Dieses neue Fiebern und Brausen. Dieses tausendstimmige ‚Deutschland,

Deutschland über Alles!‘ über strudelndem Menschengewoge. Es war

wieder wie das grimme Lachen eines unsichtbaren Riesen unter der

Bahnhofswölbung von Nürnberg. Dann fuhr der Zug wieder in die Nacht

hinaus. Man schlief. Aber die draußen auf dem Gang Stehenden hatten

kleine elektrische Taschenlampen, sahen nach der Uhr, lösten auf die

Minute alle zwei Stunden die Innensitzenden ab wie die Schildwachen.

Das war im Handumdrehen organisiert. Nicolai Schjelting saß wach.

Er sann: Was haben diese Leute für Nerven? Sie haben ihre Heimat

verlassen, Abschied von ihren Eltern und Familien genommen, ziehen in

einen furchtbaren, aussichtslosen Krieg gegen die halbe Erde, und dabei

schlafen sie! Und wenn sie aufwachen, machen sie womöglich im Dunkeln

miteinander Witze... Wahrlich -- wenn sie nicht so verblendet wären,

könnte man sich vor ihnen fürchten...

Ein Frösteln der Seele überlief ihn in der glühend heißen Augustnacht.

Er prüfte sich mit gerunzelter Stirne. Er liebte es, immer mit sich

und über sich im Klaren zu sein. Das war sein Vorsprung vor der

Verschwommenheit allrussischen Denkens. Und er gestand sich: Das war

etwas, was er noch gestern für unmöglich und lächerlich gehalten hatte.

Das war Angst vor Deutschland! Unbegreifliche Angst...

Er wollte sich beruhigen: Das sind die Nerven. Die schlechte Luft. Die

Enge zwischen diesen schnarchenden Teutonen. Man ist im Gefängnis.

Wehrlos. Wenn sie mich entdecken, schlagen sie mich tot, oder werfen

mich aus dem Zug. Diese lachenden Leute sind zu Allem fähig...

Nicolai von Schjelting schluckte ein paar mal heftig. Er hätte

gewünscht, im Freien zu sein. In der schützenden Finsternis draußen.

Seine Angst stieg und stieg. Er hielt es kaum mehr aus. Er wollte sich

mechanisch eine Papyros drehen und zuckte im letzten Augenblick zurück.

Um Gotteswillen -- dadurch verriet er sich wieder als Russen! Bei

jeder Gelegenheit! Nur fort von hier ... fort... Das da um Einen -- das

war nicht mehr der Deutsche Michel...

Der Zug hielt. Noch vor einer Station, die keine Einfahrt gab. Es

schien ein Vorort von Leipzig zu sein. Man hörte es aus den Gesprächen

von Menschen draußen, die aus den Wagen kletterten. Offenbar wohnten

sie in der Nähe und legten die kurze Strecke lieber zu Fuß zurück.

Nicolai Schjelting sprang auf, drängte sich zwischen den vielen

verschränkten Beinpaaren durch, atmete auf dem Bahnsteig die kühle

Morgenluft ... ah ... man war gerettet... Er fand sich allein auf

einer der äußersten Randstraßen des rings um Leipzig gelagerten

Fabrikgürtels, im Dämmergrauen, halb auf freiem Feld, halb zwischen

den letzten Häusern. Und doch war ihm plötzlich jubelnd ums Herz.

Er sagte sich: Hierhin hat mich das Schicksal geführt. Dies ist die

Stelle, wo Deutschland sterblich ist. Ich habe dieses Problem studiert.

Ich habe in meinem „~Essai contre le Teutonisme~“ geschrieben:

Industrialismus und Militarismus heben sich in Wilhelms Landen

gegenseitig auf. So wird uns in der Stunde der Entscheidung dort kein

Bismarck, sondern ein Hamlet gegenüberstehen. Die Pangermanisten kennen

sie wohl, diese Hymne: ‚Alle Räder stehen still, wenn Dein starker Arm

es will!‘ Sie wissen, daß dann allüberall eine schwielige Faust den

ehernen Riegel des Volkswillens vor die Fabriktore legt!

