Diese Vorstellung beunruhigte ihn. Er stand brüsk auf. Zugleich trat

der Herr des Hauses heran. Er hatte sich die neuesten spätabendlichen

Reuter- und Sondermeldungen von seinem Generalsekretär telefonieren

lassen. Rasch und heimlich! Nur nicht zeigen, daß man arbeitete! Man

hatte Geld. Aber man verdiente es nicht.

„Nun, Sir William?“

„Ihr Zar und die Seinen sind noch wohlbehalten bei den Festen in

Rumänien, ~my dear Mr. de Schjelting~!“

„Sonst nichts Neues vom Balkan?“

„Griechenland hat sich bei der Türkei beschwert!“

„Weiter nichts vom Balkan?“

William Higgins, ~M. P.~, schüttelte den gefurchten,

glattrasierten Kopf und schaute, erstaunt über die zweimalige

Wiederholung der Frage, sein Gegenüber forschend an. Aber dessen Züge

blieben undurchdringlich.

„Halloah! Nehmen Sie auch Ihr Zivil mit nach Kiel?“

Der junge Mann neben ihnen wurde es scherzend gefragt. Niemand hätte

seinem kleinen, brünetten Wallisertyp den Briten angesehen. Er zeigte

nur lachend die weißen Zähne in dem gebräunten Gesicht. Irgend Jemand

sagte:

„Lord Cowley ist ein zäher Sportcharakter! Er geht nun einmal nicht mit

seiner Yacht aus der deutschen Nordsee hinaus!“

„... oder er ist Kurgast auf den friesischen Inseln! Das ist er seiner

Gesundheit schuldig!“

„Nehmen Sie sich nur in Acht, daß es Ihnen nicht geht wie

Clément-Bayard!“

Rasche Blicke ringsum. Nein -- es war kein Deutscher zur Stelle. Man

konnte ruhig von den Heldentaten des Vorsitzenden des französischen

Aëroklubs reden!

„Er hat alle deutschen Luftschiffhallen besucht!“

„Er hat den Flugplatz Fuhlsbüttel photographiert!“

„Aber dann haben sie ihn in Köln festgenommen...“

„... und freigelassen! Er ist schon wieder in Paris!“

Die Franzosen lachten über die deutsche Gutmütigkeit, die Engländer,

die Schotten, die Yankees. Selbst über das Gelbgesicht des kleinen

japanesischen Schwertritters flog das rätselhafte Greinen der

ostasiatischen Sphinx. Nicolai Schjelting hatte die Gelegenheit

benutzt, unbemerkt mit seiner Frau zu verschwinden. Es war schon

spät am Abend. Trotzdem wollte er mit ihr noch zu einer dritten

‚~Reception~‘. Während der Londoner Season mußte man die Zeit

nutzen. Aber kaum in der Limousine, versetzte sie mit ungewohnter

Härte: „Ich will nach Hause!“ Dann schwieg sie, bis der Wagen vor dem

Ritz-Hotel in Piccadilly hielt.

Das war ihm neu. Sonst stand ihr der Mund nicht still. Gerade in

letzter Zeit hatte es mehr Auftritte in ihrer unglücklichen Ehe gegeben

als je. Ihr fliegendes, messerscharfes Pariserisch hallte ihm noch in

den Ohren. Jetzt brach sie oben in ihrer Suit, ihrer Zimmerflucht,

auf einmal los, nachdem sie die Zofe hatte schlafengehen heißen. Sie

stand in einem weißseidenen Frisiermantel, die Elfenbeinbürste wie eine

Waffe in der Hand, das rötliche Haar in losen Wellen um Wangen und

Schultern. Ihre Nasenflügel bebten. Die rot getönten Lippen spielten

und zuckten in atemlosem Redefluß. Ihr Gesicht verlor jetzt, wo nicht

mehr trällernde Lebenslust darauf lächelte, an Reiz. Ihre Stimme bekam

in der Erregung einen heiseren, welschen Klang.

„Ah -- mein Freund: das ist zu viel!... Es ist genug!... Ich habe Alles

geduldet! Ich habe meine Zeit und meine Jugend verloren! Aber ich

bin dieser Opfer satt! Sie führen ja zu nichts ... zu nichts ... zu

nichts...“

Er hatte seinen Frack mit der bastfarbenen Verschnürung einer

Pyjama-Jacke vertauscht. Er nahm übernächtig und übellaunig das Glas

Whisky mit Soda von den Lippen.

