Reservedivisionen sind schon seit Mai auf dem Weg nach Westen. Ebenso
die turkestanischen Schützenbrigaden. Das dritte kaukasische Armeecorps
hat längst seinen Standort Wladikawkas verlassen. Es gefällt ihm,
scheint’s, an der galizischen Grenze viel besser!“
„Woher wissen Sie das?“
„Werden Sie mir in Abrede stellen, Herr von Schjelting, daß im Odessaer
Militärbezirk große Teile des siebten und achten Corps längst auf
Kriegsfuß stehen?...“
„In der Tat: ich leugne es!“
„Auch die bevorstehende Mobilisierung der drei Reserve-Jahrgänge der
Armee?“
„Wenn es des Imperators Wille ist, wird man sie einberufen! Niemand hat
dem Zaren etwas vorzuschreiben!“
„Es ist nur, damit Sie Bescheid wissen, meine Herren, falls aus
Versehen einmal die Gewehre losgehen sollten!“ sagte Isebrink zu
den Kleinstaat-Diplomaten. Dann wandte er sich um und sah Nicolai
Schjelting an. Es war eine unangenehme Pause. Dieser Blick hieß: Und
wenn Du vorher auf eigene Faust Händel haben willst -- bitte: da bin
ich!
Schjelting war verwirrt. Das widerfuhr ihm, dem Selbstsicheren, sonst
nie. Er entschloß sich, mit einem kühlen Lächeln zu schweigen. Er
atmete auf. Da kam der ehrenwerte Arbuthnot über die Schwelle, ein
blonder junger Riese, der noch etwas Knabenhaftes an sich hatte. Er
war als Kings Messenger zusammen mit einem preußischen reitenden
Feldjäger und den Kabinetskurieren anderer Großmächte heute Mittag mit
dem Orient-Expreß angekommen. Er brachte die letzten Nachrichten aus
Europa. Neuigkeiten?... Nicht daß er wüßte!... Seine britische Majestät
war in Windsor, ~the Kaiser~ irgendwo in Norwegen, der Kaiser
Franz Josef in Ischl. In Paris, von wo er kam, sprach man von nichts
als von dem Prozeß der Madame Caillaux. Der Wojwode Putnik befand sich
ruhig außerhalb Serbiens: die Welt lag im tiefsten Sommerfrieden.
Nicolai Schjelting strich sich nervös mit der Hand über die Stirne.
Er frug sich: Was ist das nun Alles? Was haben sie in Wien vor? Man
versteht nicht mehr recht... Dabei hatte er das Gefühl, diesem Preußen
vorhin die Antwort schuldig geblieben zu sein. Pah... Ein Bluff eines
dieser Säbelrasseler. Er versetzte süffisant:
„Man sieht mit Dank gegen Gott: Frieden überall. Nach Allerhöchstem
Willen: Wer stampfte den Friedenstempel im Haag aus dem Boden? Seine
Majestät der Zar!“
„Und seitdem hören die Kriege nicht mehr auf!“
„Wer rief die internationalen Schiedsgerichte statt der Kriege ins
Leben? Wieder seine erhabene Person!“
„Eine Viertelmillion Menschen ist mindestens in der Mandschurei tot
geblieben!“ sagte Isebrink trocken zu dem Argentinier.
„So wird das große, heilige Rußland auch diesmal der Soldatenfaust die
Waffe entwinden...“
„... um die Mörderfaust zu schützen!“
Die Herren standen mit großen Augen auf und schauten auf Schjelting,
der sich mit ihnen erhob. Er spürte ein sonderbares Zittern in der
Herzgegend. Er dachte sich: he -- wie ist das? Ehe noch die Gewehre
losgehen, soll ich mich hier vor die Pistole stellen? Nicht so ist es
gemeint! Ich bin der Träger russischer Intelligenz! Mein Platz ist
nicht die vorderste Linie...
Paul Isebrink war allein sitzengeblieben. Er sagte kalt und scharf, mit
Worten wie gehacktes Eisen:
„Eine schamlose, hundsgemeine Mordtat ist in Serajewo geschehen! Wer
zwischen die Mörder und die verdiente Strafe tritt, macht sich zum
Mitschuldigen...“
„Bestraft die Mörder! Aber nicht ihr Land!“
„Ganz Serbien ist der Mörder!“
„Ruhe, meine Herren...“
„Entfernt doch die Diener!“
Nun hatte sich auch Isebrink erhoben.
