„~Enfin, c’est le métier!~ Es lohnt die Mühe. Noch vor dem Fest

des Heiligen Alexander Newski werden wir große Dinge sehen!“

„Und schon morgen wollen Sie reisen?“

Nicolai Schjelting beugte sich zu dem sieben Fuß langen,

regenbogenfarbenen Minister ihm gegenüber vor.

„Wie denn, Exzellenz? Habe ich Zeit? Die Zeit drängt! Ich muß den

Balkan durchfliegen! Ich eile von Belgrad nach Konstantinopel! Wo etwa

noch zögernde Intelligenzen sind, müssen wir sie in letzter Stunde mit

den Richtlinien der russischen Politik vertraut machen!“

Er dachte sich dabei: So viel Rubel wie diesmal reisten noch nie mit

mir! „Wir müssen mit allen Hilfskräften des slawischen Genius die klare

Analyse des Balkanproblems verbreiten!“ Und er dachte sich wieder:

Schlimmsten Falls schicke ich ein paar von den Zähesten nach Rom, damit

sie sich von dem faulen Westen bestechen lassen. In der französischen

Botschaft giebt’s Geld wie Heu! „Ich werde Serbien von dem verwandten

Brudervolk grüßen! Es braucht jetzt den Heldenmut der Cernagora!“

„Belgrad ist jetzt der Sturmbock der slawischen Welt!“

„Serbien ist nicht groß!“ murmelte wieder der Staatsrat mit den

glühenden Augen und der furchtbaren Narbe eines Türkensäbels von der

Schläfe bis zum Hals. Nicolai Schjelting hob feierlich die Hand.

„Hinter Serbien steht ein Größerer... Dessen Namen zu nennen mir die

Ehrfurcht verbietet. Er wird Serbien nicht verlassen. ~Je vous le

jure!~“

Zu seiner hageren und lässigen Gestalt paßte nichts besser als der

mit allen Künsten eines Pariser Clubschneiders sitzende Frack, ohne

den der König von Montenegro keinen Gast empfing. Das Schwarz sah

seltsam aus in der grellen Sonnenwüste, während Schjelting langsam,

den schwarzen Zylinder auf dem Haupt, zu Fuß die paar Hundert Schritte

zu dem Städtchen zurückging. Die schönen Montenegriner Mädchen an

den Cisternen schauten ihm neugierig nach, die heimkehrenden Ziegen-

und Schafherden überpuderten ihn mit Staub, die Leutnants der

montenegrinischen Lehrbatterie, die ihm, die ganze Brust voll Orden,

begegneten, musterten ihn finster, weil sie ihn für einen Österreicher

hielten.

„~Attendez, mes amis!~ Man wird Euch schon gegen Österreich

führen!“ Nicolai Schjelting lächelte brutal und befriedigt vor sich

hin, während er die Treppen seiner Herberge emporstieg. Diesen

Balkanslawen gegenüber fühlte er sich als Träger des großen heiligen

Rußland. Er war hier nicht mehr der Petersburger Europäer, sondern

der Moskowiter. Er zündete sich eine Papyros an, ging unruhig auf und

nieder, blähte die Nasenflügel, als atmete er ferne Gewitterluft. Vor

zwei Tagen, unten in Podgoritza hatte es die ganze Nacht hindurch von

der nahen albanischen Grenze her geschossen. Räuberei oder Blutrache...

Grenzgeplänkel ... aber immerhin Schüsse, wie die ersten Regentropfen

vor dem Wolkenbruch. ~Ah -- c’est ma guerre!~ Dann frug er sich:

Warum denke ich als Russe immer auf Französisch? Vielleicht wegen

meiner Frau, dieser Halbpariserin?

Pah -- Ghislaine... Er warf die glimmende Zigarette in die Ecke und sie

im Geiste mit. Mag sie tun, was sie will. Mag sie sich von mir scheiden

lassen -- das Schiff in dem Augenblick verlassen, nicht, wo es sinkt,

sondern der Sturm seine Segel schwellt! Sie hat ihre Schuldigkeit

getan. Wenn sie nicht will, ich brauche sie nicht mehr... Mit Gott!...

