gottverlassenen Visagen ’mal sieht! Für die Gesellschaft würde sich ja
die Verbrechergallerie in Kastans Panoptikum bedanken!“
„Höre, Hugo...“
„Und endlich die Herrscher selbst! Sonst überlegen sie es sich, ob
sie ein Todesurteil gegen einen Verbrecher unterzeichnen sollen! Bei
der Unterzeichnung des Mobilmachungsbefehls handelt es sich um das
Todesurteil gegen Hunderttausend, die nichts verbrochen haben! Das kann
doch Keiner von ihnen! Da sträubt sich ihm ja die Hand...“
„Und doch hat der Zar die Mobilmachung der russischen Armee befohlen!“
„Wer sagt das?“
„Ein Balte, einer meiner Patienten, der sich heute morgen in aller Eile
von mir verabschiedet hat. Der Mann hatte Tränen in den Augen!“
„Die Mobilmachung gegen Österreich?“
„Nein! das ganze russische Heer!“
„Auch gegen uns?“
„Auch gegen uns!“
Die Männer schwiegen. Aus dem Parkgrün gegenüber jauchzten die Kinder.
Von fern klang der dumpfe Paukenschlag der Kurmusik. Endlich sagte Hugo
Martius entschlossen:
„Dein Balte in Ehren! Aber das glaub’ ich einfach nicht! Er hat
irgendwas läuten hören und nicht schlagen...“
„Es ist ein Graf, mit vielen Beziehungen scheint’s, in Petersburg!“
„Na eben!... Was mag dort jetzt Alles gemunkelt und gestänkert werden,
was nachher ... nein ... ich glaub’ es nicht! In acht Tagen lachen wir
darüber!“
„Geb’ es Gott!“
„Geht Deine Uhr richtig, Schwiegerpapa? In fünf Minuten halb Vier?...
Na, dann wird’s Zeit!“
„Du willst doch nicht wirklich heute Nacht nach Paris!“
„Da unsere internationale Gruppe von Friedensfreunden sich zu Ende Juli
zu einer Sitzung dorthin verabredet hat...“
„... aber doch unter anderen Voraussetzungen...“
„... so würde das Fernbleiben eines Deutschen eben jetzt doppelt
mißdeutet werden! Gerade in dieser kritischen Zeit ist es meine
Pflicht, nach Paris zu gehen! Ich sehe Jaurès morgen früh, gleich nach
meiner Ankunft. Sein Wort ist in Frankreich eine Macht! Man muß ihn und
alle vernünftigen Menschen draußen in ihrer Überzeugung bestärken, daß
Niemand in Deutschland den Krieg will!“
„Nun ... das weiß der Himmel!“ sagte der Geheimrat. Wieder verstummten
die Beiden. Durch das Gebüsch blinkte von der Nachbarvilla des
Generals z. D. Isebrink her ein scharlachroter Schein. Ein Diener
hängte einen funkelnagelneuen Waffenrock über die Stange und begann
ihn auszubürsten. Er hatte bei der Kavallerie gedient. Man merkte es
daran, daß er, in seiner blauweiß gestreiften Jacke, abwechselnd den
Finnischen Reitermarsch und „Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs
Pferd!“ vor sich hinpfiff.
„Und Phila läßt Du vorläufig auch ruhig in Italien?“
„Na, Du kennst doch Deine Tochter, Schwiegerpapa! Die kriegen doch zehn
Pferde nicht aus ihrem geliebten ~bel paese~, wenn sie ’mal wieder
glücklich da unten sitzt!“
„Vielleicht kommt sie von selbst auf den Gedanken...“
„Phila und in Italien denken! Da wandelt sie Mond mit offenen Augen.
Ißt und trinkt nicht, sondern wird vom Süden satt und kriecht friedlich
unter ihr Moskitonetz. Flöhe? Oh bitte: das ist kein Floh! Das ist
~una pulce~! Hut ab vor dem Vieh. Es ist klassisch!“
„Nun ja... Schließlich ist das auch ein Stück unseres Wesens!“
„In Deutschland sollten ’mal in so ’nem finsteren Stinkgäßchen mit
darüber gespannten Lumpen solche schmutzigen Bälge sie am Rock zupfen.
Die hätten gleich eins hinter’m Ohr. Aber dort... ~Oh -- questa
ragazzaglia!... prenda! prenda!~... Da habt Ihr, Kinder! Rein
närrisch!“
Hugo Martius hatte gelacht. Jetzt wurde er doch wieder sehr ernst.
