Sie umarmten sich und küßten sich nach Moskowiterart rechts und links

auf die Wangen. Nicolai von Schjelting dachte dabei: ‚Was er für heiße

Backen hat!‘ Dann erriet er den Zusammenhang und sagte sich beim

Anblick des brutalen, dicken Kerls: ‚Nun -- der Generalissimus sieht

sich seine Leute an! Er weiß, wen er prügelt und wen nicht!‘

„‚Er‘sitzt hier in Insterburg und ist damit beschäftigt, Ostpreußen

unserem Mütterchen Rußland einzuverleiben!“ sprach die Exzellenz in

der schmutzigen weißen Sommeruniform bitter. „Weiter sieht und hört er

nichts. Und man hört es doch deutlich genug!“

Jetzt, wo es einen Augenblick still war, grollte dumpf aus weiter,

weiter Ferne ein Rollen.

„Ein Gewitter!“ sagte Schjelting zerstreut und fuhr sich nervös mit der

Hand über die Augen. „Gut. So bekommt Ihr Wasser. Man erzählte mir, die

Wasserleitung hier sei in die Luft geflogen...“

„Ja. Ein Gewitter... Es scheint, es gibt viele Gewitter in diesen

Tagen... In Gilgenburg ... in Ortelsburg ... bis Johannisburg hin... Du

hörst es von Nikolaiken bis Tapiau, Bruder!... Freilich! Wie sollten es

nicht Gewitter sein? Der September ist heiß!“

Ein Flügeladjutant kam sporenklirrend den Gang neben dem

Wirtschaftsvorraum entlang. Er war wie aus dem Ei gepellt und legte den

Kopf nach Petersburger Art etwas zur Seite, während er lächelnd und,

aus Ehrfurcht vor der höchsten Person lispelnd, zu Schjelting sagte:

„Sie haben das Glück, von Seiner Kaiserlichen Hoheit empfangen zu

werden!“

„Ich danke, Knjäs!“

„Nun ja... Sie zählen zu den hohen Günstlingen!“ Der General winkte

einer Droschke. „He... Fuhrmann ... fahre hier vor!... Mich behandelt

man wie einen Dwornik! Aber kommt solch Petersburger Herrchen... Nun --

mit Gott!“

Er schnaubte sich kummervoll mit der Hand, murmelte: „Gott hat mich

gestraft!“ und fuhr in dem rasselnden Wagen nach dem Artillerie-Kasino.

Dort speiste jetzt der Stab der Rennenkampf’schen Armee. Der

Tisch-Älteste war ein General mit Bartkoteletten und einem fröhlichen,

rohen und gesunden Gesicht. Er ließ sich eben von der Kasino-Wirtin,

die vor ihm stand, die Speisen vorkosten. Der Generaladjutant seiner

kaiserlichen Majestät von Rennenkampf hatte stets Angst, vergiftet zu

werden.

Der kleine Front-General nahm Platz, langte unwillkürlich nach dem

Schnapsglas, als Begleitung des Vorschmacks, und seufzte. Es gab

kein Wässerchen. Der Alkohol war verboten. Wenigstens hier. Anderswo

verschaffte man sich wohl Likör und trank ihn gewandter Weise „auf

deutsche Art“ aus Kaffeetassen, um kein Aufsehen zu erregen.

„Nun -- es ist ja Einer von unsern Bismarcks eingetroffen!“ sagte der

General mit heiserer Stimme. „Schjelting. Er wurde eben gewürdigt, sich

bei ‚ihm‘ vorstellen zu dürfen!“

„Schjelting!“

Viele dieser weltläufigen, den Petersburger und Moskauer

Fürstengeschlechtern und dem baltischen Adel entstammenden Offiziere

kannten ihn.

„Ah... Schjelting ... von woher kommt er?“

„Wie ist es mit ihm? Was sagt er?“

„Er ist wie ein Träumer ... sieht an Euch vorbei ... hört kaum, was man

spricht...“

Ein bebrillter Adjutant war dienstlich oben an den Tisch getreten,

Papiere in der Hand. Der Oberbefehlshaber überlas die Todesurteile

gegen den Unteroffizier Babikoff und die Gemeinen Tupik und Mokrij

wegen Plünderns und unterzeichnete.

