Zögernd legte sie mit Paul Isebrink die letzten Schritte zu der

hellerleuchteten, offenen Veranda des Restaurants am Lenbachplatz

zurück. Innen war es gedrängt voll. Uniformen, farbige Damenkleider,

helles Sommerzivil der Herren. Die Musikkapelle spielte die

Nationalhymne. An einem langen Tisch, zwischen Blumen und Sektflaschen,

saßen abfahrtbereit die preußischen und die bayerischen Offiziere mit

ihren Kameraden und ihren Damen. Der Flieger Graf Vläming war lang und

ernst auf einen Stuhl gestiegen und spähte durch das Monocle auf den

Platz.

„Na endlich! Immer unpünktlich, Isebrink! Nur noch zwanzig Sekunden.

Los!“

Draußen auf der Straße war neuer Jubel. Ein mächtiges, kanariengelbes,

offenes Reise-Automobil war vorgefahren. In Friedenszeiten beförderte

es wohl zähnestochernde amerikanische Krösusse von den Münchner

Hotelpalästen zwischen Breakfast und Dinner nach Hohenschwangau und

zurück. Jetzt war es mit Feldkoffern und Ersatzreifen vollgepackt,

Aushilfs-Benzinkanister für ununterbrochene Eilfahrt füllten den Boden,

auf dem Wagenschlag stand mit schwarzer Farbe: „Nach Petersburg!“

Der Herrenfahrer in der Uniform des Freiwilligen-Automobilcorps, den

Hirschfänger an der Seite, kurbelte eigenhändig die schwere Maschine

an. Graf Vläming stand neben dem bayrischen Fürsten und schrie durch

das Donnergerassel:

„...’rin in die Hochzeitskutsche, wenn ich gehorsamst bitten darf!“

„Hurrah!“ „Gute Reise!“ „Kriegsheil!“ Die Musik spielte:

„Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd...“

Und wenn es auch kein Pferd, sondern ein Auto war, so sang doch der

Pilot Graf Vläming begeistert mit. Er lehnte, über die Menschheit

erhaben, breitbeinig hoch auf dem Führersitz des Autos an der

Windscheibe und sang:

„Da tritt kein Anderer für ihn ein!

Auf sich selber steht er da ganz allein!“

Und dann:

„Los, Isebrink!“

Paul Isebrink zog Inge an sich. Jetzt durften sich, auch vor den

Leuten, Jeder und Jede küssen, zum Abschied, fast schon vor dem Feind.

Endlich klatschte der lange Junggeselle mit dem Einglas oben ungeduldig

in die Hände. Da drückte er ihr noch einmal die Hand und sprang mit

einem Turnersatz in den schon vollbesetzten Wagen.

„Also halt’ Dich bereit! Sowie eine Depesche kommt, los! In vierzehn

Tagen ist Trauung!“

Sie nickte und lachte tapfer. Und ebenso die anderen Damen um sie. Vorn

hallte die Doppelfanfare des Oberkommando-Rufs. Der Kraftwagen setzte

sich in Bewegung und schoß durch die menschenwimmelnden Straßen, durch

Hüteschwenken und Zurufe hinaus in die Nacht, dem Osten zu...

Die Damen waren eine Weile ganz still, wie betäubt. Sie hatten noch das

Abschiedlachen auf den Lippen und feuchte Augen. Es war so plötzlich

gegangen. Nun war auf einmal die große Leere da. Das Frösteln der

Verlassenheit. Die Männer fort, die Verlobten, hinaus ins Unbekannte.

Die Angst und Liebe und Stille in Einem. Und ringsherum wie bisher, die

vaterländischen Weisen der Musik, Kellnergelaufe, Stimmengeschwirr an

dicht besetzten Tischen.