Er sagte, unwillkürlich und halb in Gedanken: „Der Zar, der den
Friedenstempel im Haag gebaut hat ... ach wo... Es ist einfach ein
Petersburger Bluff... Darin sind die Herren Russen Meister...“ und
dann, sich ablenkend: „Wo steckt denn eigentlich Inge?“
„Drüben, im Hotel, bei ihrer amerikanischen Freundin!“
„Der berühmten Ethel, mit der sie uns früher nach ihrer Rückkehr aus
den ~States~ zur Verzweiflung brachte?“
„Ja, eben der... Sie ist zum Besuch hier...“
„Na -- dann wird Deine Tochter wohl wieder ganz verdreht...“
„Ich weiß nicht ... sie ist anders... Es wird Niemand mehr aus ihr
klug...“
„...Sie sieht blaß aus! Du solltest ihr Eisen verschreiben,
Schwiegervater!“
„Wenn die Zeit uns nicht Allen Eisen verschreibt... Die Inge ist doch
eigentlich so ganz ein Kind unserer Zeit. Aber sie findet sich in ihr
nicht mehr zurecht...“
„Ach ... heiraten soll sie...“
„Sie hat ja eben ihr Schicksal aus der Hand gegeben. Manchmal kommt es
mir vor, als bereute sie’s und wollte es zurückrufen... Es kämpft Etwas
in ihr ... so wie da draußen Krieg und Frieden miteinander kämpften. Ich
merke es wohl, wenn sie auch nie mit mir darüber spricht!“
„Kannst Du denn da nicht vermitteln?“
„Nein, Hugo! Sie muß selber sehen, wo sie bleibt. Im Krieg oder im
Frieden!“
Hugo Martius stand auf.
„Also nochmals: ich glaube an den Frieden!“ versetzte er. „Wir können
mit mehr Recht als der kleine Napoleon sagen: ‚Das Kaiserreich ist der
Frieden!‘ Seit Versailles hat Europa Ruhe! Das verdankt es uns!“
„... wenn es uns das dankt!“
„Na bitte: Wen reizen wir denn? Wen verletzen wir denn? Wen schädigen
wir denn? Wir sind doch mit aller Welt Freund! Wir haben ein offenes
Herz für Hinz und Kunz. Wir sind doch nun ’mal Idealisten. Ich glaub’
an die Menschheit. Das ist nun ’mal deutsche Art!“
„Und soll es bleiben...“
„... soll es bleiben ... in ehrlicher Friedensarbeit ... die sollen
sie uns nicht stören, die verfluchten Kerle... Es brennt mir auf den
Nägeln, so hab’ ich zu tun! Du hast zu tun! Jeder hat bei uns zu tun!
Keiner hat Zeit! So ... nun kurbeln Sie ’mal an, Mann Gottes! In sieben
Minuten muß ich am Bahnhof sein!... Adieu... Adieu!“
Geheimrat Tillesen kehrte von dem Parkgitter, bis zu dem er seinen
Schwiegersohn geleitet hatte, in das Haus zurück. Das war still und
leer. Auch in dem Laboratorium, in das er hinüberschritt, empfing ihn
nicht die halblaute Unterhaltung in fünf, sechs Sprachen wie sonst.
Feiner Staub lag schon auf dem Platz, wo früher der Montenegriner Dr.
Woinowitsch seine betäubten Frösche präpariert hatte. Nur eine Karte an
einen Kollegen war von ihm aus den Schwarzen Bergen gekommen. Er hoffe,
in Kurzem im Kampf gegen die Schwaben seine Pflicht zu tun...
