„Das sind Dinge... über die wird man später sprechen... Man wird das

Alles ordnen... Der heilige Synod tut, was ich will... Sabler ist für

mich jeder Zeit...“

„Was geht das mich an?“

„Ich habe Ihnen geschrieben... Noch nie gab mir Gott die Gelegenheit,

mit Ihnen unter vier Augen zu sprechen, so wie jetzt...“

„Kommen Sie mir nicht so nahe...“

„Bleiben Sie stehen! Wie werde ich Ihnen Etwas tun?... Ich will ja nur

Ihr Bestes! Ich will Sie befreien!“

„Ja bitte, gehen Sie!“

„Sie wissen genau, wie das mit mir ist... Sie merkten es schon bei der

ersten Begegnung in Moskau...“

„Ich hab’ Sie kaum angesehen...“

„Und doch sagt unser Sprüchwort: ‚Mit einem Dreierlicht setzte man

Moskau in Brand!‘ Nun, so geschah es mit mir, in diesem Vorzimmer da

oben im Petrowski Dwor...“

„Das war, weiß Gott, nicht mein Wunsch...“

„Moskau brannte. Morgen brennt die Welt. Warum soll ein armer,

einzelner Mensch nicht auch in Flammen stehen? Es ist jetzt nicht die

Zeit für kalte Charaktere!“

„Bleiben Sie mir vom Leibe oder...“

„Ich bin keine sibirische Natur. Mein Herz ist weich. Viele Frauen

haben schon Eindruck auf mich gemacht...“

„Das glaub’ ich...“

„Aber Keine wie Sie!... Es ist ganz anders wie sonst... Ich bin

wehrlos. Es ist Gottes Wille. Denn zu verstehen ist es nicht.“

„Wenn Sie mich jetzt nicht auf der Stelle verlassen, rufe ich meinen

Vater...“

„Niemand hat Etwas gegen Ihren Vater! Nicht gegen die deutsche

Gelehrsamkeit führen wir Krieg. Auch nicht gegen Frauen. In dem Frieden

zu Potsdam wird seinerzeit das befreite Europa auch ihm die Ruhe seiner

Studien wiedergeben...“

„Sehr gütig...“

„...Doch während des Krieges ... während dieser Zerschmetterung des

preußischen Militarismus ... die russische Seele ist sanft ... aber

immerhin ... ich kenne unsere Kosacken... Ich flehe Sie an: Flüchten

Sie aus dieser allgemeinen Verwirrung in Deutschland...“

„Wer ist denn hier verwirrt? Wir sind Alle ruhig und klar! Einer wie

der Andere!“

„Fliehen Sie lieber nicht in die Schweiz -- das ist für mich zu weit

-- sondern nach Schweden! Ich schaffe Ihnen und Ihrem Vater Unterkunft

im Hotel Royal in Stockholm. Das wird jetzt eine unserer Haupt-Etappen

auf dem Wege von Rußland nach dem verbündeten Westen. Ich komme da oft

durch. Ich kann Sie sehen! Mit Ihnen über die Zukunft sprechen!“

„Zum letzten Mal: Gehen Sie! Reisen Sie lieber selber schleunigst nach

Schweden, ehe man Sie bei Kriegsausbruch hier verhaftet!“

„Der Krieg bricht aus, wann wir es bestimmen!“ sagte Nicolai von

Schjelting hochmütig. „Noch sind wir nicht so weit! Bei Euch wird man

verhandeln und telegrafieren! Das wissen wir!“

„Gottseidank, da höre ich endlich draußen den Karl im Garten! Soll ich

Ihnen wirklich von dem Diener Hut und Stock bringen lassen, Herr von

Schjelting?“

Nicolai Schjelting legte mit einem grausamen Augenblinzeln den Kopf

zurück. Ein heißes und wildes Lächeln entblößte seine Zähne. Inge

Tillesen trat wieder ein paar Schritte zurück: Nun stand der wahre

Moskowiter vor ihr, der begehrliche Barbar. Siegestrunken, im Taumel

der Zukunft.

„Mich entläßt man nicht wie einen Dwornik! Die Zeit ist vorbei, da

man einen Russen hinausschickte! Wir werden Euch Deutschen kommen!

