Er dachte sich, während er das Tor öffnete: Der Alte hat vier Söhne für

das Waffenhandwerk bestimmt und zieht mit ihnen ins Feld. Meine eine

Tochter ist in Italien. Ihr Mann reist eben nach Paris. Meine zweite

Tochter habe ich an einen Engländer verheiratet. Meine dritte, die

Inge, ließ ich nach Amerika gehen. Ich selbst bin überall zu Hause.

In Tokio und Columbia lehren meine Schüler, in Capstadt und Buenos

Aires leben meine Patienten, in Irkutsk und Coimbra liest man meine

Handbücher...

Er ging durch die verödeten Räume, in denen er so oft das ganze

Ausland bei sich zu Gast gesehen. Seit ein paar Tagen war auch seine

Sprechstunde von Fremden leer. Die vornehmen Russen waren, ohne ihn zu

zahlen, abgereist. Es hatte eine Flucht vor Deutschland begonnen. Er

begriff es immer noch nicht recht. Er stand am Fenster und dachte sich:

Ja, wir haben uns tausendfach, mit den feinsten Saugwurzeln, über die

ganze Erde hin verästelt. Da war kein Boden, aus dem wir nicht geduldig

Nahrung zogen. Aber der alte Soldat da nebenan hat Recht, ohne es zu

wissen: die Pfahlwurzel, die den ganzen Stamm trägt und hält, die geht

steif und strack wie ein Preußenrückgrat, senkrecht hinunter in die

tiefsten deutschen Tiefen..

Unten, auf der Sonnebergerstraße, gingen zwei Damen vorbei. Er war so

in Gedanken an die Beiden, mit denen er zuletzt gesprochen: seinen

Schwiegersohn, der sich des Friedens, seinen Nachbar, der sich des

Kriegs freute, daß er Inge und ihre amerikanische Freundin erst

erkannte, als sie ihm auf dem Weg zur Stadt von unten zuwinkten.

Ethel Lawrence war lang und laut. Sie wirkte durch ihre Pariser

Toilette und ihre sorgfältige Haut- und Haarpflege viel jünger als

ihre vierunddreißig Jahre. Eigentlich war sie hübsch, trotz des zu

großen Mundes, den ein oberflächliches und liebenswürdiges Lächeln kaum

verließ. Sie schwatzte unaufhörlich. Man hörte ihr durchdringendes,

näselndes Englisch noch auf fünfzig Schritte. Es fiel dem Geheimrat

auf, daß Inge sehr still daneben ging, den Blick mit einem hartnäckigen

und zurückhaltenden Ausdruck am Boden.

„Oh -- Dein Vater sieht sorgenvoll aus, Inge!“

„Ist das ein Wunder, jetzt -- zwischen Krieg und Frieden?“

„Er befürchtet wohl große Geldverluste im Krieg?“

„Geldverluste?“

„Nun ja! Wann ich den alten Gentleman sehe, ist er doch so ernstlich

tätig!“

„Aber doch nicht blos wegen des Gelds!“

„Ja, wofür denn sonst? Warum antwortest Du denn nicht?“

„Weil Du es doch nicht verstehen würdest!... Früher schon! Für

gewöhnlich schon! Aber jetzt ... die Zeit ist so furchtbar ernst...“

„Oh ja! Nichts kann ernster sein!... Ach,... sieh’ ’mal da den hübschen

Hut... So ähnlich habe ich in Paris...“

„Laß jetzt die Schaufenster! Sieh lieber, wie die Leute da zu Tausenden

auf der Wilhelmstraße stehen... Wie sie die Extrablätter lesen ... da

pappen sie eben das Neueste an... Belgrad wird bombardiert!“

Ein dumpfes, ungeheures Summen und Brausen von Menschenstimmen ging

über die weiten Straßenflächen und hinüber zum Kurhaus. Die Gesichter

der Deutschen waren einander plötzlich alle ähnlich geworden. Auf Jedem

lag der gleiche feierliche Ernst.