Von einem dieser Tische, an dem nur zwei Herren saßen, flog ein Blick

zu Inge Tillesen hinüber. Ihre noch nassen Augen trafen sich mit den

großen, grauen dort drüben, weiteten sich in ungläubigem Zorn. Sie war

auf einmal völlig bei sich. Eine rasche Röte lief über ihre Wangen.

„Das ist also doch zu toll!“ sagte sie zu der Hauptmannsbraut neben

ihr. „Können Sie sich vorstellen, daß sich ein Russe, ein richtiger

Russe, ganz ruhig hier mitten ins Lokal setzt?“

„Ein Russe?“

„Ein Herr von Schjelting. Dort hinten an dem Tisch. Den Andern kenn’

ich nicht!“

„Ist er denn verrückt?“

„Ich glaube, er hat die wahnsinnige Idee, daß die Bayern neutral

bleiben! Wenigstens sagte er vorgestern so Etwas in Wiesbaden!“

„Sind Sie auch ganz sicher, Fräulein Tillesen?“

„Gott ... ich kenn’ doch den Menschen! Sehen Sie doch nur das

dünkelhafte Gesicht!“

„Aber er trägt doch das amerikanische Abzeichen im Knopfloch!“

An den Tischen um Schjelting herum betrachtete man wohlwollend die

Sterne und Streifchen des kleinen eingenähten Fähnchens auf seiner

Brust. All die Tausende von Yankees in München und ihre Frauen und

Töchter hatten es. Der Münchener Bürgersmann freute sich, wenn er sie

sah und ihnen irgendwie gefällig sein konnte.

„Damit kann er freilich noch lange hier ungestört herumlaufen!“ sagte

Inge Tillesen entschlossen. „Wo ist denn Ihr Bräutigam?“

„Im Saal drinnen! Er hat sich zu den Schweren Reitern gesetzt!“

„Bitte holen Sie ihn! Ich verliere inzwischen den Russen nicht aus dem

Auge!“

„Und dann...?“

„Dann lassen wir ihn verhaften! Ganz einfach!“

Das junge Mädchen drängte sich nach dem Saal. Sie kam nur langsam

vorwärts. Inge blieb am Eingang auf Posten. Auf Nicolai Schjeltings

länglichen, nervösen Zügen bemerkte sie, während er wieder einen

blitzschnellen Seitenblick herüber warf, eine plötzliche Unruhe, dann

sah er wieder schweigend und brütend in den deutschen Jubel um sich,

die wild erwachte Lust der Lieder und der Waffen, mit einem ungläubigen

Staunen im Blick, wie es Inge nie an ihm beobachtet hatte. Sie zitterte

vor Ungeduld. Vor ihr schwatzten zwei biedere Münchner beim Bier von

den Buren.

„Drüben, auf dem Balkon vom Bayerischen Hof, hat er dazumal gestanden,

der Botha. Geweint hat er, der dicke, große Mann! Zweiunddreißigtausend

Markl haben’s ihm an dem einen Nachmittag ins Hotel gebracht, die

Münchner... Sie, Herr Nachbar, dös haut! Dös war damals um Gottes Lohn.

Aber keine Guttat is umsonst: Wenn’s jetzt wirklich mit den Engländern

auch losgeht, nachher reden der Botha und die Buren auch ein Wörtel

mit!“

„Ich hab’ mehr Fiduz auf die Japaner!“ sprach der Andere. „Die haben’s

eh schon im Schwung, wie man d’ Russen drescht! Die haben ’was bei uns

gelernt! Klein san’s, aber a Schneid haben’s schon. Na, zur Gesundheit!“

Er hob sein Glas und trank freundlich lächelnd zweien der vielen

japanesischen Studenten Münchens am Nebentisch zu. Die gelben Geschöpfe

wußten, was sich gehörte. Sie kamen grinsend nach deutscher Art nach.

