wollen, weil er in einem kleinen Nachen allein zur Dämmerzeit in den
verbotensten Gewässern der Kaiserlichen Werft herumruderte.
„Na -- da hat er eben umsonst zu spionieren versucht!“
Stummes Entsetzen rings um Mrs. Higgins. Strafende Blicke, auch von
ihrem Mann. Es war peinlich, derlei zu hören! Seine Herrlichkeit und
spionieren! Ein Mann, der auf seiner Yacht ‚Sunbeam‘ der Auszeichnung
eines Besuches des Kaisers gewürdigt wurde! Und außerdem -- man hatte
doch genug andere Augen mit nach Kiel gebracht. Der kleine Hobson
verriet es:
„Auf jedem Schiff sind ein paar mehr, als wir zeigen! Damit sie
ungestört spazieren gehen können -- verstehen Sie? Es ist eine
liebliche Gegend! Was, Mr. Turner?“
Der blonde Reverend, den sie mit an Bord hatten, starrte, ohne zu
antworten oder sich zu rühren, nach dem Ufer. Seit der Vorbeifahrt
an Friedrichsort verschlang er stumm mit den Augen die Küste und
holte sich mit dem Fernrohr jeden Hügel und jede Erdwölbung heran,
um sie auf etwaige Panzerkuppelungen zu untersuchen. Im Vereinigten
Königreich drüben konnte man den athletischen Gottesmann täglich in
der Informations-Abteilung des Marinekriegsstabs als Hilfsarbeiter
sehen. Man setzte dort in Whitehall große Hoffnungen auf den jungen
Seeoffizier.
Vor der Seebadeanstalt und dem Kaiserlichen Yachtklub wiegten sich die
Yachten der internationalen Sonderklasse auf den Wellen. Alle Segler
der Meere trafen sich hier, dänische Lehensgrafen und französische
Schokoladenfabrikanten, englische Admirale a. D. und die Dollarjäger
New-Yorks. Weiterhin ankerte der Spielbankfürst von Monte-Carlo.
Deutschland sah wieder einmal die ganze Welt zu Gast, arglos und mit
herzlichem Handschlag, so wie da unten Jan Maat von der Waterkant und
die Sailors von Portsmouth und Sheerneß sich begrüßten. Hannah Higgins
blickte vom Fenster des Logierzimmers auf den Strandweg hinab. Ihr
Schwager hatte schon Tags zuvor, nach der Ankunft in Kiel, seine Gäste
an Land untergebracht. Sie dachte sich wieder: Ewiger Feiertag! Dann
schrak sie zusammen. Im Gewühl oben surrten Propeller. Ein Zeppelin
überflog in majestätischer Runde den Hafen, die Menschen, die Schiffe.
Und Hannah Higgins fröstelte in ihrer Stimmung beim Anblick des
grauen Riesen, der wie ein Verhängnis von oben über Fahnenpracht und
Festesfreude schwebte, als wollte er die stummen, langen Stahlschlangen
da unten grüßen, die paarweise über die blumengeschmückten, zum
Ballsaal gewandelten Verdecke aus den Panzertürmen herausstarrten.
„Herrgott: Inge!“
Ingeborg Tillesen war in Reisemantel und Strohhut hereingekommen. Sie
sah blaß aus. Aber sie hatte sich in der Gewalt und fiel lachend, mit
ausgebreiteten Armen, der Schwester um den Hals.
„Man muß sich förmlich bücken, wenn man Dich lieb haben will, Du
kleiner Pussel!“ sagte sie, sich nach den Begrüßungsküssen in ihrem
hohen Wuchs wieder aufrichtend. „Wie geht’s Dir denn? Und Deinem Mann
und Deinen greulichen Rangen?... Ich bin nur auf einen Sprung von
Lübeck herüber. Der Vater doktert dort herum. Na -- was macht Ihr denn
hier?“
„Du siehst es ja: Wir verbrüdern uns wieder ’mal! Die deutsch-englische
Freundschaft wird jeden Tag neu geleimt!“
„Wenn wir nur nicht dabei die Geleimten sind...“
„Wem sagst Du das? Aber Ihr wollt ja hier von nichts hören!“
„Was ist denn da unten für eine Musik?“
„Die Düppelkämpfer von 64! Sie haben eine Paradeaufstellung vor dem
Kaiser!“
„...Und die himmelblauen Bayern!“
„Regimentsabordnungen! Die waren auch bei Düppel.“
„Gott, die Massen englische Matrosen...“
„Es war, glaub’ ich, ein großes Sportfest zwischen ihnen und den
Deutschen!“
„Und Studenten in vollem Wichs!...“
„... die bringen abends den Veteranen einen Fackelzug! Es steht Alles
hier im Blättchen.“
Von ferne klang der Düppeler Sturmmarsch. Inge setzte sich.
