dem Hotelpalast am Nordbahnhof zurück. Es schien ihm unterwegs, als
fiebere dies ewig heiß brodelnde Brüsseler Gassengewühl in den letzten
Stunden noch mehr wie sonst. Die nach vorne offenen Kaffeehäuser
waren überfüllt. Zwischen erregten Geberden und lebhaftem Mienenspiel
unter Zylinderhüten blinkte an den Straßenecken das Weiß der neuesten
Zeitungsblätter. Und doch war dieser alte französische General, der
da durch die Straßen der belgischen Hauptstadt fuhr, vielleicht der
einzige Mensch, der tiefernst darein schaute. Die Brüsseler selber
-- ah bah -- das Leben floß leicht dahin ... man würde ja sehen ...
morgen war auch noch ein Tag... Es gab an den Kursstürzen der Börse zu
verdienen... Herr von Rigolet sah ärgerliche, unruhige, neugierige,
selbst belustigte Gesichter -- aber keines unter den Tausenden, auf
dem das Gefühl der Verantwortung für das große Ganze lag. Kein Belgier
hätte ihn auch, wenn er ihn gefragt hätte, begriffen. Jeder für sich
und Gott für Alle! Wer dachte an die Folgen der Dinge? Man war doch
frei! Und England schützte diese Freiheit...
General de Rigolet kam gerade noch zurecht. Die Beiden, der Russe und
der Brite, waren eben im Begriff, das Hotel zu verlassen, ein Paar,
in dessen Eintracht sich der Wille von Dreiviertel der Erdoberfläche
verkörperte. Wer von den Staatsmännern, den Deputierten, den Notabeln,
den Redakteuren des kleinen Landes Belgien wagte noch zu atmen,
wenn das Zarenreich und das britische Imperium Arm in Arm leutselig
lächelnd bei ihm eintrat? Zum Erstaunen des alten Franzosen war Nicolai
Schjelting sofort bereit, seine Frau zu besuchen. Es war nur die Frage,
ob Sir William geneigt sein würde, hier noch eine Viertelstunde zu
verziehen?
Oh -- mit wahrem Vergnügen! Der sehr ehrenwerte Higgins war jetzt gegen
Ausländer die aufrichtige und schlichte Liebenswürdigkeit selbst.
England brauchte in dieser Stunde alle Völker des Erdballs. Und nun
gar den Arm der dritten Republik. Nichts konnte ihm angenehmer sein,
als von Herrn von Rigolet, diesem hervorragenden Militär-Theoretiker
Frankreichs, Aufschlüsse über den Aufmarsch gegen den Rhein zu
gewinnen. Sie ließen sich Beide in der Wandelhalle des Hotels an einem
Tischchen nieder. Der General war Feuer und Flamme. Seine zitterige
Greisenhand malte mit einem Bleistift rasch und geübt die Ostgrenze auf
die Marmorplatte. Er dämpfte seine Stimme, damit die ringsherum sich
räkelnden Yankees und nägelkauenden Misses aus Arizona nichts hörten.
Pah ... keine Sorge! Hierher kamen die Deutschen nicht. Hierher nach
Belgien nicht!...
„Täten sie denn von Ihrem Standpunkt nicht weise, nach Belgien zu
gehen?“
„Sie müssen! Sie müssen! Ihre Generale begingen ein Verbrechen, wenn
sie die Blüte ihrer Mannschaft vor unseren Sperrforts niedermähen
ließen, während der Weg nebenan in seiner ganzen Breite von Trier bis
Aachen frei ist!“
„Nun also...“
„Haha -- -- wenn sie nicht, zum Glück, Doktrinäre wären -- diese
Teutonen! Ihre Professoren werden sich den Kopf zerbrechen, ob es
auch erlaubt ist, durch Belgien zu gehen! Sie werden es sich so lange
überlegen...“
‚Bis wir von der anderen Seite kommen!‘ dachte sich der Brite. Er
brauchte es nicht erst zu sagen. Er und der Franzose verstanden sich
schon. Der Alte kritzelte eifrig auf dem Marmortischchen den Süden
seiner Schlachtlinie.
