wohlbeleibter Franzose mit blitzenden Augen und schneeweißem
Henriquatre, das rote Bändchen im Knopfloch. Der General de Rigolet de
Mezeyrac war schon ein hoher Siebziger. Aber das gallische Temperament
sträubte ihm förmlich den weißen Haarschopf wie einem alten Kampfhahn.
„Ah, Nicolai ... in welcher Zeit leben wir! Im Großen wie im Kleinen!
Ich bin direkt von Trouville hierhergefahren. Es ist meine Pflicht, als
der Großvater Ghislaines! Es muß vermittelt werden, zwischen ihr und
Ihnen. Jetzt ist nicht die Zeit, die heiligen Bande zwischen Frankreich
und Rußland zu sprengen!“
„Nun ... diese gute Ghislaine ist da anderer Meinung als Seine Majestät
der Zar und Monsieur Poincaré!“ sagte Schjelting kalt. „Sie hat aus
eigenem Antrieb die Trennung unserer Ehe beantragt...“
„... während Sie mit einer Deutschen in Wiesbaden ... oh ... auch
Pariser Freunde haben Sie dort gesehen! Man kennt jetzt Ihre
diplomatischen Reisen!“
„Nichts geschah in Wiesbaden, mein General!... Während hier Ghislaine
mit einem Windhund ... ich vergaß seinen Namen...“
„Ah bah! Lassen wir’s!... Die Laune einer hübschen Frau!“
„Ein Zeichen menschlicher Verblendung! Ghislaine verläßt mich am
Vorabend der großen Stunde, die uns zu Herren Europas macht! Sie
verzichtet auf den Exzellenzenrang, den Gräfinnentitel, die Würde
einer Botschafterin, die Gnade des Petersburger Hofs. Ein nach Benzin
riechender Taugenichts ist ihr lieber...“
„Ah ... kränken Sie nicht diese erbarmungswürdige Frau!“
„Gott mit ihr und diesem Chauffeur! Es ist unter meiner Würde! Kein
Wort mehr!“
„Hören Sie zwei Worte...“
„Nichts! Ich gehöre nicht mehr mir, sondern der russischen
Gesellschaft! Mich erfüllt der Geist Peters des Großen und der Alten
Katharina! Der Schwur Minins und Posharskis. Riechen Sie noch nicht
Pulverdampf, mein General?“
„Ich bin alt. Sehr alt!“
„Sie haben siebzig mitgemacht!...“
„Mitgemacht!... ha ... verwundet war ich ... kriegsgefangen ...
entwichen ... ein Bein im Schnee erfroren..... unter Bourbaki haben sie
mich wieder verwundet über die Schweizer Grenze getragen... Sie wissen
es doch...“
„Und jetzt, Großvater -- Wollen Sie nicht vor Ihrem achtzigsten
Lebensjahr noch einmal die Glocken von Metz und Straßburg läuten hören?“
Die blauen Augen des alten Generals leuchteten. Er zog sich
nachdenklich den Zipfel des weißen Schnurrbarts durch die Zähne und
ließ ihn verzweifelt fahren.
„Sie sind zu stark!... Sie haben ihre Zeit nicht verloren. Ich verfolge
ihre Friedensarbeit. Erst vorige Woche schrieb ich in der ‚France
militaire‘....“
„Und unsere Vorbereitungen: dies heilige Slawenheer, vor dessen
ungezählten Millionen die menschliche Einbildungskraft von Schwindel
erfaßt wird und die Augen schließt? Eh -- was sage ich: ein Heer!
Sie kennen die geheimen Zahlen. Es ist die Sprengung aller Maße und
Begriffe. Es ist die politische Festlegung Europas für Jahrhunderte.
Es ist die Weltgeschichte selber auf dem Marsch!“
„Euer Aufmarsch aber dauert drei Monate!“
„Drei Monate!“
„Und bis dahin müssen wir allein... Es kommt uns über Hals und Kopf!
Wir hatten keine Zeit, uns vorzubereiten...“
„Fünfzig Jahre hattet Ihr Zeit! Auf dem Papier wart Ihr immer bereit!