„Heute Nachmittag zu vollstrecken! Das schuldige Regiment wird an den

Leichen vorbeidefilieren.“

„Die nach uns kommen, werden nicht so streng sein!“ sagte ein

Rittmeister von den vornehmen Grodnoer Husaren, der den Arm in der

Schlinge trug, halblaut zu seinem Nachbar. Sie kannten ihre slawischen

Brüder, diese dumpfen, ungezählten Massen, die jetzt erst fern im

Inneren des Zarenreichs von Omsk und von Turkestan und vom Amur, wie

ein lehmfarbig trüber, angeschwollener Strom von auf Erden noch nicht

erlebter Größe sich gen Westen wälzten.

„Da kommt ja Schjelting!“

Man schaute durch die Fenster. Nicolai von Schjelting überschritt eben

die Straße. Zu Fuß. Seltsam. Das tat ein russischer Edelmann nur, wenn

er nicht richtig im Kopf war. Den hielt er vornübergesenkt, blickte in

Gedanken vor sich auf das holperige Pflaster.

„Du sprachst wahr, Andrej Konstantinowitsch... Er sieht wunderlich aus!“

„Wie ein Träumer!“

„Er sollte doch froh sein! Seine Ziele sind es doch, die sich jetzt

erfüllen! Zehn Jahre sah man ihn tätig. Er war unser Windhund auf dem

Balkan...“

„... und verdarb sich den Magen bei den Engländern...“

„... war mit diesen Eintagsfliegen von Pariser Ministern ~ami et

cochon~...“

„... und küßte den kleinen Bürgersfrauen, ihren Gattinnen, die Hand!“

sagte ein Anderer lachend, der das blauweiße Band des Andreas-Ordens

trug.

„... und nahm sich selber diese schöne Belgierin als ~amie et

alliée~...“

„Ein Glückspilz! Ein Hauptkerl!... Nun: willkommen!... Nun hört man

doch Etwas aus der großen Welt... Was bringen Sie Gutes...?“

Nicolai Schjelting hatte sich gesetzt und sagte unvermittelt:

„Was habt Ihr Euch hier für eine gewitterreiche Gegend ausgesucht...“

„Wie denn Gewitter...?“

„Es ist schwül draußen. Es donnert überall im Südwesten und Süden!“

Die im weißen Waffenrock lachten. Hier, im Stimmengewirr hinter

geschlossenen Fenstern hörte man nichts. Und auch, wenn man draußen

fuhr, übertönte das Rasseln der Räder jeden anderen Lärm. Schjelting

hob unruhig die großen und klugen grauen Augen.

„Belieben Sie mir zu sagen: Wo stehen eigentlich die Deutschen?“

Sein Nachbar zur Linken, ein General mit einem Bart, der so lang war,

wie der eines Moskauer Mönchs, wies unbestimmt in die Ferne und meinte

mit tiefem Kirchensängerbaß:

„Gott allein weiß, bis wohin sie zurückweichen! Sie liefern nur noch

Nachhutgefechte!“

„Wilhelm hat ihnen einen neuen General geschickt!“ rief lachend Einer

oben am Tisch.

„Wie heißt er?“

„Chindenburg...“

Chindenburg..? Chindenburg..? Nun gut! Man beruhigte sich über

Chindenburg, lächelte, frug Schjelting:

„Und wo waren Sie in diesen Tagen der allrussischen Sammlung?“

„In Deutschland.“

Allgemeines Erstaunen.

„In Deutschland?... Wie ist es möglich?... erklären Sie...“

„Ich habe dort die Mobilmachung erlebt...,“ sagte Nicolai von

Schjelting mit einem dumpfen und sonderbaren Ernst.

„Man hat Dich nicht aufgehängt, Freundchen?“

„Lacht nicht ... laßt ihn doch...“

„Man ließ mich über die Grenze nach Holland. Ich wollte von da nach

Belgien. Unmöglich. Überall die Deutschen.“

„An allen Straßenecken Insterburgs klebt eine Krons-Depesche!“ sagte

der General mit dem weichen singenden Baß. „Die Deutschen gehen zurück.

Sie ließen allein vor Namur zehntausend Tote liegen.“

„Namur ist in ihrer Hand!“

„Wie das?“

„Ein Leutnant nahm es mit vier Mann!“

Ein Leutnant mit vier Mann eine Panzerfestung... Schjelting sah

besorgte Blicke auf sich gerichtet. Man zweifelte an seinem

Geisteszustand.

