Das war Berlin, die Stadt der Gegensätze, beinahe stolzer auf ihr

Nachtleben als auf ihr Tagewerk, nervös und nervenlos, das ehern

pochende Herz des Deutschen Reichs und bis zur Unkenntlichkeit

aufgeputzt mit grellem Flitter des Auslands. Von den Hausfronten,

Schaufenstern, Litfaßsäulen sprach es, während Inge Tillesen, eben

aus Wiesbaden angekommen, mit ihrer Schwester Phila durch die Straße

fuhr, in fremden Zungen zu der lichterhellen, brausenden, abendlich

wogenden Friedrichstadt. Slawische Lettern lockten die Russen,

englische Reklamen die Amerikaner. Gasthöfe und Kaffeehäuser trugen die

Namen britischer Städte, Schauspielhäuser die Namen Pariser Theater,

nächtliche Stätten der Lebewelt die Namen französischer Zuchtlosigkeit.

Es war ein Völkerjahrmarkt, eine Taghelle aus vierstöckigen

Bierpalästen, das Fieber der Stadt am Spreestrand, in der selbst das

Vergnügen sich mit der Hast eines Uhrwerks abrollte.

Dann hörte hinter dem Potsdamerplatz das Ausland auf. Nichts mehr von

Westminster, Bristol und Piccadilly, von Trianon und Folies-Caprices,

von Clou und Moulin Rouge, von Boncourt und Palais de Danse und

Pavillon Mascotte, von Messenger Boys, von Grand Gala. Man merkte: dies

stümperhafte Französisch und Englisch war nur eine bröckelige Tünche,

durch deren Lücken der festgefügte deutsche Quaderbau lugte.

Die zwei Schwestern hatten gar nicht darauf geachtet. Man nahm das in

Berlin als gegeben. Es mußte wohl so sein. Es war selbstverständlich,

daß in Deutschland Rennpferde und Briefpapier, Weinstuben und

Zigarettenschachteln, Männerkleider und Körperpflegemittel so hießen,

wie am Ufer der Seine, der Themse, des Hudson. Während sie durch die

Hitzigstraße fuhren, sagte Frau Theophile Martius:

„Also ... ich war einfach paff, wie auf einmal Dein Telegramm kam!“

„Ich habe mich auch ganz plötzlich entschlossen!“

Ringsum wurde es wieder taghell. Die Tauentzienstraße tauchte

menschenwimmelnd auf und verschwand. Dann hielt der Wagen vor einem der

Mietspaläste am Kurfürstendamm.

„Also willkommen, Schatz!“ sagte oben in ihrer Wohnung Frau Theophile

und küßte ihre Schwester. Sie mußte sich beinahe auf die Fußspitzen

stellen, um zu deren dunkelblonder, deutscher Frische hinaufzulangen.

Sie selbst war klein, zart und zierlich, wie eine Marquise der

Pompadourzeit. Nur ihr Haar war nicht weißgepudert, sondern ein

tiefbrünetter Botticellischeitel, darunter das Profil einer antiken

Gemme. Sie war ein kleines Kunstwerk. Und ebenso ihre Umwelt. An ihrer

Schwelle endete Berlin. Der Süden tat sich auf. Die deutsche Sehnsucht.

Alte Florentiner Meister dunkelten an den Wänden. Da war Dantes

lebensgroßer, strenger Marmorkopf. Da rahmte schweres Barockschnitzwerk

des Bücherschranks die Reihen italienischer, spanischer, französischer

Dichter. Die kleine Frau ging darin herum wie in einem Tempel, rückte

da und dort, staubte ab...

„Beppo und Carmen schlafen leider schon!“

„Na -- dann kriegen sie ihr Mitbringsel morgen!“ sagte Inge und dachte

sich: Ich würde die Würmer einfach Hans und Grete nennen! Aber sie

selber, die Mutter, hat ja bis zu ihrem achtzehnten Lebensjahr auch

ganz friedlich Luise geheißen und es dann erst durchgesetzt, daß wir

sie Alle Theophile nennen mußten!