„Serbische Offiziere haben den Mordanschlag geleitet! Serbische Beamte
öffneten den Mördern die Grenzen! Die Mordwerkzeuge stammten aus dem
serbischen Regierungs-Arsenal in Kragujewatz!“
„Woher wissen Sie das?“
„Bald werden auch Sie es wissen, Herr von Schjelting, falls es Ihnen
wirklich noch nicht bekannt sein sollte!“
Ein Kanzleibeamter der russischen Botschaft drängte sich an den Dienern
vorbei in den Raum zu dem Fürsten Tschewadse.
„Euer Erlaucht werden ersucht, sich sofort auf die Mission zu bemühen!“
„Was ist geschehen?“
„Ich weiß es nicht! Seine Hohe Exzellenz sandte nach vielen Herren!“
Nicolai Schjelting hörte es. Vor ihm flackerte wieder die
Börsendepesche: „Mars“! Der erste Sturmvogel. Nun kamen sie von allen
Seiten. Es legte sich ihm in einem roten Siegesrauschen vor die Augen,
der Boden hob sich unter ihm, trug ihn zu einem ungläubigen Jubel
empor: der Krieg! Der Krieg kommt!... Mein Krieg...
„Kommen Sie mit, zur Botschaft!“ Der Knjäs Tschewadse nahm ihn unter
den Arm. Schjelting widerstrebte:
„Noch habe ich diesem Deutschen nicht geantwortet!“
„Nicht dazu ist die Zeit! Er sprach von Serbien. Rußland nannte er
nicht!“
„Aber das große Rußland steht hinter Serbien!“
Nicolai Schjelting sagte es so laut, daß man es im ganzen Raum hören
mußte. So! Nun konnte er gehen. Da eilte der Vicomte de la Motte
herein, ein französischer Attaché.
„Wissen Sie schon?“
„Nein! Was?“
„Hier! Das Ultimatum Österreichs an Serbien! Es ist kein Geheimnis
mehr! Wahrscheinlich sind jetzt schon in Wien die Extrablätter!“
„Ich wußte es schon seit heute Nachmittag!“ sagte Isebrink drüben
zu dem Argentinier. „Sonst hätte ich nicht so auf gut deutsch meine
Meinung ausgesprochen. Aber jetzt geht’s in Einem!“
Nicolai Schjelting hatte mit heißen Augen die Depesche überflogen. Er
ballte die Faust. Er war bleich geworden.
„Nie wird Rußland das zugeben!“ sprach er beinahe feierlich.
„Und Österreich steht vielleicht allein!“
Irgend Jemand hatte es hämisch gemurmelt. Paul Isebrink trat in die
Mitte.
„Neben Österreich steht Deutschland. Wie damals -- Wer in Europa Lust
hat -- bitte!... Nun, Herr von Schjelting: Sie lächeln?“
„Ich freue mich, das von Ihnen zu hören! Es eröffnet mir den Ausblick
auf die Stunde der großen Abrechnung, die die slawische Seele ersehnt!“
„... und vor dem Ernst des Augenblicks verschwinden diese kleinen
persönlichen Differenzen!“ versetzte vermittelnd der Argentinier
mit einem Blick auf den Hauptmann Isebrink. Der ließ sich schon,
freundschaftlich neben Mahmud Kiazim Bey stehend, von dem Diener Hut
und Handschuhe reichen.
„Ich hab’ jetzt wirklich Wichtigeres zu tun!“ sagte er. „Meine Herren:
jetzt kommt das große Reinemachen! Weiß Gott: Es tat Not!“
IX.
In diesen Juli-Tagen hielt die Welt den Atem an. Dies Europa, das ganze
Menschenalter des Friedens nicht mehr als Geschenk jedes neuen Morgens,
sondern längst als selbstverständliche Pflicht der Vorsehung hinnahm,
und dabei doch seit einem halben Jahrhundert von Waffen starrte, in
Erwartung des Kriegs, des schon halb schattenhaft gewordenen Riesen der
Urzeit.
