zuckte verbissen zwischen dem schwarzen Knebelbart vor ihm.
„Ah! Wir sind bereit!“
„Das hofft Europa von seinen Tapferen!“
„Sie selbst haben nicht gedient, Herr von Schjelting?“
„Ich versuchte es als junger Mann bei den Chevalier-Garden in
Petersburg! Aber leider ließ es meine Gesundheit nicht zu!“
„Nun -- dafür ist er stark hinter der Stirne!“ sagte der alte gallische
Haudegen gutmütig. Über das, was er keinem Franzosen verziehen hätte,
sah er bei dem russischen Großschwiegersohn mit Stolz hinweg. „Du
willst schon fort? Ah -- man läßt Dich nicht!... Wie? Du mußt zu
Iswolsky!... Das ist freilich etwas Anderes...“
Weit draußen im Westen, noch hinter dem Invalidendom, lag wie eine
glimmende Kohle auf einem Pulverfaß die russische Botschaft. Schjelting
betrat den Palast des Mannes, der hier seit Jahren mit beiden Händen
Sturm säte und dabei den Sommer inmitten des Volkes, das er zu
verderben trachtete, friedlich auf seiner Besitzung am Tegernsee in
Oberbayern genoß. Er hatte eine längere Audienz bei dem gestürzten
Petersburger Minister des Äußeren. Dann rauchte er im Weggehen
eine Zigarette bei seinem Jugendfreund Wolkoff, der den langen,
schmächtigen, eleganten Großfürstentyp zur Schau trug, und hörte
lächelnd auf den Neid des Diplomaten.
„~Mon cher Nicolai!~ Du hast es besser als freier Mann! Es ist
nicht mehr das alte Metier! Sieh Dir doch diese Tiere an, mit denen
man hier umgehen muß! Hier auf unserem Seineufer sind ja noch einige
Häuser, wo man verkehren kann. Etwas Welt! Aber drüben... Wasche Dich,
so oft Du willst -- Du mußt doch gleich wieder einem Deputierten die
Hand geben! Diese Minister sind unmöglich! Ihre Frauen... ~Ah --
passons là-dessus!~“
„Sascha! Liebe diese Leute! Wir brauchen sie!“
„~Mais c’est dégoûtant!~ Im Sommer reist der Präsident der
Republik wieder nach Petersburg. Seine Majestät, der Zar, wird diesen
Advokaten auf die Wangen küssen...“
„Der Kaiser von Indien tut es heute auch!“
„Die Musik wird die Marseillaise spielen, die einen sonst bei uns an
den Galgen bringt. ~C’est une farce!~ Lüge -- gut! Dazu ist man
da. Aber dabei schlechte Manieren... Sie sind hier wie das Vieh am
Trog, wenn sie sich bereichern! Jeder nimmt! Alles stiehlt! Wir kämpfen
mit Scheckbuch und Kurszettel! Übrigens: Higgins ist in Paris!... Aber
Du hörst ja gar nicht zu!“
„Es ist merkwürdig, Sascha: kannst Du Dir vorstellen, daß man sich den
Kopf darüber zerbricht, was für eine Augenfarbe Jemand hat?“
„Wer? Higgins?“
Schjelting tat, als hätte er sich nicht längst mit dem Londoner
Zeitungskönig für diesen Nachmittag verabredet.
„Higgins? Wie kommst Du auf den? Higgins hat Augen wie ein toter
Schellfisch! Den meine ich nicht!“
„Wen denn? Einen Mann?“
„Einerlei!“
Alexander Wolkoff drehte sich listig lächelnd eine neue Zigarette.
„~Oh -- ce bon Nicolai!~ Ich bin entzückt! Ich begrüße Dich! Also
endlich einmal auch Du...“
„Blague!“
„Ich hätte es nicht mehr geglaubt...“
„Es ist auch ein unglückseliger Irrtum von Dir, mein guter Sascha!
Erstens bin ich seit sieben Jahren verheiratet. Zweitens hab ich gar
keine Zeit. Und drittens... ~enfin c’est ridicule!!~“ Er stand
auf. „Also ordnen wir die Affaire mit dem Crédit Lyonnais! Ich fahre in
den nächsten Wochen wieder nach dem Balkan. Man kommt nicht mit leeren
Händen nach Cettinje! Der Floh nimmt das übel!“
Der Floh war der König von Montenegro, so genannt, weil er ungefährlich
war, aber, einmal losgelassen, doch unangenehm biß.