„Oh -- wir werden nicht müßig gehen unterdessen ... wir Franzosen! Hier
die Trouée von Belfort!... Der Rhein... Der Idsteiner Klotz ... die
Hüninger Linien ... man wird sie überwinden!...“
„Und dies hier?“
Der General war entsetzt über diese bodenlose, britisch-insulare
Unwissenheit in militärischen Dingen. Eine Sekunde stutzte er in dem
Gedanken: Und dabei fangen sie einen Weltkrieg an!...
„Dies hier, Mylord, ist die Grenze der Rheinpfalz! Die große Lücke
zwischen Hardt und Vogesen! Von hier geht der Stoß bis Stuttgart.
Dort werden unsere Braven sich verschnaufen und auf den russischen
Kanonendonner von Wien her warten!“
„In der Tat ... sehr interessant!“ sagte der Londoner Zeitungsmann kalt.
Beide beugten sich wieder über die zukunftsschweren Bleistiftlinien.
Nicolai Schjelting stieg inzwischen die Treppe im Hause seiner
Schwiegereltern empor. Den Weg zu dem kleinen Boudoir seiner Frau.
Er kannte diese seelenlosen, weißgoldenen Empiremöbel. Er haßte sie,
während er auf Ghislaine wartete. Er dachte sich: Werden sie in dieser
Familie einmal nicht eine Pendule unter einem Glassturz auf den Kamin
stellen? Eher stürzt die Welt ein. Sie sind tötend für einen Mann von
Geist, diese Krämer! Langweilig. Einer dem anderen gleich wie die
Heuschrecken! Ihre Frauen auch. Drahtpuppen ohne Seele. Kein Wille.
Kein Widerstand. Ah ... genug davon...
Er schnupperte in der Luft ... dies wohlbekannte Parfum ... das hatte
sie immer noch... Es war, als atmete man Paris ... süßlich ... ein wenig
welk ... da lag der ‚Gaulois‘... Alles Paris ... auch sie selbst, wie
sie in einem flüsternden Froufrou von weißer Seide, beinahe lautlos,
eintrat -- dieser weiße Puderhauch auf dem schönen Kindergesicht mit
den leise bewegten Nasenflügeln, diese schwermütigen Augen, deren
dunkle Tiefe so viel versprach und so wenig hielt. Diese müden und
weichen Bewegungen einer Schauspielerin vom Gymnase oder Vaudeville.
Sie hatte das Seelenvolle eines leidenden und schmerzlichen Lächelns
an sich. Sie blieb mitten im Zimmer stehen, da, wo sie das Licht der
Fenster am besten auf sich ruhend wußte, und sagte sanft:
„Ich danke Ihnen, mein Freund, daß Sie gekommen sind!“
Schjelting schwieg, mit einem boshaft-geschmeidigen Gesichtsausdruck.
Asien war in seinem Blick.
