Jungen von acht und neun Jahren, aber schon in schwarzen Röckchen und
weißen Umlegkragen spielten darin. Sie stürmten der Mutter entgegen.
Bob, der Ältere, strahlte. Er hatte Sommersprossen im Gesicht, einen
breiten Mund und eine kleine Nase. Er war ein ganz verschmitzter Boy.
„~Mother!~ Die deutsche Flotte kommt!“ schrie er aus
Leibeskräften. Hannah Higgins erschrak wirklich einen Augenblick. Dann
ärgerte sie sich über die Dummheit.
„Bist Du denn ganz verdreht? Die deutsche Flotte!... Und noch dazu hier
mitten im Land!“
„Die deutsche Flotte!“ verkündete atemlos jetzt auch der jüngere Knirps.
„Wo denn?“
Durch den Garten floß ein Bächlein. Drei winzige Papierschiffchen
schwammen auf ihm herab, und Bob wies sie triumphierend:
„Da ist sie, ~mother~!“
Das Wasser spritzte. Sein kleiner Bruder versenkte mit einem
wohlgezielten Gertenstreich den ersten Nachen, den zweiten, den
dritten. „Päh!“ sagte er dann verächtlich und spuckte hinterher in die
Flut.
„Ihr Lausbuben -- wer hat Euch denn wieder diesen dummen Witz gelehrt?“
„Mr. Ferguson vom Corpus-Christi-College, ~mother~! Er giebt jedem
Boy Sixpence, wenn er sein Lied kann!“
Und Bill, der Kleinere, trompetete mit seiner schrillen Jungenstimme:
„~We have the men,
We have the ships,
We have the money too!~“
„Die Kinder sind in einer Weise ungezogen!“ sagte herankommend das
deutsche Fräulein, eine helläugige, lebhafte junge Rheinländerin. „Sie
werden fortgesetzt von anderen Jungen und Erwachsenen aufgehetzt. Auf
der Straße und überall! Wenn ich sie noch so oft deutsch anrede, sie
antworten englisch! Da, bitte!“
Bob zog eine gräßliche Grimasse und streckte dabei die Zunge heraus.
Bill versenkte herausfordernd die Fäuste in den Hosentaschen und stand
breitbeinig wie ein Matrose.
„Ich fühle mich den Aufregungen nicht mehr gewachsen. Ich bitte gnädige
Frau, mich lieber nach Deutschland zurückkehren zu lassen!“
„Nun, nun -- wir werden sehen, Fräulein Rohmüller! Gehen Sie jetzt nur
auf Ihr Zimmer und beruhigen Sie sich!“
Das „Fräulein“ verschwand. Hannah Higgins wandte sich strafend an ihre
Söhne.
„Seht Ihr wohl, Ihr bösen kleinen Burschen! Sie hat Tränen in den
Augen!“
„Schad’t nichts, ~mother~!“
„So? -- Wie heißt der Spruch: ‚~Show me, Bobby, if you can -- be a
little gentleman!~‘ Bist Du ein kleiner Gentleman?“
„~Well, mother!~“
„Nun: Ein Gentleman bringt nie eine Lady zum Weinen!“
„Ach, das ist ja gar keine Engländerin, ~mother~!“
Hannah Higgins hätte ihm am liebsten Eins hinter seine großen,
abstehenden Ohren gegeben. Aber Professor Higgins hatte das ein für
allemal verboten. Er war ein Feind jeder Gewalt des Menschen gegen
den Menschen, bei seinen Söhnen wie auf der ganzen Erde. Es waren die
Gesetze der Humanität und Kirchlichkeit, die er ehrte und bei jeder
Gelegenheit öffentlich vertrat. Wenn trotzdem Wilde niedergeschossen
oder zwei Boys durchgehauen werden mußten, dann hatte das wenigstens so
zu geschehen, daß er es nicht zu sehen brauchte. Jetzt aber stand er
drüben an einem der gothischen Fenster des großen Saals von St. Pauls
College, dieses ehrwürdigen Raums, von dessen Wänden die lebensgroßen
Ölbilder aller berühmten, aus dieser Schule hervorgegangenen Engländer
und Schotten, Admirale, Parlamentsmitglieder, Gelehrte, auf die
uralten eichenen, von Hunderten von Inschriften gekerbten Eßtische
hinabschauten, und sprach mit einem der Fellows. Seine Frau ging ihm
entgegen. Sie wollte sich einmal ernstlich über die Bengel beschweren.