Da, auf dem Tisch liegen Eure letzten Flugschriften. Man hat sie mir
vorhin aus Paris geschickt!“
„Ich kenne sie!... ‚Die Teilung Deutschlands!‘... ‚Das Ende Preußens!‘“
„Dies las ich schon früher!... Oh nein, die neuesten, die
allerneuesten: Vom Geist dieser Monate: da, Generalstabs-Capitain
Becker: „Der Schlacht entgegen!“ -- Da: Oberstleutnant Montaigne:
„Siegen!“ Da: Reinach: „Die Armee bereit!“... Lassen Sie die Bücher nur
ruhig vom Tisch herunterfallen, mein General!... Da: General Cherfils:
„Bereitet Euch zum Sieg vor!“...“
„Genug! Genug!“
„Da: Oberst Piaron de Mondésir: „Sonne -- wann gehst Du im Osten auf?“
Jetzt geht sie auf!“
„Genug...“
„Da: Oberstleutnant d’André: „Die Banner Frankreichs!“ Da: Oberst
Arthur de Boucher: „Deutschland in Gefahr.“ Wie denn? Deutschland ist
in Gefahr. In der furchtbarsten, in der je ein Land war! -- -- Und Ihr
jauchzt nicht, Ihr Franzosen?“
„Es kommt so plötzlich! Und der Senator Humbert mahnte vor vierzehn
Tagen in der Kammer...“
„Jagt diese Kammerschwätzer zum Teufel! Man wird sie überhaupt überall
aufknüpfen müssen, wenn erst die Freiheit errungen ist!“
„Ah -- gut! Aber ein Waffengang mit Deutschland ist kein Picnic!“
In Nicolai Schjelting schäumte die Ungeduld über. Er stellte sich
breitbeinig vor den kleinen General hin. Er wiegte den Oberkörper hin
und her. Er warf verächtlich den Kopf zurück. Er war jetzt verkörpertes
Moskowitertum. Hochfahrende Herrschsucht.
„...Warum redet und schreibt Ihr dann seit fünfzig Jahren davon -- he?“
„... weil wir uns die Schicksalsstunde Frankreichs selber wählen
wollen! Man hat uns zu fragen!“
„Wir werden nach Berlin marschieren und Ihr werdet Eure Bündnispflicht
erfüllen!... Belieben Sie, mein General: Wozu denn sonst überhaupt dies
Bündnis?... Wozu küßt mein erhabener Herrscher seit Jahren diese dicken
Advokaten, die Ihr Euch zu Präsidenten wählt? Wozu beleidigt man an
solchen Tagen unsere allrussischen Ohren mit Eurer Marseillaise...?“
„Ah bah...“
„Wozu habt Ihr uns im Lauf der Zeiten fünfundzwanzig Milliarden Francs
geborgt? Ah... Solche Summen giebt man nicht umsonst... Die legen Euch
Verpflichtungen auf!“
„Uns?“
„Ein Schuldner wie Rußland kann verlangen, daß man sich für ihn
opfert!... Für ihn ist kein Opfer zu groß!“
„Das ist stark!“
„Vertrauen gegen Vertrauen! Wir haben uns immer nur an Euch gewandt,
wenn wir Geld brauchten...“
„Und dafür sollen wir uns für Euch schlagen?“
„Ja -- was wird denn sonst aus Euren fünfundzwanzig Milliarden?“
Nicolai Schjelting sagte es gleichgiltig. Er stand in lässiger
russischer Haltung, die Hände auf dem Rücken gekreuzt, die Papyros
schief im Mund.
„Dann machen wir Staatsbankerott, mein General! Atmen auf! Denn Gott
hat uns dann von unserer Schuldenlast befreit. Aber erwägen Sie:
Frankreich ohne seine Zinsen! Man jagt Eure Regierung davon. Eure
Advokaten, Eure Deputierten, Eure Spekulanten, alles! Die Blusenmänner
werden vom Montmartre hinabsteigen!... Sie haben die Commune
mitgemacht, mein General! Sie pflegen zu erzählen, daß Sie neben
Gallifet...“
„Ah -- genug davon!“
„Wollen Sie dies schöne Frankreich im Bürgerkrieg sehen statt im Krieg
gegen Wilhelm?... Unsere breite, russische Natur erträgt viel. Aber nun
habt Ihr uns lange genug ausgesogen!“
Der General griff sich an den weißen Kopf.
„Wir Euch ausgesogen mit unserem guten Geld? Mit den Ersparnissen
Frankreichs?“
„Auch Rußlands Opferwilligkeit hat seine Grenzen!“
„Mein Gott: ist das die Sprache gegenüber seinen Verbündeten?“
Schjelting lachte und legte dem kleinen, zornroten Soldaten von oben
die Hand auf die Schulter.
