht vor Berlin!“
„Urraha! Vor Berlin, Euer Hochwohlgeboren!“
Es grollte dumpf in der Ferne. Dazwischen in Abständen ein schweres,
dröhnendes Aufpoltern. Fast nur ein einziger Schlag.
„Die Deutschen schießen schon mit Batterielagen,...“ sagte ein
staubbedeckter Dragoner-Unteroffizier vor der Laube zu einem Burschen.
„Wo ist Dein General?“
„Eben kommt er, Herr Wachtmeester!“
Der General Schiraj fuhr im Landauer des geflüchteten Gutsherrn heran.
Die Gäule keuchten. Das Handpferd blutete von einem Granatsplitter.
Das Wappen am Kutschenschlag war von einem Sprengstück geborsten.
Der General stieg aus, finster wie seine Begleiter, drückte stumm
den beiden Gästen die Hand, fertigte den Dragoner ab, schritt dann
unruhig auf und nieder, schaute nach allen Seiten, witterte förmlich
in der Abendluft, die voll war von fernen, unbestimmten, murmelnden,
schütternden, sausenden, heulenden, hämmernden Tönen, wandte sich
nach dem Herrenhaus. Dort war ein zorniger Wortwechsel. Er jagte den
Major mit seinen Leuten nach hinten in die Scheunen, setzte sich an
das Feldtelefon, sprach immer wieder hinein, mit ernstem Gesicht, kam
plötzlich wieder angeritten, vollbärtig und stattlich, den Feldstecher
in der Hand.
„Ich muß noch einmal nach vorn... Es ist soeben... Wie?... Ihr
wollt fort? Bleibt lieber hier! Da sind ja Fremdenzimmer genug
im ersten Stock... Wie es steht? Gut ... gut... Aber es finden
Truppenverschiebungen in der Nacht statt ... man gruppiert um... Ihr
kämt da in der Dunkelheit mitten hinein... Auf Wiedersehen!“
Schjelting konnte nicht schlafen. Er lag mit offenen Augen in der
Giebelstube des Herrenhauses. Sonderbar... Er war mit seinen Gedanken
immer in Deutschland ... in einem Brausen von Massen, einem feldgrauen
Gewimmel, einem Stürmen der Glocken, einem ehernen Gesang... Er sagte
sich: Ich bin ja in Deutschland. Als Eroberer. In einem deutschen Bett.
Alles hier fängt gut an... Freue Dich...
Dabei stand er voll Unruhe, mit überwachten Augen auf, kleidete sich
an -- mochte Einer schlummern bei diesem ewigen Scheibenklirren und
Bodenzittern von dem schon viel näher gekommenen Erdbeben draußen in
der Runde -- trat in das Freie, machte jäh Halt...
Die Nacht war dunkel und doch hell. Wohin er sah, brannte Ostpreußen.
Rechts, links, nah, fern, überall flackerte es wie von Scheiterhaufen
im Schwarz, rötete den Himmel fleckenweise mit einem unheimlichen
Widerschein. Die Feuersbrünste all dieser Dörfer und Domänen, dieser
Mühlen und Weiler, dieser Schlösser und Höfe schienen zu leben, in
Flammen zu atmen, zu schwinden, in neuen Funkengarben aufzusprühen.
Darüber zogen sich am Horizont sonderbare feurige Bogen wie von zu
niedrig gehenden Raketen...
Schjelting sah stumm auf das Schauspiel. Er dachte an die Brandfackeln
der Kosacken, die er am Tag vorher gesehen, so wie sie sie fertig aus
Rußland mitgebracht -- Dinger, die man auf die Erde werfen, mit dem
Fuße treten, ins Wasser halten konnte, ohne daß sie verlöschten. Dann
sagte er sich: Aber wenn wir Alles einäschern, dann bedeutet das doch
den Rückzug...?
Neben sich hörte er ein Seufzen. Da saßen im Halbdunkel der General
Schiraj und der Hofmeister, Beide wach wie er, schwiegen und rauchten.
Er nahm neben ihnen Platz. Eine Weile hörten alle Drei stumm auf den
Kanonendonner. Dann sagte Schjelting:
„Es fehlt Etwas...“
Morskoi wandte sich an den General.
„Das ist seine stehende Rede!“
„Was denn?“
„Wer kann es nennen? Sie wollten es mir an der Front zeigen. Aber es
ist nicht da...“
„Wahrlich -- wir haben uns bemüht, Alles zu schaffen!“ sagte der
General Schiraj mit seiner ruhigen Stimme.
