Der blonde Volksschullehrer stand dienstlich stramm und setzte

sich dann auf den freien Platz zwischen dem Grafen Vläming und dem

Kaiserlichen Regierungsrat und Hauptmann der Landwehr Lobegast. Männer

aller Stände und Berufe hielten hier in der Feldbinde des Offiziers am

Grenzwall die Wacht gegen Welschland. Dann erhob sich der Flieger und

reckte seine langen Beine, um nach seiner Taube zu sehen. Es war nun

schon spät am Abend. Der Vollmond stand hell am frostklaren Himmel. Die

Herren hatten sich in ihre Mäntel gewickelt und saßen bei einem Glase

Grogk um das flackernde Biwakfeuer. Der Major Fieser sagte:

„Wissen Sie, Isebrink, einen Fehler haben Sie immer noch: keine Frau!“

„Wie alt sind Sie denn?“

„Fünfunddreißig, Herr Oberst!“

„Na, da wird es aber Zeit!“

„Ja, woher nehmen und nicht stehlen!“ sagte Isebrink tiefsinnig und

schob ein Stück Reisig in die Glut. Der Feuerschein spielte über sein

gebräuntes Gesicht. Unten dämpfte der Hauptmann von Riedt seinen Baß

gegen den Landwehrhauptmann Lobegast:

„Der ist gar nicht so blöde --, ach nee! Aber er hat eine Geschichte in

Wiesbaden -- schon drei Jahre ... ich weiß nicht: will er nicht -- will

sie nicht -- man wird nicht klug draus!“

Es war eine Stille. In die fiel ganz von ferne der schwache

Manöverknall eines Schusses. Eine Bewegung unter den Herren.

„Aha -- sie stecken doch noch drüben!“

„Oder ein Jäger...“

„Auf was soll er denn schießen, Anfang Mai?“

„Wetten, daß sie’s sind!“

„Drei Flaschen Matthäus Müller!“

„Kolkt doch nicht! Wer soll denn das entscheiden?“

Jenseits des Vogesenkammes schoß ein Raketenstreifen in die Luft. Eine

grüne Leuchtkugel stand einige Sekunden vor den Sternen. Eine rote

erschien ganz hinten über schwarzem Tannenwipfelgezack. Die Franzosen

gaben sich Zeichen. Es war doch eine größere Übung. Ein leiser

Windschauer ging, wie eine Vorahnung von Krieg, durch die stille Nacht.

Eine Sternschnuppe schoß da herunter, gerade in der Richtung, in die

der Oberst mit seinen Offizieren schaute. Als er sich wieder nach dem

Platz zu seiner Linken umwandte, war der leer. Der Major Fieser sagte:

„Isebrink macht scheints noch eine Mondschein-Promenade längs der

Grenze. Da oben geht er!“

Paul Isebrink kannte von der Jagd her hier Weg und Steg. Er stieg

schnell die Hänge gegen den Hoheneck hinan, stand oben auf der

Hochfläche, auf der die Nachtnebel brauten. In regelmäßigen Abständen

schimmerten zwischen ihnen die weißen Grenzsteine. Er machte vor

ihnen, noch auf deutschem Boden, halt. Bäche sprudelten durch das

Mitternachtsschweigen der Mosel zu und plätscherten zu seinen Füßen.

Buschwald. Mondschein. Im Tal dicht unter ihm ein schwaches Licht. Es

bewegte sich, so als hielte jemand eine elektrische Taschenlaterne in

der Hand. Nun sah er auch die dunklen Gestalten in Käppi und Kapuze,

Offiziere um das glimmende Feuer. Dahinter im Dämmern Zeltbahnen, Gäule

mit hängendem Kopf, stumme Posten... Da unten schlief, scheinbar in der

Nacht sich in das Endlose verlierend, das französische Heer...

Wieder das Flimmern des Glühwurms über der Landkarte. Ein Lachen.