Wir führen uns selber ein, ~sans être invités~! Wir sind zehn

Millionen ungebetene Gäste!... Pah ... was ist denn dies kleine

Deutschland...“

„Karl...“

„Es liegt in der Freiheit unseres allrussischen Herzens, was wir

zertreten und was wir verschonen! Jeder nimmt sich, was er will!“

„Unterstehen Sie sich, mich anzufassen!“

„Ah ... man wird Euch jetzt noch lange fragen...“

„Sind Sie denn von Sinnen...?“

„Und wenn ich es bin...“

„Karl!... Karl!“

Er warf sich gegen sie und packte mit einem jähen Griff ihre Hände.

Sie konnte nicht weiter zurück. Hinter ihr war der Tisch an der Wand.

Sie bog sich, soweit sie konnte, nach hinten und kämpfte mit ihm,

der blind ihre Lippen suchte. Sie mühte sich, sich seiner Gewalt zu

entwinden. Wieder keuchte er, sie an sich zu ziehen. Dicht vor sich

sah sie seine grauen Augen, die jetzt wie die eines Raubtiers glühten.

Eines asiatischen Raubtiers. Das war schon wie das Vorspiel des großen

Kampfes gegen die Horden des Ostens, dies kurze, atemlose Ringen mit

einem von Sinnen geratenen Menschen. Dabei lachte er ihr noch ins

Gesicht, heiß, herrisch, mit einem blendend weißen Wolfsgebiß. Der

Grimm darüber verdoppelte ihre Kräfte. Sie riß sich los und versetzte

ihm einen Stoß gegen die Brust und traf blindlings gut. Nicolai von

Schjelting taumelte ein paar Schritte zurück, preßte die Hand auf die

Herzgrube, rang nach Luft. Sie standen sich gegenüber.

„So! Das war nur die Antwort einer Frau! Unsere Männer haben andere

Fäuste!... Karl ... hier!“...

Der Diener stürzte in das Zimmer. Er hörte sie nicht, in seiner

atemlosen Meldung:

„Sie trommeln, gnädiges Fräulein! In zwölf Stunden müssen die Russen

nachgeben oder...“

„Du lügst, Kerl...“

„Und in achtzehn Stunden die Franzosen!“

„Das wagt Ihr?“ sagte Nicolai von Schjelting langsam und fuhr sich mit

der Hand über die Augen, als träumte er. „+Ihr+ fangt an?“

„Hurrah! Hurrah!“

„Hören gnädiges Fräulein? Da kommen sie die Straße herunter. Alles

schwarz von Menschen!“

Draußen brausten Hunderte von Stimmen. Die Fenster dröhnten vom

Trommelwirbel. In scharfem Kommandoton wurde durch die jähe Stille

etwas verlesen. Etwas von drohender Kriegsgefahr. Als Inge Tillesen

sich wieder umdrehte, war das Zimmer leer. Nicolai Schjelting war fort.

Verschwunden draußen in der wieder strudelnden und jubelnden Menge, dem

Hurrahrufen, dem Massengesang. Dann hörte sie hinter sich die heisere,

aber glückliche Stimme des zu ihrem Vater in das Haus geeilten Generals

Isebrink. Er mußte schreien, um das Jauchzen draußen zu übertönen.

„Uff!... Endlich!... Endlich!... Endlich hat’s ein Ende mit der

verfluchten Zucht! Jeder Mistfink von außerhalb durfte frech gegen uns

werden... Verzeihen Sie, Fräulein Inge...“

„Ach ... nur immer zu, Herr General!“

„Aber nu wird Deutsch geredet! Hol’s der Deubel! Nu hat’s sich

ausgeglückwünscht! Nu hat sich’s ausgebiedert und Hände geschüttelt!

Liebster... Bester... Ich möchte ja die Wände hochgehen vor Freude: Ich

hab’ eben telegrafisch meine Ordre! An die Front -- wo’s am vordersten

ist! Übermorgen früh meld’ ich mich schon hinterm Gießhaus in Berlin!“

„Herzlichen Glückwunsch!“...

„Ja, das wäre ja nun Alles schön und gut. Aber nun sehen Sie ’mal!