„Nun, Inge...“

Die Schwester hatte sich neben sie gesetzt. Sie hatte ein eignes süßes

Lächeln, aus dem träumerische Schwermut sprach, obwohl es ihr im Leben

sehr gut ging.

„Inge ... hast Du mir nichts zu sagen? Dann lieber bald! Denn wenn erst

Hugo zum Abendessen heimkommt mit seinen Reichstagsgeschichten und

Arbeitersachen...“

Ein Schweigen.

„Los, Inge!“

„Ach, quäl’ mich doch nicht!“

„Hand aufs Herz: weswegen bist Du denn von Wiesbaden hierher

geschossen?“

„Gott -- weil’s dort langweilig ist! Ich wollte einmal andere Menschen

sehen!“

Die kleine dunkle Frau lächelte und schwieg. Sie dachte sich: Mir

scheint, Du möchtest +einen+ Menschen sehen! Endlich!... Sie stand

auf und sagte: „Ich muß nur rasch noch mal draußen Jemand telefonieren.“

„Hier Frau Martius! Ist Herr Hauptmann Isebrink selbst am Apparat?

Guten Abend! Nett, daß ich Sie erwische... Warum sieht und hört man

eigentlich nie etwas von Ihnen? Kommen Sie doch mal morgen Nachmittag!

Wie? Sie haben keine Zeit? Das wird meiner Schwester Inge sehr leid

tun. Sie ist zufällig grade hier. Was? Sie können es vielleicht doch

einrichten? Na eben! Es ist ja Sonntag. ~A rivederci!~“

Im Zimmer fand sie Inge zerstreuten Auges über einer Mappe mit

römischen Kupferstichen. Ihr zartes Gesichtchen durchgeistigte sich und

wurde schwärmerisch.

„Wundervoll -- nicht? Siehst Du hier: ~San Paolo fuori le mura~...

mein Traum draußen in der Campagna. Ach... Du mein ~bel paese~!...

Mensch ist man doch nur im Süden... Ende Juni fliege ich wieder über

die Alpen!“

„Im Sommer nach Italien?“

„Ach, wie ist das Land dann schön! Und die Menschen! Wenn die Fremden

fort sind, lernt man sie erst in ihrer naiven Liebenswürdigkeit kennen,

solch natürliche Grazie des Geistes und Körpers! Da möchte man mit

Nietzsche die Hände falten: Unschuld des Südens, nimm mich auf!“

„Ich weiß nicht: ich fand die Gesellschaft immer unausstehlich!“

„Es sind Kinder. Aber aus einer dreitausendjährigen Kinderstube. Selbst

in ihrem Mutwillen steckt uralte Kultur... Unterschreib’ Dich mal da

gleich als Mitglied!“

„Was ist das? ~Pro gen...?~“

„~Pro gentilezza!~“ sagte die kleine Frau stolz. „Neu gegründet!

Ein Bund zur Einbürgerung milder italienischer Sitten bei uns!“

„Ich erinnere mich nur, daß die Italiener immer in der Eisenbahn

spuckten und Orangenschalen herumschmissen!“

„Ihr seid eben lieblos! Und da unten lieben sie uns doch so!“

„Glaubst Du wirklich? Warum geben sie Einem dann immer falsches Geld

heraus?“

„Nein, nein, nein!“ sagte die kleine Frau mit einem Heiligenlächeln.

„Ich glaub’ an meinen Süden! Ich glaub’ an die Schönheit. Ich glaub

an die Kunst und Natur. Jeder hat sein Ideal. Du die angelsächsische

Freiheit, ich das blaue Mittelmeer! Ach, Ende Juli, wenn Hugo bei

seinem Friedenskongreß in Paris ist ... und ich als Zugvogel über die

Alpen ... immer mit so einem bischen Wehmut in der Freiheit... Immer

summt es mir hinterm Gotthard von Scheffel:

O Jugendlust, wie wirst du älter!