Draußen war wieder Lärm und Jubel. Ein Zug begeisterter junger Leute

marschierte vorbei. Sie kamen vom italienischen Generalkonsulat,

wo sie Hochrufe auf den Verbündeten jenseits der Alpen ausgebracht

hatten. Nicolai Schjelting wandte nachlässig den Kopf nach ihnen. Sein

spöttisches, sonderbares Lächeln machte Inge wütend. Wieder spähte sie

nach dem Hauptmann. Da ... endlich...!

„Wo ist denn der Verbrecher, Gnädigste?“

Der kleine, elegante Herr von Hellfried hatte sich zu ihr

durchgearbeitet. Ein paar andere Offiziere und ein Herr in Zivil hinter

ihm.

„Dort am Tisch!“

Sie wies es unauffällig mit dem Kopf. Zugleich schoben sich neue

Menschenwellen dazwischen und sperrten den Ausblick. Studenten von dem

Demonstrationszug zu Ehren Italiens draußen. Die Musik empfing sie mit

der Marcia reale, der italienischen Königshymne. Der Hauptmann wurde

ungeduldig.

„Man kann ja nichts sehen! So: jetzt. Welches ist der Tisch?“

„Ganz in der Ecke!“

„Ja aber...“

„Herrgott ... der Tisch ist leer!“

Nicolai Schjelting und sein Begleiter waren in dem Gedräng

verschwunden. Unauffällig hinaus in die wimmelnde, fiebernde,

brausende, von Zehntausenden belebte Sommernacht, in der sich ihre

Spuren verloren...

XII.

Nicolai von Schjelting’s Genosse an diesem Abend war ein Moskauer Däne,

einer jener Finanzmänner, die sich den mächtigen Schutz der Kaiserin

Mutter und der Kopenhager Clique für ihre Geschäfte im Zarenreich,

im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu Nutze machten. Er war

klein, brünett und hager. Er hatte seine Freunde in dem Petersburger

Minister-Komité, im Reichsrat und in der Gossudarstwennaja Duma. Mit

Schjelting einte ihn der Deutschenhaß. Sie hätten sich trotzdem am

leichtesten deutsch miteinander verständigt. Aber, um nicht durch

dessen fremdartigen Klang aufzufallen, sprachen sie englisch.

„Nun -- Sie brachen so plötzlich auf, Herr von Schjelting?“

Sie gingen in der lauen Sommernacht durch die Ottostraße dahin. Nicolai

Schjelting hatte seine Sicherheit wieder. Etwas gönnerhaften Hochmut

gegen den ~homme d’affaires~ neben ihm.

„Ja wie? Man kann doch nicht ewig sitzen bleiben! Diese Deutschen...“

Herr Niels Poulsen war noch dänischer Staatsangehöriger und also

neutral. Es war ihm, seit dem fluchtartigen Rückzug, in Gegenwart des

Russen mit der Yankee-Schleife nicht mehr ganz behaglich zu Mut.

Schjelting achtete nicht auf das betretene Schweigen des Andern. Er

sagte wieder nachdenklich vor sich hin:

„Diese Deutschen...“

Und dann, in jähem slawischen Stimmungswechsel, seinen Begleiter am Arm

packend.

„Wie ist das? Verstehen Sie das?“

„Was denn?“

„Haben Sie gesehen, wie dies gelbe Automobil vorhin abging? Diese

Offiziere lachten und scherzten. Sie hatten sich mit Blumensträußchen

bestecken lassen. Sie hatten Eichenlaub am Helm und am Wagen. Sie

fuhren in den Krieg mit uns, mit Frankreich, mit England, mit der

halben Welt, so wie man Sonntags auf die Datsche fährt! Belieben Sie!

Was heißt das?“

„Es sind Soldaten!“

„Nun -- und ihre Frauen? Haben Sie bemerkt, daß keine von ihnen beim

Abschied weinte? Auch die jungen Mädchen nicht? Die Bräute? Wie machen

sie das? Sind diese Deutschen von Stein?“

„Vielleicht waren es nur entfernte Verwandte...“

„Es war schon eine Braut unter ihnen!“ sagte Nicolai Schjelting

mit einem sonderbaren Lächeln. „Ich weiß es. Und auch, wem dieses

Gretchen-Herz gehört!“

Er warf den Kopf höhnisch in den Nacken.