„Lache doch nicht so laut, Ethel!“

„Oh -- warum denn?“

„Die Deutschen drehen sich nach Dir um!“

„Ach -- laß sie...“

„Aber wir sind jetzt nicht in der Stimmung, Ethel! Wir verbitten uns

das ... so nahe vor dem Krieg...“

„Oh ja: Krieg!“ sagte Ethel Lawrence gefällig. „Wir hatten vor siebzehn

Jahren auch Krieg. Auf den Philippinen. Es war zu drollig!“

„Drollig...“

„Ja. Mr. Sandford. Ein Leutnant von der Flotte. Er hatte sich bei San

Jago ausgezeichnet. Jede Miß mußte ihm einen Kuß geben. Ich auch. Dafür

schnitt ihm Jede einen Uniformknopf ab. Er hatte nie Knöpfe. Ach, was

mußten wir lachen... Warum siehst Du mich denn so an?“

„Ihr seid wirklich große Kinder! Ich drücke es höflich aus, Ethel!“

Miß Lawrence verstand das nicht.

„Damals machte Vater viel Geld mit Kriegslieferungen!“ sagte sie.

„Vielleicht diesmal auch. Ach, ich möchte es ihm so wünschen!“

„Lieferungen?... Für wen?“

„Nun -- wer es zahlt...“

„Weiter denkt Ihr an nichts?“

„Oh, Kriege sind sehr teuer! Ihr werdet das auch merken. Die Soldaten

sind wahrhaft anspruchsvoll. Sie verlangen sehr hohen Lohn und gute

Verpflegung. Sonst entschließen sie sich nicht, sich anwerben zu

lassen. Wir rechneten damals den Tag an Dollars etwa...“

„Höre endlich auf mit Deinen Dollars! Siehst Du denn nicht, daß das

etwas Anderes ist? Siehst Du denn nicht all die Gesichter... Ich habe

noch nie auf Menschengesichtern so eine Spannung gesehen!“

„Da solltest Du ’mal Wallstreet zur Börsenzeit sehen, wenn die Londoner

Kabeldepeschen kommen!“

„Ich war ja mit Dir in Wallstreet, Ethel! Aber mir ist es, als sei es

ein Jahrhundert her und nicht drei Jahre!“

„Sage das nicht! Die Prosperität hält an! Es hat sich dort nichts

geändert!“

„Aber ich habe mich geändert...“

Miß Lawrence hatte wieder englische Bekannte getroffen. Sie sprach

ein paar Worte mit den Damen. Eine von diesen, eine ältliche Jungfer,

drückte im Weitergehen Inge, die sie gar nicht kannte, mit einem

bedauernden Lächeln die Hand.