„Leb wohl, mein Bester! Vergiß sie! Wohin jetzt?“
„~Les affaires sont les affaires!~ Ich frühstücke bei Macrî!“
Achille Macrî, der einstige levantinische Coulissier an der Pariser
Börse und jetzige Vertraute des russischen Handelsagenten, des
Geheimrats Raffalowitsch in Paris, selber und gleich ihm und den
Ephrussi ein Sohn der weizenreichen Stadt Odessa. Schreiende Pracht in
seinem Hotel in den Elysäischen Feldern. Gobelins und alte Niederländer
an den Wänden. Draußen fuhr ein Automobil nach dem andern vor. Ein
baumlanger Diener am Eingang des Empfangsaals rief die Namen:
~„Monsieur et Madame Bonvoisin!“~
Welche Menagerie ... sagte sich Nicolai Schjelting und betrachtete
diesen Deputierten, diesen kleinen, spitzbärtigen, dürftigen
Gewaltmenschen, mit dem goldenen Zwicker auf dem kalten
Geschäftsgesicht. Bei wem bist Du wohl Kostgänger? Für wen stimmst Du?
Wer zahlte Deine Wahl?
~„Monsieur et Madame Pollet!“~
Nun -- Dich kennt man! dachte Schjelting beim Anblick des grauköpfigen
Chefredakteurs der ‚~dernière heure~‘. Gamins und Spatzen pfeifen
es auf der Straße, wer Deinen dreistöckigen Zeitungspalast an den
Boulevards besoldet! Und einen zweiten in Petersburg. Das City-Geld
riecht nicht schlechter als anderes.
~„Le Chevalier de Massa!“~
De Massa ... de Massa ... ein langer, hagerer Südländer, der
wie ein ausgedienter Fechtmeister aussah... Richtig: einer
der Vertrauensmänner, die aus französischem Gold italienische
Druckerschwärze machten! Manches blieb auf dem Weg nach Rom und Mailand
hängen. ~Che volete? La mancia, Signore!~ Gesindel! dachte sich
Schjelting. Wolkoff, dieser Schwachkopf, hat recht. Sie mästen sich
wie die Schweine. Und er wandte sich, liebenswürdig lächelnd, zu dem
feurigen, wohlbeleibten, rosig rasierten und pechschwarz gefärbten
Gastgeber:
„Entzückend bei Ihnen, Monsieur Macrî! Wir armen Nordländer sind hier
im Land der Sehnsucht. Nur in Paris weiß man zu leben!“
Er saß zur Linken der Hausfrau. Die frühverblühte, diamantenübersäte
Griechin lebte auf, wurde warm und jung bei seinen lässig
hingeworfenen Histörchen aus der hohen Petersburger Welt. Oh --
sie liebte dies edelmütige Rußland! Sie war nie dort gewesen. Aber
wie bewunderungswürdig dies Volk, wie groß und gut der Zar! Rings
herum sprach man von Boulevard-Klatsch und Geschäften. Es gab nur
Zweierlei: Geld verdienen und es ausgeben. Die hier saßen, verdienten
alle an Rußland. Verdienten an den Emissionen der ewigen Anleihen,
verdienten an den Kursen, verdienten an den Eisenbahnen, verdienten
am Wechseldiskont, verdienten an den Maschinenlieferungen und der
Getreideausfuhr. Es war ein Schmatzen und Schlürfen die Tafel entlang,
wie von gutgenährten Tieren. Ihretwegen mochte es immer so bleiben!
Schjelting dachte an das Militär-Kasino an der Ecke der Opéra-Avenue.
Dort harrte die „Große Stumme“, harrte die Armee des großen Tags.
