„War das nicht schon im Sommer?“

„Da waren wir doch in Stockholm!... Halt ... halt ... da ist doch schon

das Haus! Nun wärst Du doch richtig wieder in Deinen Gedanken ruhig

weitermarschiert ohne mich!“

Der Gelehrte blieb auf dem strohbelegten Bürgersteig stehen.

Ringsum war alles fremdartig, die Gesichter, die unverständlichen

Ladenaufschriften, die unlesbaren Straßennamen an den Ecken.

„Schließlich werd’ ich doch einmal ohne Dich gehen müssen, Inge!“

„Wieso?“

„Deine beiden Schwestern sind längst schon verheiratet. Nun bist Du

daran!“

„Oh, ich hab’ Zeit!“

„Du wirst doch fünfundzwanzig!“

„Sogar sechsundzwanzig! Das Alter Deiner Töchter merkst Du Dir nie!“

„Nun eben!“

Sie lachte. „Warum schaust Du mich denn so kummervoll an?“

„Das kommt davon, wenn man Witwer ist, Inge! Ich hätte Dich nicht so

lange nach Amerika lassen sollen. Die zwei Jahre in Boston waren für

Dich viel zu viel!“

„Ich finde, sie haben mir sehr gut getan!“

„Du bist innerlich viel zu unabhängig geworden!... Amerika ist nicht

Deutschland... Nun ... ich muß jetzt da hinauf...“

„Ich bringe unterdessen Deine Bestecke in Ordnung und schreib’ für Dich

Briefe. Auf Wiedersehen!“

„Barinja! Barinja!“ schrieen aufmunternd am Straßenrand die struppigen,

dick wattierten Droschkenkutscher. Sie begriffen nicht, daß eine

vornehme Dame zu Fuß ging, straff und flott, mit hochgehobenem blondem

Kopf, viel rascher als die schwerfällig stapfenden Russinnen.

„Herrin! Belieben Sie!“

Inge Tillesen lachte zu dem Gebrüll der Kerle und schritt elastisch

die kurze Strecke bis zu dem Hof Peters des Großen zurück. Im Vorraum

des Hotels lag ein kleiner Berg von Koffern, Kissen, Reisematratzen,

Decken. Nicolai von Schjelting stand dahinter, in Pelz und Mütze, die

Zigarette zwischen den Lippen, und jagte ungeduldig die silberbetreßten

Schweizer, die weißkitteligen Tataren und rothemdigen Hausknechte hin

und her. Erst schien es, als hielte er es für unnötig zu grüßen. Dann

tat er es plötzlich doch, mit einem zerstreuten Lächeln, und ärgerte

sich über ihre kühle Kopfneigung und dachte sich, während sie die

Treppe hinaufstieg: Nun -- was geht sie mich an?

Draußen hielt schon der Lichátsch, der Luxuskutscher. Im zweiten

Gefährt folgte der Kammerdiener mit dem Gepäck. Mit sausenden Rädern

ging es durch spritzenden Eisschlamm hinaus zum Smolensker Bahnhof.

Das eigene breite Abteil war schon bereitet, der Samowar brodelte

in der Gang-Nische, der Wagenwärter verbeugte sich tief. Der Zug

rollte hinaus in die bleichen Schneefelder, die weiß überfrorenen

Sümpfe, die silberstämmigen, niederen, endlosen Birkenwälder. Da

war das Schlachtfeld von Borodino. Man war damals mit dem ganzen

Westen fertig geworden -- wie jetzt nicht mit dem einen Nachbar?

Nicolai Schjelting liebte, als ein Mann von umfassender Bildung, die

geschichtlichen Belege seiner Weltanschauung, verdankte ihrer lebhaft

vorgetragenen Beweiskraft einen Teil des Einflusses, den er auf Andere,

und namentlich auf die politisierenden Petersburger Damen ausübte.

