staubflimmernden Horizont erschien eine Wolken- und Märchenstadt mit
Hunderten von Kuppeln und nadelschlanken Türmen über der öden Steppe.
Nicolai Schjelting kannte Konstantinopel in- und auswendig. Mit der
Kälte eines von Nützlichkeitszwecken beherrschten Mannes sah er auf
das graue Jahrtausend der byzantinischen Stadtmauer, das ewige Blau
des Marmara-Meers, das feierliche Cypressengrün der Serailspitze. Für
ihn waren Stambul und Pera die große Arena der russischen Politik.
Alle die „Väter der Lüge“, die erfolgreichen Petersburger Diplomaten,
hatten sich hier ihre Sporen verdient, von Ignatjeff bis Iswolsky. Er
fuhr an der Säule von San Stefano vorbei und dachte sich: da standen
schon einmal unsere Heere! Er sah hoch über dem flachen Dächermeer die
Riesenwölbung der Hagia Sofia und sah da oben im Geist schon das Kreuz
Katharina der Großen, er tauchte vor dem Bahnhof in jenes Geschrei
in dreißig Sprachen der Erde, in jene zum wimmelnden Ameisenhaufen
gewordene farbige Malerpalette unter, die das Goldene Horn hieß, und
sagte zu dem Fürsten Tschewadse von der russischen Botschaft, der ihn
mit allem Prunk bewaffneter Kawassen als ~étranger de distinction~
empfing:
„~Ah -- ça fait chaud!~ Wann geht Ihr nach Bujukderè?“
Fürst Tschewadses Großvater schon war als Geißel der Tscherkessenkriege
orthodox im Petersburger Pagenkorps erzogen. Nichts an ihm selbst
verriet äußerlich noch seine kaukasische Abstammung. Er war mager,
bräunlich wie ein Zigeuner, mit schwermütigen Augen. Aber seine
Instinkte waren noch dem Geist des Morgenlandes nahe. Er war hier, in
dem wütenden Kampfe Peras um die Seele Stambuls, an seinem Platz. Für
Schjelting bedeutete er nach Korsakoff, diesem „wahrhaften Russen“,
nach diesen Vierhändern von Serben und Cernagoren den Träger von
Petersburg-Pariser Kultur. Hier, seinesgleichen gegenüber, wurde er
sofort wieder doktrinär.
„Wie denn, Fürst?“ sagte er, während sie im offnen Phaëton, einen mit
dem Karabiner bewaffneten Wächter neben dem Kutscher auf dem Bock,
durch den Turmbau von Babel dahinfuhren. „Die österreichische Note --
nun -- was wird sie enthalten? Einerlei -- wir werden antworten -- man
wird diskutieren -- bis es uns beliebt, loszuschlagen. Wir haben Zeit.
Ich richte mich hier am Bosporus auf Wochen ein!“
„Wenn aber doch...“
Eine abwehrende Handbewegung Schjeltings.
„Sie wissen, ich halte nicht viel vom diplomatischen Metier.
Ich untersuche lieber als einfacher ~homme d’esprit~ die
Vorbedingungen der Geschehnisse. Nehmen wir das Nächste: Unsere
Mutter Erde! Niemand, außer dem Vater Iwan von Kronstadt oder sonst
einem Wundertäter, kann zugleich mähen und schießen. Also kann der
Balkan erst nach der Ernte in den Krieg. Der Oktober brachte uns vor
zwei Jahren kein Heil. Also sagen wir September. Den Tag von Kreuzes
Erhöhung!“
„Aber auch wir Russen müssen bereit sein...“
„Zeit... Zeit...! Zeigt, wozu Eure ~procès verbaux~ und
Collectivnoten gut sind! Inzwischen marschiert Mütterchen Rußland vom
Amur und Pamir ab auf allen Wegen. Stehen wir erst gleichzeitig mit den
Westlichen an der Grenze, so ist die Welt unser!“
„Ha!... Da ist er!“
Mitten auf der Brücke ritt ihnen ein jugendlicher Pascha mit kühnem
Antlitz und aufgedrehtem Schnurrbart entgegen. Die Moslim führten vor
ihm die Hand an die Stirn und Brust, die Levantiner lüfteten die Hüte.
Ein großes Gefolge von Offizieren war hinter ihm. Darunter ein paar
unverkennbare deutsche Militärgesichter.