Der Gelehrte schüttelte still den Kopf. Er trat an den Nebentisch und
frug dort den bartlosen jungen Amerikaner Washington J. Parker, der
mehr wie ein Baseball-Athlet als wie ein Physiologe aussah:
„Nun -- nicht bei der Arbeit?“
„~Oh -- I beg your pardon, Excellency -- but...~“
„Wollen Sie nicht Deutsch in meinen Räumen mit mir reden? Was heißt
denn das?“
„~Well.~... daß ich abreisen möchte! Ich schätze: Es giebt Krieg
und man braucht mich drüben!“
„Doch nicht in Amerika?“
„~Oh no!~ In England! Ich bekam heute Kabel-Neuigkeiten
aus New-York. Manche meiner Freunde wollen einen freiwilligen
Sanitätsdienst mit Automobilen einrichten. An der englischen Front. Da
tun modern geschulte, junge Ärzte not...“
„Mit dem, was Sie hier gelernt haben...?“
„Oh -- ich kämpfe doch nicht! Ich helfe doch nur -- wenn es welche
geben sollte!... den Verwundeten!“
„... auf der Seite unserer Feinde?“
„~Yes, Sir!~“
Der Amerikaner hatte vor Erstaunen ganz runde Augen. Natürlich half
man den Engländern. Das war doch selbstverständlich. Ehrenpflicht des
Erdenrunds. Es gehörte zu den Sonderbarkeiten der Deutschen, das nicht
einzusehen. Immerhin: die zwei Jahre hier waren nicht verloren. Er
drückte seinem bisherigen Lehrer kraftvoll zum Dank die Hand, zeigte
freundlich lächelnd die goldplombierten Zähne und ging. Exzellenz
Tillesen zuckte gelassen die Achseln und trat in den Nebenraum. Da
hörte er die laute Stimme der Besobrasowa zu den beiden deutschen
Assistentinnen:
„Läbben Sie wohl! Ich gähe!“
„Tun Sie’s oder ich melde es Exzellenz, was Sie hier für
Ungezogenheiten vorbringen!“
„Umso bässer! Ich habe genug bei ihm gelärnt. Oh -- Ihr seid dumme
Mänschen!“
„Sie ist so frech, Exzellenz!“ sagte Dr. Käthe Cornelius. Und Dr. Irma
Enderlin, mit rotem Kopf über dem weißen Kittel:
„Ich möchte sie am liebsten ’rausschmeißen!“
Die kleine, dicke Russin zog höhnend den Mund von einem Ohr bis zum
andern.
„Oh -- Vor Ihnen habe ich Aehrfurcht, Exzellenz! Ihnen wird man auch
nichts tun!“
„Sehr gütig!“ sagte der Geheimrat. „Und uns Andern!“
„~Pomiluite!~.... Die Wurstfrässer wollen uns Gesätze
vorschreiben! Nun: man wird sähen! Wir wärden kommen!“
„Den ganzen Nachmittag nennt sie uns Wurstfresser, Exzellenz!“
„’raus!“ schrie Irma Enderlin wütend und schwenkte ein Reagenzglas.
„Ich glaub’ wahrhaftig, sie hat draußen noch die Zunge ’rausgestreckt!“
„Bleiben wir bei der Sache, Fräulein Cornelius. Wie steht es mit den
Tabellen?“
„Wir kommen nicht vorwärts, Exzellenz! Die Ausländer sind ja über Nacht
alle ausgerückt. Es ist zu viel!“
Die beiden Damen saßen vor einem kleinen Berg toter weißer Mäuse.
Andere huschten oder wankten, je nach ihrem Impfungsstadium, in kleinen
Käfigen um sie herum.
„Ja, da sollte aber Katsura doch selber so vernünftig sein und Ihnen
ein bischen zur Hand gehen? Wo steckt er denn?“
Niemand wußte, wo der Japaner geblieben war, der seit sieben Jahren in
diesem Hause ganze Assistentengeschlechter überdauert hatte und in alle
Forschungsgeheimnisse des Laboratoriums eingeweiht war.
„Da kommt eben der Mathes zurück!“ sagte Fräulein Cornelius. „Der hat,
glaub’ ich, nach dem Kerlchen geschaut!“
Der Laboratoriumsdiener trat ein. Er war in der Großen Kirchstraße
gewesen. Die Wohnung des Dr. Katsura stand leer. Er war ganz
heimlich und plötzlich mitten in der Nacht abgereist. Weder Miete
noch Rechnungen hatte er in der Eile bezahlt. Auch keine Zeile
zurückgelassen.
„Seltsam ... sehr seltsam... Nun, mein lieber Dr. Pfeiffer ... dann
werden Sie jetzt für die Hauptarbeit einspringen müssen...“
„Für die nächsten Tage gern, Exzellenz!“
„Und dann?“
„Ich bin dienstpflichtig, Exzellenz!“
„Ach so -- ja --“
Exzellenz Tillesen erschienen seine eigenen, durch die Gewohnheit
langer Jahre vertrauten Forschungsräume plötzlich verändert. So still.
So leer. Eine unsichtbare, unbekannte Macht griff herein, holte sich
die Menschen nach anderen Orten, zu anderen Zwecken...