Er saß und rauchte, um die nervöse Ungeduld der langsamen Fahrt zu

beschwichtigen. Es dämmerte über den weiten Steppen. Der Oberkonduktor

klopfte ehrerbietig und überwachte persönlich das Anzünden der

Stearinkerzen. Nun war es draußen dunkle Nacht. Aber von Schlaf keine

Rede. Schjelting fuhr sich mit der Hand über die Augen. Er dachte sich

grimmig: ‚Die Pest über diesen alten Deutschen! Einem Krupensky hilft

er, einem halben Vieh vom Ural, das noch den Zucker abbeißt und den Tee

aus der Untertasse schlürft. Mir nicht! Die Tochter verhindert es. Sie

hat ihm überhaupt nicht gesagt, daß ich da war!‘

In der langen Weile der schlaflosen Nacht sann er darüber nach, was

ihre Augen eigentlich für eine Farbe hatten. Komisch: sonst sah

er sie leibhaftig vor sich. Aber das wußte er nicht. Er warf die

Zigarette weg und frug sich: Was Teufel hast Du daran zu denken? Das

eintönige Rollen der Räder lullte doch ein. Aber bald fuhr er wieder

aus unruhigem Halbschlummer auf. Man hielt mitten in der Nacht auf

irgend einer Station. Es war ein Laufen auf den hohen Holzplanken

des Bahnsteigs. Auf dem Nebengeleise hielt ein endloser Zug, der

hier den Schnellzug nach Warschau an sich vorbeiließ. In hundert

matterleuchteten Wagen drängten sich Tausende von schlafenden Soldaten

in feldbraunen Mänteln. Stumpfe, breitknochige Gesichter. Typen des

fernen Ostens. Nicolai Schjelting lächelte befriedigt, während er im

Weiterrollen den Militärzug hinter sich ließ. Der fuhr nur des Nachts.

Die Bahngebäude lagen überall eine Stunde von den Städten entfernt.

Die Deutschen brauchten nicht Alles zu wissen, was im Heiligen Rußland

vorging. Hier und überall, wo das Eis brach und der Schnee schmolz,

rüsteten sich die Regimenter des Zaren zu den großen ‚Manövern‘ im

Westen. Bald war man aus den weitesten Weiten unterwegs, von den

Grenzen des Hindukusch und den Steppen der Mongolei, vom Fuß des Elbrus

und dem Nördlichen Eismeer, eine Völkerwanderung in Waffen, wie sie die

Welt noch nicht gesehen.

Über Nicolai Schjelting kam wieder der asiatische Rausch. Unruhig

drehte er sich eine neue Zigarette. Seine Augen flackerten. Er unter

Wenigen kannte die unwahrscheinliche Zahl von Millionen, die man

aufbot. Wer konnte dem Sturm widerstehen? Der Sturm blies dies morsche

Europa in Fetzen, trug die, die ihn entfesselt hatten, auf seinen

Schwingen empor zu den Sternen.

Ein neuer Tag. Wieder der Abend. Unendlich war dies Rußland. Die zweite

Nacht ohne Schlaf, dank diesem Deutschen und seiner Tochter Inge.

Ingeborg. Ein recht deutscher Name. Was sie blos für Augen hatte?...

Ein Auffahren: endlich Warschau. Im Mondschein der breite lehmfarbene

Schwall der Weichsel. Noch einige Stunden...

Helle, scharfe Rufe, wie auf dem Exerzierplatz, im Morgendämmern, ein

kurzes, sicheres Zugreifen der Gepäckträger, straff aufgerichtete

Beamte, ein Hauch von Befehlen und Gehorchen in der Luft: die deutsche

Grenze. Der Hauptbahnhof von Thorn. Noch jenseits der hochtürmigen

alten Stadt auf dem linken Stromufer.

Zwei Säbel klirrten draußen vorbei. Frische lachende preußische

Leutnantsstimmen:

„Na -- wo kommen denn Sie in aller Gottesfrühe her?“

„Nachtübungen auf dem Artillerieschießplatz. Und Sie?“

„Ronde! Vom Fort Ulrich von Jungingen!“

Ulrich von Jungingen, der Heermeister in der Schlacht bei Tannenberg.

Nicolai von Schjelting ging es durch den Kopf: Damals wurden die

Deutschen von den Polen bis zur Vernichtung geschlagen.

Er nahm in dem deutschen Abteil Platz und dachte sich im Weiterfahren:

Auch die Polen waren Slawen, wie wir. Vielleicht kommt auch für uns

einmal die Schlacht von Tannenberg...

II.