„Wenn nur Enver Pascha nicht wäre!“
Nicolai Schjelting hörte die Worte des Fürsten nicht. Da kamen nochmals
zwei zu Pferd. Der Eine trug türkische Uniform, der Zweite Zivil,
Beide den Fez auf dem Kopf. Aber sie saßen straff mit langen Bügeln
im Sattel. Sie sprachen laut deutsch miteinander und lachten über die
sonnverbrannten Gesichter. Schjelting erkannte in dem im Reitanzug
den Hauptmann Isebrink. Er dachte sich schadenfroh: Da haben wir Dich
ja!... Nun... Was macht Wiesbaden?
„Die Deutschen vermehren sich hier wie die Heuschrecken!“ sagte neben
ihm der Fürst Tschewadse. „Jeder Tag bringt uns neue. Gott straft uns
mit ihnen. Unser Spiel hier steht nicht gut!“
„... weil wir unsere Trümpfe noch nicht zeigen! Wir haben zehn
Millionen Trümpfe. Gebt nur jedem sein Gewehr in die Hand! -- ~Ah --
j’adore le moushik!~... Ich bete den russischen Bauern an!“
Das hinderte ihn freilich nicht, im Vorhof der russischen Botschaft
die dort in Massen wartenden, barhäuptig in Schafpelze und Bastschuhe
gekleideten russischen Jerusalempilger rücksichtslos mit der Faust
bei Seite zu knuffen: „Willst Du wohl einem Barin Platz machen, Du
Hundesohn -- he!“ Innen in der Botschaft war es kühl. Der Lärm von Pera
drang nur unbestimmt herein.
„Und Limpus?“
Der Fürst Tschewadse hob vielsagend die Achseln. Der Britenadmiral, dem
die osmanische Flotte anvertraut war, tat ja, was er konnte. Wichtige
Bestandteile der Geschütze und Maschinen waren in Galata und Tophana
versteckt, kein Schiff war kriegsbereit. Und sollte eines doch in See
gehen, so sorgte die geheime drahtlose Station auf dem Hausdach des
Admirals für den Verrat.
„Sehr gut! Ein tüchtiger Kerl!“
„Was hilft es gegen die Deutschen zu Lande? Wie -- -- Sie wollen schon
wieder aus? Und die Reisemütze auf dem Kopf?“
„Nun: ich promeniere ein wenig! Mit Gott!“
Nicolai Schjelting behielt seine Angelegenheiten für sich. Er hatte
seine Londoner Aufträge und dazu die nötigen Sterlingwechsel in der
Tasche. Er wußte, was ihm der große Higgins vor der Abreise gesagt:
‚Nichts täte uns jetzt mehr not als christliche Entrüstung. Ich brauche
Türkengreuel für die öffentliche Meinung. Es wäre weise, sie mir so
bald wie möglich zu verschaffen.‘
In einem halbdunklen Hausgang der Perastraße vertauschte Nicolai
Schjelting seine seidene Mütze mit einem Fez, den er aus der Tasche
zog. Als er wieder heraustrat, war er im Straßengewimmel einfach
ein beliebiger Franke mehr, der zwischen dem Genueserturm und dem
Hafen seinen Geschäften nachging. Er winkte einem Fiaker: „Rue
Mahmud Pascha!“ Dort drüben in Stambul stieg er aus. Er war da unter
grünen Turbanen, kamelfarbenen Derwisch-Zuckerhüten und schwarzen
Persermützen wieder ganz im Morgenland. Er ging durch ein regelloses
Gäßchengewirr bis zu einem der armenischen Hans. Das mächtige
Gebäudeviereck war angefüllt mit Warenlagern, Geschäftsräumen und
Schreibstuben. Alle Welt lief da achtlos ein und aus. Er konnte ganz
gut ein Messerschalen-Fabrikant aus dem Riesengebirge sein, wie er
in ein mit Haufen von Hirschgeweihen gefülltes Zimmer trat, und der
breitschulterige, fleischige Armenier mit dem schwarzen Bart um die
bleichen Hängebacken, der ihn empfing, ein schlichter Hornhändler aus
Kaisarea in Anatolien und nicht der Hadschi Hassanhusseindian selbst,
einer der Führer der armenischen Bewegung und dem Patriarchen aller
Gregorianer in Konstantinopel nahe.
