Er zog den Frack an und folgte mit umwölkter Stirne und unruhigem
Gemüt den vorausgegangenen Damen. Im Letzten des Herzens verachtete
sein asiatischer Hochmut diese reichen Kaufleute da unten. Er kannte
zu genau ihre Schwächen, stieß sich mit seinem kühlen und methodischen
Kopf fortwährend an dem inneren Widerspruch dieses Landes, das keine
Flotte, aber riesige Kolonien besaß, das kein eigentliches Heer
hatte, aber sich die stärksten Festungen der Welt baute, das ein
neutraler Kleinstaat war und trotzdem mit heimlichen Fingern an den
gefährlichsten Kanten der Weltgeschichte mitwob. Ihm schien Alles
zwischen Maas und Yser aus zweiter Hand, eine französische Legierung
mit englischem Stempel ohne eigenen Wert. Es hatte keinen Zweck,
vor diesen Herren Philipon und Termuylen, Andriot und de Meester,
Vandenbergh und Leroux sein Licht leuchten zu lassen. Sie waren gute
Kaufleute, aßen gern gut, tranken gern gut, behängten ihre Frauen mit
Diamanten und Perlen, ließen bei sich und Anderen fünf gerade sein und
im Übrigen ... man dachte in Belgien nicht gerne über den Tag hinaus.
Dazu war man zu leichtlebig und oberflächlich. Nicolai Schjelting
schwieg zwischen ihnen mit seinem rätselhaftesten Lächeln. Wenn er
einmal in seiner Eifersucht seine Frau aus den Augen ließ, fühlte er
von Neuem den Widerwillen gegen die innere Zuchtlosigkeit, die ihm die
Formel für Belgien zu sein schien. Kein Mensch hier ahnte eine irdische
Gewalt über sich. Man lebte in einem Königreich, aber man kümmerte sich
nicht um den König, man bildete einen Staat, aber man sprach und dachte
nur als Vlame oder Wallone, man hatte eine Hauptstadt, aber das Ziel
aller Sehnsucht war doch Paris.
Nur einmal wurde er lebhaft, als neben ihm Einer der Kaufherren auf
Französisch zu dem anderen versetzte:
„Warum ich Charles nach Köln auf die Handelshochschule geschickt habe?
Aus demselben Grunde wie Andriot seinen Sohn auf das Polytechnikum nach
Karlsruhe. Sie müssen von den Deutschen Etwas lernen. Sonst kommen sie
nicht mit... Die deutschen Kaufleute sind ja bei uns schon beinahe die
Herren der Stadt. Antwerpen ist ein deutscher Hafen!“
„Im Frieden!“ sagte Nicolai Schjelting. Die Belgier blinzelten sich
zu. Sie wußten wohl, warum die Geschütze der Maasfestungen gegen
Deutschland zielten, warum der Fortgürtel wohl zu Lande Antwerpen
umgab, aber die Einfahrt durch die Schelde den Briten freiließ. England
wollte das so. Keine Gummiladung kam ohne seinen Willen vom Kongo. Und
vom Kongo lebte man.
Krieg und Kriegsgeschrei. Madame Termuylen frug:
„Hat die große französische Generalstabsreise an unserer Grenze
eigentlich schon angefangen?“
Und der Hausherr wußte durch seinen Schwiegervater, den alten General
de Rigolet in Paris, Bescheid.
„In den nächsten Tagen! Beinahe dreihundert Offiziere. Sie bilden zwei
Parteien. General Ruffey führt die Roten. General Castelnau stellt die
Preußen dar. Er hat die Blauen unter sich!“
Herr Lambert war ein großer, starker, lebensfroher Mann mit rosigem
Gesicht und goldenem Vollbart, das Urbild eines Rembrandt-Deutschen,
wenn er auch kein Wort deutsch sprach. Er lenkte das Gespräch wieder
auf Weizen und Wolle ab. Wozu sich die Verdauung stören? Krieg -- was
war Krieg? Man spielte mit dem Krieg, weil man ihn nicht kannte, und
legte das Spielzeug wieder weg. Und vergaß es bis morgen. Schjelting
fühlte das und verstummte wieder unter den Kaufleuten.