„Störe ich Dich, Hannah? Du hast sicher für heute noch was vor?“
„Großer Ball in der Admiralität. Aber die ist ganz nahebei. Vorläufig
flirtet meine Jungfer noch irgendwo in der Stadt herum!“
„Mit unseren Matrosen?“
„Da kennst Du eine freie Britin schlecht. Die sieht keinen Deutschen
an! Die hält sich nur an ihre Landsleute.“
„Weißt Du: eigentlich sind wir Deutsche doch zu geduldig! Es ist
merkwürdig!“
„Es ist Vieles merkwürdig!“ sagte die kleine blonde Mrs. Higgins.
„...Ich greife mir immer an den Kopf ... ich weiß nicht: bin ich allein
so dumm oder kommt es, weil ich mit einem Bein in jedem Land stehe --
da in Deutschland und da in England... Aber sag’ selbst: Zur großen
Verbrüderung kommen die Einen auf Mordmaschinen angeschwommen, und die
Anderen stellen ihre Schlachtenveteranen am Ufer auf... Zwischen den
Kanonen wird auf dem Wasser getanzt, zu Land sitzen sie bei Tisch mit
dem Säbel an der Seite. Und wenn sie sich beim Einlaufen freundlich mit
Breitseiten einen gesegneten guten Morgen wünschen, dann zittert das
ganze Ufer. Das ist doch Krieg im Frieden oder Frieden im Krieg. Aber:
eines von Beiden kann doch nur richtig sein!“
„Sonderbar...“
„Wie ich jetzt in dem Jubel und Trubel hier hereingekommen bin, hab’
ich mich wieder gefragt: haben wir denn ein Recht, ewig Feste zu
feiern? Wo um uns Alles voll Gefahren ist? Siehst Du ... da drüben
improvisieren sie ein Tänzchen auf dem Verdeck... Nein ... links vom
‚Ajax‘! Da -- ja! Aber wir waren gestern an Bord von so einem Kasten.
Unten ist alles voll von Munition und die Torpedos liegen im Kühlen.
Ein Funken und... Und oben tanzen sie eben! Aber wielange noch?“
„Hannah! So hab’ ich Dich noch nie gesehen!“
„Also hör’ mal!“ Die kleine Frau rückte näher an die Schwester heran
und barg sich an ihrer Schulter. „Ich war seekrank auf der Überfahrt!“
„Das wirst Du ja immer!“
„Ich hab nicht die Pferdenerven, wie das People. Gut also, ich lag da
und konnte nicht schlafen. Und oben, an Deck, grade über mir, sprachen
noch ein paar Herren... Es war tote See, weißt Du. Da klatscht es nur
alle Minute einmal. Aber sonst ist’s still!“
„Na und --?“
„Und ich erkannte die Stimme meines Schwagers, des großen Higgins. Er
nölt doch so. Genau wie ’ne verrostete Türangel. Der Andere -- Du, wir
haben einen ganz gefährlichen Kunden mitgebracht. Du denkst natürlich,
er wäre Reverend, aber -- Ja so -- das darf ich ja auch wieder nicht
sagen... Also die Beiden saßen oben. Und mein Schwager William sagte:
Nein, Captain! Die russische Probe-Mobilmachung diesen Herbst ist nicht
weise! 1916 ist ein gutes Jahr zum Krieg!“
„Das hast Du gehört?“
„Dann sagte der Cap... Ich wollte sagen der Reverend -- etwas, was ich
nicht verstand... Und wieder Higgins: Der Verrat Italiens -- schön!