„Nun, Nicolai: warum sehen Sie mich an?“
„Ich bin erstaunt und betrübt: Sie sind doch sonst eine Frau von
Geschmack. Dies Schwarz-weiß steht Ihnen nicht... Erstens sind es die
Farben Preußens! Nun, wir werden Wilhelms Schilderhäuser verbrennen...“
„Aber: dies Kleid ist doch rein weiß!“
„Nicht von ihm spricht man. Sondern von dem Automantel...“
„Welchem Automantel?“
„Den Sie vorhin in dieser lackierten Eierschale trugen. Es ist
schlechter Geschmack... Man merkt, daß ich nicht mehr da bin! Es ist
Alles schlechter Geschmack... Auch dieser Windhund selber... Nun,
meinetwegen, Madame! Wie’s beliebt!“
„Sie erschrecken mich...“
„Warum denn? Ich tue Ihnen nichts. Sie wissen, ich bin ein Mensch wie
ein Kind...“
„Sie sind mir unheimlich!“
„Wieso, meine Liebe? Sie sehen, ich lächele. Ich bin Philosoph!“
„Sie spielen mit mir! Das dulde ich nicht!“
„Ich spiele noch mit ganz anderen Leuten!“ sagte Nicolai Schjelting
schroff, setzte sich und drehte sich gleichmütig eine Zigarette. „Mit
Ihnen ist es kein Kunststück. Denn Sie waren unvorsichtig, viel zu
unvorsichtig...“
„Sind Sie nur erschienen, um mir das zu sagen?“
„Da Sie es offenbar hören wollten -- ja!“
„Und Sie wagen es, den Sittenrichter zu spielen -- Sie?“
„Nicht wahr -- es ist gegen meine Art? Ich war immer gegen Sie zu
nachsichtig!“
„Gegen sich! Oh ja -- ich gestehe es! Wann waren Sie denn zuletzt in
Wiesbaden?“
„Wiesbaden?“ sagte Nicolai Schjelting mit einem kühlen und überlegenen
Lächeln. „Wie kommen Sie gerade auf Wiesbaden, meine Teure?“
„Wir unterhielten uns schon einmal über diesen Gegenstand! Glauben Sie,
daß ein solcher Badeort nicht tausend Augen und Ohren hat? Inzwischen
habe ich Näheres erfahren. Die Beauforts erzählten es mir. Sie hörten
es von Holländern, den de Vries van Aaken, die dort ständig wohnen!“
„Die Welt ist klein!“
„Sie lächeln? Nun: Sie haben ja allen Grund! Ich beglückwünsche Sie zu
Ihren Erfolgen...“
„Wollen Sie mir nicht erst diese Erfolge selbst nennen?“
„Spielen Sie den Unschuldigen? Man sagt, daß diese Dame bereits verlobt
war, als Sie auftauchten! Daß sie Ihretwegen diesen preußischen
Offizier verabschiedete. Er soll sich nach der Türkei gewandt haben.
Aha ... nun röten sich Ihre Wangen...“
Nicolai Schjelting fuhr sich mit der Hand über die Augen. Er fühlte
das Blut heiß zu Kopf steigen. Diese Worte, die wie Nadelstiche von
den geschminkten Lippen dort kamen, diese Worte schenkten ihm ein
Atemholen befriedigter Eitelkeit, wie sie selbst er, der Selbstbewußte,
der Petersburger, noch kaum empfunden. Es war vielleicht nicht wahr.
Er hatte sich in seinen eigenen Träumen nicht so weit verstiegen. Aber
wenn es Anderen schon so schien... Zum ersten Mal in seinem Leben
dachte er sich: Gut... -- ich war vielleicht zu bescheiden...
„Sie schweigen...?“ sagte seine Frau spöttisch nach einer Weile.
Er machte eine Kopfbewegung, als wehrte er eine Fliege ab. Alles
zitterte in ihm. Er sagte sich: Noch hat der Kampf nicht begonnen,
und ich habe für mein Teil schon gesiegt! Den Deutschen aus dem Feld
geschlagen! Ein Glück, wenn man abergläubisch ist! Da geben Einem
solche Schicksalszeichen Mut!
„Also: Wann reisen Sie denn wieder nach Wiesbaden?“
„Sie bringen mich auf eine gute Idee: Morgen!“
„Ah -- das ist stark!“
„Was wollen Sie?... Man muß die Zeit nutzen!“
„Und das sagen Sie mir leichten Herzens ins Gesicht?“
„Ich weiß Sie ja hier in guter Obhut. Sie haben Ihre Freunde. Oder,
seien wir korrekt: Ihren Freund!“
„Und Sie dort! In dieser tragischen Zeit? Hat diese Deutsche Sie
verhext? Sie, der Sie sonst noch nicht eine Birne ohne Berechnung
schälen.“
Nicolai Schjelting stand mit einem grausamen und triumphierenden
Gesichtsausdruck auf.