Leb’ wohl!... An meine zweite Frau verkaufe ich mich nicht. Die hole

ich mir, mit dem Recht des Stärkeren, mitten aus dem Feind, mitten aus

Deutschland, aus Wiesbaden heraus. Sie wird nicht lang gefragt! Es tut

auch nicht not. Sie wird sich in ihrer Angst an mich klammern, wird

mir danken, daß ich sie aus dem Weltuntergang an den Ufern des Rheins

rette...

In diesem Höhenrausch der Zukunft verschwamm ihm Inge Tillesen und

ganz Deutschland in Einem. Er lachte in dem Blutgeruch der Schwarzen

Berge um ihn her wild auf: Man wird Euch Beide besiegen, Dich und Deine

Heimat! Bald läutet Iwan Weliki auf dem Kreml Sturm...

„~Eccellenza!... Eccellenza!~“

Unten stand der Cavaliere di San Vittorio, der verdächtige

schwarzbärtige und olivengelbe Balkanagent, von dem man nie wußte,

ob er Österreich an Rußland oder umgekehrt, oder -- was das

Wahrscheinlichste war -- Beide an Italien verriet, und schwenkte den

Panama.

„~Eccellenza!~ Kanonendonner in Südalbanien! Die Epiroten

marschieren auf Argyrocastro!“

„Freiwillige?“

„~S’intende, signore!~“

Der Welsche lachte. Natürlich staken unter dem Czako mit dem Totenkreuz

und in dem kurzen weißen Ballettröckchen richtige griechische Soldaten.

Das wußte jedes Kind. Nicolai Schjelting nickte. Gut so! Zuckt nur, Ihr

Flämmchen. Da und dort. Ihr seid noch klein. Aber wir wollen Euch schon

anblasen. Besser als vor zwei Jahren. Er ging wieder vor die Gostinitza

hinunter. Dort, auf der Straße, stand jetzt ein neuangekommener

Montenegriner, groß und schlank wie Alle, aber in europäischer Tracht.

Er trug nur das Cerevis mit dem eingestickten Namenszug des Königs auf

dem Kopf und griff in kaltem Stolz daran, während er sich Schjelting

näherte.

„Sie entsinnen sich meiner, Gospodin Schjelting?“

„Wie denn nicht?“ sagte Nicolai Schjelting ebenso hochfahrend höflich.

Er hatte keine Ahnung.

„Dr. Woinowitsch! Wir trafen uns schon vor sechs Wochen auf dem

Wiesbadener Internationalen Kongreß im Hause des Geheimrats Tillesen!“

Sofort fiel bei der plötzlichen Erwähnung Europas von Nicolai

Schjelting die asiatische Tünche. Er war wieder der Petersburger

Weltmann des Westens. Er sagte lebhaft: „Nun -- in der Tat ... ich

vergaß ... ich war nicht Kongressist!“

„Ich auch nicht! Ich machte vier Jahre unter Tillesen Studien in der

Serumtherapie!“

„Das wird Ihnen aber hier wenig helfen!“

„Ich kann auch Verwundete verbinden!“ sagte der junge Arzt. „Ich hab’

es in Deutschland gelernt.“

Die beiden Männer lächelten. Sie verstanden sich.

„Sie hielten es für besser, heimzureisen, Dr. Woinowitsch?“

„Ich melde mich morgen hier als zurückgekehrt bei Seiner Majestät. Ich

bin mit ihm verwandt!“

Der Alte mag wieder schön an der Wiener Börse spekulieren, dachte sich

Nicolai Schjelting, und dann weiter, ganz unvermittelt: Wie ist die

Welt doch klein. Dieser Mensch da kennt Inge Tillesen seit Jahren. Weiß

jedenfalls viel von ihr. Er konnte sich nicht enthalten. Er frug im

Laufe des Gesprächs:

„Verkehrten Sie auch im Hause des Geheimrats?“

„Wenig.“

„Er ist Witwer, nicht wahr?“

„Ja. Eine Tochter führt ihm den Haushalt!“

„Ich entsinne mich ihrer flüchtig. Wird sie denn nicht auch einmal

heiraten?“

„Ich glaube, sie ist verlobt. Schon lange. Mit einem preußischen

Hauptmann!“

Der Montenegriner sagte es gleichgiltig. Er hatte andere Dinge in

seinem kriegerisch wilden Gelehrtenkopf. Nicolai Schjelting frug nicht

weiter. Sein Herz klopfte. Schlug wieder stürmisch im vollsten Dünkel

des Herren des halben asiatischen und europäischen Erdteils, während

er am nächsten Morgen im offenen Wägelchen dem einstigen Sandschak

Novibazar zufuhr. Dieser Isebrink... Ein Offizierchen!... Pah!...