Man hätte glauben können, es sei der Zar, der an diesem heißen

Frühlingstag, zu Ende April, vom jungen Grün der Avenue Gabriel her,

umdonnert vom Jubelsturm eines schwarzen Menschenmeers über den

Concordienplatz seinen Einzug in Paris hielt. Aber es war nicht der

schattenhafte Selbstherrscher aller Reußen, sondern der zweite Herr der

Erde, sein gekrönter Vetter von Großbritannien, ihm zum Verwechseln

ähnlich, mit unbedeutenden Zügen über kurzem, blondem Vollbart, leerem

Lächeln, wie jener ein Fleisch gewordener Widerspruch zur Macht über

die halbe Menschheit.

~„Vive l’Angleterre!“~

Es rollte wie Donner über die weite Fläche. Von den Jahrtausenden

ihres Luxor-Obelisks sahen Ra und Thot, Anubis und Nephtat auf das

Schneeflockengewimmel wehender Tücher und weißer Menschengesichter.

Die Sonne funkelte im Silberspiel auf den Helmen und Kürassen der

Gepanzerten, die in langem Zug der vierspännigen Karosse des Kaisers

von Indien vorausritten. Er dankte verlegen freundlich rechts und links

den Huldigungen. Madame Poincaré saß neben ihm.

~„Vive Poincaré!“~

Im nächsten Wagen folgte der Präsident der Republik mit der Königin

von England. Sein kantiger Lothringer Kopf strahlte von befriedigter

Eitelkeit. Wie er sich da selbstgefällig in seiner Volkstümlichkeit

sonnte, verkörperte sich in ihm die Republik der Rechtsanwälte und

Kammerredner, das fünfzigjährige Reich der Phrase. Doppelreihen von

roten Käppis und Hosen und blauen Schwalbenschwänzen schieden seinen

Triumphzug von dem dahinter jubelnden Volk. ‚Die große Stumme‘, die

Armee, hielt Wacht.

„~Vive la Russie! Vive l’Angleterre!~“

Vergessen Krim und Beresina! Wo war jetzt Abukir und Trafalgar,

Waterloo und Faschoda! Aus allen Fenstern blähten sich nebeneinander

Union Jack und Tricolore, flatterten von den Dächern, grüßten mit

tausend Wimpeln über das Häusermeer an der Seine. Ein Fieberrausch von

Festfarben, Frühlingshitze, Zukunftshoffnung über Paris. Das aufgeregte

Summen und Wirren eines hitzigen, stechlustigen millionenfachen

Bienenschwarms. Drüben, auf der Vendôme-Säule, schaute hoch vom blauen

Himmel der kleine Erderoberer in Cäsarentracht hernieder auf sein

wimmelndes Reich.

Der Chef des Militärstaates des Präsidenten lenkte sein Roß auf

die Konkordienbrücke und führte den Zug hinüber nach dem rechten

Seine-Ufer. Auf dem Platz dahinter lösten sich die Spaliere. Die Menge

wogte um die glitzernden Springbrunnenstrahlen. Seitwärts, nahe der

englischen Botschaft, marschierte ein Regiment, von der Parade kommend,

vorbei. Ah -- diese braven 102ten von der Linie! Die Hüte hoben sich

vor der Fahne, die Frauen winkten gerührt und warfen ihr Kußhände

zu, der Taktstock zuckte über den Köpfen: in wildem schmetterndem

Jubel setzte es ein, riß die Herzen mit sich fort, der Traum der

Weltherrschaft rauschte aus dem Schreien der Hörner, dem Wirbeln der

Trommeln, dem Gellen der Trompeten, dem Donner des Paukenschlags:

„~Allons, enfants de la patrie!~“ Hunderte von Stimmen sangen es

mit:

„Auf, Kinder Frankreichs, zu den Waffen!

Der Tag des Ruhms ist wieder da!“

„Noch nicht da! Aber nah!“ sagte der General de Rigolet de Mezeyrac.

Er war ein starker Siebziger und schon lange nicht mehr im Dienst. Die

weiße Frühlingsweste wölbte sich, vom roten Bändchen der Ehrenlegion

im Knopfloch seines Schoßrocks überflimmert, über seinem kleinen,

gallisch-rundlichen Leib. Aber auch in seinen Augen glühte über dem

schneeweißen Henriquatre der Massenrausch der Marseillaise.