Nie war Brüssel üppiger, glänzender, heiterer gewesen, als in diesem
jungen Grün zu Anfang Mai 1914. Längs der Blumenpracht der Place
Botanique sah man Schneiderträume von Toiletten wie in Paris, die
Limousinen in der Rue Royale zeigten französischen Luxus, über den
Boulevard Anspach unten flutete ein Leben wie an der Seine. Nicolai
Schjelting nur war mißvergnügt, unruhig, vereinsamt. Ihn drückte dieses
satte, gedankenlose Behagen, dies Sporttreiben, Flanieren, galanten
Abenteuern Nachgehen und Geldverdienen, als sollte ewig Friede auf
Erden bleiben.
Gottseidank! Nun wurde sein Traum wieder zu rothosiger, knebelbärtiger
martialischer Wirklichkeit. Er war mit seiner Frau und ihren Eltern
im Auto hinaus nach der französischen Grenze gefahren. Aufatmend sah
er wieder die Generale der Verbündeten, diese kleinen, energischen,
beweglichen Herren in goldenem Käppi, sah die Blüte des jüngeren
französischen Offizierskorps, das sie auf der großen Generalstabsreise
begleitete. Dazwischen als Zaungast in Zivil der greise Rigolet.
Der Haudegen von 1870 war hier im Widerschein des Krieges aufgelebt
wie ein alter Schwadronsgaul beim Attackensignal. Mit jugendlichem
Eifer erklärte er den Seinen die Lage. Blau und Rot rangen hier
zwischen Sambre und Maas. Der Oberstleutnant Grégoire war so nahe
herangeritten, daß die Vorderhufe seines Schimmels fast den weißen
belgischen Grenzstein rührten und wies, ein Auge zukneifend, mit dem
Reitstock nach Links. Dort lag das Schlachtfeld von Malplaquet. Dort
waren die Engländer schon früher einmal gewesen. Und der blonde,
gefährliche Leutnant Schouman, der bis dahin still mit Ghislaine
geliebäugelt, verriet es durch ein Lächeln: Man konnte sich auch
noch eine dritte Armee vorstellen, eine khaki-gelbe, die den Blauen
von der Nordsee her in die Flanke fiel. Aus ihren Reihen sang es:
‚~Are you down-hearted?~‘ und die Dudelsackpfeifer spielten die
Schottenmärsche ihres Clans.
Der General de Rigolet begleitete die Seinen zu einem kurzen Besuch
nach Brüssel. Er hatte noch Augen wie ein Luchs. Nah von Namur
veranlaßte er durch einen Zuruf den Chauffeur zu halten und lachte aus
vollem Hals.
„Ah ... auf der Schmetterlingsjagd, Mr. Nicholson?“
Der Hauptmann Nicholson vom Londoner Nachrichten-Departement, der
unvermutet aus dem Wiesengrund neben der Straße auftauchte, trug eine
grüne Botanisiertrommel über dem graugewürfelten Sportanzug und einen
Käscher in der Hand. Er sagte ganz ernst, nach der Begrüßung und
Vorstellung:
„Sollte man glauben, General, daß ~Sphinx nerii~ hier vorkommt? Es
müssen Oleanderbäume in der Nähe sein. Sonst sah ich diesen Schwärmer
am meisten bei Pola und Cattaro.“
„Verstehen Sie denn wirklich etwas davon?“
„Wissen ist Macht! Ich entsinne mich, daß ich einmal bei Wilhelmshaven
einem Gendarm den seltenen Apollo vorweisen konnte. Aus der Familie
Parnassus. Der Gendarm war sehr befriedigt. Immer besser, man hat ein
Ziel. Es war ja schimpflich: die Deutschen dachten anfangs, ich wollte
da spionieren.“
Der greise Troupier mußte lachen. Er klopfte dem Britten jovial auf die
Schulter.
„Und was machen Sie denn hier?“
„Er ist ein ganz harmloser Entomologe!“ erklärte Nicolai Schjelting.
Unter dem Zahnbürstenschnurrbart des Captain zuckte es von einer
freimüthigen Heiterkeit.