Bald ist auch mir die Stunde nah,

Wo ich nicht mehr durch grüne Wälder

Hinzieh’ ins Land Italia!

Ja, lach’ nur! Ich bin eine Schwärmerin. Ich weiß. Ich schäme mich

nicht!“

„Sonderbar, wenn man Dich so hört, dann ist alles wieder so anders!“

sagte Inge.

„Wieso?“

„Vielleicht hast Du auch recht. Nicht bloß die Andern, die so furchtbar

ernst und finster in die Zukunft schauen!“

„Gott -- laß’ sie!“

„Die behaupten, das dauert Alles nicht mehr lange, und es zieht ein

Unwetter herauf. Wenn Einem nur Jemand sagen könnte, wer Recht hat!“

„Da mußt Du Hugo fragen! Eben hör’ ich ihn draußen!“

~Dr.~ Hugo Martius trat herein. Groß, stattlich, klug, zu

Anfang der Vierzig, mit rötlich blondem Vollbart und starker, in den

Volksversammlungen und im Reichstag geschulter Stimme. Er begrüßte Frau

und Schwägerin.

„Ich komme ein bischen spät! Nichts zu machen! Sechs Stunden

Aufsichtsratssitzung... Neue Straßenbahnen in Argentinien. Schweinerei

in China mit den Engländern...“

„Hugo!“

„Ach was! Im Geschäft nehm’ ich kein Blatt vor den Mund! Da heißt’s nur

überall: raus mit den Engländern! In allem Frieden und Freundschaft

natürlich. Dafür lebt man im zwanzigsten Jahrhundert!“

„Hörst Du, Inge, Du Hans Huckebein: Frieden und Freundschaft!“

„Was hat denn die Inge?“

„Sie haben ihr scheint’s in Wiesbaden was von Krieg in den Kopf

gesetzt!“

„Schwager ... was hältst Du davon? Du bist doch so gescheit: Giebt’s

Krieg?“

„Es kann nicht erst Krieg geben!“ sagte ~Dr.~ Martius lächelnd.

„Weil der Krieg schon da ist! Auf der ganzen Erde!“

„Krieg?“

„Ja! Du, Frau -- schau doch, daß wir bald was zu essen bekommen! Ich

hab’ einen Mordshunger!... Krieg, Inge, wird der Mensch immer führen.

So ist er nun mal! Das tut er auch jetzt! Nur mit anderen Mitteln!“

„Das verstehe ich nicht!“

„Früher schlug man sich die Schädel ein. Jetzt nimmt man der City

die spanischen Hafenbauten vor der Nase weg, wie wir neulich! Krieg

führt man heutzutage mit dem Kopf, mit dem Reißbrett, mit dem großen

Portemonnaie, mit der chemischen Retorte. Unsere Marschälle heißen

Krupp und Ballin. Es sind wirtschaftliche Feldzüge!“

„Keine anderen mehr?“

„Nein. Denn im Kampf ums Dasein kommt es nicht mehr auf den dicken

Biceps an! Mein Hausknecht ist auch stärker als ich. Das Recht des

Stärkeren liegt heutzutage auf geistigem Gebiet. Sonst müßte man ja am

Fortschritt der Menschheit verzweifeln.“

„Du hast eben auch nie gedient, Schwager!“

„Dafür bin ich ein Vertrauensmann des Volks! Das Volk will nur den

Frieden!“

„Wir gewiß! Aber die Andern?“

„Alle, Inge! Die Menschen sind nicht so verschieden! Sie verlangen in

ihrer Mehrzahl gar nicht so große Sachen vom Leben. Wenn sie ihr Haus

und ihre Familie und ihr täglich Brot haben, hängen sie viel zu sehr

daran, als daß sie’s auf’s Spiel setzten.“

„Warum redet dann überhaupt noch Jemand vom Krieg?“

„Na: Kind, sehr einfach. Die, die durch den Frieden beschäftigungslos

werden: die Offiziere und zum Teil die Edelleute!“

Inge Tillesen dachte sich: Isebrink ist Offizier. Der Andere ein

russischer Edelmann. Für die stimmt es schon...