Bobs Flottenlied haftete ihr im Kopf.
„Wir haben die Männer und Schiffe,
und das nötige Kleingeld dazu!“
Und wieder die Todesangst: Schließlich fangen sie wirklich an, mit
ihren Männern und Schiffen!... Was wird denn dann aus mir?
Professor Jerôme K. Higgins’ wulstiges, bartloses Gesicht lächelte
wohlwollend wie das eines gelehrten Mandarinen in Peking unter der
goldenen Brille. Er war tief befriedigt. Er hielt einen Brief in der
Hand. Die Einladung nach London war gekommen? Nein, zwei Fliegen auf
einen Schlag: Auch gleich die nach Kiel.
„William schreibt, er habe gerade für uns Platz bei sich in London
zum Wochenende reserviert!“ versetzte er, und seine Frau dachte:
‚Das heißt: Es hat im letzten Augenblick sonst Jemand abgesagt!‘ Ihr
Mann fuhr fort: „Er hofft ernstlich, daß Du zufrieden sein würdest,
in Kiel wieder deutschen Boden zu betreten!“ und sie sagte sich:
Mit anderen Worten: Ich soll den Ladies und Gentlemen auf der Yacht
als landeskundige Vermittlerin in Germany dienen! Kinder, was seid
Ihr verlogen! Kein wahres Wort fährt aus Eurem Munde! Professor
Higgins neben ihr rieb sich vergnügt die Hände. An sich hatte er, der
kurzsichtige Stubengelehrte, der beim Hindernisreiten nie die Gräben
vor sich sah, wenig von dem großen Jahrmarkt der Eitelkeit am Strand
der Themse. Aber es war der Kitzel der Gesellschafts-Heuchelei. Man
gehörte zur ‚Society‘ und die ‚Society‘ zur Season.
Die Londoner Season im Mai und Juni, wenn es der Frühsommersonne
gelang, selbst durch die Rauch- und Nebelmassen zwischen Hampton und
Plumstead, zwischen Tottenham und Croydon zu dringen und das sonst
nie in seinem ganzen Umfang geschaute steinerne Meer von Häusern und
Schornsteinen endlos bis an den fern verschwimmenden Horizont zu
enthüllen -- die Season zur Zeit, wenn die weiten Rasenflächen von
Green Park und St. James, von Kensington Gardens und Regents-Park noch
frischer grünten als sonst in der feuchten Seeluft des ganzen Jahres,
-- die Season, in der der Sturmwind, der sonst ewig das Inselreich
durchbrauste, zum Mailüftchen wurde und das Land rings um London
bis zur Irischen See ein einziger, gepflegter Park, ohne störende
Getreidefelder, ohne häßliche Kartoffeläcker, nur Hammelherden auf
friedlicher Weide unter schattigen Bäumen und darüber auf hohem Hügel
das Schloß des Lords.
Die Season, das Fest der Lords. Keine Saison wie anderswo, wo gleiches
Geld gleiche Rechte gab. Eine Frühjahrsparade aller fremden Völker, der
Yankees und der Japanesen, der Argentinier und der Südafrikaner, der
Australier und der Portugiesen vor ihren angelsächsischen Herren. Sie
kamen scheinbar als Gäste. In den Herzogsschlössern von Hydepark und
St. James flammten jeden Abend die hellen Scheiben, stauten sich die
Automobilreihen, blendete unerhörter, seit Römerzeiten nicht gesehener
Reichtum, von den Rembrandts und Rubens an der Wand bis zu den Scharen
sechs Fuß langer Lakaien, die Geladenen, bot an der Schwelle des
Palastes der Halbgott selbst und seine Gemahlin freimütig lächelnd
linkischen Amerikanern und gelbhäutigen Asiaten den Händedruck, den
sie einem der Geringeren unter ihren eigenen Landsleuten niemals
gewährt hätten. Von den Zinnen des Buckingham-Palastes flatterte
das königliche Banner. Mit Herzklopfen drängten sich vor den Stufen
des Throns die tiefausgeschnittenen Töchter der Schweinemetzger von
Chikago und die vor einem Jahr aus der Klosterschule gekommenen schönen
Frauen der dreifachen Granden Castiliens und Navarras, stießen sich
die Maharadschas vom Ganges mit dem Schwertadel Japans, stand der
Minenkönig aus Transvaal mit schwarzen Goldgräbernägeln hinter dem
Fabrikarbeiter und Enkel deportierter Verbrecher, den Neuseeland zum
Minister ernannt, scharten sich ägyptische Prinzen und kanadische
Männer des Volks, Araberscheichs und chinesische Dynasten, bestaunten
das riesige Ausstattungsstück und merkten nicht, daß sie es selber
spielten und sich gegenseitig den Sand in die Augen streuten, den ihnen
die lächelnden britischen Gastgeber lieferten.