„Ich spreche jetzt als ein freier Slawe! Ich bin ein Sohn des großen
Rußlands, das sich anschickt, seine geschichtliche Sendung zu
vollbringen! Ihr habt zu folgen!“
„Befiehlt man unter Freunden?“
„Wie ist es denn mit dieser Freundschaft? In der Tat: Man hat in
Kronstadt und Reval Champagner getrunken. Ihr habt Eure Mole in
Cherbourg in Trümmer gerannt, weil unser Väterchen zu seekrank war, um
zu landen... Es wurden Depeschen gewechselt und Geschäfte gemacht. Es
wurde gestohlen...“
„Vielleicht bei Euch!“
„Es wurde grimmig gestohlen, unmenschlich gestohlen, in Petersburg wie
in Paris. Euer Geschäftssinn hat selbst unsere Tschinowniks beschämt...“
„Diese Sprache voll barbarischer Instinkte... Sie sehen mich
erschüttert ... das ist Rußland -- dies große Rußland, das wir zärtlich
lieben!“
„Ihr habt es nie geliebt!“ sagte Nicolai von Schjelting. „Ihr habt es
nie gekannt. Ihr habt Euch nie Mühe gegeben, es kennen zu lernen. Nie
kommt Ihr anders zu uns, als um uns zu bewuchern. Man erkannte Euch an
Euren Zylinderhüten und dem roten Bändchen. Man wußte: nun lassen sie
unser Mütterchen Rußland wieder zur Ader!“
„Wenn Frankreich das hörte...“
„Nie seid Ihr in die slawische Seele eingedrungen. Seht doch diese
Deutschen! Ihre Intellektuellen bewundern diesen abtrünnigen Tolstoi!
Sie kennen Repnin. Sie schrieen, als man bei uns den Holigan
Gorki festsetzte! Sie klatschten sich für die dritte Garnitur des
Kaiserlichen Ballets die Hände wund. Viele Berliner Magazine führen
russische Firmeninschriften...“
„Wir haben das nicht nötig!“
„Nein. Ihr laßt uns für Euch arbeiten. Ihr gebt uns Geld. Wir zahlen
die Zinsen mit Weizen. Unser Bauer hungert, damit Ihr satt werdet.
Jeder kleine Rentner bei Euch hält sich vier Muschiks. Er kennt sie
nicht. Er sieht sie nicht. Er liebt sie nicht! Er weiß nichts von
ihnen, als daß sie seinetwegen schwitzen! Er schneidet die Coupons ...
schneidet in seinem Gärtchen die Rosen. Nicht darum hat man die
Leibeigenschaft aufgehoben, mein Lieber, daß das Ausland die freien
russischen Seelen kauft!“
„Armes Frankreich!“
„Wie denn arm? Dreißig Jahre trug der Muschik die Sklaverei. Nun haben
wir ihn bewaffnet. Er erhebt sich. Statt des Korns wachsen Soldaten
aus unserer schwarzen Erde. Sie marschieren mit sicherem Schritt nach
Berlin. Ihre einfachen und gläubigen Herzen hoffen, dort die Enkel der
Sieger von Jena zu treffen!“
„Ah!“
„Bei uns in Rußland bietet man dem Freund auf einem hölzernen Teller
‚~chleb i sol~‘ -- Brot und Salz. Wir tragen Euch Elsaß und
Lothringen entgegen...“
„Es ist zu viel!“
„Hören Sie nicht schon die Trompeten von Solferino schmettern, mein
General? Sehen Sie nicht schon wieder die Adler Frankreichs von Palikao
bis Veracruz die Welt durchfliegen? Mein Gott: In welcher Schlacht des
zweiten Kaiserreichs kämpften Sie denn nicht? Sie standen als Milchbart
unter den Ersten auf dem Malakoff...“
„Ah -- Erinnern Sie mich nicht!“
„Vernehmen Sie nicht diese Schreie jenseits der Vogesen? Die Tücher
wehen! Diese Frauen und Mädchen in ihren schwarzen Flügelhauben
strecken die Hände aus. Die Menschheit ruft nach Frankreich!“
„Mein Gott ... mein Gott...“ Der General de Rigolet sank erschöpft auf
einen Stuhl. „Nichts mehr, mein Freund! In Ihnen wohnt eine gefährliche
Macht. Sie sind ein Seelenfänger. Sie spielen mit den Menschen...“
„Wie denn? Was bin ich denn?... Ein einfacher Russe!“
„Aber Sie kriechen in die gallische Haut! Sie sprechen wie ein
Franzose!“
„Weil ich dies edelmütige Frankreich und sein Recht auf die Zukunft
liebe!“
Der General de Rigolet kämpfte, in dem Sessel zusammengesunken, mit
sich einen schweren Kampf. Aber das kriegerische Feuer in seinen alten
Augen versprühte. Er machte eine entsagungsvolle, matte Handbewegung in
der Richtung nach Osten.