Nicht einmal in der Garde!... Nicht einmal ein Edelmann! Was galt in

Rußland ein bürgerlicher Hauptmann von der Linieninfanterie? Er gehörte

halb zum Volk! Nicolai Schjelting lächelte hochfahrend unter seinem

Sonnenschirm. Er sagte sich: Mit Dir wird man noch fertig werden, mein

Brüderchen, mit Euch Deutschen Allen!

Überall in der grauen, glühenden Felseneinsamkeit schwangen längs des

Saumpfades die Männer die Spitzhacke, klopften Frauen und Mädchen

Steine, schleppten Kinder in Körben Schotter herbei. Die freien

Cernagoren bauten neue Militärstraßen für den kommenden Krieg.

Schjelting sah es mit Wohlgefallen. Dankte sogar hier in Montenegro

auf die Grüße des Volks: Arbeitet nur für Moskau, die große Mutter,

die Euch von dem apokalyptischen Tier erlösen wird! Schanzt nur

fleißig gegen den Antichrist! Ihr kostet uns Geld genug, Ihr Flöhe der

Schwarzen Berge.

Ihr Serben auch! Er liebte die Serben, aber er herrschte sie an wie

seine eigenen Bedienten, während er, der große Herr aus Petersburg,

auf der Bahn nach Belgrad fuhr. Da ragte schon draußen im grünen

Bergwald das kleine steinerne Kreuz: die Stelle, wo Fürst Milosch von

seinen Untertanen ermordet worden war. Man näherte sich der serbischen

Hauptstadt, dem Hexenkessel Europas, auf langgestrecktem, schmalen

Höhenrücken, äußerlich einer unkultivierten Mittelstadt mit steinernen

Gassen und modernen Regierungsgebäuden ähnlich. Auf dem Bahnhof

wartete Professor Korsakoff, der Panslawist. Der schmächtige Mann

mit den fanatischen Blauaugen über den vorspringenden mongolischen

Backenknochen, den breiten Nüstern, dem schütteren blonden Vollbart,

stand da wie ein russisches Urbild inmitten der Serben. Er und

Schjelting umarmten sich und küßten sich dreimal auf die Wangen. Hier

war man ja unter sich. Schon auf slawischer Erde. Der faule Westen

hörte hinter der Save auf.

Von der Gesandtschaft war niemand da. Das wunderte Schjelting.

„Nun -- und Sie sind so gedrückt, Wladimir Timoféitsch? Was ist

geschehen?“

„Erbarmen Sie sich -- Sie wissen noch nicht, daß Hartwig tot ist?“

„Unser Gesandter?“

„Am Herzschlag gestorben! Und wo?: In der Studinitza!“

„Bei dem österreichischen Gesandten?“

„So ist es! Im Gespräch mit ihm!“

„Was haben sie sich erzählt?“

„Niemand weiß es!“

Ungarisch war eine der wenigen Sprachen, die Nicolai Schjelting

nicht beherrschte. So verstand er es nicht, daß neben ihm am Ausgang

ein reisender Magyare zu seinem Landsmann sagte: „In Kragujewatz im

Staatsarsenal haben sie die Bombe für Serajewo gefüllt. Sie wußten Alle

darum, die Schufte!“ Professor Korsakoff fuhr fort:

„Die Erbitterung gegen Österreich ist groß. Ein Teil der Schwaben

verbringt die Nächte schon in der Gesandtschaft!“

„Gut so! Zeigt ihnen die breite slawische Brust!“

„Und eine bessere Nachricht. Soeben aus Petersburg. Rasputin ist durch

Dolchstiche auf den Tod verwundet.“

„Ah -- Pascholl! Dieser Muschik hat uns lange genug geärgert!“

Rasputin, der in ganz Rußland bekannte Wunderpope, der Ratgeber des

Zaren, der Freund des Friedens und der Frauen. Fort mit ihm! Mit Allen!