„Ethel: Was soll denn das bedeuten?“

„Sie sagte mir, Du tätest ihr so leid!“

„Ich?“

„Ganz Deutschland tut ihr so leid! Sie fürchtet, daß England Euch den

Krieg erklären wird. Sie wollte Dir ihr Mitgefühl am Unglück Deines

Vaterlands ausdrücken!“

„Ja, hör’ ’mal ... seid Ihr denn Alle verrückt? Oder war ich es bisher?“

„Oh -- was sprichst Du da?... So aufgeregt sollte eine Lady nie sein!“

„Ich pfeife auf Eure Ladies... Ethel: Mache Dir doch klar, was für

uns auf dem Spiel steht! Unsere Feinde sind Zehn gegen Einen... Wir

werden kämpfen müssen wie noch nie ein Volk!... Was soll denn dieser

freundschaftliche Ellbogenstoß in die Seite?“

„Gestehe nur...“

„Was denn?“

„Dein Vater ist alt. Du hast keine Brüder, die sich einreihen lassen

könnten! Also hast Du einen Herzensfreund, und er will durchaus mit

hinaus...“

„Großer Gott ... kannst Du Dir nichts Anderes vorstellen?“

„Ich an Deiner Stelle würde es ihm nicht erlauben! Ich sicherlich

nicht! Rede es ihm aus! Wozu denn?“

„Ethel ... fehlt Dir denn jedes Verständnis dafür, daß es jetzt gar

nicht auf mich ankommt oder auf einen Herzensfreund, sogar wenn ich

Einen hätte, oder sonst auf irgend einen Menschen in Deutschland,

sondern nur auf Deutschland selbst! Betrachte nur die Männer und Frauen

um uns! Das sonderbare Leuchten auf allen Gesichtern. Man ist sich

auf einmal so nah. Man braucht gar keine Worte mehr! Es kommt etwas

Unerhörtes über uns!... Aber wir fürchten uns nicht!... Glaubt nur das

nicht! Auch wir Frauen nicht! Kein Mensch in Deutschland fürchtet sich

vor dem Krieg. Das lesen wir Einer dem Anderen aus den Augen.“

„Oh -- der Krieg wird sehr interessant! Noch nie sah ich einen aus der

Nähe!“

„Euch zum Spaß führen wir ihn nicht!“

„Du bist ja ganz atemlos, Inge!“

„Gottseidank bin ich eine Deutsche!“

„Oh ja, der Krieg!... Ich weiß nur noch nicht, wo ich hingehen soll,

wenn die Heere den Rhein überschwemmen!“

„Unseren Rhein?“

„Oh ja! Was machst Du denn für Augen?“

„Die Feinde sollen zu uns ins Land herein?“

„Oh sicher! Wer hier englisch spricht, wird es Dir sagen!“

„Ja, was denkt Ihr denn von uns? Was habt Ihr denn die ganze Zeit über

von uns gedacht? Ich bin ganz entsetzt! Und da ging man unter Euch

drüben herum ... bei Euch ging ich in die Schule... Es fällt Einem wie

Schuppen von den Augen!“

„Vielleicht reise ich nach Wien! Sage: gehört Wien zu Deutschland?“

„Nein. Zu China!“

„Oder nach Luzern! Oh ja: Luzern! Da sind ~First rate Hotels~! Da

werden viele prominente Amerikaner sein!“

„Ja, macht nur, daß Ihr Alle dahinkommt!“

„Weißt Du was: Komm mit!“

„Ich? Jetzt?“

„Nun ja!... Da bist Du aus der Unruhe hier heraus! In guter Luft! Wir

machen Ausflüge...“

„Man möchte sich wirklich an den Kopf greifen!“ sagte Inge.

„Berede doch Deinen Vater, so zu tun! Der alte Herr hat da auch seinen

Frieden. Es wird ihm gut sein!“

„Jetzt Deutschland verlassen...?“

„Was willst Du denn hier, wo überall so viele Soldaten sein werden oder

womöglich gar Verwundete und Kranke? Du bist eine unabhängige junge

Lady. Du kannst doch Deine Rente verzehren, wo Du willst!“

„Jetzt geht mir allmählich ein Licht auf, wer Ihr seid und wer wir

sind...“

„Ich bin so betrübt, daß Du wieder in Rätseln redest! Wir waren immer

freundlich zu Dir, drüben, so als wärst Du Eine von uns!“

„Ich bin mehr und hab’s nicht gewußt!“

„Oh...“

„Der New-York-Herald!“ Ein Händler bot die neueste Nummer der Pariser

Ausgabe an. Die Miß kaufte sie und studierte mit brennendem Interesse

die Liste der in den dortigen Luxushotels eingetroffenen Amerikaner.