„Schmetterlingssammler sind wir schließlich alle!“ sagte er zu den
Andern. „Es ist eine liebliche Gegend! Ist sie’s nicht?... Nun, leben
Sie wohl!... Ich muß weiter...“
„Einen Augenblick!“
„Was denn?“
„Sie haben hier ein Blatt mit Ihren wissenschaftlichen Notizen
verloren!“ sagte Nicolai Schjelting. Er hatte es aus dem Staube
aufgehoben und scheinbar unwillkürlich lasen dabei seine Augen die
ersten Zeilen in englischer Sprache: „Vorwärts über Fosse bis Floreffe
65 Kilometer gute Straße. Kein Überblick mehr. Keine Gelegenheit,
Artillerie in Stellung zu bringen. Vorsicht vor der Steilfeuerwirkung
von Fort St. Heribert...“
„Oh -- geben Sie bitte!“
„... Fliegeraufklärung von Charleroi aus wegen der Luftwirbel im
Sambre-Thal schwieriger als über Givet-Dinant längs der Maas. Elf
Eisenbahnbrücken zwischen Namur und...“
„Oh -- geben Sie doch!... Danke! danke sehr!“
Der Naturfreund barg eilig das Blatt in seiner grün-lackierten Trommel.
General de Rigolet nickte.
„Ah -- ich kenne diese wertvollen Winke!“ sagte er befriedigt. „Es sind
Auszüge aus dem geheimen Handbuch über militärische Operationen in
Belgien, herausgegeben vom Englischen Nachrichtenamt! Ich hab’ es auch
daheim bei mir in Paris...“
„Hüten Sie es nur vor Unberufenen, General!“
„Parbleu -- ich lasse es nicht in fremde Hände fallen! Es ist streng
geheim! Ihr habts Euch sauer werden lassen -- Ihr da drüben! Eine
Riesenarbeit steckt darin!“
„Man sieht es!“ sagte Nicolai Schjelting mit einer leichtverbindlichen
und liebenswürdigen Kopfneigung gegen den Mann mit dem
Schmetterlingsnetz. Alle Drei, der Engländer, der Russe und der
Franzose lachten.
„Well! Gutes Jagdglück, Captain!“
„Angenehme Fahrt!“
Das Auto rollte dahin. Schjelting schaute dem schon wieder munter einen
Hügel hinaufkletternden kleinen Gentleman nach und frug:
„Ist denn hier an dieser simplen Thalecke wirklich etwas Besonderes
los?“
„Du bist ein Laie, mein teurer Nicolai! Von dieser Stelle aus sieht man
ja alles!“
„Was denn, zum Beispiel?“
Der alte General legte den Kopf zurück und wies auf einen steil
abfallenden, mit niederem Gestrüpp überwucherten Höhenrücken.
„Wo sich der Berg vom Himmel abhebt -- siehst Du da nicht, kaum
merklich, eine Wölbung im Erdreich?“
„Ja ... und was ist das?“
„Ein fast uneinnehmbarer Punkt: das Fort Malonne!“
„So?“
„Nichts Geringeres als das Fort Malonne! Hut ab! Du bist vor einer der
wichtigsten Stellen dieses bewunderungswürdigen kleinen Belgiens! Wir
Franzosen haben unsere Maaslinie bis an die Zähne verschanzt. Aber nach
unten, jenseits der französischen Grenze, war sie offen. Da sprangen
unsere heroischen Nachbarn für uns in die Lücke. Sie bauten ihren
Maasgürtel gegen die Teutonen! Das englische Heer kann unbehindert
dahinter aufmarschieren!“
Beide blickten befriedigt und wohlwollend lächelnd auf Monsieur
Lambert, in dem sich ihnen für diesen Augenblick Belgien verkörperte.
Der fuhr aus einem kleinen Schläfchen auf. Er war etwas verwirrt. Er
hatte sich nie viel um diese Dinge gekümmert. Festungsbau war nicht
sein Geschäft. Man zerbrach sich hier zu Lande nicht gern unnötig den
Kopf. Das war Sache der Regierung. Er saß zufrieden lächelnd da, selbst
in seinem rosigen und etwas feisten Blond ein Abbild der Blüte des
Landes, durch das sie dahinjagten. Sie umkreisten Namur, durchmaßen
die prachtvollen Buchenwälder von Ottigny, näherten sich Brüssel. Aus
fieberndem Menschen- und Autogewühl, dem Geschrei der Verkäufer, dem
Lichtglanz der Läden schlug ihnen der heiße Hauch von Klein-Paris
entgegen. Sie hielten vor dem Palasthotel am Bahnhof, um dort den
General abzusetzen. Dabei zuckte Nicolai von Schjelting nervös zusammen.