„Alles haben wir geschaffen! Nur ... sehen Sie ... da treiben
Feuerfunken durch die Nacht vorbei! Vielleicht mangelt uns dieser eine
Funke...“
„Anderswo aber ist das anders?“
„Anderswo -- ja...“
„In Deutschland?“
„Was heißt das für uns... Deutschland?...“
„Sie kommen doch von dort, Nicolai Wassiljewitsch?“
„Nein.“
„Wie denn nicht? Sie erzählten doch selbst...“
„Ich war in einem Land, das wir nicht kennen!“ sagte Nicolai von
Schjelting. „Sie werden es auch auf keiner Karte finden!“
„Er spricht in Rätseln...“
„Kurz ... es existiert nur für den, der es erlebte.“
Dann, nach einem Schweigen:
„Viel haben wir vor dem Krieg erwogen! Aber vielleicht das Letzte
nicht!“
Um sie die fremdartig rotgefleckte, unheimlich wie ein Raubtier
murrende Nacht. Morskois Stimme:
„Wie steht’s in Wahrheit? Ist unsere Lage gefährlich?“
„Ja -- wenn wir Japaner vor uns hätten!“ sagte der General langsam.
„Aber die Deutschen...“
Er stand auf.
„Damals vor zehn Jahren ... in Mukden... Einerlei... Gehen wir schlafen!
Wir haben noch ein paar Stunden bis Sonnenaufgang!“
Und nun war Nicolai von Schjelting doch so ermüdet, daß er den
Schlummer fand. Träumte. Er stand in der großen Dorfschmiede seines
Guts im Twer’schen Gouvernement. Inge Tillesen neben ihm. Es schien,
daß sie jetzt seine Frau war. Sie trug nun auch russische Züge. Sie
sagte ihm Etwas oder schrie es ihm vielmehr in die Ohren. Er verstand
es nicht. Der Schmied machte einen so furchtbaren Lärm beim Beschlag
der kleinen Bauernpferde. Es waren mehrere Schmiede. Sie hämmerten
durcheinander. Die Ambosse dröhnten, schmetterten, knallten...
Schjelting fuhr empor, angekleidet wie er war, stürzte an das Fenster,
riß es auf. Es war ein klarer, blauer Septembermorgen. Und in dieser
milden Spätsommerluft zwischen Himmel und Erde ein unsichtbares,
stürmisches Leben wie von tausend Geistern. Ein langgezogenes Heulen,
zorniges Hämmern, wie von einer Riesenfaust an eine Haustüre, heiseres,
metallenes Gelächter, das Gepolter von Fässern, peitschenknallähnliche
Töne. Dabei erblickten seine Augen nichts. Die weite Landschaft lag
völlig menschenleer, wie ausgestorben, im hellen Sonnenschein. Auch die
Züge auf der Eisenbahn verkehrten nicht mehr. Nichts regte sich. Nur
da jagte ein reiterloser Gaul die Straße entlang. Er schleifte seine
Eingeweide zehn Fuß lang hinter sich her, verschwand taumelnd um die
Ecke. Schjelting überwand einen Anfall von Übelkeit... Er nahm seine
Mütze, rannte die Treppe hinab. Durch das gespenstig leere Haus. Traf
vor ihm Morskoi.
„Wo ist der General?“
„Längst nach vorne geritten!“
„Und dieses Viehstück von gestern Abend...“
„Weg, mit seinem Bataillon...“
„Und unser kleiner Hauptmann...“
„Auch verschwunden...“
„Ja -- was ist denn?...“
„Sie sind doch klug! Begreifen Sie’s noch nicht...? Gott hat uns
verlassen... Schon seit Tagen... Nur wußte man es nicht... Er strafte
uns schon dort vorn, im Süden von Ostpreußen...“
„Dort steht doch unsere Narew-Armee...“
„Nichts steht dort! Nichts ist da! Nichts mehr!“ Morskoi schien beinahe
zornig, daß man seinen Nachrichten widersprach. Er badete sich förmlich
in diesem Worte ‚Nichts‘.
Fern in der Luft entstand ein weißes Wattebäuschchen und stand wie mit
der Scheere ausgeschnitten vor dem blauen Himmel. Plötzlich waren dort
überall am Horizont diese zarten Federwölkchen.
„Eile Dich, Wanja!“
„Bemühe Du Dich auch!“
Zwei Kosacken kauerten da am Bach, die Zottelgäule frei neben sich.