Und draußen, auf der blauen Rhede von Spithead, soweit ein Menschenauge
sehen konnte, ein buntbewimpelter Kriegspanzer neben dem anderen.
Die ‚Victory‘, Nelsons altes, weißgebordetes Schlachtschiff, tat
den ersten Schuß des Königssaluts. Der Donner brüllte durch die
ganze Linie, rollte über die ganze Erde mit dem trügerischen Lärm
seiner leeren Manöverkartuschen, blendete die Menschen mit den
Taschenspielerkunststücken des Inselreichs bis zu der willenlosen
Hypnose: England ist groß. England ist stark. Was England sagt, ist
wahr. Was England will, ist Gesetz.
Das war der Zauberspiegel der Gaukler an der Themse, in der großen
Völkerkirmes der Season. Sie versteckten dahinter ihre eigenen
steinernen Züge, und wem sie das Trugglas vorhielten, dem Rajah und
dem Emir, dem Squatter und dem Trustkönig, dem Mandarinen und dem
Samurai, dem Principe und dem Woiwoden, der lächelte und sah sich in
dem Spiegel frei, reich und groß und empfand sein Helotentum als Lust,
sobald mit dem ersten Frühlingsgrün der Vorhang von der Fata Morgana
von London emporrollte und ihren Bildern von verwirrender Buntheit und
Zahl: das Tosen der Hunderttausende beim Ringen um das blaue Band auf
dem grünen Rasen von Epsom, die verständnislos-feierliche Stille der
oberen Zehntausend, wenn Hans Richter in Coventgarden den Taktstock zum
Nibelungenring hob, die Farbenpracht des Adels in den geschichtlichen
Trachten seiner eigenen Vorfahren auf den abgeschlossenen Kostümbällen
des Westens, das Gedränge von drei-, viertausend Gästen zugleich
beim Nachmittagsgartenempfang des Herzogs im Park eines turmreichen
Shakespeareschlosses, das allnachmittägliche Gewühl von Reitern,
Viererzügen, Spaziergängern im Hydepark, diesen wimmelnden und
flimmernden Orgien des Nichtstuns zwischen Serpentine, Rotten Row und
Ladies Mile.
Hannah Higgins saß da mit ihrem Mann in einem Kreise anderer
Engländer. Es war Montag um fünf Uhr Nachmittags. Die Heuchelei der
Sabbatheiligung war wieder einmal vorüber, die Season neu belebt,
neidloser Sklavensinn auf den Gesichtern aller Zuschauer. Man hatte
ja nicht selbst vier kastanienbraune Stuten im Stall, aber man sah
doch, wie der Earl da drüben sie majestätisch, den grauen Zylinder auf
dem Haupt, vom hohen Kutschbock aus lenkte. Man besaß selbst nicht
dreißigtausend Acres Land, aber dort fuhr in ihrem Elektromobil die
Marchioneß, die noch mehr ihr Eigen nannte. Man war ja selbst nicht
Mitglied der Royal Yacht Squadron oder des Marlborough-Clubs, aber
dicht vor Einem tummelten ja, wie im Zirkus, die vornehmsten Männer
des Königreichs ihr englisches Vollblut. Man freute sich, wie Andern
das Leben schmeckte. Hatte man doch selbst auch satt zu essen und
fand: die Erde war ein gutes Ding und vom lieben Gott eigens für die
Bequemlichkeit der Menschheit zwischen Aberdeen und Falmouth erschaffen.