„Hoffentlich nahe, mein General!“

Er und der Oberstleutnant Grégoire standen an der Ecke des Platzes vor

einer Insel der Trauer inmitten des allgemeinen Festjubels. Kränze

mit schwarzen Schleifen türmten sich da vor einem Sockel, Herren in

Zylinder bückten sich stumm mit umflorten Blumen, Damen knüpften sich

mit theatralischer Pose das Veilchensträußchen von der Brust, führten

es an die Lippen und legten es schmerzlich nieder.

Auch der General de Rigolet de Mezeyrac schwenkte seinen Hut und

begrüßte mit einer großen Geste das Standbild der Stadt Straßburg,

dessen Elsässerhaube dunkel, beinahe unheimlich, die Franzosen unten

überschattete.

„Wo frühstücken Sie, mein General?“

„Im Cercle National! Ich erwarte dort den Mann meiner Enkelin, Nicolai

Schjelting!“

„Oh ... der Vielgenannte!“

„Er muß heute früh in Paris angekommen sein.“

„Mit den letzten Nachrichten unserer bewunderungswürdigen russischen

Freunde! Ich beglückwünsche Sie, mein General!“

„Leider mußte er einige Zeit unterwegs in Berlin Rast machen. Er fühlte

sich nicht wohl!“

„Wir werden ihn dies Berlin vergessen lassen! Er kommt grade noch zu

unseren Festen zurecht!“

„Er fährt, glaube ich, heute noch nach Brüssel zu seiner Frau und

ihren Eltern. Dieser gute Nicolai ist kein Mann der Feste und der

Öffentlichkeit. Er wirkt im Stillen!“

„... bis wir ihn eines Tages hier als Nachfolger Iswolskys begrüßen!“

sagte der Oberstleutnant Grégoire. Er war als Mitglied des mächtigen

zweiten Büros der administrativen Sektion des französischen

Generalstabs in manche Geheimnisse eingeweiht. Der General lächelte. Er

hörte es gern. Es war keine leere Schmeichelei. Es lag im Bereich der

Möglichkeit ... an jenem Tag, da keine Trauerkränze mehr zu den Füßen

der Stadt Straßburg lagen...

Sie gingen die Rue Royale hinauf, an den gepuderten Dirnen und

den übernächtigen Kellnerfratzen der Bar Maxim vorbei. An der

Madeleine-Kirche zog der General den Hut vor ein paar Priestern oben

auf den Stufen. Er war ein Mann der alten Schule und versäumte nie

seine Messe. Nicht nur die Altersgrenze, sondern auch die Freimaurer

in der Armee hatten ihm das Genick gebrochen. Er sprach das barsch

und offen aus, oft mitten in dem großen Offizierskasino der Armee und

Marine, in dem er jetzt nach dem Mann seiner Enkelin frug.

Nein! Monsieur de Schjelting war noch nicht dagewesen.

Das große Gebäude an der Ecke der Rue de la Paix war heute voll

Trubel und Leben. Viel mehr Uniformen unter dem Zivil als sonst.

Darunter auch fremdartige von England. Ein scharlachroter, baumlanger

Coldstream-Gardist mit einem Turm von einer Bärenmütze, neben dem

ein schwarzverschnürter, französischer Hauptmann winzig aussah, ein

milchbärtiger Lord von einem der schottischen Hochland-Regimenter mit

gewürfeltem Rock und nackten Knieen. Der alte Rigolet schmunzelte:

„Arme Burschen! Sie lieben sich und können es sich nicht sagen!“

Ein indischer Fürst in rotem Turban stand, von den Briten mitgebracht,

vor dem Araberscheich eines Spahi-Regiments mit dem Orden der

Ehrenlegion auf dem weißen Burnus. Der Afrikaner verstand nur

französisch, der Asiate nur englisch. Die beiden bräunlichen Männer

lächelten sich unsicher inmitten ihrer Zwingherren an. Ringsum ein

Stimmengeschwirr der Offiziere.

„Was war im Salon ausgestellt? Eine Büste Wilhelms II.?“

„Ah! Hört Ihr’s?“

„Erledigt! Die Direktion wich der Entrüstung und hat sie entfernt!“

„Bravo!“

„Befreit uns lieber von diesem Jaurès!“ sprach düster der

schwarzbärtige Kapitän Antonelli, ein Korse.