Depesche Nummer zwei von meinem Filius Paul aus Konstantinopel! Das

heißt nicht mehr aus Konstantinopel! Inzwischen ist er schon auf dem

Weg nach Deutschland! Der Bengel ist verrückt!“

„Was?“

„Bildet sich ein: Ich hockte jetzt hinter dem Ofen! Drahtet mir in

aller Unschuld seines Herzens: ‚Eintreffe ersten August‘ -- das ist

übermorgen -- also, ‚ersten August München zu sofortiger Weiterfahrt

und Verwendung im Osten!‘...“

„Nun -- das ist ja schön!“

„Ja, und gefälligst weiter: ‚Bitte erwarte mich dort Hauptbahnhof mit

Geldern für Pferdeankauf und Equipierung und Kartenmaterial!‘ Ja, was

glaubt denn das Paulchen?... Ich bin übermorgen in Berlin! Aber kriegen

muß er seine Moneten! Meine Frau liegt an ihrem Asthma...“

„Schicken Sie mich!“

„Sie, Fräulein Inge?“

„Na warum denn nicht?“

„Sie wollten wirklich diesen Liebesdienst...“

„Ach, reden wir doch nicht lange! Geben Sie mir schon die Siebensachen!

Ich reis’ noch heute Abend!“

Die beiden Andern schauten sich an. Sie waren Beide alt. Aber sie waren

auch einmal jung gewesen. Darum dämmerte es in ihnen.

„Wie soll ich Ihnen denn das danken, Fräulein Inge?“

„Gar nicht! Das geschieht fürs Vaterland! Ja, was lachen Sie denn?...“

„Sie lachen ja selber...“

Inge Tillesen wurde über und über rot. Aber sie lachte wirklich und

herzhaft. Der alte Isebrink breitete die Arme aus.

„Kommen Sie, Kind!“ sagte er. „Geben Sie mir ’nen Kuß! Er geht ja nicht

an die richtige Adresse! Aber doch so nahebei! Nicht?“

„Ja.“

„Na, Gottes Segen!... Halt!... Wohin denn auf einmal?“

Aber Inge Tillesen war schon die Treppenstufen der Halle hinauf und

weg. Unten sagte der alte Isebrink zu dem Geheimrat:

„Na -- da geben wir uns die Hand, Exzellenz! So geht’s! Nu erfüllen

sich die Zeiten! Es hat ein Ende mit Vielem und viel Besseres fängt

an!“

XI.

„Sagen Sie mir doch um Gotteswillen: Wann kommt der Zug aus Wien?“

Keine Antwort. Jeder hatte mit sich zu tun. Es war nur ein

tausendfaches, wirres, abgerissenes Stimmengeschwirr unter der

glühenden Glaswölbung des Münchner Hauptbahnhofs. Die Luft trüb von

Staub. Unten das Gewühl eines durcheinanderwimmelnden Ameisenhaufens

gleich dem Bild des aufgestörten Erdballs im Kleinen.

Inge Tillesen wurde hin- und hergestoßen. Sie wehrte sich mit dem

rechten Arm gegen einen langen Bergstock und ein daran befestigtes

Alpenrosenbüschel. Überall waren auf einmal Bergstöcke, saß Gamsbart

und Lodenhut schief auf erregten Gesichtern. Die kamen vom Brenner.

Aufgescheuchte Tiroler Sommerfrischler. Immer neue Tausende. Tag und

Nacht. Sie erwischte glücklich einen atemlosen Beamten am Arm.

„Wann kommt denn wieder ein Zug aus Wien?“

„Ja, i woaß net!“

„Aber ich steh’ nun schon seit gestern hier! Ich muß doch...“

Der Mann war irgendwo und sie zehn Schritt weiter, eingekeilt in

eine neue Menschenmasse. Nun waren plötzlich ringsum weiße Hauben,

stille Gesichter, niedergeschlagene Augen. Ein ganzes Nonnenkloster,

paarweise, die Köfferchen in der Hand, auf dem Weg von Oberbayern nach

den Vogesen. Inge Tillesen dachte sich: die gehen schon an die Front!

Er auch. Ich verfehle ihn noch hier!

„Bitte, wissen Sie nicht, wann der nächste Zug aus Wien...“

Aber nun war sie mitten unter Angelsachsen. Flüchtende Bayreuther

und Münchner Festspielgäste. Engländer und Amerikaner. Sie saßen

ratlos, wie die Schiffbrüchigen, auf ihren Koffern. Soldaten rollten

Handwägen mit Kaffeesäcken, Gepäckträger schoben eine kranke Dame

im Fahrstuhl. Neue Menschenstrudel hinterher, auseinandergerissene

Familien, die sich zuschrien und winkten, Offiziere, Papiere in der

Hand. Aber alle bayrisch hellblau. Von Paul Isebrink keine Spur.