Es ging ein Zittern durch die Mutter Erde. In ihr erwachten die
schlafenden Heere. Tief im Süden stand eine pinienförmige Rauchwolke
düster über dem Krater des Vesuv. Unten auf der Marina des
Städtchens, gegenüber dem fernen Neapel, eine Gruppe Bersaglieri am
Kaffeehaustisch. Die Hahnenfedern flatterten in der Seebrise. Listige
Augen. Weiße Zähne. Das Händespiel von Jahrmarktsgauklern.
„~Che c’e di nuovo?~“
„~Tuttavia niente!~“
Was werden wir tun? Ein Zwinkern auf den braunen Gesichtern...
Was wir tun? „~Far vista di...~“ Ein Mund am Ohr des Andern. Ein
Lazzaronenlachen. Nur Geduld...
Sturmstöße vom Schneemantel der Maladetta über die grauen Steinhütten
des Pyrenäendorfs nahe der spanischen Grenze. Blutrotes Weingeträufel
aus dem Zickleinschlauch an der Decke der Schmugglerherberge in die
Becher der französischen Offiziere der Gebirgsartillerie. Finstere
Blicke nach Osten. Wie weit von hier die Vogesen! Der Rhein, wie weit...
„~Ah -- ça commence!~“
„Und ohne uns!“
„Man wird uns rufen, mein Capitän!“
„Frankreich braucht jeden Mann!“
Dort im Osten wie weißes Pilzgewucher auf der grauen Steppe das
russische Sommerlager. Ein ausgestopfter Zottelbär mit Dreispitz und
Pförtnerstab als Schweizer vor der hölzernen Messe der Offiziere.
„Nun, Ossip Gregorowitsch?“
Ein Kranz weißer Schirmmützen um den Stabsrittmeister, der eben mit
Hühnern und Gemüsekorb in rasselndem Wägelchen aus der Kreisstadt
zurückkam. Er war in der Sobranje. Der Adelsmarschall hatte die besten
Beziehungen zum fernen Petersburg.
„Nicolai Nicolajewitsch trägt den Mobilmachungsbefehl in der Tasche!“
„Vom Imperator unterschrieben!“
„Schon wieder Schnaps?“
„Trinken wir auf Serbiens Wohl!“
Sonnenschein über London. Rote Riesen zu Roß als Doppelposten vor
Whitehall. Im Durchgang durch die Kaserne der Horse-Guards nach dem
Paradeplatz von St. James Park eine Gruppe säbelrasselnder Gentlemen in
Scharlach und Schuppenkette.
„~Have you news?~“
Jawohl. Nebenan, in Downing Street, ein schweres Wetterzeichen für
das Schicksal der Welt: Bis zu dieser Stunde, Sonnabend Nachmittag um
Drei, hatte der ehrenwerte Edward Grey London noch nicht verlassen, um
Forellen zu fangen...
Noch ging die Menschheit auf Erden überall ruhig ihrem Tagewerk
nach, läuteten die Sonntagsglocken von der Isaaks-Kathedrale
und Notredame, vom Stephansdom und Lateran, von St. Paul’s und
der Kaiser-Wilhelm-Kirche das Friedensgebet vieler Jahrzehnte
ein: „Unser täglich Brot gieb uns heute!“ Nur durch die Welt der
Waffen lief ein erstes, leises Raunen. Es war, als bewegten sich
unruhig die Mannlicher-Gewehre in ihren Stutzen in der Hoch-
und Deutschmeister-Kaserne der Wiener Edelknaben, als klirrten
kaum merklich in Paris und Lyon die Pallasche der Kürassiere von
Reichshofen, als summten schwach in Schottland die Dudelsäcke der
Schwarzen Wache und der Gordon-Hochländer die alten Weisen ihrer
Clans, als neigten sich in der Potsdamer Garnisonskirche stumm die
zerschossenen Siegesfahnen über die Gruft Friedrichs des Großen, als
wehe ein Erwachen durch die Heere -- ein Zurück in jene Zeit, da es
noch Schlachten gab...
Nur in Belgien nicht. Zwischen Maas und Yser hatte man keine
kriegerischen Erinnerungen. Erst seit wenigen Jahren dienten die
Söhne aus gutem Hause, statt daß ihnen der Staat für tausend Francs
einen Ersatzmann aus den Arbeitslosen der Straße auflas. Man trug
die zwei Jahre mit gutem Humor. Man nahm überhaupt das Leben leicht.