„Auch seine Zeit wird kommen!“

„Wie ist das eigentlich mit dem Pulver, Leblanc?“

„Es ist richtig! Wir haben große Bestellungen in Italien und Schweden

gemacht. Aber natürlich nur zum Vergleich mit unserm Nitroglycerin!“

sagte der Schiffsleutnant Leblanc lächelnd. Herr von Rigolet redete

daneben auf einen hageren straffen General vom ‚~commandement

supérieur de la défense~‘ ein, der das breite rote Band der

Ehrenlegion quer über der Uniform trug.

„Ah -- mein Alter -- mich wirst du nicht los! Frankreich -- das ist die

Freiheit! Ich folge Euch als Schlachtenbummler!“

„Wohin, mein General?“

„An die belgische Grenze! Übermorgen geht der ganze Generalstab

dorthin. Vierzehn Tage kriegsmäßige Übungen! Fünfundzwanzig Generale,

zweihundertfünfzig Offiziere! Eine blaue und rote Partei!“

Der englische Riese in Rot und der schottische Lord konnten gut

französisch. Bei der Erwähnung Belgiens zeigten sie verständnisvoll

ihre breiten, weißen Zähne. Man lächelte sich an. Gesprochen wurde

nichts. Man wußte ja Bescheid. War längst im Reinen. An einem der

Fenster drängte sich eine Gruppe Offiziere und schaute hinaus auf

Staub, Sonnenglut und Schmutz des fahnenumhangenen Opernplatzes,

zwischen dessen Automobilgewühl sich von beiden Seiten der Boulevards

her immer neue Menschenmassen ergossen. Der blonde Leutnant Schouman,

der wie ein deutscher Lehrer aussah, drehte sich plötzlich um und gab

dem Oberstleutnant Grégoire ein aufgeregtes Zeichen, heranzutreten.

„Da ist er!“

„Wer?“

Zugleich fuhr der Major Michelin auf, wie ein Jäger beim Anblick des

Wilds.

„Er geht quer über den Platz!“

„Kommt er hier herüber?“

„Ja!“

„Ah -- das ist dreist!“

„Wer denn nur?“ Grégoire schob ungestüm die gespannt lauernden jüngeren

Offiziere vom Zweiten Büro des Nachrichtendiensts beiseite. Er war

etwas kurzsichtig.

„Wer? Isebrink!“

„Isebrink! Erkennen Sie ihn nicht, mein Oberstleutnant?“

„Sapristi! Ja -- das ist Isebrink!“

Draußen auf der flaggenbunten Rue de la Paix wimmelten im Sonnenschein

die Pariser und ihre Gäste: Engländer, die zu vielen Tausenden

mit dem König über den Kanal herübergespritzt waren, Yankees in

Scharen. Nur durch seine straffe Haltung unterschied sich da einer

von den Hängeschultern der Angelsachsen. Er schlenderte langsam die

Diamantenstraße herab, mitten im Menschenstrom, und schaute harmlos

neugierig nach rechts und links.

„Zeigen Sie ihn mir doch, Schouman!“

„Herrgott --... da drüben! In dem grauen Frühlingsanzug!“

„Mit dem dunkelblonden Schnurrbart und dem sonnenverbrannten Gesicht?“

„... und dem Strohhut im Genick! Er hat doch wahrhaftig die Stirne und

sieht zu uns her und lächelt!“

„Er darf gar nicht nach Paris! Wilhelm hat es seinen Offizieren

verboten!“

„Das ist Spionage!“

„Leider nicht!“ sagte der Oberstleutnant Grégoire vom

Nachrichtendienst. „Es wurde uns von der Deutschen Botschaft amtlich

mitgeteilt, daß der Hauptmann Isebrink auf vierundzwanzig Stunden zum

Besuch eines Freundes Paris betreten würde!“

„Dann überwacht ihn wenigstens, parbleu!“

„Unbesorgt! Er hat schon sein Ehrengeleit, wo er geht und steht! Drei

Schatten mindestens. Der Camelot da neben ihm ist einer von unsern

Agenten, der Blusenmann hier auf unserer Straßenseite auch. Der alte

würdige Herr im Zylinder zehn Schritte hinter ihm kontrolliert den

Sicherheitsdienst!“

Paul Isebrink war draußen auf dem breiten Bürgersteig stehen geblieben,

wartete, bis der Greis herangekommen war, und lüftete vor ihm den Hut.