Aber der Verrat Italiens geht seit zehn Jahren!“
„Was erzählst Du da?“
„Dann sprachen sie was vom Balkan und von Japan und lachten.... Da kam
gerade eine Welle ... und dann sagte mein Schwager: Ich glaube nicht,
daß wir vor 1916 den Krieg gegen Deutschland eröffnen können!“
„Um Gotteswillen!“
„Dann standen sie auf und gingen schlafen. Ich werd’ die Geschichte
nicht los ... es ist mir seitdem immer, als hinge eine dunkle Wolke über
allem...“
Durch das Fenster wehte eine laue Abendbrise. Sie brachte die
Menschenstimmen von unten mit sich. Lachen und Schwatzen in drei, vier
Sprachen auf der Strandpromenade. Ferne Musik. Wieder ein Windhauch von
der See. Es war wie friedliche Atemzüge der ganzen großen Menschheit
auf Erden. Völkerverbrüderung. Das goldene Zeitalter im bunten
Festgewand. Silberne Lichter über Meer und Land. Der Tag schwand. Ein
wohliges Dämmern breitete sich über den Fahnenprunk der Stadt.
„Ach, Inge, mir ist das Herz schwer!“ sagte Hannah Higgins. „Es ist
alles so unheimlich um Einen her. Ich bin froh, daß Du gekommen bist ...
vielleicht bringst Du mir ein bischen Ruhe...“
„Die wollte ich mir grade bei Dir holen!“
„Was ist denn mit Dir geschehen?...“
„Ach ... es ist ein Mensch in mein Leben getreten... Höchst ungerufen
und unerbeten... Unheimlich!... Er ist mir gräßlich... Aber, wenn ich
denke, ich bin ihn los, dann meldet er sich wieder! Sag’: Du hast doch
durch Deinen Schwager Einblick in Vieles! Hast Du einmal zufällig Etwas
von einem Herrn von Schjelting gehört?“
„Nicolai Schjelting?“
„Ja.“
„Aus Petersburg?“
„Ja. Um Himmelswillen, Hannah, ist der Mensch denn so bekannt?“
„Wie ein bunter Hund!“
„Auch bei Euch drüben?“
„Überall, wo gegen Deutschland gehetzt wird. Mein großer Schwager liebt
ihn zärtlich. Dieser Schjelting hat mich ja gerade bei Higgins neulich
Abends aufdringlich nach Dir gefragt.“
„Das glaub’ ich...“
„... und wo Du jetzt wärst?“
„Um mich auch noch brieflich zu verfolgen... Da! Das kriegt’ ich
vorgestern von ihm!“
„Zeig’ her!“
„Lies gleich da, von dem Absatz an...“
„Ich sagte es Ihnen früher schon, Fräulein Tillesen: es wird bald
die Zeit kommen, wo man Freunde braucht. Ich gebe Ihnen anbei meine
Adresse: St. Petersburg, Bolwar Italianskja, Haus Schjelting. Oder
~Bruxelles, Boulevard du Régent 417, chez Mr. Lambert~, oder
Gutsverwaltung Kulinowo über Kortschewa, Gouvernement Twer, Russie.
Doch auf meinen Gütern bin ich fast nie. Schreiben Sie die Adresse mit
lateinischen Buchstaben. Sollten besondere Ereignisse den Verkehr mit
diesen Ländern unmöglich machen, so bleibt immer noch die Schweiz. Ein
Telegramm nach Bern, ~Chancellerie de l’Ambassade de Russie~,
erreicht mich immer, wenn auch auf Umwegen. Die Schweiz ist überhaupt
am sichersten. Dort kann ich stets zur Verfügung stehen, was auch
kommt! Bitte rechnen Sie auf mich und erinnern Sie sich zur gegebenen
Zeit daran, daß Niemand auf Erden besorgter als ich um Ihr Schicksal
sein kann...“
„Gieb her!“ sagte Inge und zerriß in einer jähen Aufwallung den Brief.
„Ich kann nichts dafür, daß der Mensch so ist, Hannah. Ich hab’ ihm
weiß Gott keinen Anlaß gegeben! Ich war wie vom Donner gerührt, wie
ich merkte, daß er... Gott, ’s ist ja an sich egal!... Aber es ist
dasselbe, was Du eben erzählst. Es ist wie ein Vorzeichen, als läge
Etwas in der Luft... Irgend etwas Furchtbares...“
„Weißt Du, was ganz sonderbar ist? Auch wie eine Warnung? Der letzte
Mensch, den ich jetzt bei der Abreise von London gesehen und gesprochen
hab’, das war wieder Herr von Schjelting! Er stand in aller Gottesfrühe
vor Victoriastation und erkundigte sich nach Dir...“
„Er soll mich in Ruhe lassen!“ sprach Inge Tillesen erbittert. Ihr
Schwager trat ein. Hinter ihm schlüpfte die Jungfer ins Zimmer. Es war
Zeit für Mrs. Higgins, Toilette zu machen. Inzwischen saßen ihr Mann
und ihre Schwester nebenan beisammen. Der Oxforder Professor war in
bester Laune. Sein schwammiges, bebrilltes Chinesengesicht strahlte.