„Vielleicht habe ich mir auch einmal den Luxus gestattet, mich zu
verlieben!“ sagte er.
„Ah...“
„Warum soll das nur Ihr Vorrecht oder das Anderer sein? Belieben Sie:
Auch ich bin ein Mensch!“
„Unerhört...“
„Mit Dank gegen Gott kann ich mir das jetzt erlauben!“
„Sie wagen auch noch, zu spotten...“
„... weil ich Euch Alle nicht mehr brauche! Ich brauche Euer Geld nicht
mehr! Es stinkt mir in der Tasche...“
„Man wird Sie davon befreien...“
„Ihr habt mir Euren Dienst getan! Genug davon! Grüßen Sie mir diesen
beschränkten Papa Léon! Auch Maman! Die Beiden haben Ihnen einen
schlechten Gefallen erwiesen, meine arme Ghislaine! Klagen Sie Ihre
Eltern an und Ihre ganze Umgebung!“
„Ich weiß selbst, was ich tue!“
„Wozu denn die Tränen in Ihren schönen Augen? Dämmert es Ihnen jetzt,
daß Sie Einsatz und Gewinn Ihres Lebens zugleich verlieren? Seien wir
offen: Es war nicht klug! Man erhebt sich nicht vom Spieltisch eine
Minute, bevor Zéro schlägt!“
„Gehen Sie...“
„Ich bestimme den Zeitpunkt selbst, an dem ich mich von Ihnen
verabschiede und vor meinem Nachfolger verneige! Vielleicht gewinnt er
doch einmal einen dritten Preis in einer Automobil-Wettfahrt irgendwo
da unten, unter diesen guten Leuten der Provinz! Ich werde das leider
nicht verfolgen können. Meine Zeit werden nach dem Krieg die mir
anvertrauten Geschäfte des Ministeriums oder der Botschaft allzusehr in
Anspruch nehmen!“
„Pah...“
„Und mein einziger Schmerz wird sein, daß ich diese Ehren nicht mehr
mit Ihnen teilen kann! Aber Sie haben es so gewollt. Sie sind eine
schlichte Natur. Allem Äußerlichen abhold! Der Glanz des Hofes von St.
James würde Sie als Botschafterin verwirren!“
„Hören Sie auf...“
„Hören Sie auf, zu weinen! Es schadet dem Schmelz Ihrer Augen und hilft
nichts! Ihre Reue kommt zu spät, meine arme Freundin! Senf nach der
Mahlzeit! Ah -- man hat nicht mehr darauf gewartet. Man ist inzwischen
fortgeschritten!“
„Sind Sie zu Ende? Sie sehen, daß Sie mich ermüden!“
„Nur noch zwei Worte! Sie erwähnen mit einer bewundernswerten
Beharrlichkeit das Wort Wiesbaden. Nun -- Frauenwille ist Gotteswille!
Plaudern wir darüber!“
„Genug! Ah ... diese Deutsche...“
„Diese Deutsche wird ernten, was Sie, meine Teure, kurzsichtig
verschmähten! Sie wird auf die Stelle emporsteigen, die ich in
jahrelanger, unermüdlicher Arbeit für meine erste Frau vorbereitet
hatte. Von da wird sie auf Sie hinabsehen!“
„Unerhört...“
„Sie wird an meiner Seite den Schmerz ihres Vaterlandes vergessen.