„Eh -- Le Fol: haben Sie den Weg nach dem Rhein gefunden?“

„Wir werden ihn finden, mein Kapitän!“

„Das denken wir schon lange -- was, Guyon?“

„Einmal entrollen sich unsere Banner!“

„Pst! Nicht so laut! Der Colonel schläft!“

„Hat da nicht eben ein Ast geknackt?“

„Mir schien es auch!“

Ein Horchen und Lauschen.

„Jetzt wieder! Aber hoch oben!“

„Man hört nichts mehr!“

„Pah! Ein Lapin! Wieviel Uhr, Le Fol?“

„Wenig nach Mitternacht, mein Kapitän!“

„Brr!... Es ist kalt! Nun: schließlich kommt der Tag!“

„Schließlich kommt der Tag!“

Paul Isebrink hatte sich umgedreht, um zurückzukehren, und hemmte, das

Gesicht dem Rhein zugewandt, nach ein paar Schritten im Heidekraut den

Schritt. Da unten im deutschen Wiesengrund lag schon wieder, bläulich

geisterhaft im grellen Mondschein, das schlafende Heer: Ein Rund von

Pickelhauben um ersterbende Glut, stumm glitzernde Gewehrpyramiden in

Reihen vor den Zelten, still im Stehen an ihren Pflöcken schlafende

Pferde, einsame Gestalten im Mantel, das Gewehr unter dem Arm, auf

Wacht.

Der oben stand zwischen den beiden Heeren. Auf seinen Zügen lag jetzt

der tiefste Ernst seines Wesens, den er selten Anderen zeigte, den

er hart und beinahe schamhaft in sich verschloß. Es ging ihm durch

den Kopf: da ruhen Mann und Roß, bis wieder einmal die Raben um

den Kyffhäuser fliegen. Und so wie hier schlafen überall in Europa

unterirdisch bis an die Zähne gerüstet die eisernen Männer. Oben ist

Sonnenschein. Da sieht man sie nicht. Hat andere Dinge im Kopf. Glaubt

kaum mehr an sie und ihr Erwachen. Wir, die Offiziere, wissen es

besser...

Wir wissen, was sich die Andern nicht mehr sagen: noch nie war ewiger

Friede auf Erden! Immer wieder steigt die Stunde auf, um die keiner

herumkommt, kein Mensch und kein Volk. Dann sei Gott mit Dir und Deiner

Kraft, mein deutsches Land...

Im Wiesengrund unten verloschen die letzten Feuerpünktchen. Die

Herren waren in die Klappe gekrochen. Wozu sie jetzt noch stören! Man

konnte ihnen ja in Münster den Ausgang ihrer Wette in ein paar Zeilen

hinterlassen. Dort fand man wohl schon den ersten Morgenzug zurück nach

Kolmar und weiter nach Berlin.

Es war ein stundenlanger Weg durch Tannenwald und totenstille Nacht

bergab. Ehe noch Isebrink das Tal erreichte, begann sich drüben über

dem Rhein der Himmel zu färben: Feurige Zeichen erschienen an ihm.

Unheimliche Flammenstreifen glühten auf, vergrößerten sich schnell,

flossen ineinander. Eine ungeheure düstere Röte wuchs reißend empor und

füllte, soweit ein Menschenauge reichte, die Himmelswölbung. Wie ein

Weltbrand. Wie ein Meer von Blut.

In der ahnenden Morgenfrühe hallten die Schritte des Hauptmanns

Isebrink auf der einsamen Straße wieder. Von Neuem dachte er an die

Zukunft und sagte sich: Was wir haben, schützen wir nur durch das, was

wir sind. Und nur das lebt, wofür man stirbt...

IV.

„Heute erwarte ich nun meinen Filius hier in Wiesbaden!“ sagte der

Generalmajor z. D. Isebrink, während er mit zwei anderen alten

Generalen in Zivil die Wilhelmstraße hinabging.