„Das Alles mögen Sie einem Patrioten sagen, der nicht zugleich Fachmann
ist wie ich! Sie sind zu viel -- die Preußen da drüben -- Sie sind zu
stark. Und Ihr seid fern!“
Er stand mühsam auf. Er schüttelte den Kopf.
„Nein. Nein. Nein. Wir brauchen mehr. Wir hier im Westen. Wir hier im
Anfang.“
„Ich verstehe Sie, mein General!“
„Schafft uns England!“
„Wir werden es!“
„Bringt das Wunder fertig, diese Leute vom Rennplatz und aus der City
wegzuschleppen...“
„Es ist kein solches Kunststück, mein General.“
„Ah bah: Ich kenne sie. Ich habe mit ihnen Schulter an Schulter
gefochten. In der Krim. Damals war ich achtzehn... Jetzt bin ich
achtundsiebzig!“
„Ihr weißes Haar in Ehren! Aber was beweist das?“
„Daß sie seit zwei Menschenaltern keinen großen Krieg mehr geführt
haben -- das beweist es! Parbleu -- Sie waren früher anders! Aber sie
sind faul geworden, auf ihren Inseln, blutscheu, Jobber, vom Herzog ab!
Sie wollen nur noch Geld verdienen!“
„Und eben darum müssen sie sich schlagen!“ sagte Schjelting lächelnd.
„Warum fassen Sie meine Hände?“
„Lassen Sie das wahr sein... England an unserer Seite ... es wäre ...
dies Frankreich, das wie ein Phönix aus der Asche steigt ... oh
Gott ... mein altes Soldatenblut ... mir klopft das Herz... Ich möchte
selber noch der Trommel folgen!... pah ... umso grausamer nachher die
Enttäuschung! Wenden wir uns mit einem Seufzer ab! Es wird ja doch
nichts mit Englands Hilfe. Wie oft haben wir es schon gehofft. Noch vor
drei Jahren, bei Agadir... Doch Englands Geschütze blieben stumm!“
„~Good morning! How do you do?~“
Sir William Higgins, ~M. P.~, stand hinten im Reiseanzug auf
der Schwelle. Er sah gesund und wohl aus. Sein glattrasiertes,
faltiges Gesicht zeigte trotz der kalten Augen um die Mundwinkel
ein humoristisches Zucken von guter Laune. Ein nervenloser,
angelsächsischer Frohsinn, der auf der Stelle die erregten Seelen auf
dem Festland beruhigte und mit Zuversicht erfüllte. Er schüttelte
Schjelting herzlich die Hand und sagte einfach: „Ich suche Sie!“ Dann
entsann er sich des Herrn de Rigolet. Oh -- man hatte sich auf der
Redaktion des „Matin“ in Paris getroffen. Er, Higgins, der König der
britischen Hetzpresse, war wahrhaft froh, daß der General, dieser
hervorragende Pariser Militärschriftsteller, so gut sein helles,
näselndes Englisch verstand.
„Ein schöner Tag heute!“ sagte er und rieb sich vergnüglich die Hände.