Sie wird späterhin mit meiner Erlaubnis und mit zarten Händen jene
Beziehungen zu ihrer Heimat wieder anknüpfen, wie sie den inzwischen
geregelten Machtverhältnissen Europas entsprechen. Sie wird zwischen
Siegern und Besiegten vermitteln...“
„Kein Wort mehr von ihr!“
„Ich fürchte, Sie werden meinen und ihren Namen noch häufig genug
im Cirkel der großen Ereignisse hören und lesen! Das ist ja der
Unterschied zwischen uns: Sie hören auf! Ich fange an!“
„Und nur deshalb haben Sie mich noch einmal aufgesucht...?“
„Ich bin untröstlich! Aber ich muß gestehen: Ja!“
„Sie sind ein Elender!“
„Jahrelang haben Sie Ihr Spiel mit mir getrieben, Ghislaine! Ich war
schwach. Leider. Ich bin immer schwach gegenüber den Frauen. Oft
wehrlos!“
„Man sah es in Wiesbaden!“
„Es ist ein Fehler. Ich weiß es. Aber keine Frau hat meine Schwäche
so bar gemünzt, wie Sie! Sie haben die zartesten Regungen meiner
Eifersucht mißbraucht...“
„... in der Sie Vasen und Spiegelscheiben mit Ihrem silbernen
Tula-Stock zertrümmerten...“
„Sie hatten kein Mitleid mit mir... Ich mußte oft abwesend sein!
Wichtige Dinge, die sich jetzt erfüllen, riefen mich. Sie amüsierten
sich, was ich unterwegs bei dem Gedanken an die Möglichkeiten litt, die
unterdessen hier in Brüssel...“
„Sie wußten Manches ganz genau! Sie wollten es nur nicht wissen!“
„Gut! Decken wir alle Karten auf! Wenn dem so ist, so habe ich eben mit
der Vergeltung gewartet! Erlauben Sie, daß ich mich jetzt revanchiere!
Ich erhebe Ihre Nebenbuhlerin zur Königin. Ich entlasse Sie wieder in
die Niederungen der Kaffeeröster und Weizenwucherer zurück, aus denen
Sie stammen! Glückliche Reise!“
Ein zuckender Vorstoß des hochfrisierten Kopfes drüben wie von einer
Schlange:
„Und das befürchten Sie nicht, daß Jene Ihnen ebenso den Laufpaß giebt
wie ich?“
„Mir?!...“ sagte Nicolai Schjelting mit unergründlichem Lächeln.
„Nun -- ich tat es!“
„Pardon! Ich habe die Brücken abgebrochen. Sie waren zur Versöhnung
bereit! Und nun Schluß! Das Übrige zwischen uns ordnet Maître Nicolas.
Auch wegen der Erziehung der Knaben. Sie weinen noch immer? Sie
erweisen mir zu viel Ehre! Nun, mit Gott!“
Nicolai Schjelting stand vor der in sich zusammengesunkenen und
krampfhaft schluchzenden Pariserin mit der Beruhigung der genommenen
Rache: mit den Instinkten des Ostens, wie ein Mann des Morgenlands,
der seinem Weib den Scheidebrief schrieb, um eine Andere zu ehelichen.
Eine brutale Verachtung: Ich verstoße Dich! Nimm Deine Mitgift und geh’!
Vor dem Haustor drehte er sich grausam lächelnd eine Zigarette. Und
doch klopfte sein Herz. Leuchteten seine Augen. Er dachte an Wiesbaden.
Er dachte an die Welt. Beides verschwamm ihm im Rausch dieser Tage zu
Einem. Er sagte sich: Ja. Ich stehe in vollem Brand. Während er dann
das Streichholz entzündete, dachte er weiter: Und so setzt man die Welt
in Brand! Eines trägt das Andere...
Und heute ist die Antwort Serbiens auf das Wiener Ultimatum fällig...