„Ob ich den Umsturz in Berlin miterlebt habe?...“ sagte er, immer halb

geistesabwesend, „... oder wo sonst den allgemeinen Zusammenbruch

Deutschlands?... Nichts davon... Es ist Alles anders, als man... Wozu

davon reden...“

„Sie sehen so bleich aus wie die Heiligen in der Lawra. Waren Sie

krank?“

„Ich war. In Kopenhagen warf mich auf der Reise hierher die Aufregung

nieder. Vierzehn Tage lag ich. Dann fuhr ich über Schweden nach

Finnland weiter.“

Sonst gab es in einer Gesellschaft, in der Schjelting war, sofort

Leben. Widerspruch, erregte Gesichter, Stimmengeschwirr, wenn er die

bunten Leuchtkugeln seiner Doktrinen steigen ließ. Jetzt schwieg er

wieder und starrte vor sich hin.

„Gott gab uns die Zunge zum Reden!“ sagte der Stabsrittmeister

Kudriascheff. „Wie ist’s? Meine Frau schickte mir englische Zeitungen

aus Petrograd. Fanden Sie das überall in Deutschland, daß sich die

Reservisten weigerten, einzurücken? Warum lachen Sie denn?“

„Nun -- erlauben Sie mir doch zu lachen!“ sagte Nicolai von Schjelting.

„... daß die Krupp’schen Werke von den Arbeitern angezündet sind?“

forschte Fürst Donskoi.

„Schjelting lacht immer nur, dieser Spitzbube!“

„Er weiß mehr, als er verrät!“

„... daß Bayern seine Neutralität erklärt hat...?“ erkundigte sich der

Generalarzt Professor Dr. Moskwin, der selbst seine wissenschaftlichen

Kenntnisse München und Heidelberg verdankte.

Schjelting fuhr aus seinem Brüten auf und machte eine unruhige,

abwehrende Handbewegung.

„Beliebt, mir das Erzählen zu erlassen!... Ich kann nichts sagen... Ich

weiß es selbst nicht, was da war...“

Ein Schweigen. Dann rief der Generalstabs-Major Prokofjeff:

„Die Deutschen haben ihm Etwas eingegeben! Er ist wie vertauscht!“

„Macht nichts! Wir werden bald selbst sehen... Am ersten Oktober alten

Stils sind wir in Berlin...“

„Ich habe mit Winogradoff von den Chevaliergarden gewettet. Er meint,

erst am fünfzehnten!“

„Er ist mattherzig, weil die Gardekavallerie so viel Verluste hatte!“

„Wer hieß sie auch, die preußische Artillerie von vorn zu attakieren?“

„Höre doch: Man dachte...“

„Man dachte nichts! Jetzt ist von der ersten Kürassierbrigade nichts

mehr übrig... Der Großfürst Oleg tot. Da hast Du’s!“

Man war eine Sekunde nachdenklich, in Erinnerung an diese Verheerung

unter der Blüte des russischen Adels. Dann meinte der Major Prokofjeff:

„Wenn uns nur die Engländer nicht schon an der Elbe empfangen!“

„Zuzutrauen ist es ihnen, diesen Teufelskerlen!“

„Ein Engländer gilt für zehn Deutsche! Kein Deutscher hält vor den

fixen Jungen, den Tommys, Stand!“

„Woher wißt Ihr das?“ frug Schjelting.

„Die Engländer sagen es selbst!“ rief der Stabsrittmeister Kudriascheff

frohlockend. „Es steht in den ‚Times‘! Hier... Bitte...“

Nicolai von Schjelting seufzte und stand mit umdüsterter Miene auf.

„Es tut nicht not! Ich werde bald die ‚Times‘ auf der Straße kaufen.

Ich gehe in den nächsten Tagen wieder in besonderem Auftrag nach London

und Paris...“

Man kannte seine hohen Gönner. Er war der kommende Mann, wenn er

auch jetzt sehr leidend schien. Man sah ihn schon, nach dem nahen

Triumph, aus dem Salonwagen auf die hölzerne Plattform des Bahnhofes

von Gatschina steigen, ehrerbietig auf dem Weg zum Zaren von allen

Beamten und Gensdarmen begrüßt, man sah ihn im Auto, von Sebastopol

her, in sausender Fahrt die Windungen hinter Baidar Thor hinab zum

blauen Glyciniengerank des Kaiserschlosses Livadia am Krim’schen

Meer. Man verabschiedete sich achtungsvoll von ihm und schüttelte

erst hinterher den Kopf, als er in die Stadt hineinging. Wieder zu

Fuß. Da hörte man dies unaufhörliche ferne Brüllen der Sommergewitter

besser. Sie schienen sich immer weiter nach Süden zu ziehen. Hier

störte das Niemanden. Die russischen Soldaten von dem baltischen

dritten Armeecorps in Wilna, von denen viele Letten Deutsch konnten,

standen in den Läden und feilschten so hartnäckig, wie sie es bei ihrem

Generalissimus Nicolai selbst gesehen, um Tabak und Ansichtskarten.