„Was denn?... Verzeihung: Ich gestehe, daß ich Deine Aufregung nicht

begreife!“

„Ich habe Dir hunderttausend Francs Rente mitgebracht!“

„Ich danke, meine Teure! Das weiß ich!“

„...Und was habe ich durch Dich gewonnen? Seit sieben Jahren bin ich

Madame de Schjelting! Weiter nichts! Ich sitze in Brüssel in meinem

Elternhaus, als hätte ich es nie verlassen! Meine Cousine Blanche

ist Komtesse! Meine Freundin Germaine ist Exzellenz, als Frau eines

deutschen Diplomaten, und dabei ein Jahr jünger als ich... Sie macht

ein glänzendes Haus... Désirées Mann ist jetzt in Paris Minister. Sie

ist die erste Dame. Wohnt in einem Palais der Regierung. Du bist aus

dem russischen Staatsdienst ausgetreten...“

„Meine Zeit wird kommen!“

„Wann?“

„Vielleicht schneller als Ihr Alle denkt!“

„Wieso?“

„Mehr kann ich nicht sagen!“

„Und +das+ sagst Du dafür seit Jahr und Tag! Es fängt an,

langweilig zu werden, mein Freund, weil es sich nie erfüllt!

Augenblicklich bist Du den Leuten noch interessant. Das Mysterium ist

noch nicht gelüftet. Um Dich ist noch der Hauch der großen Affären. In

ein paar Jahren wird man über Dich lächeln...“

„Das lasse meine Sorge sein!“

„... sich fragen: Mein Gott, wer hat denn eigentlich diese leere Nuß

ins Rollen gebracht?“

„Nein!“

Er schrie sie wütend an. Sie ebenso, Funkelaugen im vorgestreckten

Haupt:

„Doch!“

„Warte, wie die Welt in wenigen Wochen aussieht!“

„Ja -- warte -- warte!“ Sie äffte ihm nach. „Man kennt Deine Weisheit!

Aber sie verfängt nicht mehr. Du bist ein Blinder, mein Freund!“

„Ich!“ sagte Nicolai Schjelting nur, lächelnden Dünkel auf dem fahlen

Gesicht.

„Jetzt fange ich es erst an, zu merken, ich, Deine Frau! Später werden

es auch die Andern merken! Mein Lieber: wir werden eine Mode von

vorgestern sein und ich inzwischen die Dreißig überschritten haben! Das

ist Alles!“

„Ein Achselzucken, meine Beste, ist auch eine Antwort!“

„Eine Antwort, aber keine Widerlegung!“

„Diese Szenen...,“ sprach Nicolai Schjelting leise und nervös und

fuhr sich mit der Hand über die Augen. Dann wandte er sich wieder zu

seiner schönen jungen Frau. „Sehr gut!... +In+ der Tat! Und unser

Eintritt in jeden Salon? Ist es nicht ein Ereignis, wenn der Diener

ruft: Monsieur und Madame de Schjelting?“

„Wie lange noch? Sie nutzen Dich aus und lachen Dich aus! Die

Großfürsten lassen Dich laufen wie ihre Troikapferde. Du bist

ihr Galopin für ganz Europa!... Kein Balkankönig, wo Du nicht

antichambrierst!“

„Du wirst dreist, meine Freundin!“

„Man nennt Dich schon den Rubel auf Reisen! Ein schönes Metier, die

ganze Welt zu bestechen -- französische Deputierte, italienische

Zeitungsschreiber, serbische Minister, Leute, die kein Mensch sonst

mit der Feuerzange anrührt! Dafür bist Du der Montenegriner-Partei in

Petersburg gut genug! Wenn Du erst die Schwindsucht hast, wird man Dich

vergessen!“

„Genug davon!“ sagte Nicolai Schjelting müde und ein Gähnen

unterdrückend. Ghislaine hatte ihren Toilettenspiegel auf die

Marmorplatte geworfen, daß das Glas zersprang. Sie trat drohend, mit

geballten Fäusten auf ihn zu, erbittert durch sein nachsichtiges

Lächeln, als sei sie ein ungezogenes Kind.