Aber diese Machthaber der Republik, diese Bourgeois, diese Jobber und
Geschäftspolitiker, gaben sicher dazu niemals das Zeichen. Gegen Ende
des Mahls sagte er plötzlich in seiner natürlichsten Art, einem kühlen
Dünkel:
„Einmal muß es ein Ende nehmen!“
„Mit diesem Menü? Ich stimme bei! Das Haus Macrî verwöhnt seine Gäste!“
„Sie nennen es Geschäfte! Unser Bauer nennt es Hunger. Er erntet den
Weizen. Das Brot ißt der Westen. Ihr kleiner Rentner in Frankreich hat
die Arbeitskraft unseres Muschik gepachtet.“
„Ah, mein teurer Monsieur de Schjelting! Gold gegen Korn. Beides ist
gelb!“
„Und wenn wir mit Beidem nicht mehr zahlen können?“
„Um Gotteswillen erschrecken Sie uns nicht!“
„Keine Angst, dann zahlt ein Dritter!“
„Wer?“
„~Vae victis~“, sagte Nicolai Schjelting wegwerfend. Einen
Augenblick erschien es über den Köpfen der steinern dastehenden Diener,
zwischen den alten Meistern im Goldrahmen, wie eine Flammenschrift
an der Wand. Die Gesichter wurden besorgt. Es war eine Stille. Nun
gewiß: man sprach davon... Jeder verlangte von dem Andern bei passender
Gelegenheit die große Geste. Man spielte damit. Aber Spiel war doch
nicht Ernst...
Nicolai Schjelting spuckte aus, als er draußen wieder im Wagen saß.
Päh -- dies Paris! Er spritzte sich etwas Kölnisch Wasser auf sein
Tuch. Dies Paris war eine Kloake. Sogar eine altmodische Kloake. Die
schmutzigen, papierübersäeten Boulevards, durch die er fuhr, wirkten
mit ihren Bierhäusern und Schundbazaren wie eine verstaubte Atrappe
von vorgestern, Theaterplunder, in dem die Fremden einander selbst
Komödie vorspielten. Briten und Yankees überall. Im Hotel Ritz, vor dem
sein Wagen zwischen hundert Luxuslimousinen hielt, hörte man jetzt zur
Teestunde durch das Fiedeln der Zigeuner mehr Englisch als Französisch.
Die Blüte der Londoner Gesellschaft wohnte hier und nebenan im Bristol.
Als ängstliche Schülerinnen saßen die Dollarprinzessinnen mit ihren
Eltern und äfften ehrfurchtsvoll die Frauen und Töchter der Lords
nach. Schjelting kümmerte sich nicht um dies New-York-Herald-Treiben.
Er fuhr in den ersten Stock hinauf und hatte dabei doch, in dieser
angelsächsischen Insel zu Füßen Napoleons, die Gewißheit: Nun bin ich
nahe den Nerven, die die Welt bewegen! Am Mittelpunkt aller Dinge.
Wie eine Kreuzspinne saß inmitten dieses Netzes, oben an seinem
Schreibtisch, Sir William Higgins, Mitglied des Unterhauses und einer
der Zeitungskönige der City. Glatt rasiert, hager, mit scharfen Zügen.
Schwer zu sagen, ob er dreißig oder fünfzig war. Hier gab es keine
gallischen Phrasen. Hier war alles Ruhe. Geschäft. Das größte Geschäft,
das je in der Weltgeschichte gemacht wurde und Weltkrieg hieß. Und
hoffentlich auch das beste.
Der ehrenwerte Higgins verfügte über ein herzliches Lächeln und einen
Händedruck, daß die Knochen krachten. Aber Nicolai kannte diese
Frische, diesen Freimut, der anscheinend gar keinen Zweifel aufkommen
ließ. Er schaute dem Andern kühl in die eisigen Augen.
„Also Ihr macht wirklich mit?“
„Ja.“
„Ihr laßt uns nicht im letzten Augenblick im Stich?“
William Higgins hatte für Alles eine Methode, wie der Franzose eine
Formel.
„Es giebt verschiedene Methoden zu leben!“ sagte er. „Unsere heißt:
wir sind zum Herrschen da! Die deutsche: wir sind zum Arbeiten da!
Sie befolgen sie so gründlich, daß auch wir arbeiten müßten, statt zu
herrschen. So zwingen sie uns zur rauhesten aller Arbeiten: dem Krieg!“
Er brach ab und fügte dann mit einem plötzlichen Sonnenschein des
Lächelns hinzu:
„Oder können Sie sich uns arbeiten denken, arbeiten wie die Deutschen?“
Auch Schjelting lachte.