„Ich hoffe ernstlich, daß wir dies gute Wetter noch einige Zeit
behalten!“
„Und der Krieg...“
„Als ich heute früh aus London wegfuhr, war da noch Nebel! Aber ich
möchte doch auf fünf, sechs Stunden Sonnenschein dort rechnen!“
„Sehr wohl! Aber der Krieg, Sir William! Der Krieg!“
„Oh ja ... der Krieg!“ sagte der sehr ehrenwerte Higgins und fuhr
sich über die gläsernen Augen, als habe er ein verdrießliches, aber
unaufschiebbares Geschäft vergessen. „Man war gestern Abend in allen
Clubs der Meinung, daß er sich diesmal nicht vermeiden lassen wird!“
Daß diese Clubs in Londons Mayfair und Piccadilly lagen, erwähnte er
nicht erst. Es war selbstverständlich, daß England nach dem Dinner, in
Frack und weißer Binde, bei Whisky und Soda, die Weltgeschichte für
die anderen Völker machte. Er streckte nachdenklich die langen, dünnen
Beine und fuhr fort:
„Es wird ein rauhes Werk von drei Monaten. Aber die City hat es bereits
escomptiert. Das Geschäft geht wie gewöhnlich. Es wird sich durch die
Beseitigung des deutschen Handels bald sehr beleben! Nie wird Nizza und
Kairo eine glänzendere Season haben als diesen Winter!“
Die Augen des Generals de Rigolet begannen zu leuchten.
„Gestern noch erklärten mir in London manche prominente Amerikaner,
den Winter über in Europa zu bleiben. Sie wollen von Paris aus die
Kriegsvorgänge am Rhein beobachten. Es ist etwas Neues für die Ladies,
wissen Sie...“
„Ah bah -- die Weiber! Wir Männer führen den Krieg! Man kommt nicht so
leicht über den Rhein, Sir William!“
„Nein. Man umgeht ihn!“ sagte William Higgins lächelnd. „Wir landen, wo
wir wollen! In Antwerpen. In Holstein. In Pommern!“
„Also kommt Ihr wirklich, Ihr Engländer?“
„Es ist entschieden, so traurig wir auch sind, Blut zu vergießen. Viele
Bischöfe und Reverends meinen, daß wir auch während des Kriegs für
unsere Feinde beten sollen!“
„Mit wieviel kommt Ihr?... Verzeihen Sie meine Aufregung ... mit
wieviel?“
„Zunächst mit einer Viertelmillion! Die nächsten zwei oder drei
Millionen Männer folgen aus den anderen Erdteilen nach Bedarf!“
„Großer Gott...“
„Inzwischen nehmen wir Helgoland, zerstören Wilhelmshaven und die
Anlagen der Mrs. Krupp...“
„Ah...“
„...Während von Osten sich russische Heere heranwälzen, deren Millionen
Sie nicht mehr an Ihren Fingern abzählen können!“
„Mir schwindelt...“
„Wir treffen uns Alle, nach Versenkung der deutschen Flotte, in Berlin!
Es wird ein heiterer Christmas-Abend!“
Der ehrenwerte Higgins, ~M. P.~, war auch als Tafelredner berühmt.
Er hatte eine schalkhafte Art, bei unverbrüchlich ernstem Gesicht ein
Auge zuzukneifen und trockene Witze zwischen den Zähnen zu kauen. So
sprach er auch jetzt. Es war Alles so einfach, als gälte es einen
Wochenende-Ausflug an die Seeseite. Es nahm dem Abenteuer jede Gefahr.
„Vergessen Sie nicht, daß wir Italien verpflichtet haben, seinen
Verbündeten in den Rücken zu fallen...“
„Ah -- Ihr seid Meister, Ihr Engländer!“
„... daß wir Japan loslassen...“
„Auch das!“
„... daß wir Amerika hinter uns haben...“
„Ja. Ihr seid groß!“
„Von Portugal und den anderen Kleinstaaten nicht zu sprechen...“
„Man kann auch sie brauchen...“
„Mit anderen Worten...“ William Higgins zündete sich seine
Stummelpfeife an und entsandte gleichgiltig eine Wolke von Taback
zwischen den dünnen Lippen... „Verzeihung ... stört Sie der blaue
Dunst...?“
„Oh ... ich liebe ihn, Sir William...“
„Mit einem Wort: die Männer der fünf Erdteile stehen bereit zu Potsdams
Ende. Viel nützliche Arbeit in Bergwerken und Fabriken wird in nächster
Zeit ungetan bleiben. Aber dieser Krieg muß bis Neujahr abgewickelt
sein. Es ist schmerzlich für einen Christen...“
„Ei was... Ich bin Franzose!... Ich bin ein alter Troupier... Mir
jauchzt das Herz!“
„Ich vergaß die Balkanvölker, die auch manches brauchbare Werk für
uns im Feld leisten werden. Darüber wollte ich eben noch mit unserem
vortrefflichen, russischen Freunde hier, Herrn von Schjelting,
sprechen!“
Der General de Rigolet begriff, daß die beiden Herren allein sein
wollten. Er war so erregt, daß er nur etwas Unverständliches zum
Abschied stammelte... Er warf sich unten in ein Automobil. Er platzte
erhitzt, keuchend wie eine Bombe oben in der Rue Royale in die
Wohnräume seines Schwiegersohnes, des graublonden, rosigen Vlamen Léon
Lambert. Madame Lambert, seine Tochter, war da, der alte Hausfreund,
General Janssen, viele andere Belgier... Großkaufleute, Bankiers,
Bergwerk- und Mühlenbesitzer. Das aufgeregte Französisch schwirrte. Es
hatte sich schon, von hundert Seiten zugleich, herumgesprochen: England
kam. England war der Retter. Brüssel und Antwerpen war plötzlich voll
von Engländern, die Jeden, den sie kannten, den sie sahen und sprachen,
bearbeiteten.