„Inzwischen vergißt Du mich! Ich habe Dir hunderttausend Francs Rente

mitgebracht...“

„Still davon!“

„... und bin dafür die Strohwitwe von Brüssel. Jedes Kind kennt mich

schon. Man lächelt. Man fragt mich längst nicht mehr nach Dir. Man

weiß, Du bist ja doch nicht da. Man wundert sich, mein Lieber!... Man

schüttelt den Kopf, daß Du nicht mehr Sorge um mich hast, eine Frau wie

mich...“

Zum ersten Mal jetzt kam ihm der Schrecken: diese Veränderung stammt

nicht aus ihr selbst ... aus dem flachen Leichtsinn ihres rasch

bewegten, rasch gestillten Pariser Seelchens. Hinter so viel Zittern

und Zorn steckt fremder Einfluß! Steckt irgend ein Mann! Es ist wahr:

ich habe nicht mehr auf sie aufgepaßt in diesen letzten Monaten. Ich

war wie verhext...

„Schließlich: Jeder nach seinem Geschmack!“ sagte Ghislaine Schjelting

verächtlich. „Wenn es Dir besser da unten gefällt, wo sich Floh und

Wanze gute Nacht sagen, unter bewaffneten Räubern statt bei mir und in

dem schönen Brüssel: Ich beglückwünsche Dich zu so viel Entsagung, mein

Lieber, aber ich beklage mich nicht!“

„Nun also!“

Er trat rasch zurück. Er dachte wirklich einen Moment, sie würde ihm

in die Augen fahren, so schoß sie auf ihn los. Ihr heißer, junger Atem

wehte ihn an.

„Auf Flöhe und Räuber bin ich nicht eifersüchtig. Von Politik verstehe

ich nichts. Ich ließ Dich ruhig kommen und gehen! Ich habe mich nie

gefragt, was Du in der Fremde treibst! Ich habe nachsichtig gelächelt,

wenn Du in den Pariser und Petersburger Salons vor den Damen Deine

Künste spielen ließest! Meine Eltern sagten mir, der Abbé, Alle: Solch

Blendwerk gehört mit dazu!“

„Sehr richtig!“ versetzte Nicolai Schjelting.

„Die Frauen gehören mit dazu! Wohl verstanden! Aber nicht +eine+

Frau, mein Lieber!... Siehst Du: Jetzt kannst sogar Du Dich nicht

verstellen! Du wirst blaß! Du weichst meinem Blick aus!“

„Nicht weiter! Seien wir darüber einig: die Lächerlichkeit tötet!“

„Glaubst Du denn, ich kennte Dich nicht! Ich merkte nicht, wie Du Dich

seit vier oder sechs Wochen verändert hast!... Du, -- der weiße Othello

-- hattest ja unter Menschen keinen Blick mehr für mich...“

„War es etwa nötig?“

„Ich konnte reden, mit wem ich wollte -- tanzen, mit wem ich wollte ...

flirten, mit wem ich wollte... Archibald Cowley +ist+ ein

Ladykiller, mein Lieber. Jedermann weiß es!... Ich habe heute Abend

eine halbe Stunde Ellbogen an Ellbogen mit ihm gesessen. Dir war es

ganz gleich!“

Sie drehte sich weg und sagte über die Schulter, kurz und kalt wie ein

Dolchstich.

„+Er+ ist es übrigens nicht...“

Wieder in ihm der Schrecken:

„Wer denn also? Wer spricht denn aus Dir? Was heißt das?“

„Das frage ich Dich! Nein: Ich frage Dich nicht! Es ist unter meiner

Würde. Geh’ nur zu Deiner Deutschen. Ich halte Dich nicht!“

Ein Schweigen.

„Welch lächerlicher Irrtum...,“ sagte Nicolai Schjelting endlich

langsam.

„Geh nur zu Deiner Deutschen!“

„Ich gebe Dir mein Ehrenwort, daß...“

„Geh’ nur zu Deiner Deutschen! Du wolltest nach Cettinje! Liegt

Wiesbaden auf dem Balkan? Mein Freund: Man hat Dich ja dort in ihrem

Hause gesehen...“

„Beim Arzt!“

„Man hat Dich mit ihr dort auf der Straße gesehen...“

„Ein Zufall!“

„Du warst mit ihr bereits in Moskau zusammen!“

„Woher weißt Du das?“

„Ihr wollt Euch wieder in Lübeck treffen!“

„Ich glaube, Du träumst!“

„Nein... Aber ich habe gute Ohren. Ich stand hinter Dir, wie Du

vorhin mit ihrer Schwester oder Verwandten das neue Stelldichein

verabredetest! Ich war schon vorher gewarnt. Du bist zu bekannt in

Europa, mein Lieber! Es giebt zu viel Augen, die Dich verfolgen...“

„Aber nichts finden!“

Ghislaine von Schjelting lachte.