„Nein!“ sagte er. „Da kämpft Ihr lieber. Aber unterschätzt die
Deutschen nicht. Ihr kennt sie viel zu wenig!“
„Ich doch! Mein eigener Bruder, der Professor in Oxford, hat leider
eine Deutsche zur Frau. Er hat leider in Deutschland studiert. So wurde
er leider der Schwiegersohn des deutschen Geheimrats Tillesen.“
„In Wiesbaden?... Sie ist doch nicht verheiratet!“
„Meine Schwägerin Hannah?“
„Oder ist das eine Schwester?“
„Ich kenne die Familie nicht!“ sagte William Higgins frostig. „Ich habe
es von vornherein abgelehnt. Beim Boxen reicht man sich vorher die
Hand. Aber dies wird ein Match bis zum bittern Ende. Nach den besten
Methoden der Untersuchung wird es acht bis zehn Wochen und fünfzig
Millionen Pfund kosten, bis wir unsere Hand auf Wilhelmshaven und
Helgoland haben!“
Er begleitete seinen Gast bis an die Türe.
„Es wäre weiser gewesen, die deutsche Flotte schon früher zu
vernichten. Wir steckten zuviel Geld in den Burenkrieg. Japan und die
Finanzierung des fernen Ostens waren auch teuer. Wir haben über den
ägyptischen Problemen und der Frage des Panama-Kanals Europa etwas
vernachlässigt. Keine Wahrheit ist ernster, als daß alles Versäumte
eine Guinea statt eines Shilling kostet. Nun -- die City wird das
Risiko übernehmen! ~Good bye!~“
Nicolai Schjelting verließ den Mann, für den die Welt ein einziges
großes Rechenbrett war. Er dachte sich: Wie klein ist dabei doch
die Welt! Dieser Mensch aus Holz und Leder weiß nichts von Moskau,
haßt Deutschland und ruft doch die Begegnung mit dieser Deutschen
in mir wach. Er fuhr sich ärgerlich mit der Hand über die Augen, um
das zu vergessen. Es war Zeit zur Bahn. In einem Buchladen kaufte
er sich für die kurze Reise noch ein paar Broschüren: „Die Teilung
Deutschlands“ -- „Preußens Ende“ -- „Das Lächeln des Elsaß“, wie sie
da, erst seit ein, zwei Jahren, reihenweise im Schaufenster hingen.
Aber am Nordbahnhof traf er Bekannte: den riesigen scharlachroten
Coldstream-Major vom Vormittag, der einen Freund in Zivil, den Captain
Nicholson vom Londoner Departement für militärische Operationen des
Kriegsamts, an den Zug brachte. Der Wagen war überfüllt. In Paris war
kein Bett mehr frei. So fuhren viele Fremde für die Nacht nach Brüssel.
Auch eine amerikanische Gesellschaft, die von diesem schläfrigen,
kleinen Nicholson vorgestellt wurde. Er gab sich kaum die Mühe, die
Geringschätzung der Yankees durch den Briten zu unterdrücken. Er
brachte beim Sprechen kaum die Lippen unter dem Zahnbürstenschnurrbart
auseinander. Aber sie lauschten ehrfurchtsvoll in dem vollgepfropften
Abteil dem Orakel, während der Zug durch das Hügelland Nordfrankreichs
dahinjagte.
La Fère... St. Quentin ... nahebei Laon -- weiter nach links Amiens...
Maubeuge ... jeder Name eine Schlacht ... mehrere am selben Ort im
Lauf der Zeiten... Immer waren die Deutschen da gewesen und hatten
die Franzosen geschlagen. Die Amerikaner staunten. Sie wußten das
nicht. Für sie fing die Weltgeschichte bei Georg Washington an.
Nicolai Schjelting löste in seiner lebhaften Art den langsamen Captain
Nicholson ab und belehrte die Dollarmenschheit.
„Wodurch Deutschland die beste Kalkulation des Kriegs besitzt? Durch
seine Barbarei. Es ist das bewaffnete Mittelalter inmitten der Kultur.
Voll von Königen, Herzögen, Ordensrittern, Marschällen, Edelleuten, wie
auf dem Theater. Das Volk hat zu gehorchen!“
„Oh!“
„Das ist ja schrecklich!“ sagte ein jüngerer Amerikaner mit
dunkelblondem Schnurrbart aus der Ecke.
„Ein allerhöchster Kriegsherr über Allen. Zahllose Gerichtsherren unter
ihm, mit Macht über Leben und Tod. Geheime Ehrengerichte, denen jeder
Gentleman untersteht. Blutige Zweikämpfe, selbst unter den Jünglingen
der Colleges! Säbelnarben auf den Gesichtern der Richter!“
„Da möchte ich nicht leben!“ meinte wieder in ehrlichem Abscheu der
junge Yankee in grauem Sommeranzug.