Der Eine war im Hemd. Er hielt seine Hose auf den Knieen und riß in
Eile den breiten, roten Besatz, der ihn als Kosacken verriet, herunter.
Der Andere steckte die Füße in das Wasser und rieb das gleiche
verräterische Rot von ihnen herunter.
„Seid Ihr verrückt, Euch jetzt die Füße zu waschen!“
Der Eine der beiden Kerle blinzelte stumpfsinnig aus seinem bartlosen,
rohen Gesicht zu Schjelting hinauf.
„Es ist besser, Herr...“
„Wie das: besser?“
„... falls man uns gefangen nimmt! Sie sind ja schon überall...“
„Die Deutschen?... Lüge nicht!“
„Man sieht ja weit und breit keinen Deutschen!“ sagte Morskoi und
zündete sich mit zitternden Fingern eine Papyros an.
...Er lag vor Schrecken auf der Erde. Er wußte nicht wie. Die Andern
kugelten sich über ihn, um ihn. Um sie wirbelte die Luft von einem
jäh herangeflogenen, nervenzerreißenden Heulen, der Boden tat sich,
vierzig, fünfzig Schritte von ihnen entfernt, donnernd auf, spie einen
schwarzen Pinienbaum von Rauch, Erde, Steinen und sausenden Splittern
über sich in die Höhe. Über Schjeltings Kopf war das helle Klirren
der getroffenen Dachziegel. Sie fielen langsam, stückweise herunter.
Die jäh bloßgelegten weißen Sparren lugten neugierig in das Freie und
fingen dann rasch an zu kohlen. Das war das Erste, was er sah, als er,
betäubt aufstehend, sich mechanisch den Staub von den Kleidern klopfte.
Ein Gardeoffizier ritt in Karriere vorbei. Ein Petersburger Beau. Sein
keuchendes Tier wies die deutschen Farben. Auf sammetschwarzem Fell
weiße Schaumflecken und in den Flanken das rote Blut der Sporenstiche.
Morskoi rief ihn an: „Was geschieht?“ -- Der Andere wies mit der Hand
atemlos hinter sich...
„...Chindenburg...“
Es verhallte im Hufschlag und dem letzten Nachgrollen der Granate.
Da stand das Auto. Der Chauffeur, ein Pole, geängstigt daneben. Sie
sprangen hinein. Sausten blind hinter dem Petersburger Adjutanten her.
Immer näher schob sich der Donner. Rauch- und Brandwolken in der Ferne.
„Wir fahren ja nach Süden!“ schrie Morskoi, sich im Wagen aufrichtend.
„Das ist ja Torheit. Dort eben ist ja Chindenburg ... hört doch nur!“
Zurück. Hinauf nordwärts in der Richtung nach Gerdauen, woher sie tags
zuvor gekommen. Schjelting biß die Lippen zusammen.
„Wir fahren ja abermals in den Kanonendonner hinein!“
Eine Gruppe Offiziere, abgesessen hinter einem Haus und um ein
Fernrohrgestell herum. Ein abwehrendes Winken.
„Hier kann man nicht weiter. Die Straße liegt unter Feuer!“
„Wohin?“
„Nach Osten! Über Drengfurth! Sputet Euch!“
Sie fuhren dahin, kreuzten am Seeufer wieder eine Eisenbahn. Eine
Lokomotive schoß mit Volldampf vorbei, der Tender dicht gedrängt
voll von Rotekreuzdamen und Popen mit flatternden Haaren und Bärten.
Der Pole steuerte das Auto wieder angesichts der Wasserfläche gen
Norden, verirrte sich in den Wäldern, arbeitete sich stundenlang
durch Sandwege, blieb stecken ... weiter ... da endlich die Türme von
Insterburg. Vor der Stadt trafen sie den Generalstabsmajor Prokofjeff,
bemüht, Ordnung in ein staubbedecktes Gewirr von Fuhrwerken zu bringen.
„Fahrt nicht erst in die Stadt. Es steckt alles voll von Truppen und
Kolonnen!“ schrie er. „Fahrt außen herum, nach Gumbinnen. Der Großfürst
ist schon dorthin voraus!“
Der Großfürst auf der Flucht!... Schjelting und Morskoi schauten sich
bleich und stumm an, während sie zwischen den Teichen durch und an der
mächtigen Brandstätte des Gestüts Georgenhof vorbeiflogen. Nun lag
schon die Flußniederung der Angerapp in ihrem Rücken. Der Staatsrat
atmete auf.
„Wir sind in Sicherheit!“ sagte er.