Es glühte noch kaum das erste Morgenrot im Osten, und doch war ringsum

im Zwielicht eine geheimnisvolle Helle, ein rotflackerndes Atemholen

der Schlote, purpurnes Funkensprühen, ein summendes Stampfen von Nah

und Fern. Im Zwielicht lebten die Wege. Waren erfüllt von langen

Zügen dunkler, rüstig schreitender Männer. Reihen von Radfahrern

schossen an ihnen vorbei. Die ersten Straßenbahnen klingelten. Nicolai

Schjelting fuhr sich über die Stirne und sah im dumpfen Staunen:

Deutschland ging, als wäre nichts geschehen, auch heute morgen mitten

im aufziehenden Weltkrieg an die Arbeit...

Es fiel ihm schwer, das zu glauben. Wo blieben die roten Fahnen? Es

wurde hell. Nichts war zu erblicken als Ordnung und Ruhe. Schjelting

schritt nach der Stadt... Er sagte sich zum Trost: Man hat diese

Enterbten unter die Waffen gerufen. Sie werden da innen irgendwo

zusammenströmen, um zu protestieren! Ah -- da biegt es um die Ecke --

es nimmt kein Ende -- ein vielhundertköpfiger Zug. -- Sie marschieren

in Schritt und Tritt, diese jungen Männer -- sie singen -- aber sie

singen ein Schlachtlied des Trotzes! Das Pflaster zittert unter dem

Tritt der Arbeiter-Bataillone... Die Kriegspartei zittert vor ihnen...

Er drängte sich heran. Er beugte atemlos, mit aufgerissenen Augen,

den Kopf vor, um die Worte des brausenden Massenchors aufzufangen.

Hunderte, die Bündel unter dem Arm, auf dem Marsch zur Kaserne sangen

es in Schritt und Tritt:

„Mit Herz und Hand

für’s Vaterland...“

Nicolai Schjelting eilte davon, blindlings die Straßen hinab, durch

das immer wildere Gewimmel der Innenstadt, die Fahnen, das Hurrah, die

Umzüge, alles, was er nun schon kannte. Er erreichte den Hauptbahnhof.

Auch da, trotz des frühen Morgens, ein unabsehbares Gewühl. Aber

sonderbar: ein unsichtbares Uhrwerk regelte das Chaos. Für jeden war

gesorgt. Auch er fand seinen Stehplatz im Gang eines Wagens nach

Berlin. Eben als man abfuhr, sprang noch ein kleiner, behender Sachse

auf und drängte sich neben ihn.

„Gottvertimmich! Ich mächte doch ooch mitgommen!“

Dann winkte er, noch atemlos, seinen Freunden draußen:

„Adche Leipz’g! Mir wärsch lieber, ich wär schon in Johannisthal! Nu --

ich schreib’ Eich von dort ne Garte!“

Er erzählte unaufgefordert denen um ihn, daß er Optiker von Profession

sei und sich als Flieger ausbilden lassen wolle. Ein stämmiger Maurer,

in der zweiten Hälfte der Zwanzig, neben ihm, meinte trocken:

„Aujust -- fall nich’ von’s Jerüste!“

Und der Zweite, mit Vollbart, sein Arbeitskollege, sagte in tiefem Baß:

„Mensch: woher nimmste denn den Zimmt?“

„Hären Se -- ich hab doch mei’ Erspartes! Machen Sie ooch nach Berlin?“

„Ja, wat jloobste denn, daß die Jardepioniere ohne mir anfangen?“ sagte

der Maurer geringschätzig. Und der Zweite mit dem heiseren Baß:

„Wat der Nicolajewitsch is, da wär’s doch jut, wenn der seine Knochen

beizeiten numerieren tät’! Nachher will es wieder Keiner jewesen sind!“

„Pst! Wat schaut denn der da neben uns so ’rüber?“

„Der? Det is nur ein janz entfernter Fremder von außerhalb! Der kann

nur Amerikanisch! Da kannste schreien wie Du willst -- der versteht Dir

nich!“

Die beiden Berliner trugen rote Federchen am Schlapphut, der Leipziger

eine blutrote Kravatte. Sie erkannten sich als Genossen. Der im Bart

frug:

„Sind Sie ooch orjanisiert?“

„Nu freilich! Was dänken Sie denn?“

Und es ging Nicolai Schjelting durch den Kopf: Wie ist denn das mit

Euch? Ihr seid doch die Unzufriedenen. Der eigene Hemmschuh der

Teutobarbarei. Der Kummer Potsdams. Auf Euch steht unsere Hoffnung. Und

nun?... Der Maurer neben ihm brannte sich eine Zigarre an.