Nach der Bahnhofstraße zog eine Schwadron der Grodnoer Husaren auf

ihren weißen Pferden. Schjelting rief einen der Schimmelreiter an:

„Seid Ihr auf dem Marsch zum Regiment?“

„Dies ist das Regiment!“

„Und die Anderen?“

„Alle tot!“

„Und Ihr?“

„Man ruft uns nach Petrograd zurück!“

Nicolai von Schjelting ging weiter. Er dachte sich: dieser Bauer

zu Pferd hat etwas Gottergebenes. Sein... Nichtsein... Sieg...

Niederlage.... Wie Gott will... Alles gleich... Was ist das Leben? Es

ward befohlen, zu kämpfen, zu bluten, zu sterben!... Gewiß ... dafür

bist Du ein Muschik. Ein Stück geduldige, russische Erde... Aber

vor seinen Augen stand ein wildtosendes, grimmsprühendes feldgraues

Gewimmel statt dieser feldbraunen Ergebung in das Schicksal, in seinen

Ohren hallte ein eherner Trutzgesang von Zehntausenden statt dieses

slawischen Schweigens, in dem die endlose Winterstille verschneiter

Dörfer in weltfernen Steppen wohnte. Er fröstelte, als sei es Winter,

trotz der Septemberhitze und der Glut der schwälenden Brandstätte

gegenüber. Gensdarmen wachten und verhinderten das Löschen. Die

Brasche’sche Fabrik war auf Befehl des Gouvernements angezündet worden.

Weiter zum Bahnhof hin, an der langen Seitenmauer, klebte ein Aufruf

des Generalissimus an die Polen. Nicolai Schjelting stellte sich davor

und übersetzte es sich aus dem Polnischen: „...Mit offenem Herzen, mit

brüderlich ausgestreckter Hand kommt Großrußland Euch entgegen. Der

Morgenstern eines neuen Lebens geht für Euch auf...“

„So? Das ist mir ein feiner Vogel ... lacht vor den allerhöchsten

Erlassen...“

Eine Hand zupfte ihn scherzhaft am Ohr. Der Staatsrat und Hofmeister

Morskoi stand neben ihm. Der wohlbeleibte Herr trug die kleine Uniform

eines hohen Zivil-Tschinowniks. Er wischte sich den Schweiß aus dem

roten, vom schwarzgefärbten Kinnbart umrahmten Gesicht.

„Trifft man Sie endlich!... Man sagt mir, Sie sind da ... kommen aus

Deutschland ... ich gestern aus Dwinsk. Man fährt ja nun schon mit der

Bahn bis hierher nach Insterburg... Lange sahen wir uns nicht, Nicolai

Wassiljewitsch!“

„Zuletzt in diesem April in Moskau.“

„In Kiew.“

„Im Petrowski-Dwor in Moskau!“ sagte Schjelting hartnäckig. „Dieser

alte Teufel, dieser Deutsche, saß noch hinter uns.... Mit seiner

Tochter...“

Es ging ihm durch den Kopf: Wie lang ist das her und doch nicht ein

halbes Jahr ... da fing es an ... warf mich aus der Bahn ... man wird

willenlos ... wird mitgerissen ... ich habe keine Frau mehr ... habe

noch nicht sie, die Andere... Mein Reichtum ist mit den Belgiern hin

... mein Boden ist die große Zukunft... Aber was soll dies Zittern

unter den Füßen?... dieser plötzliche Schwindel? ... so als ob Alles um

Einen schwankte?...

Der Hofmeister rieb sich befriedigt die großen weißen Hände.

„Alles steht gut, durch Gottes Gnade!... Sie sollten unser Petrograd

sehen!... Diese Macht des slawischen Gedankens, für den Sie und ich und

wir Allrussen seit Jahren stritten... Wehe, wer auf dem Newski noch

ein Wort Deutsch spricht! Man reißt die deutschen Firmentafeln ab...