„Da ist er wieder!“ sagte er zwischen den Zähnen.
Ein Herr in den Dreißigern, in grauem Sommeranzug, den Strohhut auf dem
gebräunten Kopf, den leichten Sommermantel über dem Arm, ging rasch und
straff aufgerichtet über den Platz nach dem Bahnhof. Ein Hausdiener
trug ihm seinen Reisekoffer hinterher. Beim Anblick Schjeltings flog
ein Lächeln über sein schnurrbärtiges Gesicht. Die Andern schauten ihm
nach.
„Da geht er nun heim in das Land Wilhelms!“
„Je nun: Hier in Brüssel ist neutraler Boden! Hier trifft sich Freund
und Feind!“
„Das wissen wir, mein lieber Schwiegersohn! Ich wüßte lieber seinen
Namen!“
„Janssen hat ihn mir neulich genannt!“ sagte Nicolai von Schjelting
finster. „Ein Hauptmann Isebrink!“
„Ah -- der!“
„Kennst Du ihn?“
„Bei uns in Paris kennt man ihn wohl!“
„Sieh nur diese Haltung: Ein Preuße, wie er im Buch steht!“
Der General de Rigolet de Mezeyrac schwieg eine Weile. Dann sagte er:
„Ein Preuße -- ja ... aber ich wünschte, wir hätten noch mehr solche
Kerle auch bei uns!“
III.
„Heil Dir im Siegerkranz...“
Langsam neigten sich die Fahnen aus der langen Glitzerreihe
präsentierter Gewehre vor Kaiser Wilhelm II., der an diesem achten
Maitag des Jahres 1914 die Front seiner Truppen im Elsaß abritt.
Er hielt den Marschallstab in der Hand. Sein Auge blickte ernst.
Preußische Strenge furchte die federbuschumflatterten Generalsköpfe
seines Gefolges.
Tiefer senkten sich die Banner vor ihrem Kriegsherrn, berührten mit
ihrem meist noch unzerschossenen und unbefleckten Seidengebausch den
Rasen. Die Mehrzahl dieser Bataillone war noch jung. Der lange, nun
schon fast fünfzigjährige Frieden hatte sie entstehen sehen. Es war
nicht Erinnerung an Großtaten, sondern Hoffnung und Bereitschaft vor
den Schleiern der Zukunft, was feierlich und brausend aus allen diesen
Musikkapellen, zwischen diesem Wall von Mann und Roß aus Erz erklang:
„Heil Dir im Siegerkranz,
Herrscher des Vaterlands,
Heil Kaiser, Dir!“
In weitem Bogen schauten von der Hochlandsburg bis Drei Ähren die
Schlösser und Hügel und blauen Höhen des Wasgenwaldes auf die Kolmarer
Ebene hernieder. Die Nacht hindurch, den ganzen Vormittag hatte es
in den Schluchten der Hochvogesen wie von einem Maigewitter geblitzt
und gegrollt. Noch jetzt war dort, gegen die französische Grenze
hin, die Manöverübung nicht ganz zu Ende. Da unten aber rückten
schon, von der Parade kommend, die Regimenter unter klingendem
Spiel in Kolmar ein. Rufacher- und Vauban-Straße, Rapp-Platz
und Marsfeld-Wall, Turenne-Straße und Judengasse wimmelten vom
bunten Farbenspiel der großen Garnison. Viele Stämme, viele Gauen
Deutschlands marschierten da zwischen den mittelalterlichen Häusern
der einstigen Freien Reichsstadt. Grüne Rheinische und Mecklenburger
Jäger, himmelblaue Kurmärkische Dragoner, blaurote Oberelsässische
Infanteristen, graugrüne Jäger zu Pferd, Badische Kanoniere, ernste
dunkle Hohenzoller’sche Fuß-Artillerie, Württemberger Fußvolk,
Festungs-Fernsprech-Kompagnien, Straßburger Pioniere, das Alles
flutete in die offenen Kasernentore, zog durch zum Bahnhof, bildete
lange Staubschlangen draußen im grünen Land, wo der Klotz von Breisach
trotzig den Übergang über den Rhein bewachte und fern sich das
Straßburger Münster hob.