Nicht nur, weil er dem Herzog von Huntingdon begegnet war und Seine
Gnaden, ein alter Undergraduate von Christ Church, ihn erkannt und
angesprochen hatte -- oh ja -- auch das tat einem Britenherzen wohl. Er
zerkaute das ‚His Grace‘ wohlgefällig zwischen den bartlosen Lippen.
Aber dann war er in dem Universitätsgebäude gewesen, hatte wieder
die Vorlesungszettel am Schwarzen Brett gesehen, die Studenten, die
Hörsäle, war in winkeligen niederdeutschen Gäßchen des alten Kiel
umhergewandert, hatte an seine Jugend und an seine Studentenzeit in
Deutschland, an Heidelberg und Göttingen, gedacht.
Das war das Deutschland, an dem Professor Jerôme K. Higgins in
seiner Weise hing. Ein Gegensatz zu Englands Nebel, Nüchternheit,
Geschäftssinn, Weltherrschaft. Der Zwerg Perkeo und das Große Faß, der
Rodensteiner und Auerbachs Keller, die Wartburg und die Rittersitze am
Rhein, das Goethehaus in Weimar und das Münchner Hofbräu, Posthornklang
und Mondenstrahl über verschlafenen Landstädtchen -- so sah er
Deutschland und wollte es nicht anders sehen, und wurde dabei förmlich
warm. Plötzlich hob Inge Tillesen den Kopf.
„Ach was, der Römer in Frankfurt! Bist Du auch einmal in Höchst draußen
gewesen, in unseren Fabriken?“
„Wie?“
„Warst Du mal bei uns auf einem Exerzierplatz?“
„Gottseidank, nein!“
„Hast Du den Hamburger Hafen gesehen?“
Professor Higgins lehnte ab. Er kannte den Hamburger Hafen nicht und
wünschte ihn auch nicht kennen zu lernen. Wenn er Häfen betreten
wollte, gab es genug in England. Und jedenfalls größere.
„Ja, sag’ mal: was kennst Du denn dann eigentlich von Deutschland?“
Der Oxforder Physiologe schaute sie verwundert durch seine
Brillengläser an.
„Oh -- das wirkliche Deutschland kenne ich, meine Liebe!“
„Das heißt, das Deutschland von dazumal. Das Deutschland vor 1870 war
Euch bequem. Also sind wir’s 1914 auch noch! Komische Leute!“
„Ich bin wahrhaft betrübt! Wenn die Tochter eines Gelehrtenhauses schon
so spricht...“
„Man muß ja so sprechen, wenn man Euch hört! Ihr reizt einen ja dazu!“
„... bisher kannte ich Dich nicht so! Nichts war früher erfreulicher,
als Deine Vorliebe für das Angelsachsentum!“
„Ach!“
„Du warst durch die schöne Schule amerikanischer Freiheit gegangen...“
„So?... Na ja...“ „Aber jetzt trägst Du ja förmlich die Pickelhaube auf
dem Kopf! Der Militarismus redet aus Dir!“
„Nein. Aber die gesunde Vernunft!“ sagte Inge schroff, trat zum
Fenster, wandte ihm den Rücken und blieb stumm. Jerôme K. Higgins
saß unbehaglich da. Seine mitleidige und gönnerhafte Vorliebe für
verträumte deutsche Winkel und verstaubte Ecken war wieder einmal
erschüttert. Immer, wenn er über den Kanal kam, fühlte er mißbilligend
die Zeichen einer neuen Zeit, ahnte sie sogar unbestimmt bei seiner
frischen, kleinen, blonden Frau, die eben fertig zum Abendfest
hereinkam. Es war in ihrer Lebhaftigkeit wie in ihrer Versunkenheit
etwas Fremdes, anders als bei ihm und selbst bei den kleinen Söhnen.
Das ‚Fatherland‘ wirkte nach. So weiches Wachs, wie er bei seiner
Heirat gedacht, war solch ein deutsches Herz doch nicht mehr.