„Welchen denn von Ihren Vieren?“

„Wenn ich von ‚dem‘ Filius spreche, meine ich immer meinen

Generalstäbler, das Paulchen!“

„Na -- Ihr Vaterstolz ist nicht von Pappe!“

„...Habe auch allen Grund dazu!“

Ringsum Fahnen, Menschen, Musik. Die Bäderstadt feierte in dieser

grünen Maienmitte von 1914 den alljährlichen Frühlingsbesuch des

Kaisers. Eben klang von ferne die wohlbekannte Hupen-Fanfare.

Tausendstimmiges Hurrah hinterdrein. Tausend Hüte hoben sich. Weiße

Tücher winkten. Der Kaiser kehrte von einem Nachmittagsausflug nach der

Saalburg in das Stadtschloß zurück. Er dankte mit freundlichem Ernst.

„Hurrah! Hurrah! Hurrah!“

Es verklang. Die drei alten Soldaten hatten ehrfurchtsvoll Front

gemacht. Das schwarz-weiße Band von 1870 leuchtete, als sie

weiterschlenderten, auf ihren schlichten schwarzen Röcken. Sie grüßten

fortwährend einstige Waffenkameraden, Grauköpfe wie sie. Hunderte

dieser strengen, gefurchten Gesichter sah man in Wiesbaden. Sie hoben

sich aus dem Jubel und Trubel, dem Lachen der Kurgäste, dem Lärm der

Ausländer um sie her als stumme Zeugen einer ehernen, fernliegenden,

dem neuen Friedensgeschlecht schon halb unwahrscheinlich gewordenen

Zeit.

„Wo geht Majestät eigentlich von hier hin?“

„Nach Konopischt! Zum Erzherzog-Thronfolger von Österreich!“

„Bravo!“

Sie kamen in dem Gedränge an der Ecke der Museumsstraße kaum vorwärts.

Rings um sie wurde Französisch, Englisch, Russisch gesprochen.

„Ich weiß nicht: Soviel Ausländer waren doch noch nie da!“

„Seit gestern ist doch hier der große Internationale Kongreß!“ sagte

General Isebrink. „Ich glaube, die Mediziner. Oder die Physiologen.

Bei meinem Nachbar, dem Geheimrat Tillesen, ist jedenfalls ein

Riesenbetrieb!“

„Ja, an die Feste hier muß man sich gewöhnen!“

Die Sonne schien hell vom blauen Frühlingshimmel. Bunt bauschten

sich die Banner. Farbig leuchteten drüben durch das lichte Grün der

Parkanlagen die Damenkleider, die Sonnenschirme, die Blumenhüte und die

Blumenbeete. Die Kurkapelle schmetterte. Deutschland lud die Welt zu

sich zu Gast, wie ein fröhlicher, kraftstrotzender, arbeitsstarker Mann

am Feierabend die Nachbarn um sich versammelt und sich von ihnen keines

Bösen versieht, weil er selbst dem Nächsten ja nur Gutes wünscht, Gutes

erweist, Gutes aufdrängt.

Das war dies warmherzige, weichmütige Deutschland, das seine

Sparbüchsen für die Buren leerte und den hungernden Indern das

Scherflein der Witwe sandte, das liebevoll den Verschütteten von

Messina Asbesthäuser baute und die abgebrannten Russen mollig und warm

kleidete, das mit ganzen Schiffsladungen die notleidenden Norweger

nährte und bettete und dabei schon nachdachte, wie es Yankees und

Japanern eine Freude bereiten könne, dies Deutschland, dessen Herz so

groß war wie sein Geist, und das aus dieser Unendlichkeit heraus Alles

umfaßte, viel verstand und viel zu viel verzieh.