„Wir müssen mit der Arbeit fertig werden!“ sagte er. „Ich brauche
die Grundlagen für meinen Vortrag im August, auf dem Internationalen
Kongreß in Kopenhagen.“
Dabei fiel ihm wieder ein: Was sprichst Du da? Vielleicht werden die
internationalen Begegnungen bis dahin anders und furchtbarer. Es war so
schwer, sich aus dem Geleis der Gewohnheiten loszulösen. Fast fünfzig
Jahre Frieden. Frieden und Lebensluft war fast dasselbe.
Er machte seinen gewohnten Nachmittags-Spaziergang die Höhen hinter
Wiesbaden hinauf und sein Herz war schwer. Er dachte sich: habe ich
richtig mit meinem Pfund gewuchert oder tat ich zu viel, indem ich
Jedem, der da kam, den deutschen Überfluß bot, dem Weißen wie dem
Gelben, dem Amerikaner wie dem Asiaten?
Von oben konnte er sein Laboratorium sehen. Das war nun verlassen wie
ein sinkendes Schiff. Alles fort in der Stunde der Not. War das der
Dank? Er war sechzig Jahre alt und kannte die Welt. Darum ging es ihm
durch den Kopf: Zuviel Dankesschuld verkehrt sich in Haß. Bei dem
Einzelnen wie bei den Völkern. Wir waren zu arglos. Wir waren zu reich.
Wir gaben zu viel... Und zu Vielen...
Die Straßen der Bäderstadt unten waren jetzt, gegen Abend, wieder
wimmelnd belebt. Aber anders als sonst. An allen Ecken und Plätzen
weiße Punkte und schwarze Flecken. Die Extrablätter und die
Menschengruppen vor ihnen. Darüber, müde hängend, wie welk, die
Festfahnen.
Und wieder dachte er sich: Nein. Es kann ja nicht sein! Die Welt wider
Deutschland!... Die Welt ohne Deutschland! Ein Körper ohne Herz und
ohne Hirn!...
Mit dem geistigen Auge sah er von seiner Waldwarte oben weit über das
gesegnete deutsche Land und seine Ströme und seine Städte. Er sagte
sich: Dort in Mainz haben Deutsche die erste Bibel gedruckt, dort in
Freiburg haben sie das Pulver erfunden, dort am Bodensee erfüllten sie
den tausendjährigen Traum der Menschheit und lenkten ihr Schiff durch
die Lüfte, dort in Heidelberg entdeckten sie die Spektral-Analyse,
dort in Heilbronn das Gesetz von der Erhaltung der Kraft. Dort in Jena
lüfteten sie die Welträtsel. Dort in Frankfurt, dort in Marburg, dort
in Berlin ersannen sie die Gegengifte gegen die Geißeln der Menschheit.
Dort in Würzburg die Röntgenstrahlen. Dort in Mannheim und Stuttgart
den Explosionsmotor?. Und er dachte sich: Ja -- was wollt Ihr denn noch
von uns, Ihr Anderen? Von uns, den ewig Gebenden?
Und dies Alles war nur sein eigenes Feld, die exakte Wissenschaft.
Und er übersann es im Weiterwandeln: Ein Deutscher schlug dort in
Wittenberg seine Thesen ans Domtor. Ein Deutscher lehrte dort in
Königsberg der Menschheit den kategorischen Imperativ. Deutsche prägten
den Arbeitern aller Länder die Gesetze des vierten Standes und seiner
Zukunft...
In der Stadt unten ging etwas Seltsames vor: die schwarzen Flecken
schienen sich aus sich selbst heraus zu vergrößern, schwammen
auseinander, bedeckten Kopf an Kopf die Straßen und Plätze, lösten sich
in Gruppen, in laufende Punkte... überall dazwischen, immer neu, die
weißen Extrablätter...
Exzellenz Tillesen oben sah es mit einem eigenen stillen Gram um die
Menschheit. Er glaubte immer noch nicht daran. Es kam zu rasch. Es
widersprach Allem, was sein Leben geleitet hatte. Er ging weiter und
dachte sich: Wissenschaft ist Stückwerk! Taten wir Deutsche denn nicht
noch viel mehr? Schenkten wir der Welt nicht das Wunder von Weimar? Den
Zauber von Bayreuth? Gaben wir ihr nicht die Bibel wieder, begnadeten
wir sie nicht mit dem Faust, der Neunten Symphonie?...