Unter dem Laubdach der Düsterbrookerstraße rollten Autos und Wagen
vorbei, schimmerten Marineuniformen und Damenkleider, wurden nach der
Stadt zu immer mehr. Plötzlich kam ein Kraftwagen von dort zurück.
Raste um die Ecke, die Reventlou-Allee hinauf, zwei Offiziere darin.
„Die haben ’was vergessen!“ sagte Inge Tillesen, die, auf dem Weg nach
dem Bahnhof zurück, das Ehepaar zu Fuß bis zur Marinestation begleitete.
„Da brauchten sie doch nicht so furchtbar ernst auszusehen! Ich bin
ganz erschrocken!“
Schon zwei Tage vorher war ein Militärflieger tötlich verunglückt.
Hannah Higgins dachte daran. Sie wies ängstlich mit der Hand:
„Wieder ein Auto!“
Es schoß ungestüm dahin. Sein Insasse war ein hoher Beamter in
Zivilfrack und Dreispitz. Auch er hatte dies starre Gesicht.
„~Well~ -- was diese Telegraphenboys strampeln!“ meinte der
Oxforder Professor kopfschüttelnd und zeigte auf einen atemlos
vorbeiradelnden Depeschenboten.
„Da kommen ja Gäste von der Admiralität zurück!“
„Dort auch!“
„Du, Hannah: mir scheint, das Fest fällt aus!“
„Da dreht ein Leutnant um und ruft den Damen drüben was zu!“
„Hast Du’s verstanden?“
„Nein! Der Straßenbahnwagen rasselte zu sehr!“
Der Wagen fuhr vollgepackt mit fröhlichen und ahnungslosen Menschen
vorbei. Aber an der Haltestelle zehn Schritte weiter änderten sich die
Mienen. Selbst Jerôme K. Higgins vergaß seine britische Zurückhaltung.
„Ist denn ein Unglück geschehen?“
„Ist Jemand krank geworden?“
„Ach, krank! Tot!...“
„Dort ziehen sie ja schon eine Fahne auf Halbmast!“
„Dort auch!“
„Überall...“
Ein Menschengewirr um sie her.
„Sie sprechen von einer Mordtat!“
„In Serajewo! Heute Nachmittag!“
„Der Erzherzog Thronfolger und seine Gemahlin...“
„Beide!“...
„Serben waren’s!“
„Da kommen schon die ersten Extrablätter!“
„Der Mord von Serajewo!“
Serajewo... Serajewo... Wer kümmerte sich sonst viel um die
Hauptstadt Bosniens? An diesem Abend des 28. Juni 1914 klang ihr Name
vielhundertmillionenfach auf der bewohnten Erde, hallte im Telefon,
zitterte im Telegrafendraht, lief im Kabel auf dem Meeresgrund, dröhnte
im Stampfen der Druckereimaschinen, gellte mit der Lungenkraft der
Zeitungsverkäufer in allen Hauptstädten der Welt, lag auf den Lippen
der Menschheit von Lissabon bis Tokio, von Washington bis Melbourne.
Und dann die große Stille...
Hannah Higgins saß am nächsten Tag allein in ihrem Zimmer. Nun wehten
überall in Stadt und Hafen, auf Schiffen und Häusern die Flaggen und
Fahnen auf Halbstock. Was noch an Festschmuck vergangener Tage da
und dort hing, wirkte wie Hohn in dieser bleiernen, stummen Schwüle.
Vom Strandweg her hörte sie die halblauten Mitteilungen der sich
Begegnenden.
„Seine Majestät reist eben ab. Nach Potsdam.“
„Das englische Geschwader fährt morgen nach Hause.“
Hannah Higgins sah hinüber nach der Rhede. Da lagen noch die britischen
Kolosse. Aber sie hatten nicht mehr über die Toppen geflaggt. Kein
Gewimmel von Gästen belebte sie mehr. Kein fröhlicher Empfang mehr am
Fallreep, kein Flirten unter den lang starrenden Geschützrohren, kein
Tänzchen auf dem Deck. Diese Verdecke wurden jetzt von Hunderten von
barfüßigen Matrosen gesäubert, Alles zur Abfahrt gerichtet. „Georg V.“
und die Seinen waren aus schwimmenden Festsälen wieder zu schwimmenden
Festungen geworden.