„Heißes Wetter in Paris!“ verkündete sie dann. „Oh -- wieviel Volk ist

nach Trouville abgereist! Sieh nur hier die Namen...“

Inge hörte nicht mehr darauf. Rings um sie knitterten andere deutsche

Zeitungen, verfolgten gespannte Augen den Fettdruck der Riesenlettern

der letzten Nachrichten. Ganz Europa fieberte in diesen kurzen,

schwarzen Zeilen. Noch einmal drahteten sich in letzter Stunde die

Großen dieser Erde vom Hohenzollernschloß zum Winterpalais, vom

Buckinghampalast zur Hofburg, schossen die Automobile der Diplomaten

nach Downingstreet und dem Ballplatz, nach der Wilhelmstraße und dem

Quai d’Orsay, zitterten die Telefondrähte und Telegrafenkabel von den

letzten Zuckungen des Friedens. Und doch war dies das Letzte, worin,

auf lange Zeit hinaus, die Menschen dieses Weltenrunds einig waren: Es

war zu spät! Das Schicksal schon im Gang.

Ringsum lachten und spaßten unbekümmert die Yankees. Für sie war

Europa eine große „Schau“. Auch der Krieg war eine ganz neue Schau.

Sie schoben der Miß Lawrence strahlend einen blatternarbigen,

breitschulterigen jungen Mann entgegen. „Fighting Bob“ -- der

Millionärsohn und Amateurboxer! Fighting Bob hatte Lust, den Krieg auf

ein paar Wochen mitzumachen! Die Deutschen mochten sich hüten! Hinter

seinem Knockabout wuchs kein Gras...

Das letzte Extrablatt! Eine Depesche des Deutschen Kaisers. Er

beschwor den Zaren im Namen der Menschheit, seine Völkerwanderung

abzurüsten, die von den Wolgaufern und den Steppen Asiens heranzog. Um

Inge Tillesen schwirrten fremdartige Stimmen in einem halben Dutzend

Sprachen. Schrilles Welsch. Lautes Russisch. Gekäutes Englisch.

Ratterndes Französisch. Sonderbar, sie lebte seit acht Jahren

mit ihrem Vater in Wiesbaden. Sie war in dieser Zeit fast täglich

durch das Gedränge vor dem Kurhaus gegangen, ohne sich beim Anblick

der vielen Ausländer Etwas zu denken. Heute auf einmal traten die

Trennungslinien der Menschheit hervor, die ewigen Grenzen der Völker.

Ein Ahnen. Beinahe ein Grauen... Dann ein Jubel: Drüben wurden Hunderte

von Hüten geschwungen, Hunderte von Stimmen sangen. Das waren nicht

mehr die Unmündigen wie in den Tagen bisher. Das war ein langer Zug

junger, waffenfähiger Männer, Primaner, Handwerker, Bürgersöhne. Sie

marschierten zu Viert und Fünft, Arm in Arm, nebeneinander. Ihre

Gesichter waren begeistert.

„Heil Dir im Siegerkranz!“...

Hurrah! Es winkte aus den Fenstern. Tücher wehten. Inge Tillesen

überlief ein Schauer. Ihre Augen wurden feucht. Sie wandte sich um. Sie

sah wieder die vergnüglichen Zahnreihen der Yankees. Die spöttische

Neugier der Italiener, das stechende Auge der Franzosen, das freche und

belustigte Lächeln einiger junger Lawn-Tennis-Engländer. Auf einmal

durchzuckte es sie: Das sind ja Alles unsere Feinde! Alle... Alle! Die

ganze Welt! Und war es schon lange...

„Lachen Sie nicht!“

Sie sagte es mit so wildsprühenden Augen, daß der Boxer-Millionär sie

fassungslos anstarrte. Man war doch in Deutschland, dem geduldigsten

und gutmütigsten aller Völker! Man hätte in Rußland, bei der Zarenhymne

das Haupt entblößt, man wäre in England ehrfurchtvoll bei „~God save

the King~“ aufgestanden. Aber hier...