„Donnerwetter, Isebrink!“
„Isebrink als Schlachtenbummler!“
Paul Isebrink trat an den Rundtisch heran, wo die Herren, noch bestaubt
vom Dienst, bei einem Mittagsschoppen saßen, und salutierte lachend mit
dem Spazierstock wie mit einem Säbel.
„Melde mich gehorsamst zur Stelle! Wie meinen der Herr Major? Zu
Befehl: Ich bin heute in aller Herrgottsfrühe aus Belgien in Metz
angekommen und benutze den halben freien Tag, um rasch zu meinem alten
Regiment herüberzuspritzen!“
„Er ist nämlich hier im fünfzehnten Armeekorps bekannt wie ein bunter
Hund!“ erklärte der Major einem frisch herversetzten Hauptmann.
„Na -- wo denn nicht?“
„Bei den Türken war er auch schon zwei Jahre!“
„Vielleicht gehe ich nächstens wieder hin!“
„Nanu!“
„Wenn ich will, kann ich jeden Augenblick! Und ich hab’ halb und halb
Lust!“
„Prost Isebrink!“
„Prost! Na Kinder -- Euch haben sie ja, scheint’s, heute die
Hammelbeine tüchtig langgezogen!“
„Vor allem Ihrem Regiment Weimar! Glauben Sie ja nicht, daß Sie das
hier unten treffen! Das sitzt noch friedlich an der Schlucht oben in
den Vogesen, biwakiert, glaub ich, auch dort!“
„Tut nichts! Vläming nimmt Sie mit! Er autelt doch am Abend hinauf!“
„Mit Vergnügen, Herr Hauptmann!“ sagte vom Nebentisch der lange, hagere
Fliegerleutnant, Graf Vläming.
„Haben Sie heute Kleinholz gemacht?“
„Ausnahmsweise: ja!“
„Was kommt dort von der Höh? Er ist nämlich unter furchtbarem Skandal
oben auf einer Tanne gelandet!“
„... weil einen die Grenze unsicher macht! Soll die der Kuckuck
von oben unterscheiden! Und wenn man sie überfliegt, giebt’s ein
Mordgeschrei!“
„Dabei tragen sie bei uns die französischen Zirkusflieger beinahe auf
den Schultern herum!“
„Und ein anderer Franzose zerhaut inzwischen die Denkmäler in der
Sieges-Allee!“
„Wir lassen uns ja Alles gefallen!“
„Übrigens: die Franzosen halten auch dicht hinter der Schlucht
eine Geländeübung ab“, sagte Graf Vläming. „Ich hab’ deutlich die
Tellermützen gesehen.“
„Alpenjäger?“
„Ja. Und bei den Roches du Diable drüben ... wenn sie da nicht in dem
Hotel Betten sonnten, dann waren das Rothosen!“
„Also 20. Armeekorps, 149. Regiment!“ sagte Paul Isebrink.
„Wie Sie das so im Kopf haben...“
„Der kennt alle Armeen auswendig!“
„Na -- nun laßt mich ’mal aus dem Spiel! Das ist nicht so interessant!“
„Das wissen Sie, Isebrink, daß die 99er neulich wieder mit Sang und
Klang in Zabern einmarschiert sind?“
„Und das Volk hat wohl mit faulen Äppeln geschmissen?“
„Hurrah haben sie geschrieen!“
„Verhetzt waren sie nur!“
„Ja, wer hetzt denn nicht?“ sagte der Hauptmann Isebrink.
„Herrschaften, die Welt ist ja längst wahnsinnig geworden! Ihr merkt
das nur nicht so, weil Ihr nicht so herauskommt!“
Draußen auf der Straße gingen einige Notabeln an dem offenen Fenster
vorüber. Sie sprachen laut und sichtlich betont Französisch.