Sie dachte: Wahrscheinlich ist er auch noch in Zivil! Sie wurde

von der Menschenmauer mitgepreßt. Dort in der Ecke stürmte man die

Züge nach Berlin. Vielleicht saß er darin. Aber wie ihn finden? Es

hatte keinen Zweck. Sie drehte sich um und arbeitete sich gegen die

beiden Bajonettspitzen der Bahnhofwachen durch, die den Ausgang

anzeigten. Draußen in der Vorhalle, die immer noch ein brausendes

Menschengewoge erfüllte, machte sie mutlos Halt. Sie war erschöpft.

Sie sagte sich, was sie sich schon den ganzen Tag bis in diese späten

Nachmittagsstunden hinein gesagt hatte: Den Orient-Expreß hab’ ich

glücklich verpaßt! Bis Mitternacht hab’ ich mir die Beine in den Leib

gestanden. Bei Tagesanbruch soll er mit Gott weiß wieviel Stunden

Verspätung angekommen sein. Behaupten sie wenigstens! Andre meinen, er

wäre überhaupt noch nicht da...

Dann hatte sie noch eine Hoffnung: Wenn er vernünftig ist, geht er da

draußen auf und ab, damit ihn sein Vater sieht! Sie trat ins Freie,

schritt suchend bis zu dem Karlsplatz. Die Sonne brannte, die Luft

flimmerte, die Menschen fieberten. Das Bild des Kriegs, wie es im

Frieden nur der Süden bot. Tausende und aber Tausende, die scheinbar

untätig auf Straßen und Plätzen beisammen standen, halblaut sprachen,

sich um die Extrablätter drängten. Ein unterirdisches Brodeln und

Kochen. Ab und zu ein jäher Ausbruch. Spione im Land... Spione...

„Fangt’s die Schlawiner!“

Inge Tillesen konnte gerade noch zur Seite springen. An ihr vorbei

stürmte es von überall nach dem vom Schutzmannspfiff aufgehaltenen

Auto. Ein Handgemenge drinnen mit der wild um sich hauenden

Mannsgestalt in Frauenkleidern ... fort ins Polizeipräsidium ... wieder

ein Serbe weniger...

Das erste Aufzucken der seit Menschenaltern schlafenden Ur-Instinkte

der Schöpfung. Der Kampf ums Dasein. Wie in der Urzeit. Auge um Auge.

Leben um Leben. Vergiftetes Wasser... Französische Flieger über

Nürnberg... Goldtransporte im Auto auf der Landstraße... Und wieder

Sturmgesang um eine schwarz-weiß-rote Fahne: „Fest steht und treu die

Wacht am Rhein!“ Es brandete und brauste um Inge Tillesens Ohren.

Sie ging weiter. Sie suchte. Und dachte sich: Wie oft konnte ich das

eine ‚Ja‘ sagen, das ich jetzt nicht anbringe! Damals war mir das

Schicksal nah. Ich brauchte es nur zu rufen. Jetzt ist es zu groß

geworden und ich zu klein. Es kümmert sich nicht mehr um Einzelne. Ich

mag noch so sehr laufen -- ich hol’ es nicht mehr ein... Es geht mit

Siebenmeilenstiefeln...

Vor dem großen gelben Eckgebäude des General-Kommandos hielten Reihen

von Kraftwagen. Es war ein Hasten hin und her durch das Tor. Auf

dem Bürgersteig davor standen Offiziere in Gruppen. Alle noch in

bayrischen Friedensuniformen. Inge sah das Himmelblau des Fußvolks,

das Grün der Chevauxlegers, die breiten, roten Beinkleidstreifen der

Artillerie. Aber dann tauchte da aus dem Dunkel des Torwegs ein

bisher in Deutschland nicht geschautes Waffenkleid auf. Alle Offiziere

musterten es, während sie grüßten, und hatten dabei ein leuchtendes und

kampflustiges Lächeln, alle Vorüberkommenden blieben stehen und wandten

die Köpfe mit einem überraschten und oft ehrerbietigen Ausdruck: Es

war etwas Feierliches um dies erste Feldgrau, diese gelbledernen

Gamaschen, diesen staubfarben überzogenen Helm. Es war, im Fortfall

alles Friedensprunks und aller Farbenfreude, die erste Verkörperung der

ungeheuren Schicksalsstunde, das erste wandelnde Sinnbild des größten

Krieges aller Völker und Zeiten.