Eine Sekunde streifte dabei sein Blick die bunten Uniformen an den

Fenstern des ihm wohlbekannten Cercle National.

„Jetzt läßt er sich auch noch von unserem Spitzel Feuer geben!“

„Verfluchter Kerl! Er macht sich über uns lustig!“

„~Ah -- v’là un type!~“

„Ist er so gefährlich?“ frug der Schotte.

„Gefährlich? Mein Gott -- er ist im Großen Generalstab in Berlin!“

„Und bis vor ein paar Jahren war er Hauptmann in einer kleinen

Grenzgarnison in den Vogesen!“

„Ah -- wir kennen ihn wohl!“

„Wir verfolgen jeden seiner Schritte!“ sagte der Oberstleutnant vom

Zweiten Büro. „Er kam gestern aus Luxemburg. Er wohnt im Grandhotel

drüben. Er hat dort vorhin im Eisenbahnbüro eine Karte für den

Brüsseler Nachmittagsschnellzug genommen! Wir wissen Alles...“

Der lange rote Brite grinste.

„Im Königlichen Jachtgeschwader in Cowes haben wir auch manche

Sportcharaktere, die nirgends lieber als zwischen Emden und Brunsbüttel

kreuzen!“

Um ihn lachten die jungen Offiziere zu dem kleinen blonden Leutnant.

„Schouman macht auch nächstens wieder eine Geschäftsreise über den

Rhein!“

„Antonelli hat jetzt noch Schwielen an den Händen. Kein Spaß vier

Wochen lang als italienischer Erdarbeiter zu schippen!“

Der Korse schwieg. Es war die Wagelust des Wilderers, das Pirschen

an verbotener Grenze, bei den Offizieren, den Heeren in dem endlosen

Frieden.

„Nun -- da hat der General ihn ja gefunden!“ sagte der Oberstleutnant

Grégoire und blickte nach der Tür. Durch die kam Herr von Rigolet.

Er hielt einen schlanken, aristokratisch aussehenden Mann in den

Dreißigern mit unruhig belebten, schnurrbärtigen Zügen und klugen

grauen Augen freundschaftlich unter dem Arm gefaßt.

„Eh -- dieser Nicolai! Läßt den alten Großpapa warten! Macht nichts,

mein Bester! Man weiß, daß Du immer Wichtiges vorhast. Du warst, höre

ich, schon bei unsern hiesigen Großfürsten?“

„Ich brachte ihnen Briefe aus Petersburg!“ sagte Nicolai Schjelting.

„Ich war des Abends mit ihnen zusammen und -- natürlich -- zwei

~Mesdames telles et telles~. Sobald ich konnte, fuhr ich heim und

schlief eigentlich bis jetzt.“

Für die Liederlichkeit der vornehmen Russen in Paris hatte er, der Mann

des Ehrgeizes, nichts übrig. Das war nur Zeitverschwendung.

„Du kennst mich. Ich muß den Schlaf nehmen, wann ich ihn einmal finde!“

sagte er zu dem Großvater seiner Frau und wurde plötzlich erregt.

„Neulich bot sich mir in Moskau eine Gelegenheit. Da war ein berühmter

deutscher Arzt! Er hätte mir vielleicht geholfen!“

„Warum ließest Du ihn Dir nicht kommen?“

„Ich ging zu ihm. Stand da. Man ließ mich nicht vor.“

„Dich nicht vor?... Du scherzest!“

„Es war da irgend eine kleine Deutsche. Die wollte es nicht! Was willst

Du machen? Überall in der Welt stößt man ja auf die deutsche Barriere.

Wir Alle leiden darunter. Nicht ich allein!“

Nicolai Schjeltings nervöse und verdrossene Züge änderten sich

plötzlich zu liebenswürdigem Lächeln. Er verdankte seiner

Vielseitigkeit einen guten Teil seiner Erfolge im Leben. So, wie er

gleichmäßig deutsch, russisch, französisch und englisch sprach, so

schlüpfte er auch in jede dieser Nationalitäten, nicht anders, als wenn

er, je nach Wetter und Laune, dies oder jenes Paar Handschuhe anzog,

war drüben in Rußland lässig und breitlebend mit den Moskowitern, war

hier freimütig und herzlich mit den Briten, fand den französischen

Offizieren gegenüber die brüske, kurz angebundene Art, die sie unter

sich liebten. Oh -- er kannte Sir Edwin, den scharlachroten Gardisten!