Dachte nicht unnütz über die Dinge nach. Die Saison in Ostende nahm
ihren glänzenden Anfang. Brüssel amüsierte sich auch im Sommer. Man
war galant. Man aß und trank gut. Man verdiente Geld. Man haßte jeden
Zwang außer dem der Mode. Man war Klein-Paris -- jenes Paris, das
übrig blieb, wenn man sich aus ihm alles hinwegdachte: Invalidendom
und Bastillenplatz, Pantheon und Triumphbogen, Louvre und Sorbonne,
die Gräber Voltaires und Rousseaus, Alles, was von geistiger und
kriegerischer Welteroberung früherer Zeiten zeugte. Was für Brüssel
davon übrig blieb, das war die Stadt oberflächlichen Genusses,
gleißender Fäulnis. Ein „Morgen wieder lustig!“ im Gewühl der
buntgeputzten Spaziergänger, dem Fluten der Massen zu den Sportplätzen,
dem Tuten der Autos auf den breiten Boulevards.
Nicolai von Schjelting war ohne Aufenthalt von Konstantinopel nach
Brüssel durchgefahren. Nicht unter seinem Namen, sondern als Lincoln
J. Ley aus New-Orleans in den Vereinigten Staaten. Er hatte stets
verschiedene Pässe bei der Hand. Man brauchte nicht immer und überall
zu wissen, wo er gerade war. Er schrieb sich auch unter dem Yankeenamen
in dem Hotelpalast am Bahnhof ein. Der Geschäftsführer verbeugte
sich mit diskreter Zurückhaltung. Er kannte natürlich genau diesen
berühmten Russen, der oft genug mit seiner schönen Frau bei ihm unten
im Luxusrestaurant diniert hatte. Aber er wußte auch so gut wie halb
Brüssel, daß der lang erwartete Bruch zwischen Monsieur und Madame de
Schjelting dicht bevorstand. Er wußte auch noch mehr...
Und auch Nicolai Schjelting selbst erfuhr das. Er ging vom Hotel,
lautlos, auf Gummischuhen trotz des schönen Wetters, zur oberen
Stadt empor. Da hielt unten, noch vor dem Botanischen Garten,
ein Renn-Automobil in Form eines elfenbeinfarbigen, in der Mitte
durchgeschnittenen Eis. Der Oberbau bestand eigentlich nur aus einem
mächtigen Benzintank und einem engen muschelförmigen Sitz für zwei
Personen. Der Führer des Wagens war ausgestiegen, um die neueste
Ausgabe der „Indépendance“ zu kaufen. Er war ein hagerer, langer
Geselle, die Lederhaube bis an die Wurzel der verwegenen Hakennase in
die Stirne gezogen. Er kehrte zu der schönen, jungen Frau zurück, die
im Wagen auf ihn wartete.
„Ah -- papperlapapp... ~c’était pour rien~!“
„Nichts Neues, mein Freund?“
„Nichts!“
Dabei setzte er sich neben sie, kurbelte elektrisch an und sauste den
steilen Boulevard hinauf. Nicolai Schjelting schaute den Beiden nach.
Es wetterleuchtete wild über seine nervösen Züge. Er dachte sich: Ah --
meine gute Ghislaine -- steht es schon so? Du zeigst Dich bereits mit
meinem künftigen Nachfolger vor aller Welt, um mir Deine Verachtung zu
bekunden!... Nun: Täuschen wir uns nicht, meine Beste! Ich bin keine
~quantité négligeable~! Ich kenne die, die bald lachen und die,
die bald weinen werden!
Er warf die Zigarette in weitem Bogen hinter sich. Es war wie eine
sinnbildliche Handlung. Eigentlich frohlockte die Spielernatur in ihm:
Meine Glückwünsche! Meinen Dank! Je freier, je besser. Nichts hinter
mir. Die Küste schwindet. Der Sturm von Osten schwellt meine Segel in
ungemessene Weiten...
Oben im Quartier Léopold stieß Nicolai Schjelting in einem der
vornehmen Mietshäuser die Schreiber im Vorzimmer bei Seite und drang
brüsk, fast ohne anzuklopfen, in das Allerheiligste des Maître Nicolas.
Der grauköpfige Advokat erhob sich mit der glattrasierten Würde seines
Standes. Er wollte seinen Klienten begrüßen. Aber der schnitt ihm, die
Hände in den Taschen mitten im Zimmer stehend, das Wort ab.