Links davon ging, auch als ein Vorbote des kommenden Gewimmels

feldgrauer Millionen, ein langer, hagerer Leutnant. Er trug in

der Herzgegend ein Abzeichen auf dem Waffenrock, das Inge nicht

kannte. Dahinter kam, noch in preußischer Friedensuniform des Großen

Generalstabs der Armee, ein kleiner, eleganter Hauptmann. Zwei Damen

begleiteten ihn, Mutter und Tochter. Man sah es an der Ähnlichkeit.

Paul Isebrink war in ein Gespräch mit dem anderen Generalstäbler

vertieft. Aber seine scharfen Augen waren gewohnheitsmäßig überall.

Ihn überraschte man nicht. Schon auf hundert Schritte Entfernung

erkannte er Inge, die da unschlüssig mit umgehängtem Geldtäschchen,

das Kartenpaket in der Hand, stand, sagte hastig dem Kameraden ein

paar Worte und eilte allein auf sie zu. Ihr schien, als hätte er nie

so gut ausgesehen wie in diesem Augenblick. Noch straffer, abgemagert

und gebräunt von der Sonne des Südens, schon in Kriegstracht, und

Kriegslust in den verwegenen Augen und um den lachenden Mund. Und

eine ungläubige Freude, die ihr galt, die sie plötzlich stolz machte

vor den Blicken all der Leute, die ringsum stehen geblieben waren und

wohlgefällig auf ihn und sie schauten. Die dachten sich schon ihr

Teil, während er auf sie zustürmte und ihre freie Hand zu fassen bekam

und schüttelte, daß er ihr beinahe weh tat.

„Herrgott, Inge!... Das ist ja ein tolles Zus...“

Er wollte noch Etwas vom Zufall eines Zusammentreffens reden. Aber er

kannte doch die Mappe, die sie in der Linken hatte.

„Das sind doch meine Karten...“

„Ja. Da!“

„Und ein Brief von Mutter!“

„Auch! Da!“

„Danke...“

In dieser Sekunde war er, der mit allen Hunden Gehetzte, in allen

Sätteln Gerechte, fassungslos. Es wogte in ihm durcheinander, von

Zweifel und Jubel. Sie schlug mit der freigewordenen Hand an das

Täschchen.

„Und da ist auch’s Geld...“

„Von meinem Vater?“

„Ja. Er ist jetzt schon in Berlin. Sie brauchen ihn! An der Front!“

Sie stockte, schöpfte tief Atem und redete entschlossen, während sie

sehr blaß wurde:

„Na -- und da hab’ ich mich nützlich gemacht und es Dir gebracht!“

Sie wußte, daß sie mit dem Wörtchen ‚Dir‘ ihr Lebensschicksal

aussprach, und er verstand es auf der Stelle so wie sie. Sie sah es

an seinem Gesicht, auf dem schon, in strengen Linien, der Ernst des

Krieges lag, und darüber hin jetzt eine jähe Welle von Glück.

Küssen konnten sie sich, vor den Leuten, nicht. Er nahm nur ihre beiden

Hände in die seinen und sagte:

„Endlich...“

Und sie, noch halb im Trotz und doch schon ganz ergeben:

„Na ja...“

„Ich dank’ Dir, Inge...“

Nun war sie sehr rot geworden. Jeder mußte es sehen. Auch der lange,

feldgraue Leutnant und der Generalstabshauptmann mit den beiden Damen,

die inzwischen herankamen. Paul Isebrink stellte hastig und verwirrt

vor:

„Flieger Graf Vläming! Herr von Hellfried... Gestatten die Damen...“

Inge Tillesen verstand die Namen von Mutter und Tochter nicht. Sie war

zu erregt. Sie hörte nur, daß Isebrink sie seine Braut nannte, daß man

sie beglückwünschte und ihr die Hand reichte und ihm. Dann sagte er,

schon mit einem Anflug von dem alten Übermut im Ton, auf den kleinen

Generalstäbler und die junge Dame weisend:

„Die haben’s gut! Die werden morgen kriegsgetraut. Eben kommen sie vom

Pfarrer!“

Dort hatten sie Alles für morgen beredet. Auch den Spruch der Trauung:

‚So gehen wir hin, nicht zu sterben, sondern zu leben!‘... Sie hatte

feuchte Augen. Aber sie hielt sich tapfer. Sie war die Waise eines vor

zwei Jahren verstorbenen Regimentskommandeurs. Sie frug Inge, eine

Braut die andere:

„Lassen Sie sich denn nicht auch kriegstrauen?“

Ehe Inge Tillesen antworten konnte, fuhr Paul Isebrink in einem

plötzlichen Zorn auf.