„Ich war lange jenug im Osten uff Arbet, nah bei die Russen. Ich kenne

die Brieder. Senge muß der Blutzar besehen, daß er denkt, Ostern und

Pfingsten fällt uff eenen Tach!“

„Nieder mit dem russischen Despotismus!“ sprach der Andere. Er lachte

nicht mehr. Jetzt war ein heißer und starker Haß in seiner tiefen

Stimme. Nicolai Schjelting fuhr sich unwillkürlich mit der Rechten über

die Augen, als lüftete sich da eine Binde. Also so war das?... Er frug

sich: Ja, aber wo bleiben denn da die Methoden unseres experimentellen

Denkens? Deutschland war doch für uns ein Präparat unter dem Mikroskop.

Die pathologischen Resultate waren festgestellt, an der Seine und

Themse, wie an der Newa. Und nun auf einmal... Ah, wir täuschen uns

nicht. Diese Deutschen täuschen sich. Sie sind in einem Fieber!

„Morjen, Morjen, Herr Karfunkelstein! Immer flott auf der Tour bei die

Zeiten?“

„Wie heißt auf der Tour, Herr Krause?“

„Na -- reisen Sie in Bettfedern oder nicht?“

„Zu meinen Eltern reise ich, nach Berlin. Um adieu zu sagen. Morgen

werd’ ich in Zittau eingekleidet!“

„Nanu! Ich denk’, Sie hat man nicht brauchen können, voriges Jahr bei

der Musterung!“

„Jetzt hab’ ich mich aber doch als Kriegsfreiwilliger

durchgeschmuggelt!“ sagte der blasse junge Handelsbeflissene

triumphierend. „Mein Vetter Sally auch! Und der kleine Lesser von Boas

und Kompagnie, wenn Sie den kennen!“

Das wurde hinter Nicolai Schjelting gesprochen. Vor ihm sagte im

Gedränge ein Achtzehnjähriger aus gutem Hause zu einem weißhaarigen

Herrn:

„Es wird fein! Unsere halbe Prima geht ’raus mit dem Ordinarius

zusammen!“

„Nun, Gott mit Euch Allen!“

„Ach, auf uns junge Leute kommt’s ja nicht so an! Besser wir fallen,

als die Verheirateten!“

Wieder dachte sich Nicolai Schjelting: Die Deutschen fiebern! Sie

lachen, aber sie sehen sich dabei an, als hätte Jeder über Nacht

Ehrfurcht vor dem Andern bekommen. Einer wächst durch den Nächsten!

Irgend etwas trägt sie empor. Sie verlieren den Boden unter den Füßen.

Sie schweben über den Dingen. Das sind Symptome, die sich nicht so

rasch analysieren lassen... Nun: wir nähern uns Berlin! ~Voilà le

revers de la médaille!~

Er hatte sich angewöhnt gehabt, in seinen Petersburger Damenzirkeln im

Salon Ignatjeff an der Newa, von Berlin nachlässig im Ton eines höheren

Nachtasyls zu sprechen. Schlecht angezogene Leute und Dollar-Jagd bei

Tag, Vergnügungstaumel, die Friedrichstraße bei Nacht, halb Chikago,

halb Babel. Jetzt schätzte er es in seinen Gedanken höher ein. Es war

die ragende Hochburg der Verneinung für ganz Deutschland. In der Spree

floß nicht Wasser, sondern Lauge. Die geschmacklosen Zinspaläste an

ihren Ufern waren die steingewordene Unzufriedenheit der preußischen

Bürgerseele. Ah, nun würden die Steine reden! Die Steine von Berlin...

Sein Herz jubelte, als er, in Eile durch Koffer und Wäsche-Ankauf neu

ausgerüstet, am Fenster seines Hotels am Brandenburger Tor auf die

Linden hinausschaute. Da unten war endlich das Volk! Das wirkliche

deutsche Volk. Ein Meer von Köpfen und Hüten. Eine unabsehbare

schwarze Masse. Nicht mehr nach Tausenden, nur noch nach Zehntausenden

zu zählen, vom Brandenburger Tor bis zur Spreebrücke. Es grollte

und rauschte unheimlich aus diesen Tiefen wie der Donner zürnender

Brandung. Auf Nicolai Schjeltings abgespannte Züge kehrte die lächelnde

Ironie zurück. Er eilte hinunter, das Sternenbannerchen im Knopfloch.