Zwei deutsche Marineoffiziere gingen unten vorbei. Der Eine sagte zum
Andern:
„Seit gestern sind die Engländer wie ausgewechselt! Die reinen
steinernen Gäste!“
„Die Kälte ist schon beinahe feindselig.“
Professor Higgins trat herein. Er hatte von seinem Bruder Abschied
genommen. Sir William ließ seine Yachtgäste im Stich und fuhr mit dem
nächsten Schnellzug nach London zurück.
„Ach Jerôme!“ sagte seine Frau auf Englisch. „Welch ein schimpfliches,
schmähliches Verbrechen!“
Zu ihrem Befremden antwortete der Professor nicht. Sie frug sich: Um
Gotteswillen, hat ihm am Ende sein großer Bruder gesagt, es sei in
diesem Falle weise für einen Engländer, beide Augen zuzumachen?
„Findest Du denn als Brite kein Wort gegen diese elenden Mörder,
Jerôme?“
„Die gerechte Strafe wird sie ereilen!“ sprach Jerôme K. Higgins
salbungsvoll. „Uns geht diese Tat nichts an. Wir haben nur die Folgen
ins Auge zu fassen!“
„Was für Folgen?“
„Nichts wäre verfrühter, als darüber jetzt schon zu reden!“
Ein dumpfer Donnerschlag vom Wasser her -- ein zweiter -- ein dritter
-- nun ein einziges betäubendes Krachen und Rollen. Die Scheiben
klirrten. Die Wände schienen zu zittern. Hannah Higgins fuhr mit einem
unterdrückten Angstlaut empor. Ihr Mann nahm ihr die Hand vom Ohr und
schrie hinein:
„Warum erschrickst Du denn so?“
„Sie schießen ja da draußen! Alle Schiffe!“
„Nun ja! Der Trauersalut für den Erzherzog Thronfolger!“
Grauer Pulverdampf umqualmte außen auf der Föhrde die langen Reihen
der verankerten Schlachtkolosse bis zu den Mastspitzen. In ihm zuckten
die kurzen Feuerstrahlen, füllten Luft, Erde und Meer mit ihrem
schmetternden Widerhall. Nahe dabei lagen die deutschen Kriegsschiffe.
Es war, als kämpften die beiden Geschwader miteinander auf Tod und
Leben, beinahe unsichtbar in dem donnernden Dampf, der sie umwob.
Nur den „Audacious“ vorn erkannte man deutlich, wie er aus seinen
Feuerschlünden Blitze schnob und sie unschädlich, wütend in geballten
Rauchwirbeln gegen die Ufer Deutschlands schleuderte.
„Wie lange feuern sie denn noch?“
„Einundzwanzig Schuß. Solange weht auf jedem Schiff die österreichische
Kriegsflagge halbstock!“
Es schien Hannah Higgins das Bild einer Seeschlacht. Sie sah
schweigend, mit bangen Augen, daraufhin. Endlich, nach einer langen,
bangen Stunde verhallte das Gebrüll. Der Rauch lichtete sich. Aber noch
war ihr, als bebte der Boden unter den Füßen und als liefe ein dumpfes
Grollen über die ganze Erde.
VIII.
Die Jahre hatten die Schultern König Nicolaus I. von Montenegro
gebeugt. Wie er an einem dieser ersten glühenden Julitage 1914 in
seiner getreuen, im tiefsten Innern der Schwarzen Berge weltverlorenen
Stadt Niksitsch dem abseits und höher gelegenen Palais zuschritt,
überragte ihn sein riesenhaftes Gefolge von Woiwoden, Ministern,
Brigadiers und Staatsräten, trotz seiner stattlichen Gestalt, um
Haupteslänge. Sein Gesicht mit den Hängebacken und den schlauen Augen
zeigte nur andeutungsweise die kriegerischen, hochmütigen Züge dieser
bunten Kolosse. Viel mehr glich es einem sehr geschäftstüchtigen
und in allen Geldfragen erfahrenen Börsenmakler irgendwo in Europa,
obwohl er, wie die Großen seines Zaunkönigreichs, die phantastische,
papageienhafte goldgestickte Nationaltracht und ein Waffenarsenal im
Gürtel trug.