„Ja, das kommt davon! Wer konnte denn das ahnen, wenn man da unten bei

den Türken sitzt!“

Er wies mit einer entrüsteten Bewegung auf das preußische Dunkelblau

mit Carmoisin des kleinen, patenten Hauptmanns.

„Wenn man noch halb in Zivil herumläuft wie der Hellfried ... so’n

Friedenssoldat, der erst am dritten Tag mit seinem A. O. K. hinausgeht,

der kann sich das leisten! Aber ich muß doch in ’ner Stunde auf der

Walze sein ... ich muß!“

Er wandte sich verzweifelt an Inge.

„Ich hatte ja keine Ahnung... Schon unterwegs bekam ich die

Drahtbefehle. Vläming und ich und noch zwei Preußen und ein Haufen

bayrische Herren -- wir sausen Tag und Nacht durch, mit hundert

Kilometern, bis an die Ostgrenze! Es geht jetzt um Spitze und Knopf.“

„Tu Du nur Deine Pflicht!“ sagte Inge.

„Aber sowie ich ein bischen Luft kriege -- spätestens in ein paar

Wochen -- ich mache es schon irgendwie ... ich telegrafiere Dir...

Gottseidank hab’ ich ja die Strippe ständig zur Verfügung... Richte nur

inzwischen Alles und halte Dich zur sofortigen Abreise bereit!“

„Ja.“

Der Pilot Graf Vläming befestigte das Einglas in der Augenhöhle seines

hageren Rassekopfs und sagte zu dem Hauptmann von Hellfried und dessen

Damen:

„Nu schlag’ ich aber vor: Wir gehen! Erstens sind wir hier total

überflüssig! Zweitens hab’ ich einen kolossalen Hunger und drittens nur

noch fünfzig Minuten Zeit. Isebrink ... Isebrink... Mensch... Wachen

Sie doch auf!“

„Ja -- was ist denn?“

„Wir ziehen uns jetzt verständnisvoll zurück. Aber vorher vergleichen

wir unsere Uhren! So!... Schlag acht Uhr fährt die Benzindroschke

vom Freiwilligen Automobilkorps vor -- Sie wissen ja: dort drüben...

Anderthalb Minuten vorher müssen Sie da sein! Da wird nicht gefackelt!“

„Eine halbe Minute ist auch genug!“

„Also schön! Ich bin großmütig! Sagen wir fünfundzwanzig Sekunden!

Kommen Sie, Hellfried! Mit Euch Bräutigamen muß man aufpassen! Ihr seid

nicht ganz zurechnungsfähig!“

Der späte Augustabend webte im Dämmergrün des Maximilianplatzes. In

ihm das Gewirr von Tausenden von Stimmen, das Glühen der Luft, das

Zittern der Seelen. Ein plötzliches Anschwellen des Menschenbrausens

da zu den feierlichen Klängen der „Wacht am Rhein“, dort zu wildem

Getümmel, geschwungenen Stöcken, Schutzmannshelmen im Gewühl um einen

neu ertappten Spion. Hurrah, erhobene Hüte und wehende Tücher beim

Anblick von Generalen und von Offizieren in polizeiwidrig sausenden

Autos. Isebrink und Inge gingen im Strom dieser Massen. In ihnen und

dem Zwielicht verschwand sein Feldgrau, wurde nicht mehr so beachtet.

Sie waren ungestört und schwiegen eine Weile, wie Menschen, die sich zu

viel zu sagen haben. Oder nichts mehr. Es lag ja alles hinter Einem.