„He: was ist das für ein Kerl?“
„Wen meinen Sie, Herr von Schjelting?“
„Wen soll ich wohl meinen? Diesen Barsoî -- diesen Windhund da unten --
diesen Narren in der weißen Nußschale von Automobil.“
„Ach so! Baron de Ridder!“
„Was ist er? Was treibt er?“
„Nichts!“
„Also Sport?“
„Ja!“
„Geld?“
„Eine Menge!“
Schjelting ging im Zimmer auf und ab. Plötzlich sagte er:
„Ich hätte gedacht, der Mensch sei klein und dunkel!“
Der berühmte Brüsseler Rechtsanwalt lächelte diplomatisch. Gewiß: Er
war auch einmal von brünettem Äußeren gewesen. Er hatte auch schon
einmal eine Glatze gehabt. Auch schon einmal friesisch gelbe Haare. Das
wechselte. Die Brüsseler Skandalchronik war groß. Man kam kaum mit.
Aber -- gestehen wir es ein: -- diese entzückende Madame de Schjelting
war unvorsichtiger als ihre Freundinnen. War es wenigstens im Lauf der
letzten Zeit geworden...
Das spielte um Maître Nicolas’ nachsichtig gekniffene Mundwinkel. Er
sagte, immer noch lächelnd:
„Niemand kann zwei Herren dienen, Herr von Schjelting! Ihre Göttin ist
die Politik! Ich verneige mich vor Ihrem Ehrgeiz. Aber er führte Sie zu
oft auf Reisen...“
„Ah ... im Dienste Rußlands! Im Auftrag des Großfürsten!“
„Ich bewundere den Pflichteifer, den Sie seiner erhabenen Person
zollen. Aber man soll eine Frau von Welt nicht zu lange allein lassen,
Herr von Schjelting!“
Nicolai Schjelting fuhr sich, die blauen Schatten der Schlaflosigkeit
unter den Augen, mit der Hand über die Stirne und machte dann eine
Bewegung, als verscheuchte er eine Fliege.
„Gut! -- Wie’s beliebt...! Gott mit ihr! Kommen wir zur Sache! Wie
steht es mit der Scheidung?“
„Monsieur und Madame Lambert und ihre Tochter sind einverstanden!“
„Pah -- diese Krämer...,“ sagte Schjelting. Ein höhnischer Dünkel
kommender Vergeltung leuchtete über sein Gesicht.
„Die Schwierigkeit liegt nur in der Form. Die Söhnchen, dieser kleine
Allard und dieser kleine René, sind orthodox getauft!“
Nicolai Schjelting durchmaß wieder zerstreut den Raum.
„Man wird das ordnen! Überlassen Sie das mir! Ich stehe gut genug mit
dem Heiligen Synod. Ich erreiche am Petersplatz, was ich will. Ich
brauche nur Zeit...“
„Madame de Schjelting wünscht im Gegenteil, so bald wie möglich...“
„Sie hat sich zu gedulden! Nicht darauf kommt es jetzt an. Nicht solche
Händel liegen jetzt in Gottes Wille!“
„Mein Gott: Sie erschrecken mich!... Woher diese plötzliche Wildheit...“
„Ah ... ich bin Russe! Ich habe jetzt wichtigere Dinge im Kopf als Euch!
Ich gebiete Schweigen. Nach dem Krieg wird man entscheiden!“
„Nach dem Krieg... Sie glauben doch nicht an Krieg...“
„Eh, Maître Nicolas?... Gut: dann glaube ich auch nicht an die Heilige
Dreifaltigkeit und die Mutter Gottes von Kasan!“
„Je nun: Man glaubt, was man wünscht!“
Der Advokat lehnte sich in einer höflichen und lächelnden Abwehr
zurück. Er sah kraft seines Amts in viele Brüsseler Herzen und
Häuser. Er kannte seine Belgier. Er war selber Einer. Gewiß: Man
war ein neutraler Kleinstaat und baute dabei mitten im Lande die
größten Festungen der Erde gegen Deutschland. Man lehnte sich an den
französischen Panzergürtel an; man unterschrieb geheime Abmachungen
in London; man spielte mit dem Feuer und erzählte sich davon bei
Gelegenheit auf der Getreidebörse in Antwerpen oder im Justizpalast zu
Brüssel. Aber man spielte eben nur damit. Man nahm den Krieg so wenig
ernst als sonst Etwas außer Geld und Liebe. Man konnte sich auch, in
diesem durch und durch unmilitärischen Land, gar nichts Rechtes unter
einem Krieg vorstellen.