„Aber die letzte Stunde des preußischen Militarismus hat geschlagen.

Der Krieg wird diese Kriegskaste verschlingen. Es ist ja nur eine

Handvoll Menschen. Das deutsche Volk hat nichts mit ihr gemein!“

Um die Ecke der Briennerstraße wälzte es sich uferlos, tosend, im

Sturm flutend, wie ein von Blitz und Donner der Berge angeschwollener

Alpenstrom, in der Nacht verschwimmend, von Fackeln erhellt, von Fahnen

überflattert, von geschwungenen Hüten und Tüchern, von Hurrah und

Massengesang überbraust. Der Däne riß Schjelting zur Seite.

„Passen Sie auf! Das Volk reißt Sie mit!“

„Das Volk? Wie denn das Volk?“

„Nun, was ist denn das da?“ Der Andere mußte schreien, um sich in der

tausendfach erschütterten Luft verständlich zu machen, und deutete auf

die endlos in Schritt und Tritt über das zitternde Pflaster ziehenden

Reihen. „Da marschieren junge Fabrikarbeiter und Studenten Arm in Arm,

Handwerker, Ladenverkäufer, Lehrlinge, Mädchen, Frauen aus dem Volk...

Alle aus dem Volk! Wo kämen denn sonst die Tausende her?“

Schjelting nickte.

„Ganz richtig!“ sagte er lächelnd. „Meine These! Sie demonstrieren!

Gegen den Krieg! Gegen den Militarismus!“

„Es braust ein Ruf wie Donnerhall!“ Alle die vorüberzogen, sangen es

aus voller Kehle. Schjelting zuckte zusammen. Er wollte es nicht hören.

„Sie demonstrieren!“ wiederholte er. „Sie rufen die Rechte des Volks

gegen die Machthaber aus!“

Der Däne hatte sich höflich auf Deutsch an einen Herrn im Zylinderhut

gewandt.

„Bitte! Wohin wollen diese Mengen von Menschen?“

„Dort, zum Wittelsbacher Palais, -- den König begrüßen!“

Nicolai von Schjelting drehte mit einer hochfahrenden Bewegung den Kopf

zur Seite.

„Gehen wir!“ sagte er. „Gott mag wissen, was das für Leute sind!

Der Polizeiminister hat diesen Aufzug bestellt. Man hat die Fahnen

geliefert. Die Schreier. Die wahre Stimmung ist anders. Wir haben sie

studiert. Wir wissen die Ergebnisse der Wahlen in Deutschland. Wir

kennen die Unzufriedenheit des Handarbeiters, die Mutlosigkeit der

Intelligenz. Beide gingen bisher nebeneinander her. Nun werden sie sich

gegen den Militarismus vermählen! Ah da ... sehen Sie: da stürmen sie

die Kasernen der Garde.“

Vor den langen blumengeschmückten Fensterreihen des Leibregiments in

der Türkenstraße drängten sich lärmende Haufen. Fast nur junge Männer.

Viele in bloßem Kopf. Im Schurzfell. So, wie sie von der Arbeit kamen.

Sie hoben die Hände. Pochten an die Tore. Riefen. Schutzmannshelme

dazwischen. Nicolai Schjelting trat triumphierend näher. Er hörte, wie

ein dicker Polizist beruhigend sagte.