Die Flammen dieses August löschten überall, was an Irrtümern und

Mißverständnissen in der Vergangenheit aufgestapelt lag, im Großen wie

im Kleinen. Es war nicht der Mühe wert, davon noch zu reden, und Inge

Tillesen sagte schließlich nur:

„Ja. Du brauchst nicht umzulernen. Du hast Recht behalten. In Allem!“

Dann fiel ihr wieder ein, was ihr die junge Hauptmannsbraut

kameradschaftlich zum Abschied gesagt. „Gottseidank! Unsere künftigen

Männer sind im Generalstab lange nicht so exponiert wie die ganz da

vorn in der Front!“ Da dachte sie doch wieder mitten im Donnergang der

Zeit an ihr eigenes bischen Schicksal. Sie merkte jetzt, an der Angst

um ihn, wie lieb sie ihn hatte. Und wie sie ihn schon früher hätte

haben können. Und sie sagte, sich fest an seinen Arm schmiegend:

„Ja! Ich war dumm!“

Er lachte.

„Du Schlaukopf -- Du?“

„Aber wir waren’s Alle! Es ging uns zu gut! Wir haben nicht mehr

gewußt, was uns nottat!“

Sie schritten Arm in Arm weiter, umbrandet und umbraust von dem

Rauschen eines uferlosen Meeres. Tausend Töne lebten darin, Gesang

und Geschrei, Lachen und Grollen, und es war doch nur ein einziger

unermeßlicher Gleichklang, das Atmen einer einzigen Brust. Alle

Gesichter umher schienen einander ähnlich, leuchtende Blicke in

unerschütterlich ernsten Mienen, ein großes Geheimnis über Jedem und

Allem, eine trunkene und doch feierlich erhobene Stimmung, wie das

letzte Abendrot dort über den Dächern oder wie das Morgenrot des

kommenden, ungeheuren Tags.

Inge blieb stehen.

„Du... Was war das nur mit uns bisher?... Warum waren wir nur so

verblendet...?“

„... weil wir Deutsche sind, Kind! Wir vertragen uns immer erst, wenn

wir müssen! Aber dann auch gründlich!“

„Ach Gott ja -- was hat Jeder aus sich für ein Wesen gemacht!“ sagte

Inge, während sie weitergingen. „Da dachte man, es käme auf Einen an

und kam sich wichtig vor -- und nun sieh’ mal hier die Menge...“

„Ja, heut’ gefallen mir die Leute, durch die Bank!“

„Wer wußte denn auch, daß wir seit Jahren am Rand des Verderbens

hingegangen sind...“

„Wir haben’s Euch ewig gepredigt!“

Die Leute umher machten unwillkürlich dem Hauptmann in Feldgrau Platz.

Junge Männer schauten ihn ernst an, mit dem Gedanken: Also so Einer

wird uns führen! Mütter betrachteten ihn, und es lag in ihrem Blick:

Euch vertrauen wir unsere Söhne an! Ein vornehm gekleideter Herr sagte

zu seiner Frau: „Siehst Du die roten Streifen? Das ist der Kopf! Wir

von der Landwehr sind bloß die Faust...“

„Deutschland, Deutschland über Alles!“ Wieder klang das Lied. Ein Trupp

Studenten in bunten Mützen zog vorbei. Auf dem Weg zum Generalkommando.

Zur Meldung als Kriegsfreiwillige. Geschlossen, das ganze Corps. Sie

riefen es lachend dem Hauptmann Isebrink zu. Er lachte und winkte ihnen

mit der Hand zurück, schon wie jungen Kameraden! Eine Sekunde flackerte

das Kriegswetter in seinen Augen. Es war Inge, als leuchteten all diese

Menschen von innen heraus, als wären sie gar nicht mehr sie selbst.

Sie dachte wieder an das Trauungswort der jungen Hauptmannsbraut von

vorhin. Es war wie dessen Widerschein auf den tausend Gesichtern, in

den tausend Augenpaaren umher: Unser Keiner lebt sich selber und Keiner

stirbt sich selber! Sie hing sich fester an Isebrinks Arm und sagte:

„Weißt Du ... eigentlich ist das Alles ja ein einziges Wunder...“

Er lachte unbekümmert.

„Ein Wunder ist jedenfalls schon geschehen: Ich halt’ Dich! Und nun

kommst Du mir nicht mehr aus!“

Und während sie umdrehten und den Weg zurückgingen, war ihr zu Mut,

als hätten nicht nur sie Zwei sich gefunden, sondern so wie sie und in

ihnen Beiden ganz Deutschland, als wäre das Alles miteinander eins, als

gäbe es keine Grenze mehr zwischen Mensch und Menge, jeder Einzelne

klein und doch groß und, was deutsch hieß, eine einzige Kraft, zu

wagen, zu schlagen, zu tragen.

Das deutsche Wunder: Roman · 第 18 / 29 段