„Was kommt uns denn da auf der Chaussee entgegen?... Ein ganzer Zug
Automobile...“
„Sie rasen nur so...“
„Es sitzen Zivilisten darin!... Was heißt denn das?...“
„Sehen Sie den Langen, Hageren... Mutter Gottes von Kasan: der
Generalissimus in Zivil ... bin ich denn wahnsinnig geworden?...“
„Dreh’ um, Chauffeur ... dreh’ um...“
Dadurch zwangen sie den nächsten, heranflüchtenden Wagen, langsam zu
fahren. Zornige Rufe:
„Macht Platz, Ihr da! Wir haben keine Lust, gefangen zu werden!“
„Wie denn -- -- in Gumbinnen?...“
„Sie sind schon hinter Gumbinnen...“
„Die Unsern?“
„Die Deutschen!“
„In unserm Rücken?...“
„Chindenburg in Gumbinnen...“
„Chauffeur ... zurück, was der Wagen kann...“
Eine Sturmfahrt durch Staubwirbel. Wildes Gedränge vor dem Bahnhof in
Insterburg. Trotz des strengen Verbotes standen schon die Einwohner
auf den Dächern, riefen, winkten zum Himmel hinauf. Dort zog ein
Eindecker als Vorbote des deutschen Heeres seine Bahn. Das Eiserne
Kreuz schimmerte von seinen Tragflächen. Aus dem ‚Dessauer Hof‘, der
mit seinem hohen graugetünchten Aufbau und Turm die Stationsgebäude
gegenüber überragte, rannte ein Herr in Zivil mit ausrasiertem
Backenbart und hochmütig-brutalem Gesicht und kletterte in ein Auto.
Ein Kellner hinterher.
„Exzellenz ... die Wochenrechnung...“
„Ich komme in vierzehn Tagen wieder!“
Rennenkampf fuhr davon. Nur seine hohen Stiefel aus feinstem Juchten
standen noch oben vor seiner Tür. Die beiden Russen sahen dumpf den
Generaladjutanten des Zaren und Führer der Njemen-Armee im Bürgergewand
fliehen. Um sie herum waren Rufe. Deutsche jubelnde Stimmen. Sie
pflanzten sich fort. Man wußte nicht, woher sie kamen. Es flog durch
die Luft, von Haus zu Haus...
„Ulanen...“
„Preußische Ulanen...“
„Man sieht schon einzelne Garde-Ulanen vor der Stadt...“
Morskoi faßte einen russischen Heeresintendanten an der Schulter und
frug heiser:
„Wohin floh Seine Hohe Exzellenz!“
„In der Richtung nach Tilsit! Dort ist der Weg noch frei...“
„Dort allein ist Chindenburg noch nicht!“
„Mit Gott! Über Skaisgirren! Fahre wie der Teufel.... Du dort oben!“
Sie rasten dahin, durch Tilsit hindurch, über die Königin-Luisenbrücke
auf das Nordufer der Memel. Nun trennte sie der breite Strom von den
Verfolgern. Fern vergrollte das Ungewitter. Wie weit es nach Süden hin
noch seine Verheerungen erstreckte, wußte Keiner.
„Auch bei Lyck wird gefochten!“ sagte neben dem haltenden Auto ein
sibirischer Schützenoberst aus tiefer Brust, und ein Anderer neben ihm,
mit einem fatalistischen Zug um die bärtigen Lippen:
„Diese Tage kosten uns viel... Die Deutschen sind anders als man
dachte...“
„Uns Beide hat Gott bewahrt!“ versetzte der Hofmeister Morskoi zu
Schjelting. „Doch was nun?“
„Zurück nach Kowno!“
„Und dann?...“
„Dann gehe ich gleich mit meinen Aufträgen nach dem Westen!“ sagte
Nicolai von Schjelting. „Dort ist unsere Hoffnung. Denn das Eine habe
ich nun schon erkannt, Wassili Andréitsch: Wir hier allein, mit der
Kraft der russischen Erde, erreichen es nicht...“
XIV.
Der schlampige französische Polizeikommissar stand auf und schloß trotz
der Oktoberglut des Mittelmeers die Fensterscheiben. Nun brauchte
man wenigstens nicht mehr den tausendfältigen Lärm des Hafens von
Marseille, sein Sirenengeheul und Peitschengeknall, sein Wagengerassel
und Kranengeklirr zu überschreien, um das Verhör fortzusetzen.