„San S’ doch stad! Es kommt a Jeds dran! Morgen früh um Acht!“

„Ja -- dös kennt ma! Nachher is wieder alles kumplett!“

„I steh’ seit heut Mittag und wart’, daß S’ mi nehme, bal Einer drin’

schlapp macht!“

„Da kannst nix machen! Es müssen ja net grad die Leiber sein! I fahr’

noch heut’ Nacht nach Nürnberg!“

„Hat’s dort Platz?“

„Dös glaabst!“

„Wart, i kumm mit!“

Ein paar junge Gesellen liefen in langen Sprüngen über die Straße, dem

Bahnhof zu. Ein junger Kaufmann schüttelte den Kopf.

„Nürnberg nimmt seit heute Mittag nichts mehr. Alle Regimenter besetzt.

Ich hab’s telefonisch. Ich reis’ morgen früh nach Metz, zur bayrischen

Brigade!“

„Warum nöt gleich, Herr Nachbar?“

„Ich hab’ net Geld genug! Ich muß erst meine Uhr versetzen!“

„Jetzt i tät’ mi doch schämen, so zu drängen!“ sagte der Schutzmann.

Und dann, auf die Frage des Dänen:

„Bald man sie hier los wird, ziehe sie vor’s Generalkommando oder zu

den Schwollescheh’s!“

„Was wollen sie denn?“

„Aufbegehren tun’s, weil sie nöt glei’ alle als Kriegsfreiwillige

eingestellt werden! Ja, lieber Gott, wann’s immer glei’ zu Zehntausend

ang’ruckt kommen...“

Nicolai Schjeltings Züge zwinkerten unruhig. Er wandte sich jäh ab.

„Kommen Sie, Mr. Poulsen!“

Er schritt hastig die nächste Straße hinab. Zu seiner Rechten, in der

Richtung gegen Nymphenburg, lagen die industriellen Vorstädte Münchens.

Arbeiterviertel. Fabriken. Mietskasernen. Er horchte in die Nacht

hinaus. Sein Gesicht verklärte sich.

„Hören Sie diese fernen, wilden Schreie?“

„Ja. Seltsam.“

„Sie kommen näher. Schreie der Verzweiflung! Nein, der Wut!... Der

Schlachtruf des Volks... Endlich! Ah... Da naht der Aufruhr...“

„Juhu!!“

Es klang wie der Schrei des Steinadlers über Karwendel und Werdenfelser

Land, wie der Ruf des Wanderfalken über Wildem Kaiser und Steinernem

Meer. Weißer Adlerflaum wehte trotzig von den Berghüten. Braungebrannte

Gesichter voll lachenden Schneids darunter, Holzhacker, Jäger, Senner,

Bauernburschen, in grüner Jacke und kurzen Gamslederhosen an gestickten

Trägern, mit nackten Knieen und Wadenstutzen und Nagelschuhen.

Die ersten Kriegsfreiwilligen aus dem Bayerischen Hochland. Die

Vorboten von vielen Tausenden. Schjelting hörte, wie ein Bürger es dem

andern ins Ohr schrie, und dann der, mit einem strahlenden Blick auf

die wilden, stutzengeübten Burschen:

„Wo die Bub’n hinschiassen, da möcht’ i nöt an Franzosen machen!“

Sie sprangen und schuhplattelten im Marsch, klatschten mit der flachen

Hand auf die Schenkel.

„Juhu! Juhu!“ Die ganze Menge jubelte mit, sang, schrie, riß Nicolai

Schjelting in ihrem Brausen fort. Es klang wie eine Stimme. Es war, als

schritte da ein unsichtbarer Riese neben ihm und brüllte ihm in die

Ohren: ‚Ihr habt mich gerufen! Ich bin gekommen. Da bin ich!‘

„Nun -- was sagen Sie dazu, Herr von Schjelting?“

Sie hatten sich aus dem Gedräng herausgearbeitet. Schjelting war etwas

bleich geworden.

„In der Tat: es ist anders, als ich... Ich war oft in München. Man traf

sich hier. Man hatte seine Formeln und Schlüsse für die Stimmung...