„Ah -- wir sind unter Englands Schutz!“
„Wir werden die Deutschen schon empfangen!“
Was wußte man in diesem unmilitärischsten aller Kleinstaaten von dem
furchtbaren, seit fast einem halben Jahrhundert schlafenden Kriegsheer
jenseits der Grenze. Es war längst hier und in den Niederlanden guter
Ton geworden, über die Muffs zu witzeln. Pickelhaube und Paradedrill
von gestern!... Wie anders England! Seine Flotte schwamm und donnerte
auf allen Meeren.
Der General de Rigolet war gleich nach seiner Ankunft an den
Fernsprecher gerufen worden. Paris meldete sich. Er hatte eine lange,
aufgeregte Unterhaltung. Der kleine, dicke Mann lief mit funkelnden
Augen und gesträubtem weißem Haar in die Zimmer zurück.
„Das Neueste! Direkt aus dem Palais Bourbon. Der Deputierte Bonvoisin,
mein guter Freund...“
Oh -- dieser berühmte Bonvoisin ... der Nationalist. Der Vertreter des
Herzens des Seine-Departements. „Nun... Nun?...“
„Paris ist seit heute früh voll von den hervorragendsten englischen
Politikern...“
„Von der Regierungsseite?“
„Und mehr noch von den Tories! Viele Lords! Exminister! Zwei frühere
Vizekönige von Indien. Die ernsthaftesten Geldmänner des Vereinigten
Königreichs... Alles ist in Paris!“
„Und was sagen sie?“
„Krieg! Krieg! Sie steifen Frankreich den Nacken! Diese
bewunderungswürdigen Briten stehen hinter uns! Sie zeigen sich bereit,
den Genius der Menschheit zu verteidigen. Ha: Nun wird er losschlagen
müssen -- dieser viereckige Lothringer im Elysée!... Meine Herren: der
große Morgen graut! Ich höre das Krähen des gallischen Hahns!“
Es war, als flammte auf diesem trunkenen weißen Kopf die blutrote
phrygische Mütze, als rauschten um ihn die Wirbel der Marseillaise:
„Auf, Kinder Frankreichs, zu den Waffen,
Der Tag des Ruhms ist wieder da...“
England ist da... Wirft lachend Volk auf Volk in den Weltbrand. Reißt
im Sturm die Erde hinter sich her. So wie der alte General seine
Tochter und deren Mann in ein Nebenzimmer schleifte, wo sie allein
waren. Dort kanzelte er sie puterrot und atemlos ab.
„Sehen wir zu: das ist mehr als eine Dummheit! Das ist ein Verbrechen,
was in diesem Hause vorgeht!“
„Was meinen Sie, mein Vater?“
„Gottlob kam ich vielleicht noch zurecht, von einer bösen Ahnung
getrieben. Seid Ihr denn von Sinnen? Wollt Ihr Euer Kind morden?“
„Wir verstehen nicht...“
„Ist denn dies der Augenblick für Ghislaine, sich von ihrem Mann
zu trennen -- gerade wo er im Begriff steht, die Früchte seiner
unermüdlichen Opfer für Frankreich zu pflücken! Er liebt unser
Frankreich. In seiner Art. Er gesteht es frei. Auf russische Weise. Man
wird es ihm überschwänglich lohnen, nach dem Krieg!“
„Sollte denn wirklich der Krieg...“
„Er liebt auch immer noch diese übelberatene junge Frau, Eure Tochter!