„Lachen Sie nicht über Dinge, die für Euch viel zu hoch sind! Ihr

werdet das Lachen noch verlieren! Ihr Alle zusammen!“

„Oh... Inge...“

„Was hat denn die Lady?“

„Sie war früher nicht so!“ erklärte Miß Lawrence. „Sie war eine

aufrichtige Kosmopolitin!“

„So? War ich das?“

„... aber jetzt ... Inge ... ich bin so bang... Jetzt spricht sogar aus

Dir der Militarismus!“

„... wenn Ihr das Militarismus nennt, daß alle Welt über uns herfällt

-- -- na gut -- aber da könnt Ihr ’was erleben!“

„Oh, Inge... Wie kannst Du das sagen?“

„Das fühlt jetzt Jeder bei uns! Einer wie der Andere. Der

Droschkenkutscher da ... oder die Frau da ... oder der Briefträger da

... siehst Du: Ich brauche ihm blos zuzunicken! Da verstehen wir uns

schon!“

„Oh -- laß doch den Mann aus dem Volke, Inge! Rege Dich nicht auf! Sieh

hier! Ich habe eben von Miß Cooper zwei Karten für Bayreuth bekommen!

Für übermorgen! Willst Du den Trip nicht mitmachen? Es wird Deiner

Konstitution gut tun!“

„Du wirst bald andere Zeichen und Wunder erleben als in Bayreuth!...

Leb’ wohl, Ethel!“

Der Händedruck mit der erstaunten Freundin aus Amerika schien Inge wie

ein Sinnbild des Abschieds von Vielem in ihr und außer ihr. Sie lachte

dabei und hielt den Kopf hoch im Nacken. Es war eine Bewegung von

Stolz und Kampflust. Der Ausdruck eines allgemeinen und unermeßlichen

Kraftgefühls, das sie jählings auch in sich spürte. Sie ging langsam

und straff aufgerichtet durch die Ausländer, die ihr nachstarrten.

Daheim setzte sie sich zu ihrem Vater in dessen Arbeitszimmer.

Exzellenz Tillesen hatte sonst nie Zeit. Aber jetzt war die große,

lähmende Stille vor dem Gewitter. Jedes Wort schien zu viel. Endlich

sagte Inge:

„Was ist das nur, Vater?“

„Was denn, Kind?“

„Es ist alles so anders! Die Menschen draußen... Du ... ich...“

„Ja, Inge!“

„Aber wie geschieht denn das?... Es ist sonderbar... Man fühlt sich so

leicht ... so befreit... Und dabei schlägt Einem doch das Herz und die

Zeit ist doch so furchtbar ernst!“

„Man ist von sich befreit, Inge! Das ist’s!“

„Was meinst Du damit, Vater?“

„Vielleicht haben wir Alle zu sehr an uns und unser bischen Eigenes

gedacht...“

„Ach so...“

„... und das war uns eine Last und wir wußten es nicht, daß wir an uns

selber litten!“

„So ist es mir, glaub’ ich, gegangen.“

„... das merke auch ich jetzt, Kind, und vielleicht ein Jeder! Wir

kannten uns nicht mehr und waren darum ungerecht gegen einander. Es ist

nun einmal deutsche Art, seinen eigenen Weg zu gehen!“

„Das hab’ ich auch viel zu sehr getan!“

„Laß es gut sein, Inge! Es rinnen viele Wasser in Deutschland. Aber

schließlich wird es doch der eine große Strom!“

„Ich mache mir doch Vorwürfe, daß ich das nicht früher verstand. Ich

hätte mir und einem Anderen Manches erspart! Er hat das gewußt. Er hat

mir immer gesagt: ‚Nicht das Ich, sondern die Pflicht, die das ‚ich‘

in sich schließt!‘ Ich hab’s in den Wind geschlagen. Und was ist das

jetzt? Was ist man denn selbst? Es ist ja so gleichgiltig, ob man da

ist oder nicht und wie es Einem geht und was man will!“

„Ja. Nun geht Alles weit darüber hinaus!“

„Aber warum erkennen wir das erst jetzt?“

„Liebes Kind!“ sagte der Gelehrte und stand auf. „In Jedem von uns

steckt ein Stück Deutschland mit seinen Rätseln und seinen Tiefen. Wer

kennt sich ganz und wer kennt Deutschland aus? Nun kommt uns vielleicht

die Lösung des Rätsels von außen. Das Wunder geschieht nicht zum ersten

Mal... Nun Inge... Ich geh’ jetzt wieder an die Arbeit!“

Ganz Deutschland ging an diesem Tag mit Exzellenz Tillesen noch einmal

an die Arbeit, das schaffenfreudigste, das gewissenhafteste, das

gründlichste aller Völker. Es war jetzt noch, in der Gewohnheit vieler

Jahrzehnte des Friedens, mit frohem Eifer am Werk des Tages, während

unter ihm die Erde schon bebte. Es riß sich schwer, zögernd, ungläubig

von der liebgewordenen Beschäftigung am Schreibpult und Schraubstock,

an Pflugschar und Ambos, an Hauptbuch und Heizkessel los, es schaltete

langsam seine Gedanken um, bis zu der letzten Erkenntnis: Auch der

Krieg ist deutsche Arbeit! Durch Jahrtausende bewährte deutsche Arbeit,

so stark und gründlich wie die des Friedens.

Inge Tillesen stand am Fenster. Draußen warfen die Bäume schon ihre

abendlichen Schatten über das heiße Pflaster. Karl, der Diener, lief

eben in bloßem Kopf und weißer Schürze aus dem Haus. Er war alter 80er

Füsilier. Er rannte alle Augenblicke bis zur nächsten Straßenecke, um

nach Extrablättern zu schauen. Inge achtete nicht auf ihn. Sie fuhr

zusammen und sagte halblaut zu sich:

„Herrgott ... da ist er ja wieder!“

Nicolai Schjelting stand auf der anderen Seite der Straße, gerade der

Villa gegenüber. Stand nachlässig wie gewöhnlich, blendend angezogen,

den Strohhut auf Pariser Art nach hinten geschoben, die Hände auf dem

Rücken. Er schaute unausgesetzt, mit einem gespannten Gesichtsausdruck,

nach dem Hause hin...

„Ach ... mag er schon...“

Inge Tillesen hob unwillig die Schultern hoch, trat in das Innere des

Zimmers zurück und klingelte, um dem Diener den Herrn da draußen zu

zeigen und ihm einzuschärfen, daß man für ihn unbedingt nicht zu Hause

sei. Niemand kam. Sie wartete eine Weile. Dann öffnete sie die Tür und

rief ungeduldig in die dämmerige Eingangshalle:

„Karl, wo stecken Sie denn, wenn man Sie braucht?“

„Guten Abend, Fräulein Tillesen!“

„Um Gotteswillen ... wer steht denn da?... Wer sind Sie denn?“

„Erlauben Sie mir, in den Salon zu treten! Ich bin kein Mann der

Antichambre.“

„Ja, wie kommen Sie denn hier herein?“

„Ich kam zufällig an Ihrem Hause vorbei. Ich sah Sie am Fenster. Ich

fand das Haustor offen. -- Ihr Diener hatte die Güte, es nicht zu

schließen, während er um die Ecke lief -- -- ~Et me voilà!~“

Nicolai von Schjelting sagte es lächelnd, als sei heute ein Tag wie

jeder andere. Er stand mitten im Zimmer, so hell im Abendlicht, daß

sie deutlich die Schatten der Schlaflosigkeit unter seinen großen,

grauen Augen, die tiefgefurchten Linien nervöser Unruhe auf seinen

lebhaften länglichen Zügen erkannte. In der Art, wie er den Kopf etwas

zur Seite legte und sie verbindlich ansah, war ein Gemisch von Dünkel

und Schmiegsamkeit, fast Unterwürfigkeit. Der wohlbekannte leise

Petersburger Hauch von feinstem Beßarabischen Tabak und Kölnisch Wasser

ging wieder von ihm aus.