„Giebts denn Krieg, Isebrink?“
„Wie soll ich’s wissen? Ich wundere mich jeden Tag, daß die Geschichte
immer noch hält! Also Graf Vläming, Sie rufen mich gütigst, wenn Sie
losgondeln wollen! Ich lasse mir unterdessen hier ein Zimmer geben und
erledige einen Brief.“
„Jawohl, Herr Hauptmann!“
Oben schrieb Paul Isebrink zunächst die Adresse: „Fräulein Ingeborg
Tillesen in Wiesbaden, Sonnebergerstraße 439.“ Dann weiter:
„Meine liebe Freundin!
Ihren Brief aus Moskau kann ich erst heute beantworten. Unsere
deutschen Briefkästen sind blau und treu, wie unten unsere Soldaten.
Im Ausland giebt es schwarze Kabinette. Wir Beide teilen uns --
weiß Gott -- keine Staatsgeheimnisse mit. Aber es ist mir doch
ein widerwärtiger Gedanke, daß so ein Belgier oder Russe in dem
herumschnüffeln sollte, was wir uns schreiben...“
Auf dem Pflaster schütterte immer noch der Marschschritt, schrillten
die Querpfeifen, rasselten die Trommeln. Isebrink sah hinab... Aha --
die 30te Division, Straßburger Bataillone, die an der Ecke drüben zum
Bahnhof einschwenkten. Vielleicht die Brigade Ludendorff. Im Kaffeehaus
unter Isebrinks Fenster saßen an einem nach Pariser Art auf die Straße
gerückten Tischchen ein paar junge Französlinge mit blauer Hemdbrust,
weißem Stehkragen und roter Halsbinde, und zu den Farben der Tricolore
die blutrote Boulanger-Nelke im Knopfloch. Sie lachten, die Hüte im
Genick, frech zu den müden und verstaubten Truppen hinüber.
„Aber habe ich Ihnen überhaupt etwas zu schreiben, liebe Ingeborg? Man
kommt sich manchmal schon ganz dumm vor, als der getreue Eckart in
Uniform. Ihr glaubt Einem ja nicht. Sie wenigstens! Mit Ihrem Amerika!
Ich habe eben den Kaiser gesehen. Neulich Poincaré und den König
von England. Und gestern noch Albert von Belgien. Das muß man sich
gegenüber halten, wenn man sagt: Gottseidank, ich habe unsern Kaiser
gesehen! Wir sind ja in Deutschland nie zufrieden. Aber was sind
diese gekrönten Häupter da drüben gegen ihn? Diese Schwatzmichel von
Advokaten, die in Zylinder und Regenschirm Paraden abnehmen. Unser Heer
hat wirklich einen Herrn. Unsere Flotte auch. Er geht von hier nach
Metz, fährt nach Helgoland. Er ist immer im Dienst. Und wir mit ihm und
unter ihm. Das klingt ja in Ihrem Amerika sehr neckisch: ‚jeder für
sich!‘ Aber, liebes Kind, wenn wir das sagen wollten, mitten im Herzen
Europas, so hätten wir in Kurzem die Kosacken in Berlin und die Turkos
in Wiesbaden. Wir haben uns ja schon tausendmal darüber gestritten. Es
ist um die Wände hinaufzugehen, daß Sie das nicht einsehen!“
Die Straße unten war jetzt frei von Marschkolonnen, aber voll
Menschen. Durch das neugierige Gewoge schritt ein ältlicher Abbé im
Priestergewande, mit verkniffenen Zügen, lebhaft auf Französisch mit
seinen Begleitern plaudernd. Alles sah ihm voll Interesse nach. Manche
grüßten.