Er kannte sie schon. Ihn beunruhigte sie nicht. Er ging zu Fuß
die glänzenden Straßenzüge hinunter. Die geputzten Menschen umher
erschienen ihm ahnungslos wie Schafe auf grüner Wiese. Er verachtete
sie. Selbst die hübschen Frauen langweilten ihn durch ihren Anblick. Er
war der Kultur und ihrer Schranken überdrüssig. Er sah Kosackenfackeln
vor sich. Hörte von den Steppen des Ostens das ferne, wilde,
zehntausendfache ‚Urrahâ!‘ Eine nervöse Blutgier belebte ihn bis in die
Fingerspitzen. Eine zurückflutende Welle aus grauer Vorzeit, da man
den Häuptling des Feindesstammes mit der Steinaxt erschlug und seine
Tochter als Siegesbeute auf starken Armen heimtrug. Er dachte sich: So
hole ich mir meine zweite Frau aus den Flammen Deutschlands heraus...
Unten, am Platz Charles Rogier, saßen der General de Rigolet und der
sehr ehrenwerte Higgins noch an den Geheimzeichen des Marmortischchens.
Sie hatten inzwischen auch Budapest erobert und sich im Norden
siegreich mit den durch Westfalen vorrückenden Engländern vereinigt.
Hannover war bereits wieder ein Teil des Vereinigten Königreichs. Das
Schicksal Bayerns noch nicht entschieden.
Die Beiden, der Franzose und der Engländer, reichten dem herantretenden
Russen herzlich die Hand. Sir William Higgins tauchte eine Serviette
in das Wasserglas neben der Kaffeetasse und rieb sorgfältig alle
Bleistiftspuren ab. Sein bartloses Antlitz, dessen steinerne und doch
gesunde Falten ebensogut auf einen Mann von fünfunddreißig wie von
fünfzig Jahren schließen lassen konnten, zeigte einen trockenen Ernst.
Er saß, das linke Bein über das rechte Knie gezogen, die Stummelpfeife
im Mund, gedankenvoll wie ein Geschäftsmann in Erwartung wichtiger
Kabelkurse. Dann runzelte er die Stirne, sah auf die Uhr und versetzte
plötzlich und halblaut:
„Well! In Kurzem bringen alle Abendblätter Europas die serbische
Antwort. Ihr Wortlaut ist mir seit gestern bekannt. Ich kann ihn Ihnen
jetzt mitteilen.“
Der Weißkopf des Generals senkte jäh ein Ohr gegen die dünnen Lippen
des Anderen.
„Und was sagt die Note?“
„In allen wesentlichen Punkten: Nein!“
„Oh -- dies unerschrockene kleine Serbien! Sein heldenmütiges Beispiel
wird die Zögernden in dem großen Frankreich mit sich reißen!“
„Das tut allerdings not!“ sagte Higgins kalt.
„Sapristi: den letzten Mann werden wir aufbieten zur Rettung der
Kultur. Wir holen unsere bewunderungswürdige, schwarze Armee über das
Meer. Unsere Turkos und Senegalneger werden im Hafen von Marseille Eure
Sikhs und Gurkhas bejubeln...“
„Wir rufen von London aus alle Männer der Erde bis zu den Basutos und
Maoris zu den Waffen!“
„Unsere tapferen Kosacken des Zaren werden Euch nach Potsdam
entgegenreiten! Das heilige Rußland verbrüdert sich mit Euch zum Kampf
für die Zivilisation!“
„Ja. Alles hängt jetzt von Rußland ab!“ versetzte William Higgins und
sah Schjelting forschend an.
„An dem Willen des Zaren hängt das Schicksal der Welt!“ sagte atemlos
der alte Rigolet. „An diesem einen Namenszug: ‚Nicolai‘!“
„Sie schweigen immer noch, Herr von Schjelting! Sie entsetzen mich.
Sollte wirklich Ihr erhabener Herrscher noch zögern?“
Über den Platz kam rasch sich näherndes, wildes Geschrei. Die
Zeitungsverkäufer rannten, ließen hinter sich einen Wirbel von Blättern
in den Händen, auf dem Boden wie von Schneeflocken. In der Wandelhalle
waren die Gäste aufgesprungen und rissen den Kellnern die Nummern aus
der Hand. Ein Stimmengewirr: „~Voilà!~... ~Belgrade!~...