„Sagen Sie um Gotteswillen: Was suchen Sie eigentlich hier?“

„Sie.“

„Was...?“

„Wie denn nicht? Deswegen bin ich in Wiesbaden. Ich muß mich eilen,

wenn ich mich Ihnen noch erklären soll! Denn in Kurzem...“

„Bitte! Ich wünsche nicht das Geringste von Ihnen zu hören!“

„Denn in Kurzem...“ sagte Schjelting lächelnd. „Nun -- unser

Kriegsminister Suchomlinoff hat ja gestern Eurem Militärattaché sein

Ehrenwort gegeben, daß er nichts von einer Mobilmachung weiß! Aber,

unter uns, dies Ehrenwort taugt nicht viel!“

„Das glaub’ ich!“

„~C’est la guerre! Ou -- pas encore la guerre, mais~... Gestatten

Sie mir, daß ich mich setze! Ich stehe schon seit einer halben Stunde

vor Ihrem Haus!“

„Ich kann Sie nicht daran hindern!“

„Setzen Sie sich doch auch! Erbarmen Sie sich: Sie können doch nicht

hier vor mir stehen! Erweisen Sie mir die Gnade! Plaudern wir ein

wenig...“

„Was tun Sie denn noch in Deutschland, angesichts des Kriegs?“

„Noch ist nicht Krieg. Auch bin ich nicht wehrpflichtig. Ein ganz

friedlicher Mensch. ~Un vrai philanthrope~...“

„Ich würde Ihnen doch raten, sich aus dem Staub zu machen!“

„Ich habe Zeit! Ich reise, wenn es so weit ist, entweder nach Westen,

den einrückenden Franzosen entgegen oder -- da mich meine Familie in

Belgien nicht mehr weiter interessiert -- ich gehe, ~en attendant~,

nach Bayern.“

„Dort nimmt man Sie gerade so gut fest!“

„Pardon! Ich weiß das besser! Mich täuscht man nicht: Süddeutschland

wird auf alle Fälle eine abwartende Haltung einnehmen! Man ist dort so

sicher ~comme au sein de sa famille~!“

„Das ist verrückt, so was zu glauben...“

„Wir haben unsere Thesen!“ sagte Nicolai Schjelting und sah sie

aufmerksam an. „Diese Formeln gründen sich auf eine Analyse der

geschichtlichen Vorgänge in Deutschland, die sich nach gewissen

Gesetzen wiederholen...“

„Wenn die Zeit nicht so ernst wäre, müßte man wirklich lachen!“

„... und außerdem hat man bei uns Deutschland im letzten Jahrzehnt

genauer studiert! Früher schien es uns und den Engländern nicht so der

Mühe wert!... Aber jetzt weiß man überall im Ausland mit Euch Bescheid.

Deswegen bin ich ja hier, Fräulein Tillesen, weil die Gefahr für Sie so

unmittelbar und dringend ist!“

„Ich fürcht’ mich nicht!“

„Ich schrieb es Ihnen ja schon! Wo wollen Sie denn eigentlich hin? Hier

am Rhein donnern ja bald die Geschütze...“

„Am Rhein...?“

„Weiter ins Innere? Die großen Städte und die Industriebezirke werden

bald ein Spielball Eurer Arbeitersyndikate sein...“

„Wessen Spielball?“

„Ach, stellen Sie sich nicht unwissend! Die Methoden des Europäischen

Individualismus werden in Euren Vorstädten triumphieren: Eure

Blusenmänner lehnen mit entschlossener Geste die Pickelhaube ab! Es

wird ein Schrei aus der Tiefe der Bergwerke tönen: Kämpft Eure Kriege

selbst!“

„Reden Sie eigentlich von China oder von uns?“

„Flüchten Sie weiter nach Osten -- ~enfin~ -- ich gebe zu, daß

Ihre Muschiks da unter der Faust der Junker sich schlagen werden. Aber

dort, an der Elbe, sind ja inzwischen schon wir, die Russen...“

„Es steht Einem wirklich der Verstand still!“

„Und bis zu unserem Einzug in Berlin wird auch Ihre Hauptstadt kein

Aufenthaltsort für Damen mehr sein. Alles bricht dort in sich

zusammen. Ich kenne dies hektische Nachtleben -- diese engbrüstige

Décadence der zu schnell Reichgewordenen!...“

Er zuckte mit einer beinahe müden Bewegung der Überlegenheit seine

schmalen und hängenden Schultern und zog die Augenbrauen hoch.