Hier im Hotel war alles voll Yankees und reisefertiger Briten. Der

Krieg von England noch nicht erklärt. Er fühlte sich wieder ganz

sicher inmitten der guten Deutschen. Er trat Unter den Linden auf

einen Schutzmann zu, dem dienstfertige deutsche Gastfreundschaft das

englische Dolmetscher-Zeichen verliehen, und frug:

„Wohin wollen diese Bürger Alle?“

„Zum Kaiser!“

Der Schutzmann wies nach dem fernen Grau des Hohenzollernschlosses. Ein

kaum sichtbares Blinken von Uniformpünktchen war da auf einem Balkon.

Helle Damenkleider. Eine Stille. Dann ein Brausen, wie wenn der Sturm

über die Meeresfläche fegte. Das Auffliegen von Tausenden von Hüten und

weißen Tüchern gleich den Schaumspritzern über den Wellen. Hoch oben

von den Dächern wie Flaggenflattern am Schiffsmast die Reichsbanner mit

dem Eisernen Kriegskreuz, der schmetternde Pariser Einzugsmarsch vor

der verlassen daliegenden französischen Botschaft. Und dann weiterhin,

die Linden hinauf, das Sturmlied von Blut und Eisen: „Ich bin ein

Preuße! Kennt Ihr meine Farben?“ Tausende sangen es mit. Schjelting

wandte sich wieder zu einem Schutzmann:

„Wo sind denn nun die Unzufriedenen?“

„Was für Unzufriedene?“

„Giebt es denn keine?“

„Höchstens als wie ich!“ sagte der Schutzmann Nr. 20103. „Daß ich nicht

mit ’raus darf! Unabkömmlich! Aber ich werd’ denen was husten! Ich

komm’ schon noch mit!“

Nicolai Schjelting stand wieder im Hotel. Er befahl geistesabwesend:

„Eine Fahrkarte. Zum nächsten Zug nach Kopenhagen!“

„Bedaure! Es geht keiner mehr! Um Mitternacht schließt in ganz

Deutschland der Eisenbahnverkehr!“

„Auf wie lange?“

„Mindestens für Wochen. Vielleicht für Monate!“

Er suchte sein Zimmer auf, setzte sich hin, starrte verstört vor sich

nieder. Gefangen! Was war denn das? Das hatte er nicht erwartet. In

Deutschland wurde Einem doch sonst alles so bequem gemacht. Namentlich

einem Amerikaner, für den er galt. Mit etwas Dünkel kam ein Ausländer

da immer durch. Er frug unten am nächsten Morgen noch einmal:

„Die Fremden müssen doch abreisen! Früher nahm man doch auf sie jede

Rücksicht.“

„Gewiß!“

„Warum nun auf einmal nicht mehr?“

„Ja, jetzt befehlen unsere Offiziere!“

Draußen wimmelte es von Offizieren. Viele nun schon in Feldgrau. Die

Menge machte ihnen überall Platz. Die Massen schienen Schjelting noch

gewachsen, die Stimmung noch gehoben. Ein feierliches Leuchten auf

allen Gesichtern. Deutschland rüstete sich zum vierten August. Er,

der Russe, verstand den deutschen Auferstehungstag nicht. Er hatte in

der Verklärung draußen plötzlich noch eine letzte Hoffnung. Er sagte

sich im Lauf der nächsten Tage: Wie war denn das mit Deutschland? Es

trug in letzter Zeit nicht mehr die Pickelhaube, sondern kam mit dem

Musterkoffer über die russische Grenze. Nicht mehr aus Potsdam, sondern

aus Essen. Es nutzte nicht die heilige Allianz, sondern den neuen

Handelsvertrag. Es war überall. Auf der ganzen Welt hatte es sich sein

windiges Gerüst industrieller Unternehmungen gebaut. Nun kommt der

Orkan. Wirft seine Kartenhäuser über den Haufen. Das Ende ist da...

Er lief hinüber in die Behrenstraße. Die dehnte sich still und

friedlich. Nicht mehr Menschen als sonst gingen durch die Portale

der Banken aus und ein. Er bog um die Ecke der Französischen Straße.