„Ich gestehe: Ihr seid originell: Du und diese Deutsche! Ihr spielt

nicht Heinrich und Gretchen, sondern das Gegenteil. Aus reinem Haß

trefft Ihr Euch, bald da, bald dort! Es hat Stil! Schade, daß nur grade

ich nicht dazu Beifall klatschen kann!“

„Ghislaine -- -- -- so höre mich einmal ruhig an.“

„Mein Freund: ich bin in Brüssel geboren. Aber ich fühle ganz als

Pariserin. Ich habe das in den Fingerspitzen. Ich sehe es Dir an den

Augen an. Ich rieche förmlich ein fremdes Parfum. Und wenn ich gar

nichts von dieser Deutschen wüßte, ich würde es Dir doch ins Gesicht

sagen: Du bist in eine andere Frau verliebt!... Und siehst Du: Nun bist

Du still und findest kein Wort mehr!“

...Das war die tiefe, dunkle Londoner Nacht, durch die Nicolai

Schjelting schlaflos und ziellos dahinschlenderte. Er hatte in dem

schweren Schweigen zwischen ihm und seiner Frau den Pyjamarock

mechanisch wieder mit dem Frack vertauscht, den Mantel wieder

umgehängt, den Hut aufgesetzt. An einsame Spaziergänge durch die

Dunkelheit war er gewöhnt, er, den so oft der Schlummer floh.

Das war die dunkle Nacht, das Kehrbild Londons bei Tage, kein

lärmendes, lichterhelltes Babel wie in Berlin. Schweigen und Leere.

Die ehrenwerte Welt war längst zu Hause und in den Federn. Alle

Restaurants geschlossen. Was sich jetzt auf die Straße wagte, waren

Schatten wie die Nacht selbst. Große Federhüte, heiseres Lachen an den

Ecken, daneben, als Freunde und Zuhälter, in scharlachroten Jacken,

das Spazierstöckchen unter dem Arm, die Garden Seiner britischen

Majestät. In zerrissene Kohlensäcke gehüllte, halbnackte, kaum mehr

menschenähnliche Lumpensammler in den Gossen. Quer über die Straßen

hingestreckt, wie schmutzige Kleiderbündel, zwei, drei grauhaarige

Frauen. Ein Fuselgeruch jetzt noch um die Betrunkenen. Ein wachsgelber

verhungernder junger Mensch, der sich mühsam an die Hausmauer, an

den Anschlag einer Bibelgesellschaft zur Bekleidung der Maoris auf

Neuseeland stützte. Das alles kroch jetzt lautlos aus der Finsternis

hervor, wie die Tiere des Waldes. Diese Stunden zwischen Mitternacht

und Morgen waren von der Weisheit der Vorsehung für sie vorbehalten.

Bei Tag wäre ihr Anblick den Ladies und den Reverends ernstlich

peinlich gewesen.

Das war die Londoner Nacht. Das runde helle Cyklopenauge auf dem

Uhrturm des Big Ben glotzte über sie hin. Nicolai Schjelting hörte den

Wiederhall seiner Schritte auf dem langen leeren Embankment. Zu seiner

Rechten flutete die Themse, scheinbar unendlich breit in dem Dämmern,

in dem das andere Ufer sich verlor. An der Nadel der Kleopatra blieb er

stehen. Schlank schoß der Obelisk zu dem rauchigen Nachthimmel empor.

Runen der Jahrtausende zwischen Nil und Themse rankten sich auf seinen

Flächen. Runzeln des Nachdenkens furchten sich auf Nicolai Schjeltings

Stirne. Sonst lagen in seinem Kopf die Lebensziele einzeln nach ihrer

Wichtigkeit geordnet nüchtern nebeneinander. Jetzt sah er einmal sein

Leben im Ganzen vor sich.