„Es ist der Militarismus. Der volle Gegensatz angelsächsischer Freiheit
und lateinischer Kultur. Er muß ausgerottet werden!“
„Sicherlich!“ sprach der alte fromme Petroleum-Jobber gegenüber von
Schjelting. Die belgische Grenze! War denn Belgien wirklich ein Land?
Eine Miß erkundigte sich. Es war doch wohl zu klein. Es gehörte sicher
noch zu Frankreich. Der Londoner Generalstabshauptmann belehrte sie:
dies hier war das große Kriegstheater Europas. Hier umging man Rhein
und Alpen. Der Weg durch Belgien war ein gutes Ding, wenn England auf
dem Kontinent Ordnung schaffte.
„Und wann werden Sie ihn gehen?“
„Ich schätze: bald!“
Nicolai Schjelting blätterte in „Die Teilung Deutschlands“. Auf der
Landkarte des Umschlags war Köln bereits holländisch. Frankreich
erstreckte sich bis Frankfurt a. Main. Alles östlich der Elbe war in
Rußland, Bayern und Württemberg in Österreich aufgegangen. Schweden
hatte seine Hand auf die Ostseeküste, Dänemark auf Schleswig-Holstein,
England auf Hannover gelegt. Es war Alles in Ordnung. Die Yankees
wunderten sich. Aber was ein Engländer bestätigte, war doch wahr. Nur
der gebräunte jüngere Herr mit dem Strohhut frug:
„Und was werden denn die Deutschen selbst zu der Bescherung sagen?“
„Die Geschäftsmänner, die Farmer, der Mann auf der Straße werden froh
sein, daß man sie befreit.“
Im Abenddämmern dehnte sich fern zur Rechten eine weite Ebene. Das
Schlachtfeld von Waterloo. Davon hatten sogar die Misses gehört. Waren
da nicht die Preußen gekommen?
„Wir werden ihnen kommen!“ sagte Nicholson zwischen den Zähnen.
Schjelting lachte.
„Die Deutschen werden sich an der französischen Grenze verbeißen.
Inzwischen rücken ihnen diese tapferen Briten unversehens durch Belgien
in die Flanke!“
Man war in Brüssel und verabschiedete sich von den Amerikanern. Ihr
Landsmann in Grau grüßte lächelnd und ging.
„Gehört er denn nicht zu Ihnen?“
„Ich kenne den Gentleman nicht!“ sagte der Alte von der Standard Oil
Company. Im Getümmel des Bahnhofs stand der belgische General Janssen
in Zivil, einem kleinen, weißköpfigen Wachtmeister ähnlich, und drückte
Schjelting, den schon als Gatten einer Belgierin Jedermann in Brüssel
kannte, die Hand.
„~Ah, ce gaillard!~ Sehen Sie ihn? Seit acht Tagen haben wir ihn
hier! Oh -- wir kennen ihn wohl!... Da geht er eben durch die Sperre ...
da ... der straffe Preuße in grauem Rock und Strohhut!“
„Das ist doch ein Amerikaner!“
„Haha!... Ein Amerikaner im preußischen Großen Generalstab!... So
dumm sind die Preußen nicht! Das ist Einer ihrer Schlauesten. Der
Hauptmann Isebrink. Eben dreht er sich noch einmal um und lächelt!...
Spitzbube... Was haben Sie denn, Herr von Schjelting?“
„Nichts! Nichts! Adieu, mein General!“
Im Auto, das ihn hinauf zum Quartier Leopold trug, biß sich Schjelting
wütend auf die Lippen, schlug sich mit der Hand an die Stirne, sagte
sich: Was ist denn das? Ich bin verhext... Seit Moskau. Ich habe nicht
mehr die leichte Hand. Den feinen Instinkt. Erzähle einem Soldaten
Wilhelms die Geheimnisse der Engländer. Er weiß sie ja längst. Aber
immerhin...
Auf dem vornehmen Boulevard du Régent, inmitten der Stätten der
Reichen, lag mit weitem Blick über den königlichen Park und auf die
Stadt da unten das Haus seiner Schwiegereltern. Das obere Stockwerk war
zur Hälfte ein für allemal der einzigen Tochter, Schjeltings Frau, und
ihm vorbehalten, wenn sie, wie gewöhnlich, einen Teil des Jahres in
Brüssel, der Vorstadt von Paris, verbrachten. Er stieg nervös und mit
umwölkter Stirne die Treppe hinauf.