Man schließt die deutschen Läden ... man verhaftet alle Deutschen ...

schickt sie nach Sibirien, Männer, Frauen, Kinder... Zehntausende sind

schon unterwegs...“

„Auch die deutsche Botschaft wurde gestürmt?“

„Sie wurde von Grund aus zerstört und der örtliche Beamte erschlagen...

Beklagenswert... Aber wer zügelt die russische Kraft?... Nun erst

erkennen wir sie ... sehen, wieviel Freunde wir haben... Man küßt in

Petrograd die Franzosen, man schüttelt den Engländern die Hand, man

grüßt die Amerikanski, man ist in einem Rausch... Ohne ein Tröpfchen

Wodka ... wie durch ein Wunder der Heiligen Dreifaltigkeit...“

„Man merkt es Ihnen an, Wassili Andréitsch!“

„Jedem im Mütterchen Rußland, vom Gossudar bis zum letzten Barfüßler!

Nur Ihnen nicht! Was ist Ihnen?“

„Etwas fehlt!“

„Nennen Sie es! Ich werde Sorge tragen! Man wird es anschaffen!“

„Es hat keinen Namen...“

„Wie das?“

„Es ist Alles da! Sehen Sie den Soldaten da ... dieses Lederzeug ...

diese Schuhe... Nichts wurde diesmal vernachlässigt... Niemals wurden

solche Anstrengungen gemacht. Wir haben beinahe mehr Offiziere als

Napoleon vor Moskau Soldaten...“

„Drum vorwärts mit Gott!“

„Aber Etwas fehlt...“

„Sie sind sehr klug, Nicolai Wassiljewitsch. Das brauche ich Ihnen

nicht zu sagen. Man bewundert Sie. Aber vielleicht sind Sie jetzt zu

klug. Sie denken zu viel!“

Nicolai Schjelting scheuchte mit dem Fuß eine Taube, die vor ihm auf

dem Pflaster Körner pickte.

„Da fliegt das Sinnbild unseres Glaubens!“ sagte er. „Der Heilige

Geist. Ihn suche ich!“

„Nun...“

„Es geht nicht ohne ihn. Nicht ohne den Heiligen Geist. Das ward mir

klar.“

„Nun -- diese Stadt hier ist voll von Balten, Fürsten, Garde. Das ist

nicht echte russische Luft. Das echte, das heilige Rußland, unser

Rußland, liegt dort draußen vor dem Feind...“

„Das hoffe ich...“

„Ich bin im Begriff, an die Front zu fahren und unseren Freund aus

Moskau, den General Schiraj, zu begrüßen. Kommen Sie mit? Da wird sich

Ihnen die weite russische Seele offenbaren!“

Die heilige russische Erde, aus der diese Soldaten selbst geformt

zu sein schienen, die da drüben in ihrer seltsamen, halblauten,

fatalistischen Ruhe den Bahnhof erfüllten, diese Muschiks in

Waffen und die vielen Millionen ihrer Brüder, in ihrer erdfahlen

Uniform, ihren erdfarbenen Bärten, ihren erdbraun gebrannten

Gesichtern. Schjelting atmete etwas hoffnungsvoller auf und stieg

ein. Der russische Infanteriehauptmann, der ihm und Morskoi im Auto

gegenübersaß, zeigte auch eine jener fünf, sechs Massentypen, mit denen

die russische Natur ihre sonst nicht zu bewältigenden Menschenmengen

roh und oberflächlich abstempelte und schied. Er hatte eine kleine,

knollige Nase, kleine tiefliegende Augen, war klein von Wuchs. Er

lächelte fortwährend. Warum? Schjelting reizte das. Er frug schließlich:

„Wir fahren schon durch das dritte verbrannte Dorf. Nichts blieb, außer

dem Kriegerdenkmal. Ist es überall so?“

„Es wird wohl so sein... Ich weiß nicht...“

Sie überholten einen Trupp Infanterie. Köpfe tief, tief aus dem

Inneren, zwischen Wolga und Ural. Im Marschieren brachen sie mit einem

mechanischen Handgriff jedes Obstbäumchen am Weg entzwei. Die Chaussee

hinter ihnen war gesäumt von geknickten Stämmchen mit rotbäckigen

Äpfeln. Schjelting schüttelte finster den Kopf. Der Hauptmann lächelte.