„Nun, Maître Nicolas -- ich gehe! Ich habe jetzt mehr zu tun! Nur, um
dies zu ordnen, kam ich in Eile auf ein paar Stunden nach Brüssel.
Sehen Sie meinen Schwiegervater...?“
„Er sucht mich fast täglich in dieser Angelegenheit hier auf!“
„Dann bestellen Sie ihm, daß ich...“
Da öffnete sich die Türe und Herr Lambert trat ein. Groß,
breitschulterig, blond, ein Rembrandt-Deutscher mit feiner, rosiger
Haut und grau-goldenem, krausem Vollbart. Er hatte Schjeltings Stimme
gehört. Er wollte ihm, vor dem Dritten, Aug’ in Auge als schroffer
Schwiegervater gegenübertreten. Aber da sprudelte es schon von dort
auf ihn hernieder, in nervösem Hin und Her durch das Zimmer, mit
verächtlich zurückgeworfenem Kopf, mit einer wegwerfenden Armbewegung
durch die Luft...
„Nun, wie denn, Monsieur Lambert? Wie ist es doch mit diesem Windhund
da?... Gottlob entfiel mir sein Name!... Das ist schlechter Geschmack!
Mag sie wählen, wen sie will. Man heiratet. Aber man kompromittiert
sich nicht vorher! Nicht sich und nicht Andere. Bitte bestellen Sie
das Madame! Ich wiederhole: Es ist schlechter Geschmack. Es zeugt von
unkultivierter Erziehung!“ Plötzlich wandte er sich zu dem Anwalt und
sagte lässig und vertraulich: „Aber was wollen Sie? Woher sollte sie
es haben? Diese Kaufleute kommen ja alle von unten herauf! Bei uns in
Moskau können Sie oft nicht lesen und schreiben!“
„Ah -- das ist ein wenig stark!“ Monsieur Lambert und der Advokat
Nicolas tauschten einen Blick: da sieh: der Moskowiter!... Die Maske
fällt...
„Ich bin ein russischer Edelmann! Ich könnte Adelsmarschall von Twer
sein, wenn ich wollte! Ich fordere Ehrfurcht vor meinem Namen, so lange
Ihre Tochter ihn noch trägt!“
„So? Und was Sie in Wiesbaden treiben...“
„Nichts, Du alter Vogel!“ sagte Nicolai Schjelting. Er verfiel, mit
einem brutalen Lächeln, in das breite, hier der französischen Sprache
ungewohnte, russische Du. „Du hast es nötig, mich zu verdächtigen,
mich, der, bei meinem Ehrenwort, nichts in Wiesbaden tat, als einen
alten Teufel von Deutschen wegen seiner Leiden zu befragen! Hingegen
hier... Monsieur Lambert.... Wie ist es denn mit Ihrer Fahrt zur
Pariser Börse an jedem Dienstag und Freitag? Geht es dieser niedlichen
Madame Turlet noch gut, in ihrem Nest an der Ecke der Rue Soufflot und
des Boulevard St. Michel? Man sagt, Sie hätten es entzückend möbliert!“
„Ah...“
„Nicht diese Intimitäten, Herr von Schjelting...“
„Pah... Ihr seid Einer wie der Andere! Auch Ihre Schwächen kennt man,
Maître Nicolas!“ sagte Nicolai Schjelting. Es klang hochfahrend, als
spräche er daheim auf schwarzer russischer Erde zu seinen ehemals
leibeigenen Bauern. „Der Westen ist faul und hier bei Euch am faulsten.
Ich bin anders! Ich spiele mit den Frauen. Sie sind für mich die
Leitersprossen zum Erfolg. Aber ich liebe es nicht, daß man mit mir
spielt! Merken Sie sich das, Monsieur Lambert!“
„Diese Sprache ... in der Tat... Wer sind Sie denn ... ohne Rang ...
ohne Reichtum ... ohne...“
„Ich bin Rußland. Rußland steht hinter mir! Wir kommen. Der Krieg ist
vor der Türe!“
„Nein ... nein!“
„Doch, Nicolas!“
Léon Lambert, der Großkaufmann, war von Paris her durch ein
Ferngespräch besser unterrichtet als der Advokat. Diese kleine Madame
Turlet hatte Beziehungen zu einem Minister der Republik. Man erfuhr da
auf Umwegen mancherlei.