Der Panslawist drehte sich nervös eine neue Papyros. Er hatte wieder

gelbe Fingerspitzen und schwarze Nägel. Schjelting dachte sich: Ein

Tier! Er sagte halblaut durch das Rasseln des Wagens:

„Es giebt jetzt eine Schwarze Liste von Totgeweihten in Petersburg,

Wladimir Timoféitsch! Ein Kreuz hinter jedem Namen. Man staunt, welche

Namen da stehen!“

„Ich sah die Liste!“

„Nun: Gott wird helfen!“

Korsakoff, der Panslawist, war draußen in der Neustadt bei einem

befreundeten Popen abgestiegen. Den ganzen Nachmittag gingen da die

südslawischen Agitatoren ein und aus, raschelten die Banknotenbündel

in Schjeltings Händen, erzählte Vater Dimitrij vom Kloster Ostrog

von seinen Erlebnissen in Istrien, den Kämpfen der kaisertreuen

Küstenkroaten mit den Italianissimi der Adria.

„Unser Dampfschiff war weiß gestrichen! Großer Gott -- nach dem

dritten, vierten Hafen hatte es schwarze Streifen von oben bis unten...

Sie begreifen doch! Auch auf dem Deck bekam man Tintenflecke!“...

„Wie denn Tinte?“

„Nun -- man hatte alle Tintenflaschen in den örtlichen Magazinen

gekauft und warf sie über die Köpfe der Soldaten am Landungssteg weg

auf das Schiff! Es gab Handgemenge zwischen Morlaken und Welschen...“

Nicolai Schjelting lachte.

„Bald wird die Weltgeschichte nicht mehr mit Tinte, sondern mit

Blut geschrieben werden,“ sagte er, während er mit dem Moskauer

Hochschullehrer seinem Hotel zuschritt. Dann durchfuhr ihn wieder jäh

die Erinnerung: „Entsinnen Sie sich, wann wir zuletzt zusammen waren,

Wladimir Timoféitsch?“

„Vor der Butterwoche. In Moskau.“

„In Moskau. Im Petrowski Dwor. Wir tranken auf den Kreuzzug gegen die

Deutschen!“

„Rußland wartet!“

„Hinter uns saß ein alter Deutscher!“

„So?“

„Ein alter Teufel von Arzt. Er hatte eine schöne Tochter bei sich.

Wahrhaftig: ein schönes Mädchen!“

„Ich weiß es nicht mehr!“ sagte der Slawenapostel zerstreut. Nicolai

Schjelting verstummte, ärgerlich, daß er sich wieder hatte gehen

lassen, und musterte von der Seite die Schmutzflecken auf Korsakoffs

Rock, den von den langen ungepflegten Haaren schwärzlich gefärbten

Hemdkragen. ~Quel animal -- enfin~... Er frug sich: Warum fange

ich denn schon wieder von ihr an? Vor diesem Professor, der wie ein

Holigan aussieht?... Ja, Bruder, für Dich freilich wäre eine Zigeunerin

noch gut genug! Mein Siegespreis soll edler sein! Nun -- Du hast nichts

gemerkt!

Nein. Der Professor fing, lebhaft die Hände bewegend, von den

Kutzowalachen an. Er hatte beunruhigende Meldungen über die Kämpfe

dieser rumänischen Zinzaren auf dem Pindar mit den benachbarten

Griechen. An der neuen serbischen Wardargrenze hatte es Feuergefechte

mit makedonischen Komitatschis gegeben.