Schwerer schwarzer Qualm wälzte sich drüben am Walde. Millionen

roter Funken tanzten in ihm. Darüber das angstvolle Todesflattern

weißer Tauben. Ein großer Herrschaftshof stand da in vollen Flammen.

Dragoner trugen noch armvoll Betten, Leinenzeug, Puppen, Matratzen,

Damenkleider, Schaukelstühle, Wasserstiefel aus dem Hause und

verstauten sie auf den Leiterwagen. Ein paar galoppierten den Weg

heran, zwischen ihnen in langen, flüchtigen Sprüngen ein Dutzend edler

ostpreußischer Remonten. Der vierschrötige kleine Hauptmann lachte aus

vollem Hals...

„Krieg!“ sagte er, wie ein Naturkind, das sich an Etwas ergötzt.

„Gehen Sie gern in den Krieg?“

Der halbasiatische Hauptmann zündete sich eine Zigarre an und schnitt

eine Grimasse. Er war nur an Papyrossen gewohnt. Dann spuckte er aus.

„Man dachte nur an Österreich und Serbien. Wir sollten inzwischen

Deutschland in Angst halten. Unseren dicken Stabsoffizieren wäre es

recht gewesen. Die schönen Mobilmachungs-Rubelchen ohne Strapazen...

Sie verstehen?...“

„Und jetzt?...“

„Jetzt?... Es ist befohlen. Es ist auch so recht...“

Und wieder sagte Schjelting unvermittelt, nach langem Schweigen, zu

Morskoi:

„Es fehlt Etwas...“

„Petró ... paß auf, Du!... He!“

Der Hauptmann hatte es zu dem Wagenführer hinaufgerufen. Die

schnurgerade Chaussee nach Nordenburg lag vor ihnen plötzlich voll von

Baumstämmen. Hunderte und Tausende von russischen Soldaten arbeiteten

in fiebernder Hast am Fällen der prachtvollen Ulmen. Da waren sie in

ihrem Element. So waren sie oft genug im roten Hemd, die Axt im Gürtel,

als Bauern in den Wald gegangen. Sie hieben die Zweige ab, bauten

kunstvolle Astverhaue längs des Straßengrabens.

„Das sieht ja nach Verteidigung aus!“ sagte der Moskauer Staatsrat

stirnerunzelnd. „Wie das? Man erwartet doch nicht den Feind?“

„Ich weiß es nicht...“ sagte der Hauptmann.

Und Schjelting dachte sich: Ja ... ich weiß es nicht... Wo hört man es

nicht bei uns ... dies: ich weiß es nicht! Niemand weiß Etwas... Alles

ist unbestimmt... Alles verschwimmt... Von irgendwo wird befohlen...

Sie machten einen scharfen Bogen und fuhren gegen Gerdauen weiter,

nunmehr genau in die Richtung nach Deutschland hinein. Das dumpfe,

schwere Grollen umher wurde jetzt mit jedem Kilometer stärker. Wenn

das Auto hielt, hörte man es vor sich, rechts, noch heftiger links,

scheinbar von allen Seiten. Schjelting und Morskoi hatten nie gedient.

Aber sie sahen sich trotzdem fragend und besorgt an. Der Hauptmann vor

ihnen lächelte und rauchte. Träumerisches Asien war in seinem Blick.

Der Bahnhof von Gerdauen lag vor der Stadt. Ihm gegenüber flammte das

große Kreishaus, das Landratsamt, die Reichspost... Die Güterschuppen

längs der Schienenstränge standen in Brand. Glühende Getreidewirbel

hoben sich knatternd gleich Raketen in die Luft, verkohlten noch im

Fallen das verhungerte Vieh, das draußen in den Sumpfwiesen lag. Es war

eine Hitze wie in einem Backofen. Mitten darin stand ein nagelneuer

Petersburger Sanitätszug, weißlackiert, mit rotem Kreuz. Die Soldaten

liefen und schleppten und stopften ihn im Schweiß ihres Angesichts

voll mit Pflügen, Eggen, Heuwendern, Weinkisten, Zuckerhüten,

Kleiderbündeln. Der Offizier, der dabei stand, strahlte. Er kannte den

Hauptmann im Auto und reichte ihm die Hand.