„Schreiben Sie, Panard! ‚Es erscheint der Zivilgefangene aus dem
bisherigen Konzentrationslager bei Château Borély, Hugo Martius,
Groß-Industrieller aus Deutschland‘...“
„... und Mitglied des Reichstags...“
„Ah -- -- das wird Ihnen wenig helfen, mein Herr Deputierter, im
Gegenteil ... schreiben Sie, Panard:... ‚zu nochmaliger Vernehmung auf
Antrag des amerikanischen General-Konsulats!‘... Wie kommt der dazu?“
„Meine Frau hat, soviel ich vom Vertreter des Konsulats bei seinem
Besuch hörte, alle Hebel in Bewegung gesetzt. Sie hält sich seit
Kriegsbeginn an der französisch-italienischen Grenze auf...“
„Es wird Madame nichts nützen! Hein? Sie haben nie gedient? Sie sind
vierzig Jahre alt. Ein großer, kräftiger Mann... Deutschland würde
auch Ihnen die Muskete in die Hand drücken -- -- Jedem, um seinen
unvermeidlichen Untergang um einige Tage zu verschieben! Wir stehen
bereits am Rhein, mein Herr, unter dem Beifallsklatschen der gesitteten
Welt. Diese tapferen Kosacken haben Breslau erstürmt -- Breslau, eine
der glänzendsten Residenzen Ihres verbündeten Österreichs! -- --
Helgoland verneigte sich vor dem Donner der britischen Geschütze...
Ihre Flotte ist da unten, bei den Fischen...“
„Es ist nicht wahr...“
„Hier die letzten französischen und englischen Zeitungen! Lesen Sie!“
„Ich danke!“
„Kurzum: Ihr Schicksal ist entschieden! Warum kamen Sie kurz vor
Kriegsausbruch nach Frankreich? Niemand lud Sie ein!“
„Doch!... Jaurès selbst!“
„Monsieur Jaurès ist tot!“
„Ein Pro-Boche!“ sprach verächtlich der kleine, dicke, schwarzhaarige
Hauptmann. Er hatte bisher als Beisitzer nur Zigaretten geraucht und
teilnahmlos auf den Hafen hinausgeblickt.
Hugo Martius richtete seine stattliche, vollbärtige Erscheinung auf.
Die französische Sprache gehorchte nicht so dem Wohllaut seiner
Beredsamkeit, wie ihm sonst das Deutsch von den Lippen floß, aber es
klang doch stark und überzeugend, als er sagte:
„Die Sache des Völkerfriedens führte mich mit Gleichgesinnten aller
Nationen in Paris zusammen...“
„Deutschland und der Frieden...“
Der Schreiber lachte. Der Kommissar. Selbst der Hauptmann.
„Beinahe ein halbes Jahrhundert, meine Herren, hielt Deutschland den
Frieden. Rußland bekriegte die Türkei und Japan. Italien bekriegte
die Türkei und Abessinien. Die Balkanstaaten bekriegten die Türkei
und einander selbst. Amerika bekriegte Spanien. England bekriegte die
Buren, nahm Ägypten und den Sudan. Frankreich ging nach Tonking und
Tunis, nach Madagaskar und Marokko. Deutschland allein zog in zwei
Menschenaltern nicht das Schwert gegen seine Nachbarn!“
„Deutschland und der Friede! Ich beglückwünsche Sie, mein Herr
Deputierter, daß Ihnen der Humor noch nicht ausging!“
„Es hätte das Schwert oft genug furchtbar ziehen können. Es konnte sich
am Tage von Faschoda im Bund mit England vernichtend auf Frankreich
stürzen. Es tat es nicht. Es konnte sich vor zehn Jahren auf das durch
Niederlagen und Aufruhr wehrlose Rußland werfen. Es tat es nicht. Es
konnte im Burenkrieg Englands Macht für immer brechen. Es tat es nicht!“
„Genug, mein Herr!“ Der Kommissar gähnte und stand auf. „Man wird die
Erde jetzt für immer von der Kampflust der Pickelhaube befreien! Ihr
Fall ist erledigt. Sie schließen sich morgen mit den drei Anderen, zur
Nachprüfung Zurückgehaltenen, dem Transport nach Korsika an...“
„Nun gut!“ sagte Hugo Martius. „Ich bitte nicht für mich! Aber Sie
haben unter den Zivilgefangenen, die Sie dorthin senden wollen, Männer
von sechzig Jahren...“
„Oh, noch ältere, mein Herr!“
„Das Fieberklima dieser Insel wird sie hinraffen!“