„Viel Menschen tot?“

„Nein. Höchstens hundert!“

„Nun -- und wie war es in Agram?“

Der Panslawist zuckte fatalistisch die abfallenden Schultern. Nichts zu

machen. Die Zeiten waren vorbei, da man sich auf dem Jellachichplatz

an dem Vicebanus vergriff. Gott schlug die Slawenbrüder dort mit

Blindheit. Sie hingen an dem König von Ungarn, schauten, statt nach

dem Kreml, nach der Ofener Hofburg. Die Schwaben hätten sogar ihn,

Korsakoff, verhaftet, wenn er sich nicht als Mitglied der Reichsduma

ausgewiesen hätte. Die Beiden gingen die Alexanderstraße entlang. Am

Eingang zum alten Friedhof standen zwei elende, kleine Holzkreuze

frei auf dem zertretenen Rasen. Menschen und Tiere zogen achtlos an

der Stelle vorbei, wo der König und die Königin von Serbien, von

ihren Untertanen ermordet und aus dem Fenster des Konaks gestürzt,

eingescharrt worden waren. In der Terasiastraße fuhr der neue

Herrscher, Peter der Erste, nach seinem Palais. Die Wenigsten kümmerten

sich um den gekrönten Schatten oder um seinen liederlichen Sohn. Die

Herren dieses Landes waren die Offiziere. Die Säbel rasselten, die

Uniformen blinkten. Auf denen, in deren Mitte Nicolai Schjelting

des Abends saß, waren vielfach die Abzeichen von Regimentern ferner

Standorte, aus Laskowatz und Schabatz. Und doch waren diese Obersten

hier und gehörten auch nach ihrem Äußeren vielmehr unter den Belgrader

Convoi Leibgarde als unter die struppigen und ruppigen serbischen

Linienmilitärs der Provinz. Das waren die Verschwörer von einst. Man

zeigte die Königsmörder immer noch nicht gern an vorderster Stelle. Das

hätte das Feingefühl des englischen Gesandten verletzt. Aber wo sie

waren, war Serbien.

Die gepaschten Virginias qualmten über den Krügeln mit Dreher’schem

Bier. Die Zeitungsjungen schrieen die „Neue Freie Presse“ aus. Die

Erbschaft des toten Erzherzog Thronfolgers. Die blutbefleckten Soldaten

lachten sich zu. Sie wußten Bescheid -- nicht nur wie man den eigenen

Kriegsherrn beseitigt, sondern auch, wie man, jetzt eben, benachbarte

Große der Erde mit dem Revolver aus dem Wege räumt... Ihre Augen

funkelten. Ihre Gespräche waren der Krieg. Der Sieg. Sieg über die

Türken. Sieg über die Bulgaren. Sieg über ... pst ... noch nicht davon

sprechen... Ein Rausch von Blut lag über der Runde, ein Triumphgefühl

des Mords, ein Fieber: Was werden sie da drüben machen, in den k. u. k.

Landen? Und es war, als brächte der heiße Sommerwind von der Save her

als Antwort die Klänge eines langverwehten Lieds:

„Prinz Eugen, der edle Ritter,

Wollt’ dem Kaiser wiederum kriegen

Stadt und Festung Belgerad!“

Ei was -- mögen die Schwaben kommen und die Ungarn dazu! Uns darf

nichts geschehen! Wir dürfen tun, was wir wollen! Hinter uns steht das

heilige Rußland. Heiße Blicke wie die gezähmter Raubtiere richteten

sich auf Nicolai Schjelting.

„Ihr Ehrenwort, Gospodin Schjelting: was wird nun?“

„Schon einmal, vor fünf Jahren, mußten wir zurück!“

„Man tritt zurück, um einen Anlauf zu gewinnen!“ sagte Schjelting in

lächelnder Ruhe.

„Aber die Tage drängen...“

„Und übermorgen begiebt sich der Präsident der französischen Republik

nach Petersburg zu Seiner Majestät, dem Zaren! Ahnt Ihr, was das heißt?“

Wieder wehte es über die Tische: Der Krieg...

„Gott schütze den Zaren!“

„Laßt uns nicht im Stich! Sonst sind wir verloren!“

Der Serbengeneral Bratschinatz sagte es. Der alte Fuchs drehte, trotz

der Hitze in einen verschlissenen grauen Feldmantel gewickelt, unruhig

den weißen Spitzbart unter dem verschlagenen Gesicht. Ein langes

Ordensband zog sich über seine Brust. Er kannte die Ungewißheit des

Kriegs wie nur je ein Landsknechthauptmann. Nicolai Schjelting, der nie

gedient hatte, musterte ihn mit einem hochfahrenden Lächeln.

„Belieben Sie sich zu entsinnen? Wie hieß zur Osmanenzeit die Stadt, in

der wir slawischen Brüder hier beisammen sitzen? Dar el Dschihad!...

Das Thor des Kriegs!“

„Es lebe der Krieg!“

„Mehr als einmal schon wurde der Krieg von hier über die Save getragen!