„Wenn sie kommen“... sagte er matt und angstvoll. „-- man glaubt es
in Paris noch nicht recht -- aber wenn sie kommen, so lassen wir sie
in Gottesnamen unten im Süden durchmarschieren! Ah -- wir werden klug
sein! Wir ziehen unsere Regimenter zurück. Wir erheben Protest! Wozu
Blutvergießen?“
Nicolai Schjelting zuckte geringschätzig die Achseln. Er dachte
sich: diese Art Seelen sind doch immer gleich im Mauseloch. Er sagte
nachlässig:
„Sie werden nicht soweit kommen! Immerhin... Vielleicht geht Madame
für einige Wochen, bis der Rhein von unseren Verbündeten überschritten
ist, ein wenig an die See. Nach Ostende. Dort wird die Saison dies Jahr
besonders glänzend. Viel Amerikaner und Engländer. Vom Krieg wird man
da nichts merken, außer den Siegesfahnen längs der Digue!“
„Monsieur, die Kurse!“
Ein Angestellter überbrachte die letzten schwarzen Ziffern der
Handelsdepeschen auf blauem Seidenpapier. Die beiden Belgier suchten
instinktiv darauf die Stammplätze ihrer Lieblingswerte. Dann
schauten sie sich an. Die Haare standen ihnen zu Berge: War das
noch französische Rente? Belgische Staatsanleihe? Ein Sturm in den
Papierwäldern aller Börsen Europas. Die stolz in Menschenaltern des
Friedens emporgeschossenen Kursbäume bogen sich vor brüllenden Stößen
aus allen vier Windrichtungen zugleich... Nirgends ein Halt. Die
einzelnen Plätze rissen einander mit sich wie die Regimenter eines
fliehenden Heeres.
Das war die Sprache, die Vlame wie Wallone verstanden. Nun merkte man
erst ... klammerte sich an...
„England -- was macht nur England?“
„Ja -- wer das wüßte!“
Nicolai Schjelting hatte den beiden entsetzten Geschäftsmännern so
gleichgiltig den Rücken gedreht, als wären es zwei Kassenschränke.
Unten vor dem Haus traf er einen hohen belgischen Militär, dessen
Weißkopf in anderen Heeren auf einen jovialen Feldwebel gewiesen hätte.
Der General Janssen hielt ihn fest.
„Wie steht es, Herr von Schjelting: Krieg oder Frieden?“
„Macht nur mobil!“
„Aber es ist ja nichts vorbereitet!... Nichts in Ordnung!“
„Sehr gut! Wozu habt Ihr denn Euren großen Brialmont gehabt? Wozu habt
Ihr denn Eure Riesenfestungen gebaut? Rußland selbst hat kaum Plätze
wie Lüttich und Antwerpen!“
Ein Raunen hinter der hohlen Hand.
„Für die Engländer!“
„Die Engländer werden rechtzeitig da sein!“
„Das sagt Jeder, der die Geheimverträge kennt! Aber immerhin... Herr
von Schjelting ... ich bin ein alter Soldat! Ich kenne die Preußen!...
Sie müssen ja schließlich da unten durch!... Ich täte es auch! Stellen
wir uns da entgegen, so tragen wir unsere Haut zu Markte!“
In seiner, vom Hause Lambert blutig verwundeten Eigenliebe haßte
Nicolai Schjelting augenblicklich die Belgier so, daß er ihnen ganz
gegen seine Gewohnheit brutal die Wahrheit sagte:
„Ja, tut das nur! Dafür seid Ihr da!“
„Ah -- Monsieur ... diese Sprache...“
„Ah bah: Ihr habt unterschrieben!... Schon vor Jahren... Ihr hattet
Zeit genug, es Euch zu überlegen! Man wird Euch jetzt nicht lange
fragen!“
Im Weitergehen dachte sich Schjelting: die Engländer schmeißen dies
kleine Belgien in den Krieg, wie einen Pudel ins Wasser! Mag es
schwimmen! Unser Hühnerhund heißt Serbien! Der kann’s besser... Er
lächelte schadenfroh. Serbien liebte er. Aber Belgien war die Heimat
seiner Frau...