„Hier bin ich, Ghislaine!“
„Ah -- willkommen, mein Freund!“
Er küßte ihr höflich die Hand, flüchtig und kühl die Lippen. Musterte
unwillkürlich ihre Erscheinung. Das war seine Bedingung und Forderung:
keine Frau in dem luxustollen Brüssel durfte besser angezogen gehen als
die schöne Madame de Schjelting. Sie war schön. Bereits für den Abend
gekleidet. Perlenglanz auf der mattweißen Haut des Robenausschnittes.
Feiner weißer Puderhauch auf den regelmäßigen, ovalen Zügen unter
dem kunstvoll erzeugten venetianischen Rotblond ihres Haars. Es war
ihr Ehrgeiz, einer Vollblut-Pariserin zu gleichen, die sie nur zur
Hälfte war. Sie hatte die feine Nase, die großen, dunklen, noch leicht
untermalten Augen, diesen amüsierten, unerlernbaren Ausdruck auf den
leichtbeweglichen Zügen.
„Was machen Allard und René?“
„Es geht ihnen gut! Sie schlafen schon!“
„Wolltest Du ausgehen?“
„Nur hinunter! Es ist Empfang bei den Eltern.“
„Hat sich etwas Neues ereignet?“
„Nichts, was Dich interessieren könnte, mein Freund!“
Er schritt unruhig durch die Zimmer und blieb vor der Alabasterschale
im Vorraum stehen und musterte die Visitenkarten. Er war eifersüchtig
wie ein Tiger und ließ dabei, in der Geschäftigkeit seines Ehrgeizes,
seine Frau oft viele Wochen allein. Er wußte, daß sie sich dann
rächte. Sie schaute ihm über die Schulter.
„Was suchst Du denn, Nicolai?“
„Wer war denn inzwischen wieder Alles da?“
„Du siehst es ja: Madame Daras. Madame Vaillant. Madame Thomas.
Madame...“
„Ah ... wer ist das hier -- dieser Monsieur de la Kéthulle?“
Sie wiegte tändelnd den hochfrisierten Kopf und sagte unschuldig:
„Armer Freund!... Das habe ich total vergessen!“
Er wurde wütend.
„Ich will es aber wissen! Du hast nicht zu lachen!“
„Soll ich denn jetzt, vor der Gesellschaft, weinen?“
Da war schon wieder der Streit. Ihre ganze Ehe war ein ewiger Zank. Sie
wußten es schon gar nicht anders. Heute war er doppelt heftig.
„Ich verbitte mir das!“
„Was denn, mein armer Nicolai? Erkläre Dich näher!“
Ghislaine Schjelting stand vor dem Spiegel und prüfte noch einmal mit
dem Ernst einer Frau von Welt das Gesamtbild ihrer Erscheinung. Dann
lachte sie wieder und wandte den Kopf über die weiße Schulter hinweg
ihm zu. Sie sah verführerisch aus in diesem Augenblick. Er legte
zögernd, wie unter einem Befehl, die Karte des Monsieur de Kéthulle
wieder in die Schale. Die Frauen konnten mit ihm machen, was sie
wollten. Es war seine alte Schwäche. Vielleicht auch ein Teil seiner
Erfolge im Leben durch die Frauen. Er frug versöhnlicher:
„Was hast Du denn die Zeit über gemacht?“
„Nun -- man amüsiert sich!“
Der harmlose Ton, das Achselzucken dabei, brachte ihn von Neuem in
Harnisch. Er bekam wieder seinen roten Kopf.
„Ich verbiete Dir, Dich über mich lustig zu machen, Ghislaine!“
„So streng, mein Freund?“
„Viel zu wenig streng! Dir zu Liebe verbringe ich das halbe Jahr hier
als Gast bei Deinen Eltern...“
„Du bist ja nie da!“
„Statt daß Du auf meinen Gütern bist...“
Sie machte eine Gebärde des Abscheus. Diese Güter, irgendwo fern hinter
Moskau, am Ende der Welt, Sumpf, Weide, Birkenwald, in dem noch Wölfe
und Bären hausten, flößten ihr Entsetzen ein... Man war da wie in
Sibirien, nach diesem vergnüglichen, lebenslustigen Belgien.