Bis unter die Wälle von Wien!“

„Morgen bis in den Stephansdom hinein!“

„Nach Budapest!“

„Und an die Adria!“

„Wir sind bereit!“

„Ihr seid die Bannerträger der orthodoxen Welt, Ihr serbischen Helden!

Gestattet, daß ich, der Petersburger, Euch die Schwüre unseres großen

Rußlands bringe! Diesmal stehen wir hinter Euch und weichen keinen

Zoll! Beim Wundertäter Nikolaus, bei allen Heiligen der Lawra: Im

Sommer 1914, so werden noch unsere spätesten Enkel sprechen, ward nach

Gottes Wille die slawische Idee zur Tat!“

„Hoch das Heilige Rußland!“

„Lasse Dich küssen, Bruder!“

Ein Sturm der Begeisterung hob die Runde säbelklirrend von den Sitzen.

Aus wilden Augen fieberte der Größenwahn des kleinen Barbarenstaats,

der im letzten halben Jahrzehnt zweimal schon die Menschheit bis dicht

an den Abgrund des Weltkriegs gedrängt hatte. Skuptschinamitglieder

und Journalisten am Nebentisch klatschten fanatisch Beifall. In

ihren Taschen knisterten die Tausendrubelscheine, die Schjelting am

Nachmittag wie welkes Laub verstreut hatte. Er lächelte gerührt beim

Bruderkuß der bärtigen, nach mancherlei Schnäpsen duftenden Lippen. Er

dachte sich dabei: ~Enfin... Rien à faire...!~... Nur jetzt diese

Wilden bei guter Laune erhalten!

Aber als er am nächsten Tag im Orient-Expreß weiter nach Osten fuhr,

sagte er sich: Es ist doch gut, daß es Eau de Cologne giebt, um die

Liebesbezeugungen dieser Bären abzuwaschen. Tanzt nur, Brüderchen,

tanzt! Wir an der Newa pfeifen!... der Zug war wie gewöhnlich

überfüllt. Schjelting hatte den letzten freien Platz in dem Salonwagen

gefunden. Draußen flogen die Kukuruzfelder Serbiens vorbei... Auf

freiem Feld eine Kapelle.

„Ah -- Tschela Kula!“

Der Schädelturm... Aus vielen hundert serbischen Totenköpfen von den

Türken als Siegeszeichen vor einem Jahrhundert errichtet. Nicolai

Schjelting dachte sich zerstreut: Wozu die Mühe? Der ganze Balkan

ist ein großer Schädelturm. Im Lehnsessel neben ihm ließ sich Salim

Pascha, der greise osmanische Würdenträger, von einem der Effendi

seines Gefolges die letzten Nachrichten des „Pester Lloyd“ auf türkisch

vorlesen. Schjelting kannte den gefürchteten Diplomaten der Hohen

Pforte wohl, ohne ihn zu grüßen. Der Pascha war schon sehr alt. Aber

die hellen, haselnußbraunen Augen in seinem feinen, kleinen Gesicht

blinkten noch so klug und aufmerksam wie je unter dem dunkelroten

Tarbusch des Zivil. Der schlanke, junge Effendi, der ihm vorlas, trug

zum Europäischen Anzug den Scharlach-Fez des Heeres. In sein Türkisch

fielen im Gespräch deutsche Worte: Etwas von Militärmission.. Halblaut

deutsche Namen von Offizieren... Kesselberg ... von Enkel... Boß...

Isebrink...

Nicolai Schjelting horchte auf. Isebrink... Hauptmann Isebrink... Ein

höhnischer Sonnenschein überflutete seine nervösen Züge. Siehe da!

Nicht auf Freierfüßen, sondern auf dem Weg zu den Ungläubigen! Oder

vielmehr: mit den anderen Mitgliedern der neuen Militärmission wohl

schon dort! ~Ah -- je vous félicite, mon cher!~ Nein: Ich wünsche

mir Glück! Wenn ich wieder nach Wiesbaden komme, werde ich vor einem

gewissen Haus keinem Störenfried begegnen. Der Weg ist frei...