In Preußen sieht es jedenfalls ganz anders aus. Berlin ist in dieser

Stunde unzweifelhaft schon in der Hand der Blusenmänner!“

„Oh...?“

„Ich kenne die wahre Seele Deutschlands. Man wird in dieser Nacht

in Württemberg weinen, man wird in Sachsen die Faust gegen die

Militaristen ballen!“

„Meinen Sie?“

„Man wird am Rhein zittern und an der Oder verzweifelt die Kirchen

füllen.“

„Nun -- ich weiß nicht ... ich würde an Ihrer Stelle machen, daß ich

hier nicht festgenommen werde!“

„Wie kann man das? Ich bin nicht wehrpflichtig -- meiner Gesundheit

wegen. Man kann mich höchstens ausweisen!“

„Glauben Sie wirklich, daß man so viel Rücksicht nimmt?“

„Wir nicht! Aber Karl Karlowitsch wohl!“

„Der Deutsche?“

„Ja, er ist doch so pedantisch.“

Sie standen unter der Wölbung des Neuhausertors. Unheimlich ragten

neben ihm die Trümmer des am Abend vorher der Volkswut gegen die

Ausländer zum Opfer gefallenen Kaffeehauses. Drei Stockwerke hoch

war alles, bis auf die Mauern, zerschmettert. Selbst die armdicken,

gußeisernen Kandelaber davor von einer Riesenfaust krummgebogen. Es war

wie der erste rasende, noch blind gegangene und irre geleitete Ausbruch

fürchterlicher deutscher Kraft, die noch kein rechtes Ziel gefunden.

Der Däne betrachtete es unbehaglich. Dann sagte er:

„Gestatten Sie, daß ich es Ihnen als Freund gestehe: es wird mir etwas

unheimlich in Ihrer Nähe... Dies Volk hier... Kann ich Ihnen noch mit

Etwas dienen?“

„~Da swidanje!~“

Zwei Fingerspitzen, die Hutkrempe einen Zoll hoch vom Scheitel. Dann

ließ Nicolai Schjelting den Andern stehen. Ihn verabschiedete man

nicht. Das tat er selbst. Er sagte sich, während er allein weiterging,

verächtlich: Wie soll er nicht Angst haben? Eine Krämerseele... Ein

Rubelraffer... Päh! Ein halber Ausländer außerdem...

Aber dann gab er sich mit einem Frösteln zu: Dieser Mensch aus der

Antichambre des Finanzministers hat mich angesteckt! Wie ist das?...

Man kennt doch die Deutschen!... Man belächelt sie!... Sind sie denn

das noch, diese Menschen hier um Einen...? Sonst waren sie ruhig.

Friedlich. Übertrieben höflich gegen Ausländer. Man machte unter

ihnen, was man wollte. Deutschland war so recht der Ort, um sich gehen

zu lassen. Eben hier in Bayern. Nicht umsonst hatte Iswolsky seinen

ständigen Sommersitz in Tegernsee, Sonnino in Marquardtstein. Aber

jetzt?

Er warf nervös seine Papyros weg. Lieber die Koffer gepackt und davon!

Nein: am besten gleich, so, wie man ging und stand! Er hatte auf

einmal Angst vor München, vor diesem tosenden, brausenden, erbitterten

Bienenschwarm um ihn her. Arbeitsbienen -- ja. Aber sie stachen. Besser

nach Berlin. Dort war man sicher. Wo man ohnedies bald dort einrückte,

wo inzwischen schon der Mann der Straße, dieser aufgeklärte, mit den

Zielen der europäischen Demokratie vertraute Mann des Vierten Standes

sein Veto gesprochen und den örtlichen Machthabern die Gewalt entwunden

hatte...