~La réponse ... ah ... voyons~...“ Nur die Yankees blieben
begriffstutzig sitzen. Was wußten sie von Serbien und dem Balkan? Von
Europa überhaupt, außer ihren beiden Jahrmärkten der Eitelkeit: Paris
und London?
Die Antwort Serbiens auf das Ultimatum... Serbien leistete Widerstand.
Serbien lud seine Geschütze. Woher kam ihm dieser Mut zum Spiel um Sein
und Nichtsein? Nicolai von Schjelting zog ein Notizblatt aus der Tasche.
„Auch ich kannte die Antwort!“ sagte er zu dem Zeitungskönig aus
Oxfordstreet. „Aber auch ihren Ursprung...“
„Man frug von Belgrad aus in Petersburg an, was tun? Ich weiß...“
„Nun: hier die urkundliche Erwiderung Rußlands!“
William Higgins las:
„Bitte zu mobilisieren!“
Ein Schweigen. Dann versetzte er, das Blättchen hinlegend:
„Das ist der Weltkrieg!“
„Der Weltkrieg nach Rußlands Wille!“ sagte Nicolai von Schjelting.
Ein unheimliches Leuchten glomm in seinen Pupillen. Im Geist sah er,
fern da unten, den Strand der Donau, da, wo an der großen und kleinen
Kriegsinsel die Save sich in sie ergießt. Es dämmerte nun wohl schon
dort im Südosten über Belgrad. Mit ausgelöschten Lichtern graute
die Teufelsstadt durch die Nacht, hinüber nach Semlin und über die
breite Wasserfläche nach dem ungarischen Nordufer. Und in dem Dunkel
dieser Nacht regte es sich vielleicht jetzt schon geheimnisvoll zu
beiden Seiten der beiden Ströme, ratterten Automobile, knarrten
Räder, klirrten Waffen, raunten Stimmen. Plötzlich ein kurzer, lauter
Befehl: ‚Erstes Geschütz Feuer!‘ Ein Purpurzucken durch das Schwarz.
Der Doppelklang von Abschuß und Einschlag. In der finsteren Weite von
Wasser, Luft und Land verrollte der Widerhall des ersten Schusses...
X.
Nie segnete die Sonne liebevoller das deutsche Land als in diesen drei
letzten Julitagen des Jahres 1914. Nie war unter dem blauen Himmel
mehr Fruchtbarkeit, Fröhlichkeit und Frieden zwischen Maas und Memel.
Es brauste im Gewühl der großen Städte: Unser täglich Brot gieb uns
heute! Das Dorfkirchlein läutete hinaus ins Ackerland: Im Schweiß
des Angesichts sollst Du Dein Brot essen! Tausend Wimpel wehten in
den Häfen: Mein Feld ist die Welt! Hunderttausend Treibriemen und
Maschinen sangen: Rast’ ich, so rost’ ich! Und Alles, was an Gütern
der Gesittung täglich aus deutscher Hand entstand und über die Erde
ging, blickte zurück zu den Stätten deutschen Geistes, zu den Retorten
und Reißbrettern, den Kontorpulten und Kathedern: Ich bin die Tat von
Deinen Gedanken!
Nie war Deutschland so arbeitsfreudig, so festefroh gewesen. Feiern und
Reden überall im neuen Reich. Aus den Fenstern Wiesbadens grüßten die
Fahnen. Es tagte wieder ein Kongreß in der Bäderstadt. Aber die Flaggen
hingen schwer und unbewegt zu Boden, wie erschöpft von der bleiernen
Schwüle, der unheimlichen Stille des Mittags, die nur vom Kurpark her
das Jauchzen spielender Kinder unterbrach.