„Wie wird sich meine Fenitschka freuen! Ich schicke ihr eine ganze

Ausstattung für unsere Datsche bei Jekaterinoslaw. Sogar ein Klavier

fand sich! Da steht es in der Ecke unter den Kopfkissen. Sie kann doch

spielen. Sie lernte es in dem Pensionat in Odessa. Tafelgeschirr. Ein

amerikanischer Lederstuhl. Selbst eine Spieluhr für meinen kleinen

Fedka. In Öl gemalte Bilder. Hübsche Hörnerchen von Waldziegen.

Ein Photographie-Album... Ich nahm nur die Bilder dieser deutschen

Windhunde heraus. Nichts ist vergessen.“

„Und das nehmt Ihr Alles mit?“ frug Schjelting.

„Wie denn? Es ist doch Krieg!“

Naive Genugtuung lag in seinen Worten. Da waren tausend Dinge. Die

hatte man bisher nicht. Nun durfte man sie nehmen. Sie gehörten ja den

Deutschen. Endlich erlaubte es der Zar. Schjelting dachte sich: Für

Euch da ist das Alles nur ein Europäischer Pogrom. Mehr begreift Ihr

nicht. Jeder sackt ein, was ihm Gott beschert! Und der Offizier auf dem

Bahnsteig bestätigte das auch, nicht ohne Neid, indem er sich zu dem

Hauptmann wandte.

„Prjanikoff... Du weißt: Der Lange ... der mit dem Ziegenbart ... der

kann lachen! Er kommt in ein verlassenes Adelshaus... Man zündet

es an... Was findet er, schon im Weggehen?... Ein ganzes silbernes

Tafelgeschirr, der Glückspilz...“

„...Und das Alles stopft Ihr in die Wagen mit dem roten Kreuz?“

forschte Schjelting finster.

„... auf sie allein schießen die Deutschen nicht. Sie sind ja so

dumm!... Bald fahren wir ab!...“

„Warum denn? Kommt denn der Feind...?“

„Man weiß es nicht...“

Sie sausten weiter. Umgestürzte Flüchtlingswagen lagen am Weg.

Zerwühlter, ärmlicher Hausrat. Große Blutlachen. Schjelting dachte

sich: Kaum eine Stunde Fahrt liegt zwischen Insterburg und Asien --

da, wo Ihr nicht seid, Nicolai und Rennenkampf ... liegt zwischen Euren

Garden und der breiten russischen Seele hier. Von ihr und ihrer Art des

Kampfs seht Ihr nur, was Ihr wollt...

Immer wieder rauchende Scheunen, die Brandmauern von Domänen, eine in

die Luft gesprengte Kirche... Ein betäubender Gestank von faulenden

Karpfenmassen im Schlamm des nutzlos abgelassenen Teichs. In einem

leergeplünderten Entenweiher schwimmend ein halbaufgelöstes Ding

wie eine Mumie, das die Kosacken aus der Ahnengruft gerissen und

hineingeworfen hatten. Schjelting schlug sich zornig auf das Knie:

„Was soll das Alles?“

Der Hauptmann lächelte ein Lächeln, nun schon mehr vom Amur als von der

Wolga.

„Krieg heißt nicht, daß wir uns wie die Schweine benehmen!“... sagte

Nicolai von Schjelting. Der Andere warf ihm einen tückischen Blick

zu. Darin hob sich Etwas empor, von Asien, aus Tatarensteppen --

gegen diese feinen Petrograder Herrchen -- -- gegen diese Westlichen

... oh -- wartet nur! Auch Eure Zeit wird kommen! Auch Euch wird man

verjagen ... später... Alles, was nicht Rothemd und Bastschuhe trägt...

Die Straße entlang galoppierten Dragoner, krumm wie die Fiedelbogen,

mit hohen Knieen, die struppigen Klepper ihre Sternguckerköpfe steil in

der Luft. Die Kerle sahen aufgeregt und unruhig aus. Man konnte nichts

Rechtes von ihnen erfahren. Auf der Bahn da vorne, die von Gerdauen

gegen Allenstein hinführte, rollte langsam, dichthintereinander,

Zug auf Zug, gegen Norden, rückwärts. Es lag Etwas in der Luft,

eine Unbestimmtheit ... eine Ungewißheit ... ferner Donner durch die

Schwüle... Schjelting sagte sich wieder: Kaum eine Stunde zwischen

Insterburg und hier... Wißt Ihr denn wirklich, Ihr dort hinten, Nicolai

und Rennenkampf, was hier vorne vorgeht...? Und nicht nur in der

russischen Seele?

Das deutsche Wunder: Roman · 第 22 / 29 段