Nicolai Schjelting gehörte zu den Wenigen, die das Wirrsal all dieser
christlichen Glaubenskulte der Melchiten und Maroniten, der Chaldäer
und Jacobiten und ihre gegenseitigen Streitigkeiten beherrschte.
Aber jetzt ging es gegen den eigentlichen und Erbfeind der Armenier,
den Türken. Zu seinem Erstaunen zeigte der christliche Hadschi, der
Wallfahrer zum Heiligen Grab, große Kühle und Zurückhaltung: Geld? War
es das? Geld, so viel Ihr wollt! Bitte! Hier! Aber seltsam: sogar das
verfing nicht bei einem Armenier, dem habgierigsten aller Menschen.
„Vor fünfzehn Jahren wart Ihr andere Kerle!“ sagte Schjelting
erbittert. „Da stürmtet Ihr mit Dynamitbomben die ottomanische Bank.
Die Rue Woywoda war in Euren Händen! Fast schon die Stadt!“
„Und was geschah, Herr? Die türkischen Hausdiener erschlugen uns, die
Kurden zündeten drüben unsere Dörfer an...“
„... und in ganz Europa war ein Schrei der Entrüstung!“
„Macht ein Schrei Tote lebendig, Herr? Sonst hörten wir von Europa
nichts!“
Sie konnten unbesorgt laut sprechen. Durch das offene Fenster drangen
die gellen Rufe der Straßenverkäufer und nebenan rasselte ein halbes
Dutzend Schreibmaschinen. Trotzdem dämpfte Schjelting seine lockende
Stimme:
„Diesmal ist es etwas Anderes! Das ist nicht mehr das alte
Osmanenreich! Von allen Seiten stehen seine Feinde auf!“
„Es hat auch Freunde!“
„Wen?“
„Deutschland... Es ist besser, wir halten uns still!“
Draußen wallten, als Nicolai Schjelting ärgerlich in das
Sonnengeflimmer trat, riesige grüne Fahnen durch den Öl- und
Fischgeruch und Staubdunst der Gassen. Derwische zogen mit entrolltem
Banner des Propheten hinauf zum Seraskierat. Ihr wildes „Huk! Huk!...
Er!... Er!... Allah!“ schmetterte durch das aufgeregte Brausen der
Tausende auf dem weiten taubenüberflatterten Platz... Man wußte hier
im Morgenland nie: War wirklich etwas los? Waren es nur lärmende
Lungenübungen, zu denen Hassan den Ali mit sich riß und Sliman den
M’hammed. Aber der Igumen Agathangel von einem der orthodoxen Klöster
des Berges Athos, der in Geschäften zum ökumenischen Patriarchen von
Konstantinopel gekommen war, machte bei der Begegnung mit Schjelting
jene kennzeichnende Slawenbewegung mit den Schultern, die Zweifel,
Besorgnis, Fatalismus ausdrückt. Man hatte auf dem Weg über die
Sinaiklöster Nachrichten vom südlichen Arabien. Die Beziehungen des
Großscherifs von Mekka zum Goldenen Horn gestalteten sich freundlicher,
die Wüstenkönige da unten bis Maskat gehorchten neuerdings ihrem
Khalifen in Stambul. Ein Zeichen, daß sich etwas Großes im Islam
vorbereitete. Seien wir auf der Hut...
„Man wird schon Sorge tragen!“ sagte Schjelting. Die Haltung der
Jungtürken beunruhigte ihn, während er eben an dem großen Exerzierplatz
inmitten des Häusermeeres vorüberschritt. Tausende von Soldaten übten
da um den mächtigen Mahmudturm. Es erinnerte ihn an den Aufzug der
Wachen in Berlin, den er oft genug spöttisch lächelnd mitangesehen.
So stramm standen diese sehnigen, braunen Burschen aus Anatolien, so
scharf und preußisch hallten in türkischer Sprache die Befehle. Nahe
der Moschee Mohammeds des Eroberers, im Stadtteil Jani Bagtsche, stand
der Konak Ali Fuad Beys. Er schien Schjelting der Letzte, bei dem
man noch einen Besuch und Versuch machen konnte. Drei Menschenalter
hindurch waren die Beys dieses Hauses und der jeweilige englische
Botschafter drüben in Pera ein Herz und eine Seele gewesen. Hier
fuhr Nicolai Schjelting am nächsten Tag mit Dienern und donnernden
Rappen und aller Würde eines großen, fränkischen Effendi vor. Die
kriegerischen, tscherkessischen Leibwächter auf der Schwelle verbeugten
sich tief. Er trat ein. Da hörte er im kühlen Halbdunkel der Halle, von
der Treppe her, zwei Männerstimmen. Deutsche Laute.