Und doch mischte sich in dies Schwatzen und Lachen und Flirten
ein Unterton und klang immer wieder von schnurrbärtigen, wie von
rosigen Lippen, von Alt und Jung, von nah und fern, beharrlich wie
grollender Tropfenfall, ein Wort: ~Germany~ -- ~Germany~
-- ~Germany~ --... der dunkle Punkt -- -- Nein, mehr schon: die
schwarze Wolke, der Alp mit der Pickelhaube, zu dem man keine rechte
Stellung mehr fand, sondern nur noch ein nervöses Schwanken, von
lächelnder Verachtung bis zur blinden Angst, vom erzwungenen Gleichmut
bis zum vierschrötigen Haß.
Die drei alten Jungfern in dem Higgins’schen Kreis hatten jetzt eben
auf der Rückkehr von einem Winteraufenthalt in Ceylon und einem
Frühlingsspritzer nach Damaskus Deutschland besucht. Sie schüttelten
sich vor Heiterkeit. Oh! was für ein Land! Wahnsinnig komisch! Sie
nahmen sich kichernd das Wort vom Mund. Ihre Berichte waren durch die
tägliche Wiederholung ins Kraut geschossen, wie die Dschungeln unter
Indiens Glut. Es gab auf jeder Straße in Deutschland drei Wege: einen
für die Herren, einen für die Damen, einen dritten für die Ehepaare.
Wer über die Straße wollte, mußte vorher den Schutzmann um Erlaubnis
fragen. Jeder Herr grüßte jeden Schutzmann an jeder Straßenecke durch
Hutabnehmen. Eigentlich hatten die Deutschen immer den Hut in der
Hand. ~Oh -- how ridiculous!~ Wieder wanden sich die Spinsters
vor Lachen. Ja, aber die Unzufriedenen? Oh, es gab überall große,
befestigte Plätze. Da sperrte man sie ein. Viele Tausende. Bei Brot
und Bier. Soldaten standen davor. Überall Soldaten. Jeder junge Mann
lernte zunächst das Gewehr präsentieren. Dann schrieb er sein Buch über
den ‚Faust‘ und widmete sich den Rest seines Lebens der chemischen
Industrie. ~Yes!~ Es war schon interessant, in acht Tagen das
‚~Fatherland~‘ gründlich kennen gelernt zu haben.
„Nun -- es ist doch Mrs. Higgins’ frühere Heimat!“ sagte eine ältere
Lady, die sich etwas mehr Feingefühl bewahrt hatte. „Sie gehen ja jetzt
auch nach Kiel, nicht wahr?“
Hannah Higgins fuhr aus ihren Gedanken auf. Sie hatte absichtlich nicht
mehr zugehört und bejahte.
„Oh -- oh -- Kiel!“
Der alte, hagere, in Zivil gekleidete Commander a. D. brummte es
grimmig zwischen den Zähnen.
„~Oh, dear Mr. Bowle~ -- wir schicken sechs unserer besten Panzer
durch den Kaiser Wilhelm-Kanal!“
„... nachdem wir den Deutschen glücklich Zeit gelassen haben, den
Kanal um das Doppelte zu vergrößern. Nun sind sie fertig! Oh -- es ist
schimpflich!“
Die alten Jungfern kicherten wieder.
„Die Deutschen ... oh, Mr. Bowle ... mit denen hat es nichts auf sich.
Da war am Rhein ein grober Eisenbahnbeamter...“
Der alte Seebär schnitt ihnen gegen britische Höflichkeit das Wort ab.
Er stand steifbeinig auf.
„Meine Familie war immer auf dem Wasser. Wir haben schon auf der
Doggerbank mitgekämpft und zuletzt bei Sebastopol. Da ist keine Flotte
eines Landes, die wir nicht mitgeholfen hätten zu versenken. Wir
hielten die Meere rein. Aber als ich neulich einmal wieder um die Erde
fuhr, sah ich mehr fremde Flaggen als den Union Jack. Und vor allem das
Eiserne Kreuz in vielen vielen Flaggen! Wir haben das Alles wachsen
lassen und inzwischen Jagden geritten... Ich habe fünfundfünfzig Jahre
gedient und nur einmal auf den Feind geschossen. Und da schossen wir
in Alexandrien unsere eigenen Häuser entzwei. Aber bald werden desto
rauhere Zeiten kommen. Nun -- ~good bye~!“
Da war wieder der Krieg. Fern an Marble Arch blinkten rote Fähnchen.