Dasselbe Bild. Er stand auf dem Opernplatz vor der Dresdener Bank.

Wieder das Gleiche. Diese deutschen Finanzpaläste ragten stumm und

unerschütterlich, Schulter an Schulter, wie von Kopf bis zu Fuß

gepanzerte Ritter.

Er bemäntelte sein hartes Russisch-deutsch, indem er am Bankeingang

sagte:

„Ich komme aus Ostpreußen! Kann man da bei Ihnen herein?“

„Nu jewiß!“

„Ich meine, weil man so wenig Leute sieht...“

„Na, die Börse is doch jeschlossen!“

„Aber die vielen Tausende, die um jeden Preis jetzt ihr Erspartes

wiederhaben wollen!“

Der Pförtner sah kopfschüttelnd den Herrn aus Ostpreußen an.

„Davon ist hier nischt bekannt!“

Und ein herauskommender Kassenbote ergänzte:

„Immer kalt Blut und warm anjezogen!“

Nicolai Schjelting schritt durch die Säle. Menschen genug. Geschäftiges

Hin und Her. Gedränge und Wortwechsel an einzelnen Schaltern. Aber wenn

man näher trat, hörte man meist Englisch, Spanisch, slawische Laute vom

Balkan. Ausländer, die in Eile ihre Beglaubigungsbriefe zu Geld machen

wollten. Die Deutschen, die verzweifelten, geängstigten Deutschen, die

er mit grausamer Neugier suchte, fand sein Auge nicht. Die Deutschen

waren draußen. Ein ungeheures Brausen klang vor den Fenstern, aus dem

schwarzen Menschengewimmel der Linden. Sturmstöße von Hurrah über dem

Meer von Köpfen, zu den grauen Zinnen jenseits der Spree empor, auf

denen das Kaiserbanner purpur-golden vor dem tiefblauen Sommerhimmel

wallte.

Auch dies ist anders als ich dachte, sagte Schjelting zu sich. Er stand

immer noch, in Gedanken versunken, vor der Bank. Ein kleiner, dicker,

brünetter Herr, mit pechschwarzen Rattenaugen in dem pfiffigen Gesicht

kam heraus, stutzte und grüßte ihn. Er erkannte Achille Macrî, den

Petersburg-Pariser Finanzagenten, den er zuletzt in Konstantinopel

gesehen. Er frug den Levantiner halblaut auf Französisch von obenher:

„Nun... Sie noch hier?“

„Ich bin doch griechischer Staatsangehöriger. Ein Neutraler! Aber Sie,

Herr von Schjelting?“

„Ich kann doch nicht mehr fort. Sie müssen mir helfen!“

„Unmöglich!“

„Nun: Im September werden hier in Berlin unsere Ussuri-Kosacken die

Stirnringe der Gurkhas küssen! Man wird sich dann in Petersburg

erinnern, wer am Vorabend des Siegs einen Sohn des großen Rußland im

Stich ließ!“

Seltsam, in dem Augenblick, wo er das sagte, glaubte er nicht mehr

so fest an den Sieg, wie sonst. Das schien ihm selbst unbegreiflich

und unmöglich. Aber es war so. Auf Achille Macrî indessen machte die

Drohung Eindruck. Er rollte unruhig die schwarzen Augen:

„Es fährt ein Amerikaner in dieser Woche im Auto nach Holland. Man hat

es ihm erlaubt. Ich kenne ihn... Haben Sie gefälschte Pässe?“

„Wie denn nicht? Eben einen amerikanischen! Von einem unserer ersten

Moskauer Spezialisten!“

„Dann halten Sie sich bereit!“

Als er einige Zeit später früh Morgens von Achille Macrî abgeholt

wurde, lächelte er geringschätzig und warf die glimmende Zigarette im

Hinabsteigen auf die Teppichecke.

„Haben Sie vor ein paar Tagen diesen Lärm Unter den Linden gehört?

Diesen Jubel?... Diese Teutonen sind doch wie die Kinder! Sie lassen

sich allen Ernstes aufbinden, Lüttich sei gefallen!“

Die beiden Ausländer sahen sich an und platzten gleichzeitig heraus.

Schjelting war plötzlich guter Laune. Er lachte ebenso herzlich wie der

Andere.

„Da sieht man, was man den bebrillten germanischen Augen bieten kann!