„Wann gehen Sie denn nun nach Mesopotamien, Isebrink?“
„Sobald meine Anstellungsverhältnisse geordnet sind! Ich denke, in
vierzehn Tagen!“
„Um die Zeit rutsche ich gerade wieder nach Berlin!“
„Na -- grüßen Sie das sechste Garderegiment!“
Es klirrte von Sporen und Säbeln. Die beiden jungen Offiziere schritten
kameradschaftlich an Schjelting vorbei.
„Bringen Sie ein bischen Leben an den Euphrat, Isebrink!“
„Lassen Sie sich’s gut gehen, Halim Bey!“
Erbittert trat Schjelting bei dem graubärtigen Hausherrn ein. Oh --
er kannte diese vornehme Höflichkeit des Orientalen. Diese feierliche
Handbewegung, Platz zur Rechten zu nehmen. Diese geschäftigen, kleinen
Diener mit den Kaffeetäßchen und dem Eingemachten. Er schob das brüsk
zurück. Ali Fuad Bey lächelte unter kaum merklichem Stirnrunzeln.
Verstöße gegen die Form waren ihm wie jedem Morgenländer ein Greuel.
„Wie ist das, Bey: Ihr Sohn dient in der deutschen Armee?“
„So ist es.“
„Warum nicht in der englischen Flotte?“
„Als vor vier Jahren die Italiener uns überfielen und unsere Inseln
besetzten, sah ich vergebens nach der englischen Flotte aus!“
„Nun -- das war damals!“
„Als vor zwei Jahren die Balkanvölker gegen Stambul drängten, sah
ich jeden Morgen nach dem Marmara-Meer. Es war leer bis zu den
Prinzeninseln. Die englische Flotte war nicht da. Vielleicht ist sie
überhaupt nicht mehr da. Gott allein weiß es!“
„Aber...“
„Aber die Deutschen waren da. Die Offiziere, die sie uns sandten, haben
mit uns gekämpft und geblutet. Dem Kaiser tausend Jahre!“
„So? Nun wartet nur, was kommt!“
Der Hausherr stand auf.
„Effendi! Wir werden es bestehen!“
Noch im Landauer war Schjeltings Antlitz gelb vor Galle. Er warf seine
angerauchte Papyros einem bettelnden Syrerknirps, der sich auf das
Trittbrett geschwungen, an den Kopf. Steht es so um Euch, ~messieurs
les Turcs~? ~Eh bien!~... Unerhört: Ein Bey -- ~rien qu’un
simple bey~... der mich verabschiedet ... mich ... Nicolai von
Schjelting... Das ist ja schon fast der Krieg...
Dann erhellte mit einem Schlag das gewohnte, hochmütige und
selbstzufriedene Lächeln sein unruhiges Gesicht. Er mußte sogar über
den kaffeebraunen Bengel lachen, der das Wurfgeschoß, die Zigarette
von vorhin, grinsend weiterpaffte. Recht so! Jedes Ding hat seine gute
Seite. Jetzt erst fiel ihm wieder ein, was der Hauptmann Halim Bey
zwischen Tür und Angel den Hauptmann Isebrink gefragt: „Wann gehen Sie
nach Mesopotamien?“
Nach Mesopotamien ging man nicht als glücklicher Freier. Dorthin
ließ man auch keine Frau nachkommen. Nicolai Schjelting setzte sich
behaglich in der Wagenecke zurecht und dachte: Also bist Du abgeblitzt,
mein Lieber! Gründlich abgeblitzt in Wiesbaden!... Haha --! Umso besser
für mich! Das ist mehr, als ich zu hoffen wagte! Das ist ein Sieg! Ein
Sieg vor der Schlacht!