Hier in Niksitsch, wo man unter sich war, wo fast niemals ein Europäer
hinkam, wo in der Ferne der riesenhafte Dormitor die dritte und letzte
der sich überstufenden Kornebenen im Herzen Montenegros überragte,
hier besaß der Fürst aus dem Stamm Njegus ebenso wie in dem noch
näher an Albanien gelegenen Podgoritza ein prunkendes Heim neben
der Goldkuppel der orthodoxen Kathedrale, anders als jener berühmte
Konak in dem fernen Cettinje, dessen rührende Schlichtheit alle
Touristen bestaunten. Vor dem Portal des an ein Luxushotel erinnernden
Baues klappten der König und seine Helden ihre mächtigen schwarzen
Sonnenschirme zu. Irgend ein Martinowitsch oder Wukotitsch aus dem
Hofstaat frug den Offizier der Perjankenwache:
„Ist der Russe schon da?“
Ja: Gospodin Schjelting aus Petersburg wartete bereits. Ihm war die
Einladung zur Hoftafel zu Teil geworden. Ein paar Minuten später
verbeugte er sich vor dem Duodezkönig mit der Ehrerbietung des Fremden
von Distinktion und zugleich mit dem Lächeln des Vertrauten. Er
kannte die montenegrinischen Großfürstinnen am Zarenhof an der Newa,
er kannte die faulenzenden Woiwoden von Cettinje, er kannte diese
ganze bettelarme, bettelstolze Steinwüste, die man das Königreich der
Schwarzen Berge nannte. Er hatte in einem leichten Gebirgsautomobil den
Weg hierher gefunden. Aber er wußte: am schnellsten und besten ritt man
auf dem goldbeladenen Esel über den Balkan.
„Was werden sie nun tun?“
„Wo, Gospodin?“
„Nun, in Wien!“
Ein Schweigen. Der Erzherzog Thronfolger und seine Gemahlin schliefen
nun schon in der Gruft zu Artstetten den ewigen Schlaf. Die Welt
ging ruhig ihren Gang weiter. Standrecht in Serajewo. Bürgerkrieg in
Albanien. Derlei war hier das tägliche Brot. Aber sonst...
„Prenk Bibdoda steht mit tausend Mann in Durazzo!“
„~Ah -- ces bêtes-là!~“ sagte Nicolai von Schjelting mit einer
wegwerfenden Handbewegung. Er sprach mit dem Fürsten französisch. Er
wußte: Man haßte hier die Mirditen, weil sie katholisch waren, noch
mehr, als die muselmanischen Albanier.
„Die Epiroten marschieren auf Valona!“
„Und Essad?“
Man wußte nichts Neues von dem Condottiere und dem Mbret. Aber dessen
Ministerpräsident, Turkhan Pascha war in Wien...
Den bewaffneten Helden am Tisch schien dies wichtig. Nicolai Schjelting
zog hochmütig die Brauen über den kühlen grauen Augen empor. Sein
längliches, nervös bewegliches Gesicht verhehlte kaum den Petersburger
Dünkel gegenüber diesem Frosch-Mäuse-Krieg von Blutrache und
Hammeldiebstahl. Jetzt galt es größere Dinge. Er griff wieder das Wort
Wien auf.
„Kaiser Franz Josef ist nach Ischl zurück, Sir!“
Ein nachdenkliches Kopfschütteln.
„Und Kaiser Wilhelm trat ruhig seine Nordlandreise an!“
Sollte der Frieden erhalten bleiben? Sorgenvolle Gesichter. Einer der
bewaffneten Staatsräte meinte:
„Vielleicht will Gott, daß wir noch Zeit gewinnen. Wir sind noch
erschöpft vom letzten Krieg!“
Nicolai Schjelting lächelte verbindlich. Er kam sich wieder einmal vor,
wie der Tierbändiger im Käfig. Er benutzte die Frage, wohin er von hier
ginge?
„Zunächst nach Skutari!“ sagte er harmlos.
In den Augen der orthodoxen Woiwoden glomm es wild auf. Da unten,
in der Weite, jenseits der grünen Wellen, lag Skutari -- das reiche
Skutari, das Ziel der Sehnsucht und Habsucht. Man hatte Monde lang
davor gelegen und gestürmt. Der König hatte jeden Verwundeten umarmt
und geküßt. Umsonst. Mohammeds Streiter hatten das Feld behauptet.
Von den Moscheen sangen die Muezzin. Nicolai Schjelting sah, daß der
krieghetzende Stoß saß. Er lächelte.
„Oder -- um ernsthaft zu reden -- möchte ich morgen mit Euer Majestät
Erlaubnis und Geleit auf dem kürzesten Weg über Novibazar und Staratz
nach Belgrad!“
„Eine beschwerliche Fahrt! Oder gar Ritt!“