Lüttich -- diese uneinnehmbare Panzerfestung, von Brialmont selbst

erbaut, auf einem Nachmittagsspaziergang mit dem Bajonett genommen! Und

sie glauben’s. Sie glauben’s!“

„Es sind Spaßmacher, diese Deutschen!... Da ist das Auto. Gestatten die

Gentlemen: Mr. Ley...“

„Mr. Frank!“

Es war ein schweigsamer, älterer Amerikaner, mit einem faltigen,

steinernen und sorgenvollen Gesicht. Er schwieg und sah nur zuweilen

ungeduldig auf die Uhr. Schon nach einer halben Stunde Fahrt frug er:

„Was ist das für ein Platz?“

„Potsdam.“

Das preußische Sparta lebte von Soldaten. Trotzige Kreideinschriften

an den Kasernentoren verkündeten: ‚Hier werden noch Kriegserklärungen

entgegengenommen!‘

Schjelting zuckte die Achseln. Nun ja -- die Garde! Nun ja -- Potsdam!

Nun ja -- Berlin! Das war nicht Deutschland! Deutschland, in seiner

Not und seinem Bangen jedes Einzelnen und Kleinen, seiner Verzweiflung

in Haus und Hütte, das würde man jetzt erst sehen! Man fuhr ja mitten

durch Deutschland, bis an den Rhein.

Da schon ein Stück: Ein märkischer Edelhof, einstöckig, langgestreckt,

im grünen Park. Der alte Junker auf der Freitreppe, mit Frau und

blonder Töchterschar, Mamsellen und Mägden. Vor ihnen im Sattel ein

junger Ulanen-Leutnant.

„Gott befohlen!“

„Kriegsheil!“

Galopp! Weg. Und der alte Herr grimmig zu dem Frauenvolk:

„Nu mal Kopp hoch! Alle Viere werden sie wohl nicht wiederkommen,

Mutter! Na ... dann ist’s eben Zeit, daß wieder ’mal ’n Kalck für den

König stirbt!“

„Können wir nicht rascher fahren?“ frug Schjelting nach einer Weile

des Schweigens. Der Chauffeur zuckte die Achseln. Man wurde ja

alle Augenblicke, so wie eben an dem Schloß, von den Schutzwachen

angehalten, die Papiere durchbuchstabiert. Nie fehlte einer der

bärtigen Männer auf seinem Posten.

„Es sind Pedanten der Pünktlichkeit, diese Deutschen,“ sagte

Schjelting. Sie hielten wieder in einem Dorf. Die bekränzte Kirchentüre

war weit offen. Ein weißhaariger, greiser Emeritus auf der Kanzel. Der

Gesang der Gemeinde:

„Wir treten zum Beten

Vor Gott den Gerechten...“

Er segnete eine Anzahl junger Männer, die vor ihm knieten. An ihrer

Spitze ein vollbärtiger Reserveleutnant in Uniform.

„Es ist sein Sohn, der jetzige Ortsgeistliche. Er zieht als Offizier

mit seinen Pfarrkindern ins Feld.“

„Der Pfarrer selbst?“

„Ja.“

Schjelting hörte es. Der Amerikaner frug ihn im Weiterfahren:

„Friert Sie’s?“

„Der Morgen ist kühl!“ sagte er und wickelte sich fröstelnd in seinen

Mantel. Der Andere seufzte und rechnete:

„Morgen Nacht am Hook van Holland! Ich erreiche in Liverpool noch die

Mauretania.“

„Haben Sie es so eilig?“

„Ich sollte längst drüben sein. Ich hatte hier eine Operation. Die

deutschen Ärzte haben mir das Leben gerettet.“

Deutschland ringsum in Sommerfrieden und Erntesegen! Ährengold unter

dem Himmelsblau. Die weißen Kopftücher der Frauen und Mädchen, die

mit der Sichel die Garben schnitten, die grauen Schlapphüte der

Wehrkraftjungen, die sie zu den kuhbespannten Leiterwägen schleppten.

Wo die Pferde? Sie füllten in langen Zügen die Landstraßen. Sie quollen

in Massen aus allen Dörfern, von Knechten geführt. Schjelting dachte:

Man sollte gar nicht glauben, daß es so viel Pferde auf der Welt gäbe...