Es war ihm, als hätte er persönlich einen Triumph davongetragen. Es
schien ihm eine gute Vorbedeutung für die große, allgemeine Kraftprobe
der Zukunft. Er konnte Beides nicht mehr trennen: sich und das heilige
Rußland. Er vermengte es in dem gemeinsamen Ziel: Deutschland besiegen
-- Deutschland erobern. Er sagte sich: Ich darf nicht warten, bis der
Krieg aufflammt. Ich muß als Einzelner dem Ganzen vorauseilen. Mein
Eisen muß ich vorher schmieden. Sowie ich hier fertig bin, fahre ich
nach Wiesbaden...
Nordwind vom Bosporus her kühlte an diesem Abend die Glut der beiden
Weltteile an seinen Ufern. Das Perapalasthotel war noch offen. Nicolai
Schjelting speiste da mit dem Fürsten Tschewadse und anderen Freunden.
Sie tranken reichlich den lauwarmen französischen Champagner. Auch
Schjelting, gegen seine Gewohnheit. Der Sekt hob seine Siegesstimmung.
„Neues aus Wien, Fürst?“
Nein. Auf der russischen Botschaft war noch nichts bekannt. Man
entzifferte dort eben Depeschen aus Belgrad. Dicht daneben, in der
österreichischen Botschaft, war auffallendes Leben. Viel Verkehr nach
dem Boulevard Ayas Pascha, dem Sitz der deutschen Botschaft. Nun --
mochten sie... Als man aufbrach, um hinüber in den Cercle d’Orient
zu gehen, fühlte Nicolai Schjelting, daß sein Kopf heiß war. Das
hinderte ihn nicht, im Klub eine Gruppe jüngerer Diplomaten um sich zu
versammeln und sie in seinem weichen, leise lispelnden und affektierten
Französisch durch seine Antithesen zu verblüffen. Es waren allerdings
nur die Kleinen von den Seinen: ein Portugiese, ein Argentinier, ein
Brasilianer -- einerlei -- er hörte sich sprechen...
„Die Wurzel des Übels heißt Preußen!“ sagte er. „Belieben Sie, das
Wappen Preußens zu betrachten! Es führt als Schildhalter einen wilden
Mann. Einen nackten Barbaren. Geben Sie ihm eine Pickelhaube zu seiner
Keule, so haben Sie den Militarismus!“
Die Südamerikaner ließen sich mit offenem Mund belehren. Schjelting
machte eine wegwerfende Handbewegung in der Richtung nach Stambul.
„Daher die Seelenfreundschaft mit dem Halbmond da drüben. Der Wilde
Mann und der Kranke Mann gehören zusammen. Der Lahme trägt den Blinden.
Ein edles Paar. Aber die Menschheit wird sich dagegen erheben. Unser
Muschik, in dem die Seele Rußlands schlummert, wird der Vollstrecker
ihres heiligen Willens sein!“
Staunende Stille um ihn.
„Wir Russen vertreten den allslawischen Gedanken. Er reicht von der
Adria bis zum Amur... Seit drei Jahrtausenden erfüllt die romanische
Mittelmeerkultur Europa und giebt auch Ihren edlen lateinischen Staaten
in Süd-Amerika, meine Herren, Sprache und Geist. Den Rest der Erde
beherrscht das Angelsachsentum. Beglückwünschen wir uns dazu! Aller
guten Dinge sind drei.“
„Sehr interessant!“ sagte andächtig der Argentinier zu dem Portugiesen.
„Gestatten Sie mir einen Blick auf die Geodäsie, meine Herren
Diplomaten! Sand oder Stein -- das ist politisch dieselbe Formel.
Montenegro -- das ist die Mark Brandenburg. Ein kleines Land, das
seine Bewohner zu Eroberern erzieht, weil es sie nicht ernährt! Können
Sie sich Montenegro als führenden Staat des Balkans denken? Nein. Im
Deutschen Reich ist es der Fall. Das märkische Montenegro herrscht.
Beachten Sie, meine Herren: ich gebe keine Meinungen. Ich gebe
Tatsachen!“
„Man fängt an, zu begreifen!“ sprach der Brasilianer zum Portugiesen.
„Es giebt Methoden des geschichtlichen Denkens, die von selbst zu
wichtigen Schlüssen führen. Aus einer Sandwüste ohne Küste kann
logischerweise keine Weltmacht werden. Preußen ist ein geschichtlicher
Irrtum. ~Winowat!~... Ich schlage hier vor Ihnen, als Vertreter
des russischen Geistes, reuig an meine Brust. Wir und England haben das
Potsdamer Monstrum gezüchtet, weil wir es gegen Frankreich brauchten.