Ausländer überall. Sieche, durch Salvarsan genesende Russen in

Rollstühlen, durch Röntgenstrahlen geheilte Angelsachsen am Stock,

Italiener, in der Sonne sitzend, denen das Messer deutscher Chirurgen

das Leben gerettet. Sie Alle fühlten sich hier zu Hause, schwatzten und

lachten. Erst gegen die Bahnhofstraße hin wurde es allmählich um die

drei alten Herren mit dem Eisernen Kreuz leerer.

„Na ... Paul ... zum Donnerwetter ... Paul! Erkennste denn Deinen ollen

Vater nicht mehr?“

Der Generalstabshauptmann mit dem dunkelroten Kragen und dem breiten

dunkelroten Streifen an den Beinkleidern kam aus seinen Gedanken zu

sich und blieb stehen. Das grauköpfige Kleeblatt begrüßte ihn mit

Wohlwollen als eine kommende Leuchte der Armee.

„Was Neues aus Berlin, Herr Hauptmann?“

„Jawohl, Exzellenz! Die Russen haben drei Reservejahrgänge zu

sechswöchigen Übungen einberufen...“

„... und hier ist heute italienische Nacht!“

„Das sind zwei Millionen mehr auf den Beinen...“

„... morgen großes Feuerwerk im Kurpark.“

„Dabei, ich glaube schon der zehnte russische Spionageprozeß vor dem

Reichsgericht allein in diesem Jahr. Ich bewundere unsere Langmut

gegenüber der Gesellschaft!“

„Na -- Sie bringen eine andere Stimmung mit, Herr Hauptmann, als die

hier!“

Eine Sekunde legte sich ein Schatten über die Sonne und die bunte

Heiterkeit der Stadt und auch über die Gesichter der alten Herren.

„Auf Wiedersehen, Vater! Ich geh’ schnell voraus. Ich muß doch gleich

von zu Haus weiter!“

Der General schüttelte den Kopf. Als er heimkam, frug er seine Frau:

„Wo ist denn der Paul hin?“

„Na -- das kannst Du Dir doch denken!“

Neben der kleinen Generalsvilla lag weiß und mächtig, den Säuleneingang

dem Sumpfgrün des Kurparks zugewandt, in der Sonnebergerstraße

das schloßartige Haus des Geheimrats Tillesen mit seinen

Laboratoriums-Anbauten zwischen Teppichbeeten, Palmen und Zypressen.

„Vorhin ist sie da herausgekommen!“ sagte die kleine energische

Generalin Isebrink. „Ganz flott und fidel, Kopf im Genick. Kleid, Hut,

Schirm, Schuhe -- Alles weiß! Und er hier auch davon, als ob’s brennte!

Dann sind sie zusammen fort! Er wird noch ganz verdreht. Es muß ’mal

ein Ende nehmen mit der jahrelangen Katzbalgerei!“

Es gab da, in der Richtung nach der einsamen Villenkolonie Eigenheim

verlorene Wege zwischen Ackergrün und Obstblüte, auf die sich der

Fremdenstrom nicht verirrte. Paul Isebrink und Inge Tillesen kletterten

da vorsichtig einen steilen Kartoffelhang abwärts. Sie lehnte seine

dargebotene Hand ab.

„Natürlich!“

„Was denn: natürlich?“

„... daß Sie sich nicht helfen lassen! Immer die, die’s am nötigsten

haben!“

„Bleiben Sie nur nicht selber mit den Sporen in den Brombeeren hängen!“

Er sprang hinter ihr über den Graben auf die staubige Landstraße.

„...Also, was meinten Sie vorhin...“

„...Was ich meinte? Lieber Freund: Ich bin doch ein vernünftiger

Mensch...“

„Nee, ganz und gar nicht!“

„Ich bin doch nicht mehr ganz jung...“

„Grün sind Sie, Inge -- grün!“

„Ich hab’ Manches gesehen! War lang in Amerika!“

„Leider Gottes!“

„Sie waren jedenfalls nicht dort!“

„Ich kenne das Land nicht und möchte es nicht kennen lernen!