Und das der Dank?... Und das der Dank?
Es wollte dem Geheimrat Tillesen nicht in den Kopf, der sonst Alles in
der Natur, vom Regenbogen bis zum Regenwurm, mit gleicher Liebe begriff
und umfaßte. Man mußte dazu umdenken -- ganz von vorn anfangen, bei
den primitiven Instinkten der Steinzeit und ihres noch halbtierischen
Hasses... Er frug sich wieder: Woher der Haß? Wir schenkten doch nur!
Spendeten mit vollen Händen! Gaben mehr, als ich übersehen kann,
in Technik, Handel und Verkehr. Unser Schutz der Alten und Kranken
war vorbildlich für die anderen Staaten, unsere Offiziere waren die
Waffenmeister fremder Völker, unsere Tore der Erkenntnis standen Jedem
offen, vom Balkan bis nach Japan. Unser Herz auch. Die Hälfte aller
ausländischen Menschen, die bei ihrem Volk berühmt sind, sind es,
weil wir sie dazu machten, sie besser verstanden, als ihre eigenen
Landsleute. Und wir waren so froh, daß wir neidlos geben konnten.
Da unten im Tal hingen die Fahnen und sprachen: Wir feierten Feste.
Bunte Wimpel überall. Kein Flecken ohne ein Jahrhundertgedächtnis,
keine Stadt ohne Ausstellung. Noch ist auch heute der Himmel über
uns blau, scheint golden die sinkende Sonne, singen die Vögel im
Grün ihr Abendlied. Aber es geht ein Ahnen durch die Welt... Etwas
Ungeheuerliches...
„Der Kaiser ist schon unterwegs aus Norwegen!“ sagte in eiligem
Vorbeischreiten ein Herr zu einem Anderen. „Zwanzig Panzerschiffe
fahren ihm durch die Nordsee entgegen!“
Und der Zweite, etwas atemlos, nebenher:
„Kaiser Franz Josef ist schon in Wien!“
Der Geheimrat Tillesen setzte seinen Weg fort, in einem wunderlichen,
ungläubigen Schmerz. Jahrzehnte der Kopfarbeit hatten ihn gelehrt, die
Menschheit als eine große geistige Gemeinschaft aufzufassen. Es gab
einmal Zank, wie in jeder Familie, man sprach verschiedene Sprachen,
wie ja auch von zwei Brüdern der Eine blaue, der Andere braune Augen
hatte, aber in Sinn und Ziel des Seins war man doch einig von Melbourne
bis Hammerfest, von Shanghai bis Lissabon. Er konnte sich nicht
vorstellen, daß der Dieselmotor nur den Deutschen, der Kehlkopfspiegel
nur den Portugiesen, die Marconistrahlen nur den Italienern, der
Fernsprecher nur den Amerikanern, die Schutzimpfung nur den Engländern,
das Radium nur den Polen gehören sollte. Jeder gab und Jeder nahm.
Jeder brachte seinen Baustein und fügte ihn zu dem des Nachbarn. Mein
Gott -- was hatte der Weltlauf denn sonst für einen Wert?
Er blieb stehen. Da war eine Erinnerung, durch den Schleier ferner,
ferner Zeiten. Er wußte nicht, woher sie ihm plötzlich kam und das
Herz rascher schlagen machte. Es war nichts Besonderes umher. Nur eine
kleine, schwarz-weiß-rote Fahne bewegte sich den Hang hinauf. Sie
war ziemlich schmutzig und an einem einfachen Stecken befestigt. Ein
Junge aus dem Volk trug sie. Ein ganzer Haufen hinterher. Die hellen
Bubenstimmen schrieen aus Leibeskräften:
„Lieb Vaterland, magst ruhig sein!
Fest steht und treu die Wacht am Rhein!“
Sie zogen vorbei. Exzellenz Tillesen sah ihnen nach. Er dachte sich:
Ich war ungefähr so alt, wie Ihr jetzt, da sang ich auch, an einem
ebenso heißen Julitag im Jahr siebzig, die Wacht am Rhein. Jetzt, wo
ich sechzig bin, steigt die neue Weltenwende auf. Dazwischen liegt ein
Leben. Ich glaubte das Leben ganz zu kennen und zu nutzen. Aber man
lernt nie aus. Mein Leben war nur die eine Hälfte der Dinge. Nun kommt
die andere...