„Aus diesem Euch feindlichen Europa flüchten? Erwägen Sie, Fräulein

Tillesen: Die Engländer verbieten Euch die Meere! Sie sperren Euch auch

die Nahrungszufuhr! Sie haben den General Hunger wie wir den General

Winter. Beide sind unwiderstehlich. Selbst der große Napoleon wurde von

uns besiegt!“

„Ich wollte blos, ich wär’ ein Mann!“ sagte Inge.

„Und endlich: Gott will es, daß zu allen Dingen dieser Welt Geld

gehört! Nun ... sehen wir zu: Ihr Vater ist wohlhabend! Ich weiß es!

Aber was hilft ihm das jetzt? Er wird sich umsonst in die Reihen der

Verzweifelten stellen, die vor den verschlossenen Banken Spalier

bilden. Diese Tore werden sich seinem angstvollen Pochen nicht

öffnen... Warum lachen Sie denn?“

„Mein guter Vater und nach Geld hämmern... Da drüben hat er gerade

wieder ’mal sein Portemonnaie auf dem Diwan liegen lassen!“

„~Enfin~: Euer wirtschaftlicher Zusammenbruch ist unvermeidlich.

Als ein Teil der allgemeinen Katastrophe! -- ~une débâcle~ -- Ich

bemitleide Sie!“

„Sind Sie nun fertig? Ich bewundere meine eigene Geduld, Herr von

Schjelting, mit der ich die ganze Zeit diese bösartige Phantastik mit

angehört hab’! Wir sind immer viel zu höflich mit Ausländern!“

„Wie denn? Ich rede zu Ihnen, nicht wie zu einer Moskauer

Kaufmannsfrau, sondern zu einer europäischen Intellektuellen, die den

Zusammenhang der Dinge übersieht! Bitte, nehmen Sie meine Worte ernst!“

„Ich hab’ davon Eines begriffen: Wenn der Krieg wirklich kommt, dann

kommt er, weil Ihr keine blasse Ahnung habt, wer wir sind und was wir

können!“

„Armes Mädchen...,“ sagte Nicolai Schjelting mit einem sonderbaren,

beinahe leidenden Mitgefühl.

„Wahrscheinlich haben wir es dumm angefangen und Euch eine falsche

Meinung von uns beigebracht, aus reiner Gutmütigkeit ... aus viel zu

viel Anstand... Dadurch habt Ihr den Größenwahn gekriegt!... Und nun

bitte: Schluß!“

Nicolai von Schjelting war sitzen geblieben, obwohl sie zornig

aufstand. Er griff nach seiner silbernen Tulaer Tabakdose, rollte sich

mechanisch eine Papyros, hielt inne.

„Vergeben Sie! Ich war in Gedanken... Der Rauch beruhigt meine

Nerven...“

„Meinetwegen...“

Es klang wie: ‚Benimm Dich nun schon ganz als Asiate!‘ Nicolai

Schjelting saß träumerisch da, stieß eine blaue Wolke durch die

geblähten Nasenflügel und versetzte unvermittelt:

„Ich lasse mich jetzt von meiner Frau scheiden!“

„Was? Eine Frau haben Sie auch?“

„Nun wie? Man muß doch verheiratet sein!“ sagte er beinahe

melancholisch. „Ich sprach vorhin schon von meiner Familie. Gott mit

ihr!“

Der schwere Sessel rollte mit einem Ruck beinahe bis an die Wand

zurück, so ungestüm sprang er plötzlich von ihm in die Höhe.

Das deutsche Wunder: Roman · 第 17 / 29 段