„Du bringst mich höchstens einmal im Winter nach Petersburg!“ sagte
sie. „Oh, ich bete diese Muschiks an! Es ist jetzt Stil in Paris!“
Er verzog spöttisch die Lippen bei dem Gedanken: dies verzärtelte,
schillernde und schimmernde, parfümierte Geschöpf neben einem dieser
fuseldünstenden, wildmähnigen ehemaligen Leibeigenen. Sein Lächeln
reizte nun wieder sie. Es ging bei ihnen immer reihum. Sie fuhr auf.
„Wünsche wird man doch noch aussprechen dürfen. Erfüllt werden sie
Einem ja doch nie!“
„Wie das?“
„Andere Männer führen ihre Frauen aus. Du reist in der Welt herum. Ich
sitze inzwischen als Strohwittwe bei meinen Eltern!“
„Ich habe wichtige Dinge zu tun!“
„Und wer hat den Lohn davon? Du nicht! Sie nutzen Dich aus! Deine
Großfürsten! Deine Montenegrinerinnen. Alle Deine Russen.“
„Das verstehst Du nicht!“
„Du bist zu eifrig! Es fängt schon an, komisch zu werden, mein Lieber!“
„Still!“
Seine Eitelkeit bäumte sich auf, eben weil er ein Körnchen Wahrheit
darin empfand. Er schrie es fast.
„Ah -- die Moskauer Manieren!... Ich beglückwünsche Dich!“
„Ich mich nicht!“
Sie fing an zu weinen.
„Ich möchte nur wissen, warum wir uns geheiratet haben!“
„Ich auch!“ sagte er erbittert. Dabei wußten sie es Beide ganz genau,
waren auch eigentlich an diese unvermeidlichen Auftritte zwischen ihnen
längst gewöhnt. Ghislaine schluchzte jetzt, lang auf die Ottomane
hingeworfen, wie ein verzogenes Kind. Er stand finster daneben. Nun kam
über ihn die Angst eines auf ihre Schönheit stolzen Gatten. Er dachte
sich: Sie wird sich Frisur und Robe zerdrücken. Sie bekommt verweinte
Augen und ein verwaschenes Gesicht. Man kann sie ja gar nicht zeigen da
unten!
„Ghislaine...“
Keine Antwort.
„Ghislaine, meine Freundin: Deine Geduld wird sich noch belohnen. Große
Dinge bereiten sich vor. Ich verspreche Dir: Du wirst noch einmal in
einem Botschafterpalais residieren. Du wirst die Erste unter den Damen
sein. Man wird Dich Exzellenz anreden...“
Das schmeichelte ihr. Seine weiche und sanfte Stimme beruhigte sie.
Sie richtete sich auf und begann stumm und energisch sich mit dem
Puderbausch die Thränenspuren wegzutupfen. Es klopfte. Ihre Mutter,
Madame Lambert, trat ein. Kleiner als ihre Tochter, zur Fülle neigend,
die gestickte Robe zu jugendlich für die verblühte Pariserin. Sie legte
die kleinen fetten, reichberingten Hände ineinander.
„Müßt Ihr Euch denn ewig streiten?“
„Es scheint so, meine Mutter!“
„Und warum denn?“
Schjelting wies grimmig auf die Visitenkarte. Die Schwiegermutter zog
die Augenbrauen hoch, sah erst ihn an, dann die elegante junge Frau.
„Aber diese Toilette ist doch ein Traum!“ sagte sie.
„Was hat das mit diesem Monsieur Khétulle zu tun?“
„Nun... Er ist doch der neue Schneider!“
Ghislaine fing an, wahnsinnig zu lachen, und ging, in einer leichten
Koketterie sich wiegend und den Charme des Kleides zeigend, durch das
Zimmer.
„Ah -- ich bin etwas nervös! Ich gebe zu!“ sagte Nicolai Schjelting.
„Besonders jetzt nach der Reise. Sie wissen, Mama: Ich vermag in
Gastbetten nie zu schlafen!“
„Und statt sich einmal vom Arzt Ruhe verschreiben zu lassen...“
„Ich hätte jetzt in Moskau Gelegenheit gehabt, einen der berühmtesten
Ärzte zu treffen...“
„Nun, und was meinte er?“