Militärisch ist da nichts zu holen, und im Übrigen sind mir diese

Dollarfritzen zuwider!“

Inge Tillesen blieb stehen, lang, schlank und weiß, und faltete zornig

die Hände über dem Griff des Sonnenschirms.

„Wenn man Ihnen nur beikäme... Wenn man Ihnen nur begreiflich machen

könnte... Aber Sie wollen ja nicht! Ums Totschlagen nicht...“

„Zum Totschlagen sind wir ja da!“

„Da haben wir’s! Das ist ja eben das Gräßliche!... Alle Ihre Gedanken

drehen sich immer nur darum, daß ein Mensch dem andern die Zähne

zeigen muß und ein Volk dem andern an die Gurgel springen. Wir leben

doch nicht im Raubtierkäfig. Aber das ist Ihnen so in Fleisch und Blut

übergegangen... Sie merken gar nicht mehr, daß Sie das mit neun Jahren

schon als Kadett in Ihr Kinderhirn eingetrommelt bekommen haben!“

„Dafür bin ich meinen militärischen Erziehern noch jetzt dankbar!“

„Wert hat doch nur die Weltanschauung, die man sich selbst erwirbt!“

„Wie Sie in Amerika...!“

„Ja. Gerade als Frau!... Daß man drüben anders denkt, das ist in erster

Linie dort der Einfluß der Frauen. Ich bin bei meinem Geschlecht gar

nicht so für das Wissen, als für die Charakterbildung. Ich habe nicht

studiert. Ich gehe meinem Vater nur so freiwillig zur Hand. Deswegen

hat mir die Stellung der Frau da drüben so wohlgetan. Sie ist ein

Mensch wie der Mann...“

„Das heißt, er steht, scheint’s, mordsmäßig unter dem Pantoffel!“

„Sie kann Demokratin sein und er Republikaner... Sie mag für

Silberwährung sein...“

„... und er verdient inzwischen das Gold...“

„Können Sie denn nicht ernsthaft bleiben?“

„Ach -- ich bin ernster, als es scheint, Inge!“

„Und die Folge: Reden Sie einmal mit einem Amerikaner über den Krieg!

Er versteht Sie einfach nicht!“

„Dann tut er mir leid!“

„Überall auf der Welt sagt man sich: Wozu denn Streit? Uns Alle umfängt

doch eine gemeinsame Kultur -- mein Vaterhaus da hinten ist auch ein

Stück davon und nicht das schlechteste! -- Krieg ist sinnwidrig, weil

er Kultur zerstört. Also geht er gegen alles moderne Denken!“

„...Na -- ich freue mich, daß die Menschen so viel besser geworden

sind, als früher!“

„Besser nicht. Aber vernünftiger. Sie sehen ein, daß der Krieg

keinen Vorteil bringt. Also leben sie miteinander in Frieden. Darin

liegt die menschliche Freiheit! Namentlich für die Frau. Krieg ist

Männerhandwerk. Er heißt Unterdrückung der Frau!“

„Er heißt Beschützung der Frau, liebes Kind! Beschützung vor dem Feind!“

„Ach -- ewig der Feind!“

„Warum stampfen Sie denn dabei so mit dem Fuß, Inge?“

„Das ist’s ja, was mich so erbittert. Das Leben ist so schön. So

reich. So friedlich. Es bietet einem so viel. Ich möchte es genießen.

Mich daran freuen. Kann ich denn das an der Seite eines Mannes, der

das ganze Leben, so wie ein frommer Christ als Vorbereitung auf das

Himmelreich, nur als Vorbereitung für den Krieg betrachtet? Dabei kommt

der Krieg nie mehr! Gottlob! Seit einem halben Jahrhundert ist Ruhe!“

„Warte nur, balde...“

„Das sagen Sie! Das sagt Ihr immer! Müßt Ihr ja sagen! Das ist ja eben

der Unterschied zwischen Ihnen und mir! Ihnen hat man von Jugend auf

eine düstere Vorstellung von dem ‚Erbfeind‘ beigebracht. Wenn ich,

seit meiner Backfischzeit, an Franzosen denke, so sind das freundliche

Gelehrte, die bei meinem Vater zu Gast waren und er bei ihnen...“

„Ihr werdet Euch noch über die Freundschaft wundern, Kinder!“

„Sie kriegen einen roten Kopf, wenn Sie ’was von Engländern hören!