Dort hielten Anarchisten ein Meeting. Weiter drüben predigte ein Oberst
der Heilsarmee vom Stuhl herab zur Menge. Längs von Park Lane zog eine
Schar von Suffragetten mit ihren regenbogenfarbenen Bannern. Das störte
hier Niemand. Aber da drüben -- über der Nordsee -- diese kommende
dumpfe Notwendigkeit, die man hier immer wieder zugleich mit der linden
Mailuft einatmete...
„~Well~ -- Du bist so schweigsam, Hannah?“ sagte Professor Higgins.
„Ich habe Angst!“
„Wovor?“
„Ach -- sprich es nicht aus. Es ist so furchtbar. Es kommt immer wieder
über Einen...“
„Ich weiß nicht, was Du meinst!“
„Ihr denkt auch immer daran, auch wenn Ihr davon still seid.“
Jerôme K. Higgins verstummte. Über die deutsche Gefahr sprach man nach
Tisch, wenn man die Damen in den Drawing-Room hinaufgeführt hatte,
beim Glase Portwein unter den Herren. Er stand in einem Gastzimmer
im Hause seines Bruders in Mayfair vor dem Spiegel und knüpfte sich
die weiße Binde zum Abendanzug. Unten fuhren schon fortgesetzt
Automobile vor, kamen Ladies und Gentlemen in Gesellschaftskleidern
nachbarlich über die Straße. Bei dem ehrenwerten Sir William Higgins
war heute einer der großen Empfänge der Season. Er und seine Frau
standen auf der Schwelle und begrüßten liebenswürdig jeden Ankommenden
mit einem Händedruck und der herzlichen Freude, grade ihn zu sehen.
Sie wiederholten das ein paar hundertmal. Das Haus des Londoner
Zeitungsherrschers und Parlamentsabgeordneten war größer als sonst
die Absteigequartiere des Landadels. Aber geladen waren nach Londoner
Brauch doppelt so viel Leute, als darin Platz hatten.
Machte nichts! Heute war Sir William Higgins nicht der eisige
Geschäftsmann der City bei Tag, der nüchterne Unterhaus-Debatter von
Westminster bei Nacht. Jetzt war er ein ~jolly good fellow~...
alle Geister schalkhaften Britentums und trockenen Humors um die dünnen
Lippen. Nichts konnte freimütiger sein als deren Lächeln, nichts
vertraulicher als seine dargebotene Rechte. Nur in den Augen blieb
etwas, das nicht zu der Unschuldsmiene stimmte. Sie überflogen immer
wieder das Dienerspalier im Hausflur. Sie suchten. Seine Schwägerin
Hannah, die ihn von innen aus dem Menschengedränge heraus beobachtete,
wußte, was das hieß. Es fehlte noch etwas: der Löwe des Abends. Irgend
ein Tüpfelchen auf dem I der Society-Eitelkeit.
Dann ein freundlicher Schein auf seinen pergamentenen Zügen. Er
streckte die Arme aus und ging einem Gast drei Schritte entgegen. Das
war das Höchste, was er tun konnte. Der Neuangekommene überragte ihn,
trotz seiner lässigen Haltung, mit den abfallenden Schultern seiner
hageren aristokratischen Gestalt. Sein Frackschnitt und Hosensitz hätte
den ersten Schneider Londons mit Neid erfüllt. Auf seinem lebhaften und
länglichen Gesicht mit den grauen klugen Augen war ein geschmeidiges
Lächeln. Neben ihm seine schöne junge Frau. Eine Vollblut-Pariserin,
dachte sich Hannah Higgins. Man sah es schon an dem spielerisch
treffsicheren Wunder ihrer Toilette gegenüber den barbarisch bunten, an
Indiens Grellheit erinnernden Kleidern der Engländerinnen.
„~La belle Madame de Schjelting!~“ sagte Jemand neben Hannah. Es
schien ihr ein vornehmer Rumäne zu sein. Neben ihm, auf Englisch, ein
säbelbeiniger Japanese.