In seinen jüngeren Jahren, ehe der Ehrgeiz alles Andere in ihm

erstickte, war er ein leidenschaftlicher Spieler gewesen. Es war

ein altes, abgedroschenes Gleichnis, daß man alles auf eine Karte

setzte. Aber wer nicht wagte, der gewann auch nicht. Er sagte sich im

Zurückgehen: Es wird Zeit, daß ich gewinne! Seit sieben Jahren spiele

ich! Nicht mehr mit Kartenkönigen, sondern mit Balkankönigen, nicht

mehr mit Kartendamen, sondern mit Damen von Petersburg und Paris,

nicht mit Pique-Buben, sondern mit allerhand Buben in französischen

Ministerien und römischen Redaktionen. Aber der große Schlag bleibt

aus. Drei-, viermal haben wir schon Feuer gelegt. Auf dem Balkan. In

Libyen. Im Ägäischen Meer. Es ist immer wieder verflackert. Ehe es zum

Weltbrand wurde. Heute ist die Erde wieder so still und friedlich, wie

diese Juninacht. Unter mir aber wankt der Erdboden. Man beginnt an mir

zu zweifeln. Meine Frau macht den Anfang. Sie kennt mich schließlich am

besten. Bald folgen Andere. Meine Karte muß bald kommen. Ich brauche

den Krieg...

Er erschien sich wie ein Geist des Kriegs, während er mit unruhigen

Augen, die Zigarette nervös zwischen den Lippen, die Hände in den

Taschen, den Mantelkragen fröstelnd hochgeschlagen, unhörbar in seinen

Gummigaloschen durch die unermeßliche, schlafende Nacht schritt. Hinter

ihm im Osten über Tower und India Docks wurde es allmählich hell. Er

wiederholte sich: Ich brauche den Krieg. Er trägt mich an die Sterne.

Will Ghislaine nicht mit -- nun gut: dann bin ich frei, wenn wir Europa

verteilen. Ich kann dann andere Partieen machen -- ich, ~le comte

Nicolai de Schjelting, ambassadeur et ministre plénipotentiaire~,

der gefeierte diplomatische Vertreter des siegreichen Rossijskaja

Imperija. Es wurde ihm warm bei dem feierlichen Wort. Dann eine Glut

im kalten Herzen: oder ich kann mir den höchsten Luxus meines Lebens

leisten und die heiraten, die ich will! Und die dann muß, weil alles um

sie verloren ist...

Und im Weitergehen sagte er sich, in einer fixen Idee: Ich fahre nicht

wieder nach Wiesbaden. Es hat jetzt keinen Zweck. Aber ich werde ihr

schreiben. Sie wieder warnen. Sie darf mich nicht vergessen.

Da war die leere Weite zwischen den Palästen und Ministerien von

Whitehall. An der Ecke von Downing-Street waren einige Fenster im

Auswärtigen Amt jetzt noch im Morgengrauen hell. Dort oben saßen

sie auch und rechneten und addierten die Summen der Welt und

multiplizierten Menschen mit Millionen Pfund und dem Tonnengehalt

von Schiffen und fanden sich selber kaum mehr zurecht in der Wirrnis

heimlicher Verträge, mit denen sie seit Eduards VII. Tagen Deutschland

von allen Seiten umsponnen hatten.

Nicolai Schjelting sah von unten zu den Seelenfängern hinauf. Er dachte

sich: Spieler sind wir Alle. Nicht ich allein. Spieler seid auch Ihr

da oben, Ihr Minister und Steuerleute an Englands Ruder. Spieler seid

Ihr Advokaten an der Seine, im Elysée und Palais Bourbon. Spieler seid

Ihr, König Peter und Paschitsch, und Du, Albert von Antwerpen. Spieler

bist Du selbst, mein großer Gönner Nicolai, und Alles, was um Dich

ist, und Dein Schwiegervater in den Schwarzen Bergen. Wir Alle sind es

müde, daß Deutschland in Frieden die Welt erobert. Wir wollen es ihm im

Krieg wieder abnehmen. Wir werfen die Würfel. Mögen sie endlich fallen!

Ein Gedanke durchzuckte ihn. Es konnte eigentlich nichts Neues in den

Blättern stehen, was nicht der Zeitungskönig Higgins schon diese Nacht

gewußt. Trotzdem eilte er nach Victoria-Station. Da waren schon Jungen

mit den ersten, noch feuchten und nach Druckerschwärze riechenden

Morgenausgaben.

Der Balkan... Albanien... Der Mbret... Kämpfe seiner Truppen bei

Tirana -- Oberst Thomson bei Durazzo gefallen -- -- Ach was, das war

die Selbstverständlichkeit von Mord und Blut da unten! Weiter: Sitzung

der serbischen Skuptschina. Österreichische Manöver in Bosnien....