Gegenüber, in der Sonnebergerstraße, saß der Geheimrat Tillesen nach
Tisch mit seinem Schwiegersohn, dem Großindustriellen Martius, im
Schatten der Veranda. Der Reichstagsabgeordnete hielt die glimmende
Havannah schräg in dem mächtigen, rotbraunen Vollbart. Ein großer,
schöner Mann zu Anfang der Vierzig, hatte er die starke Stimme und die
ungestümen Bewegungen des Volksredners.
„Nee, Schwiegervater -- ich bin doch auch nicht gerade ein Waisenknabe
-- nicht wahr? Ich stehe doch mitten im praktischen Leben. Ich bin,
wie ich da geh’ und steh’, täglich fünfhundert Aktionären, zweitausend
Arbeitern und fünfzigtausend Reichstagswählern Rechenschaft für mein
Tun und Lassen schuldig! Auch ’n Vergnügen, besonders das Letztere! Na
-- was tut der Mensch schließlich nicht Alles freiwillig, wenn er muß?“
„Wer zwingt Dich denn?“
„Ich mich selber! Ich brauche Umtrieb um mich! Wo ich hinkomm’, da
kriegen die Leute Beine! Das ist komisch!“
Er lachte tief und stark, mit dem Selbstbewußtsein eines Mannes, dem
das Leben durch Erfolge über Erfolge, im Hause wie auf dem Markt, Recht
gab.
„Die Phila, die jammert auch immer, daß ich mich wieder hab’ wählen
lassen! Das sei so roh -- unsere innere Politik! Ich sag’ ihr: Zum
Deubel auch! Teures Weib: Ich muß mich ’rumschlagen, das bin ich meiner
Gesundheit schuldig!“
Exzellenz Tillesen lächelte einen Augenblick. Dann wurde sein stilles,
graubärtiges Gelehrtengesicht wieder tiefernst. Er hatte die Brille
abgenommen. Goldene Sonnenlichter spielten durch das Buchenlaub auf
seiner mächtigen, hochgewölbten Stirne. Er unterbrach den Schwiegersohn
nicht. Er wußte: der hörte lieber sich selber reden als Andere.
„Kampf war, ist, wird immer sein! Die Menschen sind nu ’mal eine
verwünschte Rasse! Das hat der alte Fritz schon richtig erkannt! Aber
die Mittel, wie sie sich verkeilen, wechseln. Heutzutage führt man den
Krieg im Frieden. Es braucht doch nicht ewig der olle Schießprügel zu
sein, um zu ermitteln, wer der Stärkere ist. Der synthetische Indigo
tut’s unter Kulturmenschen schließlich auch.“
„Also glaubst Du wirklich nicht an die Möglichkeit eines Weltkriegs,
Hugo?“
„Weißt Du, was die Geschichte unter Brüdern kosten würde --
Einhundertfünfzig Millionen täglich! Fünf Milliarden Mark in jedem
Monat! So viel Geld giebt’s ja gar nicht. Das weiß jeder Fachmann. In
einem Vierteljahr ist der Erdball pleite!“
„Ja -- davon verstehe ich nichts!“
„Weiter: die Menschenkräfte! Zwanzig Millionen Männer in Europa unter
Waffen! Ja, zum Kuckuck! Wer pflügt denn für sie? Wer steht denn für
sie am Heizkessel? Hinterm Ladentisch? In der Werkstatt? Frag’ die ’mal
Alle! Die wollen bei ihrer Arbeit bleiben und ihre Familien ernähren
und nicht über Andere herfallen!“
„Wir Deutsche gewiß nicht!“
„Und ebensowenig die Übrigen! Glaubst Du, daß ein Bergmann in Wales
oder ein Winzer in Frankreich oder ein Bauer in Rußland Krieg will?...
Die denken nicht daran!“
„Die nicht, aber Andere!“
„Ja -- zum Donnerwetter -- verzeih’, Schwiegervater, wenn ich ’mal auf
den Tisch haue -- wo stecken sie denn, diese verfluchten Kerle, diese
Massenmörder, diese...“
„Bei uns sicher nicht!“