Ich merkte es an der zärtlichen Sanftmut seiner Stimme. Noch giebt es
ein Zurück. Denkt an die Siegestrophäen nach dem Krieg. Wir werden
diesen edelmütigen russischen Freund umarmen, die Frauen von Paris
werden ihn dankbar küssen. Nur seine eigene Frau steht abseits. Eine
Geschiedene. Aus freiem Willen. Eine Baronin ~telle et telle~!...
Und er wird inzwischen vielleicht Fürst...“
„Fürst?... Vater... Sie scherzen...“
„Die Zeit, die heraufsteigt, ist so groß, daß in ihr die Wunder zum
Polichinellspiel werden! Nichts ist mehr unmöglich, außer einer
Niederlage! Dieser unerschrockene Schjelting ist jetzt schon ein
Günstling des Großfürsten, um dessen Fahnen der Sieg weht. Der Zar
schaltet in den eroberten Ländern und verteilt die Würden... ~Madame
la Princesse~ ... ah ... das klingt anders, meine Guten...“
„Es klingt wie ein Märchen, mein Vater!“
„Sapristi: Wir werden aus dem Märchen Wirklichkeit machen -- wir! Wir
mit den Waffen! Und Ihr habt die erbarmungswürdige Kurzsichtigkeit,
diesem Mann den Stuhl vor die Türe zu setzen!... Parbleu... Dann jagt
doch auch gleich mich, Euren alten Vater, auf die Straße!“
„Mein Gott, beruhigen Sie sich, Schwiegervater!“
„Setzen Sie sich auf Ihre Kaffeesäcke, mein teuerer Léon! Von
Valorisation und brasilianischen Kursen mögen Sie Etwas verstehen. Aber
mahnen Sie jetzt nicht einen alten Soldaten des Kaiserreichs zur Ruhe!
Hoho! Und wenn ich auch bald Achtzig bin: ich reibe mir die Hände! Die
Welt wird höllisch unruhig werden, mein Lieber! Man wird Euch Epiciers
nicht fragen!“
Léon Lambert schwieg verschüchtert, innerlich unsicher, nur in Einem
fest: der Sorge um Geld und Gut. Seine Frau, die Pariserin, wiederholte
kopfschüttelnd:
„~Madame la Princesse de Schjelting~...“
Der Alte lachte.
„Vielleicht ist es nur ein Bonmot, meine Tochter! Ich weiß es nicht.
Vielleicht bin ich nicht mehr dabei, wenn die Welt verteilt wird. Aber
ein guter Brocken fällt für Jeden ab, der den Mut hatte, sie aus den
Angeln zu heben. Das ist sicher. Nun: Ihr wischt Euch den Mund! Ihr
verzichtet. Ich bemitleide Euch! Oder vielmehr dies verblendete Kind!
Ja, Dich meine ich, meine Enkelin Ghislaine!“
Zwischen den auseinandergeschlagenen Falten des Vorhangs zum Nebenraum
stand Ghislaine de Schjelting.
„Ist er in Brüssel?“
„Ich traf ihn vorhin beim Rechtsanwalt!“ sagte ihr Vater. Und ihr
Großvater:
„Und ich eben im Hotel!“
„Ich möchte ihn sprechen!“
„Du weißt schon...“
„Mein Gott... Ich war hier im Nebenzimmer. Sie reden laut genug,
Großpapa, wenn Sie erhitzt sind!“
„Umso besser! Es spart mir nur Worte, die ich sonst an Dich gerichtet
hätte, mein Kind! Ermahnungen wegen Deines Mannes!“
„Er soll zu mir kommen!“
„Von selbst kommt er nicht!“
„So holen Sie ihn!“
„Und dann?“
Ghislaine von Schjelting hob nachdenklich die schmalen Schultern. Ihre
weißen Zähne nagten an der Unterlippe. Sie sah aus wie ein ratloses
Kind.
„Sie haben mich verwirrt, Großpapa, mit dem, was Sie vorhin durch das
Haus schrieen!“
„Aha!“
„Vielleicht ist es nicht die Zeit zu überstürzten Entschlüssen!“
„Das meine ich auch!“
„Er wird mich besuchen! Man wird sich unterhalten!“
„Gut so!“
„Ich möchte keinen falschen Schritt tun! Die Reue kommt zu spät! Helfen
Sie mir, Großpapa!“