Auf seinen schlichten, graubärtigen Zügen lag die tiefe und ernste
Ruhe des Forschers, für den Alles, was sinnfällig in die Erscheinung
trat, nur ein Gleichnis ewiger Gesetze war. Noch zögerte er, von dieser
hohen geistigen Warte leidenschaftsloser Erkenntnis hinabzusteigen in
den Lärm des Tages, diesen Lärm, der bald zum Brüllen der Geschütze
anzuschwellen drohte. Noch schwindelte ihm bei dem Gedanken. Noch stand
er einsam auf ragender Wacht. Noch war es nicht so weit. Vielleicht
war es nur ein Fieberschauer der Erde, von dem sie in einigen Tagen
genas. Während er in die Stadt zurückkehrte, stand er im Geist vor
der zitternden Menschheit dieser letzten Julitage wie der Arzt am
Krankenbett...
„Na ... na ... na... Exzellenz! Nu aber ’mal ’runter vom Mond! Nu wird’s
hier nächstens höchst prosaisch!... Das geht nun nicht mehr so, daß Sie
in Gedanken an Ihren alten Freunden vorbeilaufen!“
Sein Nachbar, der Generalmajor z. D. Isebrink, stand vor seiner Villa.
Er war in voller Uniform. Sein weißer Schnurrbart sträubte sich
kampflustig über dem breiten Scharlach der Aufschläge. Auf seinem Helm
blinkten Preußenaar und Gardestern. Die Eisernen Kreuze Erster und
Zweiter Klasse im Knopfloch und auf dem Herzen stammten ihm von St.
Privat und der Lisaine. Seine Augen blitzten wie die eines Leutnants.
Er lachte und schlug dem Gelehrten freundschaftlich auf die Schulter.
„Warum denn so sorgenvoll, mein Guter? Nu hilft das nichts! Nu heißt’s
durch! Donnerwetter ja... Nu ziehen wir endlich der Gesellschaft die
Hammelbeine lang!“
„Und das sagen Sie so strahlend, Herr General?“
„Jawoll, Exzellenz! Tu’ ich!... Ganz gehorsamst!... Ich bin ja wie
erlöst... Endlich ... endlich... Lieber, verehrter Nachbar: Sie und Ihr
Alle ahnen ja gar nicht, was wir alten Soldaten gelitten haben, in
diesen letzten zehn Jahren!“
„Man kann doch nicht wegen Euch Weltkrieg führen!“ sagte der Gelehrte
beinahe unwillig.
„Wir! Wir!... Die Anderen sind die Karnickel!... Seit Jahren rüsten sie
wie besessen, im Osten, im Westen... überall... Wir ollen Kriegsknechte
merken doch so ’was! Im Generalstab in Berlin wissen sie’s natürlich
längst!... Aber wir Anderen in Deutschland taten, als wäre nichts!
Priesen nur immer rastlos den Frieden! So, als ob es blos auf uns
ankäme...“
„Meinen Sie wirklich...?“
„Meinen?... Mein bester Geheimrat. Ich bin ein ganz fideler alter
Knabe -- nicht wahr? Verzehre hier meine Pension mit Anstand, laufe
täglich dreimal die Wilhelmstraße ’rauf und ’runter, spiele meinen
Whist im Klub -- gut! Aber wieviel Nächte ich wach gelegen hab’ und an
Deutschland gedacht -- das weiß Keiner außer mir, Exzellenz!“
„Das taten Sie wirklich?“
„Nicht ich allein. So mancher von uns Ausgedienten hier! Wir haben uns
oft des Morgens sorgenvoll angesehen... Wozu reden?... Der Soldat hält
den Rand, -- besonders wenn er schon abgehalftert ist. Aber denken kann
man sich sein Teil! In den Fingerspitzen tut’s Einen kribbeln. Aus den
Tisch hab’ ich gehauen... Immer bei uns Alles in Liebe und Güte, Herr
Nachbar... Immer waren wir die sanften Heinriche, während ringsum die
ganze Schwefelbande schon dabei war, ihre Donnerbüchsen zu laden...“
„Wenn das wirklich...“
„Soll ich da erst warten, wenn mich im Wald so ein Lausekerl überfällt,
bis er mit seiner Knarre schußfertig ist!“ schrie der alte Herr
grimmig, unbekümmert, daß ein Haufe vorbeikommender Ausländer ihn