„Ich komme doch eben aus dem Haag, Inge! Ich habe Jaurès gesprochen.

Carnegie selber war leider nicht da. Aber Hunderte von Männern aus der

ganzen Welt und jeder Name hatte seinen Klang. Der Unterschied war

zwischen ihnen nur in der Sprache. Der gute Wille war sich überall

gleich. Da haben sich in meiner Gegenwart Buren und Japaner, weil sie

nicht miteinander reden konnten, wenigstens stumm die Hand geschüttelt.

Nee, Kind! Laß Dich nicht kopfscheu machen! Die Zeiten, an die Du

denkst, die sind vorbei! Unser altes Europa wenigstens ist glücklich

über das Schwabenalter hinaus! Das ist vernünftig und gesetzt geworden

und hat die Kriegstorheiten hinter sich.“

Leise Musik durchzitterte das Zimmer. Phila Martius schlug auf

dem Flügel träumerisch aus dem Kopf den Prolog der „Bajazzi“ an.

Geheimnisvoll verklang es in der Tiefe der Tasten: ‚Wir Alle auf Erden

wandeln im gleichen Licht...‘ und es war, als spülten die Tonwellen von

dieser kleinen Insel der Seligen allen Staub und Erdenrest hinweg --

als würde das deutsche Auge zur Sonne selbst. So klar und rein sah es

alles, selbst das Niedrigste der Welt.

In solchen Stunden war Phila Martius ganz sie selbst. Und am meisten

am Sonntag Nachmittag, ihrer Weltflucht vor Berlin, ihrem Jour.

Das war wie ein Spinnweb des Westens und sie die Arachne darin,

die darauf lauerte, daß keine durchreisende Berühmtheit ihrem Netz

entging. Zierlich, in schillernder Seide, wie ein aufgeregtes Meißener

Rokokopüppchen, rauschte sie den Gang entlang und streckte den dunkeln,

klassischen Kinderkopf durch den Türspalt.

„Wo steckst Du denn, Inge? Vorn ist schon Alles voll Leute!“

„Ach, ich hab’ keine Lust!“

„Warum bist Du denn dann eigentlich nach Berlin gekommen?“

„Ich weiß selber nicht. Am liebsten möcht’ ich wieder heim!“

„Was hast Du denn nur?“

„Nichts!“

„Na -- komm’ nur schon!“

„Warum drängst Du denn so?“

„Ich hab’ meine Gründe! Los!“

„Unter einer Bedingung...“

„Gott -- was bist Du umständlich... Also?“

„Wenn Isebrink Euch vielleicht in diesen Tagen seinen Abschiedsbesuch

machen sollte, dann sag’ ihm nicht gleich, daß ich da bin...“

„Was?“

„Ich will erst klar mit mir sein... Ich möchte erst überlegen... Ich

möchte nicht überrumpelt werden!“

„Aber Inge!“

„Nein! Nein!“

„Donnerwetter!“ sagte die kleine Frau und biß sich auf die Lippen. Es

war ein bei ihr ganz ungewohnter Naturlaut.

„Also, versprich es mir, Phila! Was machst Du denn für ein

sophistisches Gesicht...?“

„Ach gar nicht! Gut, wenn ich ihn von jetzt ab wiederseh’, sag ich ihm

kein Wort!“

„Also dann in Gottesnamen!“ sagte Inge und folgte der Schwester. Im

Studio, im Eßsaal, im Musikzimmer, im Flur sogar wimmelte es von

Menschen. Eine einzige Uniform darunter. Einsam am Fenster. Das Erste,

was sie sah, war Paul Isebrink. Er betrachtete das Treiben um sich mit

einem nachsichtigen Lächeln, wie ein Menageriebesucher die Affensprünge

und das Kakadugeflatter.