Er hatte ihn vor zwei Jahren drüben an der Themse in Whitehall

getroffen. Er wußte auch von Oberstleutnant Grégoire und seinem Büro,

das den Tag vorbereitete, an den man immer dachte und von dem man

niemals sprach...

Dieser Tag ... doch: es war Zeit, von ihm zu sprechen. Schjelting

redete. Er war immer der Mittelpunkt.

„Es giebt Methoden des geschichtlichen Denkens, die zu Schlüssen für

das Handeln führen! Was Riesen bauten, waren immer Kartenhäuser. Es

erlosch mit ihrem Geist. Selbst Napoleons Weltreich hieß schließlich

St. Helena, -- verzeihen Sie die Erwähnung hier im Dreiverband --

Friedrichs des Großen Grabschrift hieß Jena, für Bismarcks Werk fehlt

noch das Endwort! Wir werden es prägen!“

„Bravo!“

„Ich war jetzt wieder in Berlin! Es ist der Turmbau von Babel. Sie

machen die Nacht zum Tage. Aber dabei murren die Massen! Der Mann von

der Straße will eine andere Methode des Lebens. Die süddeutschen Könige

spähen nach Wien. Sie ahnen das Heraufziehen einer geschichtlichen

Notwendigkeit, der Preußen verfallen ist!“

„Sehr gut!“

Der Engländer und der Schotte tauschten einen Blick. Das machte ihnen

Spaß, wenn man sich auf dem Festland verdrosch. Es war der Traum

der City und alles verschuldeten blauen Bluts, das dort in Shares

spekulierte. Dann waren die Meere frei! Das Geschäft der Briten blühte.

Die Franzosen machten ernstere Gesichter.

„Immerhin: die preußische Armee!“

„Hat man seit fünfzig Jahren von ihr gehört?“

„Aber sie ist da!“

„Wo blieb sie, als wir in Rußland nach dem Japaner-Krieg fast wehrlos

waren?“ sagte Nicolai Schjelting nachlässig. „Nichts rührte sich an

unserer Grenze!“

„Und ebensowenig bei uns, als wir im Burenkrieg feststaken!“ sprach der

Brite in eisiger Ruhe. Der General de Rigolet pflichtete bei:

„Auch wir hatten Euch damals noch nicht zu Freunden! Auch unsere

Ostgrenze war schwer bedroht!“

„Das Schwert Hermanns des Cheruskers aber blieb in der Scheide!“

Schjelting stand auf. Die Funken seines Asiatenwillens sprühten von ihm

auf die Andern über. Die Augen ringsum leuchteten. Er lachte. „Vertraut

auf das Heilige Rußland, Messieurs und Gentlemen! Diesmal saufen wir

nicht! Diesmal stehlen wir nicht. Es wird ein Kreuzzug. Wir nahen zu

Millionen, wie das jüngste Gericht!“

Draußen flatterten im Frühlingswind die blau-weiß-roten, die

schwarz-weiß-gelben Fahnen, das rot-weiße Doppelkreuz im blauen Feld,

dazwischen, als Gäste von jenseits des Ozeans, die dreizehn Streifen

und achtundvierzig Sterne. Sie bauschten und blähten sich ineinander.

Ein heißes Fieber wehte aus ihren Falten.

„Wann kommt Ihr Russen... Hand auf’s Herz?“

„Wer weiß, wann die Stunde da ist?“ Auf Nicolai Schjeltings Zügen lag

einen Augenblick starr der Schatten von etwas Ungeheurem, von Etwas,

das wohl geschehen, aber nicht von Menschenlippen ausgesprochen werden

durfte. Um ihn war es still. Dann sagte er leichthin: „Übrigens fahre

ich in nächster Zeit wieder zu der Pulverkammer!“

„Wohin?“

„Nun, in den Balkan! Zur rechten Zeit schiebt dort die rechte Hand den

Riegel zurück!“

„Wir sollten noch zwei Jahre warten!“ murmelte nachdenklich der Major

Michelin.

„Und Elsaß-Lothringen?“

Das deutsche Wunder: Roman · 第 2 / 29 段