Meine eigene Schwester ist an einen Engländer verheiratet. Es ist der

harmloseste Professor der Physiologie, den man sich denken kann. Er tut

in Oxford keiner Fliege etwas zu Leid!“

„Das sind Alles Gemütsmenschen, da drüben!“

„Ewig malen Sie Einem die Russen als Schreckgespenst an die Wand. Da

konnt’ ich es doch nun einmal feststellen, weil ich doch eben in Moskau

war. Die Russen denken an nichts Böses. Sie waren gutmütig wie die

Bären. Sie haben uns mit Geschenken überhäuft!“

„Besonders die Kosacken -- nicht?“

„Und so ging es meinem Vater immer und überall. Wie er noch

Universitätslehrer war, haben Inder und Japaner zu seinen Füßen

gesessen. Heute Abend versammeln sich bei ihm Gelehrte aus ganz Europa.

Auf der ganzen Erde hat er seine Schüler, bekommt Besuche von ihnen,

steht mit ihnen im Briefverkehr. Es ist wie eine große Familie!“

„In Familien ist immer der meiste Skandal!“

„Mein anderer Schwager, der Reichstagsabgeordnete, geht jetzt zum

internationalen Friedenskongreß... Alle Menschen wollen einander näher

kommen! Alle Menschen suchen sich zu verstehen! Nie war man sich so

nahe wie jetzt. Nur Ihr steht finster abseits! Ihr allein wollt von

nichts wissen. Das ist eine Härte und eine Enge und eine Armut -- ach,

du lieber Gott -- ich kann da doch nicht hinein! Ich kann nicht. Es

nimmt kein gutes En...“

„Ein Unteroffizier, dreizehn Mann sechster Kompagnie auf dem Rückmarsch

vom Felddienst!“

Der über und über verstaubte Sergeant meldete es, während er auf der

Landstraße stillstand, vorschriftsgemäß und dröhnend dem Hauptmann.

„Danke! Weiter!... Sehen Sie, Inge ... da ist Ihnen eben unvermutet

mitten auf der Chaussee der Krieg erschienen!“

„Warum schrie denn der Mann so furchtbar?“

„... weil Ihr taube Ohren habt!“

„Lieber Freund: die Bauern auf dem Feld schauen zu uns herüber!“

„Die können es auch hören! Jeder! Merken Sie es denn in des Geiers

Namen nicht, daß wir allein es Euch möglich machen, Euer wertes Ich und

Eure Freiheit zu kultivieren, wir, die Leute, die ohne viel Mucksen in

aller Stille ihre verfluchte Pflicht und Schuldigkeit tun?“

„Es wird bald ganz ohne Soldaten gehen!“

„Es hat schon lange nicht gebrannt! Da kündige ich die Versicherung!

Ihr seid wirklich schlau!“

„Vielleicht klüger, als Sie glauben!“

„... müssen Sie das so wegwerfend sagen?“

„... genau mit dem Hochmut, an dem bei Ihnen Alles abprallt!“

„Liebe Inge! Wenn Jemand an geistigem Dünkel leidet, dann sind Sie’s!