„Aber Phila!“ sagte Inge Tillesen empört und machte auf der Schwelle

Halt.

„Ach, nun bist Du mal hier! Er wird Dich schon nicht beißen!“

„Pst! Pst!“

Bitte um Stille ringsum. Lebauld de Temple, der Pariser Conférencier,

sprach mitten im Zimmer, lässig im Stehen an einen Armstuhl gelehnt,

in schallendem, scharf die Endsilben betonenden Französisch, über das

Wesen der Eleganz. Als der Beifall am Schluß die andächtige Stille

unterbrach, kam Isebrink auf die beiden Schwestern zu. Er war vergnügt

wie ein Schuljunge und gab Inge, als sei nichts geschehen, die Hand.

„Ein toller Komiker -- nicht? An dem Kerl ist alles zu lang! Die Haare,

die Rockschöße -- der Kragen... Haben Sie nicht ’ne Scheere, gnädige

Frau?“

„Ist das der Dank, daß ich Sie eingeladen hab’?“

Isebrink lachte nur, mit einem warmen und glücklichen Schein in den

Augen, der seine innere Aufregung verriet. Inge dachte sich: Er muß ja

glauben, daß ich ihn hab rufen lassen. Ihre Züge wurden unwillkürlich

hart. Ihre Schwester entsann sich plötzlich ihrer Gastgeberpflichten,

entschlüpfte den Beiden, tauchte drüben wieder auf, breitete strahlend

die Arme aus.

„~Eccolo!... In fine!... Sia il benvenuto, maëstro!... Signore e

Signori -- mi permette de presentarle il compositore dell’ opera

‚Truffatori‘!~“

Sie war stolz auf die Reinheit ihrer Aussprache nach dem Volkswort:

~Lingua Toscana in bocca Romana.~ Toskanerzunge in Römermund.

Der Komponist der ‚Gauner‘ lächelte herablassend. Alle Laster Neapels

wohnten auf seinem blaurasierten Mittelmeergesicht. Er winkte

gönnerhaft mit der großen, weißen, reichberingten Frauenhand einigen

Bekannten zu.

„So toll war’s hier noch nie!“ sagte Paul Isebrink und lachte. Alles

stimmte ihn heiter. Er und Inge standen jetzt allein. Nun wurde seine

Stimme leise, weich, von einem halb fragenden Jubel belebt.

„Na Inge...“

„Was denn?“

Es klang schroff, abweisend. Die erste Entfremdung kam zwischen sie.

„Ich bin Ihnen so dankbar!...“

„Warum?“

„... daß Sie hier sind!“

Und in ihr nur die eine Angst: Er soll nur nicht glauben, daß ich ihm

nachgereist bin!

„Ich bin schweren Herzens neulich aus Wiesbaden weg. Nun bin ich

doppelt froh!“

Keine Antwort. Sie sagte sich: Nur das nicht! Nur das nicht, daß er

sich einbildet, ich lauf ihm nach!

„Wie lange bleiben Sie denn hier?“

„Bis morgen früh!“

Die kurze Zeit machte ihn stutzig. Unruhe erschien auf seinem Gesicht.

Sie sagte knapp:

„Ich hatte hier etwas für den Vater zu besorgen!“

„Weiter nichts?“

„Nein.“

„Pst! Pst!“

Stimmen mahnten zur Ruhe. Mialkowitsch, der serbische Geigerkönig,

äußerlich einem dicken Zigeuner-Primas ähnlich, strich die Saiten

seiner Violine. Miß Cooper, eine Amerikanerin vom Charlottenburger

Musik-Konservatorium, sang dazu mit englischer Betonung. Frau

Mialkowitsch spielte das Klavier. Isebrink wartete stirnrunzelnd und

ungeduldig das Ende ab. Noch im Beifallgeklatsch wandte er sich, viel

schroffer als bisher, an Inge.