Der Erzherzog-Thronfolger in Illidze. Illidze war ein hübscher, still

und geschützt in weitem Park gelegener Kurort. Eine Viertelstunde

Eisenbahnfahrt von Sarajewo. Nicolai Schjelting kannte den Platz wohl..

Er steckte düster das Zeitungsblatt in die Tasche. Neben dem

bereitstehenden Frühzug fuhren schon die ersten Cabs und Taxis vor.

Plötzlich erkannte er unter den Abreisenden Professor Higgins und Frau.

Er trat so jäh auf sie zu, daß Inges Schwester durch eine Kopfneigung

ihm die Erlaubnis geben mußte, sie zu grüßen. Er lüftete lächelnd den

Hut und frug auf Deutsch:

„So früh auf, gnädige Frau?“

Hannah Higgins lachte. Sie war morgenfrisch, rosig und lustig. Ärger

und Sorgen vom Abend mit einemmal weg.

„Auch so’ne miserable deutsche Angewohnheit. Ich bin immer gern früh

auf! Mr. Higgins auch -- nicht wahr?“

„Oh ja!“ sagte der Oxforder Physiologe. Er hätte viel lieber bis acht

Uhr Morgens geschlafen, statt dieser unchristlichen Zeit, und den

zweiten Frühstückszug benutzt.

„Und wohin, gnädige Frau?“

„Auf ein paar Tage nach Cowes. Von da mit der Yacht meines Schwagers zu

den Festlichkeiten nach Kiel.“

„Werden Sie dort Ihr Fräulein Schwester sehen?“

Sie stutzte, daß er schon wieder von Inge anfing. Sie erwiderte

zögernd:

„Kann sein, daß sie von Lübeck herüberrutscht! Soll ich ihr vielleicht

bestellen, daß Sie ihr sehr böse sind?“

„Oh Gott -- ich kenne sie ja kaum!“ sagte Nicolai Schjelting hastig und

abwehrend, verbeugte sich und eilte davon.

Hannah Higgins schaute ihm kopfschüttelnd nach. Sie hatte sich vor ihm

gefürchtet gehabt. Noch als sie mit ihrem Mann am nächsten Tag, von der

Mündung der Medina her, die Rhede von Cowes entlang schritt, sagte sie:

„Denke Dir, ich kriege diesen Russen von gestern früh nicht aus dem

Kopf. Er war mir direkt unheimlich. Ich weiß nicht warum. Dabei muß

das Geschöpf die ganze Nacht durchgebummelt haben. Er hatte noch

eine schiefsitzende, weiße Binde um, und unterm Mantel guckten die

Frackzipfelchen raus.“

Professor Higgins hörte nur zerstreut zu. Ein Ausländer interessierte

ihn nicht. Er war belebt, wie nur ein richtiger Brite bei Seebrise und

Salzluft. Auf der Terrasse des Yacht-Clubs, am Ende der Marine, saßen

in blauen Mützen und Jacken die Admirale und Sportsmen. Auf dem blauen

Becken des Solent schossen wie weiße Sturmvögel die Segelyachten der

Lords, in der Ferne qualmten Dreadnoughts-Geschwader vor Portsmouth,

Mittags gab es zum Lunch noch Hummern -- was wollte der Mensch mehr?

Er rieb sich befriedigt die Hände: „~Well~, Hannah!“ sagte er.

„Übermorgen stechen wir nach Kiel in See!“

VII.

Es war das animalische Behagen Old Englands unter den Gästen von Sir

Higgins’ Dampfyacht während der Überfahrt durch die junistille Nordsee

nach Deutschland. Die Heiterkeit von zwei Dutzend Menschen, die alle

gleichmäßig gut schliefen, tüchtig aßen, pünktlich verdauten. Sie

waren wunderbar einig. Ihre Unterhaltung harmlos wie die der Kinder,

ihre Späße und Gesellschaftsspiele die von halbwüchsigen Jungen.