Schlagen Sie doch schon diesen amerikanischen Deubel in sich tot!“

„Das müßten neun Zehntel der Menschheit tun. Sie und die Ihren -- das

sind ja nur eine Handvoll...“

„... aber die einzig vernünftigen Leute! Ja, weinen Sie nur, Inge! Das

ist sehr recht! Vielleicht kommen Ihnen dann bessere Gedanken!“

„Ich werde Ihnen nicht den Gefallen tun, zu weinen!“

„Dabei laufen Ihnen schon die dicken Thränen herunter!“

„Höchstens aus Zorn, daß man so gar nicht... Es preßt Einem das Herz

zusammen... Es könnte Alles so schön und gut sein. Es ist eigentlich

nur ein großes Mißverständnis zwischen uns...“

„Mir scheint: überall auf der Welt, Inge!“

„Aber wenn Sie Einem so gar nicht entgegenkommen...“

„Nicht einen Zoll breit!“

„Sehen Sie -- da ist schon wieder dieses Schneidende. Das Herz wird

Einem kalt dabei!“

„Meins nicht! Im Gegenteil: Inge ... ich habe Sie von Berlin aus um

diese Unterredung gebeten. Das muß aber die letzte sein. Ich muß

wissen, woran ich bin. Vom Balkan aus geht es nicht mehr mit dem ewigen

Hin und Her zwischen uns... Es nimmt Einem auch auf die Dauer die

Nerven... Herrgott ... rennen Sie nicht auf einmal so!“

Sie gingen stumm eine Strecke und blieben wieder stehen.

„Inge: Es ist ein verwünscht ernster Augenblick... Ich bin doch auch

kein junger Dachs mehr! Seit drei Jahren stehe ich nun vor Ihnen und...

Sie passen doch auch nicht für Jeden. Sie haben doch gewiß einen Haufen

Leute heimgeschickt, in der Zeit! Nicht wahr? Na also! Das darf ich

doch auf mich beziehen... In aller Bescheidenheit!... Inge, fassen Sie

doch Mut! Wer wird sich denn so vor dem Leben fürchten? Es wird schon

gehen!...“

Inge Tillesen durchschritt die kurze Strecke bis zu dem Haus ihres

Vaters. Dort stellte er sich zwischen sie und das Gittertor des

Gartens.

„Ich will doch sehen, ob Sie an mir vorbeikommen!... Inge: Sie finden

nie wieder einen Mann, der Sie zugleich so kennt und so liebt wie

ich!... Und wenn’s anfangs eine Ehe mit Blitz und Donnerwetter giebt

-- na schön! Was sich liebt, das neckt sich! Wir sind Beide nicht von

Pappe! Wir halten schon einen Puff aus!“

Inge Tillesen öffnete das Tor. Es klirrte zu. Sie stand drüben im

Garten, durch das Gitter von ihm getrennt. Ein Schweigen.

„Gut, Inge -- das ist auch eine Antwort. Also ich gehe. Ich lasse uns

Beiden noch die letzte Möglichkeit: Ich bleibe bis morgen Mittag hier

bei meinen Eltern. Überlegen Sie es sich bis dahin, ob Sie mir noch

Etwas zu sagen haben!“

Ingeborg Tillesen trat in das Haus und ging in ihr Zimmer. Sie saß

stumm, die Hände im Schoß. Ihr gegenüber an der Wand stand der schöne

alte lübische Patrizierschrank. Auf dem Sims die Inschrift: „de Klock

-- de sleiht -- de Tied, de geiht! -- Ni so veel Quark -- Frisch Hand

an’t Wark.“

Die Stunde geht -- die Zeit verweht. Sie dachte sich: Nun ist’s

vorbei... Eigentlich sollte ich froh sein... Aber ihr war nicht leicht

ums Herz...

Dann kam ihre Schwester, Hannah Higgins, herein, eine kleine, frische,

rosige Frau, um ihr einen Brief ihrer zwei in Oxford zurückgelassenen

Jungen zu zeigen. Natürlich Englisch. Das „Fräulein“ hatte ihn für

den Acht- und Neunjährigen entworfen. Die Beiden waren in der Kirche

gewesen. Sie hatten einem Cricket-Match der Eton-Knaben beigewohnt und

guten Sport gesehen. Der ehrenwerte Talbot von Christ Church College,

dritter Mann des siegreichen Oxford-Boots im großen Themserennen gegen

Cambridge, hatte vorgestern ihnen Beiden in St. Giles Street die Hand

gegeben. Sie waren rot vor Stolz geworden.