„Und ihr Mann? Ein Russe?“
„Ein Petersburger ~de pur sang~!“
„Sehen Sie doch, wie man sich um ihn drängt. Oh -- der Herzog von
Woodford selbst steht auf und tritt auf ihn zu!“
„Merken Sie sich diesen Russen, Vicomte Osako! Er trägt Krieg und
Frieden unter den Klappen seines Fracks!“
„Ist er vom Tschin?“
„Sein Vater war der bekannte Minister, der vor zehn Jahren in
Petersburg starb. Er selbst trat bald aus dem Staatsdienst. Seitdem
ist er der gefährlichste Außenseiter der russischen Politik, vom
Winterpalais bis zum Cettinjer Konak.“
Nicolai Schjelting kam langsam näher. Fortwährend waren neue
Menschen um ihn. Er drückte rechts und links Hände, winkte Bekannten
zu, wechselte bei jedem Satz die Sprache, französisch, englisch,
italienisch, auch, besonders laut und verbindlich, deutsch zu einem
deutschen Diplomaten, dann einmal obenhin, schnell, kaum hörbar, auf
russisch, zu einem Landsmann:
„Noch nichts Neues aus Serbien?“
„Nichts!“
Er lächelte wieder. Etwas von Asiatendünkel schimmerte, für Hannah
Higgins’ Augen, durch den spiegelglatten Kulturschliff seines Wesens.
Er sah in der Nähe bleich und nervös aus.
„Sind Sie krank, Herr von Schjelting?“
„~Ah -- ce bon Nicolas!~ Er reibt sich auf!“
„Ich?“ Nicolai Schjelting zuckte nachlässig die Achseln. „Erbarmen Sie
sich! Was hat denn ein armer Privatmann, wie ich, zu tun?“
Und wieder neben Hannah Higgins die gedämpfte Stimme des Rumänen zu dem
Japanesen:
„Dabei kennt er alle Geheimnisse der Kriegspartei drüben!“
„Ich wähnte Sie schon in Montenegro, Herr von Schjelting?“
Nicolai von Schjelting schüttelte ahnungslos den Kopf.
„Ich? Ich bin ein friedlicher Mensch. Jetzt ist mir zu viel Pulverdampf
da unten.“
„Wieso? Die Albanesen?“
„Ach nein! die bosnischen Manöver! Der Erzherzog-Thronfolger besichtigt
doch die K. und K. Truppen. Ich kann das Schießen nicht vertragen. Ich
warte, bis es auf dem Balkan wieder ländlich-still ist!“
Der Balkan und Ruhe! Man lachte. Auch Schjelting. Eine Sekunde war
etwas Freches darin. Moskauer Hochmut. Wenigstens für Hannah Higgins.
Dann sah sie, wie er sich zu ihrem Schwager wandte. Beide sprachen und
blickten dabei auf sie. Sonderbar...
Plötzlich machte er sich von seinen Verehrern los, kam mit der
lächelnden Sicherheit eines Mannes von Welt auf sie zu, stellte sich
selbst vor, und setzte sich, ohne eine Aufforderung abzuwarten, neben
sie. So war er, in dem Gedränge und Geschiebe der Menschheit zum
Buffet, vorläufig unsichtbar und ungestört.
„Sie entsinnen sich meiner nicht mehr, gnädige Frau!“ sagte er rasch
und lebhaft in seinem harten Petersburger Deutsch. „Ich war kürzlich
mit Ihnen zusammen, in Wiesbaden, im Hause Ihres Vaters. Ich muß
gestehen: ich wußte nicht, daß Sie da waren, obwohl Sir William mir
schon in Paris von Ihnen erzählt hatte. Erlauben Sie mir, daß ich nun
mein Versehen gut mache!“
Er sprach leise und höflich. Er war ganz bescheiden. Verändert gegen
vorhin. Hannah Higgins dachte sich: Was will er denn von mir, dies
große Tier? Sie frug:
„Aber da waren doch nur Gelehrte? Sie sind doch nicht Arzt?“
„Im Gegenteil: Patient!“
„Bei meinem Vater?“
„Leider nein. ~Il m’a mis à la porte!~“
Nicolai Schjelting sagte das mit einer malenden Geste des Hinauswurfs
in das freie Feld. Er machte dabei ein harmloses und rätselhaftes
Gesicht.
„Mein Vater wollte Ihnen nicht helfen? Das sieht ihm doch gar nicht
ähnlich!“
„Ihm vielleicht nicht. Aber Ihrem Fräulein Schwester!“
„Meiner Schwester Ingeborg?“
Er rückte näher zu ihr heran. Beugte sich vor, redete schnell,
vertraulich. Die bebänderte Lackschuhspitze seines linken Fußes wippte
dabei nervös über dem Perserteppich auf und nieder.