Aber jetzt ist der Hecht im Europäischen Karpfenteich zu groß und
gefräßig geworden. Man wird ihn fangen und zerlegen!“
Einer der Zuhörer machte ihm mit den Augenbrauen ein warnendes
Zeichen. Nicolai Schjelting drehte sich um. Hinter ihm hatten zwei neu
eingetretene Herren Platz genommen. Ein Osmane in Uniform, den Zwicker
vor dem feinen Generalstabsgesicht. An seiner Seite der Hauptmann
Isebrink. Er war im Abendfrack wie die anderen Herren hier. Aber sein
sonnengebräuntes preußisches Soldatenantlitz strafte förmlich das Weiß
der Hemdbrust Lügen.
Der Argentinier kannte Mahmud Kiazim Bey. Er glaubte, seine
Berufsgenossen mit dem einflußreichen türkischen Abteilungschef bekannt
machen zu sollen. Der Hauptmann Isebrink sagte dabei lachend und
harmlos zu Nicolai Schjelting:
„Na -- wir kennen uns ja schon! Erinnern Sie sich an unsere Begegnung
in der Eisenbahn in Belgien? Sie fuhren damals im selben Abteil mit Mr.
Nicholson.“
„Ich entsinne mich nicht!“
„Wissen Sie nicht, daß Mr. Nicholson jetzt hier ist? Er sammelt
Schmetterlinge! Und wo? An den Tschataldschalinien. Zeigen Sie doch
mal, Kiazim Bey!“
Er wies das prächtig, beinahe handgroß in bunten Wasserfarben
ausgeführte Bild eines Falters.
„Das ist doch harmlos!“
„Gewiß. Wenn man nicht merkt, daß es die Fortlinie bei Tschokandsche
darstellt. Hier, diese kobaltblauen Punkte auf den Flügeldecken sind
die Geschützstände, die feuerroten Schlängellinien die gedeckten Gänge,
das Datum oben enfiliert artilleristisch die ganze Stellung. Zum Glück
kenne ich den Schmetterlingsfreund von früher. Unsere Zaptiehs haben
ihm seine Pinseleien abgenommen!“
„Oh!“ Ein wahrer Schrecken unter den Südländern. Man wagte es, sich an
einem Briten zu vergreifen.
„...Und Admiral Limpus ist ersucht, dahin zu wirken, daß der ihm
zugeteilte Oberstleutnant Nicholson von dem Londoner Kriegs-Departement
künftig an harmloseren Orten seinen Käscher schwingt!“
„Der Admiral weiß wohl selber, was er zu tun hat“, sagte Schjelting
nachlässig.
„Gewiß! Er verrät seit Monaten das Land, dem er dient!“
„Ah... Sie erlauben sich...“
„Hört...“
„Ich bin noch nicht in türkischen Diensten! Ich gestatte mir diese
Äußerung mit dem Recht des einfachen Privatmanns!“
Es war ein Schweigen. Die Worte klangen in ihm nach wie ein erster
Trompetenstoß zur Schlacht um die Völkerstraße von Byzanz. In Nicolai
Schjeltings Kopf perlte der Sekt. Er frug sich: Was ist das mit diesem
Preußen? Wie kommt er zu dieser Sprache? Es ist solch ein entschlossen
kaltblütiger Ausdruck in seinen Augen: Weiß er vielleicht Etwas? Etwas,
was wir noch nicht wissen?
Dann kehrte der alte Hochmut zurück. Pah -- wer war denn der Sieger?
Jener dort, der aus Wiesbaden Abgereiste, wahrhaftig nicht. Dieser
kleine Hauptmann erschien ihm jetzt wie das Sinnbild Deutschlands
selbst. Er war schon vor dem Krieg geschlagen. Schjelting wandte ihm,
mit einer Drehung des Klubsessels, fast den Rücken und sagte halblaut
und lebhaft:
„Wir sprachen von geschichtlichen Richtlinien zur Methode der
Erkenntnis. Messen wir daran Preußen! Nun: Preußen ist ein Widerspruch.