„Sind sie denn immer noch so ungezogen?“ frug Inge zerstreut.

„Bill und Bob? Das sind kleine Gentlemen!“

„So? Na -- hier waren’s Lausbuben!“

„Ja, hier in Deutschland, da lassen sie sich leider gehen!“

Die kleine Frau Higgins hatte ganz krauses, aschblondes Haar, fidele

hellblaue Augen und Grübchen von Komik um die Mundwinkel. Sie setzte

sich der Schwester gegenüber.

„Ihr hier habt’s gut: Ihr nennt einen Lausbuben einen Lausbuben! Bei

uns drüben wäre das nicht respektabel! Du glaubst nicht, wie verlogen

sie sind! Bis in die Knochen. Es gehört zur guten Erziehung, sich

selber zu beschummeln. Bei meinen Jungen fängt’s auch schon an...“

„... wirklich?“

„Wenn der Eine einen Apfel vom Andern haben will, dann sagt er sich,

daß so viel Obst für den Bruder nicht gut sei. Und daß es andererseits

nicht weise sei, einen Apfel verderben zu lassen! Und dann opfert er

sich erst und frißt ihn! So sind sie Alle! -- Ich fasse sie in Gottes

Namen humoristisch auf...“

„Das ist noch ein Glück!“

„Sonst könnt’ man überschnappen! Behüte uns nur der Himmel vor einem

Krieg zwischen uns und ihnen! Dann wüßt’ ich wirklich nicht, was aus

mir wird!“

Der Krieg... Schon wieder. Immer Isebrinks Geist. De Klock -- de sleiht

-- de Tied, de geiht. -- Es summte und brummte in Inge Tillesens

Ohren wie von einem fernen Kirchturm durch die Lichterhelle, das

Menschengewühl, das Stimmengewirr des großen abendlichen Empfangs

der Kongreßgäste im Hause ihres Vaters. Eben hielt der kleine dicke

weißbärtige Professor Roussillon von der Pariser Sorbonne seine

Anrede an den Gastgeber, der gerade in diesen Tagen auch noch seinen

sechzigsten Geburtstag feierte.

„~Cher maître -- mon cher confrère...~“ Er breitete die kurzen

Ärmchen aus und fiel dem Geheimrat Tillesen beinahe um den Hals. Der

stand schlicht und einfach da, ein äußerlich unscheinbarer Gelehrter,

und lächelte still über Dinge und Menschen hinweg.

„~Eccellenza!~“

Professor Giovanelli aus Bologna warf sich in die Brust. Die Sprache

Dantes rollte von seinen schwarzumbuschten Lippen. Seine Augen

funkelten. Inge Tillesen setzte sich. Sie dachte: Jeder sagt dasselbe,

nur mit einer andern Zunge. Jetzt wieder Professor Burchardt aus der

Schweiz in einem rauhen und markigen Allemannisch...

„Guten Abend, mein Fräulein!“

Das klang in russisch gefärbtem Deutsch. Vor ihr war ein längliches,

unruhiges und kluges Gesicht mit kühlen grauen Augen und dunkelblondem

Schnurrbart. Eine vornehm-hagere Gestalt, den Kopf nach Slawenart

lächelnd ein wenig zur Seite geneigt. Erst wußte sie nicht, wo sie ihn

hintun sollte. Dann fiel ihr ein: Gott -- das ist ja dieser Mensch aus

Moskau! Und zugleich stellte er sich selbst vor: „von Schjelting!“

Das deutsche Wunder: Roman · 第 5 / 29 段