„Sie sind nicht gekommen, damit wir uns noch einmal sehen?“

Ein Schweigen.

„Sie haben mir nichts mehr zu sagen?“

„Wir haben uns doch, weiß Gott, ausgesprochen!“

„Warum haben Sie mich denn dann eigentlich herzitiert?“

„Da fragen Sie bitte meine Schwester! Ich hab nichts davon gewußt.“

Er suchte mit zornigen Augen nach ihr, hörte neben sich ein serbisches

Gespräch und sagte dem Ehepaar Mialkowitsch plötzlich halblaut ein

paar russische Worte. Der Geigerkönig wurde blutrot. Seine Frau blaß.

Beide packten eilig ihre Noten zusammen. Die Frau des Hauses schoß

erschrocken heran und faltete flehend die Hände.

„Eine Zugabe, Meister! Bitte! Bitte!“

„Aber nicht die, von der Sie eben zu Ihrer Frau Gemahlin auf Serbisch

meinten, sie sei für die Schwaben noch lange gut genug!“ sagte Paul

Isebrink. Ein peinliches Schweigen entstand. Frau Phila Martius war

nervös über die Störung.

„Oh... Aber... Aber so ’was straft man doch am Besten durch

Nichtachtung, Herr Hauptmann...“

„Warum denn?...“

Frau Phila Martius war empört. Mit ihrem Jour verstand sie keinen

Spaß. Dies kleine, kunstvoll gepflegte Gärtchen des Geistes sollte man

ihr nicht mit Nagelschuhen betreten. Sie hob sich kampflustig auf den

Fußspitzen und sagte gedämpft:

„Bitte ... nehmen Sie doch ein bischen mehr Rücksicht!... Die ersten

Geister des Auslands...“

„Warum kommen denn die alle zu uns? Offenbar, weil sich daheim kein

Kuckuck um sie kümmert!“

Darauf wußte Frau Phila nicht gleich eine Antwort. Sie wehte sich

erbittert mit ihrer seidenen Pezzuola Kühlung zu.

„Und warum kommen Sie, wenn Sie hier nur Unfrieden stiften?“

„... weil Sie mich hierherbefohlen haben, meine gnädigste Frau... Ich

weiß auch nicht, weshalb.“

Nun hatte er die schneidende Höflichkeit des Exerzierplatzes. Inge war

hinter ihnen in das blaue Nebenzimmer getreten und sagte ruhig:

„Also, Phila. Du hast eine Dummheit gemacht! -- Und nun schau, daß Du

zu den Gästen kommst! Sonst geht Dir Dein ~maëstro~ durch die

Lappen!“

Die kleine Frau stürzte in das Studio. Zu spät. Der Göttliche hatte

gefunden, daß man sich zu wenig um ihn kümmerte, und sich ohne Abschied

empfohlen. Auch die Serben waren verschwunden. Die Yankeemiß. Der Salon

wies klaffende Lücken wie von einer Schlacht. Ein fremder, unheimlicher

Geist war durch ihn gegangen. Ein preußischer Geist, hart, spröde,

scharf. Er stand nebenan in Offiziersuniform.

„Meine Geduld ist zu Ende, Inge!“

„Ich will ja auch keinen Anfang wieder!“

„So spielt man nicht mit mir!“

„Mir ist’s auch Ernst!“

„Ich gehe jetzt in türkische Dienste und mache einen Strich unter

Alles! Ich hab’ es gründlich satt!“

„Ich muß mich endlich auch ganz frei machen. Man verliert seine Jahre!“

„Also leben Sie wohl!“

„Leben Sie wohl!“

Im Studio war noch eine einzige lachende Gruppe um Christian Hansen,

den nordischen Karikaturisten. Er zeigte schmunzelnd seine Mappe. Eben

ein Blatt: Deutschland und Frankreich sich als Nachbarinnen über den

Zaun küssend. Marianne mit der phrygischen Mütze hielt dabei kokett die

Hände auf dem Rücken. Sie war schlank und zierlich und trug niedliche

Schühchen. Germania in Panzer und Helm war semmelblond mit dicken

Backen, gleich einer plumpen Magd. Isebrink sah es im Vorübergehen. Er

machte Halt und frug den Ausländer:

„Leben Sie in Deutschland?“

„Gewiß!“

„Schon lange?“

„Sieben Jahre!“

„Na -- einmal wird auch unsere Geduld reißen!“ sagte der Hauptmann

und ging. Hinter ihm war es still. Alle sahen sich an. Diese Art

Deutschland kannten sie nicht.

VI.

„Meine liebe Schwester Inge!

Nun liegt Deutschland schon wieder drei Wochen hinter mir! Die alte

Hannah Tillesen ist wieder einmal tot, und die höchst respektable Mrs.

Higgins sitzt statt ihrer hier bei Mann und Boys auf dieser ehrenwerten

Insel.

Ach, Inge... Seit ich wieder hier bin, ist mir Etwas Gräßliches

passiert! Stell’ Dir vor: ich finde die Engländer nicht mehr komisch!

Ja, Kerlchen, Du lachst! Aber für mich ist’s traurig! Ich habe die

Gebrauchsanweisung für das People verloren! Nun fängt es an, mir

fürchterlich zu werden...

Inge... Inge... Was mache ich, wenn es Krieg zwischen uns giebt? Ihr

drüben denkt natürlich nicht daran. Ihr habt ein reines Gewissen wie

die Waisenkinder am Samstag Abend. Liebste Maus, über so was ist man

hier weit erhaben. Die Gesellschaft hier ist nachgerade zu Allem fähig.

Es ist schamlos, wie sie gegen Euch hetzen. Namentlich mein großer

Schwager Higgins in seinen Zeitungen. Dabei ist es so glorreich, einen

Baronet zum Verwandten zu haben. Wir liegen vor ihm auf dem Bauch.

Dafür sind wir freie Briten. Augenblicklich sitzen wir und lauern

wahrhaft angstvoll, ob er uns vielleicht zum nächsten Wochenende nach

London einlädt, um einen Blick in die Season zu tun. Oder gar auf

seine Yacht zur Kieler Woche? Aber das wär’ zu viel! Der Reverend hat

erst in seiner letzten Predigt vor irdischer Vermessenheit gewarnt.

Inge -- was stelle ich denn nur hier mit den Engländern an? Wenn man

sie erst richtig erkannt hat, wird man an ihnen direkt elend. Drüben im

College sitzt mein Mann in seinem Studiencabinet. Er hat augenblicklich

eine Laus unter der Lupe, ein ganz verschmitztes Tier, das, ohne selbst

dabei krank zu werden, irgend eine Unannehmlichkeit von einem Lebewesen

zum andern überträgt. Du, im Vertrauen, die Engländer sind auch nicht

viel anders.

Sie verhetzen die ganze Welt gegen Euch! Jeden Tag wird es schlimmer.

Manchmal frag’ ich mich: Wo soll denn das hinaus? Warum merkt Ihr denn

nichts? Sie hassen uns wie die Sünde, weil wir die Arbeit erfunden

haben. Nämlich die eigene Arbeit, statt daß die Nigger für Einen

schuften. Gegen einen Weißen, der arbeiten will, ist uns, den Christen,

jede Notwehr erlaubt. Frag’ nur meinen Schwager Higgins. Dieses

herrliche M. P. kriegt jeden Morgen das Lügen, wie ich das Nießen. Auf

die Weise entsteht ein Penny-Abendblatt. Sie sind voll blödwitzigem

Dünkel, und dabei haben sie vor uns eine Heidenangst. Nun reim das mal

zusammen. Sie sind eigentlich alle wie ihre alten Jungfern, die hier

rudelweise herumrennen. Ganze Kerle sind nur ihre Suffragettes. Du, die

hab’ ich gern, weil sie das People so piesacken! Neulich haben sie erst

wieder unter gräßlichem Geschrei sieben Bilder in der Nationalgalerie

mit Beilen kaput gemacht. Einen Minister haben sie auch geohrfeigt!