Etwas, was nach den natürlichen Entwicklungsgesetzen nicht hätte
entstehen können. Dieser Widerspruch wurde zuerst im Siebenjährigen
Krieg erkannt. Damals bemühte sich ganz Europa, ihn zu beseitigen!“
„... und bezog bei der Gelegenheit kolossale Dresche!“ ergänzte von
drüben der Hauptmann Isebrink. Nicolai von Schjelting fuhr herum:
„Verzeihung ... ich glaubte, zu leise zu sprechen, als daß Sie...“
„Oh ... ich habe tadellose Ohren!“
Schjelting dämpfte seine Stimme, so daß Jener nun wirklich nichts mehr
verstehen konnte:
„Auf diese Zeiten müssen wir zurückgreifen. Wir müssen Preußen seine
organische Stellung anweisen. Öffnet man den Hecht, so findet man
zahllose, unverdaute Dinge in seinem Magen: In Preußen ebenso. Fort
damit! Deutschland braucht noch viel mehr Kleinstaaten! Es ist von
Natur zu einem lockeren Staatenbündel geschaffen. Das ist seine
Geschichte.“
Während er sprach, tat es ihm leid, daß Isebrink das nicht hörte.
Wieder kochte in seinem champagnerheißen Hirn die Eifersucht. Er
lächelte ironisch, um sich zu besänftigen. Dabei sagte er sich: Wie
denn? Er ist ungefährlich. Erledigt. Kanonenfutter. Mehr nicht! Da
wirst Du noch viel Tausend Brüder haben, mein Lieber...
Ungefährlich ... ja ... das hieß... Als er sich unwillkürlich wieder
umwandte und mit seinem Blick von nervöser Intelligenz dem stählernen
Auge Isebrinks begegnete, fühlte er ein plötzliches und körperliches
Unbehagen. Es fiel ihm ein: diese Abgüsse des Militarismus hielten
die Pistole wie er die Papyros, handhabten den Degen wie Andere den
Regenschirm. Der Raum von ihm zu Jenem schien von elektrischer Spannung
erfüllt, eine Spannung wie über der ganzen Welt. Nicolai Schjelting
erhob sich. Er war doch froh, daß ihm ein Diener meldete, ein Herr
wünsche ihn dringend draußen zu sprechen.
Da stand Achille Macrî, der Pariser Finanzagent. Seine schwarzen
Rattenaugen liefen glänzend und unruhig hin und her.
„Verzeihung, Herr von Schjelting... Haben Sie Nachrichten?“
„Ich verstehe nicht!“
„Ich würde Sie gerne an etwaigen Spekulationen beteiligen!“
„...Was giebt’s?“
„Eben bekam ich diese dringende Depesche aus Paris!“
Schjelting las: „~Madame Audouin revient soir.~“ Er gab dem
Levantiner das Blatt zurück.
„Was geht mich dies Frauenzimmer an?“
„Herr von Schjelting...“
„Ich kenne sie nicht! Mag sie nach Paris zurückkehren, wann sie will!“
„Herr von Schjelting ... soll ich es erst sagen?... Es ist doch eine
verabredete Geheimdepesche! Lesen Sie die Anfangsbuchstaben!“
„Wie denn: M...... A... Mars...“
„Der Krieg!... Herr von Schjelting ... der Krieg...“
Nicolai Schjelting zeigte seine undurchdringlichste Miene. Vor diesem
Coulissier wahrte er seine Allwissenheit.
„Ich weiß von nichts!“ sagte er mit einem Lächeln, hinter dem man Alles
lesen konnte, und kehrte mit pochendem Herzen in den Club zurück. Dort
war er im Begriff, sich von dem Diener den Sommermantel umhängen zu
lassen, um rasch einmal nach der russischen Botschaft hinüberzugehen
und zu fragen. Dann dachte er sich: Man wird glauben, ich hätte mich
vor diesem Preußen zurückgezogen! Er hörte von oben die Stimme der
Ausländer. Er runzelte verächtlich die Stirne und betrat wieder den
Raum. Eben sagte da Isebrink:
„Zum Beispiel: das dritte sibirische Armeecorps!... Nach dem amtlichen
russischen Ausweis sitzt es nach wie vor friedlich in Irkutsk!“
Nicolai Schjelting warf sich in einen Klubsessel, legte ein Bein über
das andere und versetzte scharf:
„Es steht allerdings in Sibirien! Wie denn nicht?“
„... weil die siebte und achte Schützendivision schon lange in Polen
angekommen sind! Glauben Sie, wir wüßten das nicht?“
„Sie täuschen sich...“