Er fand sich plötzlich in einem der vollgepfropften Nachtzüge nach

Berlin. Auch draußen auf dem Gang stauten sich noch die Menschen. Um

ihn herum waren lauter junge Männer. Er antwortete englisch auf ihre

Frage, ob er sich bei der zweistündigen Ablösung von Sitzen und Stehen

beteiligen wolle. Ein eleganter, junger, mit Schmissen bedeckter

Student neben ihm sagte:

„Kinder ... quält nie einen Amerikaner zum Scherz! Der hat ja keinen

Schimmer von deutsch! Der Fremdling bleibt sitzen!“

Nicolai Schjelting drückte sich in die Ecke. Er blinzelte nur zwischen

den halbgeschlossenen Lidern. Er dachte sich: Ich habe jetzt keine

Zunge. Nur Augen und Ohren. Aber die werde ich brauchen. Jetzt werdet

Ihr ahnungslosen Deutschen mir Eure geheimsten Gedanken offenbaren...

Eure dumpfe Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung...

Unter denen, die hereinkamen und mit den Anderen die Plätze tauschten,

war ein blondbärtiger Dreißiger. Er ließ sich hinfallen:

„Donnerwetter ja... Das tut gut!“

„Kommen Sie weither?“

„Es geht! Aus Marokko.“

„Bei der Hitze!“

„Ich hatte als Ingenieur für meine Firma zu tun. Urlaub schon

angetreten. Nun komm’ ich grade zurecht. Kolossales Glück!“

„Infanterie?“

„Regiment Elisabeth!“

„Ich bin Ulan!“ sagte der junge Graf. „Aber erst Unteroffizier der

Reserve. Mein Bruder da, mit dem ich eben vom Tiroler Ferienbummel

komm’, hat’s besser. Der ist schon Rittmeister!“

„Aktiv?“

„Nein. Im Hauptamt: Privatdozent der Assyriologie,“ sagte der ernste,

bärtige Herr lächelnd. „Aber ich freue mich recht! Meine Familie hat

durch vier Generationen das Eiserne Kreuz. Nun holen wir’s uns in der

fünften!“

„Was der Amerikaner da ’rüberglupscht! Dabei versteht er doch nicht ’ne

Bohne!“

Nicolai von Schjelting schloß die Augen. Er frug sich: Wie denn? Dieser

deutsche Adel erkennt doch nichts neben sich an. Und doch trinkt da der

Graf mit dem Ingenieur aus einer Flasche! Die deutsche Wissenschaft ist

doch international. Und doch träumt dieser Assyriologe vom Eisernen

Kreuz! Die teutonische Verschwörung geht weiter, als man in der

europäischen Intelligenz dachte...

„Wohin denn, Herr Landgerichtsrat... Verzeihung, Herr Hauptmann?“

Ein großer, breitschultriger Herr war aufgestanden.

„Ich will mir ’mal den Mann da draußen hereinholen, der sieht ja elend

aus! So kommen Sie doch schon!“

„Ich hab’ dritte Klass’!“

„Ach was! Hier giebt’s keine Deutschen erster, zweiter und dritter

Klasse! Hingesetzt. So!“

„Danke, Ihr Herre!... ’s isch so saumäßig heiß...“

„Na, Sie Wüschteberger! Wollen Sie denn nach Berlin?“

„Ja. Ich meld’ mich bei den Preißen!“

Der Neuangekommene war ein einfacher Mann. Schon über die Mitte der

Vierzig. Er wischte sich den Schweiß von der Stirne.

„Mei alter Hauptmann, unter dem ich in Weingarte Unteroffizier war, hat

jetzt ein Regiment in Spandau. Ich hab’s meiner Frau g’sagt: ’s isch so

und bleibt dabei! Ich geh zu mei’m alten Hauptmann!“

„Wie lange ist denn das in Weingarten her?“

„Fünfzehn Jahr! Ich bin schon lang Rentamtsbote im Sigmaring’schen!“

„Der Amerikaner ist gottvoll! Der macht ’n Gesicht, wie ’ne Katze,

wenn’s donnert!“ sagte der kleine Graf halblaut. Nicolai Schjelting

stellte sich schlafend. Er dachte sich: Immer hat man gehört, die

Deutschen werden in den Kasernen geknechtet. Und da kommen sie, nach

langen Jahren, von weit her zu ihren früheren Offizieren... Wieder

Stimmen um ihn:

„Sie sind gewiß ein Frankfurter, Herr Doktor, nach Ihrer Sprache?“

„Nicht weit davon! Ein Offenbächer! Aber hören Sie ’mal den da draußen:

wenn das kein Pälzer ist...“

„M’r wird doch noch kreische derfe... Wie?... Ha, freilich bin ich

schon im Landsturm!“

„Der ist ja noch gar nicht einberufen!“

Aber der Metzgermeister und Kriegervereins-Vorstand aus der Pfalz

verstärkte seine Lungenkraft.

„Jo -- do könnt’ ich lange warte! Ich will nix, als norr zu mein’m

alten Regiment nach Nürreberg. Bei sellerer Artillerie hab’ ich als

junger Borsch g’stanne. Do gehör’ ich nei!“

Und wieder frug sich Nicolai Schjelting: Das Volk ... ja aber da ist

doch das Volk ... es drängt sich herein -- -- setzt sich zwischen seine

Bedrücker, ist mit ihnen ein Herz und eine Seele... Wenn ich wirklich

Amerikaner wäre, wofür sie mich halten -- ich müßte mich wie zu Hause

fühlen, so gleich ist Einer dem Andern. Wo bleibt der Aufschrei der

Massen!... Ah -- da endlich ein Weinen!

Der junge, kaum achtzehnjährige Mensch vor ihm kämpfte wirklich mit

bitteren Tränen. Er war sauber gekleidet, guter Leute Kind, und hatte

eine Pappschachtel mit seinen Habseligkeiten unter dem Arm. An dem

schüttelte ihn Einer:

„Zum Donnerwetter -- wer flennt denn da? Sind Sie denn schon

einberufen?“

„Sie wollen mich ja nirgends haben! Bei sieben Regimentern hab’ ich

mich schon gemeldet. Immer sprechen sie, das wär’ noch nichts mit

meinem Brustumfang...“

Er schaute kummervoll mit nassen Augen auf. Es zeigte sich, daß er

ein Kaufmannslehrling aus Kassel war. Nun hatte er seine Stellung

aufgegeben und reiste überall herum mit seinem Pappbündelchen unter dem

Arm, und sie mochten ihn nicht. Seine Hoffnung war jetzt die Marine. Er

war auf dem Weg nach Wilhelmshaven. Man tröstete ihn. Der Student gab

ihm eine Karte:

„Mein alter Herr ist Staatsminister! Schlimmstenfalls kann er ’was für

Sie tun! Aber eilen Sie sich. Er rückt zugleich mit mir und meinen

Brüdern aus!“

Und vom Gang her rief es aufmunternd wie ein Hauch von Salz und See:

„Jong... Jong... Kopf hoch... Dich können wir bruken!“

Ein blonder Siegfried von einem deutschen Seemann war es, auf dem Weg

von seinem Handelsschiff in Genua zu seinem Gestellungsort in Kiel. Er

stand mit ein paar deutschen Köchen und Kellnern, die aus der Schweiz

zu ihren Regimentern eilten. Er trug Bürgerkleid wie sie und all die

Andern. Aber es war Nicolai Schjelting in seiner Ecke, als hätten sie

alle zusammen schon denselben Waffenrock, denselben Willen, den die

Pickelhaube krönte. Er begriff das nicht. Er versuchte, es sich zu

analysieren. Er frug sich: Wie können die Deutschen denn jetzt auf

einmal einig sein? Fröhlich? Herzlich wie Brüder. Der Alkohol? Er ist

ja auf allen Bahnhöfen gesperrt. Nein: dieser Rausch kommt ihnen von

Innen...

Das deutsche Wunder: Roman · 第 19 / 29 段