Famos! Denk’ Dir nur: einfach so Klatsch mitten in die steifleinene

Visage! Hurrah! Da möcht’ ich immer gleich mit! Aber Jerôme K. Higgins

findet, das sei nicht ladylike. Er hat leider Gottseidank Recht. Hier

in Oxford weht ja noch eine mildere Luft. Hier sind wir gebildet und

haben wenigstens einen schwachen Schimmer von Etwas außerhalb von

England und seinen Kolonien. Aber sonst ... ach, Inge... Es wird doch

keinen Krieg geben...? Sie reden hier immer ganz friedlich davon, wie

vom Wetter. Ich bin ja dann wie der Frosch zwischen den beiden Enten.

Ich mag gar nicht nach Kiel, so sehr es mich auch freuen würde, Dich

da vielleicht von Lübeck aus zu treffen. Ich mag nicht mehr nach

Deutschland. Es hat etwas Närrisches, wenn wir uns da verbrüdern und

uns die biedere Männerrechte schütteln und dabei die linke Faust im

Hosensack ballen! Inge: Sie leimen Euch! Sie kommen auch nur zu dem

Zweck nach Kiel! Paß’ auf!“

Die Sonne schien durch das Blätterdach vor den Fenstern in goldenen

Lichtern auf den Blondkopf, den Mrs. Hannah Higgins über die

Tischplatte neigte, während sie den Brief an ihre Schwester Inge

Tillesen vollendete: „Fertig, Inge! Und nun verbrenn’ den Wisch. Du

brauchst mir nicht zu antworten. Schicke mir lieber endlich einmal

Deine Verlobungsanzeige. Aber bleib’ im Lande! Verheirate Dich dort

redlich. Glaub’ der Stimme überm Meer: Es ist besser!“

Das Higginssche Haus lag, die kleinen Fenster von wildem Grün

umsponnen, mitten in den Mauerresten der mittelalterlichen

Stadtumwallung von Oxford. Nach rückwärts sah man auf die saftigen

Wiesengründe und hundertjährigen Eichen des Parks von St. Paul’s

College, an dem Professor Higgins lehrte. Zahmes weißes Damwild äste

da in Rudeln inmitten der Stadt. Der riesige Angora-Kater des College

dehnte sich süffisant wie ein Lord unter den Tieren in der Sonne.

Dahinter wölbten sich die Kreuzbogengänge und Spitzfenster, hoben

sich die uralten Mauern und Glockentürme, Erker, Nischen und Kapellen

der einstigen Klosterschule, einer der vielen der Universität, alle

im Äußern noch aus der Zeit, da die Wissenschaft sich scheu wie ein

Küchlein unter die wärmenden Fittiche der Kirche duckte. Aus jeder

dieser ehemaligen Mönchzellen hätte jetzt noch Dr. Faust mit seinem

Famulus zum Oster-Spaziergang heraustreten können. Nun hauste dort

in drei reichen Räumen je ein glattrasierter jüngerer, angeblich

studierender Sportathlet aus der Gentry des Vereinigten Königreichs.

Den Luxus, der ihn hier umgab, war er von Klein auf aus seinem

elterlichen Tudor-Hall oder Castle auf hohem Hügel in grüner Landschaft

gewohnt. Wozu gab es sonst die Hunderte von Millionen dunkelhäutiger

Menschen auf der Welt als zur Frohnde für dies fröhliche Alt-England?

Das deutsche Wunder: Roman · 第 7 / 29 段