Jäh klirrte eine Scheibe. Die Reisenden fuhren auf. Ein Durcheinander:

„Ein Steinwurf!“

„Ein Flintenschuß!“

„Sind wir noch in Serbien? Dann war es eine Kugel!“ sagte auf

Französisch Einer der Türken. „An dieser Stelle hat man schon auf dem

Hinweg auf Seine Exzellenz geschossen!“

Der Pascha verlor keinen Augenblick seine Würde. Er setzte sich jetzt

nur so, daß man von außen seinen weißen Kopf aus Tausendundeiner

Nacht mit dem Purpurfez nicht sah. Einer der Effendis bückte sich

und schaute unter die Sessel. Da lag im Dunkeln ein verdächtiges

Körbchen. Vielleicht auch eine Höllenmaschine serbischer Komitatschis.

Moise Kabyljo, der in Nisch hinzugekommene Importeur aus Saloniki,

fuhr entsetzt in die Höhe. Die weißgepuderte und schwarzbemalte,

alleinreisende Französin drängte sich an dem Spaniolen vorbei und

griff schützend nach dem Korb. ~Mon Dieu!~ Darin war ja nur Bibi,

das eingeschmuggelte Schoßhündchen. Ein Aufatmen der Heiterkeit. Ein

neuer Wortwechsel nebenan. Der hinter Pirot eingestiegene bulgarische

Hauptmann mit dem brünetten, knebelbärtigen, an Wallensteins Lager

erinnernden Wallonenkopf, weigerte sich entschieden, mit einem Serben

an einem Tisch zu sitzen. Beide, Bulgare und Serbe, hatten die Hand an

die Säbelgriffe gelegt. Der Haß von 1913 leuchtete aus ihren Zügen.

Ein bleicher und verlebter junger rumänischer Bojar machte belustigt

ganz leise: Kß... Kß ... so wie wenn man zwei große Doggen auf einander

hetzt. Aber der kleine, runde Levantiner am Nebentisch rettete die

Lage. „~Changeons, messieurs!~“ Er wechselte seinen Platz mit dem

des Serben, und der kam wieder neben den breitschulterigen blonden

deutschen Geschäftsreisenden zu sitzen.

Immer die Deutschen -- dachte sich Nicolai Schjelting. Diesmal nicht

mit Haß, sondern mit Schadenfreude. Dieser Deutsche, dieser Hauptmann

Isebrink war aus dem Weg. Wer konnte wissen, wie lange? Er sagte sich,

in Unruhe und Tatendrang: Ich sollte die Zeit in Wiesbaden nutzen! Eine

Entscheidung suchen, jetzt, wo sich Alles entscheidet...

Es dämmerte. Man zeigte sich durch das Fenster die Stelle, wo vor

Jahren der Räuberhauptmann Athanas den Orient-Expreß überfallen

hatte. Aristidos Papadaki, der nach Pera heimkehrende Fanariote und

Millionär, erwachte aus seinem Halbschlummer und winkte ab: „~Ah

bah! Monsieur Athanas s’est retiré des affaires!~“... Weiter

rollte der Orient-Expreß und trug diesen Balkan im Kleinen gleich

einem züngelnden Nattern-Nest voll Haß und Zwiespalt durch das

Dunkel. Als Nicolai Schjelting nach einer schlaflosen Nacht, in der

er mit einem verpariserten alten ägyptischen Prinzen dieselbe Koje

geteilt hatte, an das Fenster trat, war draußen schon die feierliche

Leere der türkischen Steppe. Aber da noch Etwas, hinter Hirt und

Hund und Büffeln: Ein rauchgeschwärztes, zertrümmertes Haus. Da die

menschenleeren Mauerreste eines ganzen Dorfs. Riesenkoffern gleichende

viereckige Erdhügel: Massengräber. Die Namen von Gefechtsorten

gingen von Mund zu Mund. Man fuhr über die frischen Schlachtfelder

von 1912. Die Moscheenkuppeln von Adrianopel tauchten in der Ferne

auf. Die Umrisse der Tschataldschalinien. Neue Ruinen am Bahndamm

mahnten: Das ist der Krieg! Und Nicolai Schjelting atmete am offenen

Fenster den Lokomotivqualm wie Pulverdampf ein und dachte sich in

ungeduldiger Siegestrunkenheit: Der Krieg... Mein Krieg... Nicht das

Balkan-Kinderspiel von gestern, sondern das, was morgen kommt...

Das deutsche Wunder: Roman · 第 11 / 29 段