Wo die Männer? Sie kamen aus jeder Hütte und aus jedem Haus. Sie

wanderten auf allen Ackerpfaden, einzeln und in Gruppen. Sie nahten

sich aus entlegenen Forsthäusern und Windmühlen. Es gab keine Schwelle,

wo nicht Einer stand und Abschied nahm. Jeder hatte die gleiche

Haltung. Jeder schritt rüstig, in wortkarger norddeutscher Art, der

Station, der Kreisstadt in der Ferne zu. Nicolai Schjelting warf den

Kopf zu dem Amerikaner herum.

„Können Sie begreifen? Diese Leute kommen von selbst! Niemand holt sie.

Kein Kosack treibt sie. Wie ist das möglich? Dabei sind es nicht mehr

die ganz Jungen. Sie lassen Weib und Kind zuhaus.“

„Bei uns verdient ein Arbeiter Dollars fünf den Tag!“ sagte der Yankee.

„In den Zeiten der Prosperität läßt er sich nicht leicht anwerben!“

Dann plötzlich, unvermittelt, mit einem Seufzer: „Meine Mutter war noch

eine Deutsche! Sie kam mit sieben Jahren hinüber!“

Sonderbarer Mensch! dachte Schjelting. Sie hielten auf dem Marktplatz

einer kleinen altmärkischen Stadt. Wieder die Ausweise. Nebenan war

das Bezirkskommando. Das Klappern der Schreibmaschinen durch das

offene Fenster. Junge Mädchen zur Aushilfe. Und ihre geschäftsmäßigen

Stimmen: „Zweihundert Doppelachsen Preßheu um 2 Uhr 20 an Rampe II

des Güterbahnhofs.“... „Fräulein Runge -- geben Sie mir doch mal

die Benzin-Beschlagnahme-Liste herüber!“... „Heute Abend noch diese

Verfügung ins Amtsblatt, betreffend Erdarbeiter für Pommern.“ Und

im Nebenraum saßen die Unteroffiziere in ihren blauen Litewken wie

sonst, fertigten die Wehrpflichtigen ab, die sich draußen auf dem

Hof vor dem Bezirksoffizier aufreihten. Und in dem nächsten Zimmer

telefonierte eben der Bezirkskommandeur selbst nachdrücklich und

langsam an die Bahnhofswache: „Also punkt 12 Uhr 35 fassen 1018 Mann

hier Mittagessen... Von Nachmittags 4 Uhr ab abgestandenes Wasser in

Eimern zum Tränken der durchkommenden Kavallerietransporte. Nicht

frisch vom Brunnen. Sonst holt den Betreffenden der Deubel. Für Kaffee

sorgt das Rote Kreuz!“ Und dann, das Hörrohr abhängend, zu der Dame

hinter ihm: „Aber ununterbrochen, wenn ich gehorsamst bitten darf,

gnädige Frau. Die Züge folgen sich nach wie vor mit fünf Minuten

Abstand!“ Und die frische Landrätin hinter ihm lachte. „Na -- auf meine

Helferinnen-Organisation können Sie sich verlassen. Die Mädels sollen

nur springen!“

Die Telegrafen-Apparate tackten rastlos. Radfahrer in Uniform flitzten

davon. Bestaubte Ledergestalten sprangen vom Motor ab. Stadträte,

Ärzte, Lieferanten gingen aus und ein. Aber Alles erfüllte sich in

Ruhe wie das Walten eines Naturgesetzes. Im Weiterfahren schleuderte

Schjelting jäh die Zigarette aus dem Wagen:

„Das ist kein Land -- das ist ein Mechanismus! Es hat keine Seele! Wo

bleibt die allgemeine Unordnung? Sie ist doch unvermeidlich, wenn man

Millionen aufruft! Aber hier ist alles zur Stelle. Jeder Mensch ist

numeriert. Jedes Ding hat seinen Stempel. Das begreife, wer mag!...“

„Ich habe von Deutschland nur Gutes erfahren!“ sagte der Amerikaner

langsam. „Es rettet mir jetzt mein Vermögen, indem es mir die Ausreise

erlaubt!“

Es klang bedrückt. Er hörte kaum, wie Schjelting fortfuhr, mit einer

Hoffnung in der Stimme:

„Aber vielleicht endet diese Maschine mit dem eigentlichen Preußen. Wir

haben die Elbe hinter uns!“

Das deutsche Wunder: Roman · 第 20 / 29 段