„Der Cherub mit dem flammenden Schwert! ~Voilà!~ Schon in Moskau!
Ich soll weiter leiden! Ich kann nun einmal nicht schlafen! So wünscht
es Ihr Fräulein Schwester!“
„Was bilden Sie sich da nur ein? Was sollte denn meine Schwester Inge
gegen Sie haben? Sie kennt Sie doch jedenfalls kaum!“
Nicolai Schjelting sah sie fest aus seinen ernsten grauen Augen an.
Jetzt erschien ihr der Leidenszug um die Mundwinkel plötzlich echt.
„Ja -- warum sind die Menschen so böse gegeneinander, gnädige Frau?
Das frage ich mich auch oft! ~Soyons amis, Cinna!~ Aber wir
vergessen’s! Sagen Sie: Ist denn Ihr Fräulein Schwester immer bei Ihrem
Vater?“
Hannah Higgins lachte.
„Ja. Wenigstens, bis sie endlich mal heiratet!“
„Ach so -- ich verstehe: sie ist verlobt?“
„Nicht, daß ich wüßte!“
Es war ihr, als ob der sonderbare Mensch neben ihr erleichtert
aufatmete. Sie hatte wieder eine unbestimmte Angst vor ihm. Sie dachte,
er könnte nun gehen. Es war ja auffallend, daß er hier bei ihr im
Winkel saß, während man ihn wahrscheinlich in allen Zimmern und Sälen
suchte. Statt dessen hub er unvermittelt, stoßweise wieder an:
„Bleibt Ihr Fräulein Schwester den Sommer über in Wiesbaden?“
„Das hängt davon ab, ob mein Vater irgendwohin berufen wird. Dann
begleitet sie ihn. In nächster Zeit wahrscheinlich einmal nach Lübeck.“
„Oh!“ sagte Nicolai Schjelting und versank in ein stummes Sinnen. Sein
Gesicht war dabei düster und unruhig. Sie wollte ihm helfen. Sie nahm
es von der komischen Seite.
„Ich werd’ es meinem Vater melden, daß gegen Sie eine Verschwörung in
der Sonnebergerstraße besteht. Die Schuldigen werden kaltgestellt.
Verlassen Sie sich darauf!“
Aber das war ihm zu ihrem Erstaunen wieder nicht recht, daß er dort
Ingeborg Tillesen nicht begegnen sollte. Er winkte nur ab, mit einer
Handbewegung, deren zerstreute und nachlässige Ungeduld sie ärgerte,
und blieb stumm... Es war ihm etwas eingefallen, mit Schrecken über
seine eigene Gemütsverfassung: Wo ist denn meine Frau? Oder vielmehr:
wo ist denn meine Eifersucht geblieben? Sonst hatte er Ghislaine
bei einer solchen Gelegenheit nicht aus den Augen gelassen, jedes
Kopfnicken, jeden Handkuß, jede Schleppenbewegung düster verfolgt.
Jetzt sagte er sich: So weit ist es mit mir schon gekommen! Ich muß
schon nachdenken, wann wir uns getrennt haben. Vor einer halben Stunde.
Da sind wir zusammen hereingetreten. Sie hat sich dann nach links
gewandt -- glaub’ ich!... Irgend eine Lady nahm sie unter den Arm. Er
hob das Haupt und schaute umher. Da merkte er plötzlich, zuerst an
einem ganz feinen Hauch ihres Parfums: Mein Gott -- Ghislaine stand ja
dicht hinter ihm, stand vielleicht schon die längste Zeit, im Gespräch
mit einem dürftigen und engbrüstigen Jüngling von den Boulevards oder
aus Brüssel. Dieser halbausgebackene Stutzer war ihr nicht gefährlich.
Das wußte er. Er entwickelte ihr in einem rasend-raschen, französischen
Geratter seine Thesen über den Sâr Peladân. Ihre reizvollen, leicht
gepuderten Züge trugen auch nur die leere und liebenswürdige
Aufmerksamkeit der Weltdame. Ihrem Mann schwante es, als hätte sie
eher auf das gehört, was er da unten, auf seinem Sessel inmitten des
Gedränges, redete. Deutsch genug, um es zu verstehen, konnte sie, vom
Kloster her und durch die flämischen Verwandten ihres Vaters, wenn sie
es auch nicht sprach.