Es war schwer, unter ihnen nicht vom Wetter zu sprechen, nicht jäh

aufzuspringen, wenn sich ein Segel zeigte, sich nicht träge auf den

Bordplanken in der Sonne zu kuscheln wie eine Katze: Hannah Higgins

kannte sie und wunderte sich doch wieder, wie wenig diese Ladies und

Gentlemen, von denen doch die Hälfte schon die Erde umsegelt hatte,

sich zu sagen wußten oder sagen wollten. Sie dachte sich: Innerlich

feige und selbstsüchtig sind sie doch auch da. Sie heucheln sich

lieber ihr ewiges ~oh yes~, als daß sie sich einmal zanken. Denn

Aufregungen vor dem Mittagessen sind nicht weise! Aber trotzdem lullte

das ein. Es war ein träumerischer, behaglich schaukelnder Stumpfsinn

auf blauer See, bis das rote Feuerschiff aus den Wogen tauchte und sich

da vorn die Kieler Föhrde auftat.

„Oah -- ein feiner Platz!“

„~Well!~ Ein gut Ding -- dieser Hafen!“

Die Wasserratten an Bord, männliche wie weibliche, waren elektrisiert.

Sie standen in langer Reihe von blauen Bordjacken und weißem Flanell

links und rechts von Hannah Higgins, hielten sich an der immer noch

leise schwankenden Reeling fest, starrten sachverständig auf die grünen

Hügel von Holtenau, auf die bewimpelten Uferbauten und Schleusenmauern.

Wieder sagte Einer halblaut wie neulich in Hydepark:

„Nichts ist gefährlicher für uns, als das Stück Wasser, das sie da

verbreitert haben!“

Aber Hannah Higgins wußte von der englischen Kunst, das, was man nicht

wollte, nicht zu hören und nicht zu sehen. Es war manchmal ihr einziger

Trost, daß sie sich sagte: die Christenmenschen, die von ihnen am

raffiniertesten betrogen werden, das sind sie selber! Jetzt wollten

sie fidel sein, ohne Störung. Da war die graue Bucht in silberfarbener

Luft, im Hintergrund die Türme von Kiel, die glitzernde Wasserfläche

bedeckt mit den dunklen britischen, den lichtgrauen deutschen Panzern.

Zwischen den über und über bewimpelten schwimmenden Festungen schossen

die schwarzen Torpedoboote, wiegten sich seitlings die Schwärme der

Segelyachten, lag in der Mitte, weiß, schlank, majestätisch, die

Kaiserstandarte am Großmast, die „Hohenzollern“. Flaggen rings unter

dem grauen Himmel. Drüben am Land ein windbewegtes Fahnenmeer. Musik

an Bord der Panzer. Helle Damenkleider unter den langen Schlünden der

Geschütze. Auf dem Strandweg ein Gewimmel von Menschenmassen bis zum

Schloß. Hannah Higgins dachte sich: Wenn ich nach Deutschland komm’ und

wohin ich komme, so hängen die Fahnen aus den Fenstern und feiern sie

Feste. Bei der Arbeit sieht uns Keiner...

Old England um sie herum war vergnügt wie ein losgelassener Schuljunge.

Der kleine Hobson trällerte das Tipperarylied von der Sehnsucht des

dummen Iren nach seiner grünen Insel:

„~It’s a long way to Tipperary,

it’s a long way to go.

It’s a long way to Tipperary,

to the sweetest girl I know!~“

und die ganze Gesellschaft fiel lachend in den Kehrreim des neuesten

Gassenhauers von Paddy und Dolly ein:

„~Good bye, Piccadilly!

Fare well, Leicester Square!

It’s a long, long way to Tipperary,

But my heart’s right there!~“

Von den wie Ameisenhaufen von Menschen wimmelnden, gleich riesigen

Bügeleisen im Wasser liegenden Britenpanzern winkte man herüber. Die

Yacht fuhr am „Georg V.“ vorbei, der die Flagge des Deutschen Kaisers

als Großadmirals der englischen Flotte gesetzt hatte, am „Centurion“.

Auf einem der nächsten Ungetüme hielt ein Offizier die Hände an den

Mund, um seine Stimme zu verstärken.

„Halloah -- was für ein Schiff, Gratwick?“

„Audacious!“

Seiner britischen Majestät Dreadnought „Audacious“! Man musterte ihn

sachverständig. Und was meldete der Gentleman drüben? Er wiederholte

es. Ein Sturm der Entrüstung. ~Oh -- poor old Lord Brassey!~

„Was ist denn geschehen?“ frug Hannah Higgins trocken.

Das deutsche Wunder: Roman · 第 9 / 29 段