mißbilligend anstarrte. „Nee -- danke...! Da hole ich meinen Browning
aus dem Hosensack und knalle ihm bei Zeiten in den Bauch...“
„Ja. Ein Räuber...“
„Die Russen sind Räuber! Sie überfallen uns! Alle Bahnen bei ihnen sind
seit vorgestern voll mit Militärzügen!“
„Wissen Sie das auch?“
„Jawoll! Exzellenz! Wissen wir! Sie wollen Hiebe! Alle zusammen! Können
sie haben! Hiebe wie noch nie! Donnerwetter ja...“
„Daß Sie dabei lachen können...“
„Aber wie!... Liebster, Bester...“ Er faßte ungestüm die Hände des
Geheimrats und preßte sie zwischen die seinen. „Ich hab’ gleich nach
Berlin telegrafiert. Eben hab’ ich Antwort! Stellen Sie sich vor: Ich
krieg’ ein Kommando! Sie können mich alten Kerl noch brauchen! Und ich
bin doch vor fünf Jahren schon ’raus! Ach, ich bin ja so glücklich wie
ein Kind... Und erst meine Frau!“
„Hat sie denn nicht Sorge, daß Ihnen Etwas...“
„Na -- dann holt mich eben der Deubel! Dann hab’ ich diese Carcasse da
lang genug in dem guten Wiesbaden spazieren geführt! Aber erst wollen
wir sie verbimsen! Wichse... Wichse... Wichse...“
Der alte General hieb zornwütig mit dem Arm durch die Luft.
„Drei von meinen Jungens gehen gleich am dritten Tag mit ’raus! Mein
Schwiegersohn auch! Blos der Älteste, der Paul, sitzt noch bei den
Türken...“
„Ja. Ich weiß...“
„Zum Glück hat er sich dort noch nicht gebunden. Es stand gerade vor
dem Abschluß mit seiner Anstellung. Ich hoffe immer, er ist schon auf
dem Weg hierher. Dann ist Alles mobil, was von uns Isebrinks Beine hat!
Famos!“
„Ich beneide Sie!“
„Ich freue mich vorläufig blos auf die ersten roten Hosen! Die haben
sie nämlich immer noch, die dummen Kerle, genau wie vor ’nem halben
Jahrhundert, wie wir den Napoleon fingen. Halten Sie nur blos den
Daumen, lieber Freund, daß ich eine Verwendung vor dem Feind kriege und
nicht das Herumgepeter hinter der Front! Das kann ich nicht leiden! Ich
bin doch rüstig -- was?“
„Heute sind Sie ein Jüngling in weißem Haar!“ sagte der Gelehrte. „Und
dabei, glaub’ ich, rund vier Jahre älter wie ich! Ich danke Ihnen...“
„Bitte gehorsamst! Gerne geschehen! Wofür denn eigentlich?“
„Nun: Man lernt nie zu Ende!“
Die beiden Männer, die des Kriegs und die des Friedens, trennten
sich. Geheimrat Tillesen legte die paar Schritte bis zu seinem Haus
zurück. Er sagte sich, in einer neuen Offenbarung: Ich hab’ die Nächte
schlaflos im Laboratorium zugebracht und für die ganze Welt gearbeitet
und der dort hat wach gelegen und an Deutschland gedacht. Ich habe die
Bacillen vor mir gesehen und er die Kosacken. Ich habe den Frieden für
selbstverständlich gehalten und er den Krieg. Wir hatten Beide Recht.
Das wußte ich nicht. Jeder hatte seine Zeit. Die meine ist jetzt um.
Die seine kommt.
Durch einen plötzlichen Riß der Erkenntnis sah er in diesem Augenblick
die zweite, im Wirken der Wissenschaft ihm bisher verborgen gebliebene,
nie beachtete Hälfte deutschen Wesens. Die Denker, die Dichter, die
Erfinder verschwanden, mit denen vorhin sein Sinnen von der Waldwarte
hinab die deutschen Lande vergeistigt hatte. An ihre Stelle traten
eisengepanzert, in zweitausendjähriger Reihe, die Helden, die Krieger.
Und obwohl er von ihnen viel weniger wußte als von jenen Anderen,
schien ihm ihre Zahl noch größer. Ein Gewimmel von Recken, Rittern,
Fürsten, Generalen vom Teutoburger Wald bis Sedan. Ein Zusammenbruch
der Weltreiche vor ihrem Ansturm, von den Cäsaren bis zu den
Napoleoniden.