„Eben ging der alte, ehrliche Wetterlé unten vorbei. Der ist eigentlich
eine wandelnde Reklame für uns -- sozusagen die erste Schwalbe, die
den Krieg anzeigt! Möchten Sie es doch in letzter Stunde kapieren,
Ingeborg, daß ich nicht zum Spaß so ernst bin! Bald ist es vielleicht
zu spät! Ich bin doch wahrhaftig mit allen Hunden gehetzt. Ich weiß
mehr als Andere, Vieles, was ich nicht sagen darf. Eben wird mir das
Auto gemeldet. Ich darf die Herren nicht warten lassen. Auf Wiedersehen
in Wiesbaden! Ich habe immer noch Hoffnung, daß Einer von uns Beiden
nachgiebt. Ich sicher nicht. Aber Sie sind ja das, worauf Sie so stolz
sind: ein freier Mensch! Gebrauchen Sie diese Freiheit, um sie zu
opfern...“
„Herr Hauptmann stammen aus dem Regiment Bernhard von Weimar?“ frug
Graf Vläming, während der graue Kraftwagen knatternd das Münstertal
entlang schoß. „Eigentlich ’ne tolle Garnison... Dagegen sind ja
Mörchingen und Dieuze der reine Zucker!“
„Solche Drecknester haben auch ihr Gutes! Da setzt sich der Mensch
aus reinem Stumpfsinn hin und arbeitet. Wir waren da vier strebsame
Männerchen mit der versteckten Absicht auf die Kriegsakademie. Da
ließen wir uns mit vereinten Kräften einen russischen Studenten aus
Berlin als Lehrer für die Aussprache kommen und das nächste Jahr eine
englische Miß -- Nee, lachen Sie nicht -- ein richtiges Scheusal und
längst aus dem Schneider! Die brachte Einem nun so den Zungenschlag
bei! Na und Französisch, das lernt sich ja hier von selber. So kommt
der Mensch eben schließlich in den Generalstab!“
„Beneidenswert!“
„Gott... Glück!“
Der Kraftwagen hatte die Stadt Münster hinter sich gelassen und stieg
mit donnernder Auspuffklappe steil durch dunklen Hochwald in die
Vogesenschluchten empor. Mächtig wölbte sich zur Rechten das Sulzer
Belchen. Man war schon ganz nahe an der französischen Grenze.
„Sagen Sie ’mal: wo stecken denn nun eigentlich unsere Kriegsknechte?
Die sind doch nicht etwa in der Zerstreutheit nach Frankreich hinüber
geklettert? Wir wollen doch mal den Meldereiter da fragen! Gleich um
die Ecke lagert das Regiment? Na -- famos!“
Ein Halloh im Biwak auf der grünen Maienmatte, über der sich hoch
und kahl im Halbbogen der Grenzkamm der Vogesen wölbte. Graf Vläming
dachte sich: So möchte ich auch einmal von den alten Kameraden begrüßt
werden, als der Stolz des Truppenteils, von dem es in zwanzig oder
fünfundzwanzig Jahren heißt: General der Infanterie von Isebrink ging
aus dem Regiment Bernhard von Weimar hervor. Steht ~à la suite~.
Im Kasino hängt sein Bild. Die gestickten goldenen Eichenblätter am
Kragen, die schlichte hohe Hausnummer auf den Achselstücken...
„So... Bitte an meine grüne Seite!“ sprach der Oberst von Münzingen.
„Ich habe schon viel von Ihnen gehört! Ihr Geist lebt sozusagen unter
uns Bernhardinern weiter! Na, Graf Vläming, wann holen Sie nun Ihre
Luftdroschke von den Bäumen runter?“
„Wenn der Vollmond aufgeht, Herr Oberst! Hoffentlich sind die Kerle
drüben bis dahin weg -- die brauchen auch nicht Alles zu sehen!“
„Na, wir fangen jetzt schon an, sachte abzubauen!“ sagte Hauptmann
Vierling von der Fußartillerie. „Ich hab’ eben schon runtertelefoniert!
Aber fein war’s -- was, Elsterburg?“
„Keine Katze hat uns entdeckt!“ meinte der Pionierleutnant stolz.
„Nicht einmal unsere eigenen Flieger!“
„Wo haben Sie denn nun eigentlich Ihre Brummer versteckt?“
„Suchen Sie sie doch! Sie sehen sie auf zehn Schritte nicht.“
„Ach, die Batteriestellung am Eck, hinter Stoßweier, zweihundert Meter
nördlich von der Mühle?“ frug Paul Isebrink. Die beiden Herren im
dunklen Sammtkragen entsetzten sich.
„Woher wissen +Sie+ denn das?“
„Ich hab’ im Vorbeifahren das künstliche Wäldchen gesehen. Wenn die
Bäume echt wären, könnte das Gras dahinter im Schatten eigentlich doch
nicht so dicht wachsen, nicht wahr?... Herrgott, Güldenpfennig! Sie
waren doch Einjähriger in meiner Kompagnie?“
„Zu Befehl, Herr Hauptmann! Ich